Die Angst, daß die Erde uns inmitten all unserer Hoffnungen und Erfolge

doch plötzlich einen Strich durch die Rechnung machen könnte, ist ja

uralt. Diese Angst hat die Menschheit von je verbrennen sehen, wie

ein gehetztes Volk Hirsche oder Bisons, über denen die roten Flammen

eines Steppenbrandes zusammenschlagen; sie hat sie in Sintfluten

jämmerlich ertrinken sehen wie die hilflosen Käfer einer überschwemmten

Wiese. Unsere Zeit hat die wirkliche vulkanische Stichflamme von

Martinique erlebt, die in wenigen Minuten eine ganze blühende Stadt

verödete, dreißigtausend Menschen die Lunge ausbrannte. Wohl ist

ein solches Ereignis noch immer keine Menschheitsgefahr. In unserer

Kultur haben reine Naturkatastrophen dieser Art sogar durchweg etwas

Erhebendes: nie ringt der Menschengeist einheitlicher und schöner, die

Möglichkeit zu beseitigen, den Strom für die Folge einzudämmen, der

verheert hat, -- nie entfaltet das werktätige Mitleid reicher seine

Blüten. Und wer hätte es nicht grade in unseren grauenvollen Tagen

des Völkerzwistes auf der ganzen Erde einmal gedacht: daß irgendeine

solche ganz elementare Naturmahnung doch dazwischen treten und den

Hadernden die Augen wieder öffnen möchte dafür, daß wir Menschen, wir

einsamen Kinder dieser Erde im All, zusammenhalten müssen, daß unsere

ganze Kultur nur zwischen Sturmfluten mühsam dauert, wo wir jederzeit

alle, wir Völker der Erde, gemeinsam auf die Schanze gehören; wie es

in alter Römerchronik heißt, daß während einer Schlacht plötzlich die

Stimme des Waldgotts so schauerlich aus dem Dickicht schrie, daß die

streitenden Heere sich erschauernd die Hand zum Frieden reichten. Aber

aus unserer neueren Naturforschung scheint da doch auch ein Bild in

unser Kulturbewußtsein vielfach eingegangen zu sein, das nicht fördernd

wirken kann.

Wir Menschen, besagt es, sind mit all unserm Intellekt doch nur noch

verspätete Nachzügler am tiefen Abend dieser Erde. Einst blühte sie

in paradiesischer Jugend, warm bis zum Pol, voll ungehemmter, wilder

Zeugungskraft des Lebens. Aber mit dem klugen Menschen ist auch ihr

Greisenstand angebrochen. Eine erste ungeheure Eiszeit hat sie bereits

mahnend mit Frost durchschüttelt. Eis bedeckt dauernd ihre Pole, dem

ganzen Weltall verkündend, daß es zu Ende geht. Unaufhaltsam wühlt sich

die Kälte tiefer ins Mark. Längst sind wir nur noch von der Sonne

abhängig; aber diese Sonne glüht selber aus; sie dunkelt und bedeckt

sich mit Flecken; wie lange noch, und sie wird ganz auslöschen; dann

erfriert der letzte Baum in Weltraumkälte und unter ihm das letzte arme

Häuflein Menschen, nachdem wohl schon lange vorher die hoffnungslose

Not alles edle Streben wieder ausgelöscht hatte. Dichter haben uns

das schon in anschauliche Visionen gebracht, als sei es morgen oder

übermorgen bereits getan. Und es liegt nahe, aus dem Schlußbilde schon

jetzt etwas Greisenhaftes für unsere ganze Kultur abzuleiten, etwas,

als wenn wir eben beständig schon selber im »letzten Viertel« ständen,

wozu ja kleinlaute wie allzuviel verlangende Köpfe immer zu haben sind,

die sich nicht hineinfinden können, daß unsere Menschenarbeit eben als

Entwicklungsstufe stets unfertig und mangelhaft sein muß. In Wahrheit

geht es aber mit dieser »Vision« wie mit so vielen vom jüngsten oder

ersten Tag. Was an ihr richtig ist, verschwimmt unfaßbar fern im

Blauen, und was uns greifbar daran auf den Leib rücken will, unsere

Hoffnungen zu stören, ist durchaus zweifelhaft.

Der Gedanke, daß unsere Erde schon innerhalb der uns erkennbaren

geologischen Zeiträume sichtbar vergreist, vereist, wasserarm und was

sonst alles geworden sei und neben uns unaufhaltsam weiter werde,

entspricht zwar gewissen älteren geologischen Ansichten, kann aber

heute so gar nicht gehalten werden. Wir nehmen an, daß auch die Erde

in äußerst fernen Tagen aus einem oberflächlich glühenden Zustande in

einen andern übergegangen sei. Das mag sich in unfaßbaren Zeiträumen

vollzogen haben: wissen tun wir jedenfalls nicht viel davon. Seither

aber dauert jener »andere« Zustand an, der gekennzeichnet ist eben

durch das Aufblühen und den wunderbaren Anstieg des Lebens. Gegen

jene mythische Urzeit mag das noch eine kurze Spanne sein. Immerhin

umfaßt es die für uns kolossale Zeit von mindestens hundert Millionen

Jahren bis zu den uns zufällig erhaltenen ältesten Resten solchen

Lebens; da das Leben selbst aber bestimmt viel älter ist (die Reste

selber bezeugen es klärlich), muß es noch beträchtlich viel mehr

sein. In dieser langen Epoche ist die Erde ganz zweifellos von

irgend welchen Außenkatastrophen ernstlicher Art gänzlich ungestört

geblieben. Weder die unendlich feine Schweifmaterie von Kometen, noch

Meteoritenfälle, noch sonst, was immer man sich erdenken möchte, können

ihr etwas getan haben, andernfalls hätte sich das Leben eben nicht

so einheitlich entwickeln können; auch müßten wir die Anzeichen in

den alten Gesteinsschichten lesen. Aus »sich selbst heraus« aber ist

die Oberfläche dieser Erde in eben diesen langen Zeiten immer wieder

der Schauplatz gewisser _periodischer_ Verläufe gewesen, die bis

heute nirgendwo den sicheren Zug unmittelbar absteigender Vorgänge,

sondern bloß einen mehr oder minder regelmäßigen Wechsel wie den

schaukelnden Wogenschlag eines im Innersten doch gleichmäßigen Meeres

zeigen. Periodisch schon von der vorkambrischen Zeit an wechseln so

geologische Erdentage stärkerer Festlandbildung mit solchen stärkerer

Wasserbedeckung, und auch die Erdkarte von heute gliedert sich noch

durchaus dem hier gegebenen Zuge ein. In gewissen Abständen macht sich

wachsende Gebirgsbildung geltend, in den Zwischenzeiten aber wittern

diese Gebirge wieder herab; auch hier stehen wir heute deutlich im

Ausklingen einer letzten, der tertiären Gebirgsepoche, unsere Gebirge

zerfallen zu Ruinen, mancherlei feine Anzeichen aber lassen vermuten,

daß es auch da wieder weiter und erneut aufwärts gehen wird. Zeitweise

herrscht mehr Schutt- und Sandwüste auf den großen Festlandflächen,

zeitweise mehr Fruchtbarkeitsbedingung; sehr bezeichnend beginnt unser

großes geologisches Wandelbild bereits mit solcher Verwitterungswüste,

um sich dann so und so oft zu verwandeln, zu verwischen, zu erneuern

bis heute. In Abständen verstärkt sich der Vulkanismus und verringert

sich wieder bis fast zum scheinbaren Erlöschen; eine letzte Krisis

liegt auch da noch nicht allzufern von uns in der Tertiärzeit, und

auf eine neue gehen wir ziemlich ersichtlich grade wieder los. Und

so ist es mit den Erdbeben, -- so, was am sonderbarsten zu jener

Schreckensvision klingen mag, vor allem aber auch mit dem Klima.

Es darf heute als eine doch wohl gründlich veraltete geologische

Auffassung gelten, daß die diluviale Eiszeit, die wir Menschen schon

ohne Schaden durchgemacht und (bei inzwischen wieder aufsteigendem

Klima) hinter uns gelassen haben, eine klimatische Schlußerscheinung

oder doch dräuende letzte Vorstufe einer solchen gewesen sei. In

den allerältesten Tagen jener geologischen Hundertmillionenreihe

finden sich schon Eisspuren. In der Permzeit am Ausgang der uralten

Steinkohlenzeit ging ebenfalls eine Eiszeit über Teile der Erde, also

grade dort, wo die absteigende Vision noch den Blütenkranz der frischen

Jugend am freigebigsten verteilte. Wenn das Klima sich _dazwischen_

mehrfach bis zu Tropenwärme in hohen Breiten (wie noch zuletzt wieder

in der Tertiärzeit, die ihre Palmen bis zur heutigen Ostseeküste trieb)

steigerte, so zeigt sich abermals die Wahrscheinlichkeit periodischen

Wechsels, dessen Ursache uns noch sehr rätselhaft sein mag, den man

aber unmöglich so drehen kann, daß er bloß gradeaus von Warm zu Kalt

gegangen wäre. Nun, ich will diese Dinge hier nicht des Näheren

ausführen. Das Ergebnis ist, daß von der gesuchten »Vergreisung« der

Erde noch nirgendwo die Rede sein kann, wenn wir den Dingen auf den

Grund rücken. Selbst ein so ungeheurer Zeitraum, wie dieser des ganzen

Lebensheraufgangs bisher, genügte offensichtlich nicht, um bereits dazu

zu führen. Und nichts spricht in irgendwie absehbarer Zeit dafür, daß

die Dinge anders würden. Die genannten Wechselvorgänge gehen offenbar

noch ruhig weiter, mit dem gleichen ungemein langsamen und deshalb im

ganzen ungefährlichen Schritt wie bisher. Mancherlei Gründe lassen

sich anführen, daß wir im Verlauf der nächsten Reihe von Jahrtausenden

uns erst immer mehr noch von der letzten Eiszeit entfernen werden. Die

Vereisung unserer Pole mag als eine in diesem Sinne außergewöhnliche

Erscheinung vielleicht noch einmal zurückgehen, das Klima wachsend

wieder wärmer werden bis abermals zur Stufe der älteren Tertiärzeit.

Als Ersatz der schließlich ganz abgewitterten Gebirge mögen an andern

Stellen wieder neue aufwachsen; neue Meere werden vermutlich sich

in teilweiser Wiederherstellung alter bilden und vorhandene dafür

schließen; Nordamerika könnte sich beispielsweise wieder landfest mit

Nordeuropa verbinden, wie ehemals, oder umgekehrt das europäische

Rußland durch ein obisch-uralisches Meer von Sibirien losgeschnitten

werden.

Das sind die Bilder, vor denen wir für Zeiträume, an denen

unsere engere Kulturgeschichte bisher zu einer kurzen Episode

zusammenschmilzt, den Menschen der Zukunft suchen müssen. Ein

auch nur noch einmaliges Abrollen eines dieser großen Zyklen (von

denen das gesamte Werden des Menschen seit seiner Abzweigung vom

tertiären Säugetier wohl noch nicht einmal den letzten ganz füllt),

würde zweifellos für unsere weitere Kulturentwicklung, unsern

Wohlstand, unsere Technik von gar nicht abzusehender Bedeutung

sein. Sollten sich dann wieder größere Schwierigkeiten einstellen,

so müßte man an den ungeheuren Vorsprung denken, den unsere

Technik zweifellos bis dahin wieder gewonnen hätte. Ohne irgendwie

hier schon in Utopien auszumünden, mag man sich doch einfache,

ernste Tatsachen vergegenwärtigen. Das irdische Leben, zu dessen

Anpassungsstufen ja doch auch der Kulturmensch gehört, hat bisher,

wie es scheint, zweimal Kälteperioden aus jenen Erdzyklen durch

geradezu glänzende Schachzüge der Anpassung für sich nicht nur

mattgesetzt, sondern umgekehrt zu eigenen großen Fortschritten

benutzt. Das eine Mal auf der körperlich-organischen Stufe, als das

Wirbeltier höchstwahrscheinlich unter dem Einfluß jener permischen

Eiszeit zur inneren Blutheizung überging, -- das zweite Mal, als

der Mensch auf der ersten Werkzeugstufe die diluviale Kälteperiode

mit dem künstlichen Feuer überstand. Ohne phantastische technische

Zukunftsvisionen darf hier daran erinnert werden, daß unsere angeblich

schon greisenhaft energielose Erde fast dicht unter unsern Füßen doch

noch gewaltige eigene Wärme besitzt, die sich etwas tiefer sogar

zu unfaßbaren Maßen zu steigern scheint und deren Verwertung sich

unsere kommende Technik auf die Dauer so wenig entgehen lassen wird,

wie wir uns die längst zu Stein gewordene alte Sonnenarbeit in den

Steinkohlen haben entgehen lassen. Unsere Vereisungspropheten pflegen

vollkommen zu vergessen, auf was für einer ungeheuren Energiequelle

wir so auf unserer Erde fort und fort sitzen. Die alte glühende

Sonnenerde ist in diesem Sinne keineswegs erloschen, sondern sie

liegt ebenfalls noch sozusagen bloß mit einer dünnen fossilen Rinde

gebändigt, aber durchaus auferstehungsfähig unter uns, bereit für

eine Technik wie die menschliche, deren Wesen (genau wie rein geistig

unsere Geschichtsforschung) vor allem auch in der zweckdienlichen

Wiederumkehrung der einfachen Naturverläufe liegt. Wobei ich auch

noch darauf hinweisen will, daß es sich bei einer solchen tieferen

Ausdehnung unserer »Erdherrschaft« nicht bloß um Ausnutzung der von

innen aufsteigenden Erdwärme allein handeln würde, sondern auch noch

um ganz andere Energiequellen, die dort stecken dürften. War die

so glücklich schon verwertete, obwohl leider begrenzte urweltliche

Steinkohle eine solche andere Quelle, so kennen wir jetzt in dem

Radium noch eine ganz unmittelbare »Energieversteinerung« und

»Energieerlösung« rein elementarer Art, die, wie immer ihr Ursprung und

Wesen sein mögen, die eigentümlichsten Hoffnungen auf verinnerlichte

Wärme- und Lichtspender von schier unerschöpflichem Reichtum für immer

weitere Siege unserer Technik erwecken muß.

* * * * *

Inzwischen wird aber jene ganze Betrachtungsart noch einmal wieder

durchaus anders, wenn wir nun mit einiger Besonnenheit uns auch den

Stand der Dinge bei der Sonne selbst vergegenwärtigen. Auch diese liebe

Sonne ist ja heute der geistige Tummelplatz der widersprechendsten

Vermutungen unserer Forscher. Wer möchte, Hand aufs Herz, sagen, daß

er ganz sicher wüßte, wie dieses flammende Wundergebilde da draußen

genau zusammengesetzt sei, was seine Flecken sind, was für Vorgänge

sich jetzt und später in ihm abspielen. Aber eins scheint doch wirklich

gewiß. Die Grundfrage unserer heutigen Sonnenphysik lautet nicht:

warum muß die annoch heiße Sonne in so und so viel Zeit ausbrennen,

-- sondern sie fragt: warum brennt die Sonne _nicht_ aus. Bekanntlich

müßte der einfachen Lage der Dinge nach diese Sonne, wenn sie bloß im

Raum so hinglühte und ihre Energie hinaus verschwendete, von ihren

äußerlich etwa 6000° Wärme alljährlich rund um 2° heruntergehen. Daraus

läßt sich berechnen, wie sehr bald sie erlöschen müßte, aber auch, wie

viel heißer sie noch in ganz naher geschichtlicher Zeit gewesen sein

und wieviel stärker sie entsprechend auch bei uns damals eingeheizt

haben müßte. Von letzterem kann aber keine Rede sein. Die Rechnung ist

also falsch, und die Sonne muß fortgesetzt von sich selbst aus eine

Nachheizung erfahren, die seit langer Zeit ungefähr auf der gleichen

Heizstärke hält. Das ist das wahre Problem. Man hat an aufprallende

Meteoritenschwärme, an eigene Verdichtungswärme, an Radiumgehalt,

an chemische Verbindungen im Innern unter ungeheurem Druck, die bei

Verschiebungen ihre gespeicherte riesige Energie wieder abgäben,

und was sonst noch alles als Ursache gedacht. Ich werte hier wieder

nicht die Deutungen, aber auf eins laufen sie alle hinaus: nämlich

auf recht ansehnliche Ziffern für die Zeit, da uns die Sonne noch

weiter Licht und Wärme schenken wird. Die Zahlen gehen auf Millionen

Jahre, Milliarden, bei Arrhenius' Rechnung werden es wohl noch

einige Billionen. Im allgemeinen werden die Schätzungen unverkennbar

wahrscheinlicher, wenn sie wenigstens eine gewisse gute Höhe einhalten.

Geologisch liegt nämlich kein Anlaß vor, seit Bestehen des Lebens eine

stärkere Sonne anzunehmen. Die uralten Eisspuren und anderes sprechen

unmittelbar dagegen. Schon für die Steinkohlenwälder kommen wir immer

wieder nur mit der heutigen Sonnenstrahlung durch. Für mehr als

hundert Millionen Jahre wird man also rückwärts gleichmäßige Ordnung

der Einnahme und Ausgabe im Sonnenhauptbuch annehmen, und es wäre

wenigstens ein bescheidener mittlerer Wert, für die Zukunft noch einmal

solche hundert Millionen und einiges anzusetzen bis zu einem deutlichen

Änderungstermin. Mag die Ziffer zu klein sein, so ist sie doch gewiß

nicht zu groß. Nun muß man aber an dieser Stelle einmal das Buch sinken

lassen und sich einen Augenblick ruhig vergegenwärtigen, was das für

unsere Vereisungsvision heißt.

In der Zeitziffer, die wir hier noch vor uns haben, ist geschichtlich

hinter uns die ganze Lebensentwickelung auf der Erde emporgestiegen

vom einzelligen Schleimklümpchen einer Amöbe oder eines Bakteriums

bis zum Menschen mit seiner Kultur von heute. Nehmen wir an, die

Entwickelung steigt auch über uns von heute ohne inneres Hemmnis genau

so weiter, so lange die Sonnenheizung noch bleibt, also nochmals über

hundert Millionen Jahre lang. Dann würden wir erwarten müssen, daß am

Ende dieser Millionenziffer ein Wesen auf der Erde vorhanden ist, das

so hoch über den Menschen von heute hinausentwickelt ist, wie dieser

Mensch über jenes einzellige Urwesen. Es wird sogar tatsächlich noch

sehr viel weiter sein; denn die große Lebensentwickelung auf ihrer

an Organ und Instinkt gebundenen älteren Stufe ist, getrieben nach

Darwins Schule von der äußerst umständlichen natürlichen Zuchtwahl,

ganz unverhältnismäßig viel langsamer vom Fleck gegangen als unsere

menschliche Kulturgeschichte, mit deren Eilschritt die kommende

Steigerung gleich einsetzte; doch einerlei.

Was das aber dann für ein »Wesen« sein soll, davon können _wir_

unmöglich eine sichere Vorstellung haben. Etwas ganz unvergleichlich

_anderes_ als wir müßte es eben sein. Kein Mensch. Wir würden uns

nicht darin wiedererkennen. Vielleicht sähen wir es überhaupt nicht,

wie die Amöbe mit ihrem geringen Licht- und Dunkelempfinden, das

ihr augenloser Leib bloß besitzt, uns nicht unterscheiden kann. Wir

können uns schönere, edlere, reichere Menschen denken als uns, _um_

sie schwebt unsere Phantasie, wenn wir an die Zukunft der Menschheit

denken, an sie glauben wir, wenn wir um Besserung und Sittigung in

ermattender Arbeit uns selber dahin geben. Aber das alles wären noch

Menschen. Was zu Mensch ist, wie Mensch zur Amöbe, das liegt nicht mehr

in der verklärenden Sonne dieser Phantasie, es wandelt ganz einsam

fern in der Sternennacht des Unausdenkbaren. Und so ist unsere Vision

der armen erfrierenden Menschenseelen hier recht eigentlich erledigt.

Grade _wenn_ die Entwickelung weiter steigt, so ist an jenem Tage der

Sternenrechnung das, was wir Menschheit nennen, seit undenklichen

Zeiten überhaupt nicht mehr dabei. Unser banges Kältebild hat etwas

von dem Ausspruch, den in naivem Kinderglauben mein kleiner Junge

einmal tat. Wenn ich groß bin, sagte er, baue ich mir ein schönes

Schloß; darin ist aber auch ein Zimmerchen, da kann mein Schwesterchen

sitzen (es war ein Jahr gerade jünger wie er) und mit ihren Püppchen

spielen. Er wurde groß, und das Schwesterchen blieb klein und spielte

mit ihren Püppchen. Nein, wenn die Sonne da oben so alt ist, spielt

das Menschenkind hier unten nicht mehr mit seinen Püppchen. Es ist

selber längst eingewachsen in eine ganz andere Welt. Eingegangen, still

vergangen ist es zu seiner Entwicklungsstunde in ihr, wie das Kind in

jedem von uns einmal gestorben ist, auch wenn wir leben. Die Menschheit

hat in jenen Tagen längst ihr Werk getan, sie hat gelitten und gebüßt,

ausgerungen und ehrlich zu Ende gekämpft. Sie hat sich tapfer zu

ihrer Zeit weitergearbeitet, hat neue Entwicklungen eingeleitet, hat

ihren Einsatz mit ins Spiel gegeben. Dann aber ist sie selbst still

zurückgetreten, verklungen in der großen Melodie, verweht als alte

Puppenwiege tief, tief unten, die der Schmetterling verlassen hat. Als

Amöbe wiederum eines unendlichen Stammbaums. Von den Gefühlen, den

Schauern oder Erhebungen, mit denen _jenes_ Wesen _dann_, an jenem

Tage, wo die alte große Wundersonne da droben wirklich auszuglühen

beginnt (falls sich nicht doch in ihr noch wieder eine ganz neue, uns

unbekannte Regulierung bis dahin gefunden hat), auf der Erde steht,

erleben, erfahren wir _nichts_.

Ob es darum notwendig dort die Schauer eines erfrierenden

Schmetterlings sein müssen? Hier wandert der _freie Traum_, -- aber

durch seine schwebenden und webenden Farbenkreise, die keine greifbaren

Bilder mehr enthalten können, geht doch noch immer _ein_ tiefer Klang:

Entwickelung. Und noch einer: Intelligenz; weitere Richtung auf

Intelligenz. Und noch einer: Leben, sich behauptendes Leben, Anpassung,

Selbstregulierung, Erdherrschaft, Naturherrschaft. Wie der Wandrer

im Gebirge bisweilen seine kleine Gestalt riesenhaft als Schatten

vergrößert, als Brockengespenst, durch die Wolken schreiten sieht,

so mag unser blauer Traum einen Augenblick doch noch ein ungeheures

Gespensterwesen hier ahnen, das Ernst gemacht hätte mit allen

winzigen Ansätzen unserer Technik. Sollen wir uns denken, daß seine

Erdherrschaft vollkommen wurde, daß der Sternenblick, der uns vom Tier

scheidet, selber sich bei ihm zu Technik ausgewachsen haben könnte,

die an Sternenherrschaft rührt? Mit den befreiten Stoffen des Innern

würde von ihm die Erde erhellt und gewärmt. Oder andere, sonnennähere

Planeten würden bewohnt. Die Sonne selbst, nachdem sie erloschen.

Andere kosmische Intelligenzstufen vereinigten sich. Der Fortgang

des blauen Traumes hängt davon ab, wie man sich die große kosmische

Entwickelung überhaupt denken will. Träumen wir immerhin noch einen

weiteren Augenblick.

Wir sehen die Möglichkeit von Leben und Intelligenzentwicklung schon

heute gebunden an wahre Wunderwerke bereits himmlischer Systeme,

Bewegungsbalancen der Gestirne bis zu unserer Erde herab, die weite

Zeiträume ungestörter Entfaltung gewährten und gewähren. Sie mögen

selber bereits das Ergebnis unendlicher Entwickelungen, unendlicher

himmlischer Auslesen von chaotischeren zu harmonischeren Bewegungen

sein, -- nun aber sind sie offenbar längst zu einer solchen Harmonie

gediehen, daß die Entwickelung sich in ihrer Hut und Garantie wunderbar

verinnerlichen, vertiefen, nochmals unendlich viel verwickeltere

Systeme von innerer Harmonie und Dauermöglichkeit schaffen konnte:

Leben, belebte Zellen, höhere Zellwesen, endlich Intelligenzwesen

immer reicherer Art. Es wäre denkbar, daß das vorhandene Gleichgewicht

des Weltalls schon jetzt bis in alle Fernen genügte, vielleicht mit

geringen Schlußverbesserungen genügte, um einer Intelligenz, die sich

kosmisch erweitert hätte, dauernde Gewähr von sich aus zu bieten, --

ihr einen genügend geordneten kosmischen Körper gleichsam zu bieten,

daß sie immer weiter fort ihren Weg der innerlichen Vertiefung und

wachsenden allgemeinen Vergeistigung darin gehen könnte. Immerhin hätte

diese kosmisch freie Intelligenz sich doch wohl auch so noch mit einer

weiteren ungeheuren Frage der Welttechnik auseinanderzusetzen. Inmitten

der harmonischen Bewegungen sänke eben doch die Wärme der himmlischen

Einzelkörper zuletzt überall und der gesamte Zustand des Systems ginge,

sich selbst überlassen, auf jenen allgemeinen Wärmeausgleich los, der

endlich alle Leistung lähmen müßte und den unsere Physik schon heute

gern als das Schlußgespenst aller Weltarbeit in ihrer sogenannten

Zunahme der Entropie an die Wand malt. Man müßte also (immer im Traum)

annehmen, daß die sich behauptende und weiterentwickelnde Intelligenz

auf ihrer Höhe des Umfassens und Genießens aller Sternenmöglichkeiten

und nachdem sie alle gespeicherten Kraftschätze erlöst und ausgespielt,

schließlich von ihrem Prinzip der Umkehrung der Naturvorgänge aus auch

eine umschaltende kosmische Regulierung gegen diesen Wärmetod, dieses

physikalische Nirwana, aus eigener Einsicht fände. Wenn nicht etwa

auch das schon rein automatisch in unserm gegebenen Weltsystem längst

geregelt wäre, -- in einer Form, der sich die kosmische Intelligenz

abermals bloß anzugliedern brauchte!

Vielleicht hat Arrhenius in seiner gewaltigen Vision der Weltphysik

hier schon einen hellen Gedanken gehabt. Nach ihm wäre dazu nur nötig,

daß die Sternenbahnen eben nicht in alle Ewigkeit bloß harmonisch

im Sinne niemals mehr gekreuzter Bahnen blieben. Sondern es müßte

das Spiel grade so in seiner tiefsten Melodie geregelt sein, daß in

allerdings ganz unermeßlichen, auf Billiarden anzusetzenden Zeiträumen

doch die erkalteten Sonnen zu je zweien in scheinbarer Dissonanz

wieder aufeinanderstießen und sich zu Nebelflecken verflüchtigten,

aus denen dann abermals neue glühende Sonnen wieder als reiner Klang

hervorstiegen. In diesem Wechselspiel erledigte sich jedesmal auf der

Stufe des Übergangs von Nebelfleck zu Sonne einzeln der falsche Ton,

der zur Entropie hätte führen müssen: eine kosmische Selbstregulierung

drehte Stück für Stück den Naturverlauf selber um und brächte alle

Schwungräder der Weltarbeit neu in Kraft. Und so überstände die

Sphärenharmonie auch diesen dunkeln Punkt.

Der Mensch der Zukunft · 第 3 / 9 段