Papa verläßt uns soeben, und ich kehre zu Dir zurück, meine Jenny. Ich
habe ihm das Bild der Mutter gezeigt, er hat es ähnlich, aber lange
nicht hübsch genug gefunden, er wird es kopieren lassen, da er sich
nicht mehr davon trennen mag. Auch eins von ihm selbst will er für Dich
malen lassen, und sobald beide fertig sind, sollst Du sie bekommen. Im
Gedanken daran, Dir eine Freude zu machen, ist er jetzt schon ganz
glücklich. Er küßt Dich so zärtlich, wie er Dich liebt, und er läßt mich
noch hinzufügen, daß die Größe dieser Liebe der Größe seiner ganzen
Liebesfähigkeit entspricht. Lebewohl, liebste Schwester, antworte bald
und glaube an die aufrichtige Liebe Deiner Schwester
Pauline.
Schicke doch ja Deine Lithographie, das würde Papa so große Freude
machen!
Paris, den 16. Juni 1848.
Meine liebe, gute Jenny!
Ich bin seit einigen Tagen im Besitz Deines Briefes vom 3., ohne daß ich
bisher einen Augenblick gefunden hätte, um Dir zu schreiben und Dir zu
sagen, wie Deine Zärtlichkeit mich stets aufs neue beglückt. -- Ich höre
mit Freuden, daß es bei Euch ruhiger ist; was uns betrifft, so sind wir
einer vollkommenen Organisation und der notwendigen Ruhe, um zu ihr zu
gelangen, noch sehr fern; hoffen wir, daß es nicht mehr lange dauern
wird, und daß unsere konstituierende Kammer, die die besten Absichten
hat, bald eine von dieser edeln und großmütigen Nation anzunehmende
Verfassung schaffen wird -- dieser Nation, die noch immer bereit war,
für die Sache der Gerechtigkeit und die Größe ihres Namens die größten
Opfer zu bringen! -- -- Ich habe das Bild Deiner herrlichen Mutter
kopieren lassen und Pauline für Dich übergeben, die es jedoch nicht eher
abschicken will, als bis sie das meine beilegen kann, was die Sendung um
einige Tage verzögert. Ich hoffe, meine Jenny, daß die Dinge sich so
einrichten lassen, um unser Zusammensein zu ermöglichen und mir zu
gestatten, Dir vor meinem Tode meinen väterlichen Segen zu geben. Grüße
Deinen Mann, küsse Deine Kinder zärtlich von mir und sei versichert,
liebes Kind, daß Du nicht lebhafter als ich wünschen kannst, einander zu
sehen -- es wäre ein Augenblick des Glücks nach Jahren des Kummers. Ich
küsse Dich zärtlich.
Jerome.
Paris, 16. Juni 1848.
Du wirst angenehm überrascht sein, liebste Schwester, so rasch einen
Brief von uns zu erhalten, aber Papa hat einen Augenblick der Ruhe mit
Eifer ergriffen, um mit Dir zu sprechen, um Dir zu sagen, wie er Dich
liebt. Die politischen Ereignisse verjüngen den geliebten Vater nicht;
er ist sehr müde, ohne eigentlich krank zu sein. Übrigens wünscht er
sehnlich, daß wir uns alle acht Tage schreiben möchten, da es ihm recht
lang erscheint, immer vierzehn Tage warten zu müssen. Das Bild der
Mutter habe ich; ich zögere aber mit der Absendung, bis das von Papa
fertig ist; zu gleicher Zeit werde ich Dir Haare von ihm und vom Kaiser
schicken. Der Ausdruck Deiner Liebe macht unseren Vater sehr glücklich!
Je mehr ich ihn kenne, desto mehr liebe ich ihn, aber mein armes Herz
blutet, wenn ich sehe, wie die politischen Verhältnisse sich scheinbar
zu seinen Gunsten umgestalten; sein Name hallt überall wider; eine
starke Partei steht auf Seiten seiner Familie und wünscht, sie am Ruder
zu sehen. Doch der Wankelmut des Volks, seine Unbeständigkeit in der
Neigung läßt mich den Moment fürchten, wo sie die Regierung in Händen
haben könnten. Der Gedanke macht mich zittern, daß traurige Ereignisse,
in die die Familie verwickelt wird, die alten Tage unseres Vaters zu
beunruhigen vermöchten. Ich wäre außer mir, wenn dieses gütige Herz noch
einmal durch Kummer zerrissen würde. Unser geliebter Vater sieht die
Dinge anders an; er glaubt, wenn Gott die Bonapartes wieder an die
Spitze der Regierung stellt, so wird es für die Dauer sein.
Unglücklicherweise denken andere nicht wie er, sie wissen, wie wenig man
auf die Sympathien und Antipathien der Völker bauen kann, wie wenig
besonders auf die des französischen Volks. (Unter uns gesagt! Denn Papa
kann es gar nicht genug loben, und wir sind darin immer verschiedener
Ansicht.) Louis ist nicht in Paris; er hat Kandidaturen, die man ihn in
verschiedenen Departements anbot, abgelehnt, aber seine Anhängerschaft
ist eine so große, daß er wohl bei einem neuen Anerbieten zur Annahme
gezwungen werden wird. Ich sehe mit Beunruhigung, daß Papa vielleicht
gezwungen werden wird, sich in die Dinge zu mischen, obwohl er es bisher
vermieden hat; der Wunsch, seinem Vaterland nützlich zu sein, sein
schönes Frankreich dem Sumpf zu entreißen, in den es zu versinken droht,
wird ihn vielleicht dazu bestimmen ... Lebwohl, liebste Schwester. Ich
bin zu erregt, um genau zu wissen, was ich schreibe. Die Angst, daß
Ereignisse eintreten könnten, die dem geliebten Vater Unglück bringen,
foltert mich ... Wenn Du Nachrichten von der Herzogin von Orleans hast,
teile sie mir mit, da sie mich sehr interessieren ... Hoffen wir, daß
glückliche Umstände uns bald zusammenführen. Schreibe unserem Vater
immer recht liebevoll, weil er Dich so zärtlich liebt.
Deine treue Schwester Pauline.
Paris, den 15. November 1848.
Meine liebe, gute Jenny!
Es ist grade an diesem Tage, daß ich Dich in meine Arme schließen
möchte, aber ich hoffe (wenn die Ereignisse sich nicht ändern), daß ich
im Laufe des nächsten Jahres dies Glück haben werde: es wäre das größte
Glück für Deinen Vater, mein Kind; es würde mich wieder jung machen,
meine Jenny, und indem ich Dich und Deine Kinder segnen könnte, würde
ich hoffen, ihnen Glück zu bringen. Deine kleine Zeichnung hat mir die
größte Freude gemacht; in Gedanken sehe ich Dich auf deiner hübschen
Terrasse sitzen, Deinen kleinen Werner um den Blumenkorb springend!
Küsse Deine Kinder in meinem Namen, und drücke dem Manne
freundschaftlich die Hand, der über dem Glück meiner Jenny wacht. Ich
schreibe bei Deiner Schwester, damit mein Brief sich nicht länger
verzögert. Ich drücke Dich an mein Herz und segne Dich.
Dein Dich liebender Vater Jerome.
Paris, den 11. Oktober 1849.
Meine liebe Jenny!
Trotz meines Schweigens liebe ich Dich nicht weniger zärtlich und denke
nicht weniger an Dich, mein liebes Kind, die ich noch viel mehr liebe,
seit ich das Glück habe, Dich bei mir zu sehen: ich bitte Dich, sage
Deinem Mann, wie ich ihm immer dafür dankbar sein werde, daß er Dir
erlaubte, einige Tage bei mir zuzubringen. Ich hoffe, liebe Jenny, daß
ich, sobald die Zeiten bei Euch und bei uns ruhigere sind, wieder das
Glück haben werde, Dich in meine Arme zu schließen, und daß Du dann mit
Deinem Mann und Deinen Kindern kommst. Dein Brief, so gütig wie Du
selbst, meine Jenny, hat mich sehr glücklich gemacht. Ich küsse Dich
zärtlich.
Dein Dich liebender Vater Jerome.
Sprich oft von mir mit Deinen Kindern!
Paris, den 1. Februar 1850.
Meine liebe Jenny!
Ich beantworte Deine liebevollen Briefe, die ich immer voller Freude
wieder lese; heute, mein liebes Kind, bestätige ich Dir auch den Empfang
Deines Briefes vom 24. an Deine Schwester. Ach, meine gute Jenny, diese
teure Schwester verliert ihr Augenlicht vollkommen, nachdem sie während
mehr als vierzehn Tagen die schrecklichsten Schmerzen ausgestanden und
mit einem wahren Heldenmut ertragen hat! Ich komme eben von ihr; sie
hört nicht auf zu weinen, was ihr Auge noch mehr angreift; ich will sie
nun einer homöopathischen Kur unterwerfen; nicht weil ich große
Hoffnungen daran knüpfe, aber weil ich nichts unversucht lassen will. --
Was das geliebte Kind vor allem verzweifelt macht, ist der Gedanke,
ihren Vater, ihren Bruder und ihre geliebte Jenny, an die sie bald nicht
einmal mehr schreiben darf, nicht mehr sehen zu können! Du wirst meinen
Schmerz verstehen!
Küsse zärtlich Deine Kinder, grüße Deinen vortrefflichen Mann, und
zweifle niemals an meiner väterlichen Liebe. Ich drücke Dich an mein
Herz, mein liebes Kind.
Dein treuer Vater Jerome.
Paris, 10. Juli 1850.
Mein geliebtes Kind!
Deinen lieben entzückenden Brief vom 12. April habe ich längst
beantwortet; Deine Schwester wird Dir gesagt haben, durch welches
Mißverständniß er nicht in Deine Hände gelangte; damit sich das nicht
wiederholt, übergebe ich ihr diesen Brief zur Weiterbeförderung. Du
kannst, meine liebe Jenny, nichts Gutes und Zärtliches an Deinen Vater
schreiben und für ihn empfinden, was ich nicht mindestens in gleicher
Stärke für Dich und Deine liebe Familie empfinde; ich hoffe bestimmt,
daß die Dinge sich so einrichten lassen, daß ich Euch alle während
einiger Wochen bei mir haben kann. Es ist das ein schöner Traum in
meinem Leben, den ich zu verwirklichen hoffe, ehe ich sterbe, denn ich
liebe Dich und Deine Kinder, als hätte ich Euch alle erzogen und vor mir
aufwachsen sehen; ich liebe meine Jenny so sehr, daß ich wünschte, ich
könnte für meinen lieben Napoleon eine Frau finden, die ihr ähnlich ist.
Meine liebe Pauline ist mein ganzer Trost, sie ersetzt mir M., die ich
nicht mehr sehe!!! Ich küsse Dich zärtlich, geliebtes Kind, mit Deinen
Kindern, die hoffentlich wissen, daß ich noch lebe; alles Gute Deinem
lieben Mann, und Dir, mein liebes Kind, all meine Zärtlichkeit und
väterliche Liebe.