Deine Schwester Pauline."

Das Leben hatte das Haar des Vaters bleichen, der Tod die schönen Augen

der Mutter schließen müssen, ehe Jenny erfuhr, von wessen Blut sie war,

und daß hinter Pariser Klostermauern ihr noch eine Schwester lebte.

In der Familie wußte jeder, daß diese Frau mit den napoleonischen Zügen

eine fremde Blume war, nicht dem friedlichen Hausgärtchen deutscher

Familiensippe entsprossen. Ihr selbst war es ein nur dunkel geahntes

Geheimnis geblieben. Auf welche Weise sie es erfuhr, weiß ich nicht,

denn die ersten Briefe der Nonne, ihrer Schwester, an sie, befanden sich

nicht in dem mir übergebenen Paket. Es enthielt nur die folgende kleine

Auswahl aus der während vieler Jahre bis zu Jeromes Tode im Jahre 1861

und bis zu dem der Nonne in den achtziger Jahren lebhaft geführten

Korrespondenz, die bloß durch wiederholten Aufenthalt meiner Großmutter

in Paris unterbrochen wurde. Die Briefe bedürfen keines Kommentars. Nur

tote Blätter sind es, und die sie schrieben, schlafen schon lange den

ewigen Schlaf, aber die Liebe, die in ihnen atmet, füllt sie mit warmem

Blut und lebendigem Leben.

Von Diana blieb nicht viel erhalten. Ein paar Bilder, von denen jedes

ein anderes Antlitz zeigt: das süße, lachende Mädchen zuerst, eine

schöne, kühle Frau zuletzt. Und ein Brief an Jenny, ihre Tochter. Wie

der des liebenden, hoffnungsvollen Bräutigams der einzige ist, der von

des unglücklichen Pappenheim Hand, trotz des Jahrhunderts, das über ihn

hinwegging, erhalten blieb, so ist der Brief der sterbenden Diana der

einzige, der von ihr zeugt. In jenem lag, dunkler Ahnungen voll, die

Zukunft verborgen, in diesem weint und schluchzt der Schmerz der

Vergangenheit. Hier ist er:

Weimar, 20. Oktober 1844.

Meine liebe Jenny!

Ich frage nicht mehr, ob ich schreiben darf -- ich schreibe! Denn ich

kann Dich versichern, daß es mir schlechter geht als im Augenblick der

Abreise. Eine tiefe Melancholie erfüllt meine Seele, eine schreckliche

Mutlosigkeit beherrscht mich. Wer nur trösten will, glaubt mir

versichern zu müssen, daß gar keine Gefahr vorhanden ist, und ich kann

nicht einmal daran zweifeln! Schon ein Monat schrecklichster Qualen, und

noch kein Schritt näher der Ewigkeit. Und all diese Leiden sollen sich

noch oft wiederholen, ehe das Ziel erreicht ist. -- O mein Gott, welchen

Prüfungen willst Du mich noch unterwerfen!

Ich möchte mich einsperren können und mich vor keines Menschen Augen

zeigen; meine Nächte sind immer schlecht, am Morgen habe ich die

Empfindung, als hätte ich eine Schlacht gewonnen. Man umgibt mit Sorge

und Liebe dieses nutzlose Leben, das zwischen Bett und Lehnstuhl hin und

her vegetiert. Wenn diese Zeilen Dir Tränen erpressen, -- ich kann's

nicht ändern, ich kann nicht anders schreiben, und Du weißt ja, daß ich

nicht sterben werde! Du darfst auch nicht daran denken, herzukommen. Du

kennst meinen Grundsatz meinen Töchtern gegenüber: daß ihre erste und

heiligste Pflicht sie neben ihre Gatten und ihre Kinder stellt. In

meinem Zustand wirken auch Schmerz und Freude gleichmäßig stark auf

mich; erlaubt man jemand bei mir einzutreten, den ich lange nicht

gesehen, so ergießt sich ein Strom von Tränen aus meinen Augen, und dann

kommt das Fieber. Vielleicht werden Monate, Jahre über meine

tiefeingewurzelte Krankheit vergehen -- wie könntest Du darüber auch nur

eine Deiner nächsten Pflichten vernachlässigen, während ich nichts

brauche als Ruhe, Stille und Einsamkeit .... Ach, könnte ich von dort

oben zu Dir hinuntersehen, dann hättest Du den schönsten Trost: meine

Mutter hat die dunkle Schranke überschritten, sie ist dort, wo mein

Wunsch und mein Gebet sie hingeleitete.

Ich schließe, meine Jenny, meine geliebte Tochter, denn kein Wort könnte

ich äußern, das nicht das Echo eines kranken Körpers und einer

tieftraurigen Seele wäre. Bete für mich, mein Kind, aber bete nicht, daß

der Gott der Güte mir dies Leben erhalten möchte, das auf mir lastet und

immer auf mir lasten wird ...

Briefe der Nonne _mère_ Marie de la Croix (Gräfin Pauline Schönfeld) und

des Königs Jerome Napoleon

Paris, den 5. Februar 1848.

Im Augenblick verlasse ich meinen teuren Vater, meine liebste Schwester,

und ich beeile mich, mit Dir zu reden; da dieser beste Vater mir sehr

ans Herz gelegt hat, Dich nicht lange ohne Antwort zu lassen -- ein

überflüssiger Rat, denn meine Liebe zu Dir würde mir nicht gestatten,

Dir nicht so rasch als möglich von demjenigen zu sprechen, der uns so

sehr liebt, und dem ich so viel an Liebe weihe, als mein Herz zu geben

imstande ist. Deinen Brief, meine Jenny, erwartete ich mit größter

Ungeduld, denn jedesmal, wenn ich unseren geliebten Vater sah, frug er

danach; er schien zu ahnen, daß dieser Brief seinem Herzen wohl tun

würde. Und das geschah, meine geliebte Schwester: ich wollte, Du hättest

seine tiefe Bewegung sehen können, als er von den warmen Gefühlen

erfuhr, die für ihn in Deinem Herzen Eingang zu finden scheinen; große

Thränen füllten seine Augen, und von Zeit zu Zeit wiederholte er: "So

werde ich denn auch die Liebe meiner Jenny besitzen! Und Dir, meine

Pauline, verdanke ich dieses Glück! O sage es Deiner Schwester, daß sie

einen Vater hat, der sie zärtlich liebt und der sehr darunter gelitten

hat, sich ihrer Nähe und ihrer Zärtlichkeit nicht erfreuen zu dürfen!"

Du wirst gut tun, meine Jenny, ihm selbst zu schreiben, sein Vaterherz

würde dafür sehr empfänglich sein. Ja, meine Jenny, wir müssen uns

bemühen, ihn mit allem erdenklichen Glück zu umgeben; das ist eine

Pflicht, deren Erfüllung unser Engel von Mutter vom Himmel herab von uns

verlangt. Unser Vater sagt von ihr, daß sie eine Frau ohne Gleichen

gewesen wäre und er ihr immer das zärtlichste Andenken bewahrte.

den 6. Februar.

Wenn Du an Papa schreibst, so adressiere den Brief an mich; ich kann Dir

seine Adresse nicht geben, weil er in wenigen Tagen seine Wohnung zu

wechseln gedenkt. Es ist keine Rede davon, daß er sich etwa in der Nähe

von Paris ankauft; er hat noch keine festen Pläne, solange seine

Geschäfte nicht ganz geregelt sind. Alle Welt scheint ihm wohl gesinnt,

aber die Welt ist zuweilen falsch, darum ist er in großer Unruhe, bis

das Gesetz von der Kammer angenommen ist. Sobald die Entscheidung fällt,

teile ich sie Dir mit. Ich hoffe sehr, daß die Pension, die er fordert,

ihm bewilligt wird, denn unser guter Vater lebt auf großem Fuß, will

immer schenken und helfen und Andere glücklich machen. Für sich selbst

braucht er fast nichts, aber Anderen gegenüber ist er von einer beinahe

zu großen Generosität. Was Napoleon betrifft, so ist er der beste Sohn,

der sich denken läßt; kein Tag vergeht, ohne daß er seinen Vater, den er

vergöttert, sieht; er arbeitet viel und sucht seinem Vater alles

Unangenehme aus dem Wege zu räumen; da es aber keine vollkommenen Wesen

giebt, so amüsiert er sich und macht leider viel von sich reden, was

unseren Vater sehr beunruhigt. "Aber," so sagt Papa, "meine Predigten

packen ihn nicht, weil das Beispiel fehlt, das ihnen Gewicht geben

könnte! Die Sünden der Jugend, die wir an unseren Kindern büßen!"

Napoleon hat ein weiches Herz, was für Papa notwendig ist, da er es sehr

gern hat, von seinen Kindern zärtlich behandelt zu werden. Mathilde ist

der Gegensatz ihres Bruders, sie ist kalt, vor allem ihrer Familie

gegenüber. Sie scheint nichts zu lieben als ihre Freiheit, besucht den

Vater nur an seinen Empfangstagen und hat keinerlei Bedürfniß, ihn

allein zu sehen; sein Kommen und sein Gehen ist ihr vollkommen

gleichgültig. Sie ist eine reizende Salondame, sehr graziös, die überall

gefällt, und bei der das Amüsement an Stelle jeder Art von

Herzensbeziehungen tritt. Papa sagt, daß ihr Charakter dem von Napoleon,

dem Deinen und dem meinen vollkommen entgegengesetzt ist, und weder ihm

selbst noch ihrer Mutter gleicht. Er hofft, daß sie sich in einigen

Jahren geändert haben wird. Während der zwei Jahre ihrer Ehe war sie so

unglücklich, daß sie jetzt nichts so genießt als ihre Freiheit.

Glücklicherweise hat sie keine Kinder ... In diesem Moment ist von Papas

Familie nur Prinz Paul von Württemberg, sein Schwager, in Paris; er

sieht ihn oft. Papa ist so gut, daß alle Menschen, die ihn kennen, ihn

lieben; er will nichts anderes, als Allen Gutes tun, die ihn umgeben.

Im Schatten der Titanen: Erinnerungen an Baronin Jenny von Gustedt · 第 17 / 80 题