Kostgängerei

oder feine Herrenpension empfiehlt feinen oder wenigstens besseren

Herren ihre prima Küche, die derartig ist, daß wir mit ruhigem Gewissen

sagen können, sie befriedige den verwöhntesten Gaumen und entzücke den

lebhaftesten Appetit. Auf allzu hungrige Mägen möchten wir indessen

lieber verzichten zu reflektieren. Die Kochkunst, die wir darbieten,

entspricht höherer Erziehung, womit wir angedeutet haben möchten, daß es

uns lieb sein wird, nur wirklich gebildete Herren an unserer Tafel

schmausen zu sehen. Kerlen, die ihren Wochen- und Monatslohn vertrinken

und daher nicht prompt zu zahlen imstande sind, wünschen wir nicht im

entferntesten zu begegnen; vielmehr halten wir inbezug auf unsere sehr

geehrte Kostgängerschaft auf zarten Anstand und gefällige Manieren.

Reizende, artige Töchter pflegen bei uns an den köstlich gedeckten, mit

Blumen aller Art geschmückten, appetitlichen Tischen zu servieren. Wir

sprechen das aus, damit Herren Reflektanten einsehen, wie nötig es ist,

sich von dem Augenblick an fein zu benehmen und tatsächlich flott und

proper aufzuführen, wo der allfällige Herr Pensionär seinen Fuß in

unsere estimable, respektable Pension setzt. Mit Wüstlingen und

Raufbolden, mit Prahlhelden und Großtuern wollen wir ganz entschieden

nichts zu schaffen haben. Solche, die Anlaß zu haben glauben, sich zu

sagen, daß sie zu dieser Sorte gehören, wollen die Güte haben, unserem

Institut ersten Ranges fern zu bleiben und uns mit ihrer unangenehmen

Gegenwart zu verschonen. Jeder nette, zarte, höfliche, artige, feine,

zuvorkommende, freundliche, fröhliche, aber nicht übermäßig freudige und

fröhliche, sondern eher leise, vor allen Dingen aber zahlungsfähige,

solide, pünktlich zahlende Herr hingegen wird uns in der Tat in jeder

Hinsicht willkommen sein, und er soll auf das feinste bedient und auf

das allerhöflichste und schönste behandelt sein; das versprechen wir

ehrlich und denken es auch allezeit zu halten, daß es eine Lust ist. Ein

solcher netter, reizender Herr soll auf unserer Tafel so ausgesuchte

Leckerbissen finden, wie er die größte Mühe haben würde, sie andernortes

anzutreffen; denn tatsächlich gehen aus unserer exquisiten Küche

Meisterwerke der Kochkunst hervor; das wird jeder Gelegenheit haben zu

bestätigen, der es mit unserer vornehmen Herrenkostgängerei versuchen

will, wozu wir ihn auffordern und jederzeit ermuntern. Das Essen, das

wir auf den Tisch setzen, übersteigt sowohl an Güte wie an Menge jeden

einigermaßen gesunden Begriff, und keine noch so lebhafte Phantasie und

menschliche Einbildungskraft ist fähig, sich die delikaten und

mundwässernden Bissen auch nur annähernd vorzustellen, die wir zu

verabfolgen und vor die freudig erstaunten Gesichter unserer Herren

Eßmannschaften zu stellen gewöhnt sind. Aber es kommen, wie bereits

mehrmals betont, nur bessere Herren in Betracht, und man erlaube uns

gütig, um Irrtümer zu vermeiden und Zweifel zu beseitigen, unsere

diesbezügliche Auffassung kurz kundzutun. In unseren Augen ist nur

derjenige ein besserer Herr, der von Feinheit und Bessersein strotzt und

der in jeder Beziehung halt einfach viel besser ist als andere schlichte

Leute. Leute, die weiter nichts als schlicht sind, passen uns durchaus

nicht. Ein besserer Herr ist nach unserer Meinung nur der, der sich

ziemlich viel eitles und albernes Zeug einbildet und der sich vor allen

Dingen einzubilden vermag, daß seine Nase besser ist als irgend eines

beliebigen andern guten und vernünftigen Menschen Nase. Das Betragen

eines bessern Herrn spricht diese eigentümliche Voraussetzung deutlich

aus, und hierauf verlassen wir uns. Wer nur gut, grad und ehrlich ist

und weiter keinen andern bedeutsamen Vorzug aufweist, der bleibe uns

bitte fern; denn er scheint uns kein feinerer und besserer Herr zu sein.

Für die Auswahl von nur feinsten und gediegensten besseren Herren

besitzen wir das feinste Verständnis. Wir merken es sofort am Gang, an

der Tonart, an der Art, Unterhaltung zu machen, am Gesicht, an den

Bewegungen und namentlich an der Kleidung, am Hut, am Stock, an der

Blume im Knopfloch, die entweder existiert oder nicht, ob ein Herr zu

den besseren Herren zu zählen sei oder nicht. Der Scharfblick, den wir

hierin besitzen, grenzt an Zauberei, und wir wagen zu behaupten, daß wir

uns in diesen Stücken eine gewisse Genialität zumuten. So, nun weiß man,

mit welcher Art von Leuten wir rechnen, und kommt ein Mensch zu uns, dem

wir von weitem ansehen, daß er sich für uns und unsere Pension nicht

eignet, so sagen wir ihm: »Wir bedauern sehr, und es tut uns recht

leid.«

Zwei bis drei Leser werden vielleicht in die Wahrscheinlichkeit dieses

Plakates einige Zweifel setzen, indem sie sich sagen werden, daß man

nicht recht daran glauben könne.

Vielleicht sind da oder dort Wiederholungen vorgekommen. Ich möchte aber

bekennen, daß ich Natur und Menschenleben als eine ebenso schöne wie

reizende Flucht von Wiederholungen anschaue, und ich möchte außerdem

bekennen, daß ich eben diese Erscheinung als Schönheit und als Segen

betrachte. Es gibt freilich manchenortes durch Überreizung verdorbene,

sensationslüsterne Neuigkeitenschnapper und -Lecker, Menschen, die fast

jede Minute nach irgend noch niedagewesenen Genüssen lüsten. Für

solcherlei Leute dichtet der Dichter keinesfalls, wie der Musiker nicht

Musik für sie macht und der Maler nicht für sie malt. Im großen und

ganzen dünkt mich das stetige Bedürfnis nach Genuß und Kost von immer

wieder gänzlich neuen Dingen ein Zug von Kleinheit, Mangel an innerem

Leben, Naturentfremdung und mittelmäßiger oder mangelhafter

Auffassungsgabe zu sein. Kleine Kinder sind es, denen man immer irgend

etwas Neues und Anderes vorführen muß, damit sie nur nicht unzufrieden

sind. Der ernsthafte Schriftsteller fühlt sich nicht berufen,

Anhäufungen des Stofflichen zu besorgen, nervöser Gier behender Diener

zu sein, und er fürchtet sich folgerichtigerweise nicht vor einigen

natürlichen Wiederholungen, obgleich er sich selbstverständlich stets

Mühe gibt, zu viele Ähnlichkeiten fleißig zu verhüten.

Es war nun Abend geworden, und da gelangte ich auf einem hübschen,

stillen Weg oder Seitenweg, der unter Bäumen hinlief, zum See hinaus,

und hier endete der Spaziergang. In einem Erlenwäldchen, am Rand des

Wassers, war eine Knaben- und Mädchenschule versammelt, und der Herr

Pfarrer oder Lehrer erteilte inmitten der Abendnatur Naturunterricht und

Anschauungslehre. Mir fielen, indem ich langsam weiterging, zweierlei

Menschengestalten ein. Vielleicht infolge gewisser umfassender Ermüdung

dachte ich an ein schönes Mädchen und daran, wie ich so allein in der

weiten Welt sei und daß das nicht ganz recht sein könne. Selbstvorwürfe

rührten mich von hinten an und traten mir von vorn in den Weg, und ich

hatte stark zu kämpfen. Gewisse böse Erinnerungen bemächtigten sich

meiner. Selbstanklagen machten mir urplötzlich das Herz schwer. Indessen

suchte und sammelte ich in der Umgebung, teils in einem Wäldchen, teils

im Felde, Blumen. Sanft und leise fing es an zu regnen, wodurch das

zarte Land noch zarter und stiller wurde. Mir war es, als weine es, und

während ich Blumen sammelte, horchte ich auf das leise Weinen, das auf

die Blätter herabrieselte. Warmer, schwacher Sommerregen, wie bist du

süß! »Warum sammle ich hier Blumen«, fragte ich mich und schaute

nachdenklich zu Boden, und der zarte Regen vergrößerte meine

Nachdenklichkeit, die er bis zur Trauer steigerte. Alte vergangene

Verfehlungen fielen mir ein, Treubruch, Haß, Trotz, Falschheit,

Hinterlist, Bosheit und vielerlei heftige, unschöne Auftritte.

Ungezügelte Leidenschaft, wilde Wünsche, und wie ich gar manchen Leuten

wehgetan hatte, wie ich Unrecht getan hatte. Wie eine Schaubühne voll

dramatischer Szenen öffnete sich mir das vorübergegangene Leben, und ich

mußte über meine zahlreichen Schwächen, über alle Unfreundlichkeiten und

Lieblosigkeiten, die ich hatte fühlen lassen, unwillkürlich staunen. Da

trat mir die zweite Gestalt vor die Augen, und ich sah plötzlich den

alten, müden, armen, verlassenen Mann wieder, den ich vor einigen Tagen

in einem Wald am Boden liegen gesehen hatte, und zwar so erbärmlich,

blaß und zum Sterben kläglich, so leidvoll und todesmatt, daß mich der

traurige und seelenbeengende Anblick tief erschreckt hatte. Diesen müden

Mann schaute ich jetzt im Geiste, und es wurde mir schwach davon. Ich

fühlte das Bedürfnis, mich irgendwo hinzulegen, und da gerade ein

freundliches, trauliches Uferplätzchen in der Nähe war, so machte ich es

mir, gewissermaßen erschöpft wie ich war, auf dem weichen Boden unter

dem treuherzigen Geäste eines Baumes bequem. Erde, Luft und Himmel

anschauend, kam mich der betrübliche, unweigerliche Gedanke an, daß ich

zwischen Himmel und Erde ein armer Gefangener sei, daß alle Menschen auf

diese Art und Weise kläglich gefangen seien, daß es für alle nur den

einen finsteren Weg gebe, nämlich in das Loch hinab, in die Erde, daß es

keinen andern Weg in die andere Welt gebe als den, der durch das Grab

geht. »So muß denn alles, alles, dieses ganze reiche Leben, die

freundlichen, gedankenvollen Farben, dieses Entzücken, diese

Lebensfreude und Lebenslust, alle diese menschlichen Bedeutungen,

Familie, Freund und Geliebte, diese helle, zärtliche Luft voll göttlich

schöner Bilder, die Vater- und Mutterhäuser und lieben, sanften Straßen

eines Tages vergehen und sterben, die hohe Sonne, der Mond, und die

Herzen und Augen der Menschen.« Lange dachte ich darüber nach und bat im

stillen die Menschen, denen ich vielleicht weh getan haben mochte, um

Verzeihung. Lange lag ich in undeutlichen Gedanken da, bis mir wieder

das Mädchen einfiel, das so schön und jugendfrisch war, so süße, gute,

reine Augen hatte. Ich stellte mir recht lebhaft vor, wie reizend ihr

kindlich-hübscher Mund sei, wie hübsch ihre Wangen, und wie ihre

körperliche Erscheinung mich mit ihrer melodischen Weichheit bezaubere,

wie ich vor einiger Zeit sie etwas fragte, wie sie im Zweifel und

Unglauben die schönen Augen niederschlug, und daran, wie sie »nein«

sagte, als ich sie fragte, ob sie an meine aufrichtige Liebe, Zuneigung,

Hingabe und Zärtlichkeit glaube. Die Umstände hatten ihr befohlen, zu

reisen, und sie war fortgegangen. Vielleicht würde ich sie noch

rechtzeitig haben überzeugen können, daß ich es gut mit ihr meine, daß

ihre liebenswürdige Person mir wichtig und daß es mir aus vielen schönen

Gründen daran gelegen sei, sie glücklich zu machen und damit mich

selbst; aber ich gab mir weiter keine Mühe mehr, und sie ging fort. Wozu

dann die Blumen? »Sammelte ich Blumen, um sie auf mein Unglück zu

legen?«, fragte ich mich, und der Strauß fiel mir aus der Hand. Ich

hatte mich erhoben, um nach Hause zu gehen; denn es war schon spät, und

alles war dunkel.

Von =Robert Walser= sind erschienen:

~Fritz Kochers Aufsätze~ / Inselverlag.

~Geschwister Tanner~, Roman / Bruno Cassirer, Berlin.

~Der Gehülfe~, Roman / Bruno Cassirer, Berlin.

~Jakob v. Gunten~, Roman / Bruno Cassirer, Berlin.

~Gedichte~ / Bruno Cassirer, Berlin.

~Aufsätze~ / Kurt Wolff, Leipzig.

~Geschichten~ / Kurt Wolff, Leipzig.

Der Spaziergang · 第 8 / 14 题