Man könnte sich denken, daß wirklich auch diese Regelung schon mit

zu der überkommenen Ordnung des kosmischen Weltkunstwerks gehörte,

als die Intelligenz entstand. Und daß diese Intelligenz sich auch ihr

nur anzupassen brauchte durch rechtzeitigen Wechsel des Orts im Raum,

wenn für einen Weltkörper die große Dissonanz des Übergangs zu ertönen

begönne, seine läuternde Katastrophe sich nahte, -- durch Auswandern

auf einen andern, der schon frisch wieder geläutert schwebte und auf

unermeßliche Zeiten den harmonischen Frieden böte. Arrhenius selbst hat

an wanderndes Leben so von Stern zu Stern gedacht, das immer wieder

die gefährdeten Augenblicke des Zurückdrehens der Räder mit ihren

Zusammenstößen glücklich überstände. Ihm haben Bakteriensporen (also

winzigste Einzeller-Leben), die der Lichtdruck kosmisch vertreibt,

diese glückliche Gabe, den Stürmen des Entropiewechsels ewig zu

entrinnen und sich immer wieder der Melodie des Ganzen zu erfreuen.

Es würde aber wenig verschlagen, das, was hier dem Bakterium in

blinder Fahrt zugeschrieben wird, auch umgekehrt der Stufe einer sehr

vorgeschrittenen, weit übermenschlichen Intelligenz als technische

Bewußtseinstat zuzugestehen. Dabei würde man allerdings wohl dem

Weltbilde des Arrhenius noch eine wesentliche Gedankenvertiefung

hinzufügen müssen, die unserem Vergangenheits- wie Zukunftsdenken

aber grade die mehr zusagende ist. Arrhenius geht auf keine wahre

Entwickelung ein. Seine so schön regulierte und immer wieder auch

von kosmisch wandernden Zellen neu belebte Welt ist ein himmlisches

~Perpetuum mobile~, immer mit den gleichen Umkehrbahnen, und starr ist

in ihm auch das Leben -- der Bakterienkeim ist ewig, aber sein Fortgang

zur Intelligenz nur eine belanglose Episode, wie diese Intelligenz

selbst. Die Frage bleibt, woher dieses kosmische Wunder? Man wird

doch eher wieder annehmen, daß es sich selber erst in unendlichen

Urauslesen auch zu _dieser_ Melodie entwickelt habe. Vielleicht hat es

auf lange ringenden Stufen zuerst wirklich bloß das Leben selbst in

seiner noch denkbar einfachsten Form geschaffen, dieses wunderbar noch

einmal vertiefte, verinnerlichte System im System, -- hat es einzelne

bakterische Zellen zunächst geschaffen, die dann vielleicht wirklich

mehrfach erst als solche durch die Regulierungen kamen. Bis zuletzt

aber eine so lange Dauerstufe erreicht war, daß nun dieses Zelleben

selber wieder weiter konnte und aus sich bis zu Intelligenz stieg.

Worauf diese Intelligenz auf unendlich hoher technischer Stufe fortan

nun selber wieder eine unzerstörbare Macht blieb, die sich auch über

alle diese Melodien und Regelungen der Himmelswelt als ihrem freien

Unterreich auftat, um nun die große, im Leben zum erstenmal angebahnte

Verinnerlichung und Vergeistigung der Entwicklung von sich aus abermals

weiter und weiter zu treiben in immer gesteigertes Licht ...

[Illustration]

5

So könnte der _Traum_ gehen. Eilende Wolken, wer mit euch wanderte!

Es hat doch _einen_ Wert, sich in solche Träume zu vertiefen. Wir

_sollen_ den Mut haben, auch der Intelligenz solche Wege zu denken

und nicht bloß der Physik. Für die sie heute in aller Ruhe gedacht

werden, obwohl es auch hier mehr oder minder Traumpfade bleiben, die

wir bloß deshalb schwindelfrei entlang laufen, weil wir die Abgründe

des ganz Unbekannten nicht sehen. Vielleicht aber würde grade darum

unser Brockengespenst auch wieder darüber lächeln. Wer weiß, was in

dieser Seele nach hundert Millionen Jahren lebt, das gar nichts mit

erweiterter Technik zu tun hat? Wer sagt uns, wie dieses Überwesen sich

längst zu den großen Fragen des Lebens und des Todes selbst gestellt

hat, die uns bei jener Vision der im Sonnentod Erfrierenden doch am

meisten bewegen? Wie ganz und gar kann von innen heraus dort verschoben

sein, was uns daran interessiert, in Angst und Hoffnung bewegt, Mut

oder Trost heischt. Werden diese Augen dort, die keine Menschenaugen

mehr sind, nicht ganz anders tief in die großen Geheimnisse, die auch

kein Sternengleichgewicht der kosmischen Physik löst, eingedrungen

sein? Werden sie nicht auch ausgebaut haben, was schon ahnend durch

uns geht wie ein schwaches Flämmchen, wie das Lichtschimmerchen einer

Türritze hier und da in einem Philosophenkopf? Daß Zeit und Raum

selber nur Geisteswerte sind; daß der Blick in jene flammenden Sonnen

und Milchstraßen, zu denen wir in unstillbarer Sehnsucht wandern

möchten, zuletzt nur ein Blick in uns selber, in unser tiefstes

eigenes geistiges Rätsel ist? Werden sie nicht anderes wissen von

den quälenden Fragen um das Geistige und um das Stoffliche als wir?

Sollen wir wirklich glauben, daß das schwächliche Ignorabimus, das

ewige Nichtwissenkönnen, das unsere Zeit so gern als ihrer Weisheit

letzten Schluß predigt und dem doch der heilige Denkerzorn aller

großen Genien der Menschheit von je widersprochen hat als dem Todfeind

ihrer rastlosen, selbstlosen Arbeit, bei ihnen, den Vollendern dieser

Genien und der Spur ihrer Erdentage in Aeonen, noch irgendeine Rolle

spielen werde? Trost! Wird der Trost dieser Promethiden nur in Technik

liegen? Vielleicht haben sie ausgedacht, was unser Fechner träumte:

daß alle die Sonnen des Firmaments da droben nur die verbrennenden

Fetttröpfchen in einem umfassenderen Gehirn sind, dessen Intelligenz

uns und andere im All wie Ganglienzellen umschließt. Wenn unsere Arbeit

und Entwickelung in jedem beliebigen Augenblick abrisse, so wäre sie

in diesem Sinne doch niemals umsonst getan, denn sie lebte in diesem

höheren Zusammenhang weiter, in dem wir hingen und gingen bis in jede

Kleinigkeit unseres ganzen Tuns, ohne daß wir es doch selber merkten,

gleich den Einzelzellen eines arbeitenden Gehirns ...

Vielleicht. Aber schieben wir das Fernrohr der Träume wieder zurück

und stellen das der abermals näheren Wirklichkeit ein. Auch auf den

schlichtesten Gedanken gebracht: es wird wohl so sein, daß die schöne

Erde als Wiege seiner Leiden wie Erfolge dem Menschen treu bleibt und

ihm Zeit läßt, bei eigener ungehemmter Kraft seine schöne Arbeit zu

guter Stunde an einen nochmals höheren Ast der Entwickelung weiter

zu geben, der dann zuletzt sehen mag, wie er im sieben mal siebenten

Grade mit einigen Nullen daran auch mit dem nächsten Stundenschlage der

kosmischen Uhr fertig werden wird. Zeit -- hier handelt es sich nur um

Zeit, -- der alte Chronos, durch dessen Glas die Sonnenenergie läuft,

scheint der einzige Schicksalsgott. Aber der Mensch hängt nicht nur an

der Erde, er hängt auch am _Leben_. Und es könnte sich fragen, ob hier

nicht ein neuer Drache liegt, der ihn aus tief verborgener Höhle heraus

längst gefressen haben müßte, ehe alle jene Dinge in Betracht kommen,

-- der ihn fressen müßte schon auf ganz naher Bahn, wirklich noch als

das Menschenkind, das er heute ist. Er hat sich so strahlend über das

niedere Leben erhoben. Aber wenn nun das Leben selbst ihm abrollte im

Schicksalsglas, -- eines Tages -- nach unaufhaltsam innerem Gesetz? Die

Frage, die hier auftaucht, ist die nach dem inneren Verfall, nach der

eigenen inneren _Degeneration_.

Auch sie ist alt. Wieviele Bücher sind nicht von je geschrieben worden

über die »zunehmende innere Verderbnis« des Menschengeschlechts. Eine

wissenschaftlich greifbare Form hat auch sie aber doch erst in unsern

Tagen erhalten, seit wir wissen, daß auch das Menschenwesen wirklich

ein Stück Leben in der Natur, Zelleben, Tierleben sogar noch bis zu

gewissem Grade ist. Wir besuchen eines unserer großen Museen für

tierische und pflanzliche Vorweltskunde, und aus den alten Bildern

des Lebens selbst scheint uns eine bedrohliche Mahnung zu kommen.

Da ragt im versteinerten Geripp unzähliges Getier, dessen Gruppe

oder Art heute gänzlich wieder _ausgestorben_ ist, auch ohne daß die

Sonnenenergie es schon zu seiner Zeit verlassen hätte: Mammute und

Megatherien und Ichthyosaurier. Eine Weile wurde ja die Wissenschaft

damit noch in besonderer Weise fertig. Wenn nicht Sonnenschicksal, so

sollten doch gewisse fürchterliche Erdumwälzungen der Urwelt diesem

alten Volk inmitten blühendsten Lebens den Garaus gemacht haben, worauf

dann stets völlig zusammenhangslose Neuschöpfungen stattgefunden

hätten. Auch daran glauben wir aber nicht mehr. Für uns wächst der

Stammbaum des Lebens zusammenhängend durch alle Erdalter herauf ohne

Einschnitte. Aber woher dann doch das Abwelken so vieler Zweige? Eine

bestimmte Lehrmeinung hat sich hier herausgebildet, die heute auch

oft in weiteren Denkkreisen ihre Rolle spielt, ganz ähnlich wie jenes

Schreckbild einer erfrierenden Menschheit. Wohl haben im Stammbaum der

Lebewesen Entwicklungen, Fortschritte stattgehabt, die dazu führten,

daß gewisse Linien darin bis heute lebendig durchgekommen sind, Form um

Form aus sich weiter gebärend. Aber daneben waltete ein unerbittliches

_Todesgesetz_ auch dieses Lebens. Wie der Einzelne schließlich überall

sterben muß, wenn auch das Ganze dauern mag -- sterben muß, nicht weil

die Welt untergeht, sondern weil sein Lebensteil nach einem tiefen

Selbstgesetz des eigenen Altersverfalls verwirkt ist, so soll auch

ein solcher Tod für jeden einmal zu gewisser Höhe und Reife gelangten

Einzelast des großen Stammbaums gelten. Die einzelne Art, die sich

eine Weile gefestigt, die einzelne Gruppe, die zu einer gewissen

Blüte gelangt ist, sollen nach einiger Zeit still wieder verfallen,

eintrocknen, absterben. Mag der große Lebensstamm sonst dauern, auch

wieder neue Triebe irgendwo zeitigen: ringsum brechen doch die einmal

ganz in sich ausgelebten Äste als dürres Reisig wieder ab. Und so

sind grade die seltsamsten, eigenartigsten Formen früher immer schon

wieder abgefallen: jene Megatherien und Ichthyosaurier, deren Gerippe

wir jetzt nur noch tief begraben in den alten Erdschichten finden. Die

Nutzanwendung aber liegt nahe.

Der Mensch ist schließlich auch nur ein solcher Ast. Er hat lange in

den Vorstufen immer wieder Glück gehabt. Endlich ist er dann aber

auch ganz eigenartig aufgeblüht, hat einen völligen Sonderweg für

sich genommen. Seit so und so viel Jahrtausenden steht er jetzt mit

seiner Art teils (im meisten Körperlichen) so gut wie still, teils

vertieft er sich (im geistigen Ausbau seiner Kulturwerte) immer

einseitiger auf dem einmal eingeschlagenen Wege. Grade das aber beweist

auch sein Schicksal. Seitdem schwebt auch über seinem Haupte der

Drache des _Artentodes_. Wenn wir ihn noch scheinbar blühen sehen,

so ist doch eben dieses Blühen auch der Vorbote des Ausblühens. Wie

die hundertjährige Agave, die an ihrer endlich im hundertsten Jahr

erreichten Blüte stirbt, wird in gewiß nicht ferner Zeit auch unser

Wurzelwerk zu dorren beginnen, die großen Kulturblätter werden saft-

und kraftlos wieder herabsinken, -- die unaufhaltsame Degeneration

zum Mammut- und Megatherienschicksal wird auch im Menschenwesen in

ihre Rechte treten, bis der unerbittliche Lebensdämon auch diesen

prangendsten Stammbaumast wieder ganz herunter hat; auch Achilles mußte

sterben als Einzelmensch, auch Goethe; also auch wir als Einzelart.

Dieses Zukunfts- und Schlußbild hat eigentlich noch etwas

Widerwärtigeres als jene Eisvision. Es kriecht so häßlich und langsam

heran, mitten in der Sonne. Man fragt sich, ob alles mögliche, das

wir noch als Aufstiegzeichen fromm begrüßt hatten, nicht schon

geheimes Krankheitsmal sein könnte. Unwillkürlich denkt man an die

Unglückspropheten, die uns versichern, weil ein paar Dogmen so

nicht mehr ganz haltbar erscheinen, sei bereits die ganze religiöse

Innerlichkeit des Menschen erloschen; weil gewisse soziale Erörterungen

nicht mehr gehemmt werden können, sei das Volksgefühl erloschen (wir

haben seltsamerweise von dieser Degeneration im Augenblick nicht

eben Proben an unserm Volk erlebt!); morgen werde die Philosophie,

übermorgen die Kunst (Eduard von Hartmann hat das schon für kürzeste

Zeit in Aussicht gestellt) einpacken, und vielleicht sei es schon nicht

mehr scharf möglich, das Geniale vom Irrsinnigen zu unterscheiden.

Aber der Ernst der rein naturwissenschaftlichen Frage darf doch nicht

verkannt werden, und da ist es denn doch auch hier wieder entscheidend

wertvoll, daß auch jene Lehre vom Artentod in dieser Weise gar nicht zu

halten ist, sowie man sich die Mühe macht, etwas weniger oberflächlich

an die Tatsachen heranzugehen.

Aussterben kann eine Tierart auch ohne Erdkatastrophe oder eigenen

Artentod durch gewisse äußere Umstände im Einzelfall, -- das lehren

die zahlreichen Tierarten, die wir Menschen in unsern hellen Tagen

bis auf den letzten Kopf vernichtet haben, so daß ihre letzten

Knochen oder Bälge auch nur noch »fossil« in unsern Museen stehen:

die Riesenalke, Borkentiere, Quaggas, Dronten und wie sie alle

heißen. Wenn der schöne Apolloschmetterling, der noch über alle

Alpenmatten gaukelt, nur in unserm Riesengebirge in ganz letzter

Zeit ausgestorben ist, so werden wir wirklich an alles andere, aber

nicht an Artentod wegen inneren Sterbeglöckchens denken, ebensowenig

wie unsere Damenhüte, an denen der Paradiesvogel zu sterben beginnt,

geheime Werkzeuge der eigenen Degeneration dieser armen Prachtvögel

sein dürften. Nun hat die Lehre sich aber ein paar Schulbeispiele aus

der Urwelt herausgesucht, die trotzdem unüberwindlich sein sollen.

Der eine Fall betrifft den Untergang der sogenannten Nautiloideen

und Ammonoideen unter den vorweltlichen Tintenfischen. Tintenfische

(Cephalopoden) sind höchstentwickelte Mollusken, also die Spitze eines

alten Tierstamms, der mit ihnen schon vor langer Zeit gleichsam blind

auslief, somit alle Möglichkeiten schon früh eines Artentodes im Sinne

der Lehre bieten konnte. Im Gebiet dieser Tintenfische sehen wir nun

in der älteren und mittleren Vorwelt jene genannten Gruppen, deren

Einzeltiere in höchst verwickelten, gekammerten Gehäusen lebten, zu

einer gewaltigen Blüte in die Breite hinein sich entfalten. Zahllose

Formen treten auf den Plan mit verschiedenartigsten Schalen, Riesen

und Zwerge, eine wahre Welt für sich, in der alle Schleusen üppigster

Lebenskraft aufgetan scheinen, wenn auch die Organisationshöhe im

ganzen nicht mehr steigt. Die technische Anpassung ist dabei offenbar

sehr gut. Auf ihrer Garantiegrundlage sozusagen feiert jene rhythmisch

variierende Grundkraft, von der ich gesprochen habe, wahre Feste:

diese Ammonshörner gehören zu den schönsten »Kunstformen der Natur«,

die je bekannt geworden sind. Schließlich ist es sogar, als bekomme

dieses Prinzip wahrhaft bedrohlich die Oberherrschaft: die Phantasie

(wenn das Wort noch einmal vergleichsweise erlaubt sein soll) der

Kunstformen scheint das Gerüst der Nutzform selber aufzulösen in sein

Sonderspiel hinein. Und grade dann jäh Schluß. Mit dem Ausgang der

Kreidezeit stirbt das ganze flotte Volk unaufhaltsam scheinbar dahin.

»Artentod« heißt es! Sie waren auf ihrem einsamen Ast in flotteste

Blüte gekommen, diese Urweltler, hatten sich wie toll ausgelebt; da

aber kam Mephisto und reichte den abgelaufenen Pakt dar: bis hierher

und nicht weiter. Die letzten bizarren »Kunststile« der Ammonoideen

bezeichnet die strenge Forschung (eine kleine Bedenklichkeit an unsere

Futuristen unter den Malern) bereits als offensichtliche Anzeichen der

Entartung vor Torschluß. Und die Sache wäre glänzend, wenn sie nicht

einen einzigen Haken hätte.

Artentod der Gruppe damals _müßte_ bedeutet haben: _vollkommenes_

Sterben. Wenn es anders herging, -- sagen wir, wenn die Tiere damals

am Ende der Sekundärzeit einen überlegenen Gegner fanden, der sie

überwältigte, vielleicht leicht überwältigte, weil sie (bildlich

gesprochen) im Vertrauen auf ihre Alleinherrschaft in allen Meeren

lässig geworden waren und einen Teil ihrer Schutz- und Trutzkraft

hatten einrosten lassen; oder wenn in der nicht katastrophalen, aber

doch damals offenbar geologisch recht kritischen Land- und Wasser-

und vielleicht Klimaänderung ein Anlaß lag; oder wenn, was weiß ich

sonst für Ursachen walteten, die das Geschlecht stark bedrohten: --

nun so hätte doch recht wohl in geschütztem Winkel der eine oder

andere Teilnehmer, den die Sonderlage begünstigte und der vielleicht

auch im faulen Leichtsinn (man versteht die menschlichen Ausdrücke

für die Zwangslagen alter Naturzüchtung!) nicht ganz so weit die

Nutzrücksichten außer Kraft gesetzt hatte, trotzdem erhalten bleiben

können. Der »Artentod« dagegen, der fortfressend überall ins Mark

ging, soweit die Art da war, konnte keine Ausnahmen machen, so wenig

es bei uns im Einzelleben jemand gibt, den Freund Hein nicht doch

zuletzt lächelnd hinter jedem Versteck fände, wenn das Stundenglas

der menschlichen Einzelperson um die Hundert herum abgelaufen ist.

Nun will aber die wahre Sachlage, daß grade _eine_ Gattung mit ein

paar Arten jener Nautiloideen sich doch _bis heute_ lebend in den

indisch-australischen Meeren erhalten hat, der Nautilus unserer

Zoologen. Über die Gründe dieser Rettung in einem auch sonst wirksamen

»Asyl« urweltlicher Tiere der Sekundärzeit will ich hier nicht näher

reden, wer den Fortgang der Geschichte sucht, mag ihn in meinem

Kosmosbändchen über »Tierwanderungen in der Urwelt« ausführlich

nachlesen. So hübsch also die Sache klingt: es _kann_ mit dem

»Artentod« in diesem Falle auch nichts sein, denn die ganze Sonderart

dieser Gruppe ist damals gar nicht gestorben, -- der eine Mohikaner

lacht allen ins Gesicht.

Und nicht anders ist es mit dem zweiten Beispiel. Wer den Menschen

recht geringschätzig einordnen will, der sagt wohl, sein bißchen

einseitiges Gehirnwachstum, an dem das bißchen Kultur nachschleife,

sei doch nur ein Einzelfall, und mindestens ebenso gut sei ein

Entwicklungsglück wie es das Pferd erfahren habe. Von plumpen

fünfzehigen Ahnen sei es in langer Steigerung zu seinem prachtvollen

Einzelhuf gekommen, diesem Ideal flotter Fortbewegung auf ebenem Plan.

Und doch, so hören wir, ist auch dieses Pferd (Menetekel für uns!) ein

Paradebeispiel des Artentodes, der auch die Besten und Vollkommensten

zuletzt an der Gipfeldürre ihres Einzelastes erreichen muß. Besagtes

Pferd hat vom Eozän (dem ältesten Abschnitt der Tertiärzeit) an in

Amerika, seiner mutmaßlichen Bildungsstätte, so etwa drei Millionen

Jahre gebraucht, bis es in diesem Sinne »fertig« war. Dann hat es,

in die Diluvialzeit hinein, sein Stammland in unzählbaren Scharen

durchstreift, vom bewohnbaren Norden bis tief hinab nach Patagonien.

Bis eines Tages auch seine Stunde schlug. Der »Artentod« faßte es, so

hören wir abermals. Ein ungeheures Pferdesterben ging durch den ganzen

Doppelerdteil, und als der Würgeengel abließ, war kein Pferd mehr im

Lande, so daß die Spanier erst Jahrtausende später wieder die ersten

ganz neu einführen mußten. Das Merkwürdige ist nur, daß diese Spanier

noch welche hatten. Denn der Artentod war auch in diesem Falle streng

einseitig geblieben. Auf der Höhe seiner Kraft war nach verschiedenen

früheren Vorstößen das fertige Pferd von Amerika nach der alten Welt

hinübergewandert und hatte sich auch dort in den Steppen Asiens,

Europas und Afrikas heimisch gemacht. Hier aber zeigte sich keine Spur

von innerem Verfall. Ein Teil pferdehafter Tiere belebt noch heute

Afrika und Asien in alter Frische und Wildheit. Ein anderer freilich

hat erleben müssen, daß der Gehirnspezialist Mensch doch irgendwie

auch dem vorzüglichsten reinen Laufspezialisten über war, er hat in den

Dienst dieses Menschen übertreten müssen, der seine Laufkunst fortan

auch für sich ausnutzte. Kein Zweifel, daß es in diesem Pferdebeispiel

besonders schwer ist, das einseitige Aussterben drüben auf eine

äußere Ursache zurückzuführen, da Amerika sich nach Neueinführung der

europäischen Kulturpferde sogleich wieder als ein nach wie vor gutes

Pferdeland in seinen Grassteppen erwiesen hat. Da um die gleiche Wende

der Diluvialzeit auch eine Anzahl anderer großer Säugetiere (Elefanten,

Edentaten) drüben ausstarben und ein merkwürdiges Großtiersterben auch

sonst vielfach über die Erde ging, wird noch weitere Forschung nötig

sein, um herauszubringen, was damals eigentlich los gewesen ist. Aber

Artentod ist's ganz bestimmt nicht gewesen, sonst wären nicht in der

alten Welt Pferde und Elefanten bis heute trotzdem übrig geblieben und

z.B. in Südamerika von den Gürtel- und Faultieren die kleineren Formen,

während die größeren irgendeiner rätselhaften Zeitstimmung erlagen.

Ist es aber mit diesen Paradebeispielen nichts, so läßt sich nun

grade umgekehrt aus den Tatsachen der Urwelt mit Leichtigkeit der

Beweis führen, daß gewisse Tiergruppen und Tierarten auch in den

geradezu riesigsten Zeiträumen ihrer Dauer bisher auf Erden, in denen

sie offenbar äußerlich nicht bedroht worden sind, innerlich nicht

den leisesten Zwang verspürt haben, zu verelenden und am Artentod

einzugehen. Der merkwürdige Haifisch Cestracion aus dem westlichen

Stillen Ozean existiert »unverstorben« seit der Kreidezeit, also

dem Zeitalter der Brontosaurier. Der noch heute in Australien

vorkommende Molchfisch Ceratodus lebt als unveränderte Gattung fort

seit der Buntsandsteinzeit, also vom Anfang der Triasperiode, hat

somit Anfang, Blüte und Sterben selbst der berühmten Ichthyosaurier

um mehrere Millionen Jahre überlebt. Jener Nautilus selber war als

Gattung schon im Silurmeer, ist also älter als die Steinkohlenwälder.

Einen besonders lehrreichen Fall aber stellte die ganze Tierklasse

der Brachiopoden oder Armfüßer dar. Es handelt sich um wurmähnliche

Meertiere, die in muschelähnlichen Doppelschalen sitzen. Sie waren

bereits eine verhältnismäßig sehr frühe, wenn man so sagen soll,

»glückliche Erfindung« der Natur, erreichten jedenfalls bereits in den

uralten paläozoischen Meeren ihre Hochblüte, von der sie dann gleich

danach, also auch noch in entlegensten Urweltstagen, ersichtlich

wieder heruntergingen. Nach allen angeblichen Gesetzen des Artentodes

müßten sie also jetzt seit undenklichen Zeiten vollkommen ausgestorben

sein. Statt dessen leben noch nicht ganz ein Dutzend Familien in

unseren Ozeanen fort, und dabei ist als Gattung ~Lingula~, ein

kleiner Geselle, der mit seiner Klappschale an einem Stiel im Sande

haftet; diese Gattung gehört aber in nur ganz gering veränderter

Gestalt bereits zu den allerältesten Tierresten, die wir überhaupt

aus der Urwelt besitzen, nämlich denen der algonkischen Periode, die

nach jener oben benutzten Rechnung rund etwa hundert Millionen Jahre

zurückliegt. Nun muß man sich abermals vergegenwärtigen, was allein

das schon für unsere Menschheitsfrage bedeuten würde. Nehmen wir an,

daß der Mensch in seiner heute vorhandenen Rassenform jetzt bereits

ein paar hunderttausend Jahre vorhanden wäre und daß er mindestens im

wesentlichen seines rein zoologischen Körperbildes sich nicht mehr

verändere, also den Gipfel hier seines Stammbaumastes schon jetzt

erreicht haben sollte, so gewährten die letztgenannten Daten immer

noch die unbestreitbare zoologische Möglichkeit, daß er, was »inneres

Gesetz« anbelangt, ebenso noch drei oder dreißig oder im allerletzten

Falle der Brachiopodenzähigkeit gar noch an runde hundert Millionen

Jahre weiter leben könnte, ohne irgend etwas wie Artverfall und

Artentod erleiden zu müssen.

Der Mensch der Zukunft · 第 4 / 9 段