Ein Unrecht blieb es, ein Unrecht, daß sich ihm das Herz
zusammenkrampfte, und das er der Mutter nicht verzeihen konnte. Wie
konnte sie sich küssen lassen! ..
Und er hatte es gesehen, daß sie sich nicht im mindesten gewehrt
hatte, und dann, ~wie~ sie zu jenem aufgeblickt hatte, -- indes
sein armer Vater hier hilflos und verlassen saß. -- Ein unendliches
Mitleid überkam ihn, wenn er das bedachte.
Er selbst hatte dem Vater nie recht nahe gestanden. Er achtete und
ehrte ihn, aber eigentliche Kindesliebe hatte er nicht empfinden
können. --
Länger als eine Stunde bemühte er sich schon um ihn, als die Mutter
endlich heimkam, von Frau von Ruschwedel begleitet. Heute empfand
Willy ihre ihm oft so lästige Gegenwart wie eine Erlösung, da sie ihm
das Wiedersehen mit der Mutter erleichterte.
Schon nach wenigen Minuten brach die Frau Hauptmann auf, und die drei
blieben allein.
»Du bist heute so still, Willy!«
»Ich .. still? -- O nein.«
»Ja doch! -- Du bist auch ein wenig bleich. Fehlt Dir etwas, mein
Junge?«
Er schüttelte mit dem Kopfe.
Sie war zu ihm getreten, hatte den Arm um seine Schultern gelegt und
sah ihm in die Augen.
Er war nahe daran, ihr mit einer unmutigen Geberde zu wehren. Nur mit
Mühe bezwang er sich.
Aber allmählich, wie sie ihm schmeichelte, in ihrer Nähe, verflogen
all die schwarzen Gedanken wieder, die in ihm aufgestiegen waren.
Mit ihrer Vorsorge beschämte sie ihn derart, daß er ihr am liebsten
zu Füßen gefallen wäre, um sie wegen seines häßlichen Argwohns um
Verzeihung zu bitten.
Er stand wieder ganz unter dem Einflusse, den sie auf ihn ausübte.
Nur das eine berührte ihn unangenehm, daß sie ihren Besuch bei dem
Professor mit keinem Worte erwähnte, obgleich sie eingehend all ihre
sonstigen Besorgungen aufzählte.
Allein er wollte dem Verdachte nicht Raum geben, und auch Mignon
war eifrig bemüht, ihm die Gedanken zu widerlegen, wenn sie es auch
selbst nicht mehr vermochte, Frau Braun so unbefangen wie früher
entgegenzutreten.
Willy gegenüber verbarg sie ihre Unruhe und ihre Zweifel und suchte
ihn von der Spur abzulenken.
Er klagte sich an, daß seine Liebe zu Mignon mit schuld daran sei, daß
er die Mutter so verdächtigt habe.
Ihre Liebe zueinander hatte an Innigkeit durch all diese Vorgänge
zugenommen, und ihre Stellung zueinander veränderte sich dadurch
etwas, daß Mignon in Gegenwart von Frau Anna und ihres Vaters zu Willy
gesagt hatte:
»Gehst Du mit in den Garten?«
Die beiden andern hatten es gehört, allein sie schwiegen, bis Willy
kaum fünf Minuten später fragte:
»Soll ich Dir auch Dein Tuch holen, Mignon? Du erkältest Dich sonst.«
Diesesmal errötete Mignon.
Petri lachte und sagte:
»Ihr scheint ja endlich das Du eingeführt zu haben.«
»Oh nein!« versicherten beide eifrig.
»Laßt nur gut sein. Mir ist es nämlich ganz recht. Und wenn Sie auch
damit einverstanden sind, gnädige Frau, dann lassen wir die beiden
Brüderschaft schließen. Wenn jemandem das Du unwillkürlich auf die
Zunge kommt, ist es Zeit, es offiziell einzuführen. Also wenn Ihr
wollt ...«
»Gewiß, gern!« rief Willy.
Mignon nickte, als sei es ihr gleichgültig, und doch war sie froh, von
diesem Zwange befreit zu sein.
»So ist's recht. Wie Bruder und Schwester wollt Ihr zusammen sein,
nicht wahr?«
Frau Anna sagte kein Wort, allein sie war unruhig und sah den
Professor fragend an.
Dann sagte sie fast unmutig:
»Müssen Sie denn immer gleich jeder Laune nachgeben?«
Er lachte nur und sagte:
»Ich finde es sehr nett, daß, wenn zwei Leute sich gern haben, sie
auch Du zueinander sagen. Weshalb tut es nicht alle Welt? .. Es wäre
viel gescheiter.«
Damit war die Sache erledigt.
11.
»Weißt Du denn, weshalb Frau von Ruschwedel immer so viel von ihrem
Manne spricht?« fragte Mignon eines Tages im Laufe des Gespräches.
»Nun, weshalb?«
»Ich habe es von Minna, die heute ärgerlich war und ein paar Worte
fallen ließ. Das haben wir beide gewiß nicht gedacht ...«
»Und?«
»Ihr Mann ist eifersüchtig gewesen auf einen jungen Leutnant seiner
Kompagnie. Er hat ihn gefordert, und der Hauptmann ist in dem Duell
gefallen. Ist das nicht schrecklich?! ...«
Willy antwortete nicht gleich. Er dachte zurück, bei welchen
Gelegenheiten er mit ihr zusammengekommen war, und wie sie stets in
überschwänglicher Weise von ihrem Gatten gesprochen hatte.
Jetzt schien ihm, als ob dieser seltsame Kultus eine Art von Sühne
sein sollte, den er immer unangenehm empfunden hatte, weil es
scheinbar absichtslos sein sollte und doch so aufdringlich geschah.
Die Mitteilung regte in ihm wieder Gedanken an über die Beziehungen
des Professors zu seiner Mutter.
Es keimte in ihm langsam eine Abneigung gegen den alten Freund auf,
die sich in Kleinigkeiten Luft zu machen suchte.
Er zog sich von Petri zurück, obgleich dieser ihm gerade jetzt
ungemein herzlich entgegenkam. --
Lautner, der in der ganzen Zeit nur einmal draußen gewesen war, hatte
es sofort entdeckt und suchte Willy auszuforschen. Allein es gelang
ihm nicht, und er gab sich auch keine besondere Mühe, da er zu sehr
mit einer eigenen großen Arbeit beschäftigt war.
Willys Abneigung wuchs mit jedem Tage, und sie war bald derart, daß er
manchesmal brüsk das Zimmer verließ, wenn der Professor anwesend war.
So kam er aus einer fortwährenden seelischen Erregtheit nicht heraus.
Er war reizbar nervös.
Ein rascher Stimmungswechsel machte sich bei ihm bemerkbar,
unvermittelt sprang er im Gespräch von einem Gegenstande zum anderen
über und faßte im Augenblicke Sympathien und Antipathien, ohne sich
des Grundes klar werden zu können.
Die Liebe zu Mignon hatte große Schuld an diesem Zustande. Er mußte
sie vor der Mutter verheimlichen, und zugleich quälte ihn der
Zwiespalt, daß Mignon die Tochter des Mannes war, der ihn mit jedem
Tage mehr erbitterte.
Dabei pries sie bei jeder Gelegenheit den Vater und brachte Willy
durch ihre Bitten dahin, wenigstens äußerlich die alten Beziehungen zu
erhalten.
Das Leben hatte ihn zum erstenmale rauh gestreift, und er konnte sich
nicht so leicht in sein Traumland zurückfinden.
Es waren kaum vierzehn Tage vergangen, als sein eingeschlummerter
Verdacht aufs neue geweckt wurde. --
Er kam aus der Stadt heim, wo er für die Mutter eine Besorgung
ausgerichtet hatte.
Der Abend brach an, als er zurückkam. Die frostige Sonne war im
Untergehen, und ihre matten herbstlichen Strahlen zitterten nur noch
um die höchsten Spitzen der Bäume und die Dächer der Häuser und
liehen einer breiten weißen Wolke am Rande einen leichten rötlichen
Schimmer.
Er fand die Mutter nicht daheim. Das Mädchen meinte, die gnädige Frau
sei zur Frau Hauptmann von Ruschwedel gegangen.
Diese Nachricht berührte Willy unangenehm, denn er hatte sie
wiederholt gebeten, diesen Verkehr möglichst einzuschränken, vollends
seit er die Mitteilung von Mignon hatte.
Es schien ihm, als vergebe sie sich damit an ihrem Stolze.
Er ging mit dem kleinen Pakete in das Zimmer der Mutter und legte es
auf den Tisch, so daß sie es beim Heimkommen gleich finden mußte.
Dann setzte er sich in einen der seidenen Fauteuils und sah dem
sterbenden Widerscheine der Sonne zu, die mit jedem Augenblicke mehr
erblaßte.
Sein Blick flog durch das Zimmer.
Es war nicht groß, nur einfenstrig, und sah noch kleiner dadurch aus,
daß es mit Luxusgegenständen aller Art überladen war, die trotz ihrer
Verschiedenheit doch zu einem etwas bunten, aber harmonischen Ganzen
vereinigt waren.
Will hatte es das Geschenkzimmer getauft, denn all die vielfachen
Kunstgegenstände, die im Laufe der Zeit als Gaben bei festlichen
Gelegenheiten in das Haus gekommen waren und keinen Platz an anderer
Stelle finden konnten, hatten hier ihr Unterkommen.
Anna hielt sich gern in diesem kleinen Vorzimmer auf, einer Art
Boudoir, und an dem zierlichen hellen Damenschreibtisch, der eine
Fensterecke abschrägte, pflegte sie ihre Korrespondenz zu erledigen.
Am Boden lagen über dem großen Zimmerteppiche hie und da kleinere;
vor dem Schreibtische breit ein weiches graues Bärenfell, und in den
Zotten lag etwas vergraben, ein Stück zusammengefalteten Papieres.
Willy erhob sich, nahm es auf und setzte sich damit an den
geschlossenen Schreibtisch.
Es war ein Brief auf gelbem, stark geripptem Papier, von dem ein
leichter Duft von Heliotrop ausging, Heliotrop und Rosenholz.
Der Brief mußte alt sein, denn er war vielfach zusammengefaltet und
an diesen Stellen brüchig geworden, und schon beim ersten flüchtigen
Blicke sah man, daß die Tinte seit Jahren verblaßt war.
Will legte den Brief, der der Mutter entfallen sein mußte, vor
sich hin, ohne ihn genauer zu betrachten. Dabei las er jedoch die
Ueberschrift: Mein Herzlieb! --
Wer konnte das geschrieben haben? ..
Gewiß war es ein Brief aus ihrer Brautzeit. Er sah ihn an, ließ ihn
aber ruhig liegen. Allein der Gedanke, von wem der Brief sein mochte,
ließ ihn nicht los.
Er sah nach der Unterschrift, und im selben Augenblicke hatte er das
Gefühl, daß nur dieser Name dort stehen konnte. Aber ein anderes
erschreckte ihn: Dein Reinhold. Dieses Du und der Vorname. --
Dann fing er an zu lesen, ganz langsam, mit aller Mühe sich zwingend,
um den Inhalt nicht rasch zu durchfliegen.
Dann las er ihn zum zweiten Male, und immer dabei der Gedanke: wann
konnte dieser Brief, diese leidenschaftliche Klage, dieser brennende
Zweifel an ihrer Liebe geschrieben sein? --
Kein Datum, keine Andeutung, wie er das Blatt auch drehen und wenden
mochte.
Ein Geräusch im Nebenzimmer! ... Eiligst verbarg er den Brief in
der Brusttasche und trat an das Fenster, als ob er bis jetzt
hinausgesehen hätte in den schmucklosen Vorgarten, wo ein altes Weib
die welken Blätter langsam träge zusammenfegte.
Es klopfte! -- Nur der Diener, der nach der gnädigen Frau fragte und
einen Brief brachte, den ihm Willy abnahm und auf den Tisch legen
wollte, als er die Handschrift des Professors erkannte.
Und jetzt war er allein, mit diesem neuen Briefe in der Hand, und die
Versuchung trat an ihn heran, dieses Kuvert aufzureißen, um Gewißheit
zu erlangen, um ein Ende seiner Zweifel zu finden.