Dann sahen sie sich beide an. --

Sie hatte nicht jene krankhafte Farbe der Städterinnen. Ein leichtes

Goldbraun lag auf ihren Wangen, die Lippen waren sehr rot, und die

Augen schienen ihm schwarz zu sein.

Sie war groß und schlank, und alles an ihr atmete Gesundheit und

Lebensfreude.

Er hatte bei ihrem Aufstehen den Hut abgenommen und gegrüßt, blieb

aber unten stehen, so daß er die drei Stufen zu ihr aufblicken

mußte, während sie sich leicht auf die Krücke ihres Sonnenschirmes

stützte und ihn erwartungsvoll ansah, bis er endlich mit einem etwas

verlegenen Lächeln sagte:

»Wenn ich nicht irre, Fräulein Mignon ...«

Sie verbeugte sich leicht, sehr kühl, sehr vornehm, eben nur den Kopf

neigend, und sah ihn ruhig dabei an.

Er stand noch immer und hielt den Hut in der Hand.

»Der Herr Professor ist nicht hier?«

»Nein, mein Vormund ist nicht hier.«

Es zuckte leise um ihre Mundwinkel, allein sie beherrschte sich sofort

wieder und machte das ernsthafteste Gesicht; ganz Dame.

Weshalb er nur da unten stehen blieb und sie so anstarrte? ... Sie

wiegte sich ganz leise in den Hüften.

»Wollen Sie nicht Ihren Hut aufsetzen,« sagte sie endlich sehr

langsam. »Die Sonne brennt etwas.«

Was für eine weiche, wohlklingende Stimme sie hatte, die sich in das

Ohr einschmeichelte. Er lauschte noch immer auf den Nachhall, ehe er

erwiderte:

»Jawohl, es ist sehr drückend.«

Eben hatte er noch gefunden, daß es ziemlich kühl war; für ein

leichtes Sommerkleid, wie sie es trug, gewiß zu kühl.

Er setzte den Hut auf, und dabei fielen ihm die Dijonröschen ein,

die er in der Hand hatte. Er sah auf die Blumen nieder, und auch sie

folgte seinem Blicke.

»Wollen Sie sich mir nicht bitte vorstellen? ...« sagte sie nach einer

Weile, sehr leise und bescheiden, mit einem Neigen des Kopfes, als

müsse sie ihm diskret zu Hilfe kommen.

Jetzt fing er an zu lachen.

»Ach ja -- ganz recht! Ich bitte um Verzeihung: Willy Braun!«

Sie lachte mit ihm und streckte ihm rasch die Hand entgegen, während

er endlich die Stufen heraufkam und ihre Hand ergriff, eine zierliche

Hand, die aber die seine fest umschloß, kameradschaftlich fest, daß er

einen ganz energischen Ruck verspürte.

»Ich wußte gleich, daß Sie Will seien, aber weil Sie so dastanden ...«

Sie lachte übermütig, und indem sie mit der linken Hand ihr Haar

zurückwarf, setzte sie sich wieder und wies ihm den andern Stuhl zu.

»Weshalb blieben Sie denn nur da unten stehen? Fürchteten Sie sich vor

mir?«

»O durchaus nicht,« versicherte er lebhaft.

»Es sah aber beinah so aus. Sie wollten zu +père+ ... ah so,

ich sage so schon immer; denn Vormund, das geht doch nicht, -- und

Onkel klingt auch so dumm. Vater oder Papa geht erst recht nicht ...

+père!+ -- gefällt Ihnen das?«

»Ungeheuer!«

»Das verstehe ich nicht.«

»Ach so,« sagte er. »Ich meine, es gefällt mir sehr gut. Ungeheuer --

das ist ein Studentenausdruck.«

Sie lachte.

»Ich habe immer gedacht, Ungeheuer sei ein großes Untier im Märchen,

mit dem man kleinen Kindern bange macht. Haben Sie noch mehr solch

drolliger Ausdrücke?«

»Wenn Sie wollen, einen ganzen alten Hut voll.«

Sie lachten beide, und der Bann der Verlegenheit war gebrochen.

»Wissen Sie, wie Sie dagestanden haben?« fragte sie und sah ihn

schelmisch an.

»Nun, wie denn?«

»Sehen Sie ... so!«

Sie ergriff ihren Hut, sprang die drei Stufen hinunter, stellte sich

dort, den Hut in der Hand haltend, hin und sah zu ihm auf, indem sie

die Augen verdrehte, bis daß sie genug gelacht hatten.

»Ich habe Sie gleich erkannt, im ersten Augenblicke,« sagte Mignon.

»+Père+ hat mir so viel von Ihnen erzählt. Ich kenne alle

Bilder von Ihnen ... eins, da sind Sie erst ein Jahr alt, im kurzen

Kinderkleidchen, mit solchen Pausbacken. Ich finde, das ist ganz

reizend.«

»So?« fragte er, sehr verlegen im Gedanken an das Bild.

Sie errötete leicht und fuhr fort:

»Eigentlich weiß ich ~alles~ über Sie, und +père+ hat mich

ordentlich neugierig gemacht. Heute früh sind wir schon drüben bei

Ihnen gewesen. Ich habe Ihre schöne Mama schon ~sehr~ lieb. Ich

weiß ja gar nicht, was es heißt, eine Mutter haben, aber ich denke

mir, daß es sehr schön sein muß ... Sie haben Ihre Mama sehr lieb ...«

Er nickte nur -- und dann fielen ihm die Rosen ein.

»Sehen Sie, Mama hat auch gleich an Sie gedacht. Als ich fortging, gab

sie mir diese Rosen: ich sollte sie dem geben, der mir der Würdigste

scheine. -- Darf ich sie Ihnen geben? ...«

Sie schlug ihre großen, geheimnisvoll dunklen Augen zu ihm auf und

nahm die Blumen ohne Ziererei.

»Aber ich will sie Ihnen nicht alle nehmen. Warten Sie ... so! ..«

Sie nahm die schönste und gab sie ihm zurück.

»Die müssen Sie selbst behalten.«

Er versuchte die Rose im Knopfloch zu befestigen, allein es ging nicht

gut.

»Wollen Sie eine Stecknadel? ..«

Sie war im Begriff, ihm eine Nadel zu geben, als sie sich plötzlich

besann und sie mit rascher Bewegung hinter sich warf.

»Nein!« sagte sie zur Erklärung, als er sie erstaunt ansah, »ich

gebe Ihnen lieber keine. Ich glaube nicht daran, aber man sagt, es

zersteche die Freundschaft. Und wir wollen gute Freunde werden, nicht

wahr?«

Sie reichten sich fast gleichzeitig die Hände. Und indem er so vor ihr

stand und ihr treuherzig in die Augen blickte, sagte er:

»Ja, das wollen wir: gute Freunde werden!«

»Na, Kinder?« ließ sich eine frische, kräftige Stimme hören: »Ihr

scheint ja schon gute Bekanntschaft gemacht zu haben. Das ist recht

... Da brauche ich nicht erst viel dreinzureden.«

Der Professor stand vor ihnen und reichte ihnen die Hände hin, während

sich Mignon an ihn schmiegte und er ihr einen Kuß auf die Stirn

hauchte.

»Ja!« sagte Mignon. »Herr Braun hat mir gleich als erstes

Freundschaftszeichen diese Rosen mitgebracht.«

»Das ist recht. Aber hört mal, Kinder, eines gefällt mir nicht. Ich

bitte mir aus: nichts von Herr und Fräulein. Ich nenne Euch beide

Du, und da will ich von Förmlichkeiten nichts wissen. Also >Willy<

und >Mignon< und nicht: >mein Herr< und >gnädiges Fräulein<! --

Einverstanden? ...«

Sie nickten und gaben sich die Hand.

»Seht ihr, so ist's recht. Ich hoffe, ihr werdet recht gute Kameraden.

-- Und nun kommt zum Frühstück, sonst wird unsere gute Minna

ärgerlich, die sich gar nicht hineinfinden kann, daß wir gleich am

ersten Tage zu Tisch nicht daheim sind. Aber das wird sich schon

geben. Also kommt!«

Mignon nahm ihr Buch, und sie gingen ins Haus, wo in dem Jagdzimmer

das Frühstück bereit stand; ein eichengetäfeltes Gemach, in dem sich

die Jagdtrophäen befanden, die Petri gelegentlich erbeutet hatte. Ein

paar Hirschgeweihe, darunter ein Zwölfender, das Gehörn einer Gemse

und ein großer ausgestopfter Steinadler zwischen zwei Reihern in

Glaskästen. An den Wänden alte, wertvolle Waffen und in Schränken eine

kleine auserlesene Bibliothek.

»Ich habe großen Hunger, +père+. Ihr werdet nicht viel behalten.«

Einer alten Gewohnheit gemäß saß Fräulein Minna mit am Tische, allein

alle Augenblick stand sie auf, um etwas zu besorgen und herbeizuholen

oder den anderen vorzulegen, die gemütlich miteinander plauderten.

Der Professor lehnte sich in den schweren Eichenstuhl zurück und

blickte von einem zum anderen.

Wie gut sie zusammen paßten, und wie schnell sie miteinander Freund

geworden waren. Ein Gefühl unendlicher Zufriedenheit überkam ihn.

»Ich glaube, Mignon,« sagte er endlich, »Du bist fast eine kleine

Französin geworden. Hoffentlich verliert sich das in der deutschen

Luft recht bald.«

Sie verteidigte sich eifrig, was für eine gutdeutsche Patriotin sie

sei.

»Dann wollen wir Dich von jetzt ab Mariechen nennen.«

»Ach, +père+, lieber möchte ich ja sterben.«

»Nun ... nun! nur nicht gleich allzu tragisch. Es bleibt schon bei

Mignon. Aber nun könntet Ihr noch ein wenig in den Garten gehen. Ich

habe ein paar Briefe zu schreiben.« --

Petri sah ihnen nach, wie sie unter den herbstlich gefärbten Zweigen

der Bäume langsam, wie alte Freunde hinschritten.

Er drehte sich um, denn die alte Minna seufzte, und wandte sich vom

Fenster ab. Er sah sie erstaunt an, aber sie zuckte nur mit den

Schultern, als wolle sie alle Schuld von sich abwälzen, und verließ

das Zimmer.

Er war versucht, ihr etwas zu sagen; allein er unterließ es lieber und

setzte sich an den Schreibtisch.

Dann speisten sie in der Villa Braun zu Mittag; aber eine rechte

Stimmung wollte nicht aufkommen, nur die beiden jungen Leute fühlten

es nicht, da sie beständig miteinander plauderten. Doktor Braun war

nicht recht aufgelegt, und Frau Anna verhielt sich ungewöhnlich

schweigsam. Kaum daß sie sich durch einen Einwurf am Gespräch

beteiligte. Nur zuweilen kreuzten sich ihre Blicke mit denen Petris.

Am Nachmittage unternahmen sie eine gemeinschaftliche Spazierfahrt,

allein jeder schien mit seinen Gedanken beschäftigt zu sein. --

Gleich nach dem Abendessen trennte man sich, da Mignon anfing zu

ermüden.

Willy blieb noch bei der Mutter. Allein sie legte sich auf die

Chaiselongue, und er ging im Zimmer auf und ab, setzte sich dann in

einen Sessel und zupfte an der seidenen Quaste, aber sie sprachen kein

Wort miteinander. Es war, als trauten sie sich nicht, über Mignon zu

plaudern.

Und dieses befremdliche Schweigen lag drückend auf ihnen beiden, aber

keiner wagte es zu brechen.

Endlich wurde es Willy zu unheimlich in dem stillen Salon und er nahm

Abschied.

Ehe er heimging, sah er noch einmal nach dem andern Hause hinüber,

wo ein paar Fenster erhellt waren. Ueber dem Dache standen frostklar

die zitternden Sterne und eine kleine zarte Wolke, wie eine luftige

Flaumfeder, schob sich langsam an der Lichtscheibe des ruhigen

Vollmondes vorbei.

9.

Eines Tages überraschte Willy seine Mutter mit der Mitteilung, daß er

sich entschlossen habe, bis zum Anfang des Semesters, im November,

ganz nach Charlottenburg herauszuziehen.

Sie hörte ihn schweigend an und sagte anfangs kein Wort zu der

Begründung, die er vorschob. Sie wußte, daß ihn nichts anderes

hertrieb als das Bestreben, Mignon nahe zu sein.

Er hatte die paar Wochen hindurch jeden Tag draußen zugebracht und

behauptete jetzt, er käme besser zum Arbeiten.

Er hatte es nicht bemerkt, wie sie ihn voller Angst angesehen hatte.

Er wollte es sich auch nicht eingestehen, daß ihn alles zu Mignon

hinzog und er sich der Mutter mehr und mehr entfremdete.

Auch jetzt noch brachte er ihr gewohnheitsmäßig Blumen mit, aber für

Mignon hatte er immer schönere ausgewählt, und ein paarmal vergaß er

die für die Mutter völlig.

Als er ihre Einwilligung erhalten hatte, war er fortgeeilt, um Mignon

aufzusuchen.

Er fand sie im Atelier auf dem Diwan, ganz versunken in die

Betrachtung eines Abgusses der Meduse, den sie mit einem fast

unheimlichen Interesse studierte.

Ein Sperling mußte durch die offene Tür gekommen sein. Er flatterte

mit ängstlichen Flügelschlägen unter dem Glasdache hin und stieß

heftig gegen die Scheiben, bis er sich endlich ermattet fallen ließ.

Sie sah sich nach dem verplusterten Vogel um und wollte ihn zur Tür

hinaustreiben, als sie Willy bemerkte.

Sie erschrak etwas, streckte ihm aber dann lachend die Hand hin.

»Ach, Sie sind's nur. Guten Tag, Will.«

»Ich habe Ihnen eine Neuigkeit mitzuteilen.«

»Sie machen mich ganz neugierig.«

»Von heute ab bin ich Ihr Nachbar. Ich mache Ferien und ziehe nach

hier heraus.« --

»Wirklich? -- Ach, das ist prächtig. Das ist wirklich ein gescheiter

Einfall, für den ich Ihnen sehr danke. Dafür sollen Sie nun auch mein

Geheimnis erfahren. Wissen Sie, was ich tue?«

»Nun?«

»Ich lerne Bildhauer, wie Ihr hier so schön sagt. -- Passen Sie mal

auf!«

Sie eilte zu einem Bossierschemel und nahm vorsichtig die feuchten

Tücher von einer angefangenen Arbeit ab.

»Kann man schon sehen, was es wird?«

»Ich glaube, eine Kuh.«

»Wirklich? -- Man sieht es schon? Ach, das ist famos. +Père+

sagte, das sei Unsinn, das könnte ich nie. Und dann sollte ich nach

einem Modell arbeiten. Dazu hatte ich gar keine Lust. Haben Sie mein

Skizzenbuch schon gesehen? -- Nein? -- Muß ich Ihnen zeigen. Lauter

Kühe, das sind meine Lieblingstiere. Sehen Sie mal, die wird fast

ein Meter lang. Ich gehe immer zu Schiffer Peters und studiere an

seiner Kuh. Schade, daß ich sie hier nicht herbringen kann. Aber

+père+ sagt, sein Atelier sei kein Kuhstall. Er interessiert sich

für Tierstücke so gar nicht. -- Wenn Sie wollen, können Sie mich jetzt

begleiten. Also, man sieht wirklich, daß es eine Kuh wird? ..«

»Ja, wenigstens an den Hörnern.«

»Ach was, spotten Sie nur. Und wenn es die Leute auch für einen

Esel halten. Mir macht es eben Spaß. Und dann ist es so nett, mit

+père+ zusammen zu arbeiten. Es interessiert mich ungeheuer.

Wir reden immer furchtbar gelehrt, vom Unterschied und der Bedeutung

der Skulptur und Malerei, und dann über alles, was ich gelesen habe.

Anfangs wollte +père+ nicht, daß ich ohne seine Erlaubnis ein

Buch nahm. Jetzt kann ich lesen, was ich will. Er meint, mir schade

es nicht, ich sei viel zu vernünftig. Ach, und ich möchte einmal so

recht, recht unvernünftig sein. Doch jetzt kommen Sie rasch zu Peters

... rasch ... rasch ...«

Damit eilte sie davon und warf mit den Füßen das Laub auf, das jetzt

voll in allen Wegen lag, so daß einzelne Bäume schon ganz kahl waren.

--

Mignon hatte mit ihrem scharfen, durchdringenden Verstande sofort

erkannt, daß Willy ihrethalben herauszog.

Und dieses Bewußtsein erfüllte sie derart mit Freuden, daß sie wie

toll darauf los plauderte, denn sie hatte Will ebenso lieb gewonnen

wie er sie.

Aber sie ließ nie ein Wort fallen, keine Bewegung, die sie verraten

konnte, während sie andererseits Willy völlig durchschaute.

Instinktmäßig fühlte sie, daß er zwischen ihr und der Mutter

schwankte, daß diese Liebe ihn beunruhigte und er sich den Vorwurf

machte, daß seine Gedanken fast ausschließlich Mignon galten.

Er ging jetzt stillschweigend neben ihr her. Aber dieses Schweigen

brachte sie einander näher als die beredtesten Worte. Es war wie ein

geheimnisvoller Austausch ihres Gefühlslebens, und es wagte keiner die

Stille zu unterbrechen.

Dann besann sie sich wieder auf sich selbst, und ganz plötzlich, um

ihn zu erschrecken, fragte sie:

»An was denken Sie eben?«

»Ich ... ich dachte an Sie, Mignon.«

»An mich? .. Da könnten Sie auch was Gescheiteres tun. Nein, sind Sie

heute komisch!« --

Sie sagte es im lustigsten Tone, aber sie konnte doch nicht hindern,

daß sie bei seinen Worten errötete und ihr Herz einen Augenblick

schneller schlug.

Dann hatte sie sich wieder bezwungen und lief am Kanale entlang, daß

er ihr kaum folgen konnte, bis sie zu Schiffer Peters kamen, an ein

kleines, verfallenes Häuschen. Die Frau war allein daheim mit den drei

kleinen Kindern, die Mignon, trotz ihrer Schmutznäschen, der Reihe

nach hochhob.

Sie trieb sich noch eine ganze Weile in der niederen, raucherfüllten

Küche herum, dann wurde die Kuh bewundert, und langsamer schlenderten

sie jetzt heim.

Wie ein unausgesprochenes Geheimnis lag es zwischen ihnen, ein

Geheimnis, das ihnen beständig auf die Lippen trat, das sie sich an

den Augen ablasen und dem sie doch keine Worte zu verleihen wagten.

Wenn es je zu kommen drohte, machte Mignon der Gefahr stets ein Ende.

--

Denn eine geheime Furcht quälte sie schon seit langem, aber erst in

der letzten Zeit war die Frage immer deutlicher in ihr aufgetaucht.

Sie wußte von ihren Eltern so gut wie gar nichts.

Und sie hatte wohl gemerkt, daß ihr Vormund ihren Fragen auszuweichen

suchte.

Sie hatte mit einer Pensionsfreundin einmal darüber gesprochen, als

sie der Gedanke zum Weinen gebracht hatte, daß sie allein in der

Welt stand; und jene, von Natur romantisch veranlagt, hatte hinter

dem halben Dunkel ein interessantes Geheimnis gewittert, das ihre

Phantasie mit den lebhaftesten Farben ausschmückte.

Eines Tages, ganz unerwartet, als sie beide, die in einem Zimmer

schliefen, sich eben hingelegt und das Licht gelöscht hatten, sagte

sie:

»Du, Mignon ... weißt Du, was ich glaube? ...«

»Nun, was denn.«

»Der Professor ist gar nicht Dein Vormund! .. Er ist Dein Vater.« --

Seitdem hatte dieser Gedanke sie nicht mehr verlassen, aber sie hatte

ihn im innersten Herzen geheim gehalten.

Einmal mußte der Tag kommen, an dem sie alles erfuhr. Petri hatte sie

auf eine direkte Frage vertröstet für später: sie sollte erst älter

sein, ehe sie alles erfuhr.

Jetzt wartete sie seit Tagen auf den geeigneten Augenblick, um sich

von ihren Zweifeln zu befreien. Und endlich kam ein Abend, an dem sie

den Mut fand. --

Der Oktober ging seinem Ende zu und mit ihm der anfangs so sommerlich

scheinende Herbst. Tagelang war der Himmel von trüben Wolken ganz

bedeckt, daß die Sonne nicht durchbrechen konnte.

Nebelhafte Dämmerung herrschte und oft regnete es Stunden

ununterbrochen.

Gegen Abend sauste der kalte Herbstwind durch die immer nackter

werdenden Bäume und warf heulend und brausend seine Regenmassen an die

Scheiben, daß es gegen die Fenster klatschte und mit dumpfen Tönen in

den Dachrinnen polterte.

Hie und da klapperte ein Fensterladen, und als Grundmotiv das stete

Sausen und Rauschen der sich biegenden Aeste, die vor der Gewalt des

Sturmes ächzten und knirschten.

Reinhold Petri und Mignon waren allein in dem dunkelgetäfelten

Gemache. Der Professor rauchte wie gewöhnlich abends nach Tisch seine

Pfeife.

Fräulein Minna hatte Schmerzen in allen Gliedern und hatte sich

deshalb frühzeitig schlafen gelegt.

Mignon saß am Fenster und blickte in den Sturm hinaus. Sie sah nur die

in der Nähe stehenden Bäume sich gespenstisch hin- und herbewegen.

Sonst war alles in tiefschwarze Nacht getaucht.

Petri hatte ein Buch vor sich. Er las eifrig, weil er behauptete, die

Beschäftigung mit anderen Zweigen der Kunst sei am fruchtbringendsten

für die eigene Phantasie.

Zuweilen stieß er dichte Rauchwolken aus seiner Pfeife, die das Gemach

bald mit bläulichen und grauen Streifen erfüllten und sich langsam

unter die verhängte Kuppel der Lampe zogen, wo sie in heftig zitternde

Bewegung gerieten, unter die Glocke tauchten und am Zylinder entlang

streifend zur Decke strebten.

Hier an dem schweren viereckigen Tische mit der farbig gemusterten

Decke und den herumstehenden hohen, eichengeschnitzten Lehnstühlen

war ihr Lieblingsplatz am Abend. Das Zimmer lag nach hinten, dem

Garten zu, und von außen drang kein Laut in die tiefe Einsamkeit. Nur

der Sturm brauste und heulte ohne Unterlaß. Das brachte die Stille im

Hause nur noch mehr zur Empfindung.

Zuweilen warf der Professor über sein Buch weg einen Blick zu Mignon

hinüber, allein sie regte sich nicht, und er las weiter, bis er

endlich aufsah und nun ihrem Blicke begegnete.

Sie stand auf und ging auf ihn zu.

»Bist Du müde, Mignon? ...«

Sie lächelte und schüttelte den Kopf. Dann ließ sie sich ihm zu Füßen

nieder, legte die Arme auf seine Knie und sah zu ihm auf, -- und erst

nach langer, langer Pause fragte sie:

»+Père+, darf ich Dich einmal um etwas fragen, um etwas, auf das

ich keine Antwort finden kann?«

»Was denn, Mignon?«

»Sieh, +père+, ich bin doch ein vernünftiges Mädchen ...«

»Ja, das bist Du, Du gutes Kind.«

Seine Hand fuhr liebkosend über ihr dunkles Haar, das er ihr ein wenig

aus der Stirn strich.

»Nicht wahr, +père+, ich bin alt und verständig genug. Und es

quält mich so, ich kann es Dir gar nicht sagen: Wer ist mein Vater und

wer meine Mutter? ..«

Er schwieg und sah über sie fort, und sie fühlte, daß er mit einem

Entschlusse rang.

»Nur einmal hast Du mir gesagt, daß mein Vater ein Maler war, den Du

in Paris kennen gelernt hast, ein guter Freund von Dir. -- Aber von

meiner Mutter weiß ich nur, daß sie gestorben ist, kurz nachdem ich

geboren bin. Und dann habe ich das kleine Bild, das Du mir einmal

gegeben hast. -- Hast Du meine Mama gekannt? ... Ja, +père+? ..

Erzähle mir von ihr, bitte!«

Er hatte ihre Hand losgelassen und blickte sie nicht an.

Der Sturm warf einen prasselnden Regenguß an die Fensterscheiben, und

dann pfiff er wimmernd um das Haus mit langgezogenen ächzenden Tönen.

»Du hast Mama gekannt? ..«

»Ja, Kind, ich habe sie gekannt.«

»Und Papa? .. +Père+ ... sieh mich einmal an ... so sieh mich

doch an ...«

Sie schmeichelte es ganz leise, und sich halb aufrichtend, umschlang

sie mit beiden Armen seinen Nacken, und leise flüsterte sie, fragend

leise:

»Papa! ..«

Und dann lag sie an seiner Brust -- denn nun wußte sie es ... und er

preßte sie an sich mit überströmender Zärtlichkeit und sagte mit einer

Stimme, die ihr durch und durch ging, so lieb und innig:

»Mein Kind ... mein Kind ...«

Sie fühlte es heiß auf der Stirne, und als sie aufblickte, sah sie die

Tränen, die sie ihm von den Augen küßte, während sie an seiner Brust

lag und schluchzte:

»Vater! .. mein lieber, lieber Vater! ..«

Und nun konnte sie es nicht länger halten, eine jauchzende Freude:

»Ich habe es ja gewußt, ich habe es gehofft in all der Zeit. Aber ich

wagte nicht zu fragen. Denn wenn ich mich irrte, wenn es doch nicht so

war ... Es wäre ja zu traurig gewesen. Aber jetzt weiß ich es, jetzt

habe ich Dich -- und ich lasse Dich nicht mehr, Du mein lieber, guter

Papa.«

»Siehst Du, Kind,« sagte er und fuhr sich über die Augen, »Du weißt

ja nicht, was ich zu dulden gehabt habe. Wie oft habe ich Dir alles

sagen wollen und mußte dann wieder zaudern und zaudern. Du solltest

erst älter werden, damit Du mir leichter verzeihen konntest, wenn Du

zu begreifen imstande warst. Aber daß ich Dich nun so neben mir hatte

und es Dir nicht sagen, es der Welt nicht gestehen durfte, daß Du mein

Kind seiest, -- das hat mir bitter am Herzen gefressen, -- Du solltest

über Deine Mutter nicht schlecht denken, denn Du hättest ja erfahren

müssen, daß sie nicht mein Weib war. Ich galt als Dein Vormund, und es

war zu spät, diese Lüge wieder gut zu machen. Nicht wahr, Du hast mich

deshalb nicht weniger lieb? -- Habe ich nicht alles für Dich getan, --

oder hast Du jemals Deinen Vater vermißt?« --

»Nein, Väterchen, niemals!«

»Wie das damals alles so mit Deiner Mutter kam, Kind, ... es ging eben

nicht anders. Siehst Du, ich war eben ein wenig bekannt geworden, ein

junger unsicherer Ruhm, und ich setzte alles aufs Spiel. Wäre Hedwig

am Leben geblieben, sie wäre gewiß und wahrhaftig mein Weib geworden.

Aber damals konnte ich nicht, -- ich konnte nicht. Du weißt ja nicht,

wie es wirklich in der Welt zugeht ... Hedwig war ein einfaches

Mädchen, das nicht daran gedacht hatte, ich könne sie einmal heiraten.

Ja, als ich davon einmal sprach, wehrte sie fast schroff ab. Und im

stillen hoffte ich auf später, und als das Später kam, da stand ich

mit Dir allein in der Welt.«

Er schüttelte plötzlich wie voller Unmut den Kopf, und indem er Mignon

fester an sich zog, fuhr er fort:

»Nein, ich will Dir jetzt nichts mehr verschleiern. Du bist mein

braves, starkes Mädchen, und Du sollst alles wissen, auch wenn Du

mich dann vielleicht nicht mehr so lieb haben kannst als jetzt. --

Ich hatte vorher eine andere geliebt, eine schöne stolze Frau. In den

Gesellschaftskreisen, denen sie angehörte, war sie tonangebend.

Ich hatte ihr wie so viele gehuldigt, und dann hatte sie mir zu einer

Büste gesessen. Ich weiß, daß ich niemals etwas Besseres geschaffen

habe, ich wußte es damals schon, und auch sie wußte es. Sie hat alles

getan, um mir zu meinem ersten, bescheidenen Ruhme zu verhelfen. Ich

danke ihr viel, unendlich viel, vielleicht ~alles~. Die Aufnahme

des Werkes drohte an einer Intrige zu scheitern. Sie setzte alles in

Bewegung -- und wir siegten: ich wurde aufgenommen. -- Diese Frau

nun, die ich einst sehr geliebt hatte, sie glaubte sich noch immer von

mir geliebt, und ich ... ich wagte es nicht, ihr zu sagen, daß ich

alles für sie empfand: Dankbarkeit, eine unbegrenzte Verehrung, nur

keine Liebe ... daß ich eine andere liebte, auf die sie verächtlich

herabgesehen hätte, weil sie ihre bescheidene Größe niemals verstehen

konnte, weil diese beiden Frauen nichts -- aber auch gar nichts

miteinander gemein hatten. Ich fühlte schon bei dem bloßen Gedanken

den Hohn, mit dem sie mich behandeln würde, den Hohn, mit dem sie über

Deine Mutter urteilen würde. Ich wußte, wie leidenschaftlich sie war,

daß sie alles in Bewegung setzen würde, um mir meine Stellung wieder

streitig zu machen, um mich zu stürzen. Sie wäre die erste gewesen,

die vor aller Welt Deiner Mutter als meinem Weibe die Tür ihres Hauses

verschlossen hätte, so wenig Recht gerade ~sie~ dazu hatte. Ich

sah im voraus, wie ihr Stolz, ihre gekränkte Eitelkeit sich rächen

mußten, und -- schwieg. Ich schwieg, weil ich den Mut nicht hatte, ihr

die Wahrheit zu sagen ... So ganz stand ich in ihrer Macht, daß ich

sie in dem Glauben ließ, als sei alles noch wie früher. Es wäre für

mich ein endloser Verzweiflungskampf geworden, in dem der Künstler

vielleicht untergegangen wäre, und ich konnte meine Kunst nicht zum

Opfer bringen. Ich war so feige, daß ich zu allem bereit war. -- Wenn

Deine Mutter nur ein einziges Wort gesagt hätte, Kind, ein einziges

Wort, ich hätte ja den Mut gefunden. Sie wußte alles, alles, -- aber

sie schwieg, sie forderte nichts, sie gab nur immer; mit offenen

Händen schenkte sie alle ihre Liebe, und sie verlangte nichts für

sich. Sie ahnte, was ich in diesem Zwiespalt zu leiden hatte, und sie

sagte kein Wort. Und ich ... ich hoffte auf die kommende Zeit, ich

betrog mich selbst -- bis ich endlich entschlossen war. Ich ertrug es

nicht länger. Es sollte alles klar werden! -- Da kamst Du zur Welt,

und es war zu spät. Am andern Tage starb Deine Mutter.«

»Papa!«

Sie zitterte wie voller Angst und fuhr ihm schmeichelnd um Wangen und

Bart. Am liebsten hätte sie ihn angefleht zu schweigen, ihr das alles

nicht zu erzählen, und doch wollte sie alles wissen.

»Ja, Kind, es war zu spät! .. Und dann blieb alles, wie es war. Jene

andere hatte wohl von Hedwig etwas erfahren, aber das beunruhigte sie

nicht weiter. Von ~Deinem~ Dasein wußte sie nichts. Erst viel

später, nach Jahren, in denen ich Dich wie versteckt vor ihr gehalten

habe, hat sie es endlich erfahren. -- Wie recht hatte ich gehabt. Sie

war wie wahnsinnig, sie tobte und wütete, aber sie hatte keine Macht

mehr über mich, weder über den Künstler noch den Menschen. Und so

mußte sie sich denn beruhigen, und sie hat es getan ...«

Mignon regte sich nicht. Mit zitternden Händen hatte sie sich an ihn

geklammert, und er sprach über sie hinweg, als sei sie nicht bei ihm,

er sprach nicht zu seinem Kinde, er sagte sich das alles selbst.

»Ich habe sie geliebt, ehe ich Hedwig fand. Aber die Frau war nicht

mehr frei, -- und es war nicht gut.«

Mignon schauerte leise zusammen, dann fragte sie, und ihre Blicke

hingen an seinen Lippen:

»Lebt sie noch, diese Frau?«

»Ja, sie lebt noch.«

»Frau Anna Braun!«

Sie hatte es vor sich hingesagt, weil sie mußte. Und jetzt fühlte sie,

wie sich seine Finger um die ihren krampften.

»Wer sagt das? ...«

»Ist sie es ~nicht~?« fragte sie scheu.

Er schwieg eine ganze Weile, daß man den Sturm hörte. Dann war es

einen Augenblick still, so still, daß man das einförmige Ticken der

großen Wanduhr hörte.

Dann sagte er ganz ruhig:

»Ja, sie ist es. Anna Braun!«

»Als du eben von der Frau sprachst, sah ich sie vor mir, wie sie mich

am ersten Tage empfangen hat. Wärst du nicht dabei gewesen, so hätte

ich ihr nicht die Hand gegeben, so eisig kalt und abweisend hat sie

mich angesehen. Ich glaube, an dem Tage hat sie mich gehaßt. Jetzt ist

sie gut zu mir, und ich habe sie sehr lieb. Ich kann es mir denken,

wie man sie lieb haben muß. Ich sehe ja, wie Will sie lieb hat ... Sie

muß einmal sehr schön gewesen sein.«

»Ja, sie war sehr schön, daß man um sie schon eine Feigheit begehen

konnte. Aber wie schön sie auch immer war, ich habe Hedwig geliebt,

anders, ganz anders, aber doch vielleicht mehr als die andere. Du

weißt ja nicht, Kind, was für ein seltsam doppelzüngig Ding das

Menschenherz ist, und wie man lügen kann um der Wahrheit willen; und

wie man sich selbst belügt und betrügt und niemals den Mut findet,

sich und andern diese Täuschung einzugestehen. So ist es gewesen,

Kind, und wird es bleiben, solange Menschen leben. Denn die Menschen

halten sich immer für besser, als sie sind, und wenn sie nachher

eingesehen haben, aus was für einem Stoffe sie gemacht sind, dann

erfinden sie kluge Entschuldigungen für alles. Mögest du nie erfahren,

wie viel Lüge in dem Worte Liebe verborgen ist. -- Du hast heute Dinge

erfahren, Kind, die sonst kein Mensch weiß, Dinge, die zuviel sind

für Dein liebes, gutes Herz. Vergiß sie wieder, vergiß das alles;

denn es sind Geheimnisse, die den Tod in sich tragen, wenn sie unter

die Menschen kommen. Auch zwischen uns beiden niemals mehr ein Wort

darüber. Ich bitte Dich darum ... Es ist vorbei und soll vorbei sein.«

»Ja, Vater! Aber nun erzähle mir auch von der Mutter.«

Sie setzte sich ihm halb zu Füßen, und den Kopf an ihn lehnend,

lauschte sie seinen Worten. --

Er erzählte ihr, wie Hedwig in das Haus gekommen war. Sie war eine

Nichte Minnas gewesen, bei der sie die Wirtschaft lernen sollte, ein

bescheidenes, stilles Mädchen, das er anfangs ganz übersehen hatte.

Dann entdeckte er eines Tages, wie hübsch sie war, und zugleich, wie

gern sie ihn hatte. Von da an schenkte er ihr mehr Aufmerksamkeit,

denn ihre Liebe rührte ihn, und so lernte er sie lieben, bis die

andere darüber vergessen war.

Frau Anna war auf ein paar Monate fortgewesen, und als sie wiederkam,

gehörte er Hedwig mehr als ihr.

Während er stockend erzählte, in abgerissenen Sätzen, tastend, weil

immer neue Erinnerungen auftauchten, all die einzelnen Bilder jener

Zeit sich ungeordnet vor seine Seele drängten, -- während er es

versuchte, ihr begreiflich zu machen, wie das alles gekommen war, saß

sie ihm zu Füßen, und Tränen stiegen in ihr auf, aber sie waren nur

ein Gefühl des Glückes, den Vater gefunden zu haben.

Sie grübelte nicht nach, sie urteilte nicht, denn sie reichte mit

ihrem Kinderherzen nicht an diese Dinge heran. Und als er zu Ende

war, warf sie sich an seine Brust und sie hielten sich lange wortlos

umschlungen.

Dann plauderten sie von der Zukunft, denn jetzt sollte alles gut

werden, nun, da kein Geheimnis mehr zwischen ihnen stand. --

Es war Mitternacht vorüber, als sie sich endlich trennten.

Petri blieb noch lange wach, unruhig im Zimmer auf- und abgehend.

Jener Satz, den er vorhin wie achtlos hingeworfen hatte, von der

Doppelzüngigkeit des menschlichen Herzens, fiel ihm schwer auf sein

Denken.

Er hatte die beiden Frauen gleichzeitig geliebt. An die eine ketteten

ihn Hunderte von Erinnerungen, die unlösbar schienen. Die Neigung

hatte zu tiefe Wurzeln geschlagen.

Und die andere Liebe hatte jenen bestrickenden Reiz der Neuheit, der

nur zu oft den einzigen Anlaß zu einer neuen Neigung bildet.

Er liebte Hedwig, aber er sah auf sie herab; sie konnte sein Leben

nicht ausfüllen. Er war sich zu gut bewußt, daß sie in ihrem innersten

Wesen nicht zueinander paßten. Er dachte viel zu modern, er war vor

allem Künstler und liebte seine Freiheit und seine Kunst.

Und jene andere war das Weib seines Freundes gewesen, und sie hatten

sich beide mit einer spitzfindigen Moral darüber hinweggetäuscht, daß

es eigentlich ein Verbrechen war, was sie begingen.

Sein Künstlerstolz hatte ihm damals darüber hinweggeholfen, in dem

Gefühl, daß er sich seine eigenen Gesetze schaffe und denen der

Menschen nicht unterworfen sei.

Jetzt wußte er, wie jämmerlich es mit dieser Größe bestellt war.

Er verglich die beiden Frauen miteinander, und dann dachte er an

Mignon, und um derentwillen erschien ihm seine Liebe zu Hedwig in viel

reinerem Lichte.

Es kam über ihn wie eine Art Entsühnung. Die Liebe, die er jetzt für

Mignon hegte, übertrug er auf die Vergangenheit, daß ihm alles in

freundlicherem Lichte erschien, als es vielleicht gewesen war, und

er fand vor sich selbst die Entschuldigung, nach der er so oft in

einsamen Stunden vergebens gesucht hatte. --

Und während er drunten in sorgenden Gedanken auf und ab wanderte,

lag Mignon droben in ihrem Stübchen, die heiße Stirn an die kalten

Scheiben gepreßt, und sah nach der Villa hinüber, wo Frau Anna Braun

wohnte, und dachte dabei an ihre Mutter, von der sie sich noch immer

keine Vorstellung machen konnte.

Der Wind jagte durch die Nacht und zauste Büsche und Bäume. Zuweilen

berührte ein Zweig der vor dem Fenster stehenden Kastanien eine

Scheibe, daß die Träumerin erschreckt auffuhr.

Wie ein weinendes Kind heulte der Sturm um das Haus, mit seinen

langgezogenen Klagetönen, die dann plötzlich so schneidend scharf

wurden wie ein fernes schrilles Pfeifen.

Mignon fürchtete sich nicht vor diesen seltsamen Tönen. Das

Glückseligkeitsgefühl, den Vater gefunden zu haben, endlich aus allen

Zweifeln befreit zu sein, rang alles Weh nieder, das sie heute in

ihrem Herzen hatte erdulden müssen, und die Vergangenheit versank vor

den lockenden Traumbildern einer hoffnungsreichen Zukunft.

10.

Der Sturm tobte sich aus, die schweren Wolken krochen träge am Himmel

hin, und aus dem durchweichten Erdboden quoll neblige Feuchtigkeit.

Mignon hatte sich in ihre neue Lage rasch hineingefunden. Sie hielt,

was sie dem Vater versprochen hatte: kein Mensch ahnte etwas, am

wenigsten konnte Frau Anna vermuten, daß Mignon Mitwisserin ihres

Geheimnisses geworden war.

Nur achtete das junge Mädchen jetzt scharf auf, und sie begriff nicht,

wie sie bis jetzt so blind hatte sein können. Sie fühlte jetzt die

Beziehungen heraus bei jedem Worte, das Frau Anna mit ihrem Vater

wechselte; jede Bewegung verriet es deutlich.

Und das schmerzte sie. Denn sie sah, wie die beiden noch immer

zueinander standen, und sie sagte sich, daß dadurch der toten Mutter

unrecht geschah.

Und dann fing sie an, eifersüchtig zu werden. Sie wollte den Vater

einzig und allein für sich haben, aber täglich mußte sie empfinden,

welch ein Anteil an Liebe ihr durch Anna Braun geschmälert wurde.

Willy ging zwischen ihnen wie mit geschlossenen Augen umher. Er ahnte

nichts, er hatte kein Verständnis für die Blicke, die von einem zum

andern flogen, er sah nicht gleich Mignon, daß in der Art, wie die

beiden zum Beispiel sich die Hände gaben, mehr lag als eine einfache

Begrüßung.

Ihn beschäftigten andere Gedanken und Empfindungen, seine Liebe zu

Mignon.

Es war keine stürmisch sinnliche Neigung, kein knabenhaftes erstes

Aufflammen des Herzens.

Unmerklich verkettete er sich ihrem Wesen mit täglich neuen Fäden

fester und fester; ein tiefinnerliches Gefühl durchbebte ihn. Ihm

schien, als habe sich sein Gesichtskreis erweitert, als sei er ein

anderer geworden.

Ein einziges Wort, eine Bewegung konnte ihnen beiden das Blut in die

Wangen treiben. Es entstanden in ihrer Unterhaltung jähe Stockungen,

indem der eine ohne ersichtlichen Grund abbrach; es bemächtigte sich

ihrer eine unerklärliche Unruhe zu Zeiten, wenn sie sich nur die Hände

reichten.

Es war alles in Spannung, in erwartungsvollster Erregung, jeden

Augenblick schien das entscheidende Wort fallen zu müssen; allein

sobald sich eine leiseste Andeutung einschlich, tat der andere, als

verstehe er sie nicht.

Die Morgenstunden hatten sie fast immer für sich allein gehabt.

Meist benutzten sie die schönen Tage zu Spaziergängen in dem nahen

Tiergarten. Ein paarmal begleitete Willy sie in die Stadt, und in dem

wirren, sinnlos scheinenden Menschengewühl kamen sie sich wie verloren

vor, wie vereinsamt; aber sie fühlten sich einander näher als je.

Eines Tages, kurze Zeit nachdem Mignon jene entscheidende Unterredung

mit dem Vater gehabt hatte, wollten sie einen Spaziergang unternehmen,

allein die Wege waren dermaßen ungangbar, daß sie bald umkehrten und

heimgingen.

Sie betraten den Garten des Professors, wo auf den mit grobkörnigem

gelben Kies bestreuten Wegen die Feuchtigkeit rasch in den Boden

gezogen war.

Sie wollten zum Pavillon und mußten am Atelier vorbei. -- Die Tür

stand weit offen, und die Portiere flatterte hin und her, daß man ganz

in den hellen Innenraum sehen konnte.

Plötzlich blieb Willy stehen, und im nächsten Augenblicke wußte Mignon

den Grund, weshalb er so bleich geworden war und seine Hände zitterten.

Auf dem Diwan saß Frau Anna Braun im Promenadenanzug, den Hut auf dem

Kopfe, den Schirm in der Hand haltend, neben ihr der Professor, mit

dem einen Knie sich auf das Sofa stützend, über sie gebeugt, um ihr

einen Kuß auf die Stirn zu geben, während sie ruhig lächelnd zu ihm

aufschaute. --

Im nächsten Augenblicke schon hatte Mignon Willy am Arme gefaßt und

fortgerissen.

Eine Sekunde lang schien ihm, als ob sich alles um ihn drehe, seine

Finger griffen suchend in die Luft, dann gab er ihr wie willenlos nach.

»Komm!« flehte sie. »Komm! ...«

Er fuhr sich mit der Hand über die Stirn.

»Ich bitte dich, Willy, so komm doch!«

Er hörte nicht, daß sie ihn in ihrer flehentlichen Bitte duzte, und er

folgte ihr mechanisch, wie im Traume. Das Gefühl der Wirklichkeit war

ihm abhanden gekommen, und er schien völlig willenlos zu sein.

Sie zog ihn durch den Garten bis zu dem chinesischen Pavillon.

Dann sah sie ihn angstvoll, in Erwartung an, daß er irgendein Wort

sagen sollte; aber er schwieg, denn er konnte noch keinen klaren

Gedanken fassen.

Er ließ sich schwer auf den Stuhl fallen, legte die Arme auf den

Tisch und stützte den Kopf auf die rechte Hand, während er die

grüngestrichene Holzplatte anstarrte, von der in Blasen die Farbe

geblättert war; dabei sah er, wie seltsam gezackt doch ein Ahornblatt

aussah, das auf den Tisch geweht war, dieses breite, spatenförmige,

spitzzackige Blatt mit totenhaft hellgelber Herbstfarbe.

Seine Mutter! ... Seine Mutter, die sich von einem Manne küssen ließ!

Es war ja Unsinn! Nur zum Lachen! -- Und er wollte auch lachen, aber

es zwängte ihm die Kehle zusammen, und dann wußte er wieder nicht, ob

es nicht alles nur ein Traum war.

Er blickte um sich: die halbkahlen Aeste der Bäume, durch die das Haus

blickte; ihm gegenüber Mignon in ihrem dunkelbraunen Kleide und dem

schwarzen Jackett, die ihn mit großen unruhigen Augen wirr anstarrte,

ganz seltsam. Und das da .. das war das Atelier.

Plötzlich sprang er auf: er wollte wissen, ob er sich nicht getäuscht

hatte.

Allein Mignon war ihm zuvorgekommen und schlang ihre Arme um ihn. Zum

ersten Male lag sie fest an seiner Brust, und er wagte es nicht, sie

abzuwehren.

Er blickte auf sie nieder, und das Gefühl stieg in ihm auf, wie schön

sie doch war.

Er stand jetzt, ohne sich zu regen. Sie ließ ihn los und fragte dann

mit zitternden Lippen:

»Wohin willst Du?«

Wie seltsam erregt ihre Stimme klang, und er wartete, daß sie noch

etwas sagen würde, aber sie schwieg, und er las in ihren Augen eine

hilflose Angst.

»Dorthin!« sagte er endlich.

»Was willst Du denn?«

Was wollte er? -- Diese Frage, so einfach sie war, machte ihn nüchtern

und nahm ihm alle Energie.

»Was willst Du denn nur, Will?«

»Ja!« sagte er tonlos. »Du hast recht! ... was will ich? ...«

Er hatte sie losgelassen und strich sich über die Stirn und bedeckte

dann die Augen, als wolle er von der Welt nichts mehr sehen.

Plötzlich brach er zusammen, legte die Arme auf die Lehne des

Gartenstuhles und barg sein Gesicht.

Mignon beugte sich über ihn und legte die Hand auf seine Schulter,

aber er rührte sich nicht, obgleich sie fühlte, wie ein verhaltenes

Schluchzen ihn innerlich durchbebte.

»Will, so sei doch ruhig. Was ist denn geschehen? Aber so sag' doch

nur, was ist ...«

»Meine Mutter!« stöhnte er, »meine Mutter! ..«

Sie nahm alle Kraft zusammen, um ruhig zu bleiben.

»Was hast Du nur, Will? -- Vergißt Du, daß Deine Mama und père

Jugendfreunde sind? Glaubst Du, daß Deine Mutter etwas Unrechtes tun

kann?«

Sie wartete angstvoll, was er antworten würde.

Er griff nach ihren Händen und zog sie zu sich, tief aufatmend.

»Nein,« sagte er, »nein, Du hast recht, das glaube ich nicht. Und Du,

Du mußt erst kommen, um mir das zu sagen. Siehst Du, ich war mit einem

Male so ... ich wußte nicht mehr, was ich tat.«

Allein sie fühlte, daß er nur versuchte, sie zu beruhigen, und ihr

kam ein Gedanke, blitzartig. Wenn sie ihm das sagte, mußte sie alles

andere damit verwischen.

»Weißt Du, wer +père+ ist?«

Er sah sie erstaunt an, ohne sie zu verstehen.

»Er ist mein Vater!«

»Dein Vater, Mignon? ..«

Sie hatte recht vermutet. Es kam ihm so unerwartet, daß er die Szene

darüber beinah vergaß, die er eben gesehen.

Sie war des Professors Tochter? ... Er konnte sich nicht gleich

hineinfinden. Und als sie das sah, fing sie an zu sprechen, hastig,

immer weiter, alles ... wie sie es vermutet hatte, bis sie endlich

Gewißheit erhalten.

Sie stand dicht vor ihm. Er zog sie an sich, indem er den Arm um sie

legte. Sie fuhr ihm im Erzählen langsam streichelnd über das Haar, bis

daß er sie zu sich herabzog in seinen Arm.

Und während noch der bange Schreck ihn durchbebte, gestand er ihr

endlich, wie sehr er sie liebe. Und diesesmal unterbrach sie ihn

nicht. Sie schloß die Augen, und zu der Erregung, die sein Geständnis

in ihr weckte, kam ein quellendes Frohgefühl, daß er darüber von

seinem Verdachte abgelenkt wurde.

Sie hatten die Welt ringsum vergessen, sie lebten nur sich allein,

einzig ihrer Liebe, und wortlos fanden sich zum ersten Male ihre

Lippen.

Sie waren aufgestanden und wanderten Arm in Arm die schmalen

Gartenwege hin, unter den herbstlich kahlen Zweigen. Und Mignon

schmiegte sich an ihn, daß er alle Augenblick stehen blieb, um sie

unter Schmeicheln an sich zu ziehen.

Zuweilen flogen ein paar Krähen über ihnen weg und ließen ihren

rauhen, heiseren Schrei durch die Regenluft ertönen, sonst war es

still um sie herum, als seien sie fern von allen Menschen, allein auf

der Welt.

Dann aber mischte sich in ihr Liebesgetändel ernsthafte Ueberlegung.

Sie wollten sich vorläufig niemandem verraten. Es hatte keinen Zweck,

ihre Liebe zu gestehen, und in dem Geheimnis lag für sie beide noch

ein ganz besonderer Reiz.

Noch einmal, ehe sie sich trennten, tauchte bei Willy der Argwohn auf;

allein Mignon verstand es, ihm all diese Gedanken auszureden. Es fiel

ihr nicht schwer, denn er war es gewöhnt, den Menschen rückhaltslos zu

vertrauen. Es war ja seine angebetete Mutter und Mignons Vater. --

Als er heimkam, war die Mutter noch nicht zurück. Er stieg zum

Vater hinauf und fand ihn droben, hilflos und verlassen, in seinem

Fahrstuhle.

Die Glocke, die stets neben ihm auf dem Tische stand, war

herabgefallen, und er hatte niemand rufen können. Willy fand ihn in

halber Verzweiflung, stumpf vor sich hinbrütend, die Hände im Schoße

gefaltet.

Er hatte gerufen, hatte seine Tasse an den Boden geworfen, daß die

feinen Porzellanstücke überall zerstreut lagen; hatte mit einem der

Stühle wie sonst wohl mit seinem Stocke versucht, auf den Fußboden zu

stoßen, allein er hatte dabei nur den Stuhl umgeworfen, weil er nicht

die Kraft hatte, ihn geschickt zu erheben.

Er atmete wie erlöst auf, als Willy erschien. Er hatte Durst und

verlangte zu trinken, und dann sollte man ihn in das andere Zimmer

schaffen, denn hier zog es, und die leichte Decke, die man ihm über

die Knie gelegt hatte, genügte nicht. --

Und nun schalt er auf alle Welt, auf die Dienstboten, auf die Mutter

und auf Willy. Wo war er denn gewesen? Als ob er ihm nicht einmal

fünf Minuten am Tage schenken konnte. Dann hätte er überhaupt nicht

herauszuziehen brauchen, und es war nur gut, daß das Semester jetzt

wieder anfing. Für den Vater scheine er nichts mehr übrig zu haben ...

Dieser Vorwurf traf Willy schwer, und er bemühte sich eifrigst, den

nörgelnden Kranken zu beruhigen. Allein seine Anstrengungen blieben

lange erfolglos.

Er wurde erst stiller, als Willy ihn in das andere Zimmer

hinübergefahren hatte und dann ein Gespräch mit ihm anknüpfte.

Aber während er sich mit dem Vater über einen naturwissenschaftlichen

Versuch unterhielt, mußte er wieder an die Szene im Atelier denken.

Hier ein jammernder kranker Mann, und dort ...

Mutter!.. · 第 7 / 62 题