24. Mai 1848.

Papa verläßt uns soeben, und ich kehre zu Dir zurück, meine Jenny. Ich

habe ihm das Bild der Mutter gezeigt, er hat es ähnlich, aber lange

nicht hübsch genug gefunden, er wird es kopieren lassen, da er sich

nicht mehr davon trennen mag. Auch eins von ihm selbst will er für Dich

malen lassen, und sobald beide fertig sind, sollst Du sie bekommen. Im

Gedanken daran, Dir eine Freude zu machen, ist er jetzt schon ganz

glücklich. Er küßt Dich so zärtlich, wie er Dich liebt, und er läßt mich

noch hinzufügen, daß die Größe dieser Liebe der Größe seiner ganzen

Liebesfähigkeit entspricht. Lebewohl, liebste Schwester, antworte bald

und glaube an die aufrichtige Liebe Deiner Schwester

Pauline.

Schicke doch ja Deine Lithographie, das würde Papa so große Freude

machen!

Paris, den 16. Juni 1848.

Meine liebe, gute Jenny!

Ich bin seit einigen Tagen im Besitz Deines Briefes vom 3., ohne daß ich

bisher einen Augenblick gefunden hätte, um Dir zu schreiben und Dir zu

sagen, wie Deine Zärtlichkeit mich stets aufs neue beglückt. -- Ich höre

mit Freuden, daß es bei Euch ruhiger ist; was uns betrifft, so sind wir

einer vollkommenen Organisation und der notwendigen Ruhe, um zu ihr zu

gelangen, noch sehr fern; hoffen wir, daß es nicht mehr lange dauern

wird, und daß unsere konstituierende Kammer, die die besten Absichten

hat, bald eine von dieser edeln und großmütigen Nation anzunehmende

Verfassung schaffen wird -- dieser Nation, die noch immer bereit war,

für die Sache der Gerechtigkeit und die Größe ihres Namens die größten

Opfer zu bringen! -- -- Ich habe das Bild Deiner herrlichen Mutter

kopieren lassen und Pauline für Dich übergeben, die es jedoch nicht eher

abschicken will, als bis sie das meine beilegen kann, was die Sendung um

einige Tage verzögert. Ich hoffe, meine Jenny, daß die Dinge sich so

einrichten lassen, um unser Zusammensein zu ermöglichen und mir zu

gestatten, Dir vor meinem Tode meinen väterlichen Segen zu geben. Grüße

Deinen Mann, küsse Deine Kinder zärtlich von mir und sei versichert,

liebes Kind, daß Du nicht lebhafter als ich wünschen kannst, einander zu

sehen -- es wäre ein Augenblick des Glücks nach Jahren des Kummers. Ich

küsse Dich zärtlich.

Jerome.

Paris, 16. Juni 1848.

Du wirst angenehm überrascht sein, liebste Schwester, so rasch einen

Brief von uns zu erhalten, aber Papa hat einen Augenblick der Ruhe mit

Eifer ergriffen, um mit Dir zu sprechen, um Dir zu sagen, wie er Dich

liebt. Die politischen Ereignisse verjüngen den geliebten Vater nicht;

er ist sehr müde, ohne eigentlich krank zu sein. Übrigens wünscht er

sehnlich, daß wir uns alle acht Tage schreiben möchten, da es ihm recht

lang erscheint, immer vierzehn Tage warten zu müssen. Das Bild der

Mutter habe ich; ich zögere aber mit der Absendung, bis das von Papa

fertig ist; zu gleicher Zeit werde ich Dir Haare von ihm und vom Kaiser

schicken. Der Ausdruck Deiner Liebe macht unseren Vater sehr glücklich!

Je mehr ich ihn kenne, desto mehr liebe ich ihn, aber mein armes Herz

blutet, wenn ich sehe, wie die politischen Verhältnisse sich scheinbar

zu seinen Gunsten umgestalten; sein Name hallt überall wider; eine

starke Partei steht auf Seiten seiner Familie und wünscht, sie am Ruder

zu sehen. Doch der Wankelmut des Volks, seine Unbeständigkeit in der

Neigung läßt mich den Moment fürchten, wo sie die Regierung in Händen

haben könnten. Der Gedanke macht mich zittern, daß traurige Ereignisse,

in die die Familie verwickelt wird, die alten Tage unseres Vaters zu

beunruhigen vermöchten. Ich wäre außer mir, wenn dieses gütige Herz noch

einmal durch Kummer zerrissen würde. Unser geliebter Vater sieht die

Dinge anders an; er glaubt, wenn Gott die Bonapartes wieder an die

Spitze der Regierung stellt, so wird es für die Dauer sein.

Unglücklicherweise denken andere nicht wie er, sie wissen, wie wenig man

auf die Sympathien und Antipathien der Völker bauen kann, wie wenig

besonders auf die des französischen Volks. (Unter uns gesagt! Denn Papa

kann es gar nicht genug loben, und wir sind darin immer verschiedener

Ansicht.) Louis ist nicht in Paris; er hat Kandidaturen, die man ihn in

verschiedenen Departements anbot, abgelehnt, aber seine Anhängerschaft

ist eine so große, daß er wohl bei einem neuen Anerbieten zur Annahme

gezwungen werden wird. Ich sehe mit Beunruhigung, daß Papa vielleicht

gezwungen werden wird, sich in die Dinge zu mischen, obwohl er es bisher

vermieden hat; der Wunsch, seinem Vaterland nützlich zu sein, sein

schönes Frankreich dem Sumpf zu entreißen, in den es zu versinken droht,

wird ihn vielleicht dazu bestimmen ... Lebwohl, liebste Schwester. Ich

bin zu erregt, um genau zu wissen, was ich schreibe. Die Angst, daß

Ereignisse eintreten könnten, die dem geliebten Vater Unglück bringen,

foltert mich ... Wenn Du Nachrichten von der Herzogin von Orleans hast,

teile sie mir mit, da sie mich sehr interessieren ... Hoffen wir, daß

glückliche Umstände uns bald zusammenführen. Schreibe unserem Vater

immer recht liebevoll, weil er Dich so zärtlich liebt.

Deine treue Schwester Pauline.

Paris, den 15. November 1848.

Meine liebe, gute Jenny!

Es ist grade an diesem Tage, daß ich Dich in meine Arme schließen

möchte, aber ich hoffe (wenn die Ereignisse sich nicht ändern), daß ich

im Laufe des nächsten Jahres dies Glück haben werde: es wäre das größte

Glück für Deinen Vater, mein Kind; es würde mich wieder jung machen,

meine Jenny, und indem ich Dich und Deine Kinder segnen könnte, würde

ich hoffen, ihnen Glück zu bringen. Deine kleine Zeichnung hat mir die

größte Freude gemacht; in Gedanken sehe ich Dich auf deiner hübschen

Terrasse sitzen, Deinen kleinen Werner um den Blumenkorb springend!

Küsse Deine Kinder in meinem Namen, und drücke dem Manne

freundschaftlich die Hand, der über dem Glück meiner Jenny wacht. Ich

schreibe bei Deiner Schwester, damit mein Brief sich nicht länger

verzögert. Ich drücke Dich an mein Herz und segne Dich.

Dein Dich liebender Vater Jerome.

Paris, den 11. Oktober 1849.

Meine liebe Jenny!

Trotz meines Schweigens liebe ich Dich nicht weniger zärtlich und denke

nicht weniger an Dich, mein liebes Kind, die ich noch viel mehr liebe,

seit ich das Glück habe, Dich bei mir zu sehen: ich bitte Dich, sage

Deinem Mann, wie ich ihm immer dafür dankbar sein werde, daß er Dir

erlaubte, einige Tage bei mir zuzubringen. Ich hoffe, liebe Jenny, daß

ich, sobald die Zeiten bei Euch und bei uns ruhigere sind, wieder das

Glück haben werde, Dich in meine Arme zu schließen, und daß Du dann mit

Deinem Mann und Deinen Kindern kommst. Dein Brief, so gütig wie Du

selbst, meine Jenny, hat mich sehr glücklich gemacht. Ich küsse Dich

zärtlich.

Dein Dich liebender Vater Jerome.

Sprich oft von mir mit Deinen Kindern!

Paris, den 1. Februar 1850.

Meine liebe Jenny!

Ich beantworte Deine liebevollen Briefe, die ich immer voller Freude

wieder lese; heute, mein liebes Kind, bestätige ich Dir auch den Empfang

Deines Briefes vom 24. an Deine Schwester. Ach, meine gute Jenny, diese

teure Schwester verliert ihr Augenlicht vollkommen, nachdem sie während

mehr als vierzehn Tagen die schrecklichsten Schmerzen ausgestanden und

mit einem wahren Heldenmut ertragen hat! Ich komme eben von ihr; sie

hört nicht auf zu weinen, was ihr Auge noch mehr angreift; ich will sie

nun einer homöopathischen Kur unterwerfen; nicht weil ich große

Hoffnungen daran knüpfe, aber weil ich nichts unversucht lassen will. --

Was das geliebte Kind vor allem verzweifelt macht, ist der Gedanke,

ihren Vater, ihren Bruder und ihre geliebte Jenny, an die sie bald nicht

einmal mehr schreiben darf, nicht mehr sehen zu können! Du wirst meinen

Schmerz verstehen!

Küsse zärtlich Deine Kinder, grüße Deinen vortrefflichen Mann, und

zweifle niemals an meiner väterlichen Liebe. Ich drücke Dich an mein

Herz, mein liebes Kind.

Dein treuer Vater Jerome.

Paris, 10. Juli 1850.

Mein geliebtes Kind!

Deinen lieben entzückenden Brief vom 12. April habe ich längst

beantwortet; Deine Schwester wird Dir gesagt haben, durch welches

Mißverständniß er nicht in Deine Hände gelangte; damit sich das nicht

wiederholt, übergebe ich ihr diesen Brief zur Weiterbeförderung. Du

kannst, meine liebe Jenny, nichts Gutes und Zärtliches an Deinen Vater

schreiben und für ihn empfinden, was ich nicht mindestens in gleicher

Stärke für Dich und Deine liebe Familie empfinde; ich hoffe bestimmt,

daß die Dinge sich so einrichten lassen, daß ich Euch alle während

einiger Wochen bei mir haben kann. Es ist das ein schöner Traum in

meinem Leben, den ich zu verwirklichen hoffe, ehe ich sterbe, denn ich

liebe Dich und Deine Kinder, als hätte ich Euch alle erzogen und vor mir

aufwachsen sehen; ich liebe meine Jenny so sehr, daß ich wünschte, ich

könnte für meinen lieben Napoleon eine Frau finden, die ihr ähnlich ist.

Meine liebe Pauline ist mein ganzer Trost, sie ersetzt mir M., die ich

nicht mehr sehe!!! Ich küsse Dich zärtlich, geliebtes Kind, mit Deinen

Kindern, die hoffentlich wissen, daß ich noch lebe; alles Gute Deinem

lieben Mann, und Dir, mein liebes Kind, all meine Zärtlichkeit und

väterliche Liebe.

Im Schatten der Titanen: Erinnerungen an Baronin Jenny von Gustedt · 第 19 / 80 题