Einmal praktisch angefochten, hat die Lehre vom Artentod aber auch

theoretisch gar keine sichtbare Grundlage. Der Vergleich mit dem

persönlichen Tode ist ganz schief. Wenn wir den natürlichen Tod des

Einzelwesens, ohne alle tieferen Rätselfragen anzuschneiden, bloß hier

auf seinen rein zoologischen Sachverhalt hinaus ansehen, so ist er

bekanntlich erst eine nachträgliche Sache der Arbeitsteilung. Nach dem

ursprünglichen Prinzip gibt es auch da keinen Tod. Das Einzelwesen ist

ursprünglich und in gewissem Sinne auch heute noch immer unsterblich.

Die Wesen, die nur aus einer Zelle bestehen, können zwar gewaltsam

vernichtet werden, aus innern Gründen aber kennen sie keinen Tod:

im Fortpflanzungsakt zerfallen sie in zwei oder mehr Neuwesen, die

gleichmäßig fortleben, und in dieser Weise dauern sie ohne natürliche

Leiche seit Urtagen. Man hat das gelegentlich bestritten, die feinsten

Züchtungsversuche haben es aber in letzter Zeit immer nur wieder

bestätigen können. Und erst bei den höheren Wesen, die verwickelte

»Zellstaaten« bilden, ist hierin ein Wechsel insofern eingetreten, als

ein Teil der Staatsbürger nur noch diese alte Unsterblichkeitsgabe

wahrt, nämlich die Fortpflanzungszellen (Eizellen, Samenzellen),

während der Rest in staatlicher Arbeitsteilung diese Keimzellen

weiteren Lebens zeitweise reifen läßt, schützt, nährt, weitergibt,

dann aber nach getaner Arbeit selber von seiner Leistung erschöpft und

zerzaust hinstirbt. Man sieht auf den ersten Blick, daß das nicht auf

die Art im ganzen angewendet werden kann. Die Einzelwesen einer Art

leben nicht in solchem Staat mit Arbeitsteilung, und die ganze Regelung

der Dinge hätte hier keinen Sinn. Die Umwandlung einer Art ist nicht

gleichzusetzen mit Fortpflanzung. Die Art kann im Ganzen übergehen in

eine neue, sie kann aber, wenn kein Anlaß dazu ist, auch ebensogut

stehen bleiben, -- sie kann am einen Ort lebend weitergehen, am andern

lebend verharren (wie viel Vorstufen anderswo verwandelter Tierarten

haben wir nicht noch gleichzeitig auf der Erde vor Augen!), ohne daß

das eine das andere ausschließen müßte oder könnte. Und so fort. Und

so wird man nicht darum kommen, überall da, wo wir in der Vorwelt

auf wirklich ausgestorbene Lebensformen treffen, statt eines inneren

Altersgesetzes Ursachen von Fall zu Fall in der äußeren Lage zu suchen.

Der einfachste Fall ist natürlich der, daß eine Art einfach deswegen

verschwunden ist, weil sie sich in eine andere hineinentwickelt hatte;

das werden wir auch beim Menschen im Sinne des früher Gesagten später

sogar einmal erwarten und jedenfalls nicht fürchten. Was aber alle

gefährlicheren, wirklich abschneidenden Ursachen betrifft, wie eine

Art in solchen Fällen beseitigt sein könnte, so wird man sogleich den

Eindruck bekommen, daß keine einzige auch nur mit einiger Sicherheit

noch auf die Zukunft des Menschen angewendet werden könnte. Die

Überlegenheit dieses Menschen tritt hier eben schon in überwältigender

Deutlichkeit hervor. Jene Riesenalke, Dronten, Borkentiere (also ein

flugunfähiger Schwimmvogel der nordischen Küsten, eine ebensolche

Riesentaube von Mauritius und eine Seekuh des Meeres bei Kamtschatka)

sind vom Menschen als dem überlegenen Wesen gewaltsam vertilgt, zum

Teil buchstäblich aufgegessen worden bis auf den letzten Kopf, und

solche Vernichtungen einer Art durch eine überlegene im »Kampf ums

Dasein« hat zweifellos von jeher einen Hauptteil des »Aussterbens«

bedingt. Man wird aber doch nicht leicht glauben wollen, daß irgendeine

Tier- oder Pflanzenart der Erde (und rückten sie selbst alle zugleich

vor) den Kulturmenschen noch einmal zur Strecke bringen könnten.

Der Bischof Hatto, den die Mäuse fressen, oder die Abderiten, die

griechischen Schildbürger, die flüchten müssen, weil die Frösche ihnen

auf den Kopf steigen, sind Scherzbilder. Die großen Diluvialtiere haben

schon den Höhlenmenschen, der keine Metallwaffen kannte, nicht mehr

untergekriegt, Tiger und Schlangen den nackten Wilden nicht, und wenn

heute etwas zusammenbricht, so ist es die Tierwelt am Menschen, aber

nicht umgekehrt. Vielleicht ist nur ein einziger ernst zu nehmender

Feind noch in Protozoen und Bakterien, die uns mit Malaria, Pest und

ähnlichen guten Sachen beglücken. Vor ein- oder zweihundert Jahren

hätte man noch denken mögen, unser Geschlecht könnte einmal an Pest

oder Cholera aussterben, obwohl es schon damals eine Übertreibung

war, denn auch die schlimmsten Seuchen von früher haben sich stets

nach einer gewissen Wirkung sozusagen von selbst ausgelöscht; heute

aber ist unsere Medizin bereits bei so zielbewußtem Gegenangriff

auch hier, daß über den Ausgang keinem Einsichtigen mehr eine Frage

bestehen kann. Eine andere sehr allgemeine Ursache des Aussterbens

war sicherlich zu weitgehende Einzelspezialisierung. Das trifft

schon vielfach auf den ersten Fall mit zu. Die Dronte, die sich zu

einseitig (z. B. durch Flügelverlust) an die Verhältnisse ihrer

bequemen Insel angepaßt hatte, ging unter, als von fern übers Meer

ein großes Raubtier (die holländischen Matrosen, die sie massenhaft

abschlachteten) kam. Ein Geschöpf, das sich ganz eng mit seinen Organen

bloß auf _eine_ Ernährungsart, _eine_ Lebensweise eingestellt hat, muß

aber immer besonders leicht bedroht sein, sowie sich im geringsten

im Naturhaushalt etwas ändert, auch wenn es sich nicht um einen

eigentlichen Feind handelt. Einigermaßen hat die ganze Tierwelt mit

ihrer erwähnten einseitigen Organzerspaltung sich hier in die Sackgasse

gebracht. Fast alle sind sie Spezialisten, unsere Tierarten, und alle

bedroht der rasche Wechsel. Der Mensch aber ist ja mit seiner Technik

grade das Universalgenie, das _alles zugleich_ kann, er ist in jedem

Sattel gerecht und wird als Gesamtart unmöglich je am Spezialismus

zugrunde gehen im Sinne einseitiger Wasser- oder Luft- oder Wärmetiere,

einseitiger Grab- oder Lauf- oder Klettergeschöpfe. Ein Fall, über

den man auch bei ihm vielleicht noch nachdenken könnte, betrifft das

Schmarotzertum. Es ist von je offensichtlich eine besonders gefährliche

Form des äußersten Spezialistentums gewesen. Ein Tier gewöhnte sich,

ein anderes lebenslang auszunutzen, zu bewohnen, und es war dann in

der Regel mit verloren, wenn sein Gastgeber aus irgend einem der andern

Gründe ausstarb. So lebt z. B. ein Käfer (~Platypsyllus castoris~)

nach Flohart nur im Pelz des Bibers; heute stirbt der Biber infolge

menschlicher Verfolgung aus, und der ungebetene Gast muß mit. Nun, der

Mensch ist in einem Punkt auch noch Schmarotzer. Gleich allen andern

Tieren schmarotzt er an der Pflanze. Ohne sie könnte er trotz aller

seiner Kultur noch heute nicht leben, und Untergang aller Pflanzen

wäre auch seiner. Eine gewisse Hoffnung besteht ja, daß uns auch

davon einmal die Chemie befreien könnte, die uns die Pflanzenarbeit

künstlich ersetzte. Inzwischen ist aber auch so schon an dieser

Stelle von einer Gefahr keine Rede. Grade die Pflanze ist stärker als

irgend etwas in unserer Hand. Wir haben sie längst »kultiviert«, in

eine Art Ertragsmaschine für unsern Zweck verwandelt. Wir bestimmen

das Pflanzenbild der Kulturländer, wir füttern die Pflanze durch

Bodendüngung, wir veredeln ihre Rassen, wir kämpfen gegen ihre

Krankheiten, machen sie immun, verteidigen sie gegen das Klima. Wir

sorgen nicht mehr, daß sie uns aussterben könnte: wir schaffen längst,

daß sie nicht aussterben kann. Und dabei sind wir sogar noch immer

bisher nur in den Anfängen gewesen. Man muß eine unserer biologischen

Versuchsanstalten von heute besuchen, um zu ahnen, was der Mensch

bewußt zum Ziel für sich noch alles aus dieser geduldigen Naturecke

herauszüchten wird; die Hauptlast unserer ganzen »sozialen Frage«

wird er uns hier noch einmal hinwegzüchten, anstatt daß hier eine

Hungersgefahr für ihn läge.

Und so läuft, wo man an diese »Gefahren« herangeht, immer wieder alles

zum Triumph des Menschen aus. Gelegentlich scheint es (wir erwähnten

schon ein Beispiel), daß Tierarten bedroht worden sind, weil jenes

auf rhythmisch-ornamentale Gebilde (»Kunstformen« der Körperbildung)

ausgehende Prinzip in Kampfpausen zu sehr das Nutzprinzip überwog, den

Tieren allerlei Schmuck anhängte von sich aus, der nachher, bei wieder

stärkerem Kampf, störte und unterliegen ließ gegen bessere Schutz-

und Trutzausnutzung bei andern. Ins Menschliche gebracht, wäre das,

wie wenn ein Volk über lauter Kunst und Schönheit seine Wehrkraft

vernachlässigte. Im rechten Volk muß eben beides in richtiger Harmonie

sein, denn wenn die Wehr nicht ist, geht im gegebenen Fall alles

zugrunde und damit auch die Kunst. Und in der letzten Entscheidung,

wenn alles daran zu setzen ist, muß sogar die Kunst immer zurücktreten

gegen die Daseinsbehauptung; wenn es um die heilige Not eines Volkes

geht, kann keine Kathedrale mehr darüber gehen. Auch an diesem Dilemma

wird aber der gesunde Sinn der Menschheit nicht sterben, es ist nur

eine Frage der dauernden richtigen Arbeitsteilung in unserm Kulturleben.

Erwähnenswert könnte noch die Frage der Inzucht sein. Man meint, daß

lebende Wesen degenerieren und absterben, wenn sie zu gleichartig

werden, immer untereinander im Engsten kreuzen ohne Blutauffrischung

So gehen abgeschlossene Tierherden in zoologischen Gärten oder

die gehegten Tierreste unserer Elche und Wisente in ihren Asylen,

vielleicht auch Inseltiere, anscheinend allmählich herunter. Und so

hat man gesagt: wenn der Mensch einmal die ganze Erde als sozusagen

uniformer Kulturmensch bewohnt, wird er an Gedanken-Inzucht zugrunde

gehen und schließlich auch an körperlicher, es wird kein juveniler,

auffrischender Einfluß mehr für ihn übrig sein auf seiner Erdeninsel.

Ich gestehe, daß mir zunächst die reinen Tatsachen der körperlichen

Inzucht und ihrer Folgen immer unklarer geworden sind. Man muß

da erst noch neuere biologische Experimente in ihren endgültigen

Ergebnissen abwarten. Vielleicht handelt es sich nur um Störungen, die

gegebenenfalls leicht auszumerzen wären, wenn unsere Biologie erst

einmal die Gesetze mehr beherrscht.

Andererseits hat aber jede Anwendung auf die Menschheitszukunft

überhaupt gute Weile. Anstatt zu nivellieren, führt alles, was wir

bis jetzt am Kulturmenschen sehen, zu immer stärkerer Ausbildung

der einzelnen Persönlichkeit. Je tüchtiger ein Volk ist, desto

entschiedener ist unbeschadet allem Volks- und Kulturbewußtsein die

Ausbildung der einzelnen Individualitäten. Der Kosmopolitismus kann

daran nichts ändern, im Gegenteil bringt er immer neue Wurzeln von

Gegensätzen hinzu. Das verschiedene physische »Milieu« der Erde in

Zone, Höhe, Erdteil usw. wird keine Kultur an sich je verwischen.

Von ihm aber sind schon in der Bildung der Pflanzen und Tiere von je

Gegensätze immer wieder geschaffen worden, nicht bloß grob verschiedene

Anpassungen, sondern schon landstrich-, stromtal-, gebirgsweise weit

darüber hinaus unendlich feine verwickelte Milieu-Abhängigkeiten, deren

noch sehr geheimnisvollen Gesetzen von den Biologen heute besonders

eifrig nachgeforscht wird. Diesen gleichen Einfluß hat aber auch

der Mensch erfahren, er steckt bei uns eben in Rassen, Nationen,

Sonderarten der einzelnen Volksteile und so fort, die Zukunft wirds

aber mit noch mehr Ausbreitung über die Erde nur immer neu erfahren.

Eine Nivellierung von Volks- und Landesgegensätzen in diesem Sinne

wäre weder wünschenswert, noch ist sie bei jener »Milieustärke« und

ihren geheimen Imponderabilien irgendwie denkbar als Möglichkeit. Die

Kultur kann so einheitlich im Ideellen werden wie möglich, so wird

sie doch immer die Gegensätze der Erde spiegeln, und wo verschiedene

Menschen, da keine Inzucht. Was aber die »Ideen-Inzucht« selber

anlangt, so glaube ich an sie erst recht nicht. Wohl wird sich vieles

vereinfachen bei uns, was geistig jetzt als zu viel an Neuem auf

uns eindringt, vieles in Formeln, Gesetzen Allgemeingut werden, was

jetzt Spezialwissen häuft. Das ist sogar gut und nötig, da unser Kopf

sonst die Masse nicht aushielte. Man denkt mit einigem Grausen an die

Größe unserer Bibliotheken, Museen usw. Ein Segen, wenn da in Zukunft

vieles wieder sehr vereinheitlicht und handlich wird, anstatt daß

zuletzt unsere Bücher wie eine geologische Schicht über unserer Erde

zusammenschlagen.

Andererseits aber glaube ich nicht, daß das Neue, Anregende,

Umschaffende, »Juvenile«, das von außen zukommt, je wieder bei uns

an sich abreißen könnte. Man erinnere sich an die zwei Menschenwege:

Wiederaufrollen der Vergangenheit und Blick in den Kosmos. Hier

liegen, was geistige Blutauffrischung betrifft, unzweideutig

Unendlichkeitswege. Dazu aber kommt noch ein anderes. Die Menschheit

schafft individuell auch von innen weiter, von innen heraus. Man

denke an Kunst. Aber noch an mehr. Die »juvenilen Quellen«, die hier

sprudeln, kommen aus einem Grunde, den wir mehr ahnen, als genau

kennen, -- daß er aber plötzlich versiege, dazu sehen wir wahrlich

keinen Anhalt.

Der letzte Gedanke führt aber ganz von selbst aus dem Degenerations-

und Todesgebiet überhaupt hinaus in ein neues, positives, das wir

jetzt, nach Erledigung der bösesten Gespenster, doch auch zu wenigstens

kurzer Schau betreten müssen.

Wir haben eben in unserm kosmischen Ausblick angenommen, daß der Mensch

noch weiter gehe. Ist uns jetzt wahrscheinlich geworden, daß er aus

Gründen des allgemeinen Lebens nicht zu degenerieren brauchte, so

möchte man die Frage daran schließen, ob aus solchen ursprünglichen

Lebenszusammenhängen erwiesen werden könnte, daß er umgekehrt sich noch

weiter emporentwickeln _müsse_.

Die Antwort ist in diesem Fall nicht so ganz einfach, sie erfordert

Umwege; ihr Ergebnis müßte dafür freilich auch das bedeutsamste sein.

Statt des Drachen sähen wir ja hier gleichsam den guten Engel der

Urvergangenheit des Menschen auftauchen.

[Illustration]

6

Auf den ersten Blick könnte es so einfach scheinen, und es gibt

Menschen genug, die sich dabei beruhigen: der Mensch ist die

Krone, wenn nicht, wie man sonst sagte, der Schöpfung, so doch der

Lebensentwicklung auf Erden; senkrecht ist diese Entwicklung zu ihm

heraufgekommen, so wird sie also auch allein über ihn weiter gehen.

Hier gibt es aber vonseiten des richtig sehenden Naturforschers

sogleich einen scheinbar zwingenden Widerspruch. Das Bild des

Lebensheraufgangs ist in den geologischen Zeitaltern und erhaltenen

Zeugen keine einfache Leiter. Wenn man eines der bekannten Haeckelschen

Bücher oder sonst ein neueres Werk zur Stammesgeschichte aufschlägt,

so gewahrt man den wirklichen Stammbaum als riesigen Zweigknäuel, der

zunächst wie das äußerste Gegenteil aussieht. Die Einzelheiten habe ich

selbst gelegentlich für die Kosmosleser in meinem Bändchen über den

»Stammbaum der Tiere« gegeben, wo sie leicht nachgesehen werden können.

Sieht man bei der gewöhnlichen Zeichnung darin zwar auch noch etwas

wie ein grundlegendes »Empor« grade durchschimmern, so verliert sich

der nähere Blick doch immer mehr in einem Astwald. Die Aufzweigungen

gehen da, dort in Gabelungen, Tiefenästen, krummen Linien aller Art

auseinander, das Alte bleibt massenhaft neben dem Neuen und reckt sich

auch bis ins heutige Zeitniveau, zuletzt ist der Affe lebend neben

dem Menschen als eigene Astspitze, und der verlorene Blick fragt, wo

es denn hier weiter gehen solle. Vielleicht wieder ganz von unten

heraus, vielleicht hier, da auf einem Ast. Mag der Mensch auf seiner

Ecke auch gehen oder mag er hundert Millionen Jahre dort stehen bleiben

wie das alte Lingulatier: beweisen kann man ihm das erstere aus diesem

nach allen Richtungen züngelnden Astwirrwarr, scheint es, gewiß nicht.

Und es ist wahr, man muß auch dieses Bild erst einmal ganz gründlich

geistig verdaut haben, um noch wieder für dritte Züge zugänglich zu

werden.

Zunächst ist eins doch wieder ein fester Fleck in dem ganzen Knäuel.

Wo immer der Mensch in jenem Baum einmal hängen mag: an seiner Stelle

_ist_ er, was er nach der oben gegebenen Wesensskizze eben ist, --

er _ist_ heute jene vollkommenste Anpassungs- und Herrschform des

irdischen Lebens, die ganz unzweifelhaft dabei ist, die ganze übrige

irdische Lebenswelt unter ihr Zepter zu bringen. Der Mensch saugt,

was da noch von anderen Zweigen des Stammbaums um ihn herum blüht,

praktisch in sich ein. Was er brauchen kann, läßt er bestehen von all

dem Tier- und Pflanzenvolk, was er nicht will, rottet er aus. Das geht

schon so und so viel tausend Jahre jetzt und hat schon das allgemeine

Bild verwandelt, es ist kaum zu sagen wie. Begünstigte Pflanzen

beginnen ganze Erdteile zu überziehen, unerwünschte Tierarten sind zu

Massen verjagt, vernichtet. Eine Welle rauscht hier über die Erde, der

aber auch nichts mehr standhält. Wie immer die tierische Entwicklung

noch gehen wollte, -- gegen diesen menschlichen Ansturm kommt

nichts mehr auf. An ein paar erwünschten Ecken, zu Kulturpflanzen,

Kulturtieren, hat er selbsttätig umgestaltet in schnellstem Schritt:

von eigenen Entwickelungen, wie sie auch kommen möchten, ist praktisch

bei _der_ Schnelligkeit des menschlichen Umklammerns, Einsaugens keine

Rede mehr. Wenn der Orang-Utan noch so viel Entwicklungszukunft in sich

trüge: er käme nie mehr dagegen an, was der Mensch längst über ihn

bestimmt hat.

Das Aufsaugen des ganzen noch bestehenden Stammbaums durch den einen

Menschen vollzieht sich aber nicht bloß so äußerlich. Es hat noch einen

tieferen, innerlicheren Sinn. Wir saugen die ganze übrige organische

Welt auch _geistig_ ein. Sie geht ein in unser Bewußtsein, unsere

Forschung, erhält dort eine ganz neue Einheit. Indem wir ihren heutigen

Inhalt hier zu uns herüberziehen, greifen wir sogar (nach jenem großen

uns eigenen Prinzip der Umkehr der Naturprozesse, des Aufrollens der

Vergangenheit) auf die früheren, längst vergangenen Stammbaumteile

zurück. Nicht bloß, was noch neben uns lebt, lassen wir gleichsam in

unser Inneres einwachsen und dort geistig neu auferstehen, sondern

auch die ältesten abgetrockneten Seitenzweige der Vorwelt reihen wir

wieder ein, ziehen wir auch in unsere Vergeistigung. Viel reiner,

viel erhabener noch als in jenem Gewaltprozeß wird hier jedes Tier

in unserer Wissenschaft und Erkenntnishelle nachträglich noch einmal

»Mensch« bis zum Ichthyosaurus hinab, der einst scheinbar ohne jeden

Anschluß nach oben als Nebenzweig verdorrt war. Auch an einen dritten

Weg sei wenigstens erinnert. Er klingt schon bei einzelnen Haustieren

an. Wir vermenschlichen wenigstens gewisse höhere lebende Tiere auch

selbsttätig von uns aus in ihrem Gemütsleben, ziehen sie hier zu uns

herauf. Was haben wir da aus dem Hund nicht bereits gemacht! Und

vielleicht, wenn wir die Gesetze des Empfindungs- und Seelenlebens

überall kennen lernen werden, was wird auch hier für ein Fortgang

noch liegen können, der noch wieder anders wäre als Gewaltherrschaft

und eigene Menschenforschung, -- der der armen niederen Lebensform

nachträglich selber, soweit noch möglich, einen Segen des Geistes

gäbe, der da oben an der einen Stelle zu einem immer gewaltigeren

Schöpfersturm angewachsen ist.

Wenn man aber den Menschen so ungeheure Macht bewähren sieht, rückwärts

ein Herr und Gärtner und Neuschöpfer des ganzen Entwicklungsbaumes

in der Praxis zu werden, so sinnt man doch, meine ich, verständiger-

und auch rein naturwissenschaftlicherweise darüber nach, ob die Art,

wie dieser Mensch selber aus dem Baum gewachsen ist, nicht doch noch

wieder eine etwas andere gewesen sein müßte. Wohl, der Baum ist keine

grade Leiter. In seiner Verzweigung scheint eine Art Methode des

Entwicklungshergangs wirksam zu sein, die uns ja nicht wundern kann,

wenn wir auch nur in einigen Zügen die Darwinsche natürliche Zuchtwahl,

die aus verschiedenen Varianten die besten weitersteigert, für etwas

richtig halten; diese Zuchtwahl wird bis zu gewissem Grade immer

Spielräume verschiedener Varianten erwarten lassen, also eine gewisse

Breite der Dinge, ohne daß sie doch eine Hauptlinie, die triumphierte,

ausschlösse. Und so werden wir, meine ich, doch überlegen, ob nicht

durch den ganzen Astwald die Linie des Menschen eine _zentrale_ bildet.

Er war zum Schluß die zweifellos beste, allumfassende Anpassung

auch in Darwins Sinn, -- sollen wir meinen, daß sie bloß eine

Zufallsblüte ganz jäh wie aus dem Nichts gewesen sei -- oder ist es

nicht wahrscheinlicher, daß sie eben doch schon auch vorher Schritt

für Schritt auf ihre universale Höhe geführt wurde? So wie wir uns

das aber fragen, fragt der nächste Augenblick: ja, aus was für einer

Organbildung erwuchs denn unser Schlußerfolg? Und dann sind wir ohne

jede Mystik bei einem Organ oder Organsystem, mit dem allerdings das

ganze scheinbare Wirrsal des Gesamtstammbaums der Lebewesen sich in der

einfachsten Weise in eine entscheidende durchhaltende Zentrallinie und

so und so viel Seitenbiegungen umzugliedern scheint, -- wofern man nur

ein klein wenig den Tatsachen schlicht ins Gesicht sehen und sich nicht

aus lauter Angst vor künstlich hineingetragener »Mystik« die Augen

zuhalten will.

Das Organ unseres Sieges, das Organ, das uns selber über das

Organbilden hinausgeführt hat zu der überorganischen Stufe des

Werkzeugs, ist das Gehirn. Dieses Gehirn oder, allgemeiner gesagt, das

Zentralnervensystem, ist vom Augenblick an, da es für uns erkennbar an

der Wurzel des Stammbaums auftritt, immer und überall das Organ des

_Fortschritts_ gewesen. Man versteht aus dem Zusatzwörtchen »zentral«

bei ihm selber, was es in einer Steigerung von »Organismen« dazu machen

mußte. Von Anfang an ist es nicht bloß ein Organ unter Organen gewesen,

sondern eines _über_ allen. Nicht bloß der Orientierungsapparat nach

außen war es, sondern vor allem das Organ der _inneren Einheit_ im

Lebewesen. In diesem Sinne hat zweifellos seine älteste Vorstufe schon

die persönliche Einheit der einzelnen Zelle geschaffen und steht

somit unmittelbar schon an der Wiege des Lebens überhaupt. Wo es

aber dann weiter wirkte, in die vielzelligen Wesen, die Zellstaaten,

hinein, da straffte es fortgesetzt die Einheitsarbeit aller Organe

erst recht eigentlich zum immer vollkommeneren »Organismus«. Wo es

sich vertiefter einlebte in diesem Sinne, da mehrte sich mit ihm

nicht das bunte Variationsbeiwerk, sondern es steigerte sich die

_Organisationshöhe_. Ging das Leben sonst in unendliche Breite, so

ging es hier _empor_. Was in den Ästen des Stammbaums ein Stück weit

emporgeht, steigt unverkennbar stets mit ihm. Wo es aber frei durch das

Ganze in immer weniger gehemmter Linie herauskommt, da ist der zentrale

Fortschrittsstamm des Ganzen. Und nun kann praktisch nicht zweifelhaft

sein, wo das ist.

Der Mensch der Zukunft · 第 5 / 9 段