In ihrem Schreck wollte sie sich laut und hastig entschuldigen, daß er
ihr zuwinken mußte, zu schweigen.
Dann schickte er sie fort. Er wollte inzwischen wachen. Sie konnte ein
paar Stunden ausruhen, um ihn dann wieder abzulösen.
Sie wiederholte ihm noch einmal die Anordnungen des Arztes und ließ
ihn allein mit seiner Mutter ...
Er setzte sich neben das Bett hin und beobachtete sie in ihrem
Fieberschlummer.
Als er nach ihrer Hand griff, fand er sie heißer als zuvor.
Und dann, ganz langsam tastend, glitt seine Hand über ihre Stirn und
blieb darauf liegen.
Sie seufzte wie voller Erleichterung tief auf, und ihr Atem ging
ruhiger und langsamer.
Wie bleich sie war. -- Die Wangen eingesunken, daß die Züge scharf
hervortraten; die tiefliegenden heißen Augen verliehen dem Gesichte
ein ganz fremdes Aussehen.
Nichts mehr von der schönen Frau, die trotz ihrer Jahre so jugendlich
aussah; nur eine hilflose, arme Kranke lag jetzt da, deren Anblick
Mitleid heischte.
Unruhiger warf sie sich, und wirre, zusammenhangslose Worte kamen ihr
auf die Lippen.
Willy stand auf, drehte den Schirm der Lampe, daß das Bett völlig im
Dunkel lag und trat ans Fenster.
Wie friedlich die Natur dalag, ganz still und regungslos.
Ueberall nächtlicher Frieden. Nur in die Brust des Menschen kam die
Ruhe nie.
Pochte doch das Herz immerwährend, ruhelos, Tag und Nacht, wie eine
ewige Mahnung. --
Als er sich dem Zimmer wieder zuwandte, war die Mutter erwacht.
Sie hatte sich halb aufgerichtet und blickte ihn mit angsterfüllten
Augen an.
Er blieb am Fenster stehen, und da -- ganz leise -- rief sie ihn, --
leise flehend beim Namen.
Der ganze Jammer einer gequälten Menschenseele lag in dem einen Worte,
und er eilte an ihr Lager und preßte ihre zitternde Hand gegen seine
Augen, um den Tränen zu wehren.
Und sie zog ihn an sich und flüsterte:
»Armer Junge! ... mein armer -- armer Junge ..«
Dann ließ sie den Kopf auf seine Schulter sinken, und er fühlte ihre
fiebernde Wange heiß an der seinen.
Sie strich mit der Hand über sein Gesicht mit bebenden, suchenden
Fingern.
»Mein armes Kind! ..«
Und nun fühlte er ihre Tränen auf seinen Wangen, und alles, was noch
an Groll und Unmut in ihm schlummerte, wich vor diesen Tränen.
»Verzeih mir, mein Junge«, bat sie, -- »verzeih mir! -- Du weißt ja
nicht, wie das alles gekommen ist.«
Und leise flüsterte sie, wie im Fiebertraum:
»Hüte Dich vor der Liebe, hüte Dich! ... Wenn ich Dich nur schützen
könnte. -- Mich hat niemand gehütet, niemand mich gewarnt, niemand!
.. Und die klugen Menschen mit ihren Schwüren und Vorsätzen und ihren
Geboten, -- es hilft ja ~alles~ nichts, kein Schwören und kein
Wille, und wenn er noch so riesenstark ist. Man kann nicht anders.
-- Es hilft zu nichts, es hilft nichts. Denn es ist das Glück, das
lockt und zerrt und zieht, und hinter einem Elend und Verzweiflung;
und so wirft man sein Leben hin für eine einzige Minute des Glücks.
-- -- Ich hatte ihn ja geliebt, immer nur ~ihn~. Ja, mein Junge,
nur ~ihn~, der Dein Vater ist, vor Gott und vor mir. Damals --
siehst Du -- damals war er fern, und sie alle drängten mich. Ich
schrieb ihm, er solle kommen, er solle mir ~helfen~. Aber er half
nicht, er kam nicht, -- und da hatte der Trotz Gewalt über mich, und
ich verschenkte mich. -- Ich durfte es nicht, denn ich gehörte ihm.
Und als er dann wieder kam und sah, daß all das andere nur eine Lüge
war, eine jämmerliche, feige Lüge, da nahm er sich sein Recht. Und ich
hatte keine Kraft, ihm zu wehren; ich war hilflos, denn ich war sein
Geschöpf, und niemand war, der mir helfen konnte, niemand ahnte meinen
Jammer. Ich wollte ja halten, was ich versprochen hatte; aber ich
allein konnte es nicht. Und dann war es zu spät. -- -- Ich bitte Dich,
gib mir zu trinken! bitte ...«
Er löste sich aus ihrem Arm und bot ihr zu trinken.
»Meine Kehle ist so trocken, und das brennt so. Aber jetzt geht
es besser ... viel besser, -- komm wieder her zu mir. Es ist mir
ganz leicht, wenn Du bei mir bist, nun, wo ich Dich wieder habe.
-- Du wolltest fort! Ich weiß es, Du wolltest fort, -- aber das
~darfst~ Du nicht, Du darfst nicht! .. Verlaß mich nicht, ich
bitte Dich: verlaß mich doch nur nicht. Sag' mir nur das eine, daß
Du mir nicht zürnst. Vergib mir, Willy, vergib mir! -- Sag' es mir
doch, daß Du Deine Mutter nicht verachtest, sag' es mir, daß Du mir
verzeihst.« --
Er konnte ihr nicht antworten; aber er zog sie in seine Arme, und
indem sie sich an ihn klammerte, beruhigte sie sich.
Mit zitternden Fingern tastete sie an seinen Kleidern herum, um sich
von seiner Gegenwart zu überzeugen.
Dann lehnte sie sich an ihn und schloß die Augen, und zwischen den
Wimpern durch quoll langsam, schwer Träne um Träne.
Diesem stummen Jammer gegenüber hatte er keine Macht mehr.
Und nun bat sie weiter:
»Du darfst auch ~ihn~ nicht hassen. Du bist ja noch so jung,
Will. Du kennst das Leben nicht. -- Ich habe Dir alles Böse fern
halten wollen. Du solltest nur das Gute kennen lernen. Jetzt weiß ich,
daß es ein Irrtum war. Urteile nicht rasch. Du darfst es nicht. --
Wenn Du wüßtest, ~was~ ich zu ertragen gehabt habe, wie wir beide
geduldet haben. Du kannst es nicht ahnen ... Wie habe ich gekämpft,
wie mich gesträubt und gerungen. Ich wollte nicht unterliegen, um
keinen Preis. -- Aber es half alles nichts. Ich trug ja die Gewißheit
in mir, daß ich meine Leiden nicht ersticken konnte. Wie sollte ich
da stark sein. Und er, der mich halten sollte, war gleich mir von
ihm bezaubert und gefangen. Und er zog ihn an sich als Freund. -- Da
ließ ich alles gehen, wie es wollte. Wie konnte ich mit der alten
unausrottbaren Liebe im Herzen, gehalten nur durch ein Wort, das ich
im Unmut, in kindischer Eitelkeit, in der Laune eines unglücklichen
Augenblicks gegeben, kämpfen gegen die Verführung, die sich uns
täglich, stündlich bot, die lockte und lockte. -- -- Jedes kleinste
Wort, jeder Blick, seine Gegenwart allein schon raubten mir alle
Fassung. Wir brauchten uns nur die Hände zu reichen und ich war in
seiner Gewalt. -- Einmal wollte ich meinem Leben ein Ende machen,
um nicht zu unterliegen. Dann -- dann wollte ich vor dem Tode ein
einzigmal wissen, was Glück sei, -- und dann hatte ich den Mut nicht
mehr. Ich konnte nicht sterben -- ich hatte das Leben zu lieb. --
Ich habe das Leben so ~lieb~, und ich fürchte mich so ... ich
~will~ nicht sterben ... nur nicht sterben! ...«
Sie bäumte sich in seinen Armen, als ob Todesangst sie packte und
schüttelte.
Willy gab ihr zu trinken, und sie beruhigte sich wieder, indem sie das
wirre Haar aus der Stirn strich.
»Ich wurde ja gezwungen, mit ihm allein zu sein, gegen meinen Willen.
Ich saß ihm zu einer Büste für ... für Hermann. Er wollte es, er
wollte von ihm ein Bild von mir haben. Stundenlang mit ihm allein!
... Und ich war so schwach -- so machtlos. -- Nein, Will, nein, er
hatte nicht die größte Schuld, denn er wollte mich schon vorher
losreißen, und nachher wollte er mich fast zwingen, ich solle meinen
Mann lassen, ... eine Scheidung! -- Aber das konnte ich nicht, das
brachte ich nicht über das Herz. Ich konnte ihn nicht allein lassen,
der kein Auge hatte für meine Qualen, weil er alles zu tun glaubte, um
mir mein Leben glücklich zu gestalten, der nur für mich lebte, dessen
ganze Arbeit nur darauf ausging, mich reich zu machen, damit ich mir
keinen Wunsch zu versagen brauchte; dessen einzige Hoffnung in dieser
Welt ~ich~ war. Ich weiß es, ich habe es immer gewußt; aber mein
Wissen habe ich ihm mit keinem Worte, keiner Miene eingestanden. --
Dann wurdest Du geboren, und nun ging der Kampf von neuem an. Du
solltest Deinen Vater haben, -- aber ich fürchtete mich. Ich fürchtete
mich vor ihm, der dafür galt, -- vor der Welt und ihrem Urteil. Sollte
ich mich selbst brandmarken und auch die Schande über Dich beschwören?
-- Das war zuviel verlangt. -- Und er, der Dich für sein Kind hielt,
liebte Dich mit einer Innigkeit, einer Freude, die mir schon den
Gedanken an eine Trennung unmöglich machte. Nein, nein, ich konnte ihn
nicht aus seiner Täuschung reißen. Ich flehte um Geduld, ich schob
die Entscheidung hinaus, von Monat zu Monat, von Jahr zu Jahr. Und
dann eines Tages das Gräßliche: -- sie brachten mir den Gatten wie
ein hilfloses Kind. Und ich wußte, das war um ~mich~ geschehen,
einzig für mich! Jetzt war ich für immer an ihn gekettet, jetzt gab es
~nichts~ mehr, was mich von ihm hätte trennen können ...«
Sie machte eine lange Pause und schloß die Augen, denn dieses
abgerissene erregte Sprechen erschöpfte sie.
Es strengte sie an, daß sie den Atem verlor.
»Nicht wahr, nun konnte, nun durfte ich nicht mehr. Ich konnte Dir
Deinen Vater nicht geben. -- Und so mußten wir weiterleben mit der
Lüge, ewig mit der Lüge. Das war die Strafe. Der Gatte für alle
Zeit ein Krüppel und ich an ihn gefesselt .... Ab ich habe meine
Pflicht getan, ohne ein Wort, und um all diese Demütigung, um diese
jahrzehntelange Qual, all diese durchwachten und durchweinten Nächte
~muß~ mir verziehen werden -- sag', daß ~Du~ es tust ...
Will, sag' es mir ...«
Er schwieg und lehnte das Gesicht an ihre Schulter, erschüttert von
dem Klange ihrer gebrochenen Stimme, entwaffnet von ihrer Demütigung
vor ihm.
»Nein, -- ~sag~' es mir! -- Du mußt es mir sagen. O diese Stunden
der Verzweiflung, in denen ich mir hundertmal den Tod gewünscht habe!
... Aber ich kann nicht eher sterben -- nicht eher -- als bis Du mir
vergeben hast. Sag' es mir doch, daß Du mich nicht verachtest.«
»Mama! ...«
»Will! -- mein Will! ...«
Sie wurde ruhig wie ein Kind, dem man einen Wunsch erfüllt hat, und
ein zufriedenes Lächeln lag um ihre Lippen. Sie griff nach seiner
Hand, und dann legte sie sich tief in die Kissen zurück, als müsse sie
diesen Laut, in dem alle Verzeihung für sie lag, tief in ihr Innerstes
einsaugen.
Endlich richtete sie sich halb auf und bat:
»Küsse mich!«
Er küßte sie, denn er hatte ihr vergeben.
Zum ersten Male sah er sie schwach, sah er all ihre Liebe, ihre
Leidenschaft, aber auch all ihr Elend. --
Es war ganz still geworden im Zimmer.
Nur nebenan sprühte leise knisternd das Feuer.
Lange -- lange Zeit lag sie da, mit halbgeöffneten Augen zur Decke
starrend.
Dann umschloß sie seine Hand fester, während das Fieber wieder Gewalt
über sie bekam.
»Will, versprich mir eins.«
»Was denn, Mama?«
»Daß ~er~ nie etwas ahnt -- Will -- nie, niemals! Hörst Du,
niemals. Du weißt ja nicht, wie lieb er Dich hat.«
»Ja, Mama!«
»Siehst Du, er würde ja zugleich ~Dich~ und ~mich~ verlieren. Willst Du
ihn immer lieb behalten? -- Er ist ja in all den Jahren wie Dein Vater
gewesen.«
»Ja, Mama! ...«
Sie küßte ihm die Hand, mit der er sie umfassen wollte, daß er sich
neben dem Lager niederwarf, den Kopf in die Kissen vergrub und weinte.
Sie streichelte immerwährend, mechanisch sein Haar, und eine süße
Beruhigung der Sicherheit überkam sie.
Nun war das bange Geheimnis ihres Lebens abgewälzt, und sie empfand
ein Glücksgefühl, wie sie es nie gekannt hatte; lind und schmeichelnd
wie ein weicher, kosender Traum, als ob sie von spielenden Wogen
leicht getragen und gewiegt würde.
Da schreckte sie ein Gedanke auf, riß sie noch einmal aus dem
Fieberwahn, in den sie aufs neue zu versinken drohte.
Angstvoll sah sie ihn an, und dann scheu, wie in banger Erwartung die
Frage:
»Und Reinhold? ...«
Er wandte sich ab, und sie griff nach seinem Arm.
»Willy! -- Will!« --
»Ich kann nicht!«
»Ich ~bitte~ Dich, Will ...«
»Quäle mich nicht, nicht ~jetzt~! ... Ich kann nicht. -- Später!
-- Habe Geduld mit mir.«
»Armer Junge! ... Du wirst es lernen, auch ~ihn~ lieb zu haben.
Und wenn ich nicht wieder besser werde, dann werdet Ihr Euch auch ohne
mich finden, nicht wahr? -- Du gehörst ihm ja, Will, gehörst ihm.«
Er stöhnte auf bei dem Gedanken, -- aber er konnte nicht anders,
er konnte für diesen Mann nichts empfinden, in diesem Augenblicke
unmöglich etwas für ihn empfinden.
Sie fühlte es, -- und deshalb fing sie an zu bitten und zu flehen,
aber ihre Stimme wurde immer tonloser, sie sprach weiter und
weiter, aber ihre Worte verwirrten sich, und sie lallte nur noch im
Fiebertraum.
Der Anfall war heftiger als alle früheren.
Sie stöhnte auf, warf sich und schlug um sich, als ob jemand sie mit
Gewalt niederzwingen wollte.
Dann, als er die Besinnungslose mit Schmeicheln zu besänftigen suchte
und ihre Hände ergriff, wurde sie ruhiger. --