Ich sah Papa soeben, der, wie immer, viel von Dir gesprochen hat: "Wie
wären wir glücklich," sagte er, "wenn Jenny, als die dritte, unter uns
sein könnte. Es gehört zu meinen größten Entbehrungen und zu den
schmerzhaftesten Strafen für meine Sünden, daß ich nicht mit Euch
zusammen leben kann!" Mathildens Kälte läßt Dich uns doppelt vermissen!
... Ich sehe jetzt häufig Frau Duperré, die sehr an Papa hängt, und für
die Papa eine dauernde, aufrichtige Dankbarkeit empfindet. Sie läßt Dich
aufs herzlichste grüßen. Laß uns nicht lange auf einen Brief warten, der
für Papa ein Herzensbedürfniß ist ... Jedes Mal, wenn wir zusammen sind,
fühlen wir, daß Du uns fehlst; wir würden uns so gut verstehen, und Papa
würde so glücklich sein! Er kommt alle anderen Tag zu mir und wiederholt
mir stets, daß seine besten Augenblicke die sind, die er bei mir
verlebt. Gestern war Papa beim König, der ihn und Napoleon sehr
liebenswürdig empfangen hat. Napoleon, der die gegenwärtige Regierung
nicht liebt, widersetzte sich zuerst, hin zu gehen, als aber Papa
bemerkte: wer das Ziel will, muß auch den Weg wollen, erklärte er
sofort, seinem Vater zu Liebe wolle er nachgeben. Sein Verdienst hierbei
ist um so größer, als er für gewöhnlich einen eisernen, unbeugsamen
Willen hat ...
Paris, 15. März 1848.
Eben erhalte ich Dein Brief, meine geliebte Schwester, und gleich setze
ich mich zum Schreiben nieder, denn um Dir eingehend zu schreiben,
brauche ich mehrere Tage. Das Schreiben wird mir sehr schwer und bei
jedem Brief zittere ich, daß es der letzte sein könnte, den ich zu
schreiben imstande bin ... Ich war recht in der Sorge um Dich, da ich
aus unseren Zeitungen erfuhr, daß auch in Deutschland und zwar besonders
in Preußen die Revolution ausgebrochen ist; Papa ließ jeden Tag, an dem
er mich nicht selbst sehen konnte, nach Nachrichten von Dir fragen, so
groß war seine Sorge in dem Gedanken, daß Preußen wie unser armes
Frankreich in fieberhafter Unruhe lebt. In diesem Augenblick ist es
ruhig in Paris, aber die Zukunft ist recht dunkel; der Handel liegt
darnieder, die Finanzen stehen schlecht; man sieht nichts als ruinierte
oder unglückliche Menschen. Ich bedaure auch von ganzem Herzen die arme
Herzogin von Orleans, die sich in ihrem Unglück so tapfer und edel
gezeigt hat; -- freilich glaube ich, daß sie glücklicher sein wird, als
sie auf dem Throne gewesen wäre! Ich gebe Dir keine politischen Details,
ich sage Dir nur, daß alle Welt traurig ist und vor den Wahlen und vor
der Nationalversammlung zittert. Papa und Napoleon haben sich, Gott sei
Dank, in nichts eingemischt und werden es auch ferner nicht tun; Papa
hat den Posten eines General-Gouverneurs der Invaliden abgelehnt. Man
hatte ihm auch eine Stellung innerhalb der provisorischen Regierung
angeboten, aber er will zu meiner Freude nichts annehmen. Ich wäre vor
Angst gestorben, wenn ich ihn in diesem Augenblick in einflußreicher
Stellung hätte sehen müssen. Er denkt nicht daran, Paris zu verlassen,
weil, wie er sagt, sein Herz fern von mir zu sehr gelitten haben würde.
Sieben Tage lang konnten wir uns nicht sehen, weil die Barrikaden jede
Kommunikation unmöglich machten. Unsere erste Zusammenkunft nachher hat
uns fast ebenso erschüttert, wie die, die ich zu allererst mit meinem
geliebten Vater gehabt habe. Wir entschädigen uns jetzt für die
Trennung, denn es vergehen nicht zwei Tage ohne ein Zusammensein. Du
bist am häufigsten der Gegenstand unserer Unterhaltung.
Was ich am meisten in Papas Charakter bewundere, ist seine
unbeschreibliche Güte. Nie wird man ihn irgend etwas Schlechtes von
anderen sagen hören; er findet immer noch eine Entschuldigung oder
Erklärung, selbst für eine Handlungsweise, die sich gegen ihn richtet,
und weiß bei Jedem eine gute Seite zu entdecken.
den 16. März.
Ich kehre heute zu Dir zurück, in Erwartung des Besuchs von Papa. Ich
habe ihm soeben einen Eilboten geschickt, um ihn wissen zu lassen, daß
es Dir gut geht und ich einen langen Brief von Dir habe, er hat mir
daraufhin sagen lassen, er werde in zwei Stunden hier sein, um Näheres zu
erfahren. Du siehst, liebste Schwester, wie sein Herz an Dir hängt, und
meins erfreut sich seiner Liebe zu Dir ebenso wie der zu mir selber ...
Paris, den 3. April 1848.
Meine liebe, gute Jenny!
Dein Brief, den ich eben durch Deine Schwester erhalte, macht mich sehr
glücklich, er ist für mich ein wahrer Trost inmitten der großen
Umwälzungen, von denen Niemand (er mag welche persönlichen
Lebenserfahrungen immer haben) sagen kann, wohin sie führen werden!!
Du hast sehr recht, mein geliebtes Kind, die Bande, die uns verbinden,
sind heilig wie die Natur; ihr Geheimniß soll, solange wir leben, unter
uns bleiben: Deine wundervolle Mutter hat es mit sich gen Himmel
genommen. Dich, liebes Kind, das ich in meinen Armen gehalten habe, noch
ehe Deine Augen sich dem Licht öffneten, Dich, von der ich lange
glaubte, Du seist Pauline, die Nonne, -- Dich habe ich nie vergessen;
Dich in meine Arme schließen, Dir meinen Segen geben zu können, wie ich
ihn Dir jetzt nur schriftlich senden kann, wird ein Tag des Glückes für
mich sein. Küsse Deine Kinder im Namen des alten, bis zu dieser Stunde
ihnen unbekannten Freundes: in Zukunft wird meine Jenny es verstehen,
ihnen Zärtlichkeit und Liebe für ihn einzuflößen! Wenn Werner jetzt um
Dein Geheimniß weiß, so drücke ihm dankbar die Hand für das Glück, das
er Dir gegeben hat. Ich drücke Dich an mein Herz und segne Dich als Dein
Dich liebender Vater
Jerome.
Paris, 24. Mai 1848.
Meine liebe Jenny!
Auf Deinen lieben Brief vom 12. vorigen Monats habe ich lange nicht
geantwortet -- nicht etwa, weil ich mich nicht mit Dir beschäftigt
hätte, mein liebes Kind, bist Du doch der Mittelpunkt aller Gespräche
zwischen mir und Deiner vortrefflichen Schwester, sind doch die Stunden,
die ich bei ihr bin, meinem Herzen die teuersten!! Wir leben hier auf
einem Vulkan, mein Kind, aber ich vertraue dem Stern dieses großen und
edlen Frankreich, für das ich noch mit Freuden die letzten Jahre, die
mir zu leben übrig bleiben, opfern möchte! Es scheint mir nebenbei, daß
es auch in Eurem Lande nicht friedlicher ist, was mich sehr beunruhigt
-- habe ich doch auch dort Wesen, die meinem Herzen teuer sind! Küsse
aufs zärtlichste Deine lieben kleinen Kinder; lehre sie, mich zu lieben,
ohne daß sie einen Augenblick aufhören, das Andenken ihrer herrlichen
Großmutter zu ehren! Ich verlasse mich auf meine Jenny, daß dieses Ziel
erreicht wird! Drücke Deinem Mann in meinem Namen herzlich die Hand; in
diesen Zeiten müssen die Männer vor allem einander entgegenkommen;
vielleicht ist die Zukunft nicht so dunkel, als Viele es glauben
annehmen zu müssen. Ich segne Dich, meine liebe Jenny, und drücke Dich
an mein Herz.
Jerome N.