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[Illustration]
Der Mensch der Zukunft
Kosmos, Gesellschaft der Naturfreunde, Stuttgart
Die Gesellschaft Kosmos will die Kenntnis der Naturwissenschaften und
damit die Freude an der Natur und das Verständnis ihrer Erscheinungen
in den weitesten Kreisen unseres Volkes verbreiten. -- Dieses Ziel
glaubt die Gesellschaft durch Verbreitung guter naturwissenschaftlicher
Literatur zu erreichen mittels des
=Kosmos=, Handweiser für Naturfreunde
Jährlich 12 Hefte. Preis M 2.80;
ferner durch Herausgabe neuer, von ersten Autoren verfaßter, im guten
Sinne gemeinverständlicher Werke naturwissenschaftlichen Inhalts. Es
erscheinen im Vereinsjahr 1915 (Änderungen vorbehalten):
=Wilh. Bölsche, Der Mensch der Zukunft.=
Reich illustriert. Geheftet M 1.-- = K 1.20 h ö. W.
=Dr. Kurt Floericke, Gepanzerte Ritter.= Aus der
Naturgeschichte der Krebse.
Reich illustriert. Geheftet M 1.-- = K 1.20 h ö. W.
=Dr. Karl Weule, Urformen der Schrift.=
Reich illustriert. Geheftet M 1.-- = K 1.20 h ö. W.
Ferner sind vorgesehen Bände von =Dr. Herm. Dekker= und =Arno Marx=.
Falls diese nicht rechtzeitig fertig werden, da beide Verfasser im
Krieg sind, werden sie durch andere gleichwertige ersetzt werden,
worüber noch im Kosmos-Handweiser berichtet wird.
Diese Veröffentlichungen sind durch _alle Buchhandlungen_ zu beziehen;
daselbst werden Beitrittserklärungen (Jahresbeitrag nur M 4.80) zum
=Kosmos, Gesellschaft der Naturfreunde= (auch nachträglich noch
für die Jahre 1904/14 unter den gleichen günstigen Bedingungen),
entgegengenommen. (Satzung, Bestellkarte, Verzeichnis der erschienenen
Werke usw. siehe am Schlusse dieses Werkes.)
Geschäftsstelle des Kosmos: Franckh'sche Verlagshandlung, Stuttgart.
Der
Mensch der Zukunft
Von
Wilhelm Bölsche
Mit einem farbigen Umschlagbild
und Zierleisten nach Zeichnungen
von _Willy Planck_
[Illustration]
Stuttgart
Kosmos, Gesellschaft der Naturfreunde
Geschäftsstelle: Franckh'sche Verlagshandlung
1915
Alle Rechte, besonders das Übersetzungsrecht, vorbehalten.
Für die Vereinigten Staaten von Nordamerika:
~Copyright 1915 by
Franckh'sche Verlagshandlung, Stuttgart.~
STUTTGARTER SETZMASCHINEN-DRUCKEREI
HOLZINGER & Co., STUTTGART
[Illustration]
1
Unsere frische und gesunde Augenblicksarbeit wird nicht unmittelbar
bestimmt durch Vermutungen über ganz ferne Dinge der Vergangenheit oder
Zukunft.
Zu jeder Kraft gehört wohl ein gewisser Glaube. Aber dieser Glaube
wurzelt in tieferen Erfahrungs- und Gefühlswerten als grübelndem
Vermuten. Wenn ein tapferes, kraftbewußtes Volk gegen ein Heer von
Gegnern um seinen Platz an der Sonne ringt, so vertraut es im Moment
auf sein Geschichtsrecht und seine Zukunftsaufgabe, und daran kann
ihm keine Theorie etwa über urälteste Herkunft seiner Rasse oder
entlegenste Endschicksale menschlicher Rassen überhaupt rütteln. Und so
ist es auch mit der Menschheit im Ganzen.
Jeder echte und einigermaßen tiefe Mensch in unserer Kultur, sei
er schlicht oder hoch, gelehrt oder bloß mit dem einfachsten
Bildungsanteil, -- er pflegt auf einer gewissen Reife seines Lebens
seinen _Menschheitsglauben_ zu haben. Er hat sein Teil Dinge erlebt,
gute und schlechte. Viel schlechtes, enges, beschränktes. Er hat
das Bruchstück erlebt, das in jedem kurzen Menschendasein inmitten
von so viel Nacht und Schwierigkeiten liegt. Er schwelgt nicht in
überflüssigem Schönfärben. Dennoch zieht er als Summe den Glauben, daß
neben der Nacht auch Licht ist; daß die Dinge nicht bloß im Trüben
stecken bleiben und das Gute sich auf die Dauer doch einigermaßen
durchsetzt, wenn auch in schwerer Arbeit und nicht als leichtes
Geschenk; daß es, mit einem Wort, trotz alledem vorwärts gehe. Ohne
diesen Glauben könnten wir nicht leben, -- wir können es aber, denn
er gestaltet sich eben als letzter Rückstand aller Erfahrungen immer
wieder in uns. Wenn wir durch das Volk gehen und die schlichtesten
Leute fragen oder bloß bei ihrem Handeln beobachten, Leute, die
eine gewisse Lebensarbeit ernst hinter sich haben und doch still
weiterschaffen, so stoßen wir überall auf diesen Glauben; unzählige
lebensgeprüfte Männer und Frauen haben nicht die Redegabe, ihm
Ausdruck zu verleihen, aber ihre Arbeit ist ihr Ausdruck, und auf dem
vertrauenden Geiste dieser Stillen ruht unsere edelste Volkskraft.
Zu diesem Glauben gehört aber auch etwas, das über das Bruchstück
des Einzellebens hinausgreift. Es gehört der besondere Glaube noch
dazu an etwas weiteres, dauernderes, -- Kinder, Nachkommende, Volk,
Kultur, zuletzt Menschheit; der Glaube, daß auch da etwas weiter
sich durchsetze irgendwie von Nacht zu Licht, ein Aufstieg, eine
Fortentwickelung, ein Besserwerden.
Man verlangt auch da nichts Überschwengliches, verlangt nicht morgen
das Paradies; aber doch etwas, das unserer harten Arbeit mit ihren
ungezählten Entsagungen noch einen weiteren Sinn gibt. Auch diesen
weiteren Blick haben wir nötig, und auch er hat in seiner Weise etwas
Felsenfestes, an dem uns nichts rütteln kann. Auf diesen ganzen
stillen Zuversichten baut sich unser _praktischer Idealismus_ auf,
den man so bescheiden ausdrücken mag, wie man will, so bleibt er doch
zuletzt der Herzschlag unseres ganzen geistigen Lebens im einzelnen
wie in der Öffentlichkeit. Und diesen Idealismus, soweit er auch an
einen Fortgang oder Fortschritt oder, was dasselbe ist, an einen Sinn
der Menschheit glaubt, können, meine ich, weder Untersuchungen und
Vermutungen über das fernste natürliche Werden dieser Menschheit in
der Vergangenheit noch über ihr vielleicht schließliches Schicksal in
der Zukunft unmittelbar berühren. Dieser praktische Idealismus hat
sich für die entlegenste Vergangenheit lange vertragen mit der Idee,
daß die Menschheit zu Anfang der Dinge in einem lichten Sonnengarten
schon einmal im ganzen Glück gewesen sei und daß sie dann erst durch
ein Verhängnis auf diesen langen, langsamen Arbeitsweg erst wieder von
Nacht zu Licht gebracht worden sei; er hat sich damit vertragen, weil
auch so doch der praktische Weg durch Nacht zu Licht für ihn blieb und
die sittliche Tat eine Fortschrittstat darin blieb, einerlei, wie es
nun zu Anfang gewesen war. Er verträgt sich aber meines Erachtens auch
damit, wenn heute der Naturforscher ihm zu zeigen versucht, daß dieses
langsame Heraufringen und Herauftasten wahrscheinlich noch viel weiter
gegangen ist; daß der Mensch selber erst eine Stufe darin war, die in
mühsamer Entwickelung erkämpft werden mußte und hinter der schon eine
lange, lange Kette natürlicher Werdegestalten noch unterhalb seiner
Bildung heraufkam. Am Trost _seiner_ Arbeit kann es ihm wohl kaum
rütteln, daß diese Arbeit noch viel tiefer begonnen hat in der Natur,
noch viel mehr überwinden mußte und doch zu dem immerhin gekommen ist,
was wir heute haben. Im übrigen würde er aber auch auskommen, vertrauen
und seine Arbeit tun, wenn er von all diesen entlegenen Dingen nichts
wüßte.
Und so und nicht anders steht es mit ihm auch bei der Zukunft der
Menschheit. Es genügt ihm, daß sie zunächst vor dem einzelnen weiter
dahinflutet, aller Art zäher Lichtarbeit in ihrem Dunkel auch weiter
voll. Zu gewissen Zeiten hat dieser praktische Idealismus seine
Arbeit getan und seinen Menschenglauben und Menschheitsglauben
und Lichtglauben bewährt, obwohl er hörte, es wären dem
Wiederaufwärtsringen der Welt nur noch tausend Jahre angesetzt. Man
weiß, wie die früheren christlichen Jahrhunderte unter diesem Druck
gestanden haben. Als die Tausend aber um war und die Welt doch noch
stand ohne Termin, hat der schlichte Tatidealismus einfach rüstig
weiter geschafft, auch damit. Und er würde schaffen, wenn ihm heute
wieder mit zwingendem Schluß bewiesen werden sollte, daß auch die
natürlich gewordene Menschheit nach natürlichem Gesetz in Billionen
oder wieviel Jahren wieder in den tieferen Schoß der Natürlichkeit und
Naturarbeit irgendwie zurückgenommen werden müßte. Wir haben ihn uns
doch errungen aus dem kleinen Bruchstück unseres armen Menschenlebens,
-- aus dem winzigen Zuge zum Licht, der in diese Armut hineinbrannte.
Wir haben dieses kleine Menschenleben dann angeschlossen an die Arbeit
der Menschheit als ein Größeres. Nun, ist auch diese Menschheit zuletzt
nur ein Bruchstück, so werden wir den Glauben nicht verlieren. Auch sie
ist dann nur wieder ein Symbol gewesen eines wohl noch Umfassenderen,
das wir vielleicht im kosmischen Zusammenhang ahnen, wenn zu dieser
Menschenerde heute der nächtliche Sternenhimmel mit seinen tausend und
tausend Weltenaugen herniederbrennt, -- der aber vielleicht selber auch
nur noch ein Gleichnis des ganz Unbeschreiblichen ist.
Inzwischen tun wir aber auch wieder unsere Arbeit durch die Jahre, wie
viele es sein sollen, -- immer im nächsten Ziel zum Licht, ob so, ob so.
Wie mancher von uns hat grade in diesen schweren Zeiten wieder das
Gewaltige an sich selbst erfahren, das darin liegt: Hier stehe ich,
ich kann nicht anders; ich frage nicht, ich schaue nicht nach rechts,
noch links; ich tue meine Pflicht; mag die Welt zerbrechen; ich tue
meine Pflicht. Das ist es, was auch unser großer Dichter meinte, als
er seinen Faust, der in ruhelosem Begehren die ganze Welt durchstürmt
hatte, zuletzt die Heiligkeit des Augenblicks erkennen ließ.
»Ja diesem Sinne bin ich ganz ergeben,
Das ist der Weisheit letzter Schluß:
Nur der verdient die Freiheit wie das Leben,
Der _täglich_ sie erobern muß.«
[Illustration]
2
Es ist wertvoll, das leichte Schifflein unserer Fahrt zum Menschen
der Zukunft zunächst von diesem sicheren Hafen ausgehen zu lassen.
Eine gewisse Gewähr gibt er, daß wir heimfinden um jeden Preis.
Inzwischen ist aber gewiß, daß, wenn wir uns schon auf die blaue oder
graue Weite dieses fernen Meeres hinauswagen sollen, heute _ein_ ganz
bestimmter Leuchtturm da draußen uns zunächst am besten leiten kann.
Vielerlei Utopien lassen sich ja auf schmuckem oder schwarzem Segel
dort hinaustreiben. Alle Weltanschauungen lassen sich einschiffen,
goldene wie gallige. Es gibt keinen technischen, keinen sozialen,
keinen ethischen Lieblingswunsch von heute, der nicht dort schon
verwirklicht gesehen worden ist, -- von den Träumen, daß alle Menschen
zu essen haben, bis zu den Menschen, die mit unendlich vervollkommneten
Apparaten Wellen auffangen, mit denen die Bewohner anderer Weltkörper
zu ihnen reden, oder die selber durch die Sterne reisen. Und es gibt
auch keine Angst, die sich nicht schon in einer kalten Nacht dort
begraben hätte. Alle diese Wege haben gewiß ihren Wert in ihrer Weise,
denn wie der praktische Idealismus, so hat auch die kühnste Phantasie
ihre gewaltige Bedeutung, die nur ein ganz Unkundiger verkennen mag.
Die Phantasie ist einst vor Kolumbus her auch über den wirklichen
Ozean gefahren, und es gibt keinen Wirklichkeitssieg, an dem sie nicht
irgendwie still vorschaffend und begeisternd beteiligt gewesen wäre.
Selbst wenn sie bange Bilder baut, ist sie ein strenger Zuchtmeister
gegen das allzu Bequeme, -- wenn sie aber ins Licht malt, was wir
vielleicht durch eigene Kraft noch mehr aus uns machen könnten, ist sie
ein heiliger Apostel der Tat zum Ideal. Das alles wohl in Ehren, wollen
wir aber so hohen Flug zunächst doch einmal nicht nehmen, -- wollen
vielmehr sozusagen etwas mehr von unten anfangen, statt von oben. Wir
wollen für unsere Zukunftsfrage nicht davon ausgehen, was etwa noch
einmal ganz Neues und Überraschendes aus dem Menschen werden könnte;
sondern wir wollen dabei beginnen, was er eigentlich heute _ist_, --
mit seines Schicksals Sternen in der Brust. Und hier erscheint ja eines
heute vorweg geklärt.
Seit rund fünfzig Jahren, wenn wir sie mit Darwin anfangen lassen
wollen, haben wir jetzt mindestens die große neue Weisheit und Wahrheit
in der Welt: daß der Mensch in natürlichem Wachsen und Werden aus
der Entwickelungsstufe der organischen Wesen, genauer der Tiere,
herausgekommen sei. Man kann den Gedanken auch deutsch und dann schon
vor etwas über hundert Jahren anknüpfen, denn damals war er bei uns
schon im stillen spruchreif; damals hatte der alte Kant die Idee einer
natürlichen Entwickelung in ihrer Anwendung auch auf lebendige Wesen
(von Sternsystemen hatte er sie selber gelehrt) als ein »gewagtes
Abenteuer der Vernunft« bezeichnet; eben dieses Abenteuer aber vermaß
sich kein Geringerer als Goethe ausdrücklich schon zu bestehen, wobei
die Nutzanwendung auch auf den Menschen nur eine unvermeidliche
Folgerung sein konnte. Jedenfalls aber ist heute über den Beweis der
großen Sache im Ganzen naturwissenschaftlich kein Zweifel mehr. Man
streitet sich mit gutem Recht noch über Methoden der Entwickelung,
nicht aber über sie selbst; und wenn man sie für Pflanzen und Tiere
zugibt, kann man den Menschen nicht wohl ausschließen, seit schon der
alte fromme Linné schlicht der Wahrheit die Ehre gegeben hatte, daß das
Menschenwesen naturgeschichtlich eine Säugetierart sei. Zuletzt ist
noch Hader über das Wörtchen »natürlich«, von dem viele noch meinen,
es schließe ihr tiefer vertrautes »göttlich« aus; wozu aber auch eben
Goethe doch wohl schon das Entscheidende gesagt hat: daß, wer sein
Göttliches im rechten Sinn in allem suche, was da ist, es zuletzt
auch im Natürlichen finden müsse. Was immer wir über den Menschen der
Zukunft uns denken: mit dieser Grundtatsache also müssen wir heute
rechnen, von ihr müssen wir ausgehen. Nun aber _mit_ ihr müssen wir uns
doch noch ein Zweites klar vor Augen stellen, das mancher nicht so
deutlich heute zu sehen pflegt, grade wenn er das andere noch so fest
unter seine Überzeugungen aufgenommen hat.
Man sagt sich wohl: seit Kopernikus uns gezeigt hat, daß unsere Erde
nicht die Achse des Weltenrades ist, sondern als Stern zwischen Sternen
geht, und seit wir durch Darwin wissen, daß der Mensch einst vom Tier
gekommen ist, -- so mag uns nun diese Erde recht nur ein gleichgültiges
Stäubchen sein und der Mensch eine beliebige belanglose Tierart neben
anderen. Mancher hat geglaubt, das in möglichst herabsetzender Form
als eine Art stiller Entsagung in sein Weltbild aufnehmen zu müssen.
Richtig aber ist es deswegen nicht. Wenn es richtig wäre, hätte ja auch
unsere ganze Zukunftsbetrachtung, die Betrachtung der Zukunft von etwas
so Gleichgültigem, von Anfang an wenig Zweck.
In Wahrheit ist diese Erde -- selbst wenn wir den Naturforscher einmal
bloß als prüfendes Auge auf ihr gelten lassen und vergessen wollen,
daß er doch selber auch zu Erde und Menschheit mit Heimatsgefühl
gehört, -- in Wahrheit ist sie das große Beispiel für uns, an dem wir
die wunderbare überbietende Naturstufe des _Lebens_ kennen lernen,
diese höhere Stufe, die alles bis dahin von der Natur Geleistete und
Sichtbare noch einmal weit hinter sich läßt. Mögen wir annehmen, daß
auch dieses Leben seine Wurzel zuletzt in dem allgemeinen tieferen
Untergrund der Natur habe. Mögen wir ahnen, daß auch diese Lebensstufe
eine kosmische Stufe der Entwickelung sei, die auch sonst tausend- und
tausendfach im All erreicht wird nach gleichem Gesetz. So ändert das
doch nichts an der Gewalt und dem Reichtum des großen Lebensvorgangs
selber und ändert auch nichts daran, daß es für uns eben die Erde ist,
die ihn uns offenbart. Wenn auch der Mensch tatsächlich nichts anderes
wäre, als bloß ein Teil dieses Lebens auf Erden, dieser Lebensstufe der
Natur, so wäre es schon ein Großes auch um ihn, denn nicht auszusagen
sind die Leistungen und Geheimnisse, die uns diese Welt des Lebendigen
alle Tage noch neu bietet, je tiefer wir mit unserer Forschung in
sie einzudringen suchen. Wie in ganze neue Sternsysteme, bloß von
noch höherer Ordnung und Einheit, schauen wir hinein selbst in die
kleinsten Teilchen des vom Leben erfüllten Stoffs, in die einfache
Zelle mit ihrem Wunderbau, in die verwickelten Staaten dieser Zellen,
in all ihre geheimen Selbstregulierungen und unendlichen Gestaltungs-,
Umgestaltungs- und Anpassungsmöglichkeiten, -- gewiß, daß wir überall
erst bei den Anfängen einer wahren Einsicht in diese belebten Systeme
stehen, die den ungeheuren Ball unserer Erde nur wie ein zarter Duft
seiner Oberfläche überziehen, beständig zu zerfließen, zu vergehen
scheinen und sich doch ebenso beständig wieder herstellen, seit so viel
Jahrmillionen im ewigen Fluß und doch unzerstört, in unendliche Formen
zerspalten, Individuen geteilt und doch auch wieder in ihren Gesetzen
ein einheitliches Wesen, das von grauen Urtagen sich heraufringt und in
allem Wechsel behauptete bis heute.
Nun aber ist die weitere Wahrheit, daß der Mensch, wie er uns
gegenwärtig vor Augen steht auf der Erde und wie wir selber aus seinen
hellen Augen heraus schauen, keineswegs bloß eine beliebige Probe und
Dutzendarbeit wieder dieses Lebens ist. Auch er ist vielmehr innerhalb
und jenseits der Entfaltung des irdischen Lebensbeispiels noch einmal
ersichtlich eine ganz besondere neue Stufe der Naturmöglichkeit
im steigernden Sinne, -- entsprungen aus der tieferen allgemeinen
Lebensschicht nach natürlichem Gesetz (daran halten wir ja auf alle
Fälle fest), aber in einer ganzen Reihe wesentlichster Punkte nochmals
über alles weit hinausgewachsen, was selbst das vollkommenste Leben vor
ihm zusammengenommen geleistet.
Deutlich sehen wir ja noch (und das Sehen nach dieser Seite war eben
die große Errungenschaft der Darwinschen Schule), wie der Mensch
auf der einen Seite noch immer in den Linien dieser niedrigeren
Lebensleistung hängt. Auch sein Leib baut sich auf aus jener
rätselreichen Systemeinheit des ursprünglichen Lebens, der Zelle. Wenn
auch er nach dem alten Lebensgesetz seinen Körper individuell immer
wieder neu aufbaut, gleichsam immer wieder an früherer Flamme zu neuer
anzündet (das Bild hat eine tiefere Bedeutung, denn in der Tat hat
das Leben zur sich selber verzehrenden und wieder ersetzenden Flamme
einen geheimnisvollen Bezug), so geht er dabei von einer zeugenden
Einzelzelle durch Teilung zur Vielheit, deutlich so beweisend, daß auch
in ihm der uralte Weg steckt von der bakterisch einsamen Zelle zum
Zellenstaat. Ganz genau prägt sich in seinen einzelnen Organen dann ab,
durch wieviel Hauptstationen des großen Lebensweges auch er noch weiter
mitgegangen sein muß. Seine chemische Körperarbeit verrät, daß er einst
die Wende mitgemacht hat von der Pflanze zum Tier. Sein Magen zeigt,
daß er durch den allgemeinen Urgrundriß des höheren Tiers gegangen
ist, mit seiner Wirbelsäule, die das Rückenmark trägt und schützt,
muß er die Straße des Wirbeltiers berührt, mit seiner Lunge den Fisch
überwunden, mit seinem Warmblut und der Gebärmutter und Brust seines
Weibes die Station des Säugetiers durchschritten haben. An seiner Hand
haften noch die Züge des Kletterorgans, während sein Fuß fast wie
unfertig erstarrt erscheint auf der Stufe zwischen solchem Greiforgan
und der neuen eines aufrechten Ganges. Man glaubt den geschichtlichen
Moment noch ungefähr zu ahnen, wo er zuerst mit all diesen Merkmalen
äußerlich fertig dastand, -- noch in dem älteren, sehr warmen Teil
wohl der Tertiärzeit, nicht allzufern den letzten großen Gabelungen
des Säugetierstammbaums. Manche Kleinigkeit ist damals noch urtümlich
an ihm geblieben, wie sein Gebiß. Er beteiligte sich an einem Schwund
der Nase, doch lange nicht so weit wie die höchsten Affen. Mit Schwanz
und Spitzohr fiel gleichsam der Satyr noch von ihm ab, der Waldpan,
ohne daß er doch kleine Zeichen auch davon je ganz verloren hätte.
Rätselhaft verschwand ganz zuletzt noch sein Haarkleid, er wurde
wirklich nackt wie im Paradiese.
Alle diese Züge geben den unzweideutigen Anschluß nach _unten_, an
die große übrige Lebensschicht. Keiner aber würde noch darüber hinaus
führen. Auch die höchsten Wirbeltier- und Säugetierzüge geben nur
eben Züge eines einzelnen stark spezialisierten Astes im Stammbaum
der Tiere, der neben andern dort steht. Nichts tritt in Gegensatz zu
_allen_ Tieren bisher, allen andern Lebewesen überhaupt. Aber wir alle
wissen auch, daß der Mensch nicht erschöpft, nicht fertig beschrieben
ist mit diesen Zügen allein. Und die andere Seite beginnt bei dem uns
allen ebenso geläufigen Satz: der Mensch steht geistig turmhoch über
jedem Tier. Mit diesem Satz müssen wir uns aber noch einen Augenblick
beschäftigen, um ihm den ganz richtigen Sinn zu geben.
Es ist zunächst nicht so, daß etwa der Mensch bloß Geist hätte und
selbst die ihm nächsten Tiere nur geistlose Maschinen wären. Mit dieser
Auslegung ist vielfältig der außernatürliche Zusammenhang des Menschen
zu begründen versucht worden, es gibt aber immerhin auch Naturforscher,
die sie naturwissenschaftlich für möglich halten. Ich glaube aber,
daß sie kaum ernsthaft widerlegt zu werden braucht. Man kann sie
sich in der Studierstube aushecken, jeder praktische Tierkenner aber
wird über sie lächeln. Er weiß, daß eine Unmenge geistiger Regungen
-- Leidenschaften, Freude und Schmerz, die verschiedenartigsten
Gemütsbewegungen -- bei unsern Hunden, Pferden, Affen so vollkommen den
gleichen Ausdruck finden wie bei uns, daß jeder Zweifel voreingenommene
Künstelei bleibt. Wenn die Behauptung aufgestellt worden ist, der
Ausdruck sei beim Tier zwar der gleiche wie bei uns, wir hätten aber
keinen Anhalt dafür, daß auch dort wirklich Gefühle dahinterständen,
so tritt die Spitzfindigkeit wohl genügend hervor, um sich selbst zu
widerlegen.
Die allgemeinen Anzeichen für Empfindungsprinzipien gehen aber durch
die gesamte Welt des Lebens bis zu ihren Anfängen hinab, und auch in
jeder allereinfachsten Empfindung liegt schließlich im Kern bereits
das ganze Geistige, wie ja jede Empfindung auch schon ein einfaches
Bewußtsein voraussetzt, von dem etwas »empfunden« wird. Also in
diesem Sinne hat der Mensch zweifellos auch seinen Geistesodem schon
auf tiefster Urstufe mit eingeblasen bekommen, sofern es sich nur um
Geistiges überhaupt handelte.
Nun könnte man aber weiter meinen, der menschliche Geist stelle bloß
eine gewisse Spezialisierung und Häufung des tierischen Geistes dar.
Bekanntlich sehen wir bei gewissen Tieren selbst schon Geistesorgane,
Gehirne, auftreten, die auch dort auf ziemliche Häufung nach dieser
Seite schließen lassen, so bei Insekten und in anderer Gestalt bei
Wirbeltieren. Ein Affengehirn sieht einem Menschengehirn schon überaus
ähnlich, und wenn man diese beiden Gehirne bloß vergliche und sonst
vom Menschenwesen als Tat nichts wüßte, so würde man ja wohl raten,
daß dieses Geschöpf mit dem noch ein Teil größeren und verwickelteren
Gehirn wohl noch etwas mehr Geisteshäufung bewähren müßte, aber im
übrigen doch nur glatte Fortsetzung ohne Änderung wäre. Die wirkliche
»Tat« des menschlichen Gehirns aber erweist uns, daß auch das so nicht
richtig ist.
In das menschliche Gehirn ist zwar nicht etwas Übernatürliches
eingefahren, aber es hat ein ganz bestimmter _Systemwechsel_ darin
stattgefunden, den der einfache Begriff der Häufung nicht enthält. Das
ist kurz so zu verstehen.
Jeder von uns, der sich mit Tieren beschäftigt und sich im erwähnten
Sinne darüber verständigt hat, daß auch bei ihnen Geistesleben
vorhanden ist, kennt doch auch eines in diesem Geistesleben des Tieres.
Neben jenen unmittelbaren Empfindungsäußerungen, Leidenschaften,
Gemütsbewegungen gewahren wir eine Überfülle geistiger Betätigungen,
die wie allervorzüglichste Verstandesschlüsse aussehen, fabelhaft
glücklich das dem Tier nützlichste durchführen, dabei aber tatsächlich
vom betreffenden Tier weder gewählt noch erlernt werden, sondern ihm
bereits angeboren, als felsenfeste Richtlinien zwangsweise mitgegeben
sind. Es sind die allbekannten Triebe, Instinkte des Tiers. Jedes
Tiergehirn ist bereits bei der Geburt mehr oder minder stark über und
über beschrieben mit den festen Gleisen solcher Instinkte. Durch sie
schwimmt, um mit Weismanns gutem Wort ein Beispiel zu geben, »das
Entchen sofort auf dem Wasser, das eben aus dem Ei geschlüpfte Hähnchen
pickt nach Körnern, die auf dem Boden liegen, der Schmetterling, der
gerade erst aus der Puppe gekrochen ist, weiß sofort, nachdem seine
Flügel getrocknet und erhärtet sind, sie zum Fluge zu gebrauchen,
und die Raubwespe kennt ungelehrt ihr Opfer, eine Heuschrecke oder
ein anderes bestimmtes Insekt, weiß es zu überfallen, durch Stiche
zu lähmen und zweifelt dann keinen Augenblick, was sie ferner tun
muß; sie schleppt das Opfer in ihren Bau, bringt es dort in eine der
Zellen, die sie vorher schon für die künftige Brut hergerichtet hat,
legt ein winziges Ei darauf und deckelt dann die Zelle zu.« Der größte
und wesentlichste Teil der tierischen Geistesleistung wird durchaus
und nur von solchen Instinkten beherrscht, ist eingesperrt in ihren
Mechanismus, so daß man sie recht eigentlich als das grundlegende
geistige System aller Lebewesen unterhalb des Menschen bezeichnen kann.
Vielerlei Deutungen gibt es bekanntlich, wie dieses zweckmäßige
Instinktsystem, das als Intelligenzarbeit im Erfolg wirkt und doch
nicht Intelligenz des Einzelwesens ist, entstanden sein könnte. Es
sitzt wie eine geheimnisvolle Brille auf dem Tier, durch die es das
Rechte sieht und die es doch nicht selber machen kann, -- wer hat
sie also gemacht? Gottes Intelligenz, meinen die einen, hat sie
dem einfältigen Tier aufgesetzt. Andere haben doch immer wieder an
wenigstens ursprüngliche Intelligenz, Lernen und Gewohnheit der
betreffenden Tierart gedacht, deren Erfolg allerdings nachher rein
automatisch vererbt worden wäre. Die Möglichkeit, daß sich Gewohnheiten
vererben könnten, ist wieder von Dritten bestritten, von noch andern
aber doch auch wieder verteidigt worden. Zu leugnen ist aber nicht,
daß der Zurückführung der verwickelten Instinkte besonders niederer
Wesen auf irgendeine entsprechende ursprüngliche Intelligenz dieser
Wesen selbst wirklich Unendliches im Wege zu stehen scheint. Und so
ist wohl die wenigstens gangbarste Naturforschermeinung von heute,
es möchte hier geistig hergegangen sein, wie bei der Entstehung so
vieler Schutzanpassungen und nützlichen Organe am Leibe der heutigen
Tiere, die sie sich doch auch nicht selber an den Leib gesetzt hätten
und doch heute von Geburt an mitbekämen: gewisse nützliche Triebe
seien immer einmal wieder zwischen anderen im Verfolg des großen
Hin- und Hervariierens aller Lebensdinge aufgetaucht, und die habe
dann die natürliche Auslese im Kampf ums Dasein nach dem Darwinschen
Zuchtwahlgesetz begünstigt, ausgelesen und endlich mehr und mehr fest
gemacht.
Mag die Ursache aber sein, wie sie will: jedenfalls herrscht dieses
eigenartige Instinktsystem heute auf der ganzen außermenschlichen
Lebensbreite. Seit undenklichen Zeiten hat es offenbar die Dinge dort
in seiner Weise glänzend getragen und sich zu immer höheren Leistungen
in seiner Linie gesteigert, -- man denke nur an seine schier fabelhafte
Vollendung im Stamm der Insekten, wo es fast alle Wunder einer Art
Kultur im kleinen vor Augen zaubert, -- Tiere, die riesige Staaten
bilden, in selbstgebauten Städten wohnen, eine unsagbar verwickelte
Staats- und Jugendpflege üben, in feste Kasten geteilt sind in ihrem
Volk, Ackerbau und Viehzucht treiben, und das alles doch unter dem
Zepter des Instinktsystems, das jeden Teilhaber vom ersten Moment
seines Lebens als festen Statisten lenkt. Immerhin wird man aber
auch die Schäden und Gefahren des Systems sehen. Je mehr es sich
durchgesetzt hat, desto mehr gibt es den Lebewesen überall auch geistig
etwas Erstarrtes, ein Einerlei mit unendlicher Zerspaltung, aber
keinem rasch möglichen Fortschrittsanschluß, es liegt, obwohl Geist
vorhanden ist, doch noch einmal wie eine ungeheure starre Maschine
über diesem Geist. Unsagbar umständlich wurde jede Umstellung dieser
Maschine, immer tiefer herabgedrückt das Einzelwesen, das doch von
der Zelle an die Naturentwickelung sorgsam sonst herausgearbeitet. Da
war es nun eben die Leistung des Menschenwesens, mit diesem System in
entscheidender Weise zu brechen. Abgewischt erscheint im Menschengehirn
die Gesetzestafel der Instinkte, -- auf dem leeren weißen Blatt aber
waltet als herrschend die freie Verstandeswahl des Intellekts, der
lernt, beobachtet, schließt und sich entscheidet.
Man muß ja auch dafür nicht eine Wurzel im Nichts suchen. Wer seine
Tiere beobachtet, der merkt ganz genau, sofern er nicht bloß
Papierweisheit hineinschaut, daß auch dort schon gewisse Spuren
wirklichen Intellekts neben allen starren Instinktgleisen hergehen,
er merkt gelegentliche Zeichen schon dort von gewissen individuellen
Verstandesschlüssen, von Wahl und Lernen. Aber das alles liegt doch
wie fast verschüttet, es geht eben nur auf dem winzigen Außenspielraum
hin, den der allmächtige Instinkt läßt. Das entscheidend Neue des
Menschen aber ist, daß das, was dort schon als gelegentlicher kleiner.
Handlanger nebenher läuft, hier durch einen vollkommenen umwälzenden
Systemwechsel auf den Thron erhoben wird. Man muß auch ebenso nicht
sagen: der menschliche Intellekt war nun absolut frei. Ganz frei ist
zuletzt in der Natur überhaupt nichts, denn das große Kausalgesetz,
in dem Himmel und Erde hängen, dieses wahre Schöpfungs-Urgesetz, ohne
das innerhalb des Alls kein Stäubchen fällt und kein Gedanke geht,
bestimmt natürlich auch die Verstandeswahl. Aber der große Gegensatz
von Verstandesherrschaft zu Instinktherrschaft bestand und besteht
tatsächlich in einem Gegensatz von Freiheit und Zwang. Der Instinkt
schrieb wahllos Gut und Schlecht vor. Der Intellekt sieht Gut und
Schlecht und wählt nach Verstandesschluß. Und in dieser Systemfrage
ist der Mensch auf der entscheidenden Wende seiner Entwickelung, man
kann wohl sagen im Augenblick der eigentlichen Menschwerdung, nach
dem System der Freiheit hinübergegangen. Darin hat der symbolische
Gedanke der biblischen Schöpfungsmythe durchaus recht: die Krisis des
Menschenschicksals -- mag man in ihr nun einen Schritt auf dem Wege
von Nacht zu Licht sehen oder den ersten Akt einer großen Tragödie, --
lag in diesem Augenblick der Freiheit, da Gut und Böse selbst gesehen
wurden.
Es ist ja im übrigen jedenfalls nicht bloß ein Augenblick gewesen, und
an der feineren Durchführung hat in gewissem Sinne offenbar noch die
ganze Kulturgeschichte bis heute gearbeitet. Die Wehen des Übergangs
werden auch nicht leicht gewesen sein. Von einem Gängelbande, das
bisher Gut und Schlecht wenigstens in einem gewissen grob praktischen
Sinne ohne Erörterung gegeben hatte, losgelöst, mußte das entschiedene
Intellektwesen jetzt erst bewähren, ob sein Intellekt stark sein
werde, dauernd auch zum Guten zu kommen. Die Qual der Wahl mußte sich
einstellen, die Möglichkeit des Irrtums eben wegen der Freiheit, die
Verlockung der »Sünde«, die in der Abweichung von dem allgemeinen
Nutzen für die Art bestand. Hier muß schon früh das schwerste Kapitel
der menschlichen Entwickelung durchgekämpft worden sein, von dem uns
alte Knochen, auch wenn wir ihrer noch so viele zuletzt finden mögen,
niemals etwas erzählen können, während im tiefsten Ideengehalt der
Menschheitsüberlieferung immer doch eine gewisse Erinnerung daran
geblieben ist, die dann symbolische Formen annahm. Vom Ausgang als
Gottesurteil aber mögen wir nachträglich sagen, daß der Intelligenzweg,
_wenn_ er die Kraft fand, sich einmal bis zu einer gewissen Höhe
über die Krisis des Systemwechsels im Übergang hinaus durchzusetzen,
im ferneren die unvergleichlichsten Fortschrittsmöglichkeiten mehr
eröffnen mußte über alles hinaus, was der Instinkt je hatte leisten
können. Wenn man darwinistisch auch hier von der Konkurrenz von
Varianten sprechen will, so war die Variante »freier Intellekt«
zweifellos, einmal bis zu gewisser Macht durchgekämpft, die allerbeste.
Das errungene Gute als Wahlbesitz ist, man mag sagen was man will,
ein ganz anderer Wert als das Gute als blinder Zwang, -- das erleben
wir noch heute als den Kern wirksamen Menschentums alle Tage, -- wir
erfahren es, wenn ein seiner Aufgabe frei bewußtes Heer gegen eine
Masse steht, die bloß die Knute treibt, und wir wissen, daß es die
Grundlage aller echten Erziehung ist. Dieses »Erwirb es, um es zu
besitzen« zieht die Persönlichkeit jedes einzelnen eben ganz anders
heran und hinauf, stellt ihre ureigenste Kraft und Leidenschaft jeden
Augenblick ganz anders mit ins Spiel. Auch das Tier hatte schon
Gemütserregung, Leidenschaft besessen, und in ihr blieb auch der
Mensch; aber sie schloß sich jetzt wie ein nährendes Feuer an die
Arbeitsenergie an, während sie im Instinkt zum größten Teil wertlos
nebenher flackerte. Und die Wahl konnte zugleich stets beweglich und
selbsttätig abändernd grade aus zum Besseren gehen, während jeder Zwang
zugleich eine Fessel ist, die am Fortschreiten hindert. Nehmen wir
wirklich einmal an, daß das Nützliche auch auf der ganzen Instinktlinie
bisher der langsamen natürlichen Zuchtwahl verdankt wurde, so nahm die
Intelligenz des Menschen das Nützlichere jetzt fortan _unmittelbar_
in Angriff. Das wirklich Ungeheure vollzog sich: -- daß ein Wesen die
Zuchtwahl ausschalten konnte und doch zum Nützlichen kam. Der Mensch
verkürzte den Weg ums Unendliche, ging mitten aufs Ziel. Was der
Intellekt stets seinem Wesen nach sein muß: zwecksetzend, -- das wurde
jetzt Angelpunkt des ganzen neuen Systems. Und mit dieser Wende war
jetzt wirklich etwas gegeben, das uns berechtigt, von einer _neuen_
Stufe über _alle_ bisher geleistete Lebensarbeit hinaus zu sprechen.
Denn hier handelte es sich nicht mehr um eine Eigenheit im Tier neben
Tieren. Hier war etwas durchgesetzt, das kein Tier, kein Lebewesen
überhaupt hatte. Einmal die Herrschaft des unmittelbar zwecksetzenden
Intellekts gegenüber dem starren angezüchteten Instinktsystem
durchgesetzt, ergaben sich notwendig die weiteren großen Folgen, die
nun wie eine ungeheure Mauer binnen kurzem zwischen allem Tierwesen
und Menschenwesen aufwuchsen, so riesengroß aufwuchsen, daß es viele
Jahrtausende gebraucht hat, ehe der Menschenintellekt selber wieder
begreifen konnte, daß auch das Menschenwesen vor seiner entscheidenden
Schicksalswende einmal hinter jener Mauer drüben gewesen war.
* * * * *
Der nächste Schritt war der bekannte vom Organ zum Werkzeug. Auch hier
handelte es sich um einen grundlegenden Systemwechsel, allerdings
abhängig von dem andern. Wie geistig in das Netz seiner Instinkte, so
sehen wir körperlich das Lebewesen unterhalb des Menschen zu seinem
Schutz, seiner Angriffswaffe, seiner tausendfältigen Bestehung des
Lebenskampfes angeschlossen an das Prinzip des angewachsenen Schutz-
und Trutzorgans. Das Raubtier führt seine Waffe als Kralle und
Zahn, das Gürteltier seinen Panzer als solide Leibesverknöcherung,
das Schwimmtier hat seinen Körper in Bootsgestalt mit Ruder- und
Lenkflossen umgewandelt, der Vogel seinen Flügel zum Flug aus
Vorderbein und Federschuppe organisch gewonnen. Man weiß, wie weit
auch das gegangen ist, bis zu was für Wundern an Nützlichkeit es so
schon im Bereich der Pflanzen allenthalben gediehen ist. Seit je
hat man es bestaunt wie die Prachtleistung eines intelligentesten
Mechanikers, allerdings hineingearbeitet in lebendiges Zellgewebe, in
Fleisch und Bein. Nach Darwins Schule ist es aber wesentlich auch nur
das Ergebnis zwangsweiser allmählicher Naturzüchtung. Die Intelligenz
des Einzelwesens hat es nicht bewirkt. Jeder Wesensform von den
untersten an bis zum höchsten Tier sind ihre Schutz- und Nutzorgane
zwangsweise auf den Leib gezüchtet worden. Dabei hat eine unendliche
Zersplitterung stattgefunden. So und so viele Tierarten sind nur
dem Wasser, so viele der Luft angepaßt worden, das Raubtier ist nur
Raubtier, das Nagetier nur Nagetier, der hat den Huf und jener die
Kralle, der die Flosse, der den Flügel bekommen. Durchweg aber ist
keine weitgehende Vielseitigkeit, kein rascher Wechsel mehr möglich.
Schließlich sieht man doch auch hier überall auf gewisse erstarrende
und hemmende Grenzen des Organsystems über eine gewisse Vollendung
hinaus. Der Körper kann nur das eine oder andere Organ aufnehmen,
nicht alle zugleich. So zeigt sich als Ergebnis des Systems im Tier-,
Pflanzen- und Einzellerreich nicht _ein_ letztes Lebewesen, das
durch Besitz aller Organe allem bestmöglich gewachsen wäre, sondern
unzählige Teilformen beleben wie abgeschnittene Stücke selbsttätig
und vielfach miteinander in Zwist jede nur ihr eigenes Gebiet, das
Kraft: und Schutzbereich ihres Organausschnitts. Nicht _das_ Tier
bleibt zuletzt übrig als Herrscher im Lebensspielraum der Erde, sondern
fast eine halbe Million verschiedener Tierarten in ebensoviel starren
Einzelanpassungen ihrer Organe verteilen sich über die Fläche. Aber
ebenso begrenzt sich auch selber die Kraft des einzelnen Organs, da
es ewig von jedem Wesen am eigenen Leibe mit herumgeschleppt, ja bei
jeder Neuzeugung des jungen Geschöpfs ganz wieder neu herausgearbeitet
werden muß, eine unendliche Verengung und Verzögerung. Und nun auch
demgegenüber der Mensch.
Auch er kommt mit seinem Leibe aus der Organschöpfung heraus, auch er
mit einem gewissen noch einseitigen Organkörper, der z.B. einseitig
für das Land bestimmt ist, unter Wasser versagt, keine Flügel besitzt.
Ganz zuletzt hat er ja noch einige gewiß sehr bedeutsame eigene
Organfortschritte erlebt, wie den Umbau des Fußes für den aufrechten
Gang, des Kehlkopfs zur Sprache. Im übrigen aber ist er doch wohl
mindestens seit der älteren Diluvialzeit mit diesem seinem äußeren
Organleibe im wesentlichsten und bis auf kleine Spezialpunkte (wir
reden noch davon) bis heute starr so stehen geblieben, ohne daß sich
an seinen angewachsenen Hilfsorganen etwas verändert hätte, ohne
daß ihm etwa seither zur Erweiterung seines Erdgebiets Flügel oder
Flossen gewachsen wären. Die Phantasie hat ja nicht geruht, sich
Menschenleiber mit Flügeln und Flossen auszumalen, und noch heute gibt
es Menschenkinder, die meinen, die Zukunftsentwickelung des Menschen
läge bei solchem Rückpfuschen ins Vogel- oder Fischgebiet. Grade dabei
ist aber nicht gefaßt, was der Mensch eben auch wieder grundlegend
_anderes_ hier hinzu gebracht, -- wie er nämlich in der Zeit seit
damals auch die ganze Schutz- und Trutz- und Anpassungsfrage auf
ein ganz und gar _neues_ System für sich gebracht hat: nämlich eben
das des Werkzeugs. Tote, fremde, außerorganische Stoffe hat er sich
herangeholt, Stein, Holz, Metall und was weiter, und umgeschaffen,
sich zu Hilfen umgeschaffen für seine Zwecke; außen laufende Energien
hat er für sich zur Arbeit gezwungen. Wohl, einigermaßen tat das ja
das Leben immer auch in seiner Körperbildung und Organbildung von der
ersten Zelle an: es fraß sich gewissermaßen hinein in fremde Stoffe
und Energien, baute und trieb mit ihnen sein Wunderwerk des lebendigen
Zellenleibes und warf das Unbrauchbare immer wieder fort in die tote
Welt zurück. Der Mensch aber läßt die Stoffe wie Kräfte _draußen_ für
sich arbeiten, packt sie sich nicht innerlich auf, »organisiert« sie
bloß in einem bedingten Maße. Er schneidet mit dem Messer, anstatt mit
dem eigenen Zahn, schwimmt auf dem Schiff, taucht in der Taucherglocke
und fliegt im Ballon und Flugzeug. Auch für diesen Weg schaltet er
die langwierige Arbeit der Zuchtwahl aus, geht er unmittelbar auf den
Zweck, den Zweck der immer besseren Leistung im graden Weg.
Und unerhört, was dieses neue Prinzip nun auch hier mehr leistet.
Da das Werkzeug eben trotz seiner Vergeistigung zum Zweck äußerlich
bleibt, nicht von jedem Einzelkörper beständig geschleppt, auch nicht
mit jedem Kinde neu gezeugt und geschaffen werden muß auf die Dauer,
konnte der Mensch jetzt wirklich vom Einzelwesen aus die _universale_
Anpassung wieder erstreben, konnte in Eins wieder zusammenholen,
was in den mehrhunderttausendfachen Tierarten zersplittert worden
war. Er blieb nicht ein Geschöpf unter vielen, sondern seine Technik
eroberte Stück für Stück die Fähigkeiten _aller_, eroberte sozusagen in
ungeheurer Siegesbahn die ganze Lebensmöglichkeit seit Urtagen wieder
auf einen Punkt zurück. Und dann eben leistete er mit seinem System
noch weit mehr aus dieser Möglichkeit heraus, als je dort erreicht
worden war. Man denke an die Linsen eines Riesenteleskops gegenüber
auch dem besten Adlerauge (lächerlicherweise hört man bisweilen, wenn
jener oben gestreifte Standpunkt vertreten wird, der Mensch sei so
sehr bloß ein beliebiges und nicht bestes Tier neben Tieren, daß er
bis heute noch nicht einmal so gut sehen könnte wie der Adler!), an
das Erdnetz unserer Kraftdrähte gegenüber dem Nervensystem tierischer
Körper und der armseligen Ausnutzung elektrischer Kräfte dort, an
Telegraphie ohne Draht, wofür das ganze untermenschliche Leben
überhaupt keinen Vergleich hat, an die Leistungen einer Sprengmine
gegenüber der Stoßkraft eines Hornes oder einer Faust; doch was
bedarf es der Beispiele. Mit diesem System des Werkzeugs hat der
Mensch, nachdem das Prinzip der Freiheit ihn innerlich neugeboren
hatte, äußerlich die Erdherrschaft angetreten, -- von dem vielleicht
frühesten Augenblick an, da er der inneren organischen Blutheizung des
Säugetiers, die auch in ihm arbeitete, als Überbietung die künstlich
erzeugte Herdflamme gegenüberstellte, bis zu den Siegen unserer
Technik, die längst nicht mehr bloß abwehren, bloß »anpassen« im alten
Sinne; sondern die zum Angriff gegen die ganze Erde vorgehen, daß sie
für uns blühe und fruchte, unser Reich werde, durchgeistigt bis in
den Quell, den das Tier durchschwamm auf den kleinen Raubzügen seiner
Nahrungssuche oder zu dem es nächtlich kam, um zu trinken, der aber
uns auf ferner elektrischer Kraftbahn die Energien gibt, unser Licht
anzuzünden, oder bis zu der nachtschwarzen Abgrundtiefe des Ozeans, wo
kleine Fische es bis zu Leuchtorganen gebracht hatten, die ein winziges
Stückchen Wasser aufhellten, heute aber unsere transatlantischen Kabel
ruhen, auf denen die Lichtgedanken unserer Kultur von Erdteil zu
Erdteil zucken.
War das Menschenwesen aber auf dieser Seite berufen, das gewaltigste,
in seiner Weise furchtbarste Kampf-, Macht- und Herrenwesen dieser
Erde zu werden als ganz neuer Erfüller des uralten Streit- und
Behauptungsprinzips im Leben, so war es wieder jenes Freiheitsprinzip
der eigenen Wahl, das es ein anderes unendlich reiches Gebiet dieses
Lebens sozusagen erlösen und in ein oberes Licht rücken ließ. Wenn man
aus Darwins Schule kommt, so erscheint wohl Fressen und Gefressenwerden
als des Lebens einziger Schluß. Wir wissen aber, daß im Edelmenschen
bis heute zweierlei wohnt: neben der stählernen Kriegskraft die
Friedenssehnsucht. Nur wo beides im rechten Maße vorhanden ist, da
ist ein Volk auf seiner Höhe. Wir wissen von einem in dieser bewegten
Stunde, das seine Kriegskraft in hartem Muß urgewaltig bewährt; das
sich aber auch beruhigt sagen darf, wie echt seine Friedenssehnsucht
war ...
In Wahrheit gehen ebenso auch schon durch die ganze Lebensentfaltung
unter uns und ihre Triebe Versuche der friedlichen Einigung, der
Genossenschaftsbildung, der gegenseitigen Hilfe. Ganz tief zu Anfang
hat das schon Zellen zu Zellstaaten vereinigt, wie ja einer in unserm
eigenen Menschenkörper noch bis heute fortlebt, der im gesunden
Menschen auf der Höhe seiner Lebensreife geradezu ein Wunderwerk von
sozialem Zusammenhalt und Gemeinschaftsarbeit Aller für Alle darstellt.
Und höher hinauf hatte es dann zu allen Sorten von verwickelten
Symbiosen, wie der Forscher das zu nennen pflegt, gegenseitig
förderliche Lebensgemeinschaften heißt es deutsch, zu Tierhorden
und Tierstaaten geführt, alles doch zunächst auch noch in die große
Instinktmaschine gesperrt, die hier in einer Unmasse immerhin doch
friedlich gewendeter Sozialtriebe glänzte. Der Mensch konnte also auch
das schon übernehmen und in seiner Weise mit ablösen, wobei ihm das
Soziale zweifellos gleich anfangs große Hilfen zu seinem Übergang zum
freien Intellektweg selbst gewährt haben muß: in der Lehre, die bei
friedlichem Verband das Kind wenigstens als erste Lebenshilfe von den
Eltern erhalten konnte, und vor allem in dem unvergleichlichen sozialen
Hilfsmittel der Sprache. Die Sprache ist darüber hinaus dann selber
eine gewaltige Verstandesschule geworden, an der sich die begriffliche
Ordnung der Dinge, diese ungeheure Erweiterung und Vergeistigung der
einfachen Beobachtung, heraufgearbeitet hat.
Umgekehrt aber hat der Intellekt mit seiner persönlichen Freiheit und
seinem Neubau des wirklich wertvollen Individuums das Soziale selbst
auf eine ganz neue Stufe gerückt. Die alten blinden Stammesinstinkte
der zusammenhaltenden Herdentiere hat er zu ethischen Gesetzen
umgeschaffen, zu Moral und Recht, an deren Befolgung sich der freie
Charakter maß und stählte. Die Maschine des Tierstaats, die uns in
allen Wundern des Ameisen- und Termitenlebens oder den aus Tausenden
von Einzelpersonen leibhaftig zusammengewachsenen Schwimmstaaten der
Siphonophoren-Quallen zuletzt doch wie eine große gespenstische Galeere
anschaut, wo jedes an seinen Rudersitz zeitlebens angekettet sitzt,
belebte er zum echten Staat, der aus freiwillig verantwortlichen
Bürgern besteht, die sich auch bis zum Tode hingeben, aber _wissen_
warum und mit Liebe an ihrem Gemeinschaftsideal hängen.
[Illustration]
3
Ja Liebe. Mit diesem Wörtchen beginnt abermals eine wichtige Seite.
In der Liebe bäumte sich ein riesiger alter Dämon aus dem tiefsten
Wurzelwerk organischen Werdens herauf, als Trieb von unbezähmbarer
Wildheit, obwohl schließlich doch auch seinem Urwesen nach der
friedlichen, der harmonisch Wesen zu Wesen stimmenden Seite
angehörig. Die Bändigung dieses Dämons ist dem Menschenintellekt
besonders schwer gemacht worden, weil hier das Triebhafte nicht ganz
ausgeschaltet werden konnte, ohne große Gefahren für das Leben der
Art heraufzubeschwören. War er doch angeschlossen an Geheimnisse
des organischen Lebens, die auch der frei wählende Intellekt hier
am eigenen Leibe zunächst nicht in seine Gewalt bekam. Der Baum der
Erkenntnis, um es symbolisch anzudeuten, gab hier noch nicht den Baum
des Lebens. Um so wunderbarer, was der Menschengeist doch auch an
dieser Stelle, auf der Grenze des großen bleibenden Mysteriums, in
jahrtausendelangem Ringen durchgesetzt hat. Wie er den alten Titanen
an seiner harmonischen Seite gepackt und doch auch zur Geistesliebe
erzogen hat -- vom echten Eros in seiner verklärten Schönheitsform bis
zu der Liebe als Inbegriff aller Gemütswerte. Wir wissen, wie es vor
allem das Weib war, das der Geist hier in zäher Arbeit erobert hat.
Bis der große Dichter singen durfte: »Das ewig Weibliche zieht uns
hinan ...«