Aber niemand hatte etwas gefunden. --

Willy war einen Augenblick versucht gewesen, ihr den Brief, der jetzt

keine besondere Bedeutung mehr für ihn hatte, zurückzugeben, nachdem

er ihn anfangs wieder in das Zimmer hatte legen wollen. Allein, es

konnte ihn zu leicht jemand finden, und so nahm er davon Abstand.

Es war besser, die Mutter erfuhr nichts davon.

Er wollte es für sich behalten, daß er so an ihr gezweifelt hatte.

Er nahm den Brief und hielt ihn in das Licht, bis daß er völlig

verkohlt war.

Allein jetzt hoben sich die Buchstaben weiß von dem verkohlten

schwarzen Papiere ab; das nahm er und zerrieb es zu feinem Staube, den

er in den Garten streute.

Damit war auch der Gedanke an die letzten Tage der Unruhe wieder

erstorben. Er wollte nicht mehr daran denken, weil es ja krankhaft

war. --

12.

Willy wollte der Mutter seine Liebe zu Mignon gestehen. Das Geheimnis

quälte ihn. Allein das junge Mädchen wollte es nicht zugeben.

Sie fürchtete sich, -- denn sie zweifelte nicht daran, daß Frau Anna

noch immer eine uneingestandene Abneigung gegen sie hegte, die bei

seiner Erklärung zum Ausbruche kommen konnte und ihr Glück mit einem

Schlage vernichten würde.

Die Versuchung, jetzt an dem Kinde der Frau, die sie einst aus dem

Herzen Reinhold Petris vertrieben hatte, Vergeltung zu üben, lag zu

nahe.

Mignon bettelte fast darum, daß er schweigen solle. Allein dieses

fortwährende Verheimlichen einer Neigung, an der nichts Unrechtes

haftete, machte ihn nervös.

Und trotz ihres Flehens wollte er nur den günstigen Augenblick

abpassen, um der Mutter alles zu gestehen.

Allein jetzt, wo er wieder seine Wohnung in der Mauerstraße hatte,

wollte sich die Gelegenheit nicht so leicht bieten, und Tag um Tag

verstrich, ehe es so weit kam. --

Es war Mitte November geworden.

Das Wetter rauh und unfreundlich.

Die kahlen Bäume streckten ihre schwarzen Aeste trostlos zum Himmel,

als wollten sie dem gleichmäßig fallenden Regen wehren.

Die ersten Winterstürme brausten über das Land und brachten zuweilen

schmutzigen Schlickerschnee, der zu tauen anfing, ehe er noch den

Boden berührte.

Schon in den frühen Nachmittagsstunden brach die Dämmerung ein,

grau und lebensfeindlich, daß sich die ganze Welt trübe und neblig

gestaltete und nasse Schleier sich vor das Licht des Tages hingen.

Der Garten stand jetzt völlig kahl und verlassen leer. Die beiden

jungen Leute mußten ihre gewohnten Spaziergänge aufgeben, denn

kaum, daß der Landregen sich für eine Zeit unterbrach und die

Feuchtigkeit tiefer in die Erde eindrang, stürzten auch schon wieder

endlose Regenmassen von dem gleichmäßig grauumwölkten Himmel und

überschwemmten alle Wege.

So saßen sie denn meist daheim, zuweilen bei der Mutter, wo Willy

ihnen beim mattverschleierten Scheine der Lampen vorlas. Stets lag im

Zimmer eine halbe Dämmerung, denn der Vater konnte das helle Licht

nicht ertragen. Es tat seinen Augen weh. --

Eines Abends traf Willy die Mutter allein.

Der Vater hatte sich hingelegt, und Mignon war zu einer Freundin in

der Stadt.

Er war herausgekommen in der sicheren Erwartung, sie daheim zu

treffen, denn sie hatte sonst keinen Verkehr; deshalb war er anfangs

unmutig, sie nicht zu finden, weil er ihr ein Buch mitgebracht hatte,

um das sie ihn gebeten.

Jetzt war er mit der Mutter allein im Zimmer.

Ein gleichmäßig feiner Regen sickerte gegen die Scheiben der Fenster,

vor die, mit Ausnahme des einen, dichte Vorhänge gezogen waren.

Die Nacht war windstill und man hörte nur das einförmige Fallen des

Regens.

Das Zimmer war leicht durchwärmt, denn eine unangenehme Feuchtigkeit

drang kalt in die Häuser.

Frau Anna lag auf eine Chaiselongue gestreckt und schützte sich die

Augen mit der auf die Lehne gestützten Hand.

Ein Buch lag aufgeschlagen in ihrem Schoße, aber sie träumte darüber

hin, wie gewöhnlich.

Sie regte sich nicht, fast als ob sie schlief.

Willy wagte es nicht, die Stille zu unterbrechen.

Er dachte an Mignon und versuchte, sich das Bild des jungen Mädchens

in all seinen Einzelheiten vorzustellen.

Und er sah sie mit ihrem mattgelben Teint, den großen geheimnisvollen

Kinderaugen und den leichtgewellten Haaren, die ihr pagenartig auf die

Schulter fielen.

Sie war schlank und schmiegsam wie eine Weide und dabei so jugendlich

voll, mit ihren runden starken Armen und den feinen zierlichen

Gelenken der kleinen Hand, deren Finger die seinen so energisch

umklammern konnten, die sich um seinen Nacken ineinander schlangen,

wenn sie sich an ihn schmiegte und ihm die vollen Lippen zum Kusse bot.

Er warf einen Blick zur Mutter hinüber, und er mußte darüber lächeln,

daß er früher so oft behauptet hatte, er wolle immer nur sie lieben.

Jetzt war ein kleines siebzehnjähriges Mädchen gekommen und hatte ihn

mit Leib und Seele gefangen. Sie entzog ihn seiner Mutter mehr und

mehr. --

Frau Anna machte eine Bewegung. Willy erhob sich, rückte einen Puff

neben die Chaiselongue und ließ sich an der Seite der Mutter nieder,

indem er ihre Hand ergriff.

Dann, indem er sie wieder losließ, sagte er:

»Ma, darf ich Dir ein Geständnis machen?«

Seine Stimme bebte doch etwas, trotzdem er sich die größte Mühe gab,

recht ruhig zu bleiben.

Anna richtete sich auf, indem sie sich auf die linke Hand stützte, und

indem sie ihm das Gesicht zukehrte, fragte sie lächelnd:

»Ein Geständnis, Du -- mir?«

»Ja,« sagte er. »Ich habe Dir schon seit langem etwas verheimlicht.«

Sie sah ihn verwundert an. Er stockte und fuhr endlich fort:

»Du hast also gar nichts bemerkt?«

»Nein, nichts! -- Ich verstehe Dich nicht.«

Er sah sie an und starrte dann auf den Teppich; denn wenn sie wirklich

gar nichts ahnte, war es besser, er schwieg noch und wartete.

Ihm war mit einem Male aller Mut genommen.

»Hast Du Schulden?« fragte sie endlich, als er noch immer schwieg.

Er mußte doch lachen, indem er den Kopf schüttelte.

Dann sagte er ohne Uebergang:

»Weißt Du eigentlich schon, daß Adolf Wurm sich verlobt hat? -- Ich

hab' es Dir neulich gesagt, nicht wahr?«

Sie sah ihn an, wich aber dann seinen Blicken aus.

»Er ist jetzt dreiundzwanzig. Findest Du nicht, daß das eigentlich

sehr jung ist?«

»Gewiß! ..«

Jetzt wußte sie, auf was er hinauswollte, aber sie sagte kein Wort

weiter.

Dann, wie im Scherz, aber mit dem Gefühl, wie ungeschickt es war, fuhr

er fort:

»Ich bin eigentlich alt genug, auch einmal daran denken zu können.«

Sie schwieg noch immer.

»Ich meine nur: daran denken, nicht wahr?«

»Nein!« sagte sie, und ihre Stimme klang härter als gewöhnlich. »Du

bist viel zu jung. -- Früher sagtest Du, Du wollest nie heiraten.«

»Ach! was sagt man nicht alles.«

»So, hast Du Deine Meinung geändert?«

Er lachte etwas gezwungen, während sie hastiger atmete. Er sah sie

noch immer nicht an, sonst hätte er geschwiegen vor dem Ausdrucke

ihrer Augen.

»Will!« sagte sie jetzt, wie mit einem im Augenblick gefaßten

energischen Entschlusse, »Will! sei einmal ehrlich!«

»Weißt Du es denn wirklich nicht?« fragte er scheu.

»Was denn?«

»Daß ich Mignon liebe ...«

Sie zuckte doch zusammen, als sie aus seinem Munde hörte, was sie

schon seit langem befürchtet hatte.

»Du hast nichts geahnt?« fragte er scheu.

»Nein! ...«

Dann schwiegen sie beide.

»Du sagst nichts dazu?«

»Was soll ich dazu sagen? ..«

»Mama!«

»Aber das ist ja kindisch!«

»Kindisch?«

»Ja! Ihr seid beide ein paar Kinder, und ich hätte das nie von Dir

erwartet ...«

Er stand langsam auf, mit einem Blicke, in dem sie las, daß er kein

Kind mehr war, daß, wenn sie das noch glaubte, er imstande war, sie

vom Gegenteile zu überzeugen.

Und ganz ruhig sagte er:

»Wenn Du das wirklich glaubst, so irrst Du. Von einer Kinderei ist

zwischen uns nicht die Rede.«

»Um so schlimmer! ... Und kurz und gut: die Geschichte ist mehr als

lächerlich, so daß wir am besten tun, nicht darüber zu reden.«

Er sah sie zweifelnd an, und sie fügte rascher hinzu:

»Ich bitte Dich, reden wir nicht davon. Du regst Dich und mich unnötig

auf. Es hat keinen Zweck.«

Es quoll in ihm auf, ein Angstgefühl, wie eine Flut von Tränen, die

sich lösen wollten, und er wandte sich ab, um an das Fenster zu treten

und hinaus zu sehen in die eintönige Nacht.

Es war lautlos still im Zimmer.

Aber deutlich, erschreckend deutlich hörte er das hastige Atmen der

Mutter, und ihm war, als ob er sein eigenes Herz schlagen hörte.

So stand er am Fenster, unschlüssig, was er jetzt tun sollte, und

krampfte die Hand in den dichten braunen Stoff des Vorhanges.

Endlich, ohne daß er sich dabei nach ihr umwandte, sagte sie langsam,

wie suchend:

»Das Ganze ist ja eine Kinderei, Will! .. Ihr seid beide ein paar

Kinder. So habt Ihr miteinander verkehrt, und wir haben Euch gewähren

lassen. Nun wollt Ihr uns das doch nicht so lohnen? -- Du hast Deine

Studien eben erst angefangen, Du kennst nichts von der Welt, so gut

wie nichts. Niemals, soviel ich weiß, bist Du mit einem Mädchen

zusammengekommen, und deshalb bildest Du Dir nun ein, Mignon zu

lieben. Das ganze ist nur eine vorübergehende Aufwallung. In acht

Tagen lachst Du Dich vielleicht schon selber aus.«

Er gab keine Antwort und blieb am Fenster stehen wie zuvor.

Sie hatte das alles sehr ruhig gesagt. Sie wollte sich selbst

beruhigen und beschwichtigen.

»Ich sage Dir das vielleicht hart und kalt, aber ich kann nicht

anders. Du brauchst Dich jetzt nicht zu entscheiden. Ich weiß, Du bist

zu verständig, als daß Du nicht selbst zu meiner Ueberzeugung kommen

solltest. Du bist eben in dem Alter, wo die Liebe zu mir allein Dir

nicht mehr genügen kann.«

Willy machte eine Bewegung, aber er schwieg.

»Nein,« sagte sie. »Ich weiß das sehr wohl. Ich habe Deine Illusionen

vom Leben nie geteilt, aber ich habe sie Dir nicht nehmen wollen. Aber

deshalb braucht man nicht gleich der ersten Neigung blind nachzugeben.

Und wenn Du Mignon wirklich lieben solltest, so wäre das unter diesen

Verhältnissen eben eine Torheit. Ueberwinde Dein Gefühl, und binnen

kurzem werdet ihr wieder ebenso freundschaftlich miteinander verkehren

können wie zuvor.«

Er zuckte mit den Achseln.

Diese schweigende Nichtachtung ihrer Worte tat ihr weh, und sie fuhr

fort:

»Muß denn immer gleich geheiratet werden um so ein bißchen Liebe? ..

Glaubst Du, man verlobt sich sofort, wenn man zum ersten Male liebt,

ja? ..«

Er wußte, wie sie jetzt auf sich selbst anspielte, ohne daß sie ahnen

konnte, daß er es fühlte.

»Du wolltest Dich doch mit Mignon verloben, nicht wahr? und sie einmal

heiraten? -- Es ist ja sehr hübsch von Dir, gleich so ernsthaft zu

denken. Allein in Eurem Falle ist das eine große Torheit. Glaube mir,

es ist eine Torheit. Sonst hast Du doch so viel auf den Rat Deiner

Mama gegeben. Tu es vor allem jetzt und glaube mir, daß ich Dir nur zu

Deinem Besten rate.«

Sie war aufgestanden und hinter ihn getreten.

Jetzt legte sie ihm beide Hände auf die Schultern, und während er

unter dieser leisen, schmeichelnden Berührung zusammenzuckte, fragte

sie bittend, indem sie versuchte in sein Gesicht zu sehen:

»Willst Du meinem Rate und meiner Bitte folgen, Will?« --

Sie erschrak vor der Blässe seines Gesichtes und vor der herben

Entschlossenheit, die darin lag, während er den Kopf schüttelnd

antwortete:

»Du irrst Dich. Ich kann es nicht, denn ich liebe Mignon, liebe sie

mehr als mein Leben. Ich weiß, Du wirst mir grollen, daß diese Liebe

zwischen uns getreten ist.«

»Nein Will, das ist nicht der Fall. Ich spreche einzig so, weil ich

Dein Bestes im Auge habe.«

»Wenn das wäre, würdest Du ~nicht~ so sprechen. Du weißt ja

nicht, wie ich Mignon liebe.«

Und nun, ohne Halten, wie ein aufgebrochener Quell sprudelte es

hervor, all seine Liebe vom ersten Tage an, als er sie im Garten

gefunden hatte. Er konnte und wollte der Mutter nichts mehr

verheimlichen; er malte es aus, all die kleinen Szenen, die sie schon

miteinander erlebt hatten, all ihre Zweifel und all ihre bunten

Hoffnungen.

Das erzwungene Lächeln war von ihrem Gesichte geschwunden, und je

weiter er sprach, je beredter er wurde, um so deutlicher spiegelte

sich der Schreck und das Entsetzen in ihren Augen.

Sie starrte ihn an, als ob er irre rede, als ob ein anderer, den sie

nicht kannte, vor ihr stehe.

Darauf war sie nicht vorbereitet, darauf nicht! Und sie zitterte vor

der Gewalt dieser schrankenlosen Leidenschaft.

Als er zu Ende war und ausrief:

»Glaubst Du ~nun~ noch immer, all dies sei eine flüchtige

Schülerliebe, nur die Einbildung der Liebe, ein Rausch

augenblicklicher Verliebtheit? -- Glaubst Du das wirklich?«

Da starrte sie ihn an und fand keine Antwort ...

Er hatte sich wieder dem Fenster zugewandt und sah in den Regen hinaus.

Und sie stand ratlos hinter ihm und wußte nichts zu erwidern.

»Ist denn das wahr, Will? .. wirklich wahr?« fragte sie tonlos, mit

bebender Stimme.

Er bestätigte die Frage nur mit dem Kopfe nickend.

Einen Augenblick wollten ihr die Kräfte versagen.

Sie drohte zusammenzubrechen, sie wollte die Hände vor das Gesicht

schlagen, um nichts zu sehen, sich die Ohren zuhalten, um nicht hören

zu müssen.

Dann raffte sie sich auf, schüttelte mit dem Kopfe, als wollte sie

etwas Unangenehmes abwerfen, und sagte unerbittlich entschlossen:

»Nein, Will! Niemals! ... Es geht nicht! Hörst Du: niemals! ... Es ist

ein Traum für Dich gewesen, der nun zu Ende ist. Du wirst nicht mehr

daran denken!«

»Das ist nicht möglich.«

»Nicht möglich, sagst Du? -- Es ist ~alles~ möglich, wenn man nur

ernstlich will! Du mußt das alles vergessen und überwinden, weil es

sein ~muß~.«

»Und weshalb? ...«

Sie stockte einen Augenblick, in tödlicher Verlegenheit, weil sie

keine Antwort hatte.

»Weil ... und wenn Du Dich nun täuschst? Du hast ja kein Urteil. --

Wie kannst Du Dich binden? Mit welchem Rechte das Leben eines andern

Menschen an Dich ketten! Du weißt nicht, was es heißt: seine Freiheit

hingeben für alle, alle Zeit. Du bist ja noch so kindlich jung.«

»Ich liebe Mignon!«

»Wenn Du sie liebst, wirst Du nicht ein Versprechen geben wollen,

dessen Erfüllung nicht in Deiner Macht liegt. Mignon ist eben aus der

Pension gekommen. Du sagst, sie liebe Dich. Ich zweifle nicht daran,

daß sie Dich gern hat, aber gern, wie zwei Freunde sich haben.«

»Ich kann nicht anders.«

»Will, ich bitte Dich; Du hast mir so oft beteuert, daß Du mich über

alles lieb hast, daß Du bereit bist, für mich ~alles~ zu tun ..«

»Ja, Mama!«

»Und nun richte ich die erste wirkliche Bitte an Dich, und Du

verweigerst sie mir.«

»Martere mich doch nicht mit einer Bitte, die ich nicht erfüllen kann.«

»Und Du quälst mich mit Wünschen, die nie zum Glück führen können.«

Sie hatten sich nichts mehr zu sagen. Sie fühlten es beide, wie das

Band zerrissen war zwischen ihnen. Wie sie sich fremd gegenüber

standen.

Er warf sich in einen Sessel und spielte unruhig zupfend mit der

Quaste, während er nur mit halbem Ohre den Auseinandersetzungen der

Mutter folgte.

Alles in ihm empörte sich gegen den Widerstand, dem er bei ihr

begegnete.

Sie hatte keinen stichhaltigen Grund. Wie suchend ging sie im Zimmer

hin und her, und endlich fing sie wieder an ... immer dieselben Worte,

dieselben Gedanken. Aber Will hörte nicht darauf, er dachte nur immer

an Mignon.

Mutter!.. · 第 10 / 62 题