Grade hier mußte aber dann noch ein Zweites hinzu. Der Mensch kam

nicht umsonst vom Säugetier. Wie oft wird dieses Wort noch jetzt von

Unverständigen als eine Schmach empfunden, die uns hinabziehe. Das

»ewig Weibliche« hätte uns aber nie hinaufgezogen, wenn es nicht auch

von hier sich hätte vergeistigen lassen. Auf der gleichen Wende,

die dem Einzeltier die innere Blutwärme verlieh, stellte sich auch

die gewaltige Lebenstatsache der Gemütswärme zwischen Mutter und

Kind sichtbar ein. Auch hier lag ja ein alter Nutzpflicht-Instinkt

zugrunde, den auch das Säugetier überkam. Aber es kann wieder für den

unbefangenen, nicht mit Papierweisheit im einfachen Gegenstandssehen

künstlich verdunkelten Tierbeobachter wohl kein Zweifel sein, wie

dieser Trieb sich eben beim Säugetier doch auch schon mit immer

stärkeren Gemütswerten umgibt. Und in dieser Form hat der Mensch die

»Mutterliebe« übernommen, um dann auch sie wieder in seiner Weise

auszubauen. Auch bei ihr hat er triebhafte Züge nicht ganz beseitigt,

die Gemütsseite aber zu vollem Durchbruch herausgearbeitet und vor

allem dann sich bemüht, das Ganze auf ein noch viel weiteres Gebiet

zu treiben, wo das Muttergefühl eine Menschheitssache wurde. Indem

die Mutter sich ihm zur Madonna verklärte, wuchs das Blütenreis der

Mutterliebe aus zu dem ungeheuren Fruchtbaum, der als _Mitleid_ über

die ganze leidende, hilfsbedürftige Menschheit zu schatten begann. Das

weinende Kind in _jedem_, der litt, zu erkennen und zu trösten, wurde

der erhabene Inhalt dieses Mitleids, -- ein Inhalt, so einzigartig

und groß, daß ihn die Menschenseele selber ihre frohe Botschaft, ihr

Evangelium genannt und abermals mit den höchsten Symbolen umgeben hat.

Mit der umfassendsten Vergeistigung der andern Liebe und dem letzten,

weitesten Inhalt des Gemeinschaftslebens im Ganzen verknüpft, erstand

das Ideal der _Menschenliebe_, das, in langsamer Arbeit noch zwischen

uns erst sich hindurchringend, der Menschheit, die alle äußere Kraft

der organischen Welt allmählich in sich vereinigt hat, auch noch eine

verinnerlichte Einheit aus sich selbst verspricht, die in dieser Weise

auch wieder kein anderes Leben je hatte erreichen können.

Neben all diesen Wegen sehen wir den Menschen aber noch etwas ganz

Geheimnisvolles schon früh betätigen. Es ist auch kein Instinkt, der

bloß sklavisch wiederholte. Auch sein Wesen ist im Gegenteil durchaus

neu schaffend. Dennoch ruht auch seine Wurzel zuletzt unabhängig noch

vom Intellekt in dunklerer Tiefe. Zu allem Vorhandenen, allem gegebenen

Inhalt unseres Geisteslebens tauchen uns unter seiner Macht noch einmal

Doppelbilder, Varianten auf. Zahllose Varianten, -- durch die Macht,

wie wir es nennen, der Phantasie. Spielend, regellos scheinen sie

zunächst zu kommen. Manches kann der Intellekt unmittelbar gebrauchen

von diesen Einfällen für höheren Nutzen, bessere Einheit in seinem

Sinne. Wo aber dieser innere Drang sich frei bewähren darf, da wird

deutlich, daß er auch eigene Ziele besitzt im scheinbar planlosen

Gaukeln. Das Vorhandene ordnet er, viel mehr als bloß spielend, nach

einem besonderen eigenen Harmoniegesetz um in schönere Formen, höher

geordnete im Sinne rhythmischer Einheit und Folge. Ganz unabhängig vom

Anpassungsweg, vom groben Nutzen des Tages, gestaltet er Bilder einer

solchen verklärten Welt aus der schaffenden Seele dessen, den er mit

ganzer Kraft ergriffen. Die Luftwellen zaubert er auf freie Momente,

da er als König schalten darf, um zu wunderbaren Klangwesen, den toten

Marmor zu einer vollkommeneren, idealen Menschengestalt, Vorgänge des

gemeinen Lebens, die in der gewöhnlichen Wirklichkeit nur Bruchstücke

sein würden, zur heiligen Tragödie mit vertieftem, erlösendem Sinn.

Immer geht seine echte Arbeit auf ein Ganzes, eine Einheit, die von

innen heraus bestimmt wird, darin der wirklichen Lebenszeugung ähnlich,

obgleich es sich um eine Zeugung rein aus der Tiefe des Geistes

handelt. Wie aus anderer, ähnlicher und doch erhabenerer, geläuterter

Welt schwebt das vor uns, so oft der rätselhafte Zauber waltet.

Unendliche Wehmut ergreift uns, wenn er vergeht, -- daß es nicht

»von dieser Welt« ist. Und doch ahnen wir einen ganz tiefsten Bezug

auch wieder zu ihr. Als sei das alles doch auch wieder ein anderer,

wertvollerer, nur einstweilen verborgener Inhalt dieser Wirklichkeit,

-- ein Blick auf das goldene Kleinod in ihrer herben zeitlichen Schale.

In dieser Sphinxform offenbart sich uns, rastlos in großen Menschen

aufsteigend und dann durch die Mittel unserer Kultur zahllosen andern

ausgeteilt, daß sie mitgenießen, die _Kunst_, -- ein Mysterium der

tiefsten Menschenseele, ohne das doch alles noch einmal arm und leer

wäre, was die Menschheit ist und besitzt.

Mancherlei geheime, obwohl noch wenig geklärte Beziehungen könnten

darauf hindeuten, daß wir auch hier die hoch gesteigerte Form

eines fortwaltenden Ur- und Grundprinzips aller schaffenden Natur

vor uns haben, das bereits im ganzen tieferen Leben ebenfalls

eine Rolle spielte, wenn auch verschleiert. Das, was uns geistig

in uns als ewig abändernde, umschaffende, verwechselnde, neu und

anders vereinheitlichende Phantasie erscheint, ließe sich in seinen

stofflichen Grundlagen vielleicht irgendwie vergleichen mit jenem

rastlosen Variieren innerhalb der unteren organischen Gestaltung,

das seit undenklichen Zeiten das Entwickelungsspiel bei Pflanzen-

und Tierarten im Gange gehalten zu haben scheint. An sich stehen

diese Varianten auch dort nicht ohne weiteres unter dem Nutzprinzip.

Sie fallen ihm gegenüber zunächst auch scheinbar spielend, --

richtungslos das gegebene Urbild bloß abändernd. Immerhin benutzt

die Anpassung in Darwins Sinne vieles daraus, um ihre Nutz- und

Trutzorgane damit auszubauen. Weit darüber fort aber scheinen auch

hier, höchst merkwürdig und bedeutsam, schon gewisse eigene Wege

und Ziele dieses Variierens aufzutauchen, die nun unmittelbar an

Züge unseres Kunstlebens gemahnen. Wo es frei schalten kann, da

bewährt das Variieren auch im organischen Bilden an Pflanzen-

wie Tierkörpern bereits eine unmittelbare Tendenz zur Schaffung

rhythmischer, harmonischer Gebilde. Es schafft, von uns aus benannt,

»Schönheitsformen der Natur«. Radiolarien, symmetrische Blatt- und

Blütenformen, Gehäuse von Mollusken, Schmetterlingsflügel an den

nicht dem Schutz gewidmeten Stellen, Luxusfedern der Paradiesvögel

sind bekannte Proben auf diesem Wege, -- in Wahrheit ist das ganze

untermenschliche organische Reich allerorten schon für den unbefangen

prüfenden Blick erfüllt von Erscheinungen dieser Art, die schon

dort keinerlei Nutzzweck haben, zugleich aber einer höheren inneren

Harmonie der Form als ihrem eigensten Gesetz unterliegen. Bloß

wohlgemerkt, daß das hier unten alles auch noch zunächst in der Stufe

des angewachsenen Organs, hier nicht des nützlichen, aber des schönen

Organs, verharrt. Das »Schöne« erscheint den Tieren wesentlich noch

auf den Leib geschrieben, als Feder, als Schmetterlingsflügel. Erst

ganz allmählich verfolgen wir Anfänge geistiger Anschlüsse, zunächst

doch auch sie stark in der Klammer des Instinkts: beim Vogel, der

rhythmische Töne erzeugt, der singt. Vor dieser höheren Tierwelt ist

seit Darwin, der die Tragweite auch dieser besonderen Dinge vielfach

bereits scharf gesehen hatte, eine Streitfrage darüber, ob Sinn auch

für Formenschönheit dort an Auge und Gehirn schon angeschlossen sein

könnte: Tiere sollen bei der Liebeswahl die am meisten geschmückten

Männchen oder Weibchen begünstigt und so bereits in einem höheren Sinne

der Körperschönheit nachgeholfen haben. Immerhin bliebe es aber auch

dann noch bei einer auf den Leib gezüchteten Schönheit. Im Ganzen sind

alle diese Dinge heute noch sehr dunkel; man hat sie bisher leider

nur sehr mangelhaft durchforscht, da sich der Naturforscher und der

Künstler meist ängstlich aus dem Wege gegangen sind. Mag man aber auch

hier ruhig den Mutterschoß im tiefer Natürlichen zugeben, so erscheint

doch erst recht in ganzer Größe wieder die _Tat_ des Menschen auch in

seiner wirklichen Kunst. Bei ihm ist auch sie erst aus der körperlichen

Zeugung in die geistige entscheidend übergegangen, womit sich ihr die

unendliche Bahn eröffnete, alles in ihrem Sinne umzuwandeln und ihrer

höheren Einheit zu erobern, was in dem ganzen Weltenreichtum dieses

Geistes fortan geboten war. Bei ihm machte auch sie äußerlich den

ungeheuren Schritt mit, daß sie sich des Werkzeugs bemächtigen konnte,

ihre innere Vision bannen konnte in Stein und Farbe, Instrument und

Schrift. Wohl streifte auch sie in ihm nicht ganz das dunkle hüllende

Gewand ab, als wachse, wieder im Gleichnis gesprochen, auch hier ein

Zweig am Baum des Lebens, den der Mensch auch auf seiner Höhe nicht

brechen, nicht ganz genießen durfte. Staunend sieht der Intellekt,

der zur hellen Erkenntnis des Guten und Bösen gekommen, die innerste

Vision der Kunst noch immer aufsteigen als Geschenk des Undeutbaren und

Unberechenbaren, als »Es«, das in uns schafft, aber sich nicht gebieten

läßt, das seinen Ort und seine Stunde wählt, wie es will. Die Kunst

ist nicht gut und böse in jenem Sinne, sie ist nicht Schutz und nicht

Mitleid; einsam steht sie noch einmal für sich neben all dem andern,

und doch ist es, als sei sie auch wieder all das andere selbst, doch in

einer höheren Schau neu aus ihr geboren. Aber gerade so ist auch noch

einmal die ganze Größe des Menschen in ihr. Aus ihr ist unsere Liebe

als sixtinische Madonna gestiegen, in ihr hat sich das Fragment des

armen ringenden Menschenlebens zur Dichtung des Faust geweitet, aus

ihr ist unser Lebenssturm wie unsere Sehnsucht verklärt worden zu den

Klängen Beethovens, von denen wir alle ahnen, daß sie tiefer an den

Weltengeist rühren, als all unsere Erkenntnis.

Mag es genügen für unsern Zweck, das große Bild bis hierher

aufzurollen. Nur zwei Punkte möchte ich noch wie Stichproben

herausheben. Bis zum Menschen ist die uns sichtbare Naturentwickelung

zeitlich vorwärts gegangen, immer vorwärts. Im Menschen beginnt auch

neben diesem weiteren Fortschritt in der Zeit ein schlechterdings

neuer Vorgang. Der Mensch rollt die _Vergangenheit_ rückwärts wieder

auf. Er treibt Geschichte, forscht in das längst Verklungene neu

hinein. Vor seinem Blick entstehen von ferner Höhe wieder die Bilder

seiner eigenen Urvergangenheit, vor ihm durchschwimmen noch einmal

die alten Ichthyosaurier ihr blaues Meer, grünen die Farnwälder der

Steinkohlenzeit. Wir wachsen von Kindheit, von der Schule her so auf in

dieser Leistung, daß sie uns als das Selbstverständlichste erscheint.

Und doch waltet auch hier ein ganz und gar neuer Zug der Natur, für

den wir bis zum Menschen nicht den leisesten Anhalt haben. Und weiter:

der Mensch ist das erste Erdenauge, das über diese Erde hinausschaut.

Er sieht die Erde kreisen zwischen andern Sternen, sieht andere Welten

in der Ferne auftauchen. Wie immer es sonst sei mit Leben im Kosmos:

hier hat zum ersten Mal irdisches Leben einen _kosmischen Anschluß_

erhalten. Das Auge des Gelehrten, der in stiller Nacht durch sein

Fernrohr in die Sonnen und Nebelflecken da oben dringt, ist nicht mehr

das Tierauge, das zur Orientierung hier unten auf der Erde entwickelt

wurde. Es ist ein kosmisches Auge des Lebens geworden, und dieses

Organ besitzt kein Tier. Wir wissen aber auch alle, daß sowohl dieses

Sternenauge wie jener Vergangenheitssinn im Tiefsten noch etwas anderes

suchen. Sie suchen im großen das gleiche, das auf einem andern Wege

auftauchte, als zum ersten Mal im menschlichen Intellekt die freie

Frage nach Gut und Böse entstand und die Herrschaft des Instinkts aus

den Angeln hob: _Erkenntnis_ über den letzten größten Zusammenhang

aller Dinge in der Welt, über Gott und Natur, -- Weltanschauung. Seit

Jahrtausenden starrt das Auge des Menschenwesens auch da hinein. Wir

werten hier nicht die Antwort. Aber auf der Stufe des Tiers hat die

Natur auch nicht aus diesem Auge geschaut ...

* * * * *

Verweilen wir einen Moment bei dem letzten Bilde, -- auf der

Sternwarte. Denken wir uns, daß wir mit ihrem Rohr nicht bloß

hinausschauen, sondern auch hineinschauen könnten zu uns selbst. So

also stände in ihren größten Zügen die Menschheit vor uns. In diesem

ungeheuren Geiste arbeitet sie jetzt mit ihrem schlichten, äußerlich

kaum veränderten Körper seit einer gewissen Kette von Jahrtausenden

auf der Erde. Vor mindestens fünfzig solcher Jahrtausende, beim

späteren Diluvialmenschen, sehen wir die meisten jener entscheidenden

Charaktermerkmale in ihr schon angelegt, gleichsam im Rohbau fertig.

Die allererste Arbeit war offenbar bis dahin schon getan. Etwa in

den letzten zehn Jahrtausenden können wir dann in einer gewissen

mittleren Kulturschicht immer genauer den Vorgang einer unausgesetzten

Vertiefung und Vervollständigung jener Merkmale durch eine keinen

Augenblick rastende Arbeit, die stets nach der gleichen Seite geht,

verfolgen. Während das übrige organische Leben des Planeten, abgesehen

von Eingriffen dort des Menschen selbst, in dieser Zeit wie in einer

immer stärkeren Erstarrung entwicklungsgeschichtlich so gut wie reglos,

höchstens hier und da an kleinen Punkten abbröckelnd, um das wunderbare

Schauspiel der Menschheitsentfaltung herum stehen bleibt, treibt diese

selbst von dem angelegten Stamm Blüte um Blüte.

Es gibt natürlich allerlei willkürliche Standpunkte, von denen man

das bestreiten kann. Man kann behaupten, daß die Menschheit in diesen

Jahrtausenden nicht glücklicher geworden sei, indem alle geistige

Weiterarbeit nur feinfühligere und damit stärker schmerzbewegte

Menschen geschaffen habe. Mit diesem Standpunkt kann ich bei einem

Spaziergang durch den Wald mich in das Glück eines Hasen versenken,

der für die meisten Lebensdinge seinen Instinkt hat, nur zu kleinen

leichten Nachhilfen selbst zu wählen braucht und gewiß eine ziemliche

Anzahl behaglicher Gefühlsmomente ohne Qual der Rückgrübelei und

Vorangst hat, und ich kann mir daneben die schweren Seelenstimmungen

ausmalen, unter denen in einem Beethoven die neunte Symphonie und

einem Goethe der Faust entstanden sind. In Wahrheit ist aber dieser

mehr oder minder faule Glückszustand nicht der wahre Messer bei

Entwicklungsfragen. Wir nehmen an, daß Entwicklung im tiefsten

Sinne auch von Nacht zu Licht, von chaotischeren zu harmonischeren

Zuständen gehe. Aber wir wissen jeder aus unserm eigenen Leben, daß

das tiefste Ringen um Läuterung in diesem Entwicklungssinne niemals

in jenem groben Sinne »Glück« ist. Trotzdem wissen wir ganz genau,

daß wir dieses Ringen nicht missen wollen, daß es unser tatsächlich

Wertvollstes ist, dieses ewige Weitermüssen und wieder neu Durchmüssen.

In einem echten und richtigen Sinne hat auch die Weiterentwicklung und

Vertiefung der Menschheitskultur in diesen Jahrtausenden wirklich neue

Lichtwerte in Fülle eingestreut, die früher nicht möglich waren: man

denke an das Glück der sittlichen Tat, die befreiende, verklärende

Hingabe an die reine Anschauung in Forschung und Kunst, an Naturgenuß,

an die erhabenen Schauer künstlerischen Schaffens, an das sonnige

Sichdarangeben in jeder hohen Liebestat, sei es aus Mitleid oder um

irgendein Volks- oder Menschheitsideal, an die Wunder der inbrünstigen

Versenkung in tiefstes religiöses Leben oder in das Heldentum des

Gedankens. Das ist alles gewiß kein Ruhebetts-Glück, es ist zum Teil

Glück in Schmerz und Tod, mindestens in schwerster Arbeit, aber es sind

Werte, die, wo immer einer von uns an sie gerührt hat, ihm doch nicht

eben Sehnsucht nach jenem Hasenglück erweckt haben.

Man kann ebenso von irgendeiner Einseitigkeit aus urteilen, es habe

keinen wahren Kulturfortschritt gegeben und alles bewege sich nur immer

wieder im Kreise herum. Man kann vom Boden des reinen Friedensideals

betonen, daß die Erde noch in Blut schwimmt, daß Christus nichts

erreicht hat, daß das Völkerrecht von Kulturnationen noch mit Füßen

getreten wird, daß es Verbrecher gibt, heute noch. Man vergißt

eben dann, daß die Menschheit, wie sie oben gekennzeichnet ist,

zunächst nicht bloß _einen_ Faden auszuspinnen hatte, sondern mit dem

widerspruchsvollsten Naturerbe sich bis heute auseinandersetzt; daß

Entwickelung und Fortschritt nicht Erfüllung heißt, sondern langsamer

Anstieg inmitten zahlloser Hemmungen; und daß es immer wieder Krisen

gibt, deren Wert eben darin besteht, daß sie uns zeigen, was noch nicht

fertig, noch nicht wirklich geklärt ist, eben, um uns aufzurütteln

dafür, was noch weiter in unendlicher Arbeit getan werden muß. Wer

ginge nicht mit Grauen durch unsere Tage grade jetzt wieder; und

doch ist in diesem Grauen selbst schon der Wert und die Hoffnung.

Furchtbar sind solche Augenblicke, aber sie sind auch der Märtyrer des

Besserwerdens. Dafür hat eben der Mensch die bewußte Schau mit der

Freiwahl, daß er auch das Düstere immer wieder in ganzer Nacht _sehen_

muß. Das hat uns der lichtgläubigste Dichter, den wir gehabt haben, in

seinem »Faust« gezeigt. Ein Märtyrer ist in diesem Sinne selbst der

Verbrecher, weil er uns darauf stößt, daß hier in unserer Gesellschaft

noch zu bessern, besser zu erziehen, besser sozial vorzusorgen ist.

Alle diese Nachtzeichen sind in der Form, wie sie auf unsern bessern

Menschheitsinhalt wirken (der doch auch eben besteht, sonst wäre unsere

Klage um das Schlechte nicht), nur selber Entwicklungs- und nicht

Kreislaufs- und Stillstandszeichen.

Manches Unheil in der Kulturbetrachtung richtet auch nur unser

gewöhnliches Geschichtsbild, wie wir es zu lernen pflegen, an mit

seinem ungeheuren Wirrsal politischer Geschehnisse, mit seinen Völkern,

die scheinbar sinnlos aneinanderprallen, übereinander fortfluten,

einander vernichten, mit seinen endlosen leeren Ziffernreihen

unvermittelten Geschehens in Reichen, Königen, Staatsmännern,

Schlachten, bei denen das geschichtliche Bild sich immer wieder

spinnt wie das Netz der Penelope und am andern Morgen wieder zerstört

ist. Augenblicklich aber erscheinen mit ganz überwältigender Kraft

die zusammenschließend aufwärts gehenden Fäden, sowie man wirkliche

Kulturgeschichte betrachtet und vollends, wenn man aus ihr die

Einzelgeschichte irgendeines Geistesgebiets aus der Reihe jener

oben angedeuteten Menschheitsfächer heraushebt. Man nehme beliebig

die Geschichte etwa der Philosophie oder der Mathematik, der Musik,

irgendeines Zweiges der Technik, der Astronomie oder Zoologie -- und

der aufsteigende Zug ist unabänderlich da. Man verlangt Geist Gottes in

der Geschichte. Nun, wenn das bedeuten soll, daß alles von vorneherein

so vortrefflich eingerichtet sein soll, wie möglich, daß die Welt

mit dem erfüllten Ideal anfangen soll, so gibt es natürlich nichts

derart weder in der Natur noch in der Menschheitsgeschichte, und es

könnte nichts geben, denn diese Vorwegnahme höbe überhaupt den Begriff

Entwickelung und Geschichte selber auf. Wenn es aber heißen soll,

daß nicht ein Haufen Unsinn, sondern ein organisches Wachstum, eine

Lebenssteigerung, im Sinne menschlichen Bewußtseins und Geisteslebens

eine zunehmende Aufhellung in jedem einzelnen jener Kulturzweige

geschichtlich hervortreten soll, so geht dieser Geist tatsächlich auf

Schritt und Tritt durch die Geschichte. Es braucht nicht so zu sein,

daß grade unsere Ethik, die wir uns selber erst in schweren Kämpfen

innerhalb der Geschichte als eine gewisse eigene Richtschnur errungen

haben, schon überall die Dinge selbst sichtbar beherrsche, daß nichts

Tragisches, Schmerzliches, eben unseres Mitleids und unserer sittlichen

Läuterung im einzelnen Bedürftiges in dem ungeheuren Spiel wäre, --

wenn eben nur _ist_, daß freie Geisteswahl, Technik, Gemeinsinn mit

seinen Gesetzen, Edelliebe und hilfsbereites, mitfühlendes Gemüt,

Kunst und was sonst Wesen des Menschenwesens ist, sich fortgesetzt

vertieft haben _in_ den sichtbaren Jahrtausenden bisher, ohne daß

eine einzige dieser Wesenseigenschaften inzwischen wieder erstarrt,

versandet, in niedere Urformen wieder zurückgesunken wäre. Man stelle

sich einen Menschen dicht beim Ende dieser letzten zehn Jahrtausende

vor vom Geistesinhalt Goethes und eine Kultur, die dabei ist, diesen

Geistesinhalt mehr und mehr als Gemeinbesitz in sich zu verbreiten --

und daneben einen Diluvialmenschen in seiner Höhle der Eiszeit, der uns

so rührend ist, weil in ihm der Mensch schon mit ganzer Kraft begonnen

hatte, und der doch erst das kleine Kind der Kultur war, die dort zum

Manne gereift ist. Wer vor diesen beiden Bildern nicht an Heraufgang

glaubt, der spielt eben nur mit diesem Wort und hat die Heiligkeit

seines Inhalts nie begriffen.

Und mit diesem Bilde schreiten wir nun auch in die nähere Zukunft.

Überall sehen wir Arbeit, die weiter getan werden soll, Fahne um

Fahne, die weiter flattern will. Ich will nicht von den großen Dingen

reden, die grade wieder dahinstürmen, denken wir nur an die Arbeit im

stillsten Kämmerlein. Wie oft hat es ausgesehen, als sei nun alles

erforscht, alles gedacht. Und wie hat allein die Naturwissenschaft

grade unsrer Zeit da wieder ganz neue Welten aufgetan, von denen noch

kein entferntestes Ende abzusehen ist. Nach der Verwertung durch

die Technik wird erst eigentlich innerlich der Gedanke sich damit

auseinandersetzen müssen. Unser Gemütsleben, unser religiöses Sehnen

wird sich neu damit in einen höheren Einklang bringen müssen. Arbeit

für Jahrhunderte. Wir stehen überall erst in den Anfängen. Und auch

das dann doch nicht bloß im stillen Kämmerlein. Ins weite sehnende

Volksherz hinaus. »Auf freiem Grund mit freiem Volk zu stehn.« Wie

viel Jahrhunderte Zukunftsarbeit liegen wieder in diesem einen

Dichtervers ...

[Illustration]

4

Dennoch, -- wenn man so in der Nacht auf der einsamen Sternwarte

sitzt, aufs Große gestimmt -- oben schimmert die Milchstraße mit

ihren hundert hellen Sonnen ringsum -- und man denkt an diesen nicht

armselig verlorenen, sondern als Weltenbeispiel unsagbar wunderreichen

Erdenstern -- -- wie also das Leben auf ihm sproßte und aus diesem

Leben nach gleichem natürlichem Gesetz der Mensch, -- mit allen seinen

Herrlichkeiten auch er nicht kleiner deswegen, aufsteigend in seiner

Kultur bisher, mit weiten ferneren Aufgaben aus dieser Kultur, zu denen

nur sein Mut und seine Arbeitskraft gehören wie bisher -- -- so tauchen

doch auch wieder Fragen auf. Keine überhasteten, denn dazu ist das Bild

zu feierlich groß, aber doch Fragen.

Es gibt ein altes Märchen, aus dem Sagenkreis der Melusine. Ein Berg

liegt stufenweise voll greulicher Drachenhöhlen. Ritter ziehen aus,

schöne tapfere George aller Art, aber sie schaffens nicht, sie werden

von den Ungeheuern gefressen, das Scheusal triumphiert. Da kommt ein

wahrer Prachtkerl, der einen Lindwurm um den andern erlegt bis zum

obersten. Der aber frißt ihn doch noch. Und man hört, daß die Ursache

weit zurück in seinem Stammbaum lag. Dort war irgendein dunkler

Punkt, wenn aber der nicht erfüllt war, so stand nach unerbittlichem

Gesetz geschrieben, daß auch er die Drachenburg nicht ganz erlösen

konnte. Der Mensch hat alles Drachenvolk der untern Erde überwunden im

Menschengeist. Aber zuletzt haftet er an dieser Erde, und er haftet am

Leben. Liegt auch hier der Drache, der ihn doch noch fressen muß?

Der Mensch der Zukunft · 第 2 / 9 段