Einmal blieb er vor dem Fenster stehen, dessen beide Flügel er weit
geöffnet hatte, daß die feuchte kühle Nachtluft in das dumpfige Zimmer
eindrang.
Er sog mit geöffnetem Munde diese schwere Nebelfeuchte ein.
Und plötzlich grundlos quoll es in ihm auf, daß er sich auf das Sofa
warf und weinte, haltlos, fassungslos.
Er ertrug es nicht länger. Es war wie ein stechender körperlicher
Schmerz.
Und dann, ohne zu denken, hatte er die untere Tür des Schreibtisches
geöffnet und nahm einen flachen schwarzen Kasten heraus.
Am besten war es, ein Ende zu machen.
Die Mutter hatte sie ihm einst zum Geschenk gemacht. Das fiel ihm
jetzt ein, als er die Waffe in die Hand nahm. Patronen lagen daneben
im Kasten. Er spannte den Hahn und spielte mit dem Abzugsbügel. Das
harte Knacken des aufschlagenden Hahnes durchschauerte ihn.
Es rieselte kalt durch seine Adern, prickelnd, wie ein kleines
Stückchen Eis.
Dann setzte er die abgedrückte Waffe an die Stirn. Es war wie ein
bohrender kalter Schmerz, etwas ungemein Beruhigendes; aber er legte
sie wieder in den Kasten und verschloß ihn.
Was gewann er damit? ..
Er hatte das ungewisse Gefühl, als ob er auch nach dem Tode nicht
vergessen werde, als ob er auch ~dann~ weiter dulden müßte.
Er hatte keine Mutter mehr! Nichts mehr im Leben.
Einen flüchtigen Augenblick dachte er an Mignon, dann war auch
~der~ Gedanke wieder ausgelöscht. Sie konnte ihm jetzt nichts
sein.
Und mit einem Male fürchtete er sich, so allein im Zimmer zu sein. Er
wußte, wenn er noch länger blieb, dann nahm er doch seine Zuflucht zur
Kugel, nur um nicht mehr denken zu müssen.
Er wollte nicht unterliegen. Es war wie im Trotz, daß er sich an das
Leben klammerte. --
* * * * *
Er schlich sich auf den Zehenspitzen hinaus, damit ihn die nebenan
nicht hörten, die lachten und sangen und eben ein gläserklingendes
Hoch ausgebracht hatten.
Aber man hörte ihn doch.
Als er sich die Treppe hinuntertasten wollte, wurde die Tür wieder
geöffnet, ein breiter Lichtstrom quoll hervor. Eine Gestalt zeigte
sich im Rahmen der Tür, Marta, die ihm nachrufen wollte. Allein er war
schon die Treppe hinunter und die Tür schloß sich wieder. --
Er war auf der Straße. -- Ein vor dem Hause patrouillierender
Schutzmann sah ihn von der Seite an. Es war Mitternacht vorbei.
Die Wolken hatten sich zerstreut, und leichteres flüchtiges Gewölk
verdeckte für Augenblicke die blaßgelbe Scheibe des Mondes.
Die Straßen waren feucht. Hie und da auf dem Asphalt unregelmäßige,
trocken helle Flecke.
Willy schritt der Leipziger Straße zu, am Kaiserhof vorüber, bis zur
Böhmischen Kirche und nun die Friedrichstraße zurück bis zu den Linden.
In der Mitte der Allee ging er ein paarmal vom Tor bis zum Denkmal.