Goethe

Im November 1826 kam ich nach Weimar zurück; schüchtern, mit

hochklopfendem Herzen erschien ich vor Goethe, der meine Mutter und mich

im Aldobrandinizimmer mit großer Freundlichkeit empfing. Ich sehe ihn

vor mir, nicht allzu groß und doch größer erscheinend als andere, mit

jener Jupiterstirn, die ich am vollendetsten in der von Bettina

gezeichneten Statue wiederfinde, die unser Museum schmückt, während

seine Augen durch Stieler am besten wiedergegeben sind. Auch mich sehe

ich noch im rosa Kleid und grünen Spenzer, unter einem großen, runden

Hut heiß errötend bei seinem kräftigen Händedruck. Ich brachte keinen

Ton über die Lippen, obgleich er mich, wie er es gern bei jungen Mädchen

tat, mit 'Frauenzimmerchen' und 'mein schönes Kind' ermutigte; erst als

er lächelnd sagte: 'Die Augen werden viel Unheil anrichten,' ermannte

ich mich zu der verwunderten Frage: 'Warum denn gerade Unheil?' Dann

verging ein Jahr, wo ich Goethe nur bei seinen Abendgesellschaften und

zu seiner Geburtstagsfeier sah; er hat mir jungem Ding aber immer so

imponiert, daß ich vor ihm eigentlich nie ich selbst war, sondern eine

Seele, die mit auf der Brust gekreuzten Armen zu ihm emporsah. Ich hielt

den Atem an, wenn ich ihn sprechen hörte, und glaubte vergehen zu müssen

vor Scham, als er meine Mutter einmal frug: 'Was treibt denn eigentlich

die schöne Kleine?' Meine Nichtigkeit drückte mich von da an so sehr,

daß ich manche Stunde der Nacht wachend zubrachte, alle Bücher, deren

ich habhaft werden konnte, um mich herum.

"Nach der Geburt von Alma, Goethes reizender Enkelin, die meine

lebendige, sehr geliebte Puppe war, wurden meine Beziehungen zu Goethes

Haus und Familie sehr innige. Täglich stieg ich nun zu Ottilie hinauf,

ich lernte die kleine Alma wickeln, ihr Milch im Schnabeltäßchen geben,

bekümmerte mich zu Anfang wenig um die Mutter, und wenn die Kinderfrau

beschäftigt war, hieß es: Fräulein von Pappenheim ist ja da und hat das

Kind. Einst, an einem Sonntag, kam ich aus der Kirche, Ottilie war nicht

in ihrer Stube, ich hatte mein Püppchen und spielte mit ihm. Plötzlich

trat ein junger Mann herein, sah uns betroffen an, wirbelte seltsam im

Zimmer umher, so daß ich ganz ängstlich wurde. Als Ottilie auf mein

Rufen erschien, entpuppte er sich als junger Engländer, Namens

Thistelswaite, der an Goethe empfohlen war und den er heraufgeschickt

hatte. Goethe frug nach ihm, und Ottilie erzählte von seinem auffälligen

Benehmen, worauf Goethe lächelnd sagte: 'Wer so schöne Freundinnen hat,

muß für Schleier sorgen,' eine Äußerung, die mich mehr beglückte als

alle Schmeicheleien, die ich je gehört hatte.

"Walter und Wolf Goethe liebte ich bald mit einem ebenso mütterlichen

Gefühl wie ihre Schwester, und daraus entwickelte sich nach und nach die

Freundschaft mit der Mutter. Ihr edler, poetischer Geist, ihre

liebenswürdige Gabe, aus jedem Menschen das Beste und Klügste, was in

ihm lag, heraufzubeschwören, das Neidlose, Klatschlose, geistig

Anregende im Verkehr mit ihr übten einen unwiderstehlichen Zauber auf

mich aus; der Weg nach den Dachstuben zu dem 'verrückten Engel', wie sie

meine Tante Egloffstein, zu der 'Frau aus einem anderen Stern', wie sie

ihre Freundin, die Schriftstellerin Anna Jameson, nannte, wurde nur zu

gern von mir zurückgelegt. So kam ich häufig an Goethes Tür vorüber;

kehrte ich ein, so war es in seinem Eß- und Empfangszimmer oder in

seinen Gärten, wo ich ihn traf. Er selbst führte damals schon körperlich

das regelmäßige Greisenleben, was ihn sicher so lange geistig frisch

erhalten hat. Der einfache Wagen Karl Augusts hielt etwa zweimal in der

Woche vor Goethes Haus, während die wunderbaren Freunde oben zusammen

waren. Der 28. August 1827 versammelte zum letztenmal eine Schar

Gratulanten in Goethes Zimmern. Später unterblieb auf seinen Wunsch der

große angreifende Empfang. Damals überbrachte König Ludwig von Bayern

dem Dichter seinen Orden. Es war ein bewegter Augenblick, doch die Menge

der Fürsten auf weltlichem und geistigem Gebiet beachtete ich wenig

neben dem wunderbaren Glanz der Goetheaugen. Das Jahr darauf schickte

König Ludwig einen antiken Torso als Geburtstagsgeschenk an Goethe,

wovon sein Friseur Kirchner, welcher täglich die Frisur auf dem

Jupiterhaupte herstellte, meiner Mutter erzählte: es wär' ein Mann ohn'

Kopf und Arm', die würden aber wohl nachkommen.

"Zu einem späteren 28. August -- seinem letzten Geburtstag -- schickte

ich ein Paar Pantoffeln; da ich aber nie eine Künstlerin, ja nicht

einmal eine Verehrerin von sogenannten Damenhandarbeiten war, schämte

ich mich meiner unvollkommenen Gabe und schrieb, da ich nicht wagte, sie

selbst zu bringen, folgende Verse dazu:

Nur ganz bescheiden nah ich heute mich,

Wo so viel schönre Gaben dich umringen;

Doch, Herr, Bedeutung hab auch ich,

Denn Liebe und Verehrung soll ich bringen;

Drum, wenn auch Höhre, Meister, dich begrüßen,

Mir gönne nur den Platz zu deinen Füßen.

'Zwar kann ich Engeln nicht Befehle geben,

Daß seine Schritte sie mit Liebe führen,

Doch will ich weich mit Seide euch durchweben,

Daß ihn kein Steinchen möge hart berühren;'

So sprach die Herrin, und so laß mich schließen

Und gönn auch ihr den Platz zu deinen Füßen.

"Es war etwa elf Uhr vormittags, als Friedrich, Goethes wohlbekannter

Diener, mir auf meiner Eltern Treppe begegnete, um der Freudestrahlenden

des Dichters Dank zu bringen. Auf rosa gerändertem, großem Bogen las ich

folgende Antwort:[66]

Dem heil'gen Vater pflegt man, wie wir wissen,

Des Fußes Hülle, fromm gebeugt, zu küssen;

Doch! wem begegnet's, hier, im langen Leben,

Dem eignen Fußwerk Kuß um Kuß zu geben?

Er denkt gewiß an jene liebe Hand,

Die Stich um Stich an diesen Schmuck verwandt.

Im Schatten der Titanen: Erinnerungen an Baronin Jenny von Gustedt · 第 30 / 80 题