empfing mich aufs liebenswürdigste. Meine Pünktlichkeit war ein
Meisterwerk. Man weiß, wie Meisterwerke selten sind. Frau Aebi lächelte,
als sie mich auftauchen sah, überaus artig. Sie bot mir auf eine
herzliche und gewinnende Art, die mich sozusagen bezauberte, ihre nette
kleine Hand dar und führte mich sogleich ins Eßzimmer, wo sie mich
ersuchte, mich zu Tisch zu setzen, was ich natürlich mit dem denkbar
größten Vergnügen und völlig unbefangen ausführte. Ohne die mindesten
lächerlichen Umstände zu machen, fing ich harmlos und zwanglos an zu
essen und wacker zuzugreifen und ahnte nicht von weitem, was mir zu
erleben bevorstand. Ich fing also an, wacker zuzugreifen und tapfer zu
essen. Derlei Tapferkeit kostet ja bekanntlich wenig Überwindung. Mit
einigem Erstaunen merkte ich indessen, daß mir Frau Aebi dabei fast
andächtig zuschaute. Es war dies einigermaßen auffällig. Offenbar war es
für sie ergreifend, mir zuzuschauen, wie ich zugriff und aß. Mich
überraschte diese sonderbare Erscheinung, der ich jedoch keine große
Bedeutung beilegte. Als ich plaudern und Unterhaltung machen wollte,
wehrte mir Frau Aebi ab, indem sie sagte, daß sie auf jederlei
Unterhaltung mit der größten Freude verzichte. Das seltsame Wort machte
mich stutzig, und es begann mir angst und bang zu werden. Ganz im
geheimen fing ich an, vor Frau Aebi zu erschrecken. Als ich aufhören
wollte, abzuschneiden und einzustecken, weil ich deutlich fühlte, daß
ich satt sei, sagte sie mir mit fast zärtlicher Miene und Stimme, die
ein mütterlicher Vorwurf leise durchzitterte: »Sie essen ja gar nicht.
Warten Sie, ich will Ihnen hier noch ein recht saftiges, großes Stück
abschneiden.« Ein Grauen durchrieselte mich, und ich erkühnte mich,
höflich und artig einzuwenden, daß ich hauptsächlich hergekommen sei, um
einigen Geist zu entfalten, worauf Frau Aebi unter einem liebreizenden
Lächeln sagte, daß sie das keineswegs für nötig halte. »Ich vermag
unmöglich, weiter zu essen«, sagte ich dumpf und gepreßt. Ich war schon
nahe am Ersticken und schwitzte bereits vor Angst. Frau Aebi sagte: »Ich
darf unmöglich zugeben, daß Sie schon aufhören wollen, abzuschneiden und
einzustecken, und nimmermehr glaube ich, daß Sie wirklich satt sind. Sie
sagen ganz bestimmt nicht die Wahrheit, wenn Sie sagen, daß Sie bereits
am Ersticken seien. Ich bin verpflichtet, zu glauben, daß das nur
Höflichkeiten sind. Auf jederlei geistreiches Geplauder verzichte ich,
wie ich Ihnen schon gesagt habe, mit Vergnügen. Sie sind sicherlich
hauptsächlich zu mir gekommen, um zu beweisen und zu bekunden, daß Sie
Appetit haben und ein starker Esser sind. Diese Anschauung darf ich
unter keinen Umständen preisgeben. Ich möchte Sie recht herzlich bitten,
sich in das Unvermeidliche gutwillig zu schicken; denn ich kann Ihnen
versichern, daß es für Sie keine andere Möglichkeit gibt, vom Tisch
aufzustehen, als die, die darin besteht, daß Sie alles, was ich Ihnen
abgeschnitten habe und fernerhin noch abschneiden werde, säuberlich
aufessen und einstecken. Ich fürchte, daß Sie rettungslos verloren sind;
denn Sie müssen wissen, daß es Hausfrauen gibt, die ihre Gäste so lange
nötigen, zuzugreifen und einzupacken, bis dieselben zerbrechen. Ein
jämmerliches, klägliches Schicksal steht Ihnen bevor; aber Sie werden es
mutig ertragen. Wir alle müssen eines Tages irgend ein großes Opfer
bringen. Gehorchen Sie und essen Sie. Gehorsamkeit ist ja so süß. Was
schadet es, wenn Sie dabei zugrunde gehen. Hier dieses höchst delikate,
zarte und große Stück werden Sie mir ganz gewiß noch vertilgen, ich weiß
es. Nur Mut, mein bester Freund! Uns allen tut Kühnheit not. Was sind
wir wert, wenn wir nur immer auf dem eigenen Willen beharren wollen.
Nehmen Sie alle Ihre Kraft zusammen und zwingen Sie sich, Höchstes zu
leisten, Schwerstes zu ertragen und Härtestes auszuhalten. Sie glauben
nicht, wie es mich freut, Sie essen zu sehen, bis Sie die Besinnung
verlieren. Sie stellen sich gar nicht vor, wie ich mich grämen würde,
wenn Sie das vermeiden wollten; aber nicht wahr, das tun Sie nicht;
nicht wahr, Sie beißen und greifen zu, auch wenn Sie schon bis in den
Hals hinauf voll sind.«
»Entsetzliche Frau, was muten Sie mir zu?« schrie ich, indem ich vom
Tisch jählings aufsprang und Miene machte, auf und davon zu stürzen.
Frau Aebi hielt mich jedoch zurück, lachte laut und herzlich und gestand
mir, daß sie sich einen Scherz mit mir erlaubt habe, den ich so gut sein
solle, ihr nicht übel zu nehmen. »Ich habe Ihnen nur ein Beispiel geben
wollen, wie es gewisse Hausfrauen machen, die vor Liebenswürdigkeit
gegenüber ihren Gästen fast überfließen.«
Auch ich mußte natürlich lachen, und ich darf gestehen, daß mir Frau
Aebi in ihrem Übermut sehr gut gefiel. Sie wollte mich für den ganzen
Nachmittag in ihrer Umgebung haben und war fast ein wenig ungehalten,
als ich ihr sagte, daß es leider für mich ein Ding der Unmöglichkeit
sei, ihr länger Gesellschaft zu leisten, weil ich gewisse wichtige Dinge
zu erledigen hätte, die ich nicht aufschieben dürfte. Es war äußerst
schmeichelhaft für mich, Frau Aebi lebhaft bedauern zu hören, daß ich so
rasch wieder davongehen müsse und wolle. Sie fragte mich, ob es wirklich
so dringend nötig sei, auszureißen und zu entwischen, worauf ich ihr die
heilige Versicherung ablegte, daß nur äußerste Dringlichkeiten im stande
seien und die Kraft hätten, mich von so angenehmem Ort und von so
anziehender, verehrenswürdiger Persönlichkeit so schnell wegzuziehen,
mit welchen Worten ich mich von ihr verabschiedete.
Es galt jetzt einen hartnäckigen, widerspenstigen, von der Unfehlbarkeit
seines fraglos meisterlichen Könnens scheinbar in jeder Hinsicht
überzeugten, von seinem Wert und seiner Leistungsfähigkeit vollkommen
durchdrungenen, in diesen seinen Überzeugungen unerschütterlichen
Schneider oder Marchand Tailleur zu besiegen, zu bändigen, zu
überrumpeln und zu erschüttern. Schneidermeisterliche Festigkeit zu
erlahmen muß als eine der schwierigsten und mühseligsten Aufgaben
betrachtet werden, die die Kühnheit unternehmen und der waghalsige
Entschluß vorwärts zu treiben entschlossen sein kann. Vor Schneidern und
ihren Anschauungen habe ich überhaupt eine ständige, kräftige Furcht;
ich schäme mich dieses traurigen Eingeständnisses in keiner Weise; denn
Furcht ist hier erklärlich und verständlich. Ich war denn jetzt auch auf
Schlimmes, wenn nicht sogar vielleicht auf das Schlimmste und Böseste
gefaßt, und rüstete mich für diesen höchst gefährlichen Angriffskrieg
mit Eigenschaften, wie Mut, Trotz, Zorn, Entrüstung, Verachtung oder gar
Todesverachtung aus, mit welchen ohne Zweifel sehr schätzenswerten
Waffen ich der beißenden Ironie und dem Spott hinter erheuchelter
Treuherzigkeit erfolgreich und siegreich entgegentreten zu können
hoffte. Es kam anders; aber ich will bis auf weiteres noch darüber
schweigen, umso eher, als ich ja zuerst noch einen Brief zu befördern
habe. Ich habe mich nämlich soeben entschlossen, zuerst auf die Post,
dann zum Schneider und erst nachher die Staatssteuer bezahlen zu gehen.
Die Post, ein appetitliches Gebäude, lag mir übrigens dicht vor der
Nase; ich ging fröhlich hinein und erbat mir vom zuständigen Postbeamten
eine Marke, die ich auf den Brief klebte. Indem ich denselben vorsichtig
in den Kasten hinabgleiten ließ, erwog und prüfte ich im nachdenkenden
Geist, was ich geschrieben hatte. Wie ich noch sehr gut wußte, lautete
der Inhalt folgendermaßen:
Sehr zu achtender Herr!
Die eigenartige Anrede dürfte Ihnen die Gewißheit beibringen, daß der
Absender Ihnen ganz kalt gegenübersteht. Ich weiß, daß Achtung vor mir
von Ihnen und denen, die Ihnen ähnlich sind, nicht zu erwarten ist; denn
Sie und die, die Ihnen ähnlich sind, haben eine übergroße Meinung von
sich selber, die sie verhindert, zur Einsicht und zur Rücksicht zu
kommen. Ich weiß mit Bestimmtheit, daß Sie zu den Leuten gehören, die
sich groß vorkommen, weil sie rücksichtslos und unhöflich sind, die sich
mächtig dünken, weil sie Protektion genießen, und die weise zu sein
meinen, weil ihnen das Wörtchen »weise« einfällt. Leute wie Sie erkühnen
sich, gegenüber der Armut und gegenüber der Unbeschütztheit hart, frech,
grob und gewalttätig zu sein. Leute wie Sie besitzen die
außerordentliche Klugheit, zu meinen, daß es notwendig sei, überall an
der Spitze zu stehen, allenortes ein Übergewicht zu besitzen und zu
jeder Tageszeit zu triumphieren. Leute wie Sie merken nicht, daß das
töricht ist, daß das weder im Bereich der Möglichkeit liegt noch
wünschenswert sein kann. Leute wie Sie sind Protzen und sind jederzeit
bereit, der Brutalität eifrig zu dienen. Leute wie Sie sind überaus
mutig darin, daß sie jeden wahren Mut sorgfältig vermeiden, weil sie
wissen, daß jeder wahre Mut Schaden zu bringen verspricht, und sie sind
mutig darin, daß sie sich stets als die Guten und Schönen hinzustellen
ungemein viel Lust und ungemein viel Eifer bekunden. Leute wie Sie
respektieren weder das Alter noch das Verdienst, noch ganz bestimmt die
Arbeit. Leute wie Sie respektieren das Geld, und der Respekt vor dem
Geld verhindert sie, irgend etwas anderes hochzuachten. Wer redlich
arbeitet und sich emsig abmüht, ist in den Augen von Leuten wie Sie ein
ausgesprochener Esel. Ich irre mich nicht; denn mein kleiner Finger sagt
mir, daß ich recht habe. Ich wage Ihnen ins Gesicht hinein zu sagen, daß
Sie Ihr Amt mißbrauchen, weil Sie recht gut wissen, mit wie viel
Umständen und Unannehmlichkeiten es verbunden wäre, Ihnen auf die Finger
zu klopfen; aber in der Huld und Gnade, in der Sie stecken, und von
günstigen Voraussetzungen umgeben, sind Sie dennoch höchst angefochten;
denn Sie fühlen ohne Zweifel, wie sehr Sie schwanken. Sie hintergehen
das Zutrauen, halten Ihr Wort nicht, schädigen ohne Besinnen den Wert
und das Ansehen derer, die mit Ihnen verkehren, beuten schonungslos aus,
wo Sie Wohltat zu stiften vorgeben, verraten den Dienst und verleumden
den freundlichen Diener, sind höchst wankelmütig und unzuverlässig und
zeigen Eigenschaften, die man an einem Mädchen, nicht aber an einem
Mann, eilig entschuldigt. Verzeihen Sie, daß ich mir erlaube, Sie für
sehr schwach zu halten, und genehmigen Sie mit der aufrichtigen
Versicherung, daß ich es für rätlich halte, Ihnen in Zukunft
geschäftlich völlig fern zu bleiben, das immerhin erforderliche Maß und
den absolut gegebenen Grad von Achtung von einem Menschen, dem die
Auszeichnung und das freilich bescheidene Vergnügen zufielen, Sie kennen
zu lernen.
Fast bereute ich nun, diesen Buschklepperbrief, als welcher er mir
nachträglich beinahe vorkommen wollte, der Post zur Beförderung und
Überbringung anvertraut zu haben; denn keiner geringeren als einer
leitenden einflußreichen Person hatte ich, bitterbösen Kriegszustand
heraufbeschwörend, den Abbruch der diplomatischen, besser:
wirtschaftlichen Beziehungen auf so ideale Art angekündigt. Immerhin
ließ ich dem Fehdebrief jetzt den Lauf, indem ich mich damit tröstete,
daß ich mir sagte, daß der Mensch oder sehr zu achtender Herr ja die
Botschaft vielleicht überhaupt gar nicht lese, weil er schon beim Lesen
und Kosten des zweiten oder dritten Wortes wahrscheinlich die Lektüre
recht satt habe und den flammenden Erguß vermutlich, ohne viel Zeit und
Kraft zu verlieren, in den alles Unwillkommene verschlingenden und
beherbergenden Papierkorb werfe. »Überdies vergißt sich so etwas
innerhalb eines halben oder Vierteljahres naturgemäß«, folgerte und
philosophierte ich und marschierte kuragös zum Schneider.
Derselbe saß fröhlich und anscheinend mit dem ruhigsten Gewissen der
Welt in seinem zierlichen Modesalon oder Werkstatt, die mit
feinduftenden Tüchern und Tuchresten vollgepfropft und gestopft war. In
einem Vogelbauer oder Käfig lärmte, um das Idyll vollkommen zu machen,
ein Vogel, und ein eifriger verschmitzter Lehrling war brav mit
Zuschneiden beschäftigt. Herr Schneidermeister Dünn stand, als er meiner
ansichtig wurde, vom Sitzplatz, auf welchem er emsig mit der Nähnadel
focht, höflich auf, um den Ankömmling artig willkommen zu heißen. »Sie
kommen wegen Ihres nächstdem durch meine Firma an Sie fix und fertig
abzuliefernden, ohne Zweifel tadellos sitzenden Anzuges«, sagte er,
indem er mir nur fast ein wenig zu kameradschaftlich die Hand gab, die
ich mich indessen durchaus nicht scheute, kräftig zu schütteln. »Ich
komme«, gab ich zurück, »um unverzagt und hoffnungsfroh zur Anprobe zu
schreiten, indem ich mancherlei befürchte.«
Herr Dünn sagte, daß er alle meine Befürchtungen für überflüssig halte
und daß er für Sitz und Schnitt garantiere, und indem er das sagte,
geleitete er mich in eine Nebenstube, aus welcher er selber sich sofort
zurückzog. Er garantierte und beteuerte wiederholt, was mir nicht recht
gefallen wollte. Rasch waren die Probe und die damit auf das innigste
verknüpfte Enttäuschung fertig. Ich rief, indessen ich einen
überschäumenden Verdruß niederzukämpfen versuchte, heftig und gewaltsam
nach Herrn Dünn, dem ich mit möglichst großer Gelassenheit und vornehmer
Unzufriedenheit den vernichtenden Ausruf entgegenschleuderte: »Dachte
ich es mir doch!«
»Mein allerliebster werter Herr, regen Sie sich nicht unnützerweise
auf!«
Mühsam genug brachte ich hervor: »Wohl gibt es hier in Hülle und Fülle
Anlaß, sich aufzuregen und untröstlich zu sein. Behalten Sie Ihre höchst
unpassenden Beschwichtigungen für sich, und hören Sie gütigst auf, mich
beruhigen zu wollen; denn was Sie getan haben, um einen tadellosen Anzug
herzustellen, ist im höchsten Grad beunruhigend. Alle gehegten zarten
oder unzarten Befürchtungen bewahrheiten sich, und die schlimmsten
Ahnungen sind in Erfüllung gegangen. Wie können Sie für tadellosen Sitz
und Schnitt zu garantieren wagen, und wie ist es möglich, daß Sie den
Mut haben, mir zu versichern, daß Sie Meister in Ihrem Berufe sind, wo
Sie bei nur einiger dünngesäter Ehrlichkeit und beim geringfügigsten Maß
von Aufrichtigkeit und Aufmerksamkeit ohne weiteres werden zugestehen
müssen, daß ich vollkommenes Pech habe und daß der durch Ihre werte und
ausgezeichnete Firma mir zu liefernde tadellose Anzug total verpfuscht
ist?«
»Den Ausdruck ›verpfuscht‹ verbitte ich mir verbindlich.«
»Ich will mich fassen, Herr Dünn.«
»Ich danke Ihnen und freue mich herzlich über diesen so angenehmen
Vorsatz.«
»Sie werden mir erlauben, von Ihnen zu verlangen, daß Sie an diesem
Anzug, der, gestützt auf die soeben stattgefundene sorgfältige Anprobe
Haufen von Fehlern, Mängeln und Gebrechen aufweist, bedeutende
Änderungen vornehmen werden.«
»Das kann man.«
»Die Unzufriedenheit, der Verdruß und die Trauer, die ich empfinde,
drängen mich, Ihnen zu sagen, daß Sie mir Ärger bereitet haben.«
»Ich schwöre Ihnen, daß mir das leid tut.«
»Der Eifer, den Sie zeigen, zu schwören, daß es Ihnen leid tut, mich
geärgert und in die allerschlechteste Stimmung versetzt zu haben, ändert
am fehlerhaften Anzug nicht das Geringste, dem ich mich weigere, auch
nur den kleinsten Grad von Anerkennung zu zollen, und dessen Annahme ich
energisch zurückweise, da von Beifall und Zustimmung keine Rede sein
kann. Bezüglich des Rockes fühle ich deutlich, daß er mich zum buckligen
und daher häßlichen Menschen macht, eine Verunstaltung, mit der ich mich
unter keinen Umständen einverstanden erklären kann. Ich fühle mich
vielmehr bewogen, gegen eine so boshafte Ausstattung und Verzierung
meines Körpers zu protestieren. Die Ärmel leiden an einer
bedenkenerregenden Überfülle von Länge, und die Weste zeichnet sich
dadurch in hervorragender Weise aus, daß sie den Eindruck hervorruft und
den unangenehmen Schein erweckt, als habe ihr Träger einen dicken Bauch.
Die Hose oder das Beinkleid ist einfach abscheulich. Zeichnung und
Entwurf der Hose flößen mir ein aufrichtig empfundenes Grauen ein. Wo
dieses ganz elende, dumme und lächerliche Kunstwerk von Beinkleid eine
gewisse Weite besitzen sollte, weist es eine einschnürende Enge auf, und
wo es eng sein sollte, ist es mehr als weit. Ihre Leistung, Herr Dünn,
ist alles in allem phantasielos, und Ihr Werk beweist einen Mangel an
Intelligenz. An diesem Anzug haftet etwas Erbärmliches, etwas
Kleinliches, etwas Albernes, etwas Hausbackenes, etwas Lächerliches und
etwas Ängstliches. Der, der ihn angefertigt hat, darf sicherlich nicht
zu den schwungvollen Naturen gezählt werden. Bedauerlich ist eine
derartige gänzliche Abwesenheit jeden Talentes.«
Herr Dünn besaß die Unverfrorenheit, mir zu sagen: »Ich verstehe Ihre
Entrüstung nicht und werde nie zu bewegen sein, sie zu verstehen. Die
zahlreichen heftigen Vorwürfe, die Sie mir machen zu müssen glauben,
sind mir unbegreiflich und werden mir sehr wahrscheinlich stets
unbegreiflich sein. Der Anzug sitzt sehr gut. Niemand wird mich irgend
etwas anderes glauben machen. Die Überzeugung, die ich habe, daß Sie
ungemein vorteilhaft darin aussehen, erkläre ich für unerschütterlich.
An gewisse denselben auszeichnende Eigentümlichkeiten und
Eigenartigkeiten werden Sie sich in kurzer Zeit gewöhnt haben. Höchste
Staatsbeamte bestellen bei mir ihren überaus schätzenswerten Bedarf;
ebenso lassen Herren Gerichtspräsidenten huldvoll bei mir arbeiten.
Dieser sicherlich schlagende Beweis meiner Leistungsfähigkeit genüge
Ihnen. Auf überspannte Erwartungen und Vorstellungen vermag ich nicht
einzugehen, und auf anmaßliche Forderungen läßt sich Schneidermeister
Dünn keineswegs ein. Besser situierte Leute und vornehmere Herren wie
Sie sind mit meiner Gewandtheit und Fertigkeit in jeder Hinsicht
zufrieden gewesen. Diese Anspielung dürfte Sie entwaffnen.«
Da ich einsehen mußte, daß es unmöglich sei, irgend etwas auszurichten,
und da ich mir sagen mußte, daß meine vielleicht nur allzu feurige und
ungestüme Attacke sich in eine schmerzliche und schmähliche Niederlage
verwandelt hatte, so zog ich meine Truppen aus dem unglücklichen Gefecht
zurück, brach weich ab und flog beschämt davon. Solchergestalt endete
das kühne Abenteuer mit dem Schneider. Ohne mich nach irgend welchen
andern Dingen umzuschauen, eilte ich auf die Gemeindekasse oder auf das
Steuerbureau wegen der Steuern; aber hier muß ich einen gröblichen
Irrtum berichtigen.
Es handelte sich nämlich, wie mir jetzt nachträglich einfällt, nicht um
Zahlung, sondern lediglich einstweilen um eine mündliche Besprechung mit
dem Herrn Präsidenten der löblichen Steuerkommission und um Eingabe oder
Abgabe einer feierlichen Erklärung. Man nehme mir den Irrtum nicht übel
und höre freundlich, was ich hierüber zu sagen haben werde. So gut wie
der standhafte und unerschütterliche Schneidermeister Dünn
Tadellosigkeit versprach und garantierte, verspreche und garantiere ich
in Bezug auf die abzulegende Steuer-Erklärung Exaktheit und
Ausführlichkeit sowohl wie Knappheit und Kürze.
Ich springe sofort in die bezügliche scharmante Situation hinein:
»Erlauben Sie mir, Ihnen zu sagen«, sagte ich frei und offen zum
Steuermann oder hohen Steuerbeamten, der mir sein obrigkeitliches Ohr
schenkte, um dem Bericht, den ich abstattete, mit gehöriger
Aufmerksamkeit zu folgen, »daß ich als armer Schriftsteller und
Federführer oder _Homme de Lettres_ ein sehr fragwürdiges Einkommen
genieße. Von irgend welcher Vermögens-Anhäufung kann natürlich bei mir
nicht die Spur zu sehen und zu finden sein. Ich stelle das zu meinem
großen Bedauern fest, ohne indessen über die klägliche Tatsache zu
verzweifeln oder zu weinen. Ich schlüpfe notdürftig durch, wie man sagt.
Luxus treibe ich keinen; das vermögen Sie mir auf den ersten Blick
anzusehen. Das Essen, das ich esse, kann als hinlänglich und spärlich
bezeichnet werden. Es ist Ihnen eingefallen zu glauben, daß ich Herr und
Gebieter von vielerlei Einkünften sei; ich bin aber genötigt, diesem
Glauben und allen diesen Vermutungen höflich aber entschieden
entgegenzutreten und die schlichte, nackte Wahrheit zu sagen, und diese
lautet auf alle Fälle, daß ich überaus frei von Reichtümern, dagegen
aber vollbehangen von jeder Art Armut bin, was Sie die Güte haben und
vormerken wollen. Sonntags darf ich mich auf der Straße gar nicht
blicken lassen, weil ich kein Sonntagskleid habe. An solidem und
sparsamem Lebenswandel ähnele ich einer Feldmaus. Ein Sperling hat mehr
Aussichten, wohlhabend zu werden als gegenwärtiger Berichterstatter und
Steuerzahler. Ich habe Bücher geschrieben, die dem Publikum leider nicht
gefallen, und die Folgen davon sind herzbeklemmend. Ich zweifle keinen
Augenblick, daß Sie das einsehen und daß Sie infolgedessen meine
finanzielle Lage verstehen. Bürgerliche Stellung und bürgerliches
Ansehen besitze ich nicht; das ist sonnenklar. Verpflichtungen einem
Menschen gegenüber, wie ich bin, scheint es überhaupt keine zu geben.
Das lebhafte Interesse für die schöne Literatur ist überaus spärlich
vertreten, und die schonungslose Kritik, die jedermann an unsereins
Werken glaubt üben und pflegen zu dürfen, bildet eine weitere starke
Ursache der Schädigung und hemmt wie ein Hemmschuh die Verwirklichung
irgend eines bescheidenen Wohlstandes. Wohl gibt es gütige Gönner und
freundliche Gönnerinnen, die mich von Zeit zu Zeit in der edelsten Art
unterstützen; aber eine Gabe ist kein Einkommen, und eine Unterstützung
ist kein Vermögen. Aus allen diesen sprechenden und doch wohl
überzeugenden Gründen, mein hochgeehrter Herr, möchte ich Sie ersuchen,
von jederlei Steuererhöhung, die Sie mir angekündigt haben, abzusehen,
und ich muß Sie bitten, wenn nicht beschwören, meine Zahlungskraft so
niedrig einzuschätzen wie nur immer möglich.«
Der Herr Vorsteher oder Herr Taxator sagte: »Man sieht Sie aber immer
spazieren!«
»Spazieren«, gab ich zur Antwort, »muß ich unbedingt, um mich zu beleben
und um die Verbindung mit der lebendigen Welt aufrecht zu halten, ohne
deren Empfinden ich keinen halben Buchstaben mehr schreiben und nicht
das leiseste Gedicht in Vers oder Prosa mehr hervorbringen könnte. Ohne
Spazieren wäre ich tot, und mein Beruf, den ich leidenschaftlich liebe,
wäre vernichtet. Ohne Spazieren und Bericht-Auffangen könnte ich auch
keinen Bericht mehr abstatten und nicht den winzigsten Aufsatz mehr,
geschweige denn eine ganze lange Novelle verfassen. Ohne Spazieren würde
ich ja gar keine Beobachtungen und gar keine Studien machen können. Ein
so gescheiter und aufgeweckter Mann wie Sie darf und wird das
augenblicklich begreifen. Auf einem schönen und weitschweifigen
Spaziergang fallen mir tausend brauchbare nützliche Gedanken ein. Zu
Hause eingeschlossen, würde ich elendiglich verkommen und verdorren.
Spazieren ist für mich nicht nur gesund und schön, sondern auch dienlich
und nützlich. Ein Spaziergang fördert mich beruflich und macht mir
zugleich auch noch persönlich Spaß und Freude; er erquickt und tröstet
und freut mich, ist mir ein Genuß und hat gleichzeitig die Eigenschaft,
daß er mich zu weiterem Schaffen reizt und anspornt, indem er mir
zahlreiche kleine und große Gegenständlichkeiten als Stoff darbietet,
den ich später zu Hause emsig und eifrig bearbeite. Ein Spaziergang ist
immer voll sehenswerter und fühlenswerter bedeutender Erscheinungen. Von
Gebilden und lebendigen Gedichten, von Zaubereien und Naturschönheiten
wimmelt es auf netten Spaziergängen meistens, und seien sie noch so
klein. Naturkunde und Landeskunde öffnen sich reizvoll und anmutvoll vor
den Sinnen und Augen des aufmerksamen Spaziergängers, der freilich nicht
mit niedergeschlagenen, sondern mit offenen und ungetrübten Augen
spazieren muß, wenn ihm der schöne Sinn und der heitere, edle Gedanke
des Spazierganges aufgehen soll. Bedenken Sie, wie der Dichter verarmen
und kläglich scheitern muß, wenn nicht die mütterliche und väterliche
und kindlich schöne Natur ihn immer wieder von neuem mit dem Quell des
Guten und Schönen erfrischt. Bedenken Sie, wie für den Dichter der
Unterricht und die heilige goldene Belehrung, die er draußen im
spielenden Freien schöpft, immer wieder von der größten Bedeutung sind.
Ohne Spazieren und damit verbundene Naturanschauung, ohne diese ebenso
liebliche wie ermahnungsreiche Erkundigung fühle ich mich wie verloren
und bin es auch. Höchst liebevoll und aufmerksam muß der, der spaziert,
jedes kleinste lebendige Ding, sei es ein Kind, ein Hund, eine Mücke,
ein Schmetterling, ein Spatz, ein Wurm, eine Blume, ein Mann, ein Haus,
ein Baum, eine Hecke, eine Schnecke, eine Maus, eine Wolke, ein Berg,
ein Blatt oder auch nur ein armes weggeworfenes Fetzchen Schreibpapier,
auf das vielleicht ein liebes gutes Schulkind seine ersten ungefügen
Buchstaben geschrieben hat, studieren und betrachten. Die höchsten und
niedrigsten, die ernstesten und lustigsten Dinge sind ihm gleicherweise
lieb und schön und wert. Keinerlei empfindsamliche Eigenliebe und
Leichtverletzlichkeit darf er mit sich tragen. Uneigennützig und
unegoistisch muß er seinen sorgsamen Blick überallhin schweifen und
herumstreifen lassen; ganz nur im Anschauen und Merken der Dinge muß er
stets fähig sein aufzugehen, und sich selber, seine eigenen Klagen,
Bedürfnisse, Mängel, Entbehrungen hat er, gleich dem wackeren,
dienstbereiten und aufopferungsfreudigen erprobten Feldsoldaten,
hintanzustellen, gering zu achten und zu vergessen. Im andern Fall
spaziert er nur mit halber Aufmerksamkeit und mit halbem Geist, und das
ist nichts wert. Er muß jederzeit des Mitleides, des Mitempfindens und
der Begeisterung fähig sein, und er ist es hoffentlich. Er muß in den
hohen Enthusiasmus hinaufzudringen und sich in die tiefste und kleinste
Alltäglichkeit herunterzusenken und zu neigen vermögen, und er kann es
vermutlich. Treues, hingebungsvolles Aufgehen und Sichverlieren in die
Gegenstände und eifrige Liebe zu allen Erscheinungen und Dingen machen
ihn aber dafür glücklich, wie jede Pflichterfüllung den Pflichtbewußten
glücklich und reich im Innersten macht. Geist, Hingabe und Treue
beseligen ihn und heben ihn hoch über seine eigene unscheinbare
Spaziergängerperson hinaus, die nur zu oft im Geruch und schlechten Rufe
des Vagabundierens und unnützen Herumstreichens steht. Seine
mannigfaltigen Studien bereichern und belustigen, besänftigen und
veredeln ihn und streifen mitunter, so unwahrscheinlich das auch klingen
mag, hart an exakte Wissenschaft, die dem scheinbar leichtfertigen
Bummler niemand zutraut. Wissen Sie, daß ich hartnäckig und zäh im Kopfe
arbeite und oft im besten Sinn tätig bin, wo es den Anschein hat, als ob
ich ein gedankenlos und arbeitslos im Blauen oder im Grünen mich
verlierender, saumseliger, träumerischer und träger, schlechtesten
Eindruck machender Erztagedieb und leichtfertiger Mensch ohne
Verantwortung sei? Geheimnisvoll und heimlich schleichen dem
Spaziergänger allerlei schöne feinsinnige Spaziergangsgedanken nach,
derart, daß er mitten im fleißigen, achtsamen Gehen innehalten,
stillstehen und horchen muß, daß er über und über von seltsamen
Eindrücken und bezaubernder Geistergewalt benommen und betreten ist und
er das Gefühl hat, als müsse er plötzlich in die Erde hinabsinken oder
als öffne sich vor seinen geblendeten, verwirrten Denker- und
Dichteraugen ein Abgrund. Der Kopf will ihm abfallen, und die sonst so
lebendigen Arme und Beine sind ihm wie erstarrt. Land und Leute, Töne
und Farben, Gesichter und Gestalten, Wolken und Sonnenschein drehen sich
wie Schemen rund um ihn herum, und er muß sich fragen: »Wo bin ich?«
Erde und Himmel fließen und stürzen mit einmal in ein blitzendes,
schimmerndes, übereinanderwogendes, undeutliches Nebelgebilde zusammen;
das Chaos beginnt, und die Ordnungen verschwinden. Mühsam versucht der
Erschütterte seine gesunde Besinnung aufrecht zu halten; es gelingt ihm,
und er spaziert vertrauensvoll weiter. Halten Sie es für ganz und gar
unmöglich, daß ich auf einem weichen geduldigen Spaziergang Riesen
antreffe, Professoren die Ehre habe zu sehen, mit Buchhändlern und
Bankbeamten im Vorbeigehen verkehre, mit angehenden jugendlichen
Sängerinnen und ehemaligen Schauspielerinnen rede, bei geistreichen
Damen zu Mittag speise, durch Wälder streife, gefährliche Briefe
befördere und mich mit tückischen ironischen Schneidermeistern wild
herumschlage? Das alles kann vorkommen, und ich glaube, daß es in der
Tat vorgekommen ist. Den Spaziergänger begleitet stets etwas
Merkwürdiges, Gedankenvolles und Phantastisches, und er wäre dumm, wenn
er dieses Geistige nicht beachten oder gar von sich fortstoßen würde;
aber das tut er nicht; er heißt vielmehr alle sonderbaren,
eigentümlichen Erscheinungen willkommen, befreundet und verbrüdert sich
mit ihnen, weil sie ihn entzücken, macht sie zu gestaltenhaften
wesenvollen Körpern, gibt ihnen Bildung und Seele, wie sie ihrerseits
ihn beseelen und bilden. Ich verdiene mit einem Wort mein tägliches Brot
durch Denken, Grübeln, Bohren, Graben, Sinnen, Dichten, Untersuchen,
Forschen und Spazieren so sauer wie irgend einer. Indem ich vielleicht
die allervergnügteste Miene schneide, bin ich höchst ernsthaft und
gewissenhaft, und wo ich weiter nichts als zärtlich und schwärmerisch zu
sein scheine, bin ich ein solider Fachmann! Ich hoffe, daß alle diese
eingehenden Aufklärungen Sie von meinen ehrlichen Bestrebungen
überzeugen und Sie vollauf befriedigen.«
Der Beamte sagte: »Gut!«, und er fügte bei: »Ihr Gesuch betreffs
Bewilligung möglichst niedrig zu veranschlagenden Steuersatzes werden
wir näher prüfen und Ihnen diesbezüglich baldige abschlägige oder
einwilligende Mitteilung machen. Für freundlich abgelegten
Wahrheitsbericht und eifrig geleistete ehrliche Aussagen dankt man
Ihnen. Sie dürfen einstweilen abtreten und Ihren Spaziergang
fortsetzen.«
Da ich in Gnaden entlassen war, so eilte ich freudig fort und war bald
wieder im Freien. Freiheitsbegeisterungen ergriffen mich und rissen mich
hin. Ich komme jetzt endlich, nach so manchem tapfer bestandenem
Abenteuer und nach so manchem mehr oder weniger siegreich überwundenen
schwierigen Hindernis, zu dem längst angemeldeten und vorausgesagten
Eisenbahnübergang, wo ich eine Weile stehen bleiben und niedlich warten
mußte, bis etwa allmählich der Zug gütigst die hohe Gnade gehabt hätte,
säuberlich vorüberzufahren. Allerlei männliches und weibliches Volk
jeglichen Alters und Charakters stand und wartete wie ich an der Stange.
Die korpulente, nette Bahnwärtersfrau stand still wie eine Statue da und
musterte uns Herumstehende und Wartende gründlich. Der vorbeisausende
Eisenbahnzug war voll Militär, und alle zu den Fenstern
herausschauenden, dem lieben teuren Vaterland Dienste weihenden und
widmenden Soldaten, diese ganze fahrende Soldatenschule einerseits und
das unnütze Zivilpublikum anderseits grüßten und winkten einander
gegenseitig freundlich und patriotisch, eine Bewegung, die rund herum
liebliche Stimmungen verbreitete. Da der Übergang frei geworden war,
gingen ich und alle andern friedlich und ruhig weiter, und nun schien
mir jederlei Umgebung mit einmal noch tausendmal schöner als vorher
geworden zu sein. Der Spaziergang schien immer schöner, reicher und
größer werden zu wollen. Hier beim Bahnübergang schien mir der Höhepunkt
oder etwas wie das Zentrum zu sein, von wo aus es leise wieder sinken
würde. Ich ahnte bereits etwas vom beginnenden sanften Abendabhang.
Etwas wie goldene Wehmutwonne und süßer Schwermutzauber hauchte wie ein
stiller, hoher Gott umher. »Hier ist es jetzt himmlisch schön«, sagte
ich zu mir selber. Wie ein bezauberndes, Tränen heraufbeschwörendes
Abschiedlied lag das zarte Land mit seinen lieben, bescheidenen Wiesen,
Gärten und Häusern da. Tönend drangen leise uralte Volksklagen und
Leiden des guten, armen Volkes aus allen Seiten daher. Geister mit
entzückenden Gestalten und Gewändern tauchten groß und weich auf, und
die liebe, gute Landstraße strahlte himmelblau und weiß und goldig.
Rührung und Entzücken flogen wie aus dem Himmel niederstürzende
Engelsbilder über die golden gefärbten, rosig angehauchten kleinen
Armutshäuser, die der Sonnenschein zärtlich umarmte und umrahmte. Liebe
und Armut und silberner-goldener Hauch gingen und schwebten Hand in
Hand. Es war mir zumut, als rufe mich jemand Liebes beim Namen oder als
küsse und tröste mich jemand. Gott der Allmächtige, unser gnädiger Herr,
trat auf die Straße, um sie zu verherrlichen und himmlisch schön zu
machen. Einbildungen aller Art und Illusionen machten mich glauben, daß
Jesus Christus heraufgestiegen sei und jetzt mitten unter den Leuten und
mitten durch die liebenswürdige Gegend wandere und umher wandle. Häuser,
Gärten und Menschen verwandelten sich in Klänge, alles Gegenständliche
schien sich in eine Seele und in eine Zärtlichkeit verwandelt zu haben.
Süßer Silberschleier und Seelennebel schwamm in alles und legte sich um
alles. Die Weltseele hatte sich geöffnet, und alles Leid, alle
menschlichen Enttäuschungen, alles Böse, alles Schmerzhafte schienen zu
entschwinden, um von nun an nie mehr wieder zu erscheinen. Frühere
Spaziergänge traten mir vor die Augen; aber das wundervolle Bild der
bescheidenen Gegenwart wurde zur überragenden Empfindung. Die Zukunft
verblaßte, und die Vergangenheit zerrann. Ich glühte und blühte selber
im glühenden, blühenden Augenblick. Aus näheren und weiteren
Entfernungen trat Großes und Gutes mit herrlicher Gebärde, Beglückungen
und Bereicherungen silberhell hervor, und ich phantasierte mitten in der
schönen Gegend von nichts anderem als nur eben von ihr. Alle übrigen
Phantasien sanken zusammen und verschwanden in der Bedeutungslosigkeit.
Ich hatte die ganze reiche Erde dicht vor mir und schaute doch nur auf
das Kleinste und Bescheidenste. Mit Liebesgebärden hob sich und senkte
sich der Himmel. Ich war ein Inneres geworden und spazierte wie in einem
Innern; alles Äußere wurde zum Traum, das bisher Verstandene zum
Unverständlichen. An der Oberfläche herab stürzte ich in die fabelhafte
Tiefe, die ich im Augenblick als das Gute erkannte. Was wir verstehen
und lieben, das versteht und liebt auch uns. Ich war nicht mehr ich
selber, war ein anderer und doch gerade darum erst recht wieder ich
selbst. Im süßen Liebeslichte erkannte ich oder glaubte ich erkennen zu
sollen, daß vielleicht der innerliche Mensch der einzige sei, der
wahrhaft existiert. Der Gedanke griff mich an: »Wo wollten wir armen
Menschen sein, wenn es keine treue Erde gäbe? Was hätten wir noch, wenn
wir dieses Schöne und Gute nicht hätten? Wo sollte ich sein, wenn ich
nicht hier sein dürfte? Hier habe ich alles, und anderswo hätte ich
nichts.«
Was ich sah, war ebenso klein und arm wie groß und bedeutend, ebenso
bescheiden wie reizend, ebenso nah wie gut und ebenso lieblich wie warm.
An zwei Häusern, die wie lebendige, gemütliche Nachbarsgestalten nah
beieinander im hellen Sonnenlicht lagen, hatte ich große Freude. Eine
Freude kam auf die andere, und in der weichen, zutraulichen Luft
schwebte ein Behagen auf und ab und zitterte es wie von verhaltenem
Vergnügen. Eines der beiden kleinen, feinen Häuser war das Wirtshaus zum
»Bären«; der Bär war im Wirtshausschild trefflich und drollig
abgebildet. Kastanienbäume überschatteten das zierliche, gutmütige Haus,
das sicher von lieben, netten, freundlichen Leuten bewohnt war; sah doch
das Haus nicht wie manche Bauwerke hochmütig, sondern wie die
Zutraulichkeit und Treue selber aus. Überall, wohin das Auge blickte,
lag dichte, zufriedene Gartenpracht und schwebte grünes, dichtes Gewirr
von artigen Blättern. Das zweite Haus oder Häuschen glich in seiner
sichtlichen Lieblichkeit und Niedrigkeit einem kindlich schönen Blatt
aus einem Bilderbuch, einer süßen Illustration, so reizend und seltsam
stellte es sich dar. Die Welt rund um das Häuschen erschien vollkommen
gut und schön. Ich verliebte mich in das bildschöne, kleine Hauswesen
allsogleich bis über die Ohren und wäre von Herzen gern hineingegangen,
um mich einzunisten und einzumieten und für immer im Zauberhäuschen und
Kleinod zu wohnen, und mich wohlzufühlen; aber gerade die schönsten
Wohnungen sind leider Gottes meistens besetzt, und wer für seinen
anspruchsvollen Geschmack eine passende Wohnung sucht, dem geht es
schlecht, weil, was leer steht und zu haben ist, oft greulich ist und
Grauen erregt. Das schöne Häuschen war sicherlich von einem
alleinstehenden Frauchen oder Großmütterchen bewohnt; es duftete danach
und schaute so danach aus. Wenn es gestattet ist, zu sagen, so melde ich
ferner, daß an der Wand des Häuschens Wandmalereien oder erhabene
Fresken strotzten, die himmlisch fein und lustig waren und eine
Schweizeralpenlandschaft darstellten, auf der wieder ein Haus und zwar
ein Berner-Oberländerhaus stand, nämlich gemalt. Gut war die Malerei an
sich wahrhaftig keineswegs. Solches behaupten zu wollen wäre keck.
Herrlich kam sie mir aber trotzdem vor. Simpel und einfältig, wie sie
war, entzückte sie mich; mich entzückt eigentlich jedes noch so dumme
und ungeschickte Stück Malerei, weil jedes Stück Malerei erstens an
Emsigkeit und Fleiß und zweitens an Holland erinnert. Ist denn nicht
jede Musik, auch die kärglichste, für den schön, der das Wesen und die
Existenz der Musik liebt? Ist nicht fast jeder beliebige Mensch, auch
der böseste und unangenehmste, für den Freund der Menschen
liebenswürdig? Gemalte Landschaft mitten in der wirklichen Landschaft
ist kapriziös, pikant. Das wird niemand bestreiten können. Den
Tatbestand, daß ein altes Mütterchen in dem Häuschen wohne, nagelte und
heftete ich übrigens gewiß nicht fest und vermochte ich durchaus nicht
aufzunehmen. Mich nimmt aber nur wunder, warum ich hier Worte wie
»Tatbestand« in den Mund zu nehmen wage, wo alles so weich und voll
Menschennatur ist oder wenigstens sein soll wie Empfindungen und
Ahnungen eines Mutterherzens. Übrigens war das Häuschen graublau
angestrichen und hatte hellgolden-grüne Fensterläden, die zu lächeln
schienen, und rund herum in einem Zaubergärtchen dufteten die schönsten
Blumen. Über ein Lust- und Gartenhäuschen neigte und krümmte sich in
entzückender Anmut ein Rosenstrauch und -Busch voll der schönsten Rosen.
Falls ich nicht krank, sondern gesund und munter bin, was ich hoffe und
woran ich nicht zweifeln will, kam ich, indem ich behaglich weiterging,
vor ein ländliches Friseurgeschäft, mit dessen Inhalt und Inhaber ich
mich jedoch, wie mir scheint, nicht Grund habe abzugeben, da ich der
Meinung bin, daß es noch nicht dringend nötig ist, mir das Haar
schneiden zu lassen, was ja vielleicht ganz hübsch und spaßhaft wäre.
Ferner kam ich an einer Schusterwerkstatt vorbei, die mich an den
genialen aber unglücklichen Dichter Lenz erinnerte, der während der Zeit
seiner Geistes- und Gemütszerrüttung Schuhe machen lernte und machte.
Schaute ich nicht auch im Vorbeigehen in ein Schulhaus und in eine
freundliche Schulstube hinein, wo gerade die gestrenge Schullehrerin
examinierte und kommandierte? Bei dieser Gelegenheit sei darauf
hingewiesen, wie sehr der Spaziergänger im Flug und im Nu wünschte,
wieder ein Kind und ein unfolgsamer, spitzbübischer Schulknabe sein zu
dürfen, wieder zur Schule gehen und eine wohlverdiente Tracht Hiebe zur
Strafe für begangene Unartigkeiten und Untaten einernten und in Empfang
nehmen zu können. Da wir von Prügel reden, sei gerade noch erwähnt und
beigeflochten, wir seien der Meinung, daß ein Landmann ehrlich und
tüchtig durchgeprügelt zu werden verdiente, der nicht zaudert, den
Schmuck der Landschaft und die Schönheit seines eigenen Heimwesens,
nämlich seinen hohen, alten Nußbaum umzuhauen, um schnödes, schlechtes,
törichtes Geld damit zu erhandeln. Ich kam nämlich an einem bildhübschen
Bauernhaus mit hohem, herrlich-mächtigem Nußbaum vorbei; da stieg mir
der Prügel- und Handelsgedanke auf. »Dieser hohe, majestätische Baum«,
rief ich hell aus, »der das Haus so wunderbar beschützt und verschönt,
es in eine so ernste und fröhliche Heimeligkeit und traute
Heimatlichkeit einspinnt, dieser Baum, sage ich, ist eine Gottheit, ein
Heiligtum, und tausend Peitschenhiebe dem gefühllosen und ruchlosen
Besitzer, der all diesen goldenen, himmlisch grünen Blätterzauber
verschwinden zu machen wagen darf, damit er seinen Gelddurst, das
Gemeinste und Schnödeste, was es auf Erden gibt, befriedige. Solche
Trottel sollte man aus der Gemeinde ausstoßen. Nach Sibirien oder nach
Feuerland mit solchen Schändern und Umstürzern des Schönen. Doch es gibt
gottlob auch Bauern, die Herz und Sinn für etwas Zartes und Gutes
haben.«
Ich bin vielleicht in Bezug auf den Baum, den Geiz, den Bauer, den
Transport nach Sibirien und die Prügel, die anscheinend der Bauer
verdient, weil er den Baum fällt, etwas zu weit gegangen und muß
gestehen, daß ich mich habe hinreißen lassen, zu zürnen. Freunde von
schönen Bäumen werden indessen meinen Unmut begreifen und meinem so
lebhaft zum Ausdruck gebrachten Bedauern beistimmen. Die tausend
Peitschenhiebe nehme ich meinetwegen gerne zurück. Dem Ausdruck
»Trottel« versage selbst ich den Beifall. Ich mißbillige das grobe Wort
und bitte den Leser deswegen um Entschuldigung. Da ich mich bereits
mehrmals entschuldigen mußte, so habe ich im höflichen um Verzeihung
Bitten schon eine gewisse Übung erlangt. »Gefühlloser und ruchloser
Besitzer« hätte ich ebenfalls nicht nötig gehabt zu sagen. Es sind dies
geistige Erhitzungen, die vermieden werden müssen. Das ist klar. Den
Schmerz um eines schönen, hohen, alten Baumes Sturz lasse ich stehen und
eine böse Miene mache ich hierüber sicher, woran mich niemand verhindern
darf. »Aus der Gemeinde ausstoßen« ist unvorsichtig gesprochen, und was
die Geldgier betrifft, die ich als gemein bezeichnet habe, so nehme ich
an, daß auch ich bereits ein oder das andere mal hindiesbezüglich schwer
gefrevelt, gefehlt und gesündigt habe und daß gewisse Elendigkeiten und
Gemeinheiten auch mir durchaus nicht fremd und unbekannt geblieben sind.
Mit diesen Sätzen mache ich Flaumacherpolitik, wie man sie schöner gar
nicht zu sehen bekommen kann; aber ich halte diese Politik für eine
Notwendigkeit. Der Anstand gebietet uns, acht zu geben, daß wir mit uns
selber ebenso streng verfahren wie mit andern, und daß wir andere ebenso
milde und gelinde beurteilen wie uns selber, und letzteres tun wir ja
bekanntlich jederzeit unwillkürlich. Ist es nicht geradezu reizend, wie
ich hier Fehler sauber korrigiere und Verstöße abglätte? Indem ich
Eingeständnisse mache, erweise ich mich als friedfertig, und indem ich
Eckiges abrunde und Hartes weich mache, bin ich ein feiner, zarter
Abschwächer, zeige ich Sinn für gute Tonart und bin ich diplomatisch.
Blamiert habe ich mich immerhin; aber ich hoffe, man anerkenne den guten
Willen.
Wenn jetzt jemand noch sagt, daß ich ein rücksichtsloser Mensch,
Machtmensch und Machthaber sei, der blind drauflos geht, so behaupte
ich, d. h. wage ich zu hoffen, daß ich das Recht habe, zu behaupten, daß
sich die Person, die das sagt, bös irrt. So zart und sanft wie ich hat
vielleicht noch nie ein Autor beständig an den Leser gedacht.
So, und nun kann ich mit Palais oder Adelspalästen dienstfertig
aufwarten und zwar wie folgt: Ich trumpfe förmlich auf; denn mit solch
einem halbverfallenen Edelsitz und Patrizierhaus, mit einem
altersgrauen, parkumgebenen, stolzen Rittersitz und Herrenhaus wie das
ist, das jetzt hier auftaucht, kann man Staat machen, Aufsehen erregen,
Neid erwecken, Bewunderung hervorrufen und Ehre einheimsen. Mancher arme
aber feine Literat wohnte mit Herzenslust und höchstem Vergnügen in
solch einem Schloß oder Burg mit Hof und Einfahrt für hochherrschaftliche,
wappengeschmückte Wagen. Mancher arme aber genußfreudige
Maler träumt von zeitweiligem Aufenthalt auf köstlichen,
altertümlichen Landsitzen. Manches gebildete, aber vielleicht bettelarme
Stadtmädchen denkt mit wehmütigem Entzücken und mit idealem Eifer an
Teiche, Grotten, hohe Gemächer und Sänften und sich selbst bedient von
eilfertigen Dienern und edelmütigen Rittern. Auf dem Herrenhause, das
ich da sah, d. h. mehr an als auf ihm, war die Jahreszahl 1709 zu sehen
und zu lesen, was mein Interesse natürlich lebhaft erhöhte. Mit einem
gewissen Entzücken schaute ich als Natur- und Altertumsforscher in den
verträumten, alten, sonderbaren Garten hinein, wo ich in einem Bassin
mit reizend plätscherndem Springbrunnen den seltsamsten meterlangen
Fisch, nämlich einen einsamen Wels, leicht entdeckte und konstatierte.
Ebenso sah und entdeckte ich und stellte ich mit romantischer Wonne fest
einen Gartenpavillon im maurischen oder arabischen Stil, schön und reich
mit Himmelblau, geheimnisvollem Sternen-Silber, Gold, Braun und edlem,
ernstem Schwarz bemalt. Ich vermutete und witterte mit höchst feinem
Verständnis sogleich heraus, daß der Pavillon ungefähr im Jahr 1858
entstanden sein und errichtet worden sein dürfte, ein Ermitteln, Erraten
und Herausriechen, das mich vielleicht berechtigt, diesbetreffs einmal
einen einschlägigen Vortrag oder eine Vorlesung im Rathaussaal vor
vielem beifallfreudigem Publikum mit ziemlich stolzem Gesicht und
selbstbewußter Miene zuversichtlich abzuhalten. Den Vortrag erwähnte
sehr wahrscheinlich dann die Presse, was mir selbstverständlich nur lieb
sein könnte; denn sie erwähnt manchmal allerlei mit keinem
Sterbenswörtchen. Indem ich den arabischen oder persischen
Gartenpavillon studierte, fiel mir ein, zu denken: »Wie schön muß es
hier des Nachts sein, wenn alles mit einem beinahe undurchdringlichen
Dunkel umflort ist, alles ringsherum still, schwarz und lautlos ist,
Tannen aus dem Dunkel leise hervorragen, mitternächtliches Empfinden den
einsamen Wanderer festhält, und nun eine Lampe, die süßen, gelben Schein
verbreitet, in den Pavillon hineingetragen wird von einer schönen,
reizgeschmückten, edlen Frau, die dann, von einem eigentümlichen
Geschmack getrieben und von seltsamer Seelenanwandlung bewogen, auf dem
Piano, womit in diesem Fall natürlich unser Gartenhaus ausgestattet zu
sein hat, Lieder zu spielen beginnt, wozu sie, falls der Traum erlaubt
ist, mit entzückend schöner, reiner Stimme singt. Wie würde man da
lauschen, wie würde man da träumen, wie würde man über die Nachtmusik
glücklich sein.«
Aber es war nicht Mitternacht und weit und breit weder ein ritterliches
Mittelalter noch ein Jahr Fünfzehn- oder Siebzehnhundert, sondern heller
Tag und Werktag, und ein Trupp Leute nebst einem der unhöflichsten und
unritterlichsten, barschesten und impertinentesten Automobile, die mir
je begegneten, störten mich an der Fülle meiner gelehrten und
romantischen Betrachtungen sehr und warfen mich im Handumdrehen aus
aller Schloßpoesie und Vergangenheitsträumerei heraus, derartig, daß ich
unwillkürlich ausrief: »Zwar sehr grob ist das, wie man mich hier
hindert, die feinsten Studien zu machen und mich in die vornehmsten
Vertiefungen zu versenken. Ich könnte entrüstet sein; aber statt dessen
will ich lieber sanftmütig sein und manierlich leiden und dulden. Süß
ist der Gedanke an das vorübergegangene Schöne und Holde, süß ist das
edle blasse Gemälde untergegangener, ertrunkener Schönheit; aber der
Mitwelt und den Mitmenschen hat man keinen Grund deswegen den Rücken zu
kehren, und man darf nicht glauben, daß man berechtigt sei, Leuten und
Einrichtungen zu grollen, weil sie die Stimmung nicht berücksichtigen,
die derjenige hat, der sich an Geschichtliches und Gedankliches
verliert.«
»Ein Gewittersturm«, dachte ich im Weitergehen, »wäre hier schön.
Hoffentlich erlebe ich bei guter Gelegenheit einen solchen.« An einen
guten, ehrlichen, kohlrabenschwarzen Hund, der am Weg lag, richtete ich
folgende spaßhafte Ansprache: »Kommt dir scheinbar gänzlich unbelehrten
und unkultivierten Burschen wirklich nicht im entferntesten in den Sinn,
aufzustehen und mich mit deiner pechschwarzen Tatze zu grüßen, wo du mir
doch am Schritt und am ganzen übrigen Gehaben ansehen mußt, daß ich ein
Mensch bin, der volle sieben gute Jahre lang in der Welt- und Hauptstadt
gelebt hat, und der während dieser Zeit aus dem Verkehr und angenehmen
Umgang mit ausschließlich gebildeten Menschen fast keine Minute,
geschweige denn Stunde oder gar Monat und Woche lang herausgekommen ist?
In welche Schule bist du, ruppiger Gesell, denn eigentlich gegangen?
Wie? Und nicht einmal eine kleine Antwort gibst du mir? Bleibst ruhig
liegen, schaust mich ruhig an, verziehst keine Miene und bleibst
unbeweglich wie ein Monument? Schäme dich!«
Tatsächlich jedoch gefiel mir der Hund, der in der treuherzigen
Wachsamkeit und in der humorvollen Ruhe und Gelassenheit, die er zur
Schau trug, prächtig aussah, ungemein gut, und weil er mich so fröhlich
anblinzelte, redete ich mit ihm, und weil er ja doch wohl kein Wort
verstand, durfte ich mir herausnehmen, ihn zu schelten, was aber, wie
man aus der Possierlichkeit der Redeweise gemerkt haben wird, jedenfalls
nicht böse gemeint sein konnte.
Beim Anblick eines höchst soigniert dahertrabenden und wackelig
stolzierenden feinen steifen Herrn hatte ich den wehmütigen Gedanken:
»Und vernachlässigte kleine arme schlechtgekleidete Kinder? Ist es
möglich, daß so ein schöngekleideter, grandios aufgeputzter, glänzend
ausstaffierter und austapezierter, ring- und schmuckbehangener,
geschniegelter und gewichster Herr keinen Augenblick an arme junge
Geschöpfe denkt, die oft genug in Fetzen einhergehen, traurigen Mangel
an Pflege und Säuberlichkeit offenbaren und kläglich verwahrlost sind?
Geniert sich der Pfau nicht ein bißchen? Fühlt sich der Herr Erwachsene,
der so schön einhergeht, beim Anblick der schmutzigen, fleckigen Kleinen
ganz und gar nicht betroffen? Mich dünkt, es dürfte kein erwachsener
Mensch Lust zeigen, geputzt aufzutreten, solange es immer noch Kinder
gibt, denen jeder äußere Schmuck mangelt.«
Aber man könnte mit ebenso viel Recht sagen, daß niemand ins Konzert
gehen oder eine Theatervorstellung besuchen oder sonstwelche Lustbarkeit
genießen sollte, solange es Gefängnisse und Strafanstalten mit
unglücklichen Gefangenen in der Welt gibt. Dies geht selbstverständlich
zu weit. Und wenn jemand mit Genießen und mit aller Lebenslust solange
warten wollte, bis die Welt endlich keine unglücklichen armen Menschen
mehr aufweisen würde, so müßte er bis an das graue unausdenkbare Ende
aller Tage und bis ans eisigkalte, öde Ende der Welt warten, und bis
dahin dürfte ihm die Lust und das Leben selber gründlich vergangen sein.
Eine zerzauste, zerarbeitete, zermürbte, wankende Arbeiterin, die
auffällig müde und geschwächt und doch hastig daherkam, weil sie
offenbar rasch noch allerlei zu verrichten hatte, mahnte mich im
Augenblick an feingepflegte, verwöhnte Töchterchen oder höhere Töchter,
die oft nicht wissen oder zu wissen scheinen, mit welcher Art zierlicher
vornehmer Beschäftigung oder Zerstreuung sie ihren Tag zu verbringen
haben, und die vielleicht nie rechtschaffen müde sind, die tagelang,
wochenlang darüber nachdenken, was sie tragen könnten, um den Glanz
ihres Bildes zu erhöhen, und die lange Betrachtungen darüber anzustellen
Zeit in Hülle und Fülle haben, was sie bewerkstelligen sollen, damit
mehr und immer mehr übertriebene kränkliche Finessen ihre Person und ihr
süßes, zuckerbäckerhaftes Figürchen einhüllen.
Aber ich bin ja meistens selber ein Liebhaber und Verehrer solcher
liebenswürdiger, bis ins äußerste gepflegter, mondscheinhaft schöner,
zarter Mädchenpflanzen. Ein reizendes Backfischchen könnte mir befehlen,
was ihm einfiele, ich würde ihm blindlings gehorchen. O wie ist die
Schönheit schön und das Hinreißende hinreißend!
Wieder komme ich auf Architektur und Baukunst zu sprechen, wobei ein
Stückchen oder Fleckchen Kunst und Literatur zu berücksichtigen sein
wird.
Vorher eine Bemerkung: Alte edle würdige Häuser, historische Stätten und
Bauten mit Blümchen-Ornamentik zu beputzen, kündigt denkbar schlechten
Geschmack an. Wer das tut oder tun läßt, sündigt gegen den Geist des
Würdigen und Schönen und verletzt die schöne Erinnerung an unsere ebenso
tapferen wie edlen Vorfahren. Zweitens bekränze und bestecke man nie
Brunnen-Architekturen mit Blumen. Blumen sind an sich freilich schön;
aber sie sind nicht dazu da, um die edle Strenge und strenge Schönheit
von Steinbildern zu verlalifaren und zu verwischen. Überhaupt kann die
Vorliebe für Blumen in dumme Blumensucht ausarten. Persönlichkeiten,
Magistrate, die dies angeht, mögen sich autoritativen Ortes erkundigen,
ob ich recht habe, und sich hernach hübsch danach gütig verhalten.
Um zwei schöne und interessante Gebäulichkeiten zu erwähnen, die mich
stark fesselten und meine Aufmerksamkeit in ungewöhnlichem Grad in
Anspruch nahmen, sei gesagt, daß ich nämlich, indem ich so meinen Weg
weiter verfolgte, vor eine entzückende seltsame Kapelle kam, die ich
sogleich die Brentano-Kapelle nannte, weil ich sah, daß sie aus der
phantasieumwobenen, goldumhauchten, halb hellen und halb dunklen Zeit
der Romantiker stammte. Der große wilde stürmische dunkle Roman »Godwin«
von Brentano fiel mir ein. Hohe schlanke Bogenfenster gaben dem höchst
originellen, sonderbaren Gebäude ein zartes, liebliches Ansehen und
verliehen ihm den Geist des Zaubervollen, den Zauber der Innigkeit und
des gedankenhaften Lebens. Feurige tiefsinnige Landschaftschilderungen
von eben erwähntem Dichter kamen mir in Erinnerung, namentlich die
Beschreibung deutscher Eichenwälder. Bald darauf stand ich vor der Villa
genannt »Terrasse«, die mich an den Maler Karl Stauffer-Bern, der hier
zeitweise wohnte und hauste, und gleichzeitig an gewisse sehr vornehme
edle Baulichkeiten mahnte, die an der Tiergartenstraße zu Berlin stehen,
die um des strengen, hoheitvollen und schlicht-klassischen Stiles
willen, den sie zum Ausdruck bringen, sympathisch und sehenswürdig sind.
Das Staufferhaus und die Brentano-Kapelle stellten sich mir als
Denkmäler zweier streng von einander getrennter Welten dar, die beide
auf ihre eigentümliche Art anmutig, unterhaltend und bedeutend sind.
Hier die gemessene, kühle Eleganz, dort der übermütige, tiefsinnige
Traum, hier etwas Feines und Schönes und dort etwas Feines und Schönes,
aber als Wesen und Bildung völlig verschieden, obwohl einander der Zeit
nach nah. Es fängt jetzt auf meinem Spaziergang allmählich an zu
abenden, und das stille Ende, scheint mir, sei nicht mehr gar so fern.
Einige Alltäglichkeiten und Verkehrserscheinungen sind hier vielleicht
ganz am Platz, nämlich etwa der Reihe nach: eine stattliche
Klavierfabrik nebst andern Fabriken und Etablissementen, eine
Pappelallee dicht neben einem schwärzlichen Fluß, Männer, Frauen,
Kinder, elektrische Straßenbahnwagen, ihr Krächzen und der ausschauende
verantwortliche Feldherr oder Führer, ein Trupp reizend gescheckter und
gefleckter blaßfarbiger Kühe, Bauernfrauen auf Bauernwagen und
dazugehöriges Rädergeroll und Peitschenknallen, etliche schwerbepackte,
hochaufgetürmte Lastwagen, Bierwagen und Bierfässer, heimkehrende, aus
der Fabrik hervorströmende und -brechende Arbeiter, das Überwältigende
dieses Massen-Anblicks und -Artikels und seltsame Gedanken hierauf
bezüglich; Güterwagen mit Gütern vom Güterbahnhof herfahrend, ein ganzer
fahrender und wandernder Zirkus mit Elefanten, Pferden, Hunden, Zebras,
Giraffen, in Löwenkäfigen eingesperrten grimmigen Löwen, mit Singalesen,
Indianern, Tigern, Affen und einherkriechenden Krokodilen,
Seiltänzerinnen und Eisbären und all dem nötigen Reichtum an Gefolge,
Dienerschaft, Artistenpack und -Personal, weiter: Jungens mit hölzernen
Waffen bewaffnet, die den europäischen Krieg nachahmen, indem sie
sämtliche Kriegsfurien entfesseln, ein kleiner Galgenstrick, der das
Lied »Hunderttausend Frösche« singt, worauf er mächtig stolz ist;
ferner: Holzer und Waldmenschen mit Karren voll Holz, zwei bis drei
Prachtschweine, wobei sich die lebhafte Phantasie des Beschauers die
Köstlichkeit und Annehmlichkeit eines herrlich duftenden, fertig
zubereiteten Schweinebratens gierig ausmalt, was ja verständlich ist;
ein Bauernhaus mit Sinnspruch über der Einfahrt, zwei Böhminnen,
Galizierinnen, Slavinnen, Wendinnen oder gar Zigeunerinnen in roten
Stiefeln und mit pechschwarzen Augen und dito Haar, bei welchem
fremdartigen Anblick man vielleicht an den Gartenlauberoman »Die
Zigeunerfürstin« denkt, der zwar in Ungarn spielt, was aber wenig
ausmacht, oder an »Preziosa«, die ja zwar spanischen Ursprungs ist, was
man aber nicht gar so genau zu nehmen braucht. Ferner an Läden: Papier-,
Fleisch-, Uhren-, Schuh-, Hut-, Eisen-, Tuch-, Kolonialwaren-,
Spezerei-, Galanterie-, Mercerie-, Bäcker- und Zuckerbäckerläden. Und
überall, auf allen diesen Dingen liebe Abendsonne. Ferner viel Lärm und
Geräusch, Schulen und Schullehrer, letztere mit Gewicht und Würde im
Gesicht, Landschaft und Luft und viele Malerei. Ferner nicht zu
übersehen oder zu vergessen: Aufschriften und Ankündigungen wie »Persil«
oder »Maggis unübertroffene Suppenrollen« oder »Continental-Gummiabsatz
enorm haltbar« oder »Grundstück zu verkaufen« oder »Die beste
Milch-Schokolade« oder ich weiß wahrhaftig nicht, was sonst noch alles.
Wollte man so aufzählen, bis alles getreulich aufgezählt wäre, so käme
man an kein Ende. Einsichtige fühlen und merken das. Ein Plakat oder
Tafel fiel mir vorzüglich auf; der Inhalt war folgender: