Köthen, d. 3. Nov. 1828."

In einem der letzten Briefe lesen wir:

"Fahren Sie nur so fort, nächst Ihrer diätetischen Folgsamkeit, mir in

Ihren Briefen Ihre Denkungsweise, Ihr Herz und Gemüth aufzuschließen.

Sie haben einen alten Mann vor sich, der ungemein empfänglich für so

etwas ist, ungeheuchelten Theil daran nimmt, auch wohl hierin guten Rath

zu geben weiß. Erhält, wie bei Ihnen, das geistige Gefühl und die

Empfindsamkeit die Oberhand, so wird das körperliche davon übermannt und

über die Maße gestört. Da ist es nöthig, auf den rechten Weg

einzulenken, wo der Körper neben dem Geiste seine Rechte behaupten

könne, da ist es nöthig, solche Beschäftigungen zu wählen, wobei die

Phantasie möglichst wenig aufgeregt und mehr das Denken und Beobachten

geübt wird .... Nächstdem bitte ich bloß leichte, frohe Lieder (keine

andere Poeterey), gute, wahre Reisebeschreibungen, Lebensbeschreibungen

und Geschichte zu lesen. Um Ihnen aber etwas und womöglich vielmehr

Vergnügen bei Ihren Spaziergängen zu verschaffen, haben Sie in Weimar

die beste Gelegenheit, sich einen unpedantischen Lehrer in der

Naturgeschichte zu verschaffen, der Ihnen, im Beiseyn Ihrer gnädigen

Frau Mama, Kenntnisse beibringen wird, die Ihnen dereinst weit

schätzbarer und lieber sein werden, als viele andere weibliche

Beschäftigungen. Dann sind Sie auf Ihren Spaziergängen nicht mehr einsam

und ohne Unterhaltung. -- --"

Der gute Rat des Seelenarztes mochte dem trauernden Gemüt des jungen

Mädchens eine bessere Arznei sein, als seine "Pülverchen" ihrem Körper.

Aber den Rat, der überall zwischen den Zeilen seiner Briefe zu finden

und sicherlich von den besorgten Eltern diktiert war: durch die

Verbindung mit einem "würdigen Mann" die erste Leidenschaft zu

überwinden, vermochte sie nicht zu befolgen. An Bewerbern fehlte es

nicht; ihre Schönheit und noch mehr der Liebreiz ihres Wesens bezauberte

alle.

In einem Briefe Eckermanns aus dem Jahre 1829 heißt es unter anderem:

"Der rechte Balkon wird leer gewesen sein, denn es war ziemlich alles

bey Frau v. Goethe. Man las den Egmont, welches bis gegen 11. dauerte.

Da ich, wie gewöhnlich mich unter den Zuhörenden befand, so könnte ich

über die lesenden Personen, ihre Art des Vortrags, ihre Betonung, im

Vergleich zum Theater, meine stillen Bemerkungen machen ... Was soll ich

aber zu unserm Liebling Jenny sagen, auf der meine Augen ruhten und die

sich nur auf andere Gegenstände wandten, um zu ihr erfrischter und mit

größerer Neigung zurückzukehren.

"Sie hatte die Rolle des Ferdinand, welcher wie Sie wissen erst spät

kommt. Sie saß aber gleich von Anfang an dem Tisch der Lesenden, gegen

den die Zuhörer einen langen Halbzirkel bildeten. An den übrigen

vorlesenden Personen war besonders anfänglich eine gewisse Verlegenheit

merklich, wie sie unter solchen Umständen gewöhnlich sein mag, und

welche sich besonders darin zeigte, daß die Seele der Lesenden nicht

ganz bei der Sache war, wodurch dann falsche Betonungen und dergleichen

entstanden. Jenny aber saß da in der ruhigen Unschuld eines Kindes, die

Hand unter ihr Köpfchen gestützt. 'Jetzt,' dachte ich, 'ist freilich an

Dir nicht die geringste Spur einer Verlegenheit sichtbar, aber ich will

sehen, wie Du thust, wenn es an Dich kommt.' Nun kommt Alba, er spricht

mit Silva, mit Gomez, er ruft seinen Sohn Ferdinand. Jenny fängt ihre

Rolle an, es ist dieselbige Ruhe, dieselbige Unbefangenheit, dasselbe

Kind. Die durchaus edle Rolle des Ferdinand sagte ganz ihrer schönen

Seele zu, und ich kann nicht sagen, daß je die Unschuld eines reinen

Wesens mir in solchem Grade und solcher Liebenswürdigkeit erschienen

sey. Nach beendigtem Stück sagte ich ihr manches gute. Sie sagte aber,

daß sie groß Angst gehabt und daß ihr Herz während dem Lesen laut

gepocht habe. Ich sah sie mit verwunderten Augen an und konnte nicht

begreifen, wie einer Regungen des Herzens so verbergen könne, daß man

ihm nicht das geringste ansieht.

"Es waren auch zwey englische Damen zugegen, Lady Murray in mittleren

Jahren und eine junge Lady in ihrer Begleitung, von deren Schönheit man

mir viel gerühmt hatte ... Allein neben der schönen Melany und Jenny

konnte sie sich in meinen Augen nicht halten ..."[74]

Alfred von Pappenheim schrieb einmal an seine Stiefschwester Cecile von

Gersdorff, Dianens Tochter aus ihrer zweiten Ehe: "Es tut mir leid, daß

ich Dich nicht begleiten kann ... Mit Jenny würde ich mich nicht leicht

entschließen, zu reisen, aber Du als Backfischchen fändest vielleicht

nicht so viel Verehrer, und meine Rolle als Chapron würde dann nicht so

schwer sein."[75] Und Karl Wolfgang von Heygendorff, der Sohn von Karl

August und Caroline Jagemann, der Jenny sehr verehrte, schrieb noch in

der Erinnerung begeistert, wie "wunderschön und engelgut" sie damals

war.

Sie blieb allen gegenüber, die sich um sie bewarben, von gleichmäßig

kühler Freundlichkeit. Die Freundschaft mußte ihr ersetzen, was ihr die

Liebe schuldig geblieben war, und in einer Zeit wie die ihre, wo die

Herzen einander weit offen standen, weil der eigene innere und äußere

wüste Lebenskampf die Empfindungen noch nicht bis zu dem traurigen Rest

vollkommener Selbstsucht abgestumpft hatte, gab es noch echte,

teilnehmende Freunde. Ottilie Goethe nahm unter ihnen die erste Stelle

ein. Deren Charakteristik, die sie bald nach der Trennung von ihr

niederschrieb und auch im Alter noch für zutreffend erklärte, gibt ein

deutliches Bild dieser merkwürdigen Frau:

"Ich fand meine Freundin in ihren hübschen Mansardenstuben, umgeben von

Büchern und Papieren, vor einem kleinen offenen Bücherschrank; ihre

Augen glänzten, ihre braunen Locken schienen schon zwanzig Mal nach

hinten geschüttelt zu sein; ihre kleine weiße Hand hielt ein Buch, ihre

Wangen brannten, und schon ihre Begrüßung zog mich in die lebhafteste

Unterhaltung.

"'Herr Noël,' sagte sie, 'frug mich nach einer Charakteristik seines

Geschlechtes, und ich gab ihm Gottes Recept einer Männerseele: eine

starke Dosis Egoismus, dreimal so viel Eitelkeit, ein gut Theil

Berechnung, das sie Vernunft nennen, das Alles gewürzt durch eine

Portion Geist -- und das Ragout ist fertig.'

"In dem Ausdruck, mit dem Ottilie ihr Epigramm begleitete, lag genug

Wahrheit, um den verächtlichen Zug, der ihren Mund umspielte, anziehend

zu machen, und Coquetterie, um ihm den Stachel des Beleidigenden zu

nehmen, aber auch genug Triumph, genug von dem '_je ne sais quoi_' der

Frau, welche den Sklaven neben der Gebieterin verrathen läßt.

"Mr. N. lehnte sich an den Bücherschrank; ich hatte mich in einen

Lehnstuhl geworfen, dessen Rücken in kunstvoller Stickerei das Wappen

Englands zeigte, Ottilie stand in der Vertiefung des Fensters, das durch

die schrägen Wände gebildet wurde. Die Unterhaltung drehte sich um

Irland und die Irländer, ein Thema, das sie ganz beherrschte; sie in

dieser Festung anzugreifen, hieß alle Waffen ihres Geistes gegen sich

richten.

"'Nicht wahr, Du würdest bei einem Feuerwerk nicht versuchen, eine Ferse

in Deinen Strumpf zu stricken?' sagte ich ihr; 'und so kann ich mir an

der Seite eines Irländers kein häusliches Glück vorstellen!'

"'Ich liebe dieses Feuerwerk!' entgegnete sie; 'ich würde ohne Strümpfe

gehen und leicht diese prosaischen Kerzen entbehren, die man vernünftige

Leute nennt; sie haben kein Herz und setzen die Vernunft an dessen

Stelle -- starke Liebe, starker Haß, ernster Kampf und keine Berechnung,

das ist es, was ich liebe. Der Irländer allein hat Herz, Feuer, Muth --'

"'Auch Narrheit und Unbeständigkeit,' unterbrach sie Mr. N. Nach diesem

unerwarteten Einwurf trat sie vor, war mit einem Schritt auf der

Fußbank, mit dem nächsten auf dem Stuhl und warf, wie ein verzogenes

Kind, ein Buch nach dem andern auf die Locken ihres Gegners. Und doch

war nichts Rohes in dieser Kinderei; ich, das junge Mädchen, lächelte

wie eine Großmama zu den Schülerstreichen dieser Frau und Mutter, die

von Zeit zu Zeit zwanzig Jahre ihres Lebens vergaß; alles war an ihr

natürlich und ungeziert, aber ihre Seele, ihrem Geist, ihrem Herzen

fehlten die Zügel -- wie schwer hat sie diesen Mangel büßen müssen!

"Mr. N. suchte mit den Augen einen unauffindbaren Gegenstand. 'Sie

suchen eine Uhr!' rief sie aus; 'ich besitze keine, ich bin dafür zu

sehr Irländerin.' Erstaunt erwartete er eine Erklärung dieser weder in

Roman noch Geschichte jemals erwähnten Nationaleigentümlichkeit. 'Das

heißt, ich habe eine zu hohe Meinung von Gastfreundschaft; es gibt

nichts Gröberes als solch eine Uhr, die in jeder Viertelstunde die

Besucher an die verflossene Zeit erinnert; schlimm genug für die, welche

sich an die Zeit binden, bei mir findet sie keinen Platz, um ihre Sense

anzulehnen.'

"'Und dadurch,' antwortete er, 'werden wir unpünktlich, denn die

Langeweile vertreibt uns nie!'

"'Warten Sie nur, habe ich erst Salons, Lakaien und schöne seidene

Kleider, so werde ich schrecklich langweilig sein. Ich war es schon

weniger, als ich aus Sparsamkeit noch Talglichter brannte, denn

jedesmal, wenn ich sie putzen mußte, sah ich meine Gäste an, sagte

schnell etwas Lustiges, und während sie lachten, putzte ich sie

geschwind incognito. Jetzt bin ich liebenswürdig zwischen meinen

schiefen Wänden, weil ich sie dadurch meinen hohen Besuchern vergessen

lassen muß.' Mr. N. nahm seinen Hut, sie sagte ihm freundlich Lebewohl,

tauschte einen Händedruck von zehn Jahren Bekanntschaft mit ihm und

kehrte zu mir zurück. 'Er ist doch sehr schön,' sagte sie. 'Der Vater

hat mir eine angenehme Bekanntschaft ausgesucht. Er soll ein Herzogthum

zu erwarten haben, jedenfalls paßt er gut in mein Herzogthum.'

"'Also wieder und immer wieder,' rief ich traurig aus.

"'O Du neugierige, kleine Katze, spielst Du wieder die erfahrene Frau

und ich das kleine Pensionsmädchen?'

"Währenddessen hatte die Phantasie mit zauberhafter Schnelle andere

Bilder aufgezogen. Einem Gedanken schien sie nachzusinnen, dessen

Schatten schon ihre Züge bedeckte.

"'Keinen Brief von H. und doch bin ich jetzt frei!'

"'Er hat keinen Pfennig, Ottilie, du weißt es recht gut!'

"'Was soll mir das Geld! Er wollte Missionar werden, ich stimme dem bei,

es ist ein edler Beruf. Kannst Du Dir in der Mitte der Wilden Deine

Freundin vorstellen, sie selbst als seine ergebenste Schülerin? -- Auch

eine Schule wollte er gründen; ich würde die Wirtschaft führen --'

"'Aber, liebes Herz, Du verstehst ja nichts davon.'

"'Die Liebe wird es mich lehren! Nur eins beunruhigt mich, ich kann

Desvoeux nicht vergessen; ich schrieb davon an H. --'

"'Und erzählst es N. morgen.'

"Sie lachte, aber ich hatte Recht, denn nichts hatte Bestand in diesem

Kopfe, in dem die Phantasie Alleinherrscherin war. Da warf sie zwanzig

verschiedene Männerbilder, tausend Lebenspläne, Gedanken, momentane

Empfindungen durcheinander, bis die Bilder zerbrachen, die Gedanken

ausarteten -- dann saß sie vor den Trümmern und weinte! Aber wie bei

kindlichen Schmerzen, tröstete sie die Blume, die ein Fremder ihr

reichte, sie lächelte, sie berauschte sich an ihrem Duft und warf sie

schließlich in die allgemeine Unordnung zu Bildern und Gedanken. Und

doch waren edle unter ihnen, Gedanken von Pflicht, Barmherzigkeit und

Hingebung, aber kein einziger entsprang einem Grundsatz. Der Ursprung

war Liebe, das Ziel war Liebe, das Leben war Liebe, trotzdem diese Frau

nicht mehr jung und nicht schön war. Die Strahlen der Schönheit, mit

denen ihr Geist sie oft zu verklären schien, warfen sie nur noch tiefer

in Gram und Reue, denn oft entzündete sich die Leidenschaft an diesem

Glanz, um, wenn er erlosch, ebenso schnell zu vergehen; sah sie die

Flamme matter und matter brennen, fühlte sie, daß ihr Athem sie nicht

mehr anzufachen vermochte, so weihte sie die Stunden der Nacht ihrem

wilden Schmerz. Und dennoch entsagte sie nicht diesem Phantom der Liebe,

sie begehrte in der ganzen Welt nichts als sie, inmitten brennender

Thränen rief sie aus: 'Immer nur Leidenschaft, niemals Liebe!' Aber

schon im nächsten Augenblick klammerte sie sich an die Leidenschaft, die

ihr in der Maske der Liebe nahte -- und dann immer dasselbe Trauerspiel:

Glück, Seligkeit, Verlust und Reue. Trotzdem fehlte es ihr an

Freundinnen. Sie hatte alte und junge, fromme und kluge, Weltfrauen und

junge Mädchen mit derselben Einbildungskraft wie die ihre; Freundinnen

mit gebrochenem Herzen und Priesterinnen der Vernunft -- sie Alle waren

ihr ergeben, denn sie war von Herzen liebenswürdig -- liebenswürdig

selbst in ihrer Thorheit. Ja, sie hatte Freundinnen, doch diese hatten

sie nicht!

"'Glaubst Du, daß er kommt?' fuhr sie fort. 'Da stehe ich nun den ganzen

Tag am Fenster und warte auf den Briefboten und denke dazwischen an D.'

"'Du bist zu müßig, Ottilie!'

"'Was soll ich tun? D. gab mir zu thun: den Tasso mußte ich übersetzen

und drucken lassen, dann nahm ich drei Monate lang Zeichenstunden, weil

er sich die Copie eines Bildes wünschte, und ich hatte noch nie einen

Bleistift berührt! Übrigens -- doch, du wirst lachen -- nachdem N. mich

gestern Abend verlassen hatte, kam mir ein Gedanke, den ich diesen

Morgen aufschrieb, ich will ihn dir vorlesen. -- Du sagst, ich sei

müßig, und weißt doch, daß ich sechs Stunden des Tages dem Vater widme;

oft kann ich nicht mehr und glaube ohnmächtig zu werden vor Schwäche,

doch der Gedanke, daß ich ihm nützlich, ihm nothwendig bin, daß ich

seine alten Tage verschönen und in der Welt zu etwas gut sein kann,

dieser Gedanke giebt mir die Kräfte wieder. Neulich haben wir den

Plutarch zu lesen angefangen, und schließlich las er mir aus dem zweiten

Teil des Faust; es war schön und groß, als ich aber nach elf Uhr mein

Zimmer betrat, fiel ich, meiner ganzen Länge nach, zu Boden.'

"Ich erhob mich, um sie zu küssen; ich liebte in diesem armen Kinde der

Phantasie dieses Gefühl, diese Pflicht, die ihrer Hingebung entsprang,

dieser stillen, gewissenhaften, rührenden Hingebung mit all ihren

kleinen, stündlichen Opfern, ihren verborgenen Anstrengungen bis zur

Entkräftung, deren nur eine Frau fähig ist. Inzwischen hatte sie auf

allen Tischen nach ihrer Schrift gesucht, doch vergebens; ich kam ihr zu

Hilfe und entdeckte endlich unter Büchern, Briefen, Stickereien und

Noten ein mit einer großen engen Schrift bedecktes Papier. Ich begann zu

lesen; welch buntes Durcheinander: Kleider und Schärpen, Blumen und

Bücher, die sie sich zum Geburtstage wünschte, verschiedene Adressen,

quer darüber einige Verse ihrer Tasso-Übersetzung, den Titel einer neuen

Geschichte Irlands, und endlich in der Mitte fand ich etwas, das eine

Fortsetzung zu haben schien. 'Gib her, das ist's,' sagte sie und begann:

"'In einem dunklen Tempel verbreitete eine einsame Ampel ihr trauriges

Licht; lange schon hatte sie gebrannt und Niemand gab sich die Mühe, sie

mit Lebensspeise zu versorgen; trotzdem leuchtete sie noch, denn der

Tempel lag auf dem Wege frommer Pilger, und sobald die Flamme nahe am

Erlöschen war, warf eine barmherzige Hand ihr etwas hin, das Leben zu

fristen. Es war nicht immer geweihtes Öl, das ihr gebührte; die Pilger

gaben, was sie hatten: eine Blume, ein Lorbeerblatt, einen Dornenzweig;

der Eine gab ihr einen Tropfen Blut, der Andere seine Thränen -- und die

Lampe brennt heute noch!'

"'Du bist es,' sagte ich; 'diese Flamme ist deine Seele, doch der neue

Pilger, Ottilie, bringt dir nur einen Dornenzweig!'

"'Sei es darum, auch dieser bringt mir Leben.'

"Goethe hatte während dieses Abends den Besuch eines Freundes, Ottilie

war frei, ich blieb bei ihr; um sieben Uhr kam Herr N. und verschiedene

junge Engländer, später der Thee auf rundem Tisch, den zwei Lichter

erhellten.

"Die Unterhaltung wurde lebhaft, wie immer, sie drehte sich um Armuth

und Reichthum, und Ottiliens Verachtung dieser 'kleinen Stückchen von

schmutzigem Metall' trat deutlich zu Tage.

"'Doch wie vereint sich deine Verachtung mit den Ansprüchen einer

eleganten Frau?' fragte ich lächelnd.

"'Ach, du triffst wieder meine schwächste Seite! Stellen Sie sich vor,

meine Herren, sie moquiert sich über mich! Über mich, die ich ein neues

Mützchen, eine seidene Schürze, russische Schuhe und die schönste aller

Sammetcravatten trage!'

"'Man sagte mir, es sei nicht allzu lang her, daß du dich der Mode

fügst!' gab ich zurück; 'und deine Locken --'

"'Sind tausendmal schöner als dein Vogelnest. Sie sind --'

"'Vom Jahre dreizehn,' unterbrach ich sie.

"'Ja, vom Jahre dreizehn!' rief Ottilie bewegt; 'alles Gute, alles

Schöne ist vom Jahre dreizehn; -- damals gab es noch Begeisterung,

damals war Preußen herrlich, und unsere Herzen hatten ein Vaterland! Die

Regimenter durchzogen die Stadt und ließen uns ihre Verwundeten; wie

Engel des Friedens betraten wir die Krankenhäuser, und die Kranken

segneten uns! Des Abends gab die Stadt einen Ball. Wenn wir einem der

Officiere einen Walzer versagen wollten, hieß es: vielleicht ist es der

letzte, und wir gewährten ihn. Dann die Bivouaks und morgens die

Trommler, die Schlachtmusik -- ein Gruß, ein Lebewohl mit gesenktem

Degen -- es gab in Deutschland keine Schlafmützen mehr, sie waren alle

Männer geworden und die Männer Helden! Damals war es der Mühe wert, zu

leben und zu sterben!' ...

"Die Stunden vergingen. Kein Klatsch, keine Frivolität, keine

Taktlosigkeit störte unser Zusammensein. Ottilie hatte es mit jenem

Talent, das keine Frau in dem Grade besaß wie sie, verstanden, Jeden mit

sich zufrieden zu machen; sie hatte mit Jedem über das ihn am meisten

Interessierende gesprochen, wobei Jeder sich naturgemäß am wohlsten

fühlt; sie hatte alle Geistesgaben geweckt und welche zu säen versucht,

wo sie keine gefunden hatte.

"So war meine Freundin, als ich wußte, warum mein Herz ihr

entgegenschlug, jetzt -- -- Ich will diese dunkeln Mysterien des

Schicksals und der Schuld nicht berühren. Dank dem Himmel, der mich

nicht zum Richter dieser unglücklichen Frau berufen hat! Ihre Seele war

glänzend und liebenswürdig, doch für einen anderen Planeten geschaffen;

sie hatte sich in ihrem Fluge getäuscht, statt der blühenden Gärten

ihres Sterns fand sie die kalten Nebel des unseren, statt der Liebe fand

sie die Vernunft auf dem Thron, statt des heiteren Lebens fand sie

Arbeit und Sorgen, statt der unendlichen Räume des Sterns ihrer

geflügelten Brüder fand sie die kleinlichen Verhältnisse unserer Erde,

wo man geht -- oder kriecht. Mit jedem Schritt verstieß sie gegen ein

irdisches Gesetz, jedes Gesetz rächte sich, jeder Irrthum kostete ihr

eine Feder ihrer Flügel, einen Strahl ihres Lichts, eine Blume ihrer

Schönheit -- sie weinte, doch sie lernte nichts! Man donnerte ihr in die

Ohren: Die Vernunft ist König, du bist des Majestätsverbrechens

schuldig; zum Schaffot! zum Schaffot! Sie wollte entfliegen -- ihre

Flügel waren gebrochen, sie wollte durch einen Strahl ihres Lichts ihre

Richter gewinnen -- das Licht war erloschen; auf ihrer Harfe wollte sie

ihre Klagen singen -- zerrissen waren die Saiten!"

Wie über der Familie Bonaparte, so schien über der Familie jenes anderen

Titanen ein dunkles Schicksal zu walten, und wie der Schatten des einen

über Jennys Leben seinen Schleier warf, so auch der Schatten des

anderen, da die Freundschaft sich noch inniger als mit der Mutter das

ganze Leben hindurch mit den Enkeln verband und ihr auch den Vater nahe

geführt hatte. Die Nachwelt ist im Urteil über ihn so hart und ungerecht

gewesen, wie die Mitwelt grausam war gegen seine Söhne. Jenny

charakterisierte ihn folgendermaßen:

"August Goethe habe ich sehr gut gekannt; er war nichts

Außergewöhnliches, sondern ein kluger, gutmüthiger Mann, der, als Sohn

eines anderen Vaters, einen ernsten, ruhigen Lebensweg gefunden hätte.

Der alte Goethe liebte seinen Sohn unendlich, er sah in ihm ein Stück

seiner selbst, oder wollte es vielmehr sehen; das empfand August aber

nicht als Glück, sondern als drückende Last. Goethe hatte viele Kinder

verloren, dieser Eine sollte ihm alle anderen ersetzen. Er nahm ihn

schon als Knaben auf seinen Wanderungen mit, versuchte ihm seine

Passionen einzuimpfen. Augusts frischer Geist faßte leicht und fröhlich

auf, was der Vater ihm lehrte; er zog aber, wie es ganz natürlich war,

den Umgang mit gleichaltrigen Gefährten dem alleinigen mit seinem Vater

vor. Das schmerzte diesen, denn er vergaß, wie so viele Väter den Söhnen

gegenüber, die eigene Kinderzeit. Er wurde strenger, überwachte seinen

Unterricht, überhörte ihn zuweilen und unterdrückte die aufwallende

Zärtlichkeit, weil sie ihm nicht in sein Erziehungssystem zu passen

schien. Augusts heißes Herz wandte sich mehr und mehr der Mutter zu, die

ihn von Anfang an verhätschelte. Sie verstopfte das schreiende Mäulchen

des Babys mit Süßigkeiten und anderen Dingen; sie öffnete dem streng

bewachten Knaben jede Hinterthür; sie steckte, was sie vom

Wirthschaftsgeld erübrigte, dem Jüngling zu.

"Er muß bildschön gewesen sein; eine dunkle Erinnerung aus meiner ersten

Kinderzeit zeigt ihn mir wie einen jugendlichen Halbgott. Nun stelle man

sich Weimar, stelle man sich die Welt ringsum vor, die von Goethes Namen

erfüllt war, und man wird sich nicht wundern, daß Jeder, der zu Goethe

kam, um dem Vater seine Huldigungen zu Füßen zu legen, dem schönen Sohn

alle erdenklichen Zärtlichkeiten erwies. Ein großer Charakter oder ein

großes Talent allein hätten das Gegengewicht halten können.

"Die Nähe des Vaters floh er, weil die forschenden Blicke, die

unausgesprochenen Anklagen ihn einschüchterten. So kam es, daß er, der

sonst so Fröhliche, sich in den Räumen Goethes am liebsten stumm und

mißmuthig in die Ecken drückte. Das Gefühl, hier nur als der Sohn seines

Vaters betrachtet zu werden, der Gedanke, daß er den Mund nur aufthun

könne, wenn er etwas Geistreiches zu sagen wisse, wird Jeder begreiflich

finden, der sich in seine Lage versetzt. Schmeichler, wahre und falsche

Freunde umgaben ihn außerhalb des väterlichen Hauses; unter ihnen ließ

er sich nun vollständig gehen, sie nannten seine Streiche genial, die

nur jugendlich und unvernünftig waren, sie bewunderten seine Verse, die

heute von jedem Tertianer besser gemacht werden. Nur wenige, die Ottilie

mir nach seinem Tode mittheilte, sind tief empfunden und schön

ausgeführt, die aber kannte Niemand. Goethe schien eine Zeit lang des

Sohnes Leben nicht zu beachten, vielleicht daß er auch hoffte, ein Genie

würde sich daraus entwickeln. Er wartete vergebens; der Punkt, bis zu

dem jeder Mensch innerlich vorschreitet, war von ihm erreicht, er

gehörte nicht zu seines Vaters Genossen, die 'immer strebend sich

bemühen.' Es kam aber auch für ihn eine Zeit, wo er die innere Leere

empfand. Seine Wünsche gipfelten schließlich in dem einen Wunsch: Fort!

Nach langem Kampf wagte er endlich, Goethe diesen Wunsch auszusprechen.

Es kam zu ernsten Scenen, denn Goethe wollte oder konnte ihn nicht

begreifen, selbst als Knebel sich auf seine Seite stellte. Fern von

Weimar, womöglich unter anderem Namen, hätten Augusts gute Seiten bald

die weniger guten unterdrückt.

"Um dieselbe Zeit ungefähr lernte er Ottilie von Pogwisch kennen. Man

hat erzählt, Goethe habe die Heirath mit ihr bewerkstelligt, August habe

deshalb eine große Jugendliebe aufgeben müssen. Das ist nicht wahr; er

hatte eine ganze Anzahl mehr oder weniger leichtsinniger Verhältnisse,

aber, wenn bei ihm überhaupt von großer Liebe gesprochen werden kann, so

gehört diese Ottilien allein. Deren Großmutter, Gräfin Henckel, die

Oberhofmeisterin bei Maria Paulowna und also auch meine Vorgesetzte

war, sträubte sich von Anfang an sehr gegen diese Verbindung. Erst als

Christiane von Goethe gestorben war, willigte die stolze alte Dame in

die Heirath ihrer Enkelin. Der Jubel und die Glückseligkeit waren groß

damals, sie glaubten sich heiß zu lieben, und doch liebte Ottilie in ihm

nur den Sohn seines Vaters, den sie mit den schönsten Träumen ihrer

Phantasie ausschmückte. Es war nur Phantasie! Ihr Geist vermochte ihn

auf die Dauer nicht zu fesseln, und eine Schönheit, die seine Sinne

erregen konnte, besaß sie nicht. So ging bald ein Jeder seine eigenen

Wege. Ihre Ehe wurde, durch Beider Schuld, sehr unglücklich. Die

Enttäuschung, die sie empfand, wenn sie nach und nach aus der glänzenden

Hülle ihrer Phantasiegebilde einen gewöhnlichen Menschen sich entpuppen

sah, war immer sehr groß, am schmerzlichsten aber bei ihrem Gatten, bei

Goethes Sohn. Sie hätte ihn vielleicht nun mit christlicher, helfender,

duldender Liebe tragen und heben können, und er, als der Rausch der

Leidenschaft verflogen war, mit ernstem Pflichtgefühl als treuer Gatte

und Vater ihr zur Seite stehen -- daß nichts davon geschah, war mehr

Schicksal als Schuld. Charaktere, wie die ihren, durften sich nie

verbinden. Wie das in einer kleinen Stadt immer zu sein pflegt, wo die

Menschen dicht an einander wohnen, mischte sich der Klatsch auch noch in

die Ehe. Beide standen wie auf offener Scene, und besonders das

Galerie-Publicum verfolgte mit gehässiger Neugier den Fortgang des

Dramas. Ottilie hatte unverdienter Weise, denn sie that wissentlich

Keinem etwas Böses an, viele Feinde, besonders Feindinnen, die sie ihrer

Stellung wegen beneideten und sich zwischen sie und August zu drängen

versuchten. Es gelang ihnen nur zu gut. Die gewohnten Schmeicheleien,

die Ottilie ihm bei ihrer unbedingten Wahrheitsliebe nicht zutheil

werden ließ, fand er anderswo zur Genüge; die Träume, die sein Geist ihr

nicht verwirklicht hatte, suchte sie in ihrer Umgebung zu finden.

Erschienen sie öffentlich zusammen, so war ihr Benehmen tadellos; auch

zu Hause machten sie den Eindruck eines einigen Paares, sobald die

Kinder bei ihnen waren. In der Erfindung immer neuer Spiele für sie war

August unerschöpflich; sie zogen ihn -- wie oft! -- von seinen

Kneipereien ab, die seiner an und für sich schwankenden Gesundheit

schadeten. Aber auch die Freude an seinen Söhnen verbitterte ihm sein

Mißtrauen. Ich stand einmal mit ihm am Fenster des Eßzimmers kurz vor

Tisch. Im Garten ging Goethe auf und nieder, seine Enkel kamen

hinuntergelaufen, um ihn zu holen. Jubelnd umschlangen sie den

Großvater, erzählten, lachten, spielten; er freute sich sichtlich ihrer

lieblichen Gegenwart, und ich sah mit Vergnügen zu. Da fiel mein Blick

auf August: er starrte mit zusammengekniffenen Lippen, blaß und schwer

athmend, auf dasselbe Bild, sein Aussehen sagte mehr als Worte.

"Ein schöner, besonders hervorzuhebender Zug in Augusts Wesen war seine

Freundestreue. Wen er lieb gewann -- freilich waren's nicht immer die

Würdigsten --, für den ging er durchs Feuer. Sein Unglück war, daß

Keiner von ihnen ihn, den Sohn Goethes, günstig zu beeinflussen

versuchte, alle ordneten sich ihm unter, und doch bin ich überzeugt, daß

er sich hätte beeinflussen lassen. Dem Einzigen, der es versuchte, Ernst

von Schiller, ist es stets geglückt. August liebte ihn zärtlich, und es

wäre von dauerndem Erfolg gewesen, wenn sein Freund immer hätte um ihn

sein können. Sein ruhiger Ernst, sein fester Charakter, seine Abneigung

gegen alles Gemeine, seine Abstammung nicht zum mindesten, denn sie

stellte ihn August gleich, stempelten ihn eigentlich zu seinem Freunde.

Es sollte nicht sein -- auch hier Schicksal und keine Schuld!

"Am 'Chaos' betheiligte sich August mit großer Lebhaftigkeit; die

meisten seiner Reime -- Gedichte möchte ich sie nicht nennen -- wurden

darin gedruckt. Er schrieb hübsche Briefe, eine Tugend, die ich jetzt,

wo sie so ganz verloren geht, doppelt als solche anerkenne. Die Briefe

an seinen Vater waren weniger natürlich, sie zeigten den Zwang, den

Goethe, mit der besten Absicht, auch darauf ausübte. August sollte

Beobachtungen über Witterung, Naturerscheinungen usw. anstellen, die ihm

fernlagen und ihn gar nicht interessierten. Von Menschen und Ereignissen

erzählte er lieber, besonders von Italien aus, wo er sich endlich frei

und als Herr seiner selbst empfand.

"Der Gedanke 'Fort von Weimar!' war schließlich zu einer Macht geworden.

Fort, recht weit fort, wo er an Leib und Seele zu genesen hoffte. Daß er

krank war, fühlte er immer deutlicher. Er kam zur Erkenntnis auch seines

seelischen Zustandes, ohne die Kraft zu haben, sich zu ändern, ungefähr

wie ein Wahnsinniger, der in lichten Momenten seinen Zustand begreift

und dadurch nur noch unglücklicher wird. In besonders trüben

Augenblicken sagte er sich: 'Ich will nach Rom, um dort zu sterben.'

"Der Entschluß zu fliehen reifte in ihm. Er glich darin dem alten

Goethe, der sich von allen Qualen durch schnelles Losreißen aus den

gewohnten Zuständen befreite. Nur wenige wußten um Augusts Plan. Mir

theilte ihn Ottilie mit, und ich konnte mir nicht versagen, ihm die

herzlichsten Wünsche mit auf den Weg zu geben. Ich war überzeugt, ihn

neugeboren wiederzusehen. Der Abschied von seinem Vater soll

erschütternd gewesen sein. Mir wurde erzählt, August sei ihm plötzlich

weinend zu Füßen gefallen und dann davongestürzt, während Goethe,

überwältigt von böser Ahnung, auf seinem Lehnstuhl zusammengebrochen

sei. Die Kinder schieden fröhlich von ihm mit allen möglichen Wünschen

und Bitten: sie sollten den Vater nie wiedersehen.

Ich will nicht mehr am Gängelbande

Wie sonst geleitet sein,

Will lieber an des Abgrunds Rande

Von jeder Fessel mich befrein!

so lauteten seine letzten Verse im 'Chaos'. Und er ging, befreit von

jeder Fessel, um auch die des Lebens abzuwerfen. Er wurde im Lande

seiner Sehnsucht von allen Leiden erlöst, aber anders, als er es gedacht

hatte."

Die drei Kinder von August und Ottilie fanden in Jenny eine zweite und

sorgsamere Mutter, als die eigene war. Die Knaben, Wolf und Walter,

waren im gleichen Alter mit Jennys Stiefschwester Cecile von Gersdorff,

Dianens Tochter aus ihrer zweiten Ehe, und innig befreundet mit ihr, so

daß doppelte Bande der Liebe die Familien aneinanderfesselten. Jenny gab

den Kindern zusammen den ersten Unterricht und setzte ihn fort, auch als

ihr geliebtes Schwesterchen nach Straßburg in Pension kam. Sie schrieb

darüber an diese:

"Weimar, 22. April 1835.

"... Meine Stunden machen mir und den lieben Kindern große Freude; sie

werden ernster betrieben als zu Deiner Zeit, wozu Ernas Vernunft und

Wolfs angeborener Ernst sehr beiträgt; Letzterer ist mir unbeschreiblich

lieb, sein Charakter entwickelt sich ausnehmend gut und tüchtig, er ist

seinem Alter in jeder Beziehung ungeheuer voraus, läßt das Schönste

hoffen; mein ganzes Herz hängt an dem lieben Knaben und der Gedanke

einer Trennung von ihnen wird mir täglich schmerzlicher, je

unabwendbarer ich ihn in die Wirklichkeit treten sehe ... Alma ist ein

gutes, gehorsames, mühsam strickendes und knippelndes Kind, später

verspricht sie jedoch mehr zu werden ..."

Daß die Stunden ernst genommen wurden, bezeugt eine Stelle aus einem

Briefe Walter Goethes an Cecile Gersdorff vom 6. Dezember 1834, worin er

sagt: "Bei Jenny habe ich mit Anna, Erna und Wolf Stunde, was mir viel

Freude macht. Leider mußte ich meine ganze Rethorik kopieren, indem als

unsere Stunden begannen, meine Cahiers verschwunden waren." Noch im

Alter unterschrieb sich Walter in seinen Briefen an Jenny: "Dein

dankbarer Schüler." Persönlich näher als er stand ihr Wolf, dessen erste

Knabenliebe seiner liebreizenden Lehrerin gegolten hatte. Sie schrieb

von ihm:

"Mit sechs Jahren war er ein heiteres, sehr gesprächiges Kind mit den

wunderschönen Goetheschen Augen, voll Lust zu jedem Spiel, der Liebling

seines Großvaters. Er wurde ein denkender, lernender Knabe, der mit

Leidenschaft auf- und erfaßte. Noch ein halbes Kind, fühlte er die Liebe

eines Jünglings. So wie seine tiefen, dunkeln, glühenden Augen alle

Mängel in seinem Äußeren überstrahlten und ihn schön machten, so war es

eigentlich die Liebe, die sein ganzes geistiges Ich durchstrahlte und

ihn zum Dichter stempelte."

Bezeichnend nicht nur für ihr Verhältnis zueinander, sondern auch für

Wolfs Charakter sind die folgenden Abschnitte aus Jennys Briefen an ihn:

6./6. 35.

"Solltest du wirklich in deinem jungen Herzen das tiefe, heilige Gefühl

der Liebe zum höchsten Geiste vermissen, solltest du wirklich stürmen

wollen, wo sich dein Knie verehrend beugen müßte, nun so laß jeden

Gedanken an Gott, an Glauben, an Religion eine Zeit lang dahingestellt,

richte alle Kräfte deiner Seele auf den einen Mittelpunkt deines Wesens

und entwickele mit deinem ganzen Streben die Fähigkeit des Rechten in

deiner Brust, und alles Große muß sich stufenweise daran entwickeln. --

Ersticke jedes kleinliche Gefühl, streife alles ab von deiner Seele, was

nicht aus edler Quelle fließt und kein edles Gepräge trägt; es ist des

wahren Menschen unwürdig, und möchtest du wohl ein Scheinmensch sein,

der dem Feuerwerk gleicht, das eine Minute in dunkler Nacht ein

Flammenrad bildet, sich in unruhigen Funken zerstreut und dann zwecklos

verpufft? Sieh nicht verachtend auf eine ganze große, hohe Welt, laß

auch sie jetzt dahingestellt, richte deine Blicke nur auf dich selbst,

daß du dich dir selbst erhältst; nicht einen Gedanken von Egoismus, von

Eitelkeit, von Dünkel darfst du wuchern lassen, sie müssen alle fort; in

den Umriß, den du dir von deiner Seele zeichnest, wie sie werden kann

und muß, paßt solch elendes Gerümpel nicht. Wolf, ich beschwöre dich,

laß nicht so winzige Rücksichten dein Ohr vor meiner Stimme schließen,

daß du keinen fremden Einfluß oder gar einen weiblichen erdulden willst.

Ich fühle mich ganz frei von der Eitelkeit, als könnte ich etwas

vollbringen, als solltest du mir etwas zu Liebe thun, um irgend einer

Prätension zu schmeicheln -- kein Mensch bekehrt, aber eine Wahrheit

thut es, aus welchem Munde der Zufall sie auch fließen lasse, und nur

der Wahrheit spüre nach; ihre einzige Offenbarung und Besiegelung

findest du im Rechthandeln und -denken. Es giebt nichts auf der Welt

außer dem Rechtthun, was von Verwirrung, Unzufriedenheit, Kampf und

Irrthum frei wäre, es giebt nirgends Befriedigung als in der Tugend. Ich

sage dir nicht, sie ist leicht, aber es ehrt dich, wenn man dir, dem

Fünfzehnjährigen, das Schwere zumuthet. Du willst nicht, daß ich dir als

Beispiel deinen Großvater nenne. Ja, er war als Dichter ein Genie, aber

als Mensch war er das, was Jeder aus sich machen kann, der die Kraft,

den festen Willen, das heilige Pflichtbewußtsein in sich fühlt. Die

Bitterkeit in deiner Seele muß weg, sie ist ein Unkraut, eine Schwäche.

Die auf sich selbst gestützte Seele muß klar das Schlechte und

Erbärmliche in der Welt ins Auge fassen können, ohne daran irre zu

werden; es geht den Menschen nur insofern an, als er Krieg dagegen

führen muß, auf ihn selbst und seine Entwickelung aus dem Mittelpunkt

des tiefsten Inneren hat es gar keinen Bezug, es ist von anderem Schrot

und Korn als er.

2./4. 37.

"Du fragst mich, was ich von meinen Grundsätzen und den Bestrebungen,

ihnen zu folgen, habe? Alles, was mir lieb und werth ist, habe ich durch

sie; ich habe treue Freunde, auf die ich bauen kann, wie auf mich

selbst, solange ich das in mir erhalte, was mich ihnen achtungswerth

macht; ich habe Ruhe der inneren Gedanken, Trost für jeden Schmerz,

natürlich solange ich nicht durch physisches Kranksein unempfänglich und

also nicht zurechnungsfähig bin; ich habe den Genuß, in hohen Geistern

vertrauend, einstimmend schwelgen zu können, und so wenig ich noch das

Ideal meines Selbst erreicht habe, so weit ich auch hinter einem

Schleiermacher, hinter einer Rahel stehe, so bin ich doch schon hoch

genug geklommen, um sie zu erkennen; ich habe ein ausgefülltes Leben,

vollauf zu thun im kleinen Kreise der eigenen Ausbildung und der

Verkündigung des Wahren, Schönen und Guten, so weit meine Stimme reicht.

Es ist schon ein namenlos hohes Gefühl, sich als freiwilliger Soldat im

Heer zu fühlen, das gegen Lüge, Unrecht und Schwäche zu Felde zieht; da

ist von Dank oder Undank, Werth oder Unwerth in den Menschen gar nicht

mehr die Rede, man trägt die Fahne der Wahrheit und steckt sie freudig

auf, wo man ein Plätzchen erobern kann, und weil der Boden, auf dem die

Wahrheit lebt, der Menschen Seele ist, muß Seele zu Seele reden und sich

nicht darum kümmern, ob der Boden hart oder viel Unkraut darauf ist.

"Nun frage ich dich, was hast du wohl von deiner Denkungsweise?

Verachtung aller Dinge, selbst der höchsten, Mißtrauen in alle Menschen,

selbst in lang erprobte Freunde deiner Kindheit, ein mächtiges Streben

und kein festes Ziel, eine leidenschaftlich aufgeregte Kraft und

Langeweile, den Trieb zum Denken und keinen festen Mittelpunkt als

Stütze. Das Alles bist nicht du, das ist dein Irrthum, denn zu deiner

Kraft gehört ein edles Streben, zu deinem Streben gehört ein hohes Ziel,

zu deinem heißen Herzen gehört ein wahrer Freund und in dein Denken,

Wolf, gehört ein Gott!

"Ich könnte jedes Wort noch einzeln fassen und ein Capitel über jedes

schreiben, doch ich bin zaghaft, weil ich nicht weiß, ob dich der eine

Bogen nicht schon schreckt.

"Ich liebe nicht den Spott in deinem Munde und muß mich immer

überwinden, um meinen Glauben an dich diesem Spott auszusetzen; ich

liebe nicht deine Zweifel an jeder treuen, wahren Neigung und möchte dir

nie Gelegenheit geben, sie durch Mißverstehen zu nähren oder durch

Bitterkeit zu äußern.

"Ich wollte dir noch von deinen Kinderjahren reden und dir die erste

Wurzel zeigen, worauf der Baum treuer Freundschaft steht, den ich dir in

deinen Lebensgarten pflanzte, doch kannst du dies den zehn verflossenen

Jahren nicht glauben, so helfen auch die wärmsten Worte nicht."

Schon damals also, zwischen Wolfs 15. und 17. Jahre, zeigte sich bei ihm

jenes unheilvolle Gefühl, das sein Leben in steigendem Maße verbittern

sollte: das Mißtrauen. Mißtrauen gegen die Freunde, weil er glaubte,

ihre Freundschaft gehöre nicht ihm, sondern dem Enkel Goethes, Mißtrauen

gegen sich selbst, weil er an seine Leistungen den Maßstab der

Leistungen seines Großvaters anlegte. Ottiliens Erziehung wirkte dabei

nur nachteilig; sie verzärtelte ihre Söhne nie, aber sie erzog sie für

"einen anderen Stern". "Du weißt ja," sagte Wolf später einmal zu Jenny,

"wie wir durch unsere Mutter auf das Edle, auf große Gesinnung dressiert

worden sind mit Liebe und, wenn es sein mußte, auch mit Sporn und

Peitsche." Eingehüllt in diese um ihn geschaffene weltfremde Atmosphäre,

tat jede Berührung mit der Welt schon den Jünglingen weh. Sie gingen ihr

aus dem Wege und lebten nur in dem Kreise, den das Goethehaus um- und

abschloß. Zu denen, die ihnen von auswärtigen Freunden am nächsten

standen, gehörten zwei der beliebteren Gäste in Weimar, Felix

Mendelssohn, der Walters musikalische Begabung weckte, und Karl von

Holtei, der August Goethes Freund gewesen war. Beide traten auch zu

Jenny in nähere Beziehungen.

Felix Mendelssohns erster Besuch in Weimar wurde ihr brieflich

mitgeteilt, als sie noch in Straßburg in Pension war. "Bei meinen

Eltern," so erzählt sie, "war er auch einmal zu Tisch eingeladen, man

zeigte ihm ein Bild von mir, und er wünschte, mich nach seinen

'Ringelreihen' tanzen zu lassen. Die Abschrift einer kleinen Composition

von ihm --ich entsinne mich nicht mehr, welche es war -- versetzte mich

in helles Entzücken, und lange Zeit hindurch beschäftigte mich der

Gedanke an den 'wunderbaren Jüngling', an Goethes 'David'.

"Bald darauf kehrte ich nach Weimar zurück, wo Felix Mendelssohns Name

in Aller Mund war. Selbst August Goethe, der sehr selten ein liebevolles

Urtheil über fremde Menschen hatte, gab zu, daß er das Zeug dazu habe,

alle Welt, selbst ihn, mit sich fortzureißen. Es vergingen einige Jahre,

bis ich die persönliche Bekanntschaft des jungen Musikers machte;

vergessen jedoch konnte ich ihn nicht, da Goethe öfters Briefe von ihm

bekam, die Ottilie sofort mitgetheilt wurden und die ich dann vorlesen

hörte. Sie athmeten alle die unendliche Verehrung für seinen Gönner,

eine Verehrung, die nicht bei den Worten blieb, sondern sich durch

Thaten am schönsten äußerte. Das war es ja auch, was Goethe bezweckte,

was ich immer mehr an ihm bewunderte: der Einfluß, den er auf Alle, die

ihm nahe traten, ausübte, dem Keiner entging. Er weckte und förderte

jedes Talent, und wie Viele, die sonst im Dunkel verkommen wären, zog er

an das Licht seines herrlichen Geistes. Es ging eine Wirkung von ihm

aus, die mir, wenn sie auch heute noch nicht vergangen ist, doch damals

eine unbeschreibliche elektrische Kraft zu haben schien und die

Mendelssohn, der selbst ein genialer Mensch war, mit doppelter Gewalt

empfunden haben muß.

"Im Sommer 1830 war es, als Ottilie mir unter dem Siegel der

Verschwiegenheit mittheilte: Mendelssohn kommt. Daß ein musikalischer

Besuch erwartet wurde, ahnte ich schon, als ich die Treppe hinauf kam,

Goethes Thür offen fand und hinein sah: Riemer packte mit Friedrich,

Goethes Bedienten, Noten aus, die abgestäubt wurden, und der damals

einzige Mann, der kranke Flügelsaiten zu heilen verstand, entlockte dem

langen, braunen Kasten kläglich wimmernde Töne. Ich vermuthete Zelters

Besuch und freute mich darauf, denn der alte Herr mit seiner derben

Komik, seiner polternden Sprechweise und seinem liebewarmen Herzen war

mir sehr werth geworden. Statt seiner kam nun sein Schüler, das

Wunderkind, das Sonntagskind. Als ich ihm zuerst begegnete -- er ging zu

Goethe, ich kam von Ottilie --, beschlich mich ein leises Gefühl der

Enttäuschung, er sah zart aus, ging etwas gebückt, und sein Gesicht

machte mir keinen bedeutenden Eindruck. Denselben Nachmittag traf ich

ihn bei Gräfin Henckel und glaubte einen anderen Menschen zu sehen: die

Lebhaftigkeit seines Mienenspiels, seine Grazie, die doch durchaus

nichts Weibisches hatte, sein strahlendes Lächeln, als ob man einen

Vorhang vor einem Fenster wegzöge und nun in den schönsten Frühling sähe

-- das Alles machte seine Erscheinung zu einer sich der Erinnerung

dauernd einprägenden. Und nun sein Spiel, das so ganz er selber war:

kein Gefühl, das ins Bizarre ging, keine Disharmonie, die sich nicht

milde auflöste, keine Virtuosenkunststückchen, bei deren Anblick uns

schwindlig wird. Hummel schien mir mit mehr Feuer, mit mehr äußerer

Leidenschaft zu spielen, aber man empfand nicht, wie bei Mendelssohn,

daß so ganz das Herz im Spiele lag.

"Von Anfang an verbrachte er den größten Theil des Tages im Goetheschen

Hause. Er war wirklich Goethes David, denn er verscheuchte jede Wolke

von der Jupiterstirn unseres verehrten Dichters. Jedem, der damals

Mendelssohn kannte, wird es begreiflich sein, trat er doch mit dem

ganzen Zauber der Jugend, der Genialität, der glücklichen Zukunftsträume

in unseren Freundeskreis. Es fiel Niemandem ein, wie das heute in

anderen Städten der Fall sein würde, ihn seiner Abstammung wegen

mißtrauisch zu betrachten. Der Gedanke wäre im damaligen Weimar

unmöglich gewesen, und wird es sein, so lange die großen Traditionen

nicht zur Fabel geworden sind. Goethe schätzte die Menschen nach ihrem

Werth, Karl August hatte es stets gethan und war von seiner einmal

gewonnenen[TN2] Überzeugung selbst durch Gegenbeweise nicht abzubringen

gewesen. Am herrlichsten befolgte unsere geliebte Großfürstin diesen

Grundsatz, und wir Alle hätten uns geschämt, nicht diesen großen

Vorbildern nachzueifern. So gehörte Rahel, so gehörte Mendelssohn zu

unserer anerkannten Aristokratie.

"Vormittags war er meist allein mit seinem Gönner, der nie müde wurde,

ihm zuzuhören. Wie Goethe es bei allen Dingen liebte, nach einem

bestimmten System zu verfahren, so auch hier: er wünschte die Geschichte

der Musik in Tönen nach geordneter Zeitfolge zu hören. Irgendwo las ich

einmal, daß man daraus die Folgerung zöge, er habe von Musik nichts

verstanden und ihre äußerliche Kenntnis nur als für seine Bildung nöthig

erachtet. Das glaube ich nicht. Felix Mendelssohn war stets aufs Höchste

überrascht von Goethes tiefem Verständniß und sprach oft mit uns davon:

'Goethe erfaßt die Musik mit dem Herzen, und wer das nicht kann, bleibt

ihr sein Lebtag fremd.' In Ottiliens Zirkel, den gerade damals das

'Chaos' vereinigte, beschäftigte und belebte, trat er als neues,

willkommenes Element. Alles, was Kunst im weitesten Sinn berührte, faßte

er mit Begeisterung auf, während das wissenschaftliche Gebiet, besonders

das naturhistorische, nicht in seinen Interessenkreis zu ziehen war,

obwohl er es gut zu verbergen wußte. Goethe, dem, seiner eigenen

wunderbaren Natur nach, jede Einseitigkeit unverständlich blieb,

versuchte oft auf Felix einzuwirken. Es blieb vergebene Mühe; einmal

soll Goethe sogar -- ganz Saul! -- seinem Liebling zornig den Rücken

gekehrt haben, weil er ihn nicht verstand. Aufs Höchste erschrocken saß

Mendelssohn wie versteinert vor dem Flügel, bis er, fast unbewußt, mit

den Fingern die Tasten berührte und, wie zu eigenem Trost, zu spielen

begann. Plötzlich stand Goethe wieder neben ihm und sagte mit seiner

weichsten Stimme: 'Du hast genug, halt's fest!' So erzählte Felix, der

lange dem Sinn der Worte nachgrübelte. Ein andermal war er die indirekte

Ursache eines heftigen Auftritts, der freilich wortlos verlief. Er

spielte Nachmittags bei Ottilie; ein Freund nach dem andern kam herein,

das neueste 'Chaos' lag vor uns, wurde besprochen, belacht, sein Spiel

verhallte ziemlich ungehört. Da ging die Thür auf, Goethe erschien, warf

einen Blick so voll Zorn und Verachtung auf uns, daß unser Gewissen uns

sofort mindestens zu Räubern und Mördern stempelte, ging ohne Gruß an

uns vorüber, auf Mendelssohn zu, und ehe wir zur Besinnung gekommen

waren, hatte er mit ihm das Zimmer verlassen. Es war dies das einzige

Mal, daß ich Goethe oben sah. Später sagte mir Ottilie, der Vater habe

sie noch tüchtig ausgezankt und ihr befohlen, auch ihren Besuchern sein

Urtheil nicht vorzuenthalten.

"Felix Mendelssohn machte Verse, wie wir alle, aber er beanspruchte

nicht den Ruhm eines Dichters. Gesellschaftsspiele, wobei in möglichster

Geschwindigkeit hübsche Reime gemacht werden mußten, waren an der

Tagesordnung. Der Ungeschickte oder der, dessen Versfüße zu sehr

humpelten, war verpflichtet, ein Pfand zu zahlen, das meist wieder durch

ein Gedicht eingelöst wurde. In Tiefurt, wenn wir genug getanzt oder

gespielt hatten, ruhten wir uns dabei aus, und vor Kurzem fand ich noch

ein Päckchen vergilbter Blätter, mit allen möglichen und unmöglichen

Reimen bekritzelt, die mich lebhaft an jene Zeit erinnerten. Darunter

befanden sich auch Mendelssohns Verse, mit denen er einmal in Tiefurt

sein Pfand eingelöst hatte:

Ihr wollt durchaus, ich soll ein Dichter werden,

Weil ich mit Euch in Weimar bin;

Ich aber kam als Musikant auf Erden,

Und meine Reime haben keinen Sinn.

Ich will in Tönen Eure Schönheit preisen,

Und Eure Macht, die mich zum Dichten zwingt;

Verfaßt die Lieder nur zu meinen Weisen,

Und dann versprecht mir auch, daß Ihr sie singt.

Vermessen scheint mir's, wollt ich weiter dichten,

Denn ich verscherze damit Eure Gunst;

Ihr Schönen seid zu streng im Strafen, Richten,

Mir hilft's doch nichts, ich lebe meiner Kunst.

"Als unser verwöhnter Musikant, der doch im Grunde ein Dichter war, wie

jeder echte Künstler, uns seine schon einige Male hinausgeschobene

Abreise verkündete, war der Kummer groß. Er mußte versprechen,

wiederzukommen, zu schreiben, uns einige Lieder zu schicken, die uns

seine Gegenwart etwas ersetzen sollten. Ulrike von Pogwisch beschäftigte

sich einen ganzen Abend damit, seine Silhouette auszuschneiden, die sie

dann unter uns vertheilte. Bei strahlendem Sonnenschein fuhr er fort,

sein Wagen war angefüllt mit Rosen, die wir ihm zugeworfen hatten;

Ottilie und Ulrike gaben ihm das Geleit, und so schied er von Weimar,

recht als ein Sonnenkind. Er hinterließ nur trauernde Freunde, nicht

einen Feind.

"Als ich ihn nach vielen Jahren in Berlin wiedersah, war zwar der

lachende Frühlingsglanz von seinen Zügen verschwunden, aber Herbst- und

Winterstürme hatten sie nicht umbraust und störten auch wohl nie sein

Sonnenschicksal. Sein Spiel war gehaltvoller, ruhiger geworden, die

stürmischen Phantasien seiner Weimarer Zeit wiederholten sich nicht

mehr. In der Erinnerung an die Vergangenheit leuchteten seine Augen auf,

und er sagte mit dem Tone tiefster Überzeugung: 'Wer weiß, was ohne

Weimar, ohne Goethe aus mir geworden wäre!'"

In persönlich nähere Beziehung als zu Mendelssohn trat Jenny zu Karl

von Holtei. "Er war einer der häufigsten Gäste unserer lieben

Musenstadt," schrieb sie. "Im Winter 1828 lernte ich ihn kennen, und

zwar nach einer seiner öffentlichen Vorlesungen, die wir eines Hoffestes

wegen nicht besuchen konnten. Bei Johanna Schopenhauer, wo er stets wie

ein Glied der Familie aufgenommen wurde, traf ich ihn zum erstenmal. Wir

erwarteten von ihm, dem Vielgereisten, viel Neues, Interessantes zu

hören. Welch eine Enttäuschung, als er eintrat.

"'Gott Lob, hier bin ich der Engländerpest entflohen,' sagte er. Das war

keine Empfehlung für ihn, da die Engländer eine große Rolle spielten.

Nach der allgemeinen Vorstellung begann er über die Interesselosigkeit

der Weimaraner in ziemlich derber Weise herzuziehen, weil seine

Vorlesung nicht besucht gewesen war. Wir bewiesen ihm, daß die

Carnevalszeit keine günstige für dergleichen sei, worauf er uns

vergnügungssüchtig schalt. Schnell legte unsere liebenswürdige Wirthin

sich ins Mittel, um einer allgemeinen Verstimmung vorzubeugen, und bat

ihn, uns durch einen Vortrag zu versöhnen, das würde uns zugleich

reizen, den Saal späterhin zu füllen. Er ließ sich nicht lange bitten,

las einzelne Gedichte und eine komische kleine Erzählung, improvisierte

sodann eine Art Entschuldigung in Versen wegen seines ersten Auftretens

im Kreise der Grazien und Musen, wobei er sich mit einem Satyr verglich,

der zwar einen Bocksfuß habe, aber trotzdem die Gutmüthigkeit selber

sei; damit war der unangenehme Eindruck verwischt, wir nahmen ihn von

nun an auf wie einen der Unseren. Bei Anderen, wo sein ungezwungenes

Wesen ebenso gegen das Hergebrachte verstieß, wurde es ihm oft sehr

schwer, ja manchmal unmöglich, sich so zu rehabilitieren wie bei uns. Um

ihn ganz zu würdigen, mußte man ihn näher kennen. Er gehörte zu den

Menschen, die, sei es aus falscher Bescheidenheit oder, was hier wohl

besser zutrifft, aus einer Art Hochmuth, ihre guten Seiten sorgfältig

verstecken. Sie bauen um ihr schönes Selbst eine Dornröschenburg und

wundern sich, wie selten ein Prinz die Dornhecke zu durchbrechen

versucht. Sehen wir uns Holteis Leben an, so wird es verständlicher, daß

er sein Bestes mißtrauisch verschloß. Er mußte mit viel Gemeinheit

umgehen, mit viel Gemeinheit rechnen; edler Umgang war ihm selten

geworden, und das, was den Menschen Zeit seines Lebens am meisten

verbittert, eine freudlose Kindheit in der Nähe unwürdiger Verwandter,

hatte er wie Wenige durchkosten müssen. Der Kampf mit dem Leben, der uns

so leicht zu uns selber sprechen läßt: 'Landgraf, werde hart,' hatte ihn

längst gestählt. Bisher war mir der Kampf zwischen Pflicht und Neigung,

zwischen Glauben und Zweifel allein schmerzlich bekannt geworden, in

Holtei trat mir zum ersten Mal jener andere harte Kampf gegen die

grauen Schwestern, Sorge und Not, entgegen.

"Als Holtei einen tieferen Blick in unsere Welt gethan hatte und sah,

daß man hier frei athmen könne, fiel die rauhe Schale von selbst von ihm

ab. Sein natürlicher Frohsinn, sein weiches Gemüt, sein Humor, der zwar

immer etwas derb blieb, gewannen die Oberhand, er fühlte sich bald

heimisch und war ein gern gesehener Gesellschafter. Die junge,

einheimische Herrenwelt Weimars liebte ihn, weil er ihre Abneigung gegen

die Engländer unterstützte, die Damen freuten sich, wenn er kam, weil er

stets ein paar galante Verse bei sich hatte; Goethe empfing ihn häufig,

weil er Neues und Interessantes hübsch vorzutragen wußte.

"Sehr innig gestaltete sich die Freundschaft zu August Goethe. Holtei

sah in ihm eine höhere, nur auf falsche Wege geleitete Natur und gewann

den segensreichsten Einfluß über ihn, der sich sogar im häuslichen Leben

angenehm bemerkbar machte. August liebte Holtei innig, betheiligte sich

ihm zu Liebe an unseren geselligen Freuden, so daß eine Zeit

vollständiger Harmonie angebrochen zu sein schien, die aber nur so lange

andauerte, als Holtei anwesend war.

"Unter all den kleinen und großen Festen, die uns vereinigten, waren bei

schönem Frühlingswetter die Picknicks die beliebtesten. Zu Fuß, zu

Wagen, zu Pferde ging's hinaus nach Tiefurt, Ettersburg, Belvedere.

Tiefurt besonders, unter dessen herrlichen alten Bäumen schon unsere

Eltern jung und froh gewesen waren, galt als angenehmer

Vereinigungsplatz, wo bei Spielen, Spaziergängen, dicker Milch, auch

wohl bei einem ländlichen Ball im Pavillon große Heiterkeit herrschte.

Dorthin kam jeden Nachmittag Lord Charles Wellesley, der Sohn des

Herzogs von Wellington, und brachte uns Kirschen oder Erdbeeren mit, die

er selbst bei der Hökerin eingekauft hatte. Er war äußerlich

unansehnlich, etwas taub, sehr einfach und sehr liebenswürdig im

Gegensatz zu seinem Bruder, Lord Donero, der stolz und zurückhaltend

war, seinem Vater sehr ähnlich sah und nur unter Umständen liebenswürdig

sein konnte. Mit Ottilie Goethe und Emma Froriep waren wir zur Zeit von

Holteis Anwesenheit auch einmal hinausgefahren, eine Anzahl junger Leute

fanden sich noch dazu, und wir saßen schon fröhlich um unseren frugalen

Vespertisch, als Holtei in gehobener Stimmung vom alten Goethe aus zu

uns kam. Er war wohl deshalb liebenswürdiger als sonst zu den Engländern

und versprach sogar den Vortrag eines ganz neuen Gedichtes, wenn er

dafür noch -- dicke Milch bekäme. Die Satte wurde feierlich vor ihn

hingesetzt, er sprang auf einen Stuhl und recitierte ein Gedicht, das er

auf Weimar verfaßt hatte.

"Jubelnder Beifall belohnte den Dichter, der sich ruhig dem Genuß der

dicken Milch überließ, während Ottilie einen Zettel aus der Tasche zog

und ebenfalls höchst witzige Verse auf Weimar vortrug, zu denen sie

allerhand aus dem Stegreif dazu improvisirte.

"Nachdem ein Jeder seinen Imbiß mit poetischer Begleitung zu sich

genommen hatte, zerstreuten wir uns im sonnendurchleuchteten,

frühlingsduftigen Park an den Ufern der Ilm, die rauschend und flüsternd

von vergangenem Leid, vergangener Freude erzählte und immer wieder

denselben Lebenszauber voll Liebeslust und Jugendglück in ihren Fluthen

wiederspiegelte.

"Selbst Holtei wurde nach und nach bei uns ein Naturschwärmer, was ihm

sonst fern lag. Er sprach es wohl aus, wie schnell der Herbst des

Jahres, wie der Herbst des Lebens all die Freuden vernichtet und ihn,

den Wandervogel, wieder in die Fremde treibt. In solchen Stunden habe

ich ihn kennen und schätzen gelernt, in solcher Stimmung war es, wo er

mir folgende Zeilen in das Album schrieb:

'Ach' ist unser erstes Wort,

Denn des Seufzers bittre Kunde

Dringt in stillem Friedensort

Aus des Kindes zartem Munde.

Und des Frühlings Zauberhauch,

Und der ersten Liebe Beben

Will mit bangem 'Ach' sich auch

Kund den bunten Blüthen geben.

Und der Trennung ernster Schmerz

Macht sich Luft mit diesem Worte

Seinen Boten schickt das Herz

Aus der Lippen heil'gen Pforte.

Aber einmal noch umwehn

Freudig uns des Wortes Schauer.

Unerwartet Wiedersehn

Staunet: Ach -- nach langer Trauer.

Liebst du dieses Wortes Klang,

So verschmäh nicht diese Zeilen.

Jeder Vers wird zum Gesang,

Wird dein Aug auf ihm verweilen.

Weimar, März 1828.

Karl von Holtei.

"Im Herbst 1829 kam Holtei wieder nach Weimar. Er traf mit dem

französischen Bildhauer David zusammen, der sehr gefeiert wurde und sich

trotz seiner Jugend schon einen Namen gemacht hatte, dessen guter Klang

durch die Büste Goethes ihm weit über die Grenzen Deutschlands und

Frankreichs einen bedeutenden Ruf verschaffte. In der Gesellschaft

machte sein Talent, aus Brot die Köpfe der Anwesenden abzuformen, ihn

schnell beliebt, so daß Holtei, der etwas mißtrauisch und empfindlich

war, sich zurückgesetzt fühlte. 'Wenn nur die guten Weimaraner mal einen

Mondbewohner herbekämen, sie würden sogar Schiller und Goethe darüber

vergessen,' brummte er, und erst, als David fortreiste, kam der alte

gute Freund wieder zum Vorschein.

Meine Korrespondenz mit Holtei begann durch das 'Chaos' und setzte sich

fort, nachdem es eingegangen war."

Einige Auszüge aus Briefen Jennys an ihn mögen hier folgen:

"14./5. 32.

"Meine Politik finde ich in der Geschichte und in der Philosophie, mein

Staatsminister ist Herders Nemesis, diese allein rechnet gut und

gerecht.

14./8. 32. Berka.

"Sie sehen am Datum meines Briefes, daß ich noch in meiner lieben

Einsamkeit bin; die Natur ist so schön, die physische und moralische

Luft so rein, daß die Brust freier athmet und alles Treiben und Drehen

und Quälen der politischen Welt in dem unreinen Nebel versinkt, welcher

unter den Bergen zu meinen Füßen liegt. Nicht Fröhlichkeit, aber Ruhe

und Frieden bedarf das Herz, und dieses findet es in den majestätischen

Wäldern, in der hehren Natur, welche, den Menschen zum Spott, in Frieden

und Krieg, in Sturm und Ruhe, im Ungewitter und Sonnenschein immer groß

bleibt. Möchten die Menschen, die Nationen, die Könige und Diplomaten

sich ein Beispiel daran nehmen!

22./9. 33.

"Sollte die biblische Sage vom Baume der Erkenntniß nicht dieselbe

Grundidee ausdrücken als die Fabel des Prometheus? Das Licht des

Himmels, die Erkenntniß, raubte er, die Frucht des Paradieses, die

Erkenntniß, raubte Eva. Ihre Schuld war die Begierde des Wissens, ihre

Unschuld ein unbewußtes Rechthandeln. Sie wollten wissen, so mußten sie

die Unschuld verlieren, denn nun begann das Forschen, das Streben, das

Ergründen, das Zweifeln. Auch die Strafen des Prometheus und der ersten

Menschen enthalten den tiefen Sinn der unbefriedigten Erkenntnißbegierde.

Das Paradies, nämlich das Glück, liegt so nah und ist so unerreichbar,

der Engel mit dem Flammenschwert: die Leidenschaften der Menschen, stehen

drohend vor der Pforte. Der grausame Adler und das zurückweichende Wasser

in den Strafen des Prometheus -- wäre es nicht die Darlegung des

Goetheschen Ausspruchs: daß nicht nur das Unmögliche, sondern so vieles

Mögliche dem Menschen versagt ist?

25./6. 36. Kochberg.

"Mit der Veredelung der Seele muß der Mensch denselben Proceß vornehmen,

dem der Maler bei den Mosaikgemälden folgt, der Geist muß erst in

schönem Umriß das Ganze vor sich haben, was er darstellen will: sein

eigenes Ich in höchster Vollkommenheit. Dann müssen alle Fähigkeiten,

alle Kräfte, alle Talente die bunten Steinchen zutragen, die das Gemälde

bilden sollen. Es gehört die Geduld eines ganzen Lebens, die redliche

Arbeit jeden Tages dazu, um das Werk zu fördern; jeder Gedanke, jede

Kenntniß, jede Handlung mag ein Steinchen sein -- glücklich, wer sich am

Ende seiner Tage vor das vollendete Bild stellen und in Wahrheit sagen

darf: es ist vollbracht.

4./7. 36.

"Ich halte es immer für einen Mangel an Menschenkenntniß, wenn man sich

über schnelle Untreuen wundert. Gerade in der Aufregung der Gefühle, in

der krankhaften geistigen An- und Abspannung, welche ein großer Schlag

hervorbringt, der zerstörend in unser gewohntes Geistes- und

Gefühlsleben eindringt, gerade in solchem Zustande ist das Herz eines

neuen Gefühls, eines neuen Anschmiegens am fähigsten, es steht gleichsam

offen. Später schließt es sich, andere Gewohnheiten wurzeln fest, und

unter ihnen hat eine liebe Erinnerung wieder einen festen, bestimmten

Platz; dann wird ihr Wegrücken schon bedeutend schwerer, und ich wundere

mich viel mehr über zweijährige als über zehnjährige Treue.

"Darum ist mir die Bemerkung Larochefoucaults immer so wahr erschienen:

'_On n'est jamais plus près d'une nouvelle passion qu'en sortir d'une

ancienne._' Das ist schon ein sehr tiefes Gefühl, welches dem Reiz der

Leidenschaftlichkeit widersteht, den die Seele eben gekostet hat, das

ist schon die Kraft einer seltenen Liebe, welche mit Abscheu den Becher

des Genusses von sich stößt, den es nur einem Herzen verdanken will;

daher finden wir so sehr viel mehr Frauen, die nur eine Liebe empfunden

haben, als solche, die bei einem zweiten oder dritten Verhältniß dieser

Art stehen geblieben sind. Bildet nicht das tiefste, reinste Gefühl die

Grenze, so kettet sich Leidenschaft an Leidenschaft zu endloser Kette."

Von Holteis Briefen an Jenny sind nur die wenigen Zeilen vorhanden, von

denen sie selbst erzählt: "Holtei schrieb mir nach Goethes Tod, und

seine Worte bezeichnen am besten sein tiefes Empfinden: 'Es geht ein Riß

durch die Welt und durch die Herzen, nun Er geschieden ist. Wer weiß, ob

es uns, die wir ihn kannten, nicht besser wäre, wir sprängen hinein in

diese Kluft und gingen so dort hinüber, wo Er herkam und nicht zum

zweiten Mal kommen wird!'[TN3]"

Der intime Kreis um Ottilie und ihre Kinder schloß sich nach Goethes Tod

besonders eng zusammen. Es war, als ahnten alle, daß diese vier Menschen

es mehr als andere bedurften, von einer doppelten und dreifachen Mauer

der Freundschaft vor dem Leben, das wie ein barbarischer Eroberer

draußen stand, geschützt zu werden. Und doch war es schließlich stärker

als ihrer aller Liebe!

Neben Adele Schopenhauer und Alwine Frommann, gehörte Emma Froriep zu

den Intimen, die Tochter des Medizinalrats und späteren Leiters des

Landesindustriekontors Ludwig Froriep, dessen Haus auch eines der

Mittelpunkte des damaligen geistigen Lebens war. Jenny Pappenheim

befreundete sich innig mit Emma Froriep, in deren elterlichem Haus sie

viel verkehrte.

Wichtiger als die geistige Anregung, die sie im Froriepschen Hause fand,

war für Jenny der Einfluß der ruhigen, charaktervollen Freundin. Sie

verkehrte täglich mit ihr, und die beiden jungen Mädchen sahen es als

eine besondere Weihe ihrer Freundschaft an, daß sie im Frühling und

Sommer zuweilen in dem lieblichen, nahegelegenen Berka wochenlang

allein zusammen hausen durften. Damals war es, nach den Zeichnungen in

Jennys Album, noch ein einfaches Dörfchen und das Landleben kein

Badeleben. Aber gerade das entsprach dem Geschmack der Freundinnen. Die

Liebe Jennys zur Natur beherrschte schon das junge Mädchen. In Wald und

Heide suchte sie den Frieden wieder, den sie im unruhigen geselligen

Leben der Stadt verloren hatte. Emma Frorieps Gestalt war wie ein

Stück dieser Natur. Jenny hat sie auf den folgenden Seiten gezeichnet:

"Inmitten der Mißlaute des Irrthums, der Leidenschaft, der Schmerzen,

inmitten der Verwirrungen des Schicksals und der Seele, inmitten der

Kämpfe zwischen Kopf und Herz, zwischen der Pflicht und dem Vergnügen

gab mir Gott eine reine Harmonie. Wenn sich über meinem Haupt das

Gewitter zusammenzog, der Donner über mir rollte und die Blitze hie und

da die Nacht in mir erhellten, dann kreuzte ich die Arme, hielt mich

gewaltsam aufrecht und wartete, denn bald sprach meine Harmonie in

sanften Tönen zu mir; wenn tausend verschiedene Stimmen mir tausend

verschiedene Worte zuschrien, wenn die Welt und das Leben mir ihre

gefälschten Werthscheine zuwarfen, wenn jedermann um mich nach eigenem

Tact sein eigenes Instrument spielte, wartete ich wieder, denn bald

übertönte der reine Gesang meiner Harmonie alles. Wenn das Schicksal mit

seiner Riesenstimme mir seine Befehle zurief, so flüchtete ich zitternd

zu meiner Harmonie, die jene schrecklichen Laute sanft und zärtlich

wiederholte, so daß ich ihnen ohne Angst zu folgen vermochte.

"Emma heißt meine Harmonie, mein Gewissen, meine Vernunft, Emma ist der

Name meines einzigen Ideals, das sich zur Wirklichkeit verkörpert hat.

Eins hier unten ist für mich vollkommen gewesen: die Freundschaft mit

ihr. Ich liebe meine anderen Freunde, ich spreche und lache mit ihnen,

ich theile ihre Freude wie ihren Schmerz, doch nur vor Emma enthülle

ich ganz mein Inneres, nur zu ihr sage ich: 'Ich leide,' -- und ich

habe viel gelitten!

"Lange schon bewohnten wir dieselbe Stadt, besuchten dieselbe

Gesellschaft und kannten uns nicht. Ich war eben aus der Pension

gekommen, war ein lebhaftes, leidenschaftliches Kind, dessen Herz und

Geist für nichts Anderes als für den Namen Goethe Platz hatte. Ich

stürzte mich in den geselligen Strudel, das Amusement war mein einziges

Ziel; Emma, obwohl viele Jahre älter als ich, stand betrachtend, wo ich

handelnd war, sie folgte instinctmäßig den Gewohnheiten der Übrigen, sie

erlaubte sich nichts, das nicht mit der Sitte übereinstimmte, ihr galten

die Männer als eine andere Art Geschöpfe, die sie sich immer fern hielt,

jeder freiere Blick empörte ihren Stolz, Liebe erschien ihr

erniedrigend, auch hatte sie keine Verehrer; ich war überzeugt, daß sie

sich entsetzlich langweilen müsse. Trotzdem fühlte sie sich glücklich.

Um fünf Uhr frühstückte sie schon mit ihrem Vater, der ihre einzige

Leidenschaft war, dann verbrachte sie den Tag in weißem Kleid mit

frischem, ruhigem Gesicht und noch ruhigerer Seele; sie nähte viel, buk

vorzüglichen Kuchen, sang harmlose Lieder, dachte wenig und schlief gut

und fest. Mir erschien sie als ein steifes, kühles Mädchen, das mir

imponirte, mich aber nicht anzog.

"Wie viel Thränen mußten auf die Flammen meines Inneren fallen, wie viel

Schicksalsstürme mußten das Feuer ihrer Seele anfachen, ehe unsere

Herzen sich fanden!

"Jetzt gehört das Amusement nicht mehr unter die Ziele meiner Tage und

die ihren haben die Farbe gewechselt. Zwar ist ihr Gang noch ruhig, zwar

beherrscht Gesetz und Sitte sie noch, doch sie erblaßt, wenn sie die

Herzenskämpfe ihrer Freunde sieht; oft steht sie nach einer

schlummerlosen Nacht erst um acht Uhr auf und sitzt stundenlang stumm

ihrem Vater gegenüber. Sie singt nicht mehr, sie näht wenig, liest viel

und denkt immer. Die Männer sind für sie keine fremden Wesen mehr, doch

ihre Kühle ihnen gegenüber ist noch nicht gewichen und ihre Natur wird

niemals die zarte Schmeichelei lernen, welche die Frau dem, den sie

liebt, entgegenbringt, diesen Instinct, der uns treibt, ohne Berechnung

das zu thun, was dem König unserer Seele gefällt, kurz, jenes Etwas,

fälschlich Coquetterie genannt. Und doch, als neulich vom weiblichen

Stolz gesprochen wurde, der die Liebe besiegen müsse, unterbrach Emma

ihre Freundin und sagte: 'Was hat der Stolz mit der Liebe zu thun?!'

"Ich weiß nicht, ob mein Herz oder meine glühende Phantasie Emma ihrer

glücklichen Gleichgültigkeit entriß; ich glaube, daß ich im Augenblick

des Erwachens zu ihr kam, als plötzlich der Vorhang der Vorurtheile und

Gewohnheiten zerriß und ihr die wirkliche Welt erschien. Ich sprach ihr

ohne Zweifel von lauter neuen Dingen, Alles, was ich vom menschlichen

Geist und Herzen wußte, kam ihr zunächst wie eine Fabel vor. Doch ich

vermochte sie zu überzeugen, und später frug ich sie, wenn ich ihr

meinen Gedankengang enthüllt hatte: 'Verstehst du ihn?' und fast immer

antwortete sie: 'Ja, ich verstehe ihn!'

"'Wir haben in unserem Leben keine andere Aufgabe, als in jedem

Augenblick so zu handeln, wie unser Gewissen es uns vorschreibt; die

Folgen gehören der Gewalt des Schicksals an, das ihrer doch immer Herr

bleiben wird, welches auch unsere thörichten Pläne sein mögen,' sagte

ich einst.

"'Schon längst ist dies auch meine Überzeugung. Manchmal erschwert sie

das Leben, doch als allgemeine Regel giebt sie uns Gesetze, Sicherheit,

Ruhe und verscheucht auf immer Selbstvorwürfe und Reue. Nur nenne ich

das, was du Schicksal nennst, Gott!' erwiderte Emma.

"'Du weißt,' unterbrach ich sie, 'daß ich Gott im Goetheschen Sinn

verstehe.'

"'Verstehst du ihn? Ich nicht!'

"'Auch weiß ich, daß Goethe einst sagte: Es ist ganz einerlei, was für

einen Begriff man mit dem Namen Gott verbindet, wenn man nur göttlich,

das heißt gut handelt!'

"'Mir,' lächelte Emma, 'ist Gott der Gott der Liebe, der liebe Gott der

Christen.'

"Doch genug davon -- verwelkte Blumen sind die Worte, denen Blick und

Händedruck fehlt; ich kenne keine Sprache, die das lebendige Gespräch

ebenso lebendig wiederzugeben vermag; Herz, Gefühl und Geist haben ihre

eigene Sprache. -- Eine Erinnerung wird dauernd frisch in meinem Herzen

bleiben, es ist die an unsere in Berka gemeinsam verlebte Frühlingszeit.

Ein Tag daraus mag für das Bild unserer unschuldigen Freuden der Rahmen

sein.

"Auf einer kleinen Erhöhung in jenem Theil von Berka, der Dorf Berka

genannt wird, erhob sich inmitten eines Gartens ein kleines Haus. Wie

oft, sobald es am Horizont aufstieg, beschleunigte sich mein Schritt,

und mein Herz, alle Sorgen von sich werfend, klopfte vor Freude und

Hoffnung; es war keine andere Hoffnung als die auf Frieden und Ruhe, und

doch war ich noch nicht zwanzig Jahre alt! In den oberen Räumen

richteten Emma und ich unseren Haushalt ein. Wir hatten eine kleine

Küche, einen großen Flur, ein Zimmerchen für unsere Jungfer und konnten

im Nothfall sogar einen Gast beherbergen. Unser Schlafraum war einfach,

aber bequem, unser kleines Wohnzimmer war reizend: ein Schrank, zwei

Bücheretageren, ein rosa und weiß drapirter Toilettentisch, darauf ein

Spiegel mit goldenem Rahmen, zu jeder Seite eine Vase, mit jenen

palmenartigen Farren gefüllt, die im Tannenwald an den verstecktesten

Plätzen wachsen; dann unsere Schreibtische, nur durch die Fensterwand

getrennt, an der auf weichem Teppich zwei Lehnstühle standen. Neben den

tausend Dingen, die auf keinem Schreibtisch vermißt werden, standen drei

blumengefüllte Gläser auf einem jeden; wir liebten vor allem die wilden

Rosen, von denen ein einziger Zweig schöner ist als alle Centifolien.

Auch ein Sopha, ein runder Tisch, verschiedene Bilder fehlten nicht; auf

allem lachte die Frühlingssonne, die bis zum Abend auf unserer Diele

ihre Strahlen tanzen ließ, und aus jedem Winkel des Zimmers fiel der

Blick auf das helle Grün der Hügel, auf die dunklen Tannen, auf drei

breite, sich durch das Thal schlängelnde Wege, in nächster Nähe auf die

Häuser der Bauern und jene regelmäßige Thätigkeit, um die man sie

beneidet, sobald ein böser Gedanke drückend auf der Seele liegt. Aus dem

anderen Fenster sah man den kleinen Fluß, die Kirche, die Brücke und den

Markt, von dessen Häusern man nur die Dächer bemerkte, in der Ferne ein

weites Thal, durch ein Dorf und einen alten Thurm geschlossen, dann

Hügel auf Hügel und jedes Jahr ein neues rothes Dach, das sich darauf

erhob; schließlich ein spitzer, kahler Berg, auf dem der Fluch der alten

Frau zu ruhen schien, die im Anfang des vorigen Jahrhunderts dort

verbrannt worden ist. Dieser freundlichen Landschaft gebührt der

dankbare Blick, mit dem wir jede Gegend betrachten, die das Glück mit

uns bewohnt hat, der freundliche Gedanke für die Zukunft, eine Handlung

der Barmherzigkeit für die Gegenwart, die Hand eines mitfühlenden

Freundes in der unseren.

"Bei meinem Erwachen stand Emma neben mir, zum Ausgehen bereit; sie

ging, der Natur ihren Morgengruß zu bringen. Als sie zurückkam, war ich

angezogen, die Stube aufgeräumt, frische Rosen, die ich im Garten

gepflückt hatte, auf dem Tisch und das Frühstück daneben. Nachher mußten

die Wirtschaftssorgen erledigt werden, bis daß Jede sich an ihre

Vormittagsbeschäftigung begab, die wir bis drei Uhr ausdehnten, nur hier

und da durch gegenseitiges Vorlesen aus Büchern und Briefen

unterbrochen. Der ruhige Schritt unserer blonden, freundlichen Jungfer

mahnte uns an die Essenszeit; ihr strahlender Blick galt heute ihren

Küchenerfolgen, die unsere vollste Anerkennung fanden. Hastiges Klopfen

störte unsere sehr materiellen Freuden, und auf unser 'Herein' flogen

zwei Knaben lachend auf uns zu. 'Wolf -- Walter' riefen wir wie aus

einem Munde, und nun überstürzten beide sich im Erzählen, wie es

gekommen war, daß der Großvater sie im eigenen Wagen hierhergeschickt

habe.

"'Ich habe ihm gestern vorgespielt.'

"'Ich habe einen guten Aufsatz geschrieben.'

"Es gab viel zu fragen und zu erzählen, dazwischen wurde unserer

Erdbeerspeise tapfer zugesprochen. Wolf berichtete von den

Stadtneuigkeiten, von dem Großvater, der sich wieder einmal mit Tante

Ulrike gezankt habe. Er ging, nach Art desselben, langsam, die Hände auf

dem Rücken, den Oberkörper etwas geneigt, den Kopf gehoben, die weit

offenen Augen auf uns gerichtet, im Zimmer auf und nieder, dabei sagte

er mit grollender Stimme: 'Frauenzimmerchen, Frauenzimmerchen, ihr

treibt's mir bald zu arg.' Ich mußte lachen, ermahnte aber doch meinen

jungen Freund, des Großvaters nicht etwa zu spotten. 'Zu spotten?!' rief

er, 'Du glaubst, ich könnte das? Ist er nicht unser liebster, bester,

einzigster Großvater?' Dann erzählten sie von den Eltern; dem Vater, der

viel Kopfweh habe und selten zu Hause sei, der Mutter, die sich eifrig

mit dem Plan zu einem Sommerfest beschäftigte, und schließlich sprangen

sie hinaus und fuhren davon, uns in einer Art Betäubung zurücklassend.

In unseren Frieden war die Welt mit ihrem Zwiespalt gedrungen.

"Bald darauf rüsteten wir uns zum Spaziergang: weiße Kleider, runde

Hüte, das schottische Tuch über dem Arm, ein Buch in der Hand, das

freilich nur selten geöffnet wurde. Wir gingen stumm Arm in Arm neben

einander, meine Gedanken waren in jenem klassischen Hause, in dem ein

über alles Erdenleid erhabener Jupiter zu thronen schien und dessen

Mauern doch so viel Kummer verbargen; ist es nicht auch immer die mühsam

zu ersteigende Jakobsleiter, an deren Sprossen nicht Engel, sondern

Dämonen stehen, gegen die der Kletternde kämpfen muß, damit sie ihn

nicht hinunterwerfen; wie wenige sind stark genug, um den strahlenden

Tempel menschlicher Größe zu erreichen, wie wenige sind so stark, um die

schwächeren Genossen nach sich zu ziehen. Ich wäre längst am Boden

zerschellt ohne den vorschreitenden erhabenen Führer!

"Wir hatten den Wald erreicht, sein Duft ließ uns freudiger athmen, und

ein weicher Moossitz entschädigte uns, wenn wir zu hastig gegangen

waren. Manchmal tönten aus der Ferne Axtschläge gegen einen zum Tode

verurtheilten Baum; ein Krach, ein Fall, der wie schluchzend verklang,

entlockte uns einen Seufzer -- der Tag war schön, wer wünschte sich, zu

sterben? Nach und nach verlängerten sich die Schatten, unsere

Unterhaltung hatte zwischen Gefühl und Erzählung, zwischen Philosophiren

und Schweigen, zwischen Vergangenem und Zukünftigem, zwischen Ernstem

und Heiterem gewechselt. Wir hatten neue Pfade entdeckt, neue

hochgelegene Matten, auf denen sich schöne Luftschlösser bauen ließen,

und traten aus dem Wald, als der Mond schon hoch am Himmel stand. Sobald

wir die ersten Häuser erreichten, begrüßten wir die freundlichen

Bewohner, deren rosige Kinder schon schlafen gegangen waren, um den

nächsten Morgen noch rosiger zu erwachen; die Eltern saßen vor der

Hausthür, der Vater rauchte seine Pfeife, die Mutter legte die Hände in

den Schoß. Kennt ihr solch ein beseligendes Ausruhen, ihr Unthätigen,

die ihr euch mit euren leeren Gedanken gelangweilt in den Lehnstuhl

werft?! -- Zwei Schritte weiter sahen wir ein neues Häuschen entstehen;

es hatte, wie die anderen, nur eine Stube, eine Kammer, Küche und

Ziegenstall. Wir hatten oft in bewohnte Räume gesehen, überall fanden

wir die peinlichste Sauberkeit; vor der Thür neben der Steinbank einen

blühenden Rosenstock, ein kleines Gärtchen hinter dem Hause mit gut

gepflegten Gemüse- und Blumenbeeten, ein Höfchen daneben mit ordentlich

aufgeschichtetem Holzvorrath, einige unglückliche Vögel in Käfigen, die

sangen und die weißen Wände garnirten, und dazu zufriedene Gesichter,

einen freundlichen Gruß für Jedermann.

"Unsere Jungfer erwartete uns: 'Der Pächter hat schon wiederholt nach

Ihnen gefragt, und das Abendbrot wartet. Auch hat der Bote Briefe in

Menge gebracht.'

"Der Mond leuchtete uns zu unserem einfachen Imbiß, den wir in

Gesellschaft unseres guten alten Pächters, der zugleich unser Hauswirth

war, einnahmen. Er erzählte uns von einem armen Tagelöhner, der sich

beim Holzfällen verwundet habe und nun für sich und seine Familie nichts

verdienen könne; dabei sah er uns erwartungsvoll an. Ich wollte sofort

hinstürzen, Emma hielt mich zurück.

"'Morgen in aller Frühe packen wir unseren Korb mit Fleisch und Brot,

vergessen auch unser Verbandzeug nicht, und freuen uns, daß es Menschen

giebt, denen mit so wenig Mühe geholfen werden kann.'

"'Und denken an all das namenlose Elend, dem wir nicht steuern können!'

"Der Abend war herrlich, wir saßen noch lange vor der Thür und sahen,

wie nach und nach ein Licht nach dem anderen hinter den Fenstern

erlosch. Die Stille herrschte und schien durch die Majestät des Mondes

zu regieren; die Ilm flüsterte kaum, sie fürchtete durch ihr Gemurmel

das silberne Licht zu stören, das friedlich auf ihrem Wasser flimmerte.

Füllest wieder Busch und Thal

Still mit Nebelglanz --

Lösest endlich auch einmal

Meine Seele ganz,

Breitest über mein Gefild

Ruhig deinen Blick,

Wie des Freundes Auge mild

Über mein Geschick.

Zukunftsbilder stiegen vor mir auf, Träume von Glück wurden lebendig;

weit in der Ferne verschwand die Vergangenheit.

"Die Lampe im Zimmer machte uns wieder gesprächig, während eine Schleife

nach der anderen sich langsam löste. Wir dachten mit Schrecken an die

Stadt, an den Winter, den Schnee, den Kerzenglanz, an die falschen

Blumen und an das falsche Lächeln, an Toiletten und Gesellschaftsklatsch,

und freuten uns der Gegenwart, in die nichts von alledem gehörte. Noch

eine zärtliche 'Gute Nacht' und es wurde still in Haus und Herzen.

"In den Rahmen dieses Tages gehört das Bild meiner Freundin; dann ist

alles Harmonie, Friede, Klarheit. Ihre schöne Gestalt, ihr ruhiger Gang,

ihre glatten, über der sanften Stirn gescheitelten Haare, dieser ganze

Typus einer deutschen Schloßfrau, paßten so gut zu den schlanken,

ernsten Tannen, zu dem majestätischen Wandel des silbernen Mondes auf

dem klaren Firmament; ihr verschleiertes weibliches Herz, ihre

angeborene Reinheit des Charakters paßten so gut in diese ruhig

träumende Landschaft ohne zerrissene Felsen, ohne feuerspeiende Berge.

Und in mein Leben gehörte dieser Engel des Friedens."

In einem direkten Gegensatz zu diesem Engel des Friedens stand eine

andere Freundin Jennys, Gräfin Louise Vaudreuil. Aber auch bei ihr,

der Weltdame großen Stils, bewährte sich das Talent, das Jenny in ihren

späteren Jahren zur höchsten Kunst entwickelte: das Beste aus den

Menschen herauszuholen. Etwas von dem allumfassenden Goethegeist, dem

"nichts Menschliches fremd war", lebte in ihr und machte es ihr möglich,

schon mit einundzwanzig Jahren -- zu dieser Zeit sind die Charakterbilder

Ottiliens, Emmas, Louisens und das des Professors Scheidler entstanden --

in den Seelen ihrer Freunde, wie in einem offenen Buche zu lesen. Louise

Vaudreuil schilderte sie folgendermaßen:

"Es war zwei Uhr Nachmittags, als ich in ein elegantes Boudoir trat, das

nur durch auf allen Stühlen und Tischen umherliegende Toilettengegenstände

verunziert wurde. Eine junge Frau saß vor dem Spiegel, sie war blaß, ihre

Augen schwarz umrändert, doch jeder ihrer edlen Züge von rührender

Schönheit; sie hielt einen ihrer glänzenden schwarzen Zöpfe in der Hand

und legte ihn mit größter Vorsicht um ihre Schläfen; Alles verrieth, daß

sie eben erst das Bett verlassen hatte.

"'Guten Tag, mein Kind,' sagte sie; 'ich freue mich sehr, dich zu sehen.

Denke dir, ich habe heute keinen Brief von Alfred und bin so besorgt.'

"'Doch warum dich ängstigen, liebe Louise, erst vorgestern hattest du

Nachrichten aus Paris.'

"'Doch du weißt, ich bin unter einem Unglücksstern geboren, auch nehme

ich immer Alles von der trüben Seite. Und gerade heute bin ich

schlechter Laune; Margarethe ist wieder unartig gewesen; meine Tochter

hat kein Herz, keine einzige Neigung wurzelt darin, sie ist so

selbstsüchtig und so kalt!'

"'Aber liebe Freundin, sie ist drei Jahre alt!'

"'Der Hut und das Kleid, das ich für dich bestellte, sind auch noch

nicht angekommen.'

"'Gnädige Frau haben es vor acht Tagen bestellt,' sagte die alte

Kammerfrau, 'man kann die Postpferde von Paris hierher nicht beflügeln!'

"'Schweigen Sie, man hat Sie nicht gefragt.'

"Dann eine Pause. Die junge Frau hatte ihre Frisur beendet, doch sie war

noch immer damit beschäftigt, eine widerspenstige Locke zu bändigen; es

schlug dreiviertel auf drei Uhr, ehe diese große Arbeit gethan war.

"'Ich habe fürchterliche Kopfschmerzen, das sind sicher die Vorboten

einer neuen Krankheit.'

"'Das kommt von dem scharfen Duft, den du an dir trägst und in allen

Räumen verbreitest.'

"'Ach nein, Kind; das Ausbleiben des Briefes regt mich zu sehr auf, auch

ist der Klatsch, mit dem diese Stadt mich verfolgt, zum Verrücktwerden!

Ich schrieb meinem Mann davon, der mich beruhigte und sagte, er würde

zurückkehren, um wie früher in seinem Lehnstuhl hinter der großen

Zeitung zu sitzen, während ich mich mit Prinz Friedrich Schwarzenberg

unterhalte. Man ist zu schlecht in diesem kleinen Weimar; denke nur, daß

Graf K. vorige Nacht vor meinem Hause wartete, bis der Prinz fortging,

um dies Ereigniß mit seinem Commentar jedem Menschen zu erzählen.'

"Louise weinte und ihre Stimme zitterte.

"'Ich versichere dir, liebe Freundin, daß ich glaubte, du habest dich

längst über den Stadtklatsch erhaben gefühlt. Außerdem kannst du nicht

annehmen, daß deine langen Unterhaltungen mit dem Prinzen unbemerkt

bleiben würden; wir sind hier nicht in Paris. In Weimar geht man um zehn

Uhr schlafen, wenn bei euch die Feste anfangen, und steht auf, wenn sie

enden; es ist ganz natürlich, daß gewöhnliche Leute den Maßstab ihrer

Gewohnheiten auch an Andere legen; doch da dein Mann davon weiß, hat es

nichts auf sich, und dein Kummer verfliegt, sobald er zurück ist. Gehst

du an den Hof heut Abend?'

"'Ja, man sagt, er wäre voll von kleinen deutschen Prinzchen, und diese

Stückchen Souveränität amüsiren mich. Am liebsten freilich bliebe ich zu

Haus, ich finde keinen Geschmack an der großen Welt; mein Buch, meine

Malerei, meine Kaminecke, das ist es, was meiner Natur entspricht, die

faul und indolent ist; auch schwöre ich dir, daß ich, wenn es nicht um

die kleinen Triumphe der Eitelkeit wäre, die mir Spaß machen, gar nicht

ausgehen würde; ich begreife deshalb nicht, wie eine häßliche Frau daran

Freude haben kann! Hast du heute den Alten schon gesehen?'

"'Louise!' rief ich vorwurfsvoll.

"'Soll ich sagen den Meister?! Ich theile eure kniefällige Bewunderung

nicht, dafür ist er mir zu menschlich, hat zu sehr, wie wir gewöhnliche

Sterbliche, seine kleinen und großen Aventüren gehabt.'

"'Trotz eurer kleinen und großen Aventüren seid ihr aber Alle kein

Goethe geworden!'

"Louise lachte, jede Spur von Thränen und Ärger war verwischt.

"Man meldete den Schneider, er kam von der Leipziger Messe.

"'Frau Gräfin haben noch zweiundzwanzig Kleider im Stück liegen,' meinte

die Jungfer kopfschüttelnd; doch der Schneider wurde empfangen, mußte

alle seine Waren ausbreiten, die aufs Gründlichste examinirt wurden;

Louise suchte drei der schönsten Stoffe aus, schenkte mir einen davon,

ließ die zwei anderen in den Schrank legen und den Preis dafür auf die

Rechnung setzen. Der Schneider wurde von dem Antiquar abgelöst, dem sie

ein Rokoko-Armband für vier Louisd'or abkaufte.

"'Der Kammerdiener des Prinzen fragt, ob Antwort nötig wäre,' sagte der

eintretende Bediente, indem er Louise ein Billet übergab.

"'Ich werde sehen.' Sie las, während ich in einem Pariser Modejournal

blätterte. 'Höre nur, Jenny, wie prachtvoll er schreibt' -- auf ihrem

Gesicht malte sich staunende Bewunderung, doch sie galt nur der

Schönheit des Stils; ihre Stimme klang erregt, doch nur aus

geschmeichelter Eitelkeit: 'Wenn der Verdammte, an der Himmelsthür sich

anklammernd, nach einem einzigen Ton des Gesanges der Engel verdurstet,

wenn das Kind des Verderbens, in dessen Ohr das furchtbare Wort Ewig

klang, durch das Rütteln der Verzweiflung jene ehernen Thore erschüttert

-- würden Sie, Gräfin, es in den dunkelsten Abgrund stoßen, weil es sich

mit riesiger Kraft zu dem herrlichsten Glücke emporhob? Ich sah durch

das Gitter, welches mich vom Himmel trennt, sein strahlendes Licht, ich

sah die Träume meiner Jugend, die Wünsche meines Herzens, das Ideal

meines Lebens in Wirklichkeit an mir vorüberschweben -- ich streckte

flehend die Arme danach aus -- das war mein Verbrechen; ich büße

es durch das fürchterlichste Erwachen, ich büße es durch erneute

Verdammniß. Sie werden mir verzeihen; von nun an sollen Sie in

mir nichts als den ergebenen Haushund finden, der nach dem Hieb

so treu bleibt wie nach der Zärtlichkeit, der treu bleibt, wenn ihm

Unrecht geschieht, treu bleibt, wenn er nur der Gleichgültigkeit

begegnet ----'

"Ich hörte ihr verwundert zu und verstummte. Ich verstand, daß er zu

weit gegangen war, daß sie ihres Widerstandes wegen triumphirte, daß sie

stolz auf ihre tugendhafte Handlungsweise war, die niemals hätte

nothwendig sein dürfen. Ein Besuch rechtfertigte meine Schweigsamkeit,

oder vielmehr sie zog uns aus der Verwirrung, denn Louise sah zu klar,

ihr Urtheil war zu fein, als daß sie meine Gefühle nicht, wortlos wie

sie waren, verstanden hätte. Die Besucher gehörten zu jenen Menschen,

die ihrer Güte, ihrer Familienbeziehungen, ihrer negativen Verdienste

wegen von der Gesellschaft geduldet werden; die bösen Zungen

entschädigen sich für deren Nichtigkeit durch wohlfeile Witze über sie;

die Geistreichen behandeln sie wie Tische und Stühle, sie benutzend,

wenn der Augenblick es mit sich bringt; die Liebenswürdigen sprechen im

Vorübergehen mit ihnen; im Ganzen ist Alles, was man ihnen bietet,

gerade lau genug, um sie nicht vor Frost zittern zu machen. Ich

fürchtete Louisens Ungeduld und Spottlust; es wäre nicht nöthig gewesen,

denn nie habe ich sie gesprächiger, freundlicher, zuvorkommender

gesehen, nie hat ein Gast befriedigter über sie und sich das Zimmer

verlassen.

"'Du warst äußerst liebenswürdig, zu meiner größten Uberraschung', sagte

ich, als wir allein waren.

"'Und du, Kind, beurtheilst mich falsch. Ich spotte nie über gute,

anspruchslose Leute und habe Freude daran, Unterdrückte zu

unterstützen.'

"In der Ebbe und Flut meiner Gefühle dieser eigentümlichen Frau

gegenüber gingen nach dieser wahren, gütigen Antwort die Wogen zu ihren

Gunsten hoch.

"'Habe ich dir schon erzählt,' sagte sie, 'daß ich einen Brief von Frau

von Y. erhalten habe? Die Arme leidet so sehr und ist dabei ein Engel an

Güte und Tugend; Gott weiß, was aus ihrer unglückseligen Leidenschaft

werden soll! Ist sie allein mit Georg, so könnte die Welt zu Grunde

gehen, der Tod neben ihnen stehen, sie würden es nicht bemerken. Neulich

besuchte sie Georg sie war allein -- doch eine einzige Thür nur trennte

sie von ihrem Gatten, und diese Thür war nur angelehnt, und dieser Gatte

vergöttert Charlotte. Manchmal schafft seine Phantasie ihm einen

Nebenbuhler: 'das wär kein langer Schmerz,' sagt er dann, 'eine Kugel

für ihn, eine für mich und für dich die Qual des Lebens!''[TN4]

"'Und sie ist im Stande, diese Liebe zu betrügen!' rief ich empört; 'und

du kannst von ihrer Tugend sprechen!'

"'Nun ja, meine Liebe, denn sie betrügt im Grunde ihren Gatten nicht.

Ihre Mutter hat sie, als sie fünfzehn Jahre alt war, mit ihm

verheirathet; er verlangte keine Liebe von ihr und gab ihr seinen Namen

wie sein Vermögen. Georg, ihr Vetter und Spielgefährte, hatte nichts!'

"Ich hörte zu, wie man ein Capitel der _'Vie privée'_ von Balzac liest,

Louise erzählte das Trauerspiel, dessen Heldin Charlotte war, wie dieser

Schriftsteller es beschrieben haben würde.

"'Isabella hat mir von ihrem Bett aus geschrieben,' fuhr Louise in ihren

Neuigkeiten fort; 'sie ist gestürzt und hat sich schwer verletzt.'

"'Ist sie nicht die Gattin des Mannes, den du zuerst heirathen

solltest?'

"'Ja gewiß. Das war meine erste Erfahrung! Ich hatte mit diesem Gedanken

die Kinderstube verlassen; er war schön und reich, er sprach von Liebe

und ich war glücklich. Da erfahre ich eines Tages, daß er sich mit

Isabella verlobt hat, sie konnte ihm ihre Mitgift baar auf den Tisch

zählen, ich hatte erst nach meines Vaters Tod eigenes Vermögen zu

erwarten. Kurz nachher wohnte ich seiner Heirat bei, dann hat er mir auf

die niedrigste Weise den Hof gemacht, und du verlangst, daß ich die

Männer achte, daß ich sie bemitleide und schone -- sie verdienen kaum,

daß man sich über sie lustig macht; auch ist es nicht meine Schuld, wenn

sie sich nicht an mir rächen. Ah, wie ich die Rache liebe!'

"Ich stand auf.

"'Hier, Kind, sind noch zwanzig Thaler für deine Armen. Werden wir ihre

Schuld bald bezahlt haben?'

"'Noch dreißig Thaler und sie sind sorgenfrei.'

"'Die bettele ich heute Abend bei Hof zusammen!'

"Der Hof war vollzählig erschienen. Louise kam als Letzte: ihre

Schönheit war die einer Sultanin, ein bunter Turban hob ihre

regelmäßigen Züge, ihre schönen schwarzen Haare glänzten auf dem

tadellosen Teint, den das Licht noch strahlender machte, prachtvolle

rothe Seide floß in schweren Falten um sie, es war ein Bild, auf das die

Natur stolz sein könnte, wenn die Coquetterie nicht die Natur betrogen

hätte. Die Männer umgaben sie, sie entwickelte all ihren Geist, all

ihren Witz, all das Feuer ihrer Blicke, und ich sah mit tiefster

Traurigkeit dieses glänzende Arsenal der schönsten Fähigkeiten zu einem

Feuerwerk verpufft. Nichts mahnte an die Blässe und Traurigkeit dieses

Morgens, sie lachte, sprach und sah mit ihrem durchdringenden Blick,

hörte mit ihrem feinen Ohr Alles, was in vier Sälen gethan und gesagt

wurde.

"Der Großherzog näherte sich in all seiner tadellosen Höflichkeit. Nach

einigen einleitenden Liebenswürdigkeiten begann Louise eine jammervolle

Armengeschichte zu erzählen von Kindern, die auf dem Ofen schliefen, um

nicht zu erfrieren, von Eltern, die ihnen Kartoffelschale als

Delikatesse vorsetzten usw., das sah der Wirklichkeit nicht ähnlich, und

doch war diese Wirklichkeit schon traurig genug! Louise brachte mir

triumphierend zwei Louisd'or. 'Ich danke dir sehr,' sagte ich; 'aber ich

erkläre dir, daß, wenn der Großherzog mich nach der Sachlage fragt, ich

deine Märchen nicht unterstützen kann und von deinen Armen nichts wissen

werde, denn ich weiß wirklich nichts von ihnen.' Sie lachte und fuhr

fort, mit mehr oder weniger Erfolg ihre Geschichte zu erzählen.

"Später traf ich sie noch einmal, und sie erwähnte wieder ihrer

Freundin, Frau von Y.: 'Im Grunde ist sie eigentlich ein kleines,

mageres, törichtes Ding, das sich gehen läßt, obwohl dein

deutsch-sentimentales Mitleid für den Gatten mir auch nicht angebracht

scheint. Auf eine Heldenthat in ihrem Leben ist sie sehr stolz, hat sie

doch eigenhändig einen Pflasterstein aufgehoben, um ihn auf die

unglücklichen Soldaten zu schleudern, die sich für diesen verrückten

Karl _X._ massacriren ließen! Das ist gerade keine edle Handlung, und

von einer Frau ausgeführt, wird sie gemein; auch habe ich ihr einmal

gründlich meine Meinung gesagt. Ich sprach bewundernd von England, und

von dem, was dort besser sei als bei uns, sie glaubte sich als Patriotin

zeigen zu müssen, und plötzlich höre ich eine spitze Stimme, die mir

zuruft: Sie haben wohl nicht das Glück, Französin zu sein? -- O doch,

gnädige Frau, ich bin sogar im Herzen von Paris geboren, ohne jemals

sein Pflaster zu beschädigen.'

"Alles lachte; ich schlich beiseite. Hatte sie doch diesen Morgen erst

in den höchsten Ausdrücken der Bewunderung von derselben Frau

gesprochen! Mich widerte es an, zu sehen, wie all ihre Geistesgaben der

Frivolität geopfert wurden; meine Liebe zu ihr tat mir weh, und doch

habe ich sie mir nie aus dem Herzen reißen können.

"Sie hatte genug Verstand, um über Alles zu plaudern, sie fand stets die

passendste Antwort, um selbst Klügere zu verwirren, sie hatte

Beobachtungstalent, um ihren Märchen den Schein der Wahrheit zu geben,

sie beherrschte die Sprache, um die Abenteuer ihrer Freunde geschickt

erzählen zu können, sie hatte die Herzen der großen Welt durchschaut, um

mit Effect Sentenzen _à la_ Rochefoucauld auszusprechen, sie kannte

Hingebung und Opferfreudigkeit, um sie von anderen zu verlangen, sie

interessirte sich für Alles, um über Alles zu schwatzen. Sie war die

Weltfrau, die Pariserin, die schöne Frau, das Kind der Eitelkeit und der

Schmeichelei und hätte der Stolz ihres Geschlechts, der Engel der

Tugend, die echte Frau sein können, die ohne zusammenzubrechen eine Welt

voll Kummer trägt, die liebt, leidet, tröstet und die Sprache der

Menschlichkeit hört und versteht."

Louise Vaudreuil war stets von Bewunderern umgeben; Prinz Friedrich

Schwarzenberg, der einst viel genannte Verfasser der Memoiren eines

Landsknechts, war einer ihrer treuesten. Während einer Badereise, als

Jenny das kleine Töchterchen Louisens in ihre Obhut genommen hatte,

schrieb ihr Graf Vaudreuil: "Louise hat viele Verehrer, Prinz

Schwarzenberg und Prinz Kotschubey vor allem. Ich liebe diese Mehrzahl,

denn nur die Einzahl fordert die böse Nachrede heraus. Übrigens hat

bisher weder die Einzahl noch die Mehrzahl mein Vertrauen in eine Frau

zu erschüttern vermocht, die Herz und Geist besitzt, und die weiß, daß

ein guter Gatte, den man liebt, einem Goldbarren gleicht, den nur der

Wahnsinn gegen die kleine Münze der Bewunderer eintauschen wird." In

demselben Briefe heißt es: "Vom Tode des Herzogs von Reichstadt haben

Sie gewiß erfahren. Was ich bei dem Erlöschen der napoleonischen Race

empfinde, werden Sie am besten verstehen, denn trotz Ihrer Betonung

Ihres Deutschtums haben wir uns in der staunenden Bewunderung für einen

der größten der Menschen immer gefunden." Jenny antwortete darauf: "Mir

erscheint Napoleon als eines jener gewaltigen Werkzeuge der Allmacht,

die zuweilen nothwendig sind, um das unterste zu oberst zu schütteln,

damit der von Jahrhunderten aufgehäufte Staub und Moder davon fliegen

und die Erde für neues Blühen bereiten kann. Auch wie ein großer Pflug

ist er, der sie aufrührt, der welke Pflanzen, die das neue Leben hindern

wollte, in Dünger verwandelt und unterirdisches Gewürm tötet. Nur

schade, daß die Arbeit diesmal so wenig vorhielt: mir scheint, als täte

uns jetzt schon ein neuer Pflug noth, und ich würde ihn herbeisehnen,

wenn nicht mein Herz von Grauen erfüllt wäre vor allem Blut -- auch vor

dem des Gewürms, das ja nichts dafür kann, daß die Natur es zu dem

machte, was es ist." Ein merkwürdiges Urteil für ein einundzwanzigjähriges

Mädchen. Vielleicht war es doch der unbewußte Einfluß des Blutes, der sie

also empfinden ließ und dadurch noch unterstützt wurde, daß ihr nicht die

deutsche, sondern die französische Sprache Gedankensprache war: Sie

dachte in ihr, wie sie hauptsächlich in ihr schrieb. Es war ja auch ihre

Muttersprache: Diana, die Elsässerin, sprach nach wie vor fast

ausschließlich französisch, und am Hofe herrschte seit dem Tode Karl

Augusts die französische Sprache um so mehr, als sie für die Großherzogin

Maria Paulowna, die geborene russische Großfürstin, die gewohnte war.

Seit 1829 war Jenny als Hofdame in deren Dienste getreten. Durch ihre

Freundschaft mit den Prinzessinnen, vor allem mit Augusta, wurde sie

jedoch stets mehr als ein Kind des Hauses, wie als Mitglied des

Hofstaates angesehen. Das zeigte sich auch in der geschwisterlichen

Beziehung, die sich zwischen ihr und dem um sieben Jahre jüngeren

Erbgroßherzog Karl Alexander entwickelte. Sie wurde seine Vertraute, der

seine Bewunderung galt, und wenn er ihr als Sechzehnjähriger, ähnlich

wie Wolf Goethe, eine schüchtern-poetische Knabenliebe widmete, so war

das nur eine weitere Grundlage für die lebenslange Freundschaft.

Zu Maria Paulowna sah Jenny, die sie in ihrem Sein und Wirken täglich

beobachten konnte, in ehrfürchtiger Liebe empor: "Sie war für sich

selbst," so schrieb sie, "demüthig und anspruchslos: ihr ganzes Leben,

Wirken und Sein gipfelte in der fürstlichen Pflicht des Beglückens. Sie

übte die größte Strenge gegen sich; jede Stunde ihrer bis zur Ermüdung

ausgefüllten Tage hatte eine Wohlthat oder eine Pflicht zum Ziel. Sie

stand sehr früh auf, und wenn dann die letzte Pflicht des Tages, die

Hofgeselligkeit, an sie herantrat, war es denen, die das Glück hatten,

ihr nahe zu stehen, rührend, wie oft die Müdigkeit des Körpers sie zu

ihrem eigenen Schrecken übermannte. Nie klagte die russische Großfürstin

über die kleinen Verhältnisse Weimars; sie sprach es aus, wie das schöne

Wort Schillers bei ihrem ersten Einzuge in Weimar sich ihr als

Lebensregel eingeprägt habe: 'Wisse, ein erhabener Sinn legt das Große

in das Leben, aber sucht es nicht darin.'

"Weimars geistiges Leben, das versicherte sie oft, ersetze ihr

vollkommen den Glanz des russischen Hofes, darum unterstützte sie es

auch und förderte es, wo sie konnte. Dabei war ihr Goethes Urtheil stets

maßgebend; wie oft ließ sie einen Wunsch fallen, weil Goethe nicht damit

einverstanden war, wie ergreifend war ihr Schmerz bei seinem Tode, wie

treu blieb sie seinem Geiste. Die Wohltaten, die sie öffentlich und noch

mehr im geheimen that, die durchdachten praktischen Pläne zu

Erziehungsanstalten und Krankenhäusern, welche alle zur Ausführung

kamen, das alles zeugt für ihr tiefes Erfassen des Berufs einer

Landesmutter. Trotzdem hatte sie stets noch Zeit und Lust zu geselliger

Unterhaltung, aber eine unüberwindliche Abneigung gegen das gewöhnliche

Hofceremoniell mit seiner öden Langenweile. Deshalb löste sie gern diese

drückenden Fesseln und wünschte ihre Umgebung, wie ihre Gäste, in freier

körperlicher und geistiger Bewegung zu sehen. Auch den Fremdesten

wandelte sie nach und nach, ihm selbst unmerklich, zum natürlichen

Menschen um, dem sie die Maske leise abnahm, ohne welche die meisten

nicht glauben, bei Hofe erscheinen zu können. Ebenso unmerklich

bestimmte sie auch die Grenzen des freiheitlichen Umgangs, und schwer

verzieh sie es, wenn sie überschritten wurden.

"Die Sommer in Wilhelmsthal sind mir in freundlichster Erinnerung

geblieben. Dort in der herrlichen Luft und reizenden Umgebung schien

alles Unnatürliche von selbst von uns abzufallen. Wir vergnügten uns mit

heiteren Spielen, besonders das Federballwerfen war sehr beliebt,

machten Spaziergänge, lasen und schrieben entweder im Schatten der

schönen alten Bäume oder in unseren einfach-ländlichen Stübchen. Dabei

kamen so mancherlei Phantasien, Gedanken und Verse zu Papier, die nicht

unser Geheimnis blieben, denn die liebe Großfürstin interessierte sich

lebhaft für jedes Glied ihres Hofstaats und hörte mit gütiger Nachsicht,

aber auch mit scharfem Urtheil der Vorlesung unserer Schreibereien zu.

Nach und nach wurden die dilettantisch-literarischen Abende zur

Gewohnheit, sie waren eine angenehme Unterhaltung für die jüngere

Hofgesellschaft und den damaligen Erbgroßherzog, der auch, wie wir,

Beiträge dazu lieferte. Es gab nur noch wenige, die sich der Zeiten des

'Tiefurter Journals' erinnerten und das 'Wilhelmsthaler Journal' für

eine recht schwache Copie desselben halten konnten; näher lag der

Gedanke an das mit Goethe zu Grabe getragene 'Chaos' oder an die

literarischen Abende, die während des Aufenthalts in Weimar eine große

Anzahl bedeutender Gelehrter bei Hof versammelten. Wir hörten Vorträge

von Humboldt, Schleiden, Apelt, Froriep, Schorn, Schöll und vielen

anderen, die uns weit mehr bildeten, als es dicke Bücher gethan

hätten.[76] Dabei gewöhnten wir uns daran, das Gelernte aufzuschreiben,

was auch in Wilhelmsthal fortgesetzt wurde, sobald Interessantes uns

auffiel. Die Anregung zu diesem geistigen Leben ging von Maria Paulowna

aus; sie wußte, daß darin Weimars Größe lag und immer liegen würde,

deshalb erzog sie auch ihre Kinder in diesem Gedanken und hob uns in

ihre Atmosphäre, die allem Kleinlichen fern war, die eine belebende

Kraft ausströmte."

Wenn kindliche Verehrung, wie hier, mit zu lichten Farben malt, so ist

das immer begreiflich gefunden worden, aber man pflegt im Urteil

ungerecht zu werden, wenn der Freund auch beim Freunde die Schatten

vergißt. Und doch ist gerade das am natürlichsten. Je näher wir einen

Menschen kennen, je mehr uns jede Stufe seiner Entwicklung vertraut ist,

desto mehr verstehen wir seine Natur, und die Fehler erscheinen uns

nicht wie dem Außenstehenden als etwas selbständig Verdammenswertes,

sondern als die Bedingungen oder Ausartungen ihrer Tugenden. Wir

gewinnen sie beinahe lieb, wie jene. So sah Jenny ihre Freunde an, und

ihre Schilderungen ihres Wesens sind dann immer besonders schwer zu

verstehen, wenn es sich um Persönlichkeiten handelt, die der Geschichte

angehören und der Kritik aller unterliegen, die je nach der Gesinnung

und dem politischen Standpunkt eine andere sein wird. Das gilt vor allem

von Augusta, der späteren deutschen Kaiserin, der sich Jenny mit jener

treuesten Freundschaft verbunden fühlte, von der es heißt:

Laß adlermutig deine Liebe schweifen

Bis dicht an die Unmöglichkeit heran;

Kannst du des Freundes Tun nicht mehr begreifen,

So fängt der Freundschaft frommer Glaube an.

Aus der Jugendzeit, die sie zusammen verlebten, erzählt sie folgendes

von ihr:

"Früh schon entwickelte sich in ihr jene weiblichste Tugend, das

Mitleid, die sich aber nie in Klagen und Thränen äußerte, sondern,

geleitet von der Mutter, zur praktischen Thatkraft wurde. Wir besuchten

oft zusammen unsere Armen und mußten daher nicht selten hören, daß wir

im Gefühlsübermaß zu viel gethan hatten oder ihnen statt Arbeit,

Kleidung und Nahrung, Geld gegeben hatten, das nur zu bald wieder

ausgegeben war und zur Trägheit führte, während Anleitung zur

Selbsthilfe die beste Armengabe ist."

Als Prinz Karl und Prinz Wilhelm von Preußen an den Weimarer Hof kamen,

wußte jeder, daß sie um die Hand der Prinzessinnen Marie und Augusta

werben wollten. "Merkwürdig schnell," so schreibt Jenny, "faßte Prinzeß

Augusta Vertrauen zu Prinz Wilhelm, dessen Güte und Liebenswürdigkeit

uns sehr gefiel, dessen militärische Straffheit uns, denen der

preußische Drill etwas ganz Fremdes war, sehr imponierte. Langsam, aber

stetig zunehmend, entwickelte sich bei der Prinzeß eine tiefe Neigung zu

ihm. Sie sprach nicht davon, ihr Stolz verbot ihr, die Unterwerfung

ihres ganzen Wesens unter einen Mann einzugestehen, von dem sie wußte,

daß er ihr jetzt nur Freundschaft entgegenbrachte. Man hatte ihr

diensteifrig seine Herzensgeschichte zugetragen, ihr auch nicht

verhehlt, welch ausgezeichnetes Mädchen deren Heldin war. So stand es um

sie, als ihre Schwester sich vermählte. Heiter und glänzend waren die

Feste dieser zu Ehren, wehmütig der Abschied. Sie schenkte mir noch

zuletzt ein Album, in das sie folgende Worte geschrieben hatte:

_This above all, to thine own self be true,_

_And it must follow, as the night the day,_

_Thou canst not then be false to any man._

_Votre souvenir est toujours là!_

_Marie_

"Fast zwei Jahre vergingen, ehe Prinz Wilhelm die zur vollendeten

Schönheit erblühte Prinzeß Augusta heimholte. Sie hatte ihn treu im

Herzen getragen, wie sie jedem Treue bewahrte, den sie einmal lieb

gewann. Er war und blieb die einzige große Leidenschaft ihres Lebens,

die sie zu schöner Weiblichkeit entwickelte und alle Härten ihres Wesens

abschliff.

"In meinem Album finden sich diese Zeilen von ihr:

_Doux lieux où l'amitié vint charmer mon enfance_

_Il faut, hélas, vous fuir,_

_Mais vous viendrez me consoler mon absence_

_Par un doux souvenir!_

_Otez l'amitié de la vie,_

_Ce qui reste de biens est peu digne d'envie,_

_On n'en jouit qu'autant qu'on peut les partager;_

_Désir de tous les coeurs, plaisir de tous les âges,_

_Trésor du malheureux, divinité des sages,_

_L'amitié vient du ciel habiter ici bas,_

_Elle embellit la vie et survit aus trépas!_

_Weimar, 3. 6. 29._

_Ces vers expriment ce que j'éprouve en les traçant, puissiez-vous en

être persuadée, chère Jenny._

_Your faithful_

_Augusta."_

Eine eifrige Korrespondenz entspann sich zwischen den Freundinnen, die,

da sie sich fast durch ein halbes Jahrhundert fortspann, ein

interessantes Bild der Zeit geben könnte, wenn die Briefe der Kaiserin

nicht, einem Versprechen getreu, von meiner Großmutter zum großen Teil

verbrannt worden wären. Aus der ersten Zeit der Abwesenheit Prinzeß

Augustas finden sich folgende Stellen aus Briefen Jennys an sie:

1./7. 1832.

"... Die Herzen der Leute der großen Welt sind alle nach einer Form

gegossen, die leider in allen Ländern die gleiche ist, und in die sie so

genau eingepaßt werden, daß schließlich für nichts als für

Gleichgültigkeit und Langeweile Platz übrig bleibt.

29./8. 1832

"Die Erziehung sollte die Einleitung, die Vorrede des Lebens sein; man

sollte daraus den Zweck der ganzen Arbeit, ihre Tendenz und wenn möglich

ihren Preis, ihren moralischen Wert kennen lernen. Darum ist es

nothwendig, daß die Eltern, ohne den klaren Himmel der Kindheit zu

trüben, die Rolle des Schicksals spielen, so daß die Fehler der Kinder

sich so viel als möglich durch ihre natürlichen Folgen bestrafen; sie

würden frühzeitig dazu gelangen, nicht den Himmel der Ungerechtigkeit

und die Menschen der Falschheit anzuklagen, wenn sie sehen, daß fast

immer sie selbst die Hauptursachen ihrer Schmerzen und Leiden sind, wenn

sie in der Tiefe ihres eigenen Wesens die Ursachen des Unglücks

erkennen, das sie trifft. Nur selten dürfte ihr Gewissen ihnen keine zu

zeigen vermögen. Ist die Vorrede eine vollkommene gewesen, so muß sie,

indem sie uns eine sichere Vorstellung von dem Buche giebt, das

Interesse dafür steigern, unsere Erwartungen würden nicht getäuscht

werden können, und die Eindrücke, die wir vom Styl und von den Details

erhalten, würden mehr von unserem Herzen abhängen und von der

harmonischen Verbindung unserer Seele mit dem Autor. Die allgemeine

Idee, die uns die Vorrede gegeben hat, sollte uns vor großen

Überraschungen und Enttäuschungen bewahren.

12./9. 1833.

"Wenn man das Leben mit seinem Unglück, seiner Niedrigkeit, seinen

getäuschten Hoffnungen kennen gelernt hat, so ist nichts natürlicher als

die Neigung zur Misanthropie und zur Menschenverachtung, und dieses

Gefühl, das man gewöhnlich für eine Folge reifster Erfahrungen und

tiefgründiger Gedankenarbeit ansieht, entspricht nur dem gewöhnlichen

Einfluß des Unglücks auf die Menschen. Eine starke und edle Seele ist

die, die sich aus dem Schiffbruch des Lebens den Glauben an die

Menschheit und die Liebe zum Menschen retten konnte -- eine starke und

edle Seele, weil sie den Schlüssel des Räthsels in sich selbst suchte

und fand.

1./11. 1835.

"Alle großen Leidenschaften sind göttlicher Natur; sie sind die

Emanationen Gottes im Herzen der Menschen. Man kann sie weder

willkürlich heranrufen, noch vernichten, sie sind Inspirationen des

Himmels, denen wir uns unterwerfen müssen, und die für ihren göttlichen

Ursprung dadurch Zeugniß ablegen, daß sie über den allgemeinen Gesetzen

der Natur stehen und diese sich ihnen unterordnen müssen."

Diese wenigen Proben -- alles andere schlummert in mir unzugänglichen

Archiven -- zeigen, wie weit der Briefwechsel unserer Großeltern von dem

Depeschenstil der Gegenwart entfernt war. Sie wollten nicht nur mit

ihren fernen Freunden vereinigt bleiben, es gelang ihnen auch, weil sie

die Verbindung durch Gedankenmitteilungen, nicht durch bloße

Lebensdaten, hinter denen sich die tiefgehendsten Wesenswandlungen

verbergen können, aufrechterhielten.

Außer Prinzeß Augusta war es noch eine andere Prinzessin, mit der Jenny

auf diese Weise in naher Beziehung blieb: Helene von Mecklenburg,

spätere Herzogin von Orleans. Ihr Gatte war jener französische

Thronfolger, den ein tödlicher Sturz davor bewahrte, durch die

Revolution seiner Hoffnungen beraubt zu werden. Die Schilderung ihrer

Beziehungen zu Helene leitete Jenny folgendermaßen ein:

"... Die Armuth, die Niedrigkeit darf klagen und weinen, auf den Höhen

der Menschheit regiert das Lächeln, das klaglose Verstummen. Und die

nicht geweinten Thränen wiegen centnerschwer. Mir war es vergönnt, in

das Herz, in die Seele solch einer Märtyrerin zu schauen, als sie noch

unberührt war von dem giftigen Hauch des Weltenschicksals, als sie noch

nicht selbst mitten im Wirbelwind des Lebens stand. Fast ein Kind noch,

kam Helene von Mecklenburg zum ersten Mal nach Weimar. Im Andenken an

ihre verewigte Mutter, Karl Augusts liebliche Tochter Caroline, wurde

sie ganz als Kind Weimars empfangen und blieb vom ersten Tage an des

Großvaters Liebling. Trotzdem dauerte es sehr lange, bis ihr durchaus

unkindlicher zurückhaltender Ernst einem offen-freundlichen Wesen Platz

machte. Ich gab mir viel Mühe um sie, weil ihre tiefen, forschenden

Augen mich reizten, sie zu enträthseln. Was mir zuerst seltsam auffiel,

war die hinter dem kühlen Äußeren versteckte schwärmerische Phantasie,

deren realer Mittelpunkt schon damals Frankreich war. Ihre französische

Gouvernante wie die französische Hofdame ihrer Stiefmutter mochten wohl

diese Gedankenwelt in ihr mit geschaffen haben, die nach und nach alles

andere verdrängte. Unsere Unterhaltungen drehten sich meist um

französische Geschichte, französische Literatur, und immer, wenn sie

wieder nach Weimar kam, erstaunte ich, welche Fülle neuer Kenntnisse sie

sich darin erworben hatte. Ich hatte ihr versprechen müssen, alles Neue,

das an guten französischen Büchern erschien, ihr mitzuteilen oder

zuzusenden, was dann auch gewissenhaft geschah. Mein Berater war der

liebenswürdige, geistreiche Graf Alfred Vaudreuil, der mit

französischer Gewandtheit und Leichtlebigkeit deutschen Ernst und

deutsche Gründlichkeit verband und mir immer neben seinem Freunde, dem

Prinzen Friedrich Schwarzenberg, von dem Ida von Düringsfeld so richtig

sagte: 'er war immer ohne Umstände er selber', als der Typus wahrer

Vornehmheit erschien. Wir hatten bisher, wie Vaudreuil sich ausdrückte,

nur mit den Blumen und Zephyren Lamartines gespielt; jetzt gab er uns

Werke von Dumas und Victor Hugo, auch las er aus Chateaubriands Büchern

vor und unterrichtete uns in der sonst nur in verworrenen Bildern zu uns

dringenden französischen Zeitgeschichte. Es war auch zum Theil sein

Verdienst, daß er uns, eine sonst der Politik fernstehende Gesellschaft,

auf die Geschehnisse des äußeren Lebens aufmerksam machte und uns etwas

ablenkte von der ausschließlichen Beschäftigung mit Seelen- und

Herzenskämpfen. Mein Stiefvater Gersdorff, selbst ein Staatsmann, war

mir gegenüber mehr Philosoph; er meinte, Politik sei nichts für

Frauenzimmer. Als aber die erste Kunde der Julirevolution zu uns drang,

da war auch uns auf lange Zeit ein Gesprächsthema gegeben. Der Eindruck,

den sie auf uns machte, war ein anderer als der, den sie bei der

vornehmen Gesellschaft im übrigen Deutschland hervorrief. Wir schwärmten

für die Ideen der Volksbeglückung; wir schwärmten für Griechenland,

selbst für Belgien, warum sollten wir es nicht für Frankreich thun und

in Louis Philipp den Retter des Volksglücks betrachten? Wer ahnte denn,

daß er es nicht sein konnte? Am interessantesten war mir, mit welcher

Lebhaftigkeit Goethe die Dinge verfolgte. Mein Stiefvater schrieb lange

politische Berichte für ihn, so sehr er sonst mit Geschäften überlastet

war, und unser Diener sagte uns, der alte Herr sei ihm oft aufgeregt

entgegengekommen, um die Briefe selbst in Empfang zu nehmen.

"Noch waren wir ganz erfüllt von dem Thronwechsel in Frankreich, als

Prinzeß Helene wieder nach Weimar kam. Ihre Begeisterung für Louis

Philipp und seine 'Mission' spottete jeder Beschreibung, und es dauerte

nicht mehr allzulange, so fing man an, erst leise, dann immer lauter

davon zu sprechen, daß sie seinem Sohne bestimmt sei. Sie selbst sprach

nie davon, auch brieflich nicht, so offen auch ihr Herz sonst vor mir

lag; aber ich las die Hoffnung auf Erfüllung ihres Kindertraumes in

ihren seelenvollen Blicken. Während sie sich mit ihrer Mutter in Jena

aufhielt, besuchte ich sie häufig. Man nahm die Krankheit der Herzogin

zum Vorwand des Fernbleibens von Mecklenburg, während die

unerquicklichen Verhältnisse dort es nöthig machten. In Jena versammelte

sich bald ein geistig bedeutender Kreis um die Fürstinnen; ich

vermittelte die Bekanntschaft mit meinem lieben Freunde, dem Professor

Scheidler, der seiner Taubheit wegen sehr menschenscheu war, und hatte

die Freude, zu sehen, wie Prinzeß Helene sich ihm anschloß und sich von

ihm bilden ließ. Dort und in Weimar fühlte sie sich weit mehr zu Hause

als in Mecklenburg; wäre sie ein echtes Kind jenes strengen, nordischen

Landes gewesen, niemals hätte sie dem Sohne des Bürgerkönigs die Hand

gereicht. Obwohl sie, wie gesagt, nie mit mir darüber sprach, war mir

dieser Schritt nicht unverständlich. Sie liebte den Herzog nicht, denn

sie hatte ihn nie gesehen, sie war nicht ehrgeizig, dazu war ihr

Charakter ein viel zu weiblicher. Was sie wollte, suchte, ersehnte, war

ein Beruf, eine Pflicht; was sie glaubte, war an ein unabänderliches

Schicksal, das ihr schon früh die Liebe zu Frankreich ins Herz geprägt

habe. Sie war überzeugt, Recht zu thun, auch als sie mit ihrer Familie

brach und wie eine Ausgestoßene von ihrer Heimat scheiden mußte.

Strahlend glücklich waren ihre Briefe; strahlend schön soll ihr Äußeres

gewesen sein, schrieben mir meine Verwandten aus Paris, und ich freute

mich ihres sonnigen Schicksals. Erst nach und nach gingen ihr die Augen

auf über den König, über das Treiben am Hof, über die sogenannte

'Volksbeglückung'. Es schmerzte sie tief, aber sie hatte ja ihren

Gatten, der sie in keiner ihrer Träume und Hoffnungen jemals getäuscht

hat; sie hatte ihre Kinder, denen sie sich mit der vollsten Gluth der

Mutterliebe widmete; sie hatte Frankreich und seine Zukunft!

"Da begann ihr Märtyrerthum. Langsam, mit fürchterlicher Grausamkeit riß

das Schicksal ein Glück nach dem anderen aus ihren Armen, enthüllte ihr

eine bittere Wahrheit nach der anderen, bis das Leben, all seiner

rosigen Schleier entkleidet, ein grausiges Skelett vor ihr stand. Sie

schauderte wohl davor zurück; aber nicht lange währte es, so saß sie

wieder am Webstuhl und schuf neue Hoffnungsgewänder für dies Bild des

Todes."

Jenny korrespondierte eifrig mit Helene. Von den Briefen der Herzogin

sind eine Anzahl verwahrt worden, die aus ihrer Mädchenzeit und aus der

ersten Zeit ihrer Ehe stammen, ebenso einige von Jennys Antworten.

Helene zeigt sich in ihnen als eine Schwärmerin, die uns kühlen

Modernen, die wir selbst Empfindungen, die wir haben, schwer

aussprechen, ganz fremd erscheint.

Ihre ganze Persönlichkeit wird nur dann verständlich, wenn wir sie als

Kind ihrer Zeit betrachten, das sich über die Gefühlsschwärmerei der

Romantik selbständig nicht zu erheben vermochte, und ihre Briefe sind

als Spiegelbild des Seelenlebens vieler Frauen jener Epoche so

bezeichnend, daß einige von ihnen, trotz ihrer tatsächlichen

Inhaltlosigkeit, hier folgen mögen. Wenn Jenny sich auch dem Einfluß

ihrer Zeit nicht zu entziehen vermochte, so unterwarf sie sich ihm doch

nicht. Das zeigt sich auch in ihrem Briefwechsel mit Helene.

Aus ihren Briefen an sie sei folgendes angeführt:

3./8. 33.

"Mir giebt es neben der Natur keine sicherere Kunde von Gott, als den

umfassenden Geist des Menschen, keine höhere Schwungkraft zum Guten und

Großen, als dessen Erkenntnis in allen seinen Zweigen; hätte ich nur

Kraft und Zeit und Gedächtnis, um alles zu prüfen, was der menschliche

Geist seit Jahrhunderten hervorgebracht hat, wie gänzlich würde dann

alles Kleinliche verschwinden! -- Ich möchte keine Unruhe in Ihre Seele

bringen, Ihren Glauben nicht antasten, denn darüber liegt der heilige

Schleier der Jahrhunderte; Beweise sind schwer, es wäge sie daher jeder

in seiner eigenen Seele mit Glauben und Vernunft ab, an der reinen Moral

der Christuslehre ändert es ja durchaus nichts. Mit Ihnen möchte ich

Herder, Schiller, den Faust lesen, mit Ihnen die Geschichte, die

erfahrenste Lehrerin der Menschheit, studieren, mit Ihnen die Höhen des

Geistes und Lebens erklimmen, wo die Brust frei athmet und die Seele

sich rein und entzückt zu Gott erhebt.

3./9. 33.

"Wie verschieden die Philosophien, die Religionen, die Gedanken der

Menschen auch seien, in einem Spruch stimmen alle Vernünftigen überein:

'Wer nach seiner innigsten Überzeugung Recht thut, hat vor dem Tode

nichts zu fürchten.' Dieser Spruch muß als heiligste Wahrheit

aufgestellt bleiben, und so lassen wir die Frage über Nichts und

Ewigkeit, lassen wir die Sorge für die Zukunft und das Grübeln über

Unerforschliches dahingestellt. Wir haben genug, wir haben vollauf zu

tun, um Recht zu tun allerwege.

9./10. 34.

"Man sollte eigentlich nur Unglück nennen, was tief in die Seele

eingreift, was einen Charakter und ein Lebensglück umzuändern mächtig

genug ist, was eine bleibende Kränkung in der Seele läßt und was, wenn

auch die Zeit ihren milden Einfluß übt, immer als umflortes dunkles Bild

in der Erinnerung bleibt, es sei nun zu moralischer Kräftigung oder zu

ewiger, innerer Trauer. Und doch, wie viele solcher Unglücksfälle stehen

gerade nicht auf der Liste der von den Menschen im allgemeinen

anerkannten und aufgezählten, wie oft jammern sie vor dem Schutte eines

alten Hauses und wissen nichts von dem Schutte, der allein von einem

ganzen, glänzenden Jugend- und Lebensglücke übrig blieb!"

Unter den Büchern, die Jenny der jungen Prinzessin sandte, befand sich

auch Victor Hugos "Hernani", das sie ihr nach Eisenberg, dem Landsitz

des Herzogs von Altenburg, geschickt hatte. Darauf bezieht sich

folgender Brief Helenens:

Eisenberg, den 10. April 1834.

"Empfangen Sie meinen herzlichsten Dank, mein theures Fräulein, für die

Freude, die mir Ihre Güte bereitete, und täuschen Sie nicht meine

Hoffnung, die vertrauensvoll auf Ihre Nachsicht rechnete, als Ihr

Büchlein Tage und Wochen --ja -- Monate bei mir ruhte. Meine

Entschuldigung kann nur in der Vorliebe für dieses Werkchen und in dem

sicheren --vielleicht zu sicheren Glauben an Sie bestehen. Nein, sicher

genug kann nie der Glaube an die liebe Jenny sein! Ein Herz, wie das

Ihre, kann vergeben, wenn man ihm edelmüthige Gesinnungen zutraut, und

wird vergeben, wenn ich sage, daß ich der Besitzerin wegen das Büchlein

hochhielt, und des Inhalts wegen mir der Abschied schwer fällt. Sie sind

der freundliche Engel meiner Lektüre gewesen, bleiben Sie es und deuten

Sie mir, ich bitte Sie, die Schriftsteller an, die Ihnen vielleicht noch

Graf Vaudreuil als empfehlenswerth nannte, ehe er schied; denn seinem

Geschmack, glaube ich, dürfen wir getrost folgen -- und die Perlen der

neuen französischen Litteratur noch mehr kennen zu lernen, ist mein

lebhafter Wunsch.

"Recht lang scheint mir die Zeit, die seit unserer letzten Begrüßung

liegt; ich glaube, es war auf dem Kinderball, wo Sie des kleinen

Findlings Schutzgeist waren; ein unfreundlich Geschick trennte uns

seitdem; doch hoffe ich, Sie verbannen mich nicht ganz aus Ihrem

Andenken, denn hat man sich einmal gefunden, so mag Zeit und Raum

kämpfen. Ein freundlicher Stern leuchtet segnend am Horizont und führt

zusammen hier oder dort.

"So unendlich glücklich und froh ich hier im liebenden Kreis der Familie

lebe, so sehr werde ich mich dennoch freuen, mein liebes Weimar mit

seinen freundlichen Bewohnern wieder zu begrüßen, denn ihm gehört ein

großer Theil meines Herzens, --Sie, liebes Fräulein Jenny,

wiederzusehen, wird mir eine wahre Herzensfreude sein.

Im Schatten der Titanen: Erinnerungen an Baronin Jenny von Gustedt · 第 38 / 80 题