Franken Eintausend

nicht belastet, sondern vielmehr, was Ihnen zweifellos wesentlich

willkommener sein dürfte, bestens kreditiert haben, was wir Ihnen

hiedurch bestätigen und wovon Sie, wenn Sie so gut sein wollen, prompt

Notiz im Kopf oder, wo es Ihnen sonst paßt, nehmen wollen. Wir nehmen

an, daß Ihnen diese Eröffnung lieb ist; denn Sie machen uns, offen

gestanden, den Eindruck, der uns mit, wir möchten uns erlauben zu sagen,

fast nur schon zu großer Deutlichkeit sagt, daß Sie Fürsorge delikater

und schöner Natur geradezu bedenklich nötig haben. Das Geld steht von

heute ab zu Ihrer Verfügung. Man sieht, daß eine starke Fröhlichkeit

sich in diesem Augenblick über Ihre Gesichtszüge verbreitet. Ihre Augen

leuchten; Ihr Mund hat in diesem Moment etwas Lachendes, mit welchem Sie

vielleicht schon die längste Zeit nicht mehr gelacht haben, weil

zudringliche tägliche Sorgen häßlicher Art Ihnen verboten haben, das zu

tun, und weil Sie sich seit langer Zeit meistens vielleicht in trüber

Laune befanden, da allerhand böse und traurige Gedanken Ihre Stirne

umdüsterten. Reiben Sie sich nur immer vor Vergnügen die Hände, und

seien Sie froh, daß einige edle, liebenswürdige Wohltäterinnen, durch

den erhabenen Gedanken bewogen, daß Leid eindämmen schön und Not lindern

gut sei, daran dachten, daß ein armer und erfolgloser Dichter (denn

nicht wahr, das sind Sie doch?) der Unterstützung bedürfe. Zu der

Tatsache, daß sich einige Menschen fanden, die sich herablassen wollten,

sich Ihrer zu erinnern, und zu dem Umstand, daß nicht alle Leute sich

gleichgültig über des vielfach verachteten Dichters Existenz

hinwegsetzen, gratulieren wir Ihnen.«

»Die mir von weichen und gütigen Feen- oder Frauenhänden gespendete,

unvermutet zugeflossene Geldsumme«, sagte ich, »möchte ich ruhig bei

Ihnen liegen lassen, wo sie ja einstweilen am besten aufgehoben ist, da

Sie über die nötigen feuerfesten und diebsichern Kassenschränke

verfügen, um Schätze vor jeglicher Vernichtung und vor jeglichem

Untergang zu bewahren. Überdies zahlen Sie ja sogar noch Zinsen. Darf

ich Sie um einen Empfangschein bitten? Ich stelle mir vor, daß ich die

Freiheit habe, jederzeit nach Belieben und Bedürfnis von der großen

Summe kleine Summen abzuheben. Bemerken möchte ich, daß ich sparsam bin.

Ich werde mit der Gabe wie ein solider, zielbewußter Mann, d. h. äußerst

vorsichtig umzugehen wissen, und den freundlichen Geberinnen werde ich

in einem besonnenen und artigen Schreiben meinen Dank abzustatten haben,

was ich schon morgen früh zu tun denke, damit es nicht durch Aufschieben

vergessen wird. Die Annahme, die Sie vorhin so offen äußerten, daß ich

arm sei, mag immerhin auf kluger und richtiger Beobachtung beruhen. Es

genügt aber vollkommen, daß ich selber weiß, was ich weiß, und daß ich

selbst es bin, der am besten über meine Person unterrichtet ist. Oft

trügt der Schein, mein Herr, und ein Urteil über einen Menschen zu

fällen, wird wohl am besten diesem Menschen selbst überlassen sein.

Niemand kann einen Mann, der schon allerlei gesehen und erfahren hat, so

gut kennen wie er selbst. Ich irrte zu Zeiten allerdings im Nebel und in

tausenderlei Schwankungen und Verlegenheiten umher, und oft fühlte ich

mich elendiglich verlassen. Aber ich denke, daß es schön ist, zu

kämpfen. Nicht auf Freuden und Vergnügungen ist ein Mann stolz. Stolz

und froh im Grunde der Seele machen ihn nur tapfer überstandene

Anstrengungen und die geduldig ausgehaltenen Leiden. Doch hierüber

verschwendet man nicht gerne Worte. Welcher redliche Mann war im Leben

nie hilflos, und welches menschlichen Wesens Hoffnungen, Pläne, Träume

sind im Laufe der Jahre gänzlich unzerstört geblieben? Wo ist die Seele,

deren Sehnen, kühnes Wünschen, süße und hohe Vorstellungen von Glück in

Erfüllung gingen, ohne daß sie sich Abzüge hat machen lassen müssen?«

Quittung über eintausend Franken wurde mir aus- und eingehändigt, worauf

sich der solide Geld-Einleger und Konto-Korrent-Mensch empfehlen und

entfernen durfte, nämlich niemand anderer als ich. Von Herzen froh über

das mir so zauberhaft, wie aus blauem Himmel zugefallene

Kapital-Vermögen lief ich aus dem hohen, schönen Kassaraum fort, an die

freie Luft hinaus, um den Spaziergang fortzusetzen.

Anfügen will und kann und darf ich hoffentlich (da mir im Augenblick

Neues und Gescheites nicht einfällt), daß ich eine höfliche, reizende

Einladung von Frau Aebi in der Tasche mittrug. Die Einladekarte forderte

mich ergebenst auf und ermunterte mich, punkt halb ein Uhr jedenfalls

zum bescheidenen Mittagessen erscheinen zu wollen. Ich nahm mir fest

vor, der Aufforderung zu gehorchen und bei der fraglichen

schätzenswerten Person zur angegebenen Zeit prompt aufzutauchen.

Indem du dir, lieber gewogener Leser, die Mühe nimmst, sorgfältig mit

dem Schreiber und Erfinder dieser Zeilen vorwärts in die helle,

freundliche Morgenwelt hinaus zu marschieren, nicht eilig, sondern

vielmehr ganz behaglich, sachlich, glatt, bedächtig und ruhig, gelangen

wir beide vor die bereits vorgemerkte Bäckerei mit Goldinschrift, wo wir

uns bewogen fühlen, entsetzt stehen zu bleiben, um auf betrübliche Weise

über gröbliche Protzerei und über damit aufs engste verbundene traurige

Verunstaltung des lieblichen Ländlichkeitsbildes zu staunen.

Spontan rief ich aus: »Ziemlich entrüstet, bei Gott, darf ein ehrlicher

Mensch angesichts solcher goldenen Firmeninschrift-Barbareien sein, die

der Landschaft, in welcher wir stehen, ein Gepräge der Eigensucht,

Geldgier, elenden, völlig nackten Seelenverrohung aufdrücken. Hat denn

ein einfacher, redlicher Bäckermeister wirklich nötig, so großartig

aufzutreten, mit seiner törichten Gold- und Silber-Ankündigung in der

Sonne zu strahlen und blitzen wie ein Fürst oder wie eine putzsüchtige

zweifelhafte Dame? Backe und knete er doch sein Brot in Ehren und in

vernunftentsprechender Bescheidenheit. In was für einer Schwindelwelt

fangen wir an zu leben oder haben wir bereits begonnen zu leben, wenn

von Gemeinden, Nachbarschaft und öffentlicher Meinung nicht nur

geduldet, sondern unglücklicherweise offenbar sogar noch gepriesen wird,

was jeden guten Sinn, jeden Sinn für Vernunft und Gefälligkeit, jeden

Schönheits- und Biedersinn beleidigt, was krankhaft großtut, sich ein

lächerliches Lumpen-Ansehen verleiht, das auf hundert und mehr Meter

Entfernung in die gute ehrliche Luft hinausschreit: »Ich bin der und

der. Ich habe soundso viel Geld, und ich darf mir herausnehmen,

unangenehm aufzufallen. Ich bin zwar sicherlich ein Lümmel und Tölpel

und geschmackloser Kerl mit meinem häßlichen Prunken; aber es hat mir

niemand zu verbieten, lümmelhaft und tölpelhaft zu sein.« Stehen

goldene, weithin glitzernde, abscheulich leuchtende Buchstaben in irgend

einem annehmbaren, ehrlich gerechtfertigten Verhältnis und in irgend

einer gesunden verwandtschaftlichen Beziehung zu -- -- Brot? Mit

nichten! Aber abscheuliche Großtuerei und Prahlerei haben an irgend

einer Ecke, in irgend einem Winkel der Welt, zu irgend einer Stunde

angefangen, haben, gleich einer beklagenswerten jämmerlichen

Überschwemmung, Fortschritte um Fortschritte gemacht, Unrat, Schmutz und

Torheit mit sich reißend, dieselben über die Welt verbreitend, und haben

auch meinen ehrsamen Bäckermeister ergriffen, um seinen bisherigen guten

Geschmack zu verderben, seine ihm angeborene Sittsamkeit zu unterwühlen.

Ich gäbe viel, ich gäbe den linken Arm oder das linke Bein her, wenn ich

durch ein solches Opfer wieder den alten feinen Sinn für Gediegenheit,

die alte gute Genügsamkeit herbeiführen helfen, Land und Leuten wieder

jene Ehrsamkeit und Bescheidenheit zurückgeben könnte, die sicher

vielfach und zum Bedauern aller Menschen, die es redlich meinen,

verloren gegangen sind. Zum Teufel mit der miserablen Sucht, mehr zu

scheinen, als was man ist. Eine wahre Katastrophe ist das, die

Kriegsgefahr, Tod, Elend, Haß und Verwundungen auf der Erde verbreitet

und allem, was existiert, eine verwünschenswerte Maske von Bosheit und

Häßlichkeit aufsetzt. So sei mir doch ein Handwerker kein Monsieur und

eine einfache Frau keine Madam. Aber es will heute alles blenden und

glitzern, neu und fein und schön sein, Monsieur sein und Madam sein, daß

es ein Grauen ist. Doch kommt es vielleicht mit der Zeit auch noch

einmal wieder anders. Ich will es hoffen.«

Ich werde mich übrigens sogleich punkto herrenhaften Auftretens und

hochherrschaftlichen Gebarens, wie man bald erfahren wird, selber beim

Ohr nehmen. Auf was für eine Art wird sich zeigen. Es wäre nicht schön,

wenn ich andere schonungslos kritisieren, mich selber aber nur ganz zart

anfassen und so schonungsvoll wie möglich behandeln wollte. Ein

Kritiker, der es so macht, ist nicht der wahre, und Schriftsteller

sollen mit der Schriftstellerei keinen Mißbrauch treiben. Ich hoffe, daß

dieser Satz allgemein gefällt, Genugtuung erweckt und warmen Beifall

findet.

Eine Arbeiter-gefüllte und arbeitsreiche Metallgießerei verursacht hier

links vom Landschaftsweg auffälliges Getöse. Bei dieser Gelegenheit

schäme ich mich aufrichtig, daß ich nur spaziere, wo so viele andere

schuften und arbeiten. Ich schufte und schaffe freilich vielleicht dann

zu einer Stunde, wo alle diese Arbeiter Feierabend haben und ausruhen.

Ein Monteur auf dem Fahrrad, Kamerad vom Landwehrbataillon 134/III, ruft

mir beiläufig zu: »Du spazierst wieder einmal, scheint mir, am

heiterhellen Werktag.« Ich grüße ihn lachend und gebe mit Freuden zu,

daß er recht hat, wenn er der Ansicht ist, daß ich spaziere.

»Sie sehen es mir an, daß ich spaziere«, dachte ich im stillen und

spazierte friedlich weiter, ohne mich im geringsten über das

Ertapptwordensein zu ärgern, was ganz dumm gewesen wäre.

In meinem hellgelben, geschenkt bekommenen Engländer-Anzug kam ich mir

nämlich, muß ich offen gestehen, wie ein großer Lord, Grandseigneur, im

Park auf und ab spazierender Marquis vor, trotzdem es doch nur eine halb

ländliche, halb vorstadtmäßige schlichte liebe bescheidene und

kleinliche Armutsgegend und Landstraße war, wo ich mich erging, und

durchaus kein vornehmer Park, wie ich mir angemaßt habe anzudeuten, was

ich sachte wieder zurückziehe, weil alles Parkhafte ganz aus der Luft

gegriffen ist und hierher absolut nicht paßt. Kleinere und größere

Fabriklein und mechanische Werkstätten lagen beliebig verstreut im

Grünen. Fette warme Landwirtschaft gab hier herum gleichsam klopfender

und hämmernder Industrie, die immer irgend etwas Zerarbeitetes und

Mageres an sich hat, freundschaftlich den Arm. Nußbäume, Kirschbäume und

Pflaumenbäume gaben dem weichen, rundlichen Weg etwas Anziehendes,

Unterhaltsames und Zierliches. Ein Hund lag quer mitten auf der Straße,

die ich an und für sich schon schön fand und liebte. Ich liebte

überhaupt das meiste, was ich nach und nach sah, augenblicklich feurig.

Eine andere kleine hübsche Hundeszene und Kinderszene war folgende: Ein

großer, aber durchaus drolliger, humorvoller, ungefährlicher Kerl von

Hund betrachtete still einen Knirps von Knaben, der auf einer Haustreppe

kauerte, und der wegen der Aufmerksamkeit, die ihm das gutmütige, jedoch

ein wenig schreckhaft aussehende Tier zu schenken beliebte, vor Angst

jämmerlich brüllte und ein starkes, kindisches Geheul veranstaltete. Ich

fand den Auftritt entzückend; aber einen andern Kinderauftritt im

Landstraßentheater fand ich fast noch netter und entzückender. Zwei ganz

kleine Kinderchen lagen auf der ziemlich staubigen Straße wie in einem

Garten. Das eine Kind sagte zum andern: »Gib mir ein liebes Küßchen.«

Das andere Kind gab ihm das dringlich Geforderte. Nun sagte es zu ihm:

»So. Jetzt darfst du vom Boden aufstehen.« Es würde ihm also höchst

wahrscheinlich ohne süßes Küßchen nicht erlaubt haben, was es ihm jetzt

gestattete. »Wie paßt diese naive kleine Szene zu dem schönen blauen

Himmel, der auf die frohe leichte helle Erde so göttlich herunterlacht!«

sagte ich mir. »Kinder sind himmlisch, weil sie immer wie in einer Art

Himmel sind. Wenn sie älter werden und aufwachsen, schwindet ihnen der

Himmel, und sie fallen aus der Kindlichkeit dann in das trockene,

berechnende Wesen und in die langweiligen Anschauungen der Erwachsenen.

Für Kinder von armen Leuten ist die sommerliche Landstraße wie ein

Spielzimmer. Wo sollen sie sonst sein, da ihnen die Gärten eigennützig

zugesperrt sind? Wehe dahersausenden Automobilen, die kalt und bös in

das Kinderspiel, in den kindlichen Himmel hineinfahren, daß kleine

unschuldige menschliche Wesen in Gefahr kommen, zermalmt zu werden. Den

schrecklichen Gedanken, daß ein Kind von solch einem plumpen

Triumphwagen tatsächlich überfahren wird, will ich garnicht denken, weil

mich sonst der Zorn zu groben Ausdrücken verleitete, mit denen man ja

bekanntlich doch nie viel verrichtet.«

Leuten, die in einem sausenden, staubaufwerfenden Automobil sitzen,

zeige ich immer mein böses und hartes Gesicht, und sie verdienen auch

kein besseres. Sie denken dann, daß ich ein Aufpasser und Polizist in

Zivil sei, von hohen Obrigkeiten und Behörden beauftragt, auf das Fahren

aufzupassen, mir die Nummer des Fahrzeugs zu merken und solche später zu

hinterbringen. Ich schaue da stets finster auf die Räder, aufs Ganze und

nie auf die Insassen, welche ich verachte und zwar keineswegs

persönlich, sondern rein grundsätzlich; denn ich begreife nicht und

werde niemals begreifen, daß es ein Vergnügen sein kann, so an allen

Gebilden, Gegenständen, die unsere schöne Erde aufweist, vorüberzurasen,

als wenn man toll geworden sei und rennen müsse, um nicht elend zu

verzweifeln. In der Tat liebe ich die Ruhe und alles Ruhende. Ich liebe

Sparsamkeit und Mäßigkeit und bin allem Gehetz und Gehast im tiefsten

Innern in Gottes Namen abhold. Mehr als was wahr ist brauche ich nicht

zu sagen. Und wegen dieser Worte wird das Automobilfahren sicher nicht

mit einmal aufhören nebst luftverderbendem üblem Geruch, den sicherlich

niemand besonders hochschätzt und liebt. Es wäre widernatürlich, wenn

jemandes Nase lieben und mit Freuden einziehen würde, was für jede

rechte Menschennase einfach manchmal, je nachdem man vielleicht gelaunt

ist, empörend und abscheuerweckend ist. Schluß und nichts für ungut. Und

nun weiter spaziert. Himmlisch schön und gut und uralt einfach ist es

ja, zu Fuß zu gehen. Anzunehmen ist, daß das Schuhwerk und Stiefelzeug

in Ordnung ist.

Werden mir sehr geehrte Herrschaften, Gönnerschaften und Leserschaften,

indem sie diesen vielleicht etwas zu feierlichen und hochdaherstolzierenden

Stil wohlwollend hinnehmen und entschuldigen, nunmehr gütig

erlauben, dieselben auf zwei besonders bedeutende Personen,

Gestalten oder Figuren, nämlich erstlich oder besser erstens

auf eine vermeintliche gewesene Schauspielerin und zweitens auf die

jugendlichste vermutliche angehende Sängerin gebührend aufmerksam zu

machen? Ich halte diese zwei Leute für denkbar wichtig und habe sie

daher geglaubt zum voraus schon, bevor sie in Wirklichkeit auftreten und

figurieren werden, ordentlich anmelden und ankündigen zu sollen, damit

ein Geruch von Bedeutsamkeit und Ruhm den beiden zarten Geschöpfen

vorauseile und dieselben bei ihrem Erscheinen mit all der Achtsamkeit

und sorgfältigen Liebe empfangen und angeschaut werden können, womit man

meiner geringfügigen Meinung nach solcherlei Wesen fast notwendigerweise

auszeichnen muß. Gegen halb ein Uhr wird ja dann der Herr Verfasser

bekanntermaßen, zum Lohn für seine vielfachen Strapazen, im Palazzo oder

Haus der Frau Aebi essen, schwelgen und speisen. Bis dahin wird er

indessen noch eine beträchtliche Strecke Weges zurückzulegen und noch

manche Zeile zu schreiben haben. Aber man weiß ja zur Genüge, daß er

ebenso gern spaziert als schreibt; letzteres allerdings vielleicht um

eine Nüance weniger gern als ersteres.

Vor einem bildsaubern und hübschen Haus sah ich, hart an der schönen

Straße, eine Frau auf einer Bank sitzen, und kaum hatte ich sie

erblickt, so erkühnte ich mich auch bereits sie anzusprechen, indem ich

unter möglichst artigen und verbindlichen Wendungen Folgendes

vorbrachte:

»Verzeihen Sie, wenn sich mir, einem Ihnen völlig unbekannten Menschen,

bei Ihrem Anblick die eifrige und sicherlich dreiste Frage auf die Lippe

drängt, ob Sie nicht vielleicht ehemals Schauspielerin gewesen seien.

Sie sehen nämlich ganz und gar wie eine einstmals verwöhnte, gefeierte

große Schauspielerin und Bühnenkünstlerin aus. Gewiß wundern Sie sich

mit größtem Recht über die so verblüffend waghalsige kecke Anrede und

Anfrage; aber Sie haben ein so schönes Gesicht, ein so gefälliges,

nettes, und ich muß beifügen, so interessantes Aussehen, zeigen eine so

schöne, edle, gute Figur, schauen so grad und groß und ruhig vor sich

hin, auf mich und überhaupt in die Welt hinein, daß ich mich unmöglich

habe zwingen können, an Ihnen vorüberzugehen, ohne gewagt zu haben,

Ihnen etwas Artiges und Schmeichelhaftes zu sagen, was Sie mir

hoffentlich nicht übel nehmen werden, obschon ich fürchten muß, daß ich

wegen meiner Leichtfertigkeit Strafe und Mißbilligung verdiene. Als ich

Sie sah, kam ich augenblicklich auf den Gedanken, daß Sie Schauspielerin

gewesen sein müßten, und heute, so dachte ich bei mir, sitzen Sie nun

hier an der einfachen, wenn auch gleich schönen Straße, vor dem hübschen

kleinen Laden, als dessen Inhaberin Sie mir vorkommen. Sie sind

vielleicht bis heute noch von keinem Menschen hier so ohne alle Umstände

angeredet worden. Ihr freundliches und zugleich anmutiges Äußeres, Ihre

liebenswürdige, schöne Erscheinung, Ihre Ruhe, Ihre feine Gestalt und

Ihr edles, munteres Aussehen bei vorgerücktem Alter, das Sie mir

erlauben wollen anzumerken, haben mich ermutigt, ein zutrauliches

Gespräch auf offener Straße mit Ihnen anzufangen. Auch hat der schöne

Tag, dessen Freiheit und Heiterkeit mich beglücken, eine Fröhlichkeit in

mir angezündet, mit welcher ich vielleicht der unbekannten Dame

gegenüber etwas zu weit gegangen bin. Sie lächeln! Dann sind Sie also

über die ungezwungene Sprache, die ich führe, keineswegs böse. Es dünkt

mich, wenn ich so sagen darf, schön und gut, daß dann und wann zwei

unbekannte Menschen frei und harmlos miteinander reden, wozu wir

Bewohner dieses irrenden, seltsamen Planeten, der uns ein Rätsel ist, ja

schließlich Mund und Zunge und die sprachliche Fähigkeit haben, welch

letztere an und für sich schon so schön und seltsam ist. Jedenfalls

haben Sie mir, als ich Sie sah, sogleich herzlich gut gefallen; doch ich

muß mich nun respektvoll entschuldigen, und ich möchte Sie bitten,

überzeugt zu sein, daß Sie mir die wärmste Ehrfurcht einflößen. Kann das

offene Geständnis, daß ich sehr glücklich war, als ich Sie sah, Sie

veranlassen, mir zu zürnen?«

»Vielmehr muß es mich freuen«, sagte die schöne Frau heiter; »aber

bezüglich Ihrer Vermutung muß ich Ihnen eine Enttäuschung bereiten. Ich

bin nie Schauspielerin gewesen.«

Worauf ich mich bewogen fühlte, zu sagen: »Ich bin vor einiger Zeit in

diese Gegend aus kalten, traurigen, engen Verhältnissen, krank im

Innern, ganz und gar ohne Glauben, ohne Zuversicht und Zutrauen, ohne

jegliche schönere Hoffnung hergekommen, mit der Welt und mit mir selber

entfremdet und verfeindet. Ängstlichkeit und Mißtrauen nahmen mich

gefangen und begleiteten jeden meiner Schritte. Stück um Stück verlor

ich dann das unedle, häßliche Vorurteil. Ich atmete hier wieder ruhiger

und freier -- und wurde wieder ein schönerer, wärmerer, glücklicherer

Mensch. Die Befürchtungen, die mir die Seele erfüllten, sah ich nach und

nach verschwinden; Trauer und Öde im Herzen und die Hoffnungslosigkeit

verwandelten sich allgemach in heitere Befriedigung und in einen

angenehmen, lebhaften Anteil, den ich von Neuem fühlen lernte. Ich war

tot, und jetzt ist es mir, als habe mich jemand gehoben und gefördert.

Wo ich viel Unschönes, Hartes und Beunruhigendes erfahren zu müssen

geglaubt habe, treffe ich den Liebreiz und die Güte an und finde ich

alles Ruhige, Zutrauliche und Gute.«

»Umso besser«, sagte die Frau mit freundlicher Miene und Stimme.

Da mir der Augenblick gekommen zu sein schien, die ziemlich mutwillig

begonnene Unterhaltung zu beendigen und mich zu entfernen, so grüßte ich

die Frau, die ich für eine Schauspielerin gehalten hatte, die jedoch

jetzt leider keine große und berühmte Schauspielerin mehr war, weil sie

selbst es für nötig gefunden hatte zu bestreiten, mit, ich darf wohl

sagen, ausgesuchter, sehr sorgfältiger Höflichkeit, indem ich mich vor

ihr verneigte, und ging friedlich, wie wenn weiter gar nichts geschehen

wäre, weiter.

Eine bescheidene Frage: Ist vielleicht nachgerade für ein zierliches

Putzgeschäft unter grünen Bäumen hervorragendes Interesse und womöglich

etlicher Beifall spärlich vorhanden?

Ich glaube stark daran, und so wage ich die ganz ergebene Mitteilung zu

machen, daß ich im Gehen und Vormarschieren auf dem schönsten aller Wege

einen ziemlich albernen, jünglinghaften und lauten Freudeschrei aus

einer Kehle ausstieß, die solches und ähnliches selber nicht für möglich

hielt. Was sah und entdeckte ich Neues, Unerhörtes und Schönes? Ei, ganz

einfach besagtes allerliebstes Putzgeschäft und Modesalon. Paris und

Petersburg, Bukarest und Mailand, London und Berlin, alles, was elegant,

liederlich und hauptstädtisch ist, trat mir nah, tauchte vor mir auf, um

mich zu faszinieren und zu bezaubern. Aber in den Haupt- und Weltstädten

fehlt der grüne sanfte Baumschmuck, der Schmuck und die Wohltat

freundlicher Wiesen und vieler lieben zarten Blätter und nicht zuletzt

der süße Blumenduft, und den hatte ich hier. »Das alles«, so nahm ich

mir im stillen und während des Stillstehens vor, »schreibe ich bestimmt

demnächst in ein Stück oder in eine Art Phantasie hinein, die ich ›Der

Spaziergang‹ betiteln werde. Namentlich darf mir dieser Damenhutladen

keineswegs darin fehlen. Ein hoher malerischer Reiz würde dem Stück

sonst sicher abgehen, und diesen Mangel werde ich so gut zu vermeiden

als zu umgehen und unmöglich zu machen wissen.« Die Federn, Bänder,

künstlichen Früchte und Blumen auf den netten drolligen Hüten waren für

mich fast ebenso anziehend und anheimelnd wie die Natur selber, die mit

ihrem natürlichen Grün, mit ihren Naturfarben die künstlichen Farben und

phantastischen Modeformen umrahmte und zart einschloß, derart, als sei

das Putzgeschäft ein bloßes liebliches Gemälde. Ich rechne, wie gesagt,

hiebei mit dem feinsten Verständnis seitens des Lesers, vor dem ich mich

aufrichtig fürchte. Dieses elende Feiglingsgeständnis ist begreiflich.

Es ist noch allen kühneren Autoren so gegangen.

Gott! was erblickte ich, ebenfalls unter Blättern, für einen reizenden,

niedlichen, entzückenden Fleischladen mit rosaroter Schweine-, Rind- und

Kalbfleischware. Der Metzger hantierte im Ladeninnern, wo auch Käufer

standen. Einen Schrei ist dieser Metzgerladen gewiß ebenso gut wert wie

der Laden mit den Hüten. Drittens sei ein Spezereiladen sanft genannt.

Zu allerlei Wirtschaften komme ich später, wie mir scheint, noch früh

genug. Man kann mit Wirtshäusern zweifellos nicht spät genug am Tag

anfangen, weil sich ja Folgen einstellen, die man kennt, und zwar leider

jeder selber nur zur Genüge. Auch der Tugendhafteste darf nicht

bestreiten, daß er gewisser Untugenden nie ganz Herr wird.

Glücklicherweise jedoch ist man ja -- Mensch und als solcher leicht zu

entschuldigen. Man beruft sich einfach auf die Schwachheit der

Organisation.

Hier habe ich mich wieder einmal neu zu orientieren. Ich setze voraus,

daß mir Neueinrichtung und Umgruppierung so gut gelingen wie irgend

einem Generalfeldmarschall, der alle Umstände überblickt und alle

Zufälligkeiten und Rückschläge in das Netz seiner, es wird gestattet

sein zu sagen, genialen Berechnung zieht. In den Tagesblättern liest

solches ein fleißiger Mensch gegenwärtig täglich, und er merkt sich

Ausdrücke, wie: Flankenstoß. Ich bin in letzter Zeit zu der Überzeugung

gekommen, daß Kriegskunst und Kriegführung fast so schwer und

geduldheischend sind wie Dichtkunst und umgekehrt. Auch Schriftsteller

treffen oft, wie Generäle, langwierigste Vorbereitungen, ehe sie zum

Angriff zu schreiten und eine Schlacht zu liefern wagen, oder mit andern

Worten ein Machwerk oder Buch auf den Büchermarkt schleudern, was

herausfordernd wirkt und mitunter zu gewaltigen Gegenangriffen mächtig

reizt. Bücher locken Besprechungen hervor, und diese fallen manchmal so

grimmig aus, daß das Buch sterben und der Verfasser verzweifeln muß!

Befremden darf nicht, wenn ich sage, daß ich alle diese hoffentlich

zierlichen netten Zeilen mit deutscher Reichsgerichtsfeder schreibe.

Daher die sprachliche Kürze, Prägnanz und Schärfe, die an einigen

Stellen zu spüren ist, worüber sich jetzt niemand weiter wundere.

Aber wann komme ich wohl endlich zu dem wohlverdienten Schmaus bei

meiner Frau Aebi? Ich fürchte, daß das noch ziemlich lange dauert, da

noch erkleckliche Hindernisse wegzuräumen sind. Appetit wäre längst in

Hülle und Fülle vorhanden.

Indem ich wie ein besserer Strolch, feinerer Vagabund und Tagedieb oder

Zeitverschwender und Landstreicher so des Weges ging, neben allerlei mit

zufriedenem behaglichem Gemüse vollbepflanzten und vollgestopften Gärten

vorbei, neben Blumen und Blumenduft vorbei, neben Obstbäumen und neben

Bohnenstangen und Stauden voll Bohnen vorbei, neben hochaufragendem

Getreide, wie Roggen, Hafer und Weizen vorbei, neben einem Holzplatz mit

vielen Hölzern und Holzspänen vorbei, neben saftigem Gras und neben

einem artig plätschernden Wässerchen, Fluß oder Bach vorbei, neben

allerhand Leuten, wie lieben handeltreibenden Marktfrauen, hübsch

vorbei, neben einem mit Lust- und Freudenfahnen geschmückten Vereinshaus

ebenso gut wie an manchen andern gutmütigen und nützlichen Dingen

vorbei, neben einem besonders schönen und lieben Feen-Apfelbäumchen

vorbei und weiß der liebe Gott an was sonst noch allem Möglichen vorbei,

wie z. B. auch an Erdbeerbüschen und Blüten oder besser bereits an den

reifen roten Erdbeeren manierlich vorbei, währenddessen mich immer

allerlei mehr oder weniger schöne und angenehme Gedanken stark

beschäftigten, weil beim Spazieren viele Einfälle, Lichtblitze und

Blitzlichter sich ganz von selber einmengen und einfinden, um sorgfältig

verarbeitet zu werden, kam ein Mensch, ein Ungeheuer, ein Ungetüm mir

entgegen, der mir die helle lichte Straße fast völlig verdunkelte, ein

lang- und hochaufgeschossener unheimlicher Kerl, den ich leider nur

allzu gut kannte, ein höchst sonderbarer Geselle, nämlich der Riese

Tomzack.

An allen andern Orten und auf allen andern Wegen eher als hier auf dem

lieben weichen Landweg würde ich ihn vermutet haben. Seine trauervolle,

schauervolle Erscheinung, sein tragisches, ungeheures Wesen flößte mir

Schrecken ein und nahm alle gute, schöne und helle Aussicht und alle

Froheit und Freude von mir weg. Tomzack! Nicht wahr, lieber Leser, der

Name allein klingt schon nach schrecklichen und schwermütigen Dingen.

»Was verfolgst du mich, was hast du nötig, mir hier mitten auf meinem

Weg zu begegnen, du Unglückseliger?« rief ich ihm entgegen; doch Tomzack

gab mir keine Antwort. Groß schaute er mich an, d. h. er schaute nur so

von hoch oben auf mich herab; denn er überragte mich an Länge und Höhe

um ein Bedeutendes. Ich kam mir neben ihm wie ein Zwerg oder wie ein

kleines armes schwaches Kind vor. Mit der größten Leichtigkeit hätte

mich der Riese zertreten oder erdrücken können. Ah, ich wußte, wer er

war. Für ihn gab es keine Ruhe. Ruhelos ging er in der Welt umher. In

keinem sanften Bett schlief er, und in keinem wohnlichen heimeligen

Hause durfte er wohnen. Er hauste überall und nirgends. Heimat hatte er

keine, und irgend ein Heimatrecht besaß er keins. Ohne Vaterland und

ohne Glück war er; gänzlich ohne Liebe, und ohne Menschenfreude mußte er

leben. Anteil nahm er nicht, und auch an ihm und an seinem Treiben und

Leben nahm niemand Anteil. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft waren

ihm eine wesenlose Wüste, und das Leben war zu gering, zu klein, zu eng

für ihn. Es gab keinerlei Bedeutung für ihn, und er selbst wieder

bedeutete für niemanden etwas. Aus seinen großen Augen brach ein Glanz

von Überwelten- oder Unterwelten-Gram. Ein unendlicher Schmerz sprach

aus seinen müden schlaffen Bewegungen. Er war nicht tot und nicht

lebendig, nicht alt und nicht jung. Hunderttausend Jahre alt schien er

mir zu sein, und es schien mir, als müsse er ewig leben, um ewig nicht

lebendig zu sein. Er starb jeden Augenblick und vermochte dennoch nicht

zu sterben. Kein Grab mit Blumen gab es für ihn. Ich wich ihm aus und

murmelte für mich: »Leb wohl, und laß es dir immerhin gut gehen, Freund

Tomzack.«

Ohne mich nach dem Phantom, nach dem bedauernswürdigen Koloß und

Übermenschen weiter umzusehen, wozu ich wahrhaftig nicht die geringste

Lust hatte, ging ich weiter und gelangte bald nachher, so in der

weichen, warmen Luft ruhig weiterschreitend und den trüben Eindruck

verwindend, den die fremdartige Mannes- oder vielmehr Riesengestalt auf

mich gemacht hatte, in einen Tannenwald, durch den sich ein gleichsam

lächelnder, schelmisch anmutiger Weg schlängelte, den ich mit Vergnügen

verfolgte. Weg und Waldboden waren wie ein Teppich, und hier im

Waldinnern war es still wie in einer glücklichen Menschenseele, wie in

einem Tempelinnern, wie in einem Palast und verzauberten und verträumten

Märchenschlosse, wie im Dornröschenschloß, wo alles schläft und schweigt

seit Hunderten von langen Jahren. Tiefer drang ich hinein, und ich rede

vielleicht ein wenig schön, wenn ich sage, daß ich mir wie ein Prinz mit

goldenem Haar und den Körper bedeckt mit einer kriegerischen Rüstung

erschien. Es war so feierlich im Wald, daß schöne und feierliche

Einbildungen ganz von selber sich des empfindlichen Spaziergängers

bemächtigten. Wie war ich über die süße Waldesstille und Ruhe glücklich!

Von Zeit zu Zeit drang von außen her einiger schwacher Lärm in die

liebliche Abgeschiedenheit und reizende Dunkelheit hinein, etwa ein

Schlag, ein Pfiff oder sonst ein Geräusch, dessen ferner Schall die

herrschende Geräuschlosigkeit nur noch erhöhte, die ich recht nach

Herzenslust einatmete, und deren Wirkung ich förmlich trank und

schlürfte. Da und dort in all der Schweigsamkeit und in all der Stille

ließ ein Vogel aus dem liebreizenden und heiligen Verborgenen heraus

seine heitere Stimme vernehmen. Ich stand so und horchte, und plötzlich

befiel mich ein unsagbares Weltempfinden und ein damit verbundenes,

gewaltsam aus der Seele hervorbrechendes Dankbarkeitsgefühl. Die Tannen

standen kerzengerade wie Säulen da, und nicht das Geringste rührte sich

im weiten zarten Walde, den allerlei unhörbare Stimmen zu durchklingen

und zu durchhallen schienen. Töne aus der Vorwelt kamen, von ich weiß

nicht woher, an mein Ohr. »O, so will denn auch ich gerne, wenn es sein

soll, zu Ende gehen und sterben. Eine Erinnerung wird mich dann noch im

Grabe beglücken, und eine Dankbarkeit wird mich im Tode beleben; ein

Danksagen für die Genüsse, für die Freude, für das Entzücken; ein

Danksagen für das Leben und eine Freude über die Freude.« Leises hohes

Rauschen ließ sich, von oben aus den Tannwipfeln herabsäuselnd,

vernehmen. »Hier müßte Lieben und Küssen göttlich schön sein«, sagte ich

mir. Die bloßen Schritte auf dem angenehmen Boden wurden zum Genuß, und

die Ruhe zündete in der fühlenden Seele Gebete an. »Hier tot zu sein und

in der kühlen Walderde unauffällig begraben zu liegen, müßte süß sein.

Ach, daß man den Tod im Tode fühlen und genießen dürfte! Vielleicht ist

es so. Im Walde ein ruhiges kleines Grab zu haben, wäre schön.

Vielleicht würde ich das Singen der Vögel und das Waldrauschen über mir

hören. Ich wünschte mir das.« Herrlich fiel eine Sonnenstrahlen-Säule

zwischen Eichenstämmen in den Wald herab, der mir wie ein liebes grünes

Grab erschien. Bald trat ich wieder ins helle Freie hinaus und ins

Leben.

Es käme jetzt und träte hervor ein Wirtshaus, und zwar ein sehr feines,

reizendes, schmeichelhaftes, ein Wirtshaus, nah am Rand des Waldes

gelegen, aus dem ich soeben erst herauskam, ein Wirtshaus mit köstlichem

Garten voll erquicklichem Schatten. Der Garten läge auf einem

aussichtsreichen niedlichen Hügel, und dicht daneben läge oder stände

ein künstlicher Extra-Aussichtshügel oder Rondell, wo man stehen und

ziemlich lang sich über die prächtige Aussicht freuen könnte. Ein Glas

Bier oder Wein wäre sicher auch nicht schlecht; aber der Mensch, der

hier spaziert, besinnt sich rechtzeitig, daß er sich ja auf keinem gar

so sehr anstrengenden Ausmarsch befindet. Das mühereiche Gebirge liegt

weit in der bläulich glänzenden, weißumhauchten Ferne. Er muß sich

ehrlich gestehen, daß sein Durst weder mordsmäßig noch heidenmäßig ist,

da er bis jetzt verhältnismäßig nur kleine Strecken zurückzulegen gehabt

hat. Handelt es sich doch hier mehr um zartes, sanftes Spazierengehen

als um eine Reise und Wanderung, und mehr um einen feinen Rundgang als

um einen Gewaltritt und -Marsch, und daher verzichtet er gerechter- so

gut wie vernünftigerweise auf den Eintritt ins Lusthaus und

Erquickungshaus und nimmt Abgang. Alle ernsthaften Leute, die dies

lesen, werden seinem schönen Entschluß und seinem guten Willen gewiß

reichen Beifall zollen. Nahm ich nicht bereits vor einer Stunde Anlaß,

eine jugendliche Sängerin anzumelden? Sie tritt jetzt auf.

Und zwar an einem Fenster zu ebener Erde.

Ich kam nämlich jetzt aus der Waldabschwenkung wieder in den Hauptweg

zurück und da hörte ich -- --

Doch halt! und eine kleine Anstandspause gemacht. Schriftsteller, die

ihren Beruf verstehen, nehmen denselben möglichst ruhig. Sie legen gern

von Zeit zu Zeit die Feder ein wenig aus der Hand. Anhaltendes Schreiben

ermüdet wie Erdarbeit.

Was ich aus dem Fenster zu ebener Erde hörte, war der lieblichste,

frischeste Volks- und Operngesang, der mir als Morgen-Ohrenschmaus und

als Vormittagskonzert völlig unentgeltlich in die überraschten Ohren

tönte. Ein junges Mädchen, das fast noch ein Schulmädchen und doch auch

schon schlank und groß war, stand nämlich im hellen Kleid am ärmlichen

Vorstadtfenster, und dieses Mädchen sang in die blaue Luft hinaus und

hinauf einfach zum Entzücken. Auf das angenehmste betroffen und durch

den unerwarteten Gesang bezaubert, blieb ich seitwärts stehen, um die

Sängerin nicht zu stören und mich damit nicht der Zuhörerschaft sowie

des Genusses zu berauben. Das Lied, das die Kleine sang, schien von

glücklicher und lieblicher Art zu sein; die Töne klangen wie junges,

unschuldiges Lebens- und Liebesglück selber; sie flogen, gleich

Engelsgestalten mit schneeweißem Freudengefieder, in den Himmel, aus

welchem sie wieder herunterzufallen und mit einem Lächeln zu sterben

schienen. Es glich dem Sterben aus Kummer, dem Sterben vielleicht auch

aus überzarter Freude, einem überglücklichen Lieben und Leben und einem

Nichtlebenkönnen wegen zu reicher und schöner Vorstellung vom Leben, daß

gewissermaßen der zärtliche, von Liebe und Glück überquellende,

übermütig in das Dasein drängende Gedanke sich zu überstürzen und über

sich selber zusammenzubrechen schien. Als das Mädchen mit dem ebenso

einfachen wie reichen, reizenden Gesang, mit dem schmelzenden Mozart-

oder Hirtinnen-Lied zu Ende gekommen war, trat ich zu ihr hin, grüßte

sie, bat sie um Erlaubnis, ihr zu der schönen Stimme gratulieren zu

dürfen, und machte ihr wegen des ungewöhnlich seelenvollen Vortrages

mein Kompliment. Die kleine Gesangskünstlerin, die wie ein Reh oder wie

eine Art Antilope in Mädchenform aussah, schaute mich mit schönen

braunen Augen verwundert und fragend an. Sie hatte ein sehr feines,

zartes Gesicht und lächelte einnehmend und artig. »Ihnen«, sagte ich zu

ihr, »steht, wenn Sie Ihre schöne, junge, reiche Stimme zu pflegen und

behutsam auszubilden wissen, wozu es sowohl Ihres eigenen wie des

Verständnisses anderer bedarf, eine glänzende Zukunft und große Laufbahn

bevor; denn Sie erscheinen mir, offen und ehrlich gestanden, wie die

zukünftige große Opernsängerin selber! Ihr Wesen ist offenbar klug, Sie

selber sind sanft und schmiegsam, und Sie besitzen, wenn mich meine

Vermutungen nicht gänzlich trügen, eine ganz bestimmte Seelenkühnheit.

Feuer und offensichtlicher Adel des Herzens sind Ihnen eigen; das hörte

ich soeben aus dem Liede, das Sie so schön und wahrhaft gut gesungen

haben. Sie haben Talent, noch mehr: Sie haben unzweifelhaft Genie! und

ich rede Ihnen da durchaus nichts Leeres und Unwahres vor. Es ist mir

darum zu tun, Sie zu bitten, recht sorgsam acht auf Ihre edle Begabung

zu geben, sie vor Verunstaltung, Verstümmelung, vorzeitigem

gedankenlosem Verbrauch zu hüten. Einstweilen kann ich Ihnen nur

aufrichtig sagen, daß Sie überaus schön singen und daß das etwas sehr

Ernstes ist; denn es will viel bedeuten; es will vor allen Dingen

bedeuten, daß man Sie auffordern soll, fleißig jeden Tag ein wenig

weiter zu singen. Üben und singen Sie mit klugem, schönem Maßhalten. Sie

selber kennen die Ausdehnung und den Umfang des Schatzes, den Sie

besitzen, ganz gewiß nicht. In Ihrer gesanglichen Leistung tönt bereits

ein hoher Grad von Natur, eine reiche Summe ahnungslosen lebendigen

Wesens und Lebens und eine Fülle von Poesie und Menschlichkeit. Man

glaubt Ihnen sagen zu dürfen und Ihnen die Versicherung geben zu müssen,

daß Sie eine echte Sängerin deshalb zu werden in jedem Sinn versprechen,

weil man glaubt, daß Sie ein Mensch sind, den es wahrhaft aus dem Wesen

heraus drängt zu singen und der erst zu leben, sich seines Lebens freuen

zu können scheint, sobald er beginnt zu singen, alle vorhandene

Lebenslust derart in die Kunst des Gesanges hinüberleitend, daß alles

menschlich und persönlich Bedeutende, alles Seelenvolle,

Verständnisvolle in ein höheres Etwas, in ein Ideal hinaufsteigt. In

einem schönen Gesang ist immer ein gleichsam zusammengedrängtes und

-gepreßtes Erfahren, Empfinden und Fühlen, eine zur Explosion fähige

Summe von beengtem Leben und von bewegter Seele, und mit solcher Art von

Gesang vermag eine Frau, wenn sie sich die guten Umstände zunutze macht

und an der Leiter, die die Zufälligkeiten bilden, hinaufgelangt, als

Stern am Himmel der Tonkunst viele Gemüter zu bewegen, große Reichtümer

zu gewinnen, ein Publikum zu stürmischen und begeisterten

Beifallskundgebungen hinzureißen und die aufrichtige Liebe und

Bewunderung von Königen und Königinnen an sich zu ziehen.«

Ernst und staunend hörte das Mädchen den Worten, die ich sprach, zu, die

ich indessen mehr nur zu meinem eigenen Vergnügen redete, als um von der

Kleinen gewürdigt und begriffen zu werden, wozu ihr die nötige Reife

fehlte.

Von weitem sehe ich bereits einen Bahnübergang, den ich zu überschreiten

haben werde; aber einstweilen bin ich noch nicht so weit; denn ich habe,

muß man unbedingt wissen, vorher noch zwei bis drei wichtige

Kommissionen zu besorgen und einige notwendige unumgängliche Abmachungen

zu treffen. Über diese Kommissionen soll so umständlich und so genau wie

möglich Bericht abgelegt oder abgestattet werden. Man wird mir huldreich

gestatten, zu bemerken, daß ich im Vorbeigehen in einem eleganten

Herren-Maßgeschäft oder Schneideratelier wegen eines neuen Anzuges, den

ich anprobieren oder umändern lassen muß, tunlich vorzusprechen habe.

Zweitens habe ich im Gemeindehaus oder Amthaus schwere Steuern zu

entrichten, und drittens soll ich ja einen bemerkenswerten Brief auf die

Post tragen und in den Briefkasten hinab werfen. Man sieht, wie viel ich

zu erledigen habe und wie dieser scheinbar so bummelige und behagliche

Spaziergang voll praktischer geschäftlicher Verrichtungen ist, und man

wird daher wohl die Güte haben, Verzögerungen zu verzeihen, Verspätungen

zu billigen und langfädige Auseinandersetzungen mit Berufs- und

Kanzleimenschen gutzuheißen, ja vielleicht sogar als willkommene

Beigaben und Beiträge zur Unterhaltung zu begrüßen. Wegen aller hieraus

entstehenden Längen, Weiten und Breiten bitte ich zum voraus gebührend

um gefällige Entschuldigung. Ist je ein Provinz- und Hauptstadt-Autor

gegenüber seinem Leserzirkel schüchterner und höflicher gewesen? Ich

glaube kaum, und daher fahre ich mit äußerst ruhigem Gewissen im

Erzählen und Plaudern fort und melde folgendes:

Um der tausend Gottes willen, es ist ja höchste Zeit, zu Frau Aebi zu

springen, um zu dinieren oder mittag zu essen. Soeben schlägt es halb

ein Uhr. Glücklicherweise wohnt mir die Dame in allernächster Nähe. Ich

brauche nur glatt wie ein Aal ins Haus hinein zu schlüpfen wie in ein

Schlupfloch und wie in eine Unterkunft für arme Hungrige und

bedauerliche Heruntergekommene.

Der Spaziergang · 第 6 / 14 题