Bald darauf wurde Helene von einem für sie, der die Mutter schon sehr
früh gestorben war, doppelt großen Unglück betroffen, das wie eine
Vorahnung des künftigen, noch größeren, erscheint: infolge eines Sturzes
vom Pferde starb ihr zärtlich geliebter Bruder Albrecht. Jenny schrieb
ihr voll warmen Mitgefühls und bekam diese Antwort:
Ludwigslust, den 12. Nov. 1834.
"Den innigsten, den liebewärmsten Dank meiner lieben theilnehmenden
Jenny für die Worte, die Sie in meinem Schmerze zu mir reden, und die in
ihrer seelenvollen Tiefe mich so innig rühren und erheben, daß ich sie
oft wieder durchlese. Ihr Herz wird durch Gottes Gnade vor einem solchen
Verlust bewahrt werden. Er, der Sie liebt und schützt, wird Sie durch
freudigere Wege zum Ziele führen, dessen stiller Sinn schon in Ihrem
edlen Gemüthe liegt. Das ist mein Wunsch, denn je mehr ich leide, je
mehr möchte ich die, die mir teuer sind, mit Freude und Glück umringen
können. Ach, aber blicke ich im Geiste hinein in Ihr tiefes dunkles
Auge, dringe ich in die Schriftzüge, die mir Ihre Grüße und Worte der
Liebe brachten, -- ach, da ergreift mich ein schmerzvoller Klang aus
tiefem, verborgenem Quell, und ich muß weinen, um Sie weinen, um die
Klage Ihres eigenen Herzens. Sie weinen gewiß oft, meine liebe Jenny,
aber in Ihren Thränen bricht sich der Strahl des Himmels und die
Melancholie, die das Gepräge Ihres ganzen Wesens ist, die Sie umgiebt
wie ein Glanz des Mondes, sie zieht Sie ab von der tändelnden
Nichtigkeit des Tageslebens, und enthüllt Ihnen in eigner Brust das
Leben der Liebe, das ewig Nahrung gebende Princip, das vom Himmel
stammend uns Thatkraft und Muth in den Kämpfen, Ergebung eines Kindes in
den Fügungen, Glaube und Freudigkeit in jeglichem Wechsel des Lebens
verleiht. Die Leichtfertigkeit der faden Welt verletzt das verwundete
Gemüth -- ich weiß es und Sie müssen es empfunden haben, drum hinein
ins eigene Sein, in das Herz -- _'my heart my only kingdom is'_ ...
"Liebe Jenny -- mir ist das Herz so voll, daß meine Worte mir immer dürr
erscheinen -- Worte sagen wenig, die Sympathie versteht aber auch kaum
angedeutete Gefühle. Ich möchte Ihnen die Hand reichen über die weiten
Fernen hinüber -- wir sind beide betrübt -- ich weiß nicht, warum ich
Thränen in Ihren Worten lese, täusche ich mich, so danke ich Gott, wenn
er Ihnen einen froheren Weg zeigt als mir. Sagen Sie es mir, wenn Sie
glücklich sind, und Sie finden gewiß ein Lächeln der Freude in meinem
betrübten Gemüth. -- Sind Sie geprüft, nun so blicken wir vereint
hinauf, von wo uns Hülfe kommt. Gott mit Ihnen und