8. Februar.

Ich sah Papa soeben, der, wie immer, viel von Dir gesprochen hat: "Wie

wären wir glücklich," sagte er, "wenn Jenny, als die dritte, unter uns

sein könnte. Es gehört zu meinen größten Entbehrungen und zu den

schmerzhaftesten Strafen für meine Sünden, daß ich nicht mit Euch

zusammen leben kann!" Mathildens Kälte läßt Dich uns doppelt vermissen!

... Ich sehe jetzt häufig Frau Duperré, die sehr an Papa hängt, und für

die Papa eine dauernde, aufrichtige Dankbarkeit empfindet. Sie läßt Dich

aufs herzlichste grüßen. Laß uns nicht lange auf einen Brief warten, der

für Papa ein Herzensbedürfniß ist ... Jedes Mal, wenn wir zusammen sind,

fühlen wir, daß Du uns fehlst; wir würden uns so gut verstehen, und Papa

würde so glücklich sein! Er kommt alle anderen Tag zu mir und wiederholt

mir stets, daß seine besten Augenblicke die sind, die er bei mir

verlebt. Gestern war Papa beim König, der ihn und Napoleon sehr

liebenswürdig empfangen hat. Napoleon, der die gegenwärtige Regierung

nicht liebt, widersetzte sich zuerst, hin zu gehen, als aber Papa

bemerkte: wer das Ziel will, muß auch den Weg wollen, erklärte er

sofort, seinem Vater zu Liebe wolle er nachgeben. Sein Verdienst hierbei

ist um so größer, als er für gewöhnlich einen eisernen, unbeugsamen

Willen hat ...

Paris, 15. März 1848.

Eben erhalte ich Dein Brief, meine geliebte Schwester, und gleich setze

ich mich zum Schreiben nieder, denn um Dir eingehend zu schreiben,

brauche ich mehrere Tage. Das Schreiben wird mir sehr schwer und bei

jedem Brief zittere ich, daß es der letzte sein könnte, den ich zu

schreiben imstande bin ... Ich war recht in der Sorge um Dich, da ich

aus unseren Zeitungen erfuhr, daß auch in Deutschland und zwar besonders

in Preußen die Revolution ausgebrochen ist; Papa ließ jeden Tag, an dem

er mich nicht selbst sehen konnte, nach Nachrichten von Dir fragen, so

groß war seine Sorge in dem Gedanken, daß Preußen wie unser armes

Frankreich in fieberhafter Unruhe lebt. In diesem Augenblick ist es

ruhig in Paris, aber die Zukunft ist recht dunkel; der Handel liegt

darnieder, die Finanzen stehen schlecht; man sieht nichts als ruinierte

oder unglückliche Menschen. Ich bedaure auch von ganzem Herzen die arme

Herzogin von Orleans, die sich in ihrem Unglück so tapfer und edel

gezeigt hat; -- freilich glaube ich, daß sie glücklicher sein wird, als

sie auf dem Throne gewesen wäre! Ich gebe Dir keine politischen Details,

ich sage Dir nur, daß alle Welt traurig ist und vor den Wahlen und vor

der Nationalversammlung zittert. Papa und Napoleon haben sich, Gott sei

Dank, in nichts eingemischt und werden es auch ferner nicht tun; Papa

hat den Posten eines General-Gouverneurs der Invaliden abgelehnt. Man

hatte ihm auch eine Stellung innerhalb der provisorischen Regierung

angeboten, aber er will zu meiner Freude nichts annehmen. Ich wäre vor

Angst gestorben, wenn ich ihn in diesem Augenblick in einflußreicher

Stellung hätte sehen müssen. Er denkt nicht daran, Paris zu verlassen,

weil, wie er sagt, sein Herz fern von mir zu sehr gelitten haben würde.

Sieben Tage lang konnten wir uns nicht sehen, weil die Barrikaden jede

Kommunikation unmöglich machten. Unsere erste Zusammenkunft nachher hat

uns fast ebenso erschüttert, wie die, die ich zu allererst mit meinem

geliebten Vater gehabt habe. Wir entschädigen uns jetzt für die

Trennung, denn es vergehen nicht zwei Tage ohne ein Zusammensein. Du

bist am häufigsten der Gegenstand unserer Unterhaltung.

Was ich am meisten in Papas Charakter bewundere, ist seine

unbeschreibliche Güte. Nie wird man ihn irgend etwas Schlechtes von

anderen sagen hören; er findet immer noch eine Entschuldigung oder

Erklärung, selbst für eine Handlungsweise, die sich gegen ihn richtet,

und weiß bei Jedem eine gute Seite zu entdecken.

den 16. März.

Ich kehre heute zu Dir zurück, in Erwartung des Besuchs von Papa. Ich

habe ihm soeben einen Eilboten geschickt, um ihn wissen zu lassen, daß

es Dir gut geht und ich einen langen Brief von Dir habe, er hat mir

daraufhin sagen lassen, er werde in zwei Stunden hier sein, um Näheres zu

erfahren. Du siehst, liebste Schwester, wie sein Herz an Dir hängt, und

meins erfreut sich seiner Liebe zu Dir ebenso wie der zu mir selber ...

Paris, den 3. April 1848.

Meine liebe, gute Jenny!

Dein Brief, den ich eben durch Deine Schwester erhalte, macht mich sehr

glücklich, er ist für mich ein wahrer Trost inmitten der großen

Umwälzungen, von denen Niemand (er mag welche persönlichen

Lebenserfahrungen immer haben) sagen kann, wohin sie führen werden!!

Du hast sehr recht, mein geliebtes Kind, die Bande, die uns verbinden,

sind heilig wie die Natur; ihr Geheimniß soll, solange wir leben, unter

uns bleiben: Deine wundervolle Mutter hat es mit sich gen Himmel

genommen. Dich, liebes Kind, das ich in meinen Armen gehalten habe, noch

ehe Deine Augen sich dem Licht öffneten, Dich, von der ich lange

glaubte, Du seist Pauline, die Nonne, -- Dich habe ich nie vergessen;

Dich in meine Arme schließen, Dir meinen Segen geben zu können, wie ich

ihn Dir jetzt nur schriftlich senden kann, wird ein Tag des Glückes für

mich sein. Küsse Deine Kinder im Namen des alten, bis zu dieser Stunde

ihnen unbekannten Freundes: in Zukunft wird meine Jenny es verstehen,

ihnen Zärtlichkeit und Liebe für ihn einzuflößen! Wenn Werner jetzt um

Dein Geheimniß weiß, so drücke ihm dankbar die Hand für das Glück, das

er Dir gegeben hat. Ich drücke Dich an mein Herz und segne Dich als Dein

Dich liebender Vater

Jerome.

Paris, 24. Mai 1848.

Meine liebe Jenny!

Auf Deinen lieben Brief vom 12. vorigen Monats habe ich lange nicht

geantwortet -- nicht etwa, weil ich mich nicht mit Dir beschäftigt

hätte, mein liebes Kind, bist Du doch der Mittelpunkt aller Gespräche

zwischen mir und Deiner vortrefflichen Schwester, sind doch die Stunden,

die ich bei ihr bin, meinem Herzen die teuersten!! Wir leben hier auf

einem Vulkan, mein Kind, aber ich vertraue dem Stern dieses großen und

edlen Frankreich, für das ich noch mit Freuden die letzten Jahre, die

mir zu leben übrig bleiben, opfern möchte! Es scheint mir nebenbei, daß

es auch in Eurem Lande nicht friedlicher ist, was mich sehr beunruhigt

-- habe ich doch auch dort Wesen, die meinem Herzen teuer sind! Küsse

aufs zärtlichste Deine lieben kleinen Kinder; lehre sie, mich zu lieben,

ohne daß sie einen Augenblick aufhören, das Andenken ihrer herrlichen

Großmutter zu ehren! Ich verlasse mich auf meine Jenny, daß dieses Ziel

erreicht wird! Drücke Deinem Mann in meinem Namen herzlich die Hand; in

diesen Zeiten müssen die Männer vor allem einander entgegenkommen;

vielleicht ist die Zukunft nicht so dunkel, als Viele es glauben

annehmen zu müssen. Ich segne Dich, meine liebe Jenny, und drücke Dich

an mein Herz.

Jerome N.

Im Schatten der Titanen: Erinnerungen an Baronin Jenny von Gustedt · 第 18 / 80 题