Aber er fand doch nicht den Mut dazu. --

* * * * *

Er konnte nicht länger in dem Zimmer bleiben, sonst erbrach er

doch noch das große Siegel, das er immer wieder auf das genaueste

studierte, als ob er es in seinem Leben noch nicht gesehen hatte.

Auf der Schwelle zauderte er noch einmal, im Begriffe umzukehren. --

Dann ging er. --

Und wider seinen Willen, voller Furcht, was daraus entstehen konnte,

trieb es ihn hinüber zu Petri; er mußte ihm entgegentreten.

Er fand ihn daheim, und freundlich lächelnd kam er ihm entgegen,

schüttelte ihm die Hand und nannte ihn einmal über das andere: mein

lieber Junge!

Wie er ihn so scherzen und plaudern hörte und seinen Blick voller

Stolz jeder Bewegung Mignons folgen sah, da schien Willy der Gedanke

so fremd, daß dieser Mann seine Mutter geliebt haben sollte, -- und

daß er vor Jahren den Brief geschrieben hatte, den er jetzt an seiner

Brust trug.

Wie, wenn er ihn jetzt hervorzog und ihn vor Petri hinlegte, mit der

Frage, ob er das Schriftstück kenne?

Der Gedanke hatte etwas so Verführerisches an sich, er zerrte und

lockte, daß es ihn reizte, es zu tun.

Allein er ward sich bewußt, daß dies Begehren ein krankhaftes sei, das

ihm nichts nützen konnte.

Fräulein Minna rief den Professor ab, ein Herr wünsche ihn zu

sprechen; und Will blieb mit Mignon allein. --

Ohne weitere Vorrede nahm Willy den gefundenen Brief und reichte ihn

Mignon:

»Lies das einmal, bitte.«

Sie nahm den Brief, indem sie ihn verwundert ansah, und fing an zu

lesen.

Schon nach den ersten Zeilen suchte sie nach der Unterschrift, und ein

kurzer unterdrückter Laut des Erschreckens entfuhr ihr.

Dann las sie langsam, wie um Zeit zu gewinnen, und wartete, daß Willy,

der wie bestätigend mit dem Kopfe genickt hatte, etwas sagen würde.

Sie ließ das Blatt sinken.

»Nun?« fragte er.

»Woher hast Du den Brief?«

Er berichtete, wie und wo er ihn gefunden hatte. Sie nickte nur. Dann

sagte sie:

»Und was willst Du daraus schließen? -- Der Brief ist sehr alt. Sieh

einmal die Schrift an. Ich glaube, der Brief ist geschrieben, ehe

Deine Mama sich verheiratet hat, denn davon steht kein Wort in dem

Briefe.«

Er nahm den Brief und sah ihn noch einmal wieder durch. Das war

allerdings richtig.

»Es ist wohl möglich,« suchte er sich zu täuschen.

»Nein, ... es ~ist~ auch so!«

Und sie führte ihm alle Gründe an, leidenschaftlich erregt, daß er

erstaunte: sich mit den Worten überhastend, weil sie nicht daran

glaubte; weil sie nun wußte, daß ihr Vater immer nur diese Frau

geliebt hatte und ihre eigene Mutter ihm daneben nie viel hatte gelten

können.

Er hörte ihr zu und sog jedes Wort, das ihm seine Zweifel ausreden

sollte, begierig ein; er versuchte es, sich alles so vorzustellen, wie

sie es schilderte, -- allein im Innern nagte doch der Zweifel. Der

blieb und marterte ihn unaufhörlich.

Seit er Mignon liebte, war er der Mutter viel fremder geworden,

seitdem urteilte er, und es quälte ihn, daß er ein Geheimnis vor ihr

haben mußte.

Und plötzlich kam ihm Mignon mit neuen Gründen. Was wollte er nur?

-- Was stand denn in dem Briefe: eine leidenschaftliche Klage, daß

sie ihn nicht liebe. Das war doch ganz deutlich: sie liebte ihn

~nicht~. Was für eine Schuld konnte ~sie~ also treffen? Oder

wollte er es den Menschen gar verwehren, seine Mutter gern zu haben? --

Mit diesem neuen Gedanken suchte er sich zu beruhigen.

Und dabei schien ihm jetzt alles verzeihlich, und er begriff, seit er

Mignon liebte. Seitdem verstand er erst, wie ein Mann einen solchen

Brief schreiben konnte.

Am schmerzlichsten war ihm, wenn er dabei an seinen Vater dachte. In

letzter Zeit hatte er sich schlechter befunden als je. Das Herannahen

des Winters brachte stets eine Verschlimmerung seines Zustandes mit

sich. Er saß still in seinem Stuhle, und die Augen schmerzten ihn

so, daß er seine gewohnte Lektüre sich versagen mußte. Die Augen

lagen tief in ihren Höhlen, müde verschleiert, und die Wangen waren

eingefallen.

Das Sprechen machte ihm Beschwerden, er stieß mit der Zunge an, und

wenn Willy ein Gespräch mit ihm anfangen wollte, winkte er oft lässig

mit der Hand und saß stumpf da, ohne recht Anteil an irgend etwas zu

nehmen. Es schien, als ob seine Sinne mehr und mehr einschlummerten.

Zum ersten Male fiel es Willy auf, wie wenig man ihn eigentlich im

Hause beachtete, wie gewohnheitsmäßig gleichgültig die Mutter sich um

ihn kümmerte, abgestumpft durch den sich gleichbleibenden Zustand des

Kranken.

Er hatte das bis jetzt nicht empfunden, denn auch für ihn war der

Vater nie von großer Bedeutung gewesen; jetzt überkam es ihn wie eine

große Traurigkeit, wenn er verglich, wie lebhaft die Mutter war, wie

sie alle paar Stunden das Haus verließ und in beständiger Bewegung

war, während der Kranke ans Zimmer gefesselt blieb, vor allem jetzt,

wo der Herbst über das Land zog und der Winter vor der Tür stand.

Er saß da, still resigniert, klagte selten oder nie und hörte stumm

lächelnd zu, wenn Anna ihm gewohnheitsmäßig berichtete, was sie

tagsüber getan hatte, denn meistens widmete sie ihm die Abendstunden

ganz, zumal in solchen Fällen häufig Petri anwesend zu sein pflegte.

Willy saß bei dem Vater, als die Mutter heimkam. Sie war unruhig und

fragte die Dienstboten aus nach einem Notizhefte, das sie verloren

haben wollte.

Mutter!.. · 第 9 / 62 题