Joh. Wolfgang v. Goethe.[69]

"Die Geselligkeit in Goethes Haus war ein vielfaches Kommen und Gehen;

wenn es ihm lästig wurde, gab er oft auf Wochen den Befehl, keine

Fremden mehr zu melden, und der Fall ist vorgekommen, daß Amerikaner ihn

nicht anders sehen konnten, als wenn er im langen Rock oder grauen

Mantel zur Spazierfahrt vor der Haustür in den Fensterwagen stieg. Der

beste und liebenswürdigste Blitzableiter war Ottilie, der er namentlich

die an ihn empfohlenen Engländer zuschickte, die den Weg in die

einfachen, aber geistig durchleuchteten Dachstuben häufig fanden. Hatten

sich die Visitenkarten sehr angehäuft, so vermochte sie ihn zu einer

Abendgesellschaft, wo er sich vorher sehr nach den Herzensangelegenheiten

seiner Gäste erkundigte und ihr die eigentlich überflüssige Empfehlung

machte: daß ihm (oder ihr) sein Glück begegne. Da sah man denn hoch, groß,

etwas steif den Dichterfürsten die Gäste empfangen. Das Aldobrandinizimmer

barg den Kreis der Mütter und Tanten und, da Goethe bei solchen

Zwangsgelegenheiten selbst wenig sprach, oft eine große Portion

Langerweile; das Urbinozimmer daneben wußte davon nichts, da war für 'die

Begegnungen des Glücks' gesorgt. Waren diese Gesellschaften durch besondere

Größen der Kunst und Wissenschaft, Humboldt, Rückert, Zelter, Rauch, Felix

Mendelssohn, veranlaßt, so hatten sie einen anderen Charakter und auch für

Goethe ein anregendes Interesse.

"Er lud gern zu Tisch ein, wo sein Sohn, Ottilie, Ulrike, die Enkel und

der Hauslehrer die Tischgäste waren. Man aß nach damaliger Zeit gut,

nach jetziger Zeit einfach; erst in den letzten Jahren hatte er einen

Koch, vorher Haushälterinnen, mit denen er die Wirtschaft führte ohne

Ottiliens Hilfe. Er hatte kein Vertrauen in ihre wirtschaftlichen

Talente und sagte wohl scherzend: 'Ich hatte mir so eine kochverständige

Tochter gewünscht, und nun schickt mir der liebe Gott eine Thekla und

Jungfrau von Orleans ins Haus.' -- Die Unterhaltung war bei diesen

kleinen Anlässen stets sehr animiert. Sie drehte sich immer um

Gegenstände der Kunst und Wissenschaft. Seine Augen schleuderten Blitze,

sobald irgendeine Klatscherei zum Vorschein kam. Bei einer solchen

Gelegenheit wurde er einmal sehr derb, er rief mit dröhnender Stimme:

'Euren Schmutz kehrt bei euch zusammen, aber bringt ihn nicht mir ins

Haus.'

"Eines sehr belebten Mittagsmahles weiß ich mich zu entsinnen, das zu

Ehren der Polen Mickiewicz und Odyniec stattfand, beide äußerst

liebenswürdige, geistreiche Menschen, besonders ersterer ein echtes Kind

seiner Heimat: himmelhochjauchzend, zu Tode betrübt.

"Zu Ehren von Tiecks -- Vater, Mutter und zwei Töchter -- waren auch

einmal oben bei Ottilie und unten bei Goethe Feste arrangiert worden.

Goethe sah die Familie zuerst bei sich zu Tisch; ich war zwar nicht

gewünscht, erlaubte mir aber, mit dem Vorrecht der Jugend, nachher in

das Allerheiligste einzudringen, um Tiecks zu Ottilie zu geleiten,

während der alte Herr andere Gäste empfing. Es kam auf Walter Scott die

Rede, welchen er sehr schätzte, was meinem englisch empfindenden Herzen

wohl tat, nur wagte ich die Einwendung, daß _'The fair maid of Perth'_

nicht immer allzu unterhaltend sei, worauf mir ein strafender

Seitenblick und ein 'Die Kinder wollen eben immer noch bunte

Bilderbücher' zuteil wurde.

"Einige Tage später war Tee bei Ottilie. Man stand umher, sprach mit

gedämpfter Stimme, sah sich bei jedem Geräusch erschrocken nach der Tür

um, als ob eine Geistererscheinung erwartet würde, aber sie kam nicht.

Ottilie sollte sie heraufbeschwören, doch die irdischen wie die

himmlischen Geister sind eigensinnig.

"Man wurde unruhig, Tieck wechselte die Farbe, biß sich auf die Lippen,

immer häufiger flogen die unsichtbaren Engel durchs Zimmer. Ich wandte

mich an Eckermännchen, der still in einer Ecke stand und eben sein

unvermeidliches Notizbuch einsteckte. 'Er will nicht,' sagte er; da nahm

ich meinen Mut zusammen und ging hinunter. Die ersten Stufen lief ich,

die letzten schlich ich nur langsam, denn ich fürchtete mich doch etwas

und wäre fast schon umgekehrt, wenn ich mich nicht vor Friedrich

geschämt hätte. Er wollte mich nicht melden; ich solle nur so

hineingehen, meinte er.

"Goethe stand am Schreibpult im langen offenen Hausrock, einen Haufen

alter Schriften vor sich; er bemerkte mich nicht, ich sagte schüchtern:

"'Guten Abend!'

"Er drehte den Kopf, sah mich groß an, räusperte sich -- das deutlichste

Zeichen unterdrückten Zorns. Ich hob bittend die Hände.

"'Was will das Frauenzimmerchen?' brummte er.

"'Wir warten auf den Herrn Geheimrat, und Tieck --'

"'Ach was,' polterte der alte Herr, 'glaubt Sie, kleines Mädchen, daß

ich zu jedem laufe, der wartet? Was würde dann aus dem da?' und damit

zeigte er auf die offenen Bogen; 'wenn ich tot bin, macht's keiner.

Sagen Sie das droben der Sippschaft. Guten Abend.'

"Ich zitterte beim Klang der immer mächtiger anschwellenden Stimme,

sagte leise 'Guten Abend', doch es mochte wohl sehr traurig geklungen

haben, denn Goethe rief mich zurück, sah mich freundlich an und sprach

mit ganz verändertem Tonfall:

"'Ein Greis, der noch arbeiten will, darf nicht jedem zu Gefallen seinen

Willen umstimmen; tut er's, so wird er der Nachwelt gar nicht gefallen.

Gehen Sie, Kind, Ihre frohe Jugend wird denen da oben besser behagen,

als heut abend mein nachdenkliches Alter.' -- --

"Unvergeßlich ist mir die liebste Erinnerung an Goethe: Ich war mit

Ottilie an einem schönen Frühlingstage zu Fuß nach Tiefurt gegangen;

lange hatten wir auf dem stillen friedlichen Platz neben dem Pavillon

gesessen; der Blick nach der mit alten schönen Bäumen bewachsenen Anhöhe

war wohltuend und regte zu vertraulichem Gespräche an. Der Vormittag war

verstrichen, und wir gingen durch den Park nach der oberen Chaussee;

dort hielt ein Wagen, Goethe stieg aus, umfaßte jede von uns mit einem

Arm und führte uns zurück nach der Ilm, lebhaft von Tiefurts Glanzzeit

und der Herzogin Amalia erzählend. An einem länglich viereckigen Platz,

von alten Bäumen umgeben, blieb er stehen, es war der Teeplatz der edlen

Fürstin; etwas weiter zeigte er uns die Stellen, für die er 'Die

Fischerin' geschrieben hatte und wo sie aufgeführt worden war. So weich

und mild sah ich ihn nie, der ganze Tag war so harmonisch -- langsam

stiegen wir den Berg hinauf, wo der Wagen hielt, und fuhren zusammen

nach Weimar zurück. Vor Goethes Haustür stand ein kleiner Knabe, der

Pfefferkuchen feilbot; Goethe nahm ein Herz, über dem zwei Täubchen

einträchtig saßen, schenkte es mir und lud mich noch zu Mittag ein, was

Friedrich rasch meinen Eltern kundtun mußte. Nach Tisch holte er seinen

Faust, an dessen zweitem Teil er noch arbeitete und aus dem er Ottilie

oft vorlas. Jetzt durfte ich ihm lauschen, ich hätte es ewig tun mögen,

nie den 'Platz zu seinen Füßen' zu verlassen brauchen. Es dämmerte, als

ich gehen mußte. Die Hand, die er mir reichte, zog ich dankbar und

ehrfurchtsvoll an die Lippen. Er sah wohl, welch einen Eindruck ich mit

mir nahm, und sagte noch, als ich mit Ottilien an der Tür stand: 'Ja,

ja, Kind, da habe ich viel hineingeheimnißt.'

"Mit Julie Egloffstein, Adele Schopenhauer und anderen kam ich oft zu

ihm, aber keine Erinnerung war mir lieber als jene. Das

Pfefferkuchenherz behielt ich, bis es in Staub zerfiel, die Erinnerung

wird niemals zerfallen.

"Anmutig war eine Stunde in Goethes Hausgarten, wo ich mit Ottilie einem

Menschenschädel, den wir am Zaun gefunden hatten, würdigere Ruhe unter

einem Baum bereitete. Goethe hatte uns von seinem Arbeitszimmer im

sonnigen Garten gesehen, kam herunter und sagte: 'Ihr Frauenzimmerchen

verklärt auch noch den Tod.' Wir hofften den Gedanken gedichtet zu

bekommen, aber es blieb bei der schönen Prosa.

"Ein andermal überfielen wir, eine Schar übermütiger Mädchen, den

Dichter zur Abendzeit in seinem Gartenhaus. Wir kamen von Tiefurt und

brachten ihm eine Menge Frühlingsblumen. Dabei hatte eine von uns das

Unglück, den Gipsabguß einer Venus umzustoßen. Wir wurden blaß vor

Schreck, einen Zornausbruch erwartend; die Sünderin selbst brach in

Tränen aus. Ein sonniges Leuchten flog jedoch über seine Züge, er drohte

mit dem Finger und meinte: 'Ei, ei, wer wird um die tote weinen, wo

Venus so viel lebende Vertreterinnen hat.'

"Oft sah ich ihn zwischen seiner Malvenallee im Parkgarten auf und

nieder gehen; er mochte wohl an seine Farbenlehre denken, da ihn die

vielfarbigen besonders erfreuten. -- Vielfache kleine, durch ihn groß

werdende Erinnerungen tauchen aus meiner Jugend bei mir auf, es fehlt

aber für andere der Rahmen des damaligen äußerlich sehr einfachen, in

Herz und Geist sehr geschmückten weimarischen Lebens. Es war nicht ganz

ohne Zopf, nicht ganz ohne Sünde, auch reich an Leiden und Kämpfen, um

so mehr, als zu den wirklichen noch viele gemachte und eingebildete

kamen, die sich dadurch verwickelten, daß man der Liebe eine

Berechtigung auch auf Kosten der Pflichten einräumte, doch dieser

Allerweltsstoff wurde in Weimar aus der Gemeinheit herausgehoben, mit

edlen Waffen bekämpft, poetisch verwendet. Unser Leben blieb reiner und

harmonischer als das Leben der jungen Generation. Man hatte Zeit

füreinander und für sich selbst, das Hasten und Jagen unserer Zeit war

uns unbekannt, das Leben nach innen hin tiefer und reicher, so arm es

nach außen erscheinen mochte. Und doch fiel auch meine Jugend schon in

den Abend dieses geistigen Lebens -- eine schöne Mondscheinnacht mit

mildem, hohem, die Landschaft verklärendem Licht!

"Schiller, Herder, Wieland waren längst tot. Frau von Schiller und ihre

Schwester, Frau von Wolzogen, kannte ich nur als alte Damen. Erstere

ging regelmäßig im Park spazieren, den Mops an der Leine, und hatte

wenig mehr von dem, womit sie als Schillers reizendes Weibchen oft

erwähnt worden war. Ihre Tochter Emilie, spätere Frau von

Gleichen-Rußwurm, wurde mit uns Kindern zu den Prinzessinnen eingeladen,

war aber viel älter als wir alle und der Gegenstand meiner stillen

Huldigung. Die Romane 'Gabriele' von Johanna Schopenhauer, 'Agnes von

Lilien' von Frau von Wolzogen, 'Römhilds Stift' von Frau von Ahlefeldt,

welche diese Damen bekannt gemacht hatten, wurden noch gelesen, die

Autorinnen selbst waren noch geistesfrisch, aber doch auf Ausleben

vorbereitet. Von Wielands Nachkommen kannte ich die kleine Enkelin Lina

Wieland, die im Hause des Großvaters, unserer Wohnung gegenüber, wohnte,

und Fräulein Stichling, deren Vater in zweiter Ehe die Tochter Herders

heiratete, eine geistig und praktisch gebildete, still und sinnig ihrer

Familie lebende Hausfrau. Auch Charlotte von Stein sah ich öfters, da

ich mit ihrer Enkelin und treuen Pflegerin befreundet war. Ich wurde zum

Tee zu ihr gebeten; dann saß sie alt, schweigsam, freundlich hinter

einem grünen Lampenschirm, irgendein Werk Goethes vor sich.

"Noch weiter zurück in den Erinnerungen und in den Kreisen, die Goethe

und Karl August mit übersprudelndem Geist und Herzen belebt hatten,

führen mir die Gedanken einige Persönlichkeiten aus der Zeit der

Herzogin Amalie vor. Da schreitet Einsiedel, alt, gebeugt, müde, sich

schwer auf den Stock mit dem goldenen Knopf stützend, an mir vorüber. Er

geht, die hohen Treppen eines Hauses am Ende des heutigen Karlsplatzes

nicht scheuend, täglich um zwei Uhr zu der ebenso alten, ebenso müden

Adelaide von Waldner. Beide waren am Hofe Anna Amalias jung gewesen; die

große, tiefe Liebe, die sie verbunden hatte, konnte nicht zur Ehe

führen, wohl aber zu lebenslänglicher, reiner Freundschaft. Das

Zusammensein der Greise störte niemand, bis ihm selbst die Kräfte

versagten. Er starb vor ihr, und als sie ihr Ende nahen fühlte, bat sie

meine Mutter, ihre Verwandte und Freundin, ein Päckchen vergilbter

Briefe, das sich in einem geheimen Schubfach fand, zu verbrennen. Es war

die Korrespondenz mit Einsiedel, während er sich in Italien befunden

hatte. Ein paar halb zerfallene Blumen nahm sie mit sich ins Grab. --

Frisch und jugendlich hatte sich ihr Zeitgenosse Knebel erhalten. Wenn

ich nach Jena kam, wo mein Onkel Ziegesar Präsident und Kurator war,

besuchte ich ihn zuweilen. Er ging nicht mehr aus, erfreute sich an

seinem Garten, an der Aussicht in die Berge und lebte immer in einem

stillen, drolligen Kampf mit seiner viel jüngeren Frau, deren

Lebhaftigkeit mit seiner Ruhe sehr kontrastierte. Sie hatte den Turban

aus der Zeit und Mode der Frau von Staël beibehalten, und es amüsierte

mich sehr, wenn er bei jeder ihrer schnellen Bewegungen hin und her

schwankte.

"Zwei eigentümliche Erscheinungen aus meiner Kinderzeit waren Herr und

Frau von Schardt, die neben uns wohnten und meinem Bruder und mir sehr

freundlich waren. Sie war innig befreundet mit Zacharias Werner, der das

'Kreuz an der Ostsee' geschrieben hatte. Dieses ganz geistige Verhältnis

bekundete sich doch auch in kleinen Liebesgaben. Sie stickte einst eine

damals sehr beliebte seidene Weste mit der ausgesprochenen Absicht:

'Wenn sie hübsch wird, bekommt sie Werner, wenn sie nicht hübsch wird,

bekommt sie der gute Schardt.'

"Selten nur sah ich Frau von Heygendorf und dann meistens auf

irgendeinem ihrer Armenwege. Sie war unendlich wohltätig, sanft und gut,

so daß ich sie niemals häßlicher Intrigen für fähig gehalten habe. Die

Liebe zu Karl August war eine sie so vollständig erfüllende, daß man bei

seinem Tode für ihren Verstand fürchtete. Das Theater, dessen Zierde sie

gewesen war, besuchte sie nicht einmal mehr. Auch Goethe ging nur selten

hinein, blieb dann gern unbemerkt im Hintergrunde, und nur bei der

ersten Aufführung des ersten Teils vom Faust sah man ihn einen

Augenblick sich vorbeugen. Ein Flüstern 'Goethe ist auch da' verkündete

seine Anwesenheit und erhöhte unsere Andacht.

"Auch die Großherzogin Luise lebte immer zurückgezogener. Sie liebte die

großen Feste nicht mehr und war bei kleinen Empfängen stiller denn je;

um so wertvoller war mir ein Kuß, ein freundliches Lächeln, da sie wenig

sprach. Unserem jugendlich übermütigen Leben und Treiben stand sie fremd

und vielfach mißbilligend gegenüber, war sie doch selbst niemals so

recht von Herzen jung gewesen. So hatte sie sich auch früher nie von dem

genialischen Treiben in der Musenstadt hinreißen lassen; aber es ist

durchaus falsch, wenn man daraus beweisen will, daß sie überhaupt kein

Verständnis dafür hatte. Sie sah es nur nicht, wie so manches unechte

Genie, als notwendigen Beweis geistiger Größe an. Sie bewunderte, sie

verstand Goethe wie wenige, aber nicht den Menschen, sondern den

Dichter, den Gelehrten; sie fühlte sich dem Geiste ihres Gemahls aufs

innigste verbunden, ihre unendliche Liebe hatte für seine Schwächen

immer wieder Vergebung, aber kein Vergessen und kein Verstehen. Sie war,

so schien es, schon auf einer höheren seelischen Stufe geboren, zu der

sich andere erst mühsam emporarbeiten müssen. Selbst ihr Schmerz hatte

etwas Heiliges an sich. Als Karl August gestorben war, verschloß sie

sich lange vor jedem Blick. Niemand sah ihr furchtbares Leid, denn als

sie vor uns erschien, war sie ruhig und gefaßt und dachte sofort daran,

andere zu trösten, Goethe vor allem, der aber schon abgereist war. Sie

soll ihm, wie Julie Egloffstein mir sagte, einen langen Brief

geschrieben haben, den aber niemand zu sehen bekam. Gleich nach

Goethes Heimkehr ging sie allein zu ihm. Kurz nachher traf ihn

Ottilie im Lehnstuhl sitzend, während er immer vor sich hin murmelte:

'Welch eine Frau, welch eine Frau.' Zu Julie Egloffstein sagte die

Großherzoginmutter: 'Goethe und ich verstehen uns nun vollkommen, nur

daß er noch den Mut hat, zu leben, und ich nicht.'

"Sie schien auch keine Lebenskraft mehr zu haben und zeigte sich nur

noch im engsten Familienkreise. Nicht lange darauf, am 14. Februar 1830,

folgte sie dem geliebten Gatten zur ewigen Ruhe. Es ist sehr

schmerzlich, daß wir immer erst nach dem Verlust voll empfinden, was wir

besessen haben. So auch hier; wir alle, das Land, das Volk fühlten uns

verwaist. Goethes Sohn war so ergriffen, wie ich ihn nie vorher gesehen

hatte, und Goethe sagte mit trübem Blick: 'Ich komme mir selber mythisch

vor, da ich so allein übrig bleibe.'

"Noch Schwereres stand dem Greise bevor, als der Heimgang der liebsten

Freunde und der Lebensgefährtin für ihn gewesen war: die ewige Trennung

von dem einzigen Sohn, der in seinen sorgenden Gedanken und in seinem

Herzen einen so großen Platz einnahm. Sein Tod wirkte furchtbar auf den

Vater, denn ob er auch bei jedem Schmerz Stille, Arbeit, Einsamkeit als

letzte Heilmittel suchte und seinen äußeren Ausbruch so sehr

unterdrückte, daß man ihn neuerdings oft deshalb herzlos schilt, er

empfand so tief wie wenige, darum litt er auch körperlich so sehr

darunter. Nur beim Tode seiner Frau, so erzählte mir Huschke, war er

weinend vor ihrem Bett in die Knie gesunken mit dem Ausruf: 'Du sollst,

du kannst mich nicht verlassen!' Als die Trauerglocken den Einzug des

toten Karl August uns allen wehmutsvoll in die Seele läuteten, war er

still verschwunden. Den Kanzler Müller, der den Auftrag hatte, ihm des

Sohnes Tod mitzuteilen, ließ er nicht zu Worte kommen, er sah ihn nur

groß an und ging hinaus. Daß er die Kunde erraten hatte, wurde klar, als

Ottilie den nächsten Morgen in Trauerkleidern bei ihm eintrat und er ihr

die Hände mit den Worten entgegenstreckte: 'Nun wollen wir recht

zusammenhalten.' Dann versuchte er zu arbeiten, verschloß sich vor jedem

Besuch, wollte schließlich verreisen; ein Blutsturz warf ihn aufs

Krankenlager und zeigte nur zu deutlich, wie entsetzlich er litt. Bei

allen geistig bedeutenden Menschen scheint Geist und Körper besonders

innig zusammengewachsen zu sein, das ist 'der Pfahl im Fleisch', die

Bürde, die große, dem Überirdischen näher als dem Irdischen stehende

Naturen zur Erde zurückzieht. Zu solchen gehörte Goethe, nicht nur als

Dichter, sondern auch als Mensch.

"Wenn er nichts geschrieben hätte, würde er doch in die erste Reihe der

größten Menschen gehören. Er war gut, neidlos, einfach, half und

förderte gern, keine Hochschätzung der Welt hat ihn eitel, keine ihrer

Huldigungen hat ihn anmaßend gemacht. Was vielen als Egoismus erschien,

das Wegräumen äußerer Hindernisse auf dem Wege zu seinen Zielen, hat

diese Ziele möglich gemacht. Er gab seinem Volke eine Sprache, den

deutschen Geistern einen Mittelpunkt, er weckte schlummernde Kräfte,

Gedanken, Gefühle und Bestrebungen in einem Maße, welches sich besonders

darin dokumentiert, daß nach einem Jahrhundert seines Wandelns und

Wirkens kaum ein deutsches Werk erscheint ohne Motto aus Goethes

Schriften und ohne Zitate zur Bekräftigung ausgesprochener Ansichten. So

reich und voll er das geistige Leben erfaßte und beherrschte, so

bedürfnislos war er im äußeren Leben. In seinen unansehnlichen

Wohnstuben leuchteten und lebten mit ihm, durch ihn und in ihm große und

gute Geister, in seiner unansehnlichen Equipage, in seinen

unansehnlichen grauen Mantel gehüllt, spendete er Gedanken,

Lebensweisheit, menschenfreundliche Gesinnungen; in seinen einfachen

Gärten war keine Blume für ihn ohne Genuß, kein Licht- und Farbeneffekt

ohne Beachtung, keine Naturerscheinung ohne Gedankenanregung.

"Wie großartig waren die letzten Stunden seines Lebens, ruhig, mild, mit

klarem Geist, noch empfänglich für anmutige Kunstleistung. Ein Maler

hatte ihm das Bild[70] der schönen Gräfin Vaudreuil geschickt, er

betrachtete es aufmerksam: 'Wie gut ist es doch, wenn der Künstler nicht

verdirbt, was Gott so schön gemacht hat.' Noch in den letzten Stunden

stand er hoch aufgerichtet in der Tür seiner Stube, so daß er

ungewöhnlich groß erschien. Das bekannte Wort 'Mehr Licht' (?) mag er

wohl gesagt haben, klar und deutlich aber sprach er seine letzten Worte:

'Nun kommt die Wandlung zu höheren Wandlungen.' Er starb kampflos,

sagten die Anwesenden, nur Ottilie warf sich mir gleich darauf

schluchzend in die Arme: 'Und das nennen die Leute leicht sterben!'

Bekannte und Verwandte wollen nach seinem Tode eine unerklärliche

Trauermusik gehört haben, als ob die Noten im Musikschrank lebendig

geworden wären. Gräfin Vaudreuil versicherte mir, daß es so gewesen sei,

auch Ulrike von Pogwisch sprach davon; ich selbst war so betäubt an dem

Tage, daß ich keine Rechenschaft zu geben vermag, was Wahrheit, was

Phantasie gewesen ist. Ebenso ging es mir bei dem Mittagsspuk im

Parkgarten, den August und Ottilie, Walter und Wolf Goethe empfunden

hatten und der nach Goethes Tod besonders auffällig gewesen sein soll.

Ich war lange dort und empfand nichts von der mir betriebenen

unheimlichen Stille, die ein entsetzliches Angstgefühl verursachen

sollte. Goethe selbst war es, der mir bei einem Besuch im Gartenhaus den

Ursprung des Spukes folgendermaßen erzählte: 'Ich habe eine unsichtbare

Bedienung, die den Vorplatz immer rein gefegt hält. Es war wohl Traum,

aber ganz wie Wirklichkeit, daß ich einst in meiner oberen Schlafstube,

deren Tür nach der Treppe zu auf war, in der ersten Tagesfrühe eine alte

Frau sah, die ein junges Mädchen unterstützte. Sie wandte sich zu mir

und sagte: 'Seit fünfundzwanzig Jahren wohnen wir hier, mit der

Bedingung, vor Tagesanbruch fort zu sein; nun ist sie ohnmächtig, und

ich kann nicht gehen.' Als ich genauer hinsah, war sie verschwunden.'

"Etwas Unheimliches habe ich, wie gesagt, nach seinem Tode nicht

bemerkt, wenn nicht das Gefühl des Verlassenseins, das sich unser Aller

bemächtigte, unheimlich genannt werden kann. Täglich ging ich, wie

sonst, den gewohnten Weg zu Ottilien, aber leise und langsam nur schlich

ich die Stufen empor und schlüpfte wohl manchmal in die verlassenen

Räume, um mich auszuweinen.

"Meine letzte Erinnerung an Goethe war der ernste, mächtige, stille

Trauerzug, der ihn in weihevoller Stunde zu Karl Augusts Fürstengruft

geleitete.

* * * * *

"Als ich noch ein Kind war, ging ich allsonntäglich zur Kirche, faltete

allabendlich die Hände zum Gebet, jeden Morgen galt mein erster Gruß dem

lieben Heiland. Da sah ich Goethe, er streichelte mir das Haar, er

lächelte freundlich und schenkte mir ein Körbchen Erdbeeren, das er

gerade einem armen, zerlumpten Mädchen abgekauft hatte, für mehr Geld,

als es verlangte, wie ich deutlich bemerkte. Von nun an wurde jeder Tag

mir zum Fest, an dem ich ihm begegnete; ich sah ihn überall: im Park, im

Wald, auf der Straße, zu Haus, nur in der Kirche nicht.

"'Warum geht der Herr Geheimrat nicht in die Kirche?' frug ich.

"'Er ist kein Christ!'

"Ich erschrak tödlich. Wie konnte das sein? Wie konnte er lächeln, wie

konnten die Leute ihn grüßen, wie konnte er leben und war doch kein

Christ?

"Ich wuchs heran. Da hörte ich, daß einer armen, fleißigen Familie das

Haus abgebrannt war; ich ging hin, um ihr mit meinen schwachen Kräften

beizustehen, und fand sie glücklich und zufrieden in einem neuen Heim:

"Der Herr Geheimrat hat uns schon geholfen." -- Wie konnte er barmherzig

sein, wie konnte Segen auf seiner Gabe ruhen? Er war ja kein Christ!

"Und die Jahre vergingen. Ich machte die Bekanntschaft eines frommen

Mannes und freute mich dessen. Er gab mit vollen Händen, er sprach so

schön von Gott und Christentum; keine Kirche in seiner Gegend gab es,

die nicht von ihm unterstützt worden wäre, kein Sonntag verging, ohne

daß er vor dem Altar des Herrn gekniet hätte. Eines Tages aß ich bei

ihm, ein Diener zerbrach eine Schüssel, und sein Herr schlug ihn dafür.

Dann hörte ich von seinem Bruder sprechen; man sagte, er sei sehr arm.

'Er ist ein Ketzer und Gottesleugner und trägt gerechte Strafe,' sagte

mein Wirt. Ich erschrak, denn er war ja ein Christ!

"Ich wurde ein Weib, ich sah das Elend in der Welt, die bitterste Armut

in den Hütten, und Kirchen von Gold strotzend, und Priester in Seide und

Spitzen -- da dachte ich an ein schlichtes Zimmer mit niedrigen Fenstern

und hölzernen Stühlen, an einen Mann darin im langen, grauen Rock mit

einer milden Hand, leuchtenden Augen, herrlichen Gedanken -- war er

nicht doch ein Christ?!

"Nun bin ich alt. Ich erschrecke nicht mehr, wenn ein geliebter Mensch

die Kirche meidet, aber ich bin verzweifelt, wenn er an den Hütten der

Armut vorübergeht. Ich bewundere nicht mehr den frommen Mann, dessen

Name in allen Kirchenkollekten zu finden ist, aber ich verachte den, der

es versäumt hat, ihn in die Herzen der Menschen zu schreiben."

Im Schatten der Titanen: Erinnerungen an Baronin Jenny von Gustedt · 第 32 / 80 题