Am 28. August 1831

Der älteste Verehrer J. W. v. Goethe.

"Zu meinem Geburtstag schenkte mir der verehrte Greis einen goldenen

Ring, dessen Stein eine lanzenartige Spitze zeigt.[67] Er nannte diese

mit freundlich-galanten Worten einen Pfeil. Die Zeit und die genauen

Worte, mit denen er allegorische Beziehungen zu freundschaftlich

überschätzten Gaben in mir bezeichnen wollte, habe ich vergessen, doch

fällt das Geschenk in Goethes letzte Lebensjahre. Auch einen

Separatabdruck seiner Iphigenie schenkte er mir mit der auf rosa Papier

geschriebenen Widmung:[68]

Freundlich treuer Gruß und Wunsch zum siebenten September 1830.

Weimar.

Goethe.

"Noch einmal wurde mir die Freude eines poetischen Grußes zuteil. Gräfin

Vaudreuil, die schöne Frau des französischen Gesandten, hatte mich für

sich in Buntstift zeichnen lassen. Sie schickte das Bild zur Ansicht an

Goethe, der, in der Meinung, ich habe es ihm gesandt, mir folgende Verse

zukommen ließ:

Der Bekannten, Unerkannten.

Dich säh ich lieber selbst,

Doch könnt ich nur verlieren,

Wer dürfte dann dein Auge so fixieren.

Am 16. Januar 1832.

Goethe.

"Auf dringende Bitten meiner Schwester und liebsten Freundin Pauline,

welche Nonne im Kloster _Notre dame des oiseaux_ in Paris war, schenkte

ich das Manuskript dieser Verse, vielleicht die letzten von Goethes

Hand, der Bibliothek dieses Pariser Klosters. Der damalige Bibliothekar

war ein sehr gelehrter Abbé, der in Göttingen studiert hatte und

deutsche Literatur, Goethe besonders, kannte und liebte.

"Ein anderes Blatt, das Goethe mir einmal für die Autographensammlung

eines Freundes, der aber inzwischen plötzlich gestorben war, geschenkt

hat, enthält folgenden Vers:

Nun der Fluß die Pfade bricht,

Wir zum Nachen schreiten,

Leuchte, liebes Himmelslicht,

Uns zur andern Seiten.

Im Schatten der Titanen: Erinnerungen an Baronin Jenny von Gustedt · 第 31 / 80 题