"Die Geselligkeit in Goethes Haus war ein vielfaches Kommen und Gehen;
wenn es ihm lästig wurde, gab er oft auf Wochen den Befehl, keine
Fremden mehr zu melden, und der Fall ist vorgekommen, daß Amerikaner ihn
nicht anders sehen konnten, als wenn er im langen Rock oder grauen
Mantel zur Spazierfahrt vor der Haustür in den Fensterwagen stieg. Der
beste und liebenswürdigste Blitzableiter war Ottilie, der er namentlich
die an ihn empfohlenen Engländer zuschickte, die den Weg in die
einfachen, aber geistig durchleuchteten Dachstuben häufig fanden. Hatten
sich die Visitenkarten sehr angehäuft, so vermochte sie ihn zu einer
Abendgesellschaft, wo er sich vorher sehr nach den Herzensangelegenheiten
seiner Gäste erkundigte und ihr die eigentlich überflüssige Empfehlung
machte: daß ihm (oder ihr) sein Glück begegne. Da sah man denn hoch, groß,
etwas steif den Dichterfürsten die Gäste empfangen. Das Aldobrandinizimmer
barg den Kreis der Mütter und Tanten und, da Goethe bei solchen
Zwangsgelegenheiten selbst wenig sprach, oft eine große Portion
Langerweile; das Urbinozimmer daneben wußte davon nichts, da war für 'die
Begegnungen des Glücks' gesorgt. Waren diese Gesellschaften durch besondere
Größen der Kunst und Wissenschaft, Humboldt, Rückert, Zelter, Rauch, Felix
Mendelssohn, veranlaßt, so hatten sie einen anderen Charakter und auch für
Goethe ein anregendes Interesse.
"Er lud gern zu Tisch ein, wo sein Sohn, Ottilie, Ulrike, die Enkel und
der Hauslehrer die Tischgäste waren. Man aß nach damaliger Zeit gut,
nach jetziger Zeit einfach; erst in den letzten Jahren hatte er einen
Koch, vorher Haushälterinnen, mit denen er die Wirtschaft führte ohne
Ottiliens Hilfe. Er hatte kein Vertrauen in ihre wirtschaftlichen
Talente und sagte wohl scherzend: 'Ich hatte mir so eine kochverständige
Tochter gewünscht, und nun schickt mir der liebe Gott eine Thekla und
Jungfrau von Orleans ins Haus.' -- Die Unterhaltung war bei diesen
kleinen Anlässen stets sehr animiert. Sie drehte sich immer um
Gegenstände der Kunst und Wissenschaft. Seine Augen schleuderten Blitze,
sobald irgendeine Klatscherei zum Vorschein kam. Bei einer solchen
Gelegenheit wurde er einmal sehr derb, er rief mit dröhnender Stimme:
'Euren Schmutz kehrt bei euch zusammen, aber bringt ihn nicht mir ins
Haus.'
"Eines sehr belebten Mittagsmahles weiß ich mich zu entsinnen, das zu
Ehren der Polen Mickiewicz und Odyniec stattfand, beide äußerst
liebenswürdige, geistreiche Menschen, besonders ersterer ein echtes Kind
seiner Heimat: himmelhochjauchzend, zu Tode betrübt.
"Zu Ehren von Tiecks -- Vater, Mutter und zwei Töchter -- waren auch
einmal oben bei Ottilie und unten bei Goethe Feste arrangiert worden.
Goethe sah die Familie zuerst bei sich zu Tisch; ich war zwar nicht
gewünscht, erlaubte mir aber, mit dem Vorrecht der Jugend, nachher in
das Allerheiligste einzudringen, um Tiecks zu Ottilie zu geleiten,
während der alte Herr andere Gäste empfing. Es kam auf Walter Scott die
Rede, welchen er sehr schätzte, was meinem englisch empfindenden Herzen
wohl tat, nur wagte ich die Einwendung, daß _'The fair maid of Perth'_
nicht immer allzu unterhaltend sei, worauf mir ein strafender
Seitenblick und ein 'Die Kinder wollen eben immer noch bunte
Bilderbücher' zuteil wurde.
"Einige Tage später war Tee bei Ottilie. Man stand umher, sprach mit
gedämpfter Stimme, sah sich bei jedem Geräusch erschrocken nach der Tür
um, als ob eine Geistererscheinung erwartet würde, aber sie kam nicht.
Ottilie sollte sie heraufbeschwören, doch die irdischen wie die
himmlischen Geister sind eigensinnig.
"Man wurde unruhig, Tieck wechselte die Farbe, biß sich auf die Lippen,
immer häufiger flogen die unsichtbaren Engel durchs Zimmer. Ich wandte
mich an Eckermännchen, der still in einer Ecke stand und eben sein
unvermeidliches Notizbuch einsteckte. 'Er will nicht,' sagte er; da nahm
ich meinen Mut zusammen und ging hinunter. Die ersten Stufen lief ich,
die letzten schlich ich nur langsam, denn ich fürchtete mich doch etwas
und wäre fast schon umgekehrt, wenn ich mich nicht vor Friedrich
geschämt hätte. Er wollte mich nicht melden; ich solle nur so
hineingehen, meinte er.
"Goethe stand am Schreibpult im langen offenen Hausrock, einen Haufen
alter Schriften vor sich; er bemerkte mich nicht, ich sagte schüchtern:
"'Guten Abend!'
"Er drehte den Kopf, sah mich groß an, räusperte sich -- das deutlichste
Zeichen unterdrückten Zorns. Ich hob bittend die Hände.
"'Was will das Frauenzimmerchen?' brummte er.
"'Wir warten auf den Herrn Geheimrat, und Tieck --'
"'Ach was,' polterte der alte Herr, 'glaubt Sie, kleines Mädchen, daß
ich zu jedem laufe, der wartet? Was würde dann aus dem da?' und damit
zeigte er auf die offenen Bogen; 'wenn ich tot bin, macht's keiner.
Sagen Sie das droben der Sippschaft. Guten Abend.'
"Ich zitterte beim Klang der immer mächtiger anschwellenden Stimme,
sagte leise 'Guten Abend', doch es mochte wohl sehr traurig geklungen
haben, denn Goethe rief mich zurück, sah mich freundlich an und sprach
mit ganz verändertem Tonfall:
"'Ein Greis, der noch arbeiten will, darf nicht jedem zu Gefallen seinen
Willen umstimmen; tut er's, so wird er der Nachwelt gar nicht gefallen.
Gehen Sie, Kind, Ihre frohe Jugend wird denen da oben besser behagen,
als heut abend mein nachdenkliches Alter.' -- --
"Unvergeßlich ist mir die liebste Erinnerung an Goethe: Ich war mit
Ottilie an einem schönen Frühlingstage zu Fuß nach Tiefurt gegangen;
lange hatten wir auf dem stillen friedlichen Platz neben dem Pavillon
gesessen; der Blick nach der mit alten schönen Bäumen bewachsenen Anhöhe
war wohltuend und regte zu vertraulichem Gespräche an. Der Vormittag war
verstrichen, und wir gingen durch den Park nach der oberen Chaussee;
dort hielt ein Wagen, Goethe stieg aus, umfaßte jede von uns mit einem
Arm und führte uns zurück nach der Ilm, lebhaft von Tiefurts Glanzzeit
und der Herzogin Amalia erzählend. An einem länglich viereckigen Platz,
von alten Bäumen umgeben, blieb er stehen, es war der Teeplatz der edlen
Fürstin; etwas weiter zeigte er uns die Stellen, für die er 'Die
Fischerin' geschrieben hatte und wo sie aufgeführt worden war. So weich
und mild sah ich ihn nie, der ganze Tag war so harmonisch -- langsam
stiegen wir den Berg hinauf, wo der Wagen hielt, und fuhren zusammen
nach Weimar zurück. Vor Goethes Haustür stand ein kleiner Knabe, der
Pfefferkuchen feilbot; Goethe nahm ein Herz, über dem zwei Täubchen
einträchtig saßen, schenkte es mir und lud mich noch zu Mittag ein, was
Friedrich rasch meinen Eltern kundtun mußte. Nach Tisch holte er seinen
Faust, an dessen zweitem Teil er noch arbeitete und aus dem er Ottilie
oft vorlas. Jetzt durfte ich ihm lauschen, ich hätte es ewig tun mögen,
nie den 'Platz zu seinen Füßen' zu verlassen brauchen. Es dämmerte, als
ich gehen mußte. Die Hand, die er mir reichte, zog ich dankbar und
ehrfurchtsvoll an die Lippen. Er sah wohl, welch einen Eindruck ich mit
mir nahm, und sagte noch, als ich mit Ottilien an der Tür stand: 'Ja,
ja, Kind, da habe ich viel hineingeheimnißt.'
"Mit Julie Egloffstein, Adele Schopenhauer und anderen kam ich oft zu
ihm, aber keine Erinnerung war mir lieber als jene. Das
Pfefferkuchenherz behielt ich, bis es in Staub zerfiel, die Erinnerung
wird niemals zerfallen.
"Anmutig war eine Stunde in Goethes Hausgarten, wo ich mit Ottilie einem
Menschenschädel, den wir am Zaun gefunden hatten, würdigere Ruhe unter
einem Baum bereitete. Goethe hatte uns von seinem Arbeitszimmer im
sonnigen Garten gesehen, kam herunter und sagte: 'Ihr Frauenzimmerchen
verklärt auch noch den Tod.' Wir hofften den Gedanken gedichtet zu
bekommen, aber es blieb bei der schönen Prosa.
"Ein andermal überfielen wir, eine Schar übermütiger Mädchen, den
Dichter zur Abendzeit in seinem Gartenhaus. Wir kamen von Tiefurt und
brachten ihm eine Menge Frühlingsblumen. Dabei hatte eine von uns das
Unglück, den Gipsabguß einer Venus umzustoßen. Wir wurden blaß vor
Schreck, einen Zornausbruch erwartend; die Sünderin selbst brach in
Tränen aus. Ein sonniges Leuchten flog jedoch über seine Züge, er drohte
mit dem Finger und meinte: 'Ei, ei, wer wird um die tote weinen, wo
Venus so viel lebende Vertreterinnen hat.'
"Oft sah ich ihn zwischen seiner Malvenallee im Parkgarten auf und
nieder gehen; er mochte wohl an seine Farbenlehre denken, da ihn die
vielfarbigen besonders erfreuten. -- Vielfache kleine, durch ihn groß
werdende Erinnerungen tauchen aus meiner Jugend bei mir auf, es fehlt
aber für andere der Rahmen des damaligen äußerlich sehr einfachen, in
Herz und Geist sehr geschmückten weimarischen Lebens. Es war nicht ganz
ohne Zopf, nicht ganz ohne Sünde, auch reich an Leiden und Kämpfen, um
so mehr, als zu den wirklichen noch viele gemachte und eingebildete
kamen, die sich dadurch verwickelten, daß man der Liebe eine
Berechtigung auch auf Kosten der Pflichten einräumte, doch dieser
Allerweltsstoff wurde in Weimar aus der Gemeinheit herausgehoben, mit
edlen Waffen bekämpft, poetisch verwendet. Unser Leben blieb reiner und
harmonischer als das Leben der jungen Generation. Man hatte Zeit
füreinander und für sich selbst, das Hasten und Jagen unserer Zeit war
uns unbekannt, das Leben nach innen hin tiefer und reicher, so arm es
nach außen erscheinen mochte. Und doch fiel auch meine Jugend schon in
den Abend dieses geistigen Lebens -- eine schöne Mondscheinnacht mit
mildem, hohem, die Landschaft verklärendem Licht!
"Schiller, Herder, Wieland waren längst tot. Frau von Schiller und ihre
Schwester, Frau von Wolzogen, kannte ich nur als alte Damen. Erstere
ging regelmäßig im Park spazieren, den Mops an der Leine, und hatte
wenig mehr von dem, womit sie als Schillers reizendes Weibchen oft
erwähnt worden war. Ihre Tochter Emilie, spätere Frau von
Gleichen-Rußwurm, wurde mit uns Kindern zu den Prinzessinnen eingeladen,
war aber viel älter als wir alle und der Gegenstand meiner stillen
Huldigung. Die Romane 'Gabriele' von Johanna Schopenhauer, 'Agnes von
Lilien' von Frau von Wolzogen, 'Römhilds Stift' von Frau von Ahlefeldt,
welche diese Damen bekannt gemacht hatten, wurden noch gelesen, die
Autorinnen selbst waren noch geistesfrisch, aber doch auf Ausleben
vorbereitet. Von Wielands Nachkommen kannte ich die kleine Enkelin Lina
Wieland, die im Hause des Großvaters, unserer Wohnung gegenüber, wohnte,
und Fräulein Stichling, deren Vater in zweiter Ehe die Tochter Herders
heiratete, eine geistig und praktisch gebildete, still und sinnig ihrer
Familie lebende Hausfrau. Auch Charlotte von Stein sah ich öfters, da
ich mit ihrer Enkelin und treuen Pflegerin befreundet war. Ich wurde zum
Tee zu ihr gebeten; dann saß sie alt, schweigsam, freundlich hinter
einem grünen Lampenschirm, irgendein Werk Goethes vor sich.
"Noch weiter zurück in den Erinnerungen und in den Kreisen, die Goethe
und Karl August mit übersprudelndem Geist und Herzen belebt hatten,
führen mir die Gedanken einige Persönlichkeiten aus der Zeit der
Herzogin Amalie vor. Da schreitet Einsiedel, alt, gebeugt, müde, sich
schwer auf den Stock mit dem goldenen Knopf stützend, an mir vorüber. Er
geht, die hohen Treppen eines Hauses am Ende des heutigen Karlsplatzes
nicht scheuend, täglich um zwei Uhr zu der ebenso alten, ebenso müden
Adelaide von Waldner. Beide waren am Hofe Anna Amalias jung gewesen; die
große, tiefe Liebe, die sie verbunden hatte, konnte nicht zur Ehe
führen, wohl aber zu lebenslänglicher, reiner Freundschaft. Das
Zusammensein der Greise störte niemand, bis ihm selbst die Kräfte
versagten. Er starb vor ihr, und als sie ihr Ende nahen fühlte, bat sie
meine Mutter, ihre Verwandte und Freundin, ein Päckchen vergilbter
Briefe, das sich in einem geheimen Schubfach fand, zu verbrennen. Es war
die Korrespondenz mit Einsiedel, während er sich in Italien befunden
hatte. Ein paar halb zerfallene Blumen nahm sie mit sich ins Grab. --
Frisch und jugendlich hatte sich ihr Zeitgenosse Knebel erhalten. Wenn
ich nach Jena kam, wo mein Onkel Ziegesar Präsident und Kurator war,
besuchte ich ihn zuweilen. Er ging nicht mehr aus, erfreute sich an
seinem Garten, an der Aussicht in die Berge und lebte immer in einem
stillen, drolligen Kampf mit seiner viel jüngeren Frau, deren
Lebhaftigkeit mit seiner Ruhe sehr kontrastierte. Sie hatte den Turban
aus der Zeit und Mode der Frau von Staël beibehalten, und es amüsierte
mich sehr, wenn er bei jeder ihrer schnellen Bewegungen hin und her
schwankte.
"Zwei eigentümliche Erscheinungen aus meiner Kinderzeit waren Herr und
Frau von Schardt, die neben uns wohnten und meinem Bruder und mir sehr
freundlich waren. Sie war innig befreundet mit Zacharias Werner, der das
'Kreuz an der Ostsee' geschrieben hatte. Dieses ganz geistige Verhältnis
bekundete sich doch auch in kleinen Liebesgaben. Sie stickte einst eine
damals sehr beliebte seidene Weste mit der ausgesprochenen Absicht:
'Wenn sie hübsch wird, bekommt sie Werner, wenn sie nicht hübsch wird,
bekommt sie der gute Schardt.'
"Selten nur sah ich Frau von Heygendorf und dann meistens auf
irgendeinem ihrer Armenwege. Sie war unendlich wohltätig, sanft und gut,
so daß ich sie niemals häßlicher Intrigen für fähig gehalten habe. Die
Liebe zu Karl August war eine sie so vollständig erfüllende, daß man bei
seinem Tode für ihren Verstand fürchtete. Das Theater, dessen Zierde sie
gewesen war, besuchte sie nicht einmal mehr. Auch Goethe ging nur selten
hinein, blieb dann gern unbemerkt im Hintergrunde, und nur bei der
ersten Aufführung des ersten Teils vom Faust sah man ihn einen
Augenblick sich vorbeugen. Ein Flüstern 'Goethe ist auch da' verkündete
seine Anwesenheit und erhöhte unsere Andacht.
"Auch die Großherzogin Luise lebte immer zurückgezogener. Sie liebte die
großen Feste nicht mehr und war bei kleinen Empfängen stiller denn je;
um so wertvoller war mir ein Kuß, ein freundliches Lächeln, da sie wenig
sprach. Unserem jugendlich übermütigen Leben und Treiben stand sie fremd
und vielfach mißbilligend gegenüber, war sie doch selbst niemals so
recht von Herzen jung gewesen. So hatte sie sich auch früher nie von dem
genialischen Treiben in der Musenstadt hinreißen lassen; aber es ist
durchaus falsch, wenn man daraus beweisen will, daß sie überhaupt kein
Verständnis dafür hatte. Sie sah es nur nicht, wie so manches unechte
Genie, als notwendigen Beweis geistiger Größe an. Sie bewunderte, sie
verstand Goethe wie wenige, aber nicht den Menschen, sondern den
Dichter, den Gelehrten; sie fühlte sich dem Geiste ihres Gemahls aufs
innigste verbunden, ihre unendliche Liebe hatte für seine Schwächen
immer wieder Vergebung, aber kein Vergessen und kein Verstehen. Sie war,
so schien es, schon auf einer höheren seelischen Stufe geboren, zu der
sich andere erst mühsam emporarbeiten müssen. Selbst ihr Schmerz hatte
etwas Heiliges an sich. Als Karl August gestorben war, verschloß sie
sich lange vor jedem Blick. Niemand sah ihr furchtbares Leid, denn als
sie vor uns erschien, war sie ruhig und gefaßt und dachte sofort daran,
andere zu trösten, Goethe vor allem, der aber schon abgereist war. Sie
soll ihm, wie Julie Egloffstein mir sagte, einen langen Brief
geschrieben haben, den aber niemand zu sehen bekam. Gleich nach
Goethes Heimkehr ging sie allein zu ihm. Kurz nachher traf ihn
Ottilie im Lehnstuhl sitzend, während er immer vor sich hin murmelte:
'Welch eine Frau, welch eine Frau.' Zu Julie Egloffstein sagte die
Großherzoginmutter: 'Goethe und ich verstehen uns nun vollkommen, nur
daß er noch den Mut hat, zu leben, und ich nicht.'
"Sie schien auch keine Lebenskraft mehr zu haben und zeigte sich nur
noch im engsten Familienkreise. Nicht lange darauf, am 14. Februar 1830,
folgte sie dem geliebten Gatten zur ewigen Ruhe. Es ist sehr
schmerzlich, daß wir immer erst nach dem Verlust voll empfinden, was wir
besessen haben. So auch hier; wir alle, das Land, das Volk fühlten uns
verwaist. Goethes Sohn war so ergriffen, wie ich ihn nie vorher gesehen
hatte, und Goethe sagte mit trübem Blick: 'Ich komme mir selber mythisch
vor, da ich so allein übrig bleibe.'
"Noch Schwereres stand dem Greise bevor, als der Heimgang der liebsten
Freunde und der Lebensgefährtin für ihn gewesen war: die ewige Trennung
von dem einzigen Sohn, der in seinen sorgenden Gedanken und in seinem
Herzen einen so großen Platz einnahm. Sein Tod wirkte furchtbar auf den
Vater, denn ob er auch bei jedem Schmerz Stille, Arbeit, Einsamkeit als
letzte Heilmittel suchte und seinen äußeren Ausbruch so sehr
unterdrückte, daß man ihn neuerdings oft deshalb herzlos schilt, er
empfand so tief wie wenige, darum litt er auch körperlich so sehr
darunter. Nur beim Tode seiner Frau, so erzählte mir Huschke, war er
weinend vor ihrem Bett in die Knie gesunken mit dem Ausruf: 'Du sollst,
du kannst mich nicht verlassen!' Als die Trauerglocken den Einzug des
toten Karl August uns allen wehmutsvoll in die Seele läuteten, war er
still verschwunden. Den Kanzler Müller, der den Auftrag hatte, ihm des
Sohnes Tod mitzuteilen, ließ er nicht zu Worte kommen, er sah ihn nur
groß an und ging hinaus. Daß er die Kunde erraten hatte, wurde klar, als
Ottilie den nächsten Morgen in Trauerkleidern bei ihm eintrat und er ihr
die Hände mit den Worten entgegenstreckte: 'Nun wollen wir recht
zusammenhalten.' Dann versuchte er zu arbeiten, verschloß sich vor jedem
Besuch, wollte schließlich verreisen; ein Blutsturz warf ihn aufs
Krankenlager und zeigte nur zu deutlich, wie entsetzlich er litt. Bei
allen geistig bedeutenden Menschen scheint Geist und Körper besonders
innig zusammengewachsen zu sein, das ist 'der Pfahl im Fleisch', die
Bürde, die große, dem Überirdischen näher als dem Irdischen stehende
Naturen zur Erde zurückzieht. Zu solchen gehörte Goethe, nicht nur als
Dichter, sondern auch als Mensch.
"Wenn er nichts geschrieben hätte, würde er doch in die erste Reihe der
größten Menschen gehören. Er war gut, neidlos, einfach, half und
förderte gern, keine Hochschätzung der Welt hat ihn eitel, keine ihrer
Huldigungen hat ihn anmaßend gemacht. Was vielen als Egoismus erschien,
das Wegräumen äußerer Hindernisse auf dem Wege zu seinen Zielen, hat
diese Ziele möglich gemacht. Er gab seinem Volke eine Sprache, den
deutschen Geistern einen Mittelpunkt, er weckte schlummernde Kräfte,
Gedanken, Gefühle und Bestrebungen in einem Maße, welches sich besonders
darin dokumentiert, daß nach einem Jahrhundert seines Wandelns und
Wirkens kaum ein deutsches Werk erscheint ohne Motto aus Goethes
Schriften und ohne Zitate zur Bekräftigung ausgesprochener Ansichten. So
reich und voll er das geistige Leben erfaßte und beherrschte, so
bedürfnislos war er im äußeren Leben. In seinen unansehnlichen
Wohnstuben leuchteten und lebten mit ihm, durch ihn und in ihm große und
gute Geister, in seiner unansehnlichen Equipage, in seinen
unansehnlichen grauen Mantel gehüllt, spendete er Gedanken,
Lebensweisheit, menschenfreundliche Gesinnungen; in seinen einfachen
Gärten war keine Blume für ihn ohne Genuß, kein Licht- und Farbeneffekt
ohne Beachtung, keine Naturerscheinung ohne Gedankenanregung.
"Wie großartig waren die letzten Stunden seines Lebens, ruhig, mild, mit
klarem Geist, noch empfänglich für anmutige Kunstleistung. Ein Maler
hatte ihm das Bild[70] der schönen Gräfin Vaudreuil geschickt, er
betrachtete es aufmerksam: 'Wie gut ist es doch, wenn der Künstler nicht
verdirbt, was Gott so schön gemacht hat.' Noch in den letzten Stunden
stand er hoch aufgerichtet in der Tür seiner Stube, so daß er
ungewöhnlich groß erschien. Das bekannte Wort 'Mehr Licht' (?) mag er
wohl gesagt haben, klar und deutlich aber sprach er seine letzten Worte:
'Nun kommt die Wandlung zu höheren Wandlungen.' Er starb kampflos,
sagten die Anwesenden, nur Ottilie warf sich mir gleich darauf
schluchzend in die Arme: 'Und das nennen die Leute leicht sterben!'
Bekannte und Verwandte wollen nach seinem Tode eine unerklärliche
Trauermusik gehört haben, als ob die Noten im Musikschrank lebendig
geworden wären. Gräfin Vaudreuil versicherte mir, daß es so gewesen sei,
auch Ulrike von Pogwisch sprach davon; ich selbst war so betäubt an dem
Tage, daß ich keine Rechenschaft zu geben vermag, was Wahrheit, was
Phantasie gewesen ist. Ebenso ging es mir bei dem Mittagsspuk im
Parkgarten, den August und Ottilie, Walter und Wolf Goethe empfunden
hatten und der nach Goethes Tod besonders auffällig gewesen sein soll.
Ich war lange dort und empfand nichts von der mir betriebenen
unheimlichen Stille, die ein entsetzliches Angstgefühl verursachen
sollte. Goethe selbst war es, der mir bei einem Besuch im Gartenhaus den
Ursprung des Spukes folgendermaßen erzählte: 'Ich habe eine unsichtbare
Bedienung, die den Vorplatz immer rein gefegt hält. Es war wohl Traum,
aber ganz wie Wirklichkeit, daß ich einst in meiner oberen Schlafstube,
deren Tür nach der Treppe zu auf war, in der ersten Tagesfrühe eine alte
Frau sah, die ein junges Mädchen unterstützte. Sie wandte sich zu mir
und sagte: 'Seit fünfundzwanzig Jahren wohnen wir hier, mit der
Bedingung, vor Tagesanbruch fort zu sein; nun ist sie ohnmächtig, und
ich kann nicht gehen.' Als ich genauer hinsah, war sie verschwunden.'
"Etwas Unheimliches habe ich, wie gesagt, nach seinem Tode nicht
bemerkt, wenn nicht das Gefühl des Verlassenseins, das sich unser Aller
bemächtigte, unheimlich genannt werden kann. Täglich ging ich, wie
sonst, den gewohnten Weg zu Ottilien, aber leise und langsam nur schlich
ich die Stufen empor und schlüpfte wohl manchmal in die verlassenen
Räume, um mich auszuweinen.
"Meine letzte Erinnerung an Goethe war der ernste, mächtige, stille
Trauerzug, der ihn in weihevoller Stunde zu Karl Augusts Fürstengruft
geleitete.
* * * * *
"Als ich noch ein Kind war, ging ich allsonntäglich zur Kirche, faltete
allabendlich die Hände zum Gebet, jeden Morgen galt mein erster Gruß dem
lieben Heiland. Da sah ich Goethe, er streichelte mir das Haar, er
lächelte freundlich und schenkte mir ein Körbchen Erdbeeren, das er
gerade einem armen, zerlumpten Mädchen abgekauft hatte, für mehr Geld,
als es verlangte, wie ich deutlich bemerkte. Von nun an wurde jeder Tag
mir zum Fest, an dem ich ihm begegnete; ich sah ihn überall: im Park, im
Wald, auf der Straße, zu Haus, nur in der Kirche nicht.
"'Warum geht der Herr Geheimrat nicht in die Kirche?' frug ich.
"'Er ist kein Christ!'
"Ich erschrak tödlich. Wie konnte das sein? Wie konnte er lächeln, wie
konnten die Leute ihn grüßen, wie konnte er leben und war doch kein
Christ?
"Ich wuchs heran. Da hörte ich, daß einer armen, fleißigen Familie das
Haus abgebrannt war; ich ging hin, um ihr mit meinen schwachen Kräften
beizustehen, und fand sie glücklich und zufrieden in einem neuen Heim:
"Der Herr Geheimrat hat uns schon geholfen." -- Wie konnte er barmherzig
sein, wie konnte Segen auf seiner Gabe ruhen? Er war ja kein Christ!
"Und die Jahre vergingen. Ich machte die Bekanntschaft eines frommen
Mannes und freute mich dessen. Er gab mit vollen Händen, er sprach so
schön von Gott und Christentum; keine Kirche in seiner Gegend gab es,
die nicht von ihm unterstützt worden wäre, kein Sonntag verging, ohne
daß er vor dem Altar des Herrn gekniet hätte. Eines Tages aß ich bei
ihm, ein Diener zerbrach eine Schüssel, und sein Herr schlug ihn dafür.
Dann hörte ich von seinem Bruder sprechen; man sagte, er sei sehr arm.
'Er ist ein Ketzer und Gottesleugner und trägt gerechte Strafe,' sagte
mein Wirt. Ich erschrak, denn er war ja ein Christ!
"Ich wurde ein Weib, ich sah das Elend in der Welt, die bitterste Armut
in den Hütten, und Kirchen von Gold strotzend, und Priester in Seide und
Spitzen -- da dachte ich an ein schlichtes Zimmer mit niedrigen Fenstern
und hölzernen Stühlen, an einen Mann darin im langen, grauen Rock mit
einer milden Hand, leuchtenden Augen, herrlichen Gedanken -- war er
nicht doch ein Christ?!
"Nun bin ich alt. Ich erschrecke nicht mehr, wenn ein geliebter Mensch
die Kirche meidet, aber ich bin verzweifelt, wenn er an den Hütten der
Armut vorübergeht. Ich bewundere nicht mehr den frommen Mann, dessen
Name in allen Kirchenkollekten zu finden ist, aber ich verachte den, der
es versäumt hat, ihn in die Herzen der Menschen zu schreiben."