Sie brachen wieder auf und gingen nach Moabit hinaus. --

* * * * *

Ein großes graues Vorderhaus, dann ein völlig verwahrloster Garten und

hinten ein kleines, aber hohes Hintergebäude.

Die Treppen waren schmal und ausgetreten. An den Wänden blätterte der

Kalk ab, und Braun war froh, als sie endlich die Treppen hinauf waren

und nun in ein paar Stübchen kamen, mit gescheuerten schneeweißen

Fußböden. Alles so peinlich sauber. Der einfachste Hausrat von der

Welt; aber diese Einfachheit atmete eine wohltuende Gemütlichkeit, die

auch den verwöhnten Willy Braun bestach.

Die alte Frau Lautner kam aus der Küche herbei. Sie hatte sich schnell

eine saubere Schürze umgebunden. Es war alles an ihr so sicher und

ruhig; sie kam dem jungen Manne höflich, aber doch mit einer gewissen

überlegenen Herzlichkeit entgegen, daß er fast zwei Stunden mit

dieser einfachen Frau verplauderte, nachdem er anfangs nur mitgekommen

war, um dem Freunde gegenüber einer Anstandspflicht zu genügen.

Zum ersten Male erkannte er, wie weich Lautners Stimme klingen konnte,

wenn er »Mütterchen!« sagte; wie verändert er schien, der ihn sonst

mit seinen kalten Urteilen so oft erbittert hatte.

Er schien hier ein ganz anderer Mensch zu sein, und erst, als er ihn

dann in sein Atelier führte, eine Art Bodenkammer, abgeschrägt, aber

fast blendend hell, und als er ihm einige Farbenskizzen zeigte, hastig

hingeworfen, gleichsam dem Leben entrissen, da war er wieder der alte

Skeptiker, der sich selbst mit der schärfsten Ironie beurteilte, so

daß Braun fast drängte, fortzukommen, nur um sich den guten Eindruck

zu bewahren, den er heute von ihm durch sein Verhalten der Mutter

gegenüber empfangen hatte.

4.

Ein schweres Abendgewitter war über Berlin niedergegangen. Die Blitze

hatten den dichten grauen Dunstschleier, der ewig drückend schwer über

der gewaltigen Häusermasse lagerte, zerrissen, bis die stürzende

Regenflut ihn völlig durchschlagen hatte.

Endlose Ströme stürzten prasselnd vom eintönig grauen Himmel und

überschwemmten alle Straßen, Plätze und Trottoirs. Im Augenblicke

waren die Fassaden der Häuser von dem feinen grauen Staube

reingewaschen, der sich in den letzten, übermäßig heißen und ganz

windstillen Tagen darauf gelagert hatte. Der Schmutz von den

Steinen, dem Asphalt und den Holzblöcken des Pflasters wurde in die

Straßenrinnen geschwemmt, wo er wie eine tintenartige Masse langsam

den gurgelnden und schluckenden Kanalöffnungen zutrieb, um in der Erde

zu verschwinden.

Als sei eine Wolkenmauer geborsten, so rauschten die Regengüsse

nieder. Der Wind trieb die dicken Tropfen gegen die Scheiben der

Fenster und jagte breite Wolken von Sprühregen wie Wellen über das

glatte Pflaster der menschenleeren Straßen.

Ueberfüllte Straßenbahnwagen fuhren in gleichmäßigen Pausen die unter

Wasser stehenden Schienen hin; einzelne hastende Droschken jagten in

eiligem Trabe unter dem Regen durch, der Kutscher mit vorgebeugtem

Nacken, den Wachstuchzylinder tief in die Stirn gedrückt und den

weiten Mantel fest um die Schultern ziehend.

Unter allen Torwegen und in jedem offenen Hausflur standen

Spaziergänger und unruhige Geschäftsleute, eng zusammengepfercht, mit

ihren tropfenden Schirmen und dampfenden Kleidern, -- und zogen sich

tiefer in den Hausflur zurück, wenn der heimtückische Wind plötzlich

seinen feinen durchdringenden Sprühregen in den Torbogen warf.

Die dicken klatschenden Tropfen, die fast silbern, wie zerplatzende

Hagelschlossen aussahen, fielen nicht mehr. Allmählich ging der

Wolkenbruch in einen gleichmäßig feinen Landregen über, der alles mit

seinen dunstigen Nebelschleiern umhüllte. --

Willy Braun hatte den dicken Band, in dem er geblättert, niedergelegt,

weil die Dunkelheit immer stärker ward, und blickte jetzt in den Regen

hinaus in die einsame Mauerstraße, wo kein menschliches Wesen zu

erblicken war.

Vor den beiden Fenstern des Wohnzimmers befand sich ein Balkon, und

von dem kleineren der zweiten Etage stürzte hier der Regen herab,

daß die Wasserfluten in das Zimmer einzudringen drohten, dies große,

elegant eingerichtete Gemach, das so gar keine Aehnlichkeit hatte mit

den bescheidenen Studentenbuden seiner Kommilitonen hoch im Norden

oder Nordwesten der Stadt, jenen bescheidenen, engen und meist kahlen

vier Wänden, in denen sie zu seinem Entsetzen hausen mußten.

Seit dem ersten Semester, das er an der Universität Jura studierte,

hatte er diese aus drei Zimmern bestehende Wohnung inne. --

Es klopfte an der Tür.

Er drehte sich um, und seine Wirtstochter fragte fast scheu, als ob

sie sich nicht traue, hereinzukommen:

»Soll ich auch die Lampe bringen, Herr Braun?«

Er warf einen Blick auf die Straße und dann einen auf die zierliche

Bouleuhr auf dem Kaminsims, die dreiviertel sieben zeigte -- dann erst

sagte er:

»Bringen Sie nur, Fräulein Martha, -- aber anzünden brauchen Sie sie

nicht gleich.«

Sie huschte hinaus, kam nach einer Weile mit der Lampe wieder und sah

sich ratlos im Zimmer um, denn der Tisch war ganz mit Büchern bedeckt.

»Nur auf den Schreibtisch, bitte.«

Er hatte sich wieder an das Fenster gestellt und sah, wie zuweilen ein

ferner Blitz über den jenseitigen Häusern aufzuckte und das Zimmer

leicht erhellte, dann herrschte wieder eintönige, farblose Dämmerung.

Am Himmel trieben einzelne Wolkenfetzen, und der Regen ließ sichtbar

nach; nur zuweilen verschlimmerte sich stoßweise dieser prickelnde

Sprühregen, der so fein rieselte, daß man glauben konnte, er habe ganz

aufgehört.

Willy bemerkte bei seinen Beobachtungen gar nicht, wie sich Martha

noch immer im Zimmer zu schaffen machte.

Er hatte in all der Zeit, daß er bei dem Registrator Kuhlemann wohnte,

kaum ein Auge gehabt für die hübsche achtzehnjährige Martha, mit ihren

reichen blonden Haaren und diesem bescheidenen Wesen, das so gar nicht

zu dem der anderen Mädchen paßte. Er hatte es nie bemerkt, daß sie

alles tat, um seine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, daß sie stets

alles selbst besorgte, wenn er irgend etwas wünschte, so daß er das

Dienstmädchen, das die Familie hatte, kaum zu Gesicht bekam.

Er war freundlich gegen sie, aber nie sagte er ein Wort mehr als

nötig; nie machte er auch nur den Versuch, mit ihr, die so gern

schwatzte, zu plaudern.

Ein paarmal hatte sie ihn um ein Buch zum Lesen bitten wollen, das ihr

beim Aufräumen aufgefallen war, allein wenn sie den Entschluß noch

so fest vorhatte, traute sie sich im entscheidenden Augenblicke doch

nicht mehr, weil er immer so ernst und schweigsam war.

All das diente nur dazu, ihre Neigung mehr und mehr zu vertiefen, sie

aber auch im gleichen Maße geheim zu halten.

Sie rückte jetzt an einer Vase und ordnete das Bukett darin, dann

wischte sie über den Deckel des Pianos, warf noch einen Blick auf den

am Fenster stehenden jungen Mann, der ihr achtlos den Rücken kehrte,

und entschloß sich endlich, mit einem leisen »Guten Abend!« das Zimmer

zu verlassen.

Er hatte kaum mehr daran gedacht, daß sie noch da war, denn seine

Gedanken waren schon draußen in Charlottenburg, in der kleinen Villa

der Sophienstraße, wo heute seine Mama ihren achtunddreißigsten

Geburtstag feierte, seine junge, schöne Mama, wie er sie liebkosend

so gern nannte, die er fast vergötterte, und auf die er so stolz war,

wenn er an ihrer Seite ging oder mit ihr ausfuhr, und alle Welt sich

nach ihnen umsah.

Denn sie fiel auf mit ihrer Schönheit, die etwas mädchenhaft

Eigenartiges hatte.

Diese Feinheit ihres Profils hatte sich auch auf ihn übertragen; er

hatte dasselbe hellbraune Haar, dieselben dunklen Augen, und trotz

seines kräftigen Körperbaus etwas Weiches, fast Zartes, daß man

sofort erkannte, wie er von einer Frau, und ~nur~ von einer Frau

großgezogen war und von der Welt nichts wußte, nicht viel mehr als ein

verzärteltes Haustöchterchen.

Das zeigte sich auch in seinem Anzuge, eine Sauberkeit und Nettigkeit

wie die eines Pensionsfräuleins, das nicht das kleinste Fleckchen oder

Stäubchen an sich duldet. --

Er kannte nur seine Mutter. Eine seltsame Neigung zog ihn zu dem

spöttischen Maler und dem so überschwänglichen Wurm. Sonst hatte er

keinen Freund. Und auch Frauen kannte er nicht. Seine Mutter war die

einzige, die Bedeutung für ihn hatte, auf die er all seine Liebe

übertrug, eine blinde, rückhaltlose Verehrung wie für eine Heilige.

Heute in aller Frühe schon war er draußen gewesen, um ihr seine

Glückwünsche zu überbringen.

Er hatte sie in dem großen, immer so sorgfältig gepflegten Garten

getroffen, wo sie ihn erwartete; denn sie wußte, daß er kommen würde.

Im vorigen Jahre war er noch ganz zu Haus gewesen. Zum ersten Male

war er jetzt fern. Er wollte arbeiten, und dazu kam er daheim nicht.

Denn immer gab es etwas für die Mutter zu tun; gleich war er mit

einer Frage bei der Hand, ob er ihr nicht irgendwie behilflich sein

konnte oder auch nur ihr Gesellschaft leisten sollte, wenn der Vater

wieder einen seiner Schmerzensanfälle hatte und der sie nicht um sich

duldete, weil er wußte, wie peinlich es ihr war, weil sie dann wieder

für einige Tage an ihrer Nervosität zu leiden hatte. --

In ihrem lichten Morgenkleide hatte sie auf der kleinen, dicht an der

Gartenmauer gelegenen Anhöhe gestanden, von wo aus man die Straße ganz

hinuntersehen konnte.

Er war auf sie zugeeilt und hatte sie in seine starken Arme genommen,

als wollte er sie zerdrücken, daß sie ihm lachend wehren mußte.

Sie hatte die weißen Kamelien leidenschaftlich gern, und so hatte er

ihr auch schon heute früh ein großes Bukett gebracht, und für heute

abend war ein gleiches, noch schöneres bei Schmidt bestellt.

Er sah in Gedanken ihr liebes, freudiges Gesicht, und wie sie ihn

schelten würde, daß er ein Verschwender sei; und doch würde sie ihm

für seine Verschwendung so gut sein, daß er schon jetzt die Freude

durchkostete, ihr einen Wunsch erfüllen zu können. --

Es regnete noch immer, aber jetzt ganz fein. Das Gewitter hatte sich

verzogen, und er entschloß sich, fortzugehen.

Rasch vertauschte er die braune Joppe mit dem Gesellschaftsrocke, warf

den hellen Ueberzieher um die Schultern, steckte noch einen Brief an

einen auswärtigen Freund in die Brusttasche und verließ das jetzt ganz

dunkle Zimmer.

Als er die Korridortür öffnete, rief ihn Martha an, ob er heute

heimkommen oder draußen bleiben würde.

Nein, -- er kam nach Hause.

Regelmäßig hatte sie eine derartige Frage, wenn er fortging, und er

sah darin nichts anderes als eine liebenswürdige Vorsorglichkeit,

während es doch von ihr nichts war als das Bestreben, ihn auf sich

aufmerksam zu machen.

Er achtete nicht darauf; er dachte nicht im entferntesten an sie,

die ihm vom Fenster aus nachsah, bis er in dem Torbogen der kleinen

Mauerstraße verschwand, die er, ohne sich zu beeilen, durchschritt und

dann langsam in die Linden einbog.

Ein feiner Dämmerungsschleier lag über den schon herbstlich gelb

gefärbten Bäumen.

Der Fahrdamm war von Fuhrwerken aller Art belebt. Auf dem Trottoir nur

wenige Menschen, die mit aufgespannten Schirmen sich eilends an den

Häusern hindrückten.

Willy trat in den Blumenladen von Schmidt ein. Der bittere,

sinnverwirrende, schwüle Blütenduft, der hier hing, betäubte ihn fast,

während draußen die Luft vom Gewitter gereinigt war.

Er lächelte dem bleichsüchtigen Ladenmädchen zu, das ihm die Blumen

fürsorglich in buntgestreiftes Seidenpapier einschlug.

Dann nahm er das Bukett vorsichtig unter den Schirm und trat wieder

hinaus in den Regen, der mehr und mehr nachließ. --

Gleichmäßig plätscherten auf dem Pariser Platze im Regen die beiden

Fontänen.

Vor der Wache des Brandenburger Tores standen zwischen den Säulen

einige Soldaten und sahen gelangweilt vor sich hin. Unbeweglich stand

der Posten da, unbekümmert um den Regen, trotzdem seine weiße Hose

naß und grau geworden war und anklebte. Er wartete stoisch auf die

Ablösungsstunde.

Von den Bäumen des Tiergartens klatschten dichte Tropfen; zuweilen

schüttelten sich die nassen Zweige und ein Regenschauer prasselte

nieder, der heftig auf seinen aufgespannten Schirm trommelte, während

er, die Bahn erwartend, am Waldsaume auf und ab ging.

Der Wagen war ziemlich leer, und er setzte sich gegen alle Gewohnheit

in das Innere, wo eine drückende, dumpfe Luft herrschte, daß er das

Fenster hinter sich öffnen mußte.

Ein feuchtschwerer Duft wogte aus dem Walde her. Nebelhaft schien er

dem feuchten Boden zu entquillen.

Zuweilen hörte man, wie das Wasser unter den Rädern aufrauschte. Oder

der Nachregen stürzte von den Bäumen.

Manchmal flammte es in der Ferne auf, schwach und ersterbend.

Der Wagen schwankte und stieß, und Willy war froh, als er endlich

aus dem Tiergarten heraus war, unter dem Eisenbogen der Stadtbahn

durchfuhr, über den schmutzigen Spreekanal, -- dann links der breite

Sandsteinbau der Technischen Hochschule, und endlich war er am Ziele.

Er mußte mit seinem großen, ihn hindernden Bukett über ein paar breite

Pfützen springen, dann überschritt er die Allee und bog in die enge

Sophienstraße ein.

Die Fenster der kleinen Villa waren weit geöffnet; aus der ersten

Etage, durch die hin- und herflatternden Vorhänge strömte eine

drängende Lichtfülle.

An dem einen Fenster waren die Vorhänge weit zurückgeschlagen, und

als die Gittertür ins Schloß fiel, sah er, daß dort oben sich jemand

bewegte. Er erkannte die Gestalt.

Es war seine Mutter, seine geliebte, angebetete Mutter.

Sie grüßte und winkte, und er lächelte und winkte hinauf, und dann

stürmte er fast über den Kiesweg und die breite Steintreppe hinauf, zu

ihr ... seiner Mutter. --

5.

Will hatte kaum den Fuß auf die unterste Stufe der hellerleuchteten

Treppe gesetzt, als sich droben eine Tür öffnete und die Mutter ihm

entgegenkam, lächelnd und freudestrahlend, und ihn in das kleine

Vorzimmer zum Salon zog. Ein schmaler, einfenstriger Raum, der zu

einer Art Toilettenzimmer umgewandelt war.

In der Mitte ein niederer Diwan mit buntgemustertem Teppich --

ein großer Toilettenspiegel an der einen Wand, an der andern

Garderobeständer, an denen schon einige Sachen hingen, zu denen auch

Will Hut und Mantel hing, ehe er das Bukett sorgsam aus seiner bunten

Seidenpapierhülle schälte.

Keine Blume war gebrochen, keine Spitze zerknittert.

Frau Anna hatte sich auf den Rand des Diwans gesetzt und ihm

zugeschaut, bis er ihr jetzt die weißen Blüten überreichte, in die sie

tief aufatmend ihr Gesicht versenkte.

»Du Verschwender!« schalt sie ihn voller Glück. »Wie schön die Blumen

sind, wie wunderbar schön!«

Er stand vor ihr und sah auf sie nieder, wie sie dasaß und jetzt nach

seiner Hand griff und ihn zu sich zog. Er beugte sich nieder, und voll

überströmender Zärtlichkeit griff sie nach seinem Kopfe und küßte ihn

auf die Stirn.

»Du leichtsinniger Verschwender! Ich glaube, Du wärest imstande, alles

hinzugeben, selbst Dein letztes, nur um ~mir~ eine Freude zu

bereiten, und wenn sie auch nur einen Augenblick währte.«

Er nickte beistimmend und sah sie lachend an.

»Dir käme es nicht darauf an, mir die ganze Welt zu Füßen zu legen,

wenn die andern dann auch gar nichts behielten.«

»Gewiß,« sagte er scherzend. »Die Welt und den Himmel, mit all seinen

Sternen auch.«

»O, Du Himmelsstürmer! Es ist nur gut, daß Du nicht so groß bist, um

bis zu den Wolken zu reichen. Die armen Sterne sonst!«

»Es wäre ja für Dich, meine liebe, kleine Mama.«

»Ich glaube, Du könntest alles für mich tun. Wenn ich wollte, am Ende

gar Mord und Totschlag.«

»Für ~Dich~ alles!«

Er sagte es halb lachend, aber seine Stimme klang fest und ruhig, und

in seinen dunklen Augen lag eine Entschlossenheit, die verriet, daß er

zu allem bereit sein konnte für sie.

»Du Närrchen,« sagte sie und fuhr liebkosend über sein leichtgelocktes

dunkles Haar.

Er schmiegte sich an sie, so daß er halb vor ihr kniete.

»Du Närrchen,« wiederholte sie, und ein unnennbares Gefühl des

Glückes, wie eine verhaltene Tränenflut durchbebte sie, während ihre

schlanken Finger mit seinen Haaren spielten.

»Wie schön Du heute wieder bist,« sagte er plötzlich und griff nach

ihren Händen. »Ich glaube, Du wirst immer jünger und schöner.«

Eine leichte Röte flog über ihre blassen Wangen, daß er sich diese

kindischen Schmeicheleien nicht abgewöhnte, und doch war sie darüber

so glücklich.

»Mußt Du denn immer schmeicheln? -- Du willst mich nur ausspotten. Ich

bin längst eine alte Frau.«

Er lachte und schüttelte den Kopf.

»Du bist viel jünger als all die andern.«

»Und habe dabei einen großen Herrn Sohn, der wie ein kleines Kind

schmeichelt und wie ein rechtes Baby süß tut.«

»Bist Du böse darüber, Ma?«

»Nein Will, nicht böse! Nur glücklich ... überglücklich.«

»Ma!«

»Wenn ich ~Dich~ nicht hätte, Will ...«

Sie seufzte leicht auf und umfaßte ihn.

»Aber Mütterchen, bist Du denn nicht glücklich? Fehlt Dir etwas? Was

redest Du nur so.«

»Du guter Junge! ...«

Sie blieben noch immer in diesem traulichen, engen Zimmer, ohne

rechte Lust, in den Salon zu gehen, von wo die Laute einer harten

aufdringlichen Stimme bis zu ihnen herübertönten.

Es war traumhaft still hier, und es lag etwas so geheimnisvoll

Berauschendes darin, eine Zeitlang noch schweigend ihr Beisammensein

voll zu genießen, so nahe beieinander sein zu können in dieser

behaglichen Stille, diesem unausgesprochenen Glücke.

Will sah sie an. Sie war heute schöner als je.

Die dunklen feinen Augen schimmerten in feuchtem Glanze, wie in

Sonnentränen, die schmalen Lippen waren wie von innerer Erregung

blutrot, und auch auf den sonst mattgelben blassen Wangen lag ein

frischer Hauch, ein weiches, schwaches Rot.

Das schwere dunkle Haar hatte sie einfach aufgenommen und wie eine

Krone um den Kopf gelegt, wie ein Diadem. Nur in die Stirn kräuselte

es sich leicht natürlich.

Sie litt keine künstliche Frisur, und sie wußte, wie gut bei dem

vollen Haar ihr diese einfache Tracht stand, die ihr durch das

Ungekünstelte den Reiz des Besonderen verlieh.

Eine breite, feingliedrige Silberkette war durch das dunkelbraune Haar

geschlungen. Eine gleiche Kette lag um den schlanken Hals, und ein

dazu passendes Armband umschloß das feine Gelenk der linken Hand.

Sie trug ein mattgraues Kleid mit breiten Cremespitzen. Sie wußte, wie

gut ihr das stand und wie gern Will diese Farben hatte. Weshalb sollte

sie sich aus gesellschaftlicher Rücksicht dunkel kleiden? -- Sie

liebte alles Helle und Frische, die leis abgetönten Farben, die weich

ineinander überflossen. Das halb Farblose war ihre Passion.

Eine süße, schwermütige Träumerei lag jetzt in ihren Augen, fast etwas

Schwärmerisches, als ob sie nichts von der Außenwelt um sich herum

sah, sondern andere Bilder, die einst an ihr vorübergezogen waren,

fröhliche und trübe; denn das Licht in ihren Augen wechselte, als ob

Wolkenschatten darüber hinglitten.

Die Stimmen im Nebenzimmer wurden lauter.

Es wurde dröhnend und wuchtig gelacht, ein Lachen, das sich allmählich

abstufte -- und dann ging plötzlich, ohne daß geklopft war, die Tür

auf; und eine blendende Flut von Licht prallte hervor, daß sie sich

wie erschreckt losließen; und im Rahmen der Tür zeigte sich ein etwa

sechzigjähriger Mann, breitschultrig, hünenhaft von Gestalt, mit

dichtem, grauem Haar, das tief in den Nacken fiel, und mit einem

verzottelt aussehenden grauen Barte, der breit die ganze Brust

bedeckte.

Und aus dieser Brust tönte ein sonores Lachen, tief und schütternd,

etwas aufdringlich, fast selbstbewußt.

»+Damn't!+ Da haben wir ja wieder das Liebespaar.«

Er rief es mit seinem dröhnenden Lachen, und auf der Schwelle stehen

bleibend, redete er in das Zimmer zurück.

»Wahrhaftig, Bruder, ich ließe mir das nicht gefallen. Ich an Deiner

Stelle wäre schon längst eifersüchtig geworden. Sieh Dir nur mal diese

Szene an. O Romeo, o Julia! Sieh nur ... ach so, Du kannst ja nicht.

Ja, ja, es ist ein angenehmes Gefühl, seine Knochen heil und gesund

beisammen zu haben.«

Und wieder brach er in sein übermütiges Lachen aus.

»Na, mein Sohn +filius+! Machen wir denn? -- +Hope, ye do well,

my boy!+

Er streckte Will gutmütig die Hand hin, die im Gegensatze zu diesem

robusten Körper schmal und sehnig war, mit langen, feinen Fingern, die

wie nervös aussahen.

Willy war bei seinen ersten Worten aufgesprungen, und auch Frau Anna

hatte sich langsam, unwillig über die Störung, erhoben.

»Aber Onkel, was soll denn ...«

»+Never mind, my dear+, ich weiß schon ... weiß schon. Ich tappe

nun einmal wie ein Bär in alles. Meine schöne Frau Schwägerin wird es

mir schon verzeihen, wenn sie auch jetzt die Stirn runzelt. Es ist ja

nichts weiter als blinde Eifersucht von Onkel Jack. Aber nun kommt

herein, damit wir auch was von Euch haben.«

Johannes Braun oder, wie er sich drüben geschrieben hatte, Jack Brown,

war sieben Jahre älter als Wills Vater Hermann.

Voller Abenteuerlust war er als junger Bursche nach den Staaten

ausgewandert, weil es ihm daheim nicht behagte, und hatte den Yankees

was vorgedudelt, wie er seine Kapellmeistertätigkeit benannte.

Er hatte sich jenseits des großen Sumpfes bald eine tüchtige Stellung

errungen; vom einfachen Geiger brachte er es binnen kurzem zum

Dirigenten; und als er so viel beisammen hatte, um ruhig leben zu

können, kehrte er in das geeinigte Deutsche Reich zurück, gerade zur

Zeit, als Hermann in seiner chemischen Fabrik mit einem Experimente

jenes Unglück gehabt hatte, das ihn derart zurichtete, daß er

monatelang liegen mußte und seitdem infolge einer Lähmung der rechten

Seite wie ein Kind gepflegt wurde.

Er saß hilflos und verlassen im Sessel und freute sich fast kindlich

über Will, der ihn begrüßte und ihm die Hand schüttelte, die linke,

weil er in der anderen kein rechtes Gefühl hatte.

Da saß er in sich zusammengefallen, mit dem grauen Krankengesichte,

dem spärlichen hellen Haar, über das er beständig mit zitternder Hand

fuhr, und dabei versuchte er, ein recht fröhliches Gesicht zu machen,

sobald Besuch da war.

Nur zwei Damen waren noch anwesend, denn seitdem Doktor Braun gelähmt

war, hatten sie allen gesellschaftlichen Verkehr abgebrochen, und jene

großen Feste, die früher ein Ereignis bildeten, hatten aufgehört. Frau

Anna selbst hatte es so gewollt. --

Will hatte kaum ein paar Worte mit seinem Vater gewechselt, als ihr

Gespräch durch Frau Emmy Dempwolf unterbrochen wurde, die sich für

einige Zeit bei ihrer Schwester Agnes von Ruschwedel aufhielt.

Emmy war die verkörperte Lebensfreude, hellblond, schlank und

schmiegsam, mit hellen, fast wasserblauen Augen, die munter in die

Welt schauten. Sie kokettierte für ihr Leben gern, allein auf dem

einsamen Gute Rintlach bot sich ihr keine Gelegenheit, und ihr Wolf

oder, wie sie ihren Gatten auch zu benennen pflegte, ihr Brummbär

hatte kein Verständnis dafür.

Ganz anders ihre Schwester, die Frau Hauptmann; hoch aufgeschossen,

ernst und streng bewahrte sie in allen Lebenslagen ihre Würde und

Hoheit. Beständig ging sie in Schwarz und trieb mit ihrem toten Gatten

einen überschwänglichen Kultus, so daß sie keine zehn Worte sprechen

konnte, ohne nicht dabei ihres seligen Franz zu gedenken.

Emmy Dempwolf nahm wenig Rücksicht auf den zur Schau getragenen Ernst

ihrer Schwester. Wie ein Wirbelwind tobte sie durchs Leben, und ihr

erstes war der Versuch gewesen, Willy in ihre Netze zu ziehen. Gerade,

weil dieser große, hübsche Junge so spröde und kalt tat, wollte sie

ihn aus seiner Fassung bringen. Allein bis jetzt hatte sie noch

keinerlei Erfolg aufzuweisen, und sie griff daher zu immer stärkeren

Mitteln.

Jetzt hatte sie wieder einen Gedanken.

»Liebster, bester Herr Doktor,« schmeichelte sie, »Sie müssen mir

einen großen, großen Gefallen tun.«

»Verzeih, Papa! .. Gnädige Frau wünschen?«

»Verschaffen Sie mir ein Pferd. Ein Königreich für ein Pferd. Ich muß

einmal wieder einen Gaul unter mir haben, oder ich komme um.«

»Ich werde versuchen, gnädige Frau ...«

»Ach, das ist himmlisch ... Das wird reizend. Natürlich begleiten Sie

mich. Sie können doch reiten?«

»Allerdings, aber ...«

»Ach was, ... kein Aber! Nein, wie ich mich freue! Wozu gibt es denn

den Tiergarten. Eigentlich hatte ich Wolf gebeten, -- aber mein

Brummbär grommelte: er habe seine Pferde nicht zum Eisenbahnfahren.

Was sagen Sie dazu? -- Also abgemacht: Sie sorgen für Pferde, aber

für mich ein recht wildes; Sie sollen sehen, wie gut ich damit fertig

werde. In aller Frühe natürlich, wenn die anderen noch in den Federn

liegen.«

Da Will lächelte, fuhr sie eifrig fort:

»Sie brauchen gar nicht so zu lächeln. Wann glauben Sie, daß ich sonst

aufstehe? -- Um vier oder um fünf Uhr, mein Herr ... Hier allerdings

müßte man ja sterben, wenn man vor acht Uhr herauskriecht. Aber dann

heißt es: mit den Hühnern auf! Wahrhaftig, ich glaube, ich komme hier

um, oder wenigstens auf die unsinnigsten Gedanken, wenn ich nichts

zu tun habe. -- Ich hatte mir das alles ganz anders gedacht, als ich

meinen Wolf allein sitzen ließ. Ich wollte mit Agnes nach Warnemünde

oder Heringsdorf, ganz gleich, wenn es auch schon ein wenig spät ist;

und nun sitze ich hier schon über vierzehn Tage in diesem Neste, weil

meine Frau Schwester mir den Willen nicht tun will. Amüsieren wir uns

also auf unsere Weise, hoch zu Roß. Ich freue mich schon jetzt wie ein

Kind. Also, abgemacht! ..«

Sie reichte ihm ihre kleine Hand, auf deren Zierlichkeit sie sich sehr

viel einbildete, und sie reichte sie ihm gleich so hoch hin, daß er

sie küssen sollte.

Der junge Mann jedoch machte keine Miene. Er schüttelte ihr ganz ruhig

die Hand.

Das herausfordernde Wesen der jungen hübschen Frau verletzte ihn, und

sie erreichte damit bei ihm genau das Gegenteil ihrer Absicht.

Wenn er seine Mama dagegen hielt, die jetzt neben Frau Hauptmann von

Ruschwedel saß, mit ihrem feinen Lächeln, diesen ruhigen, zierlichen

Bewegungen, während Frau Dempwolf mit ihrem hastigen Wesen oft

geradezu ungraziös wurde.

Sie hatte Willy am ersten Tage mit »Herr Doktor« angeredet, so daß er

ihr einmal bescheiden bemerkte, daß er das noch nicht sei. In ihrer

koketten Weise erwiderte sie ihm, wie verwundert:

»Ich kann Sie doch aber nicht wie die anderen kurzweg Will nennen! Das

geht doch nicht gut.«

Unmutig hatte er geschwiegen, worauf sie triumphierend sagte:

»Dann müssen wir es doch wohl vorläufig bei dem Doktor belassen. Es

tut hoffentlich nicht weh.«

Er hatte auch jetzt keine Antwort, aber jedesmal bei dieser Anrede

empfand er es unangenehm.

Ihr ganzes Wesen drängte ihn, beinah ungezogen gegen sie zu werden,

er, der sonst Frauen gegenüber von zurückhaltender Liebenswürdigkeit

war.

Es war ihm peinlich, daß er so sein mußte, und dieses Bewußtsein

machte ihn noch steifer.

Weshalb kokettierte sie so und verkehrte nicht lieber mit ihm auf

kameradschaftlichem Fuße, wie er es von der Mutter her gewöhnt war,

in jenem unbefangen sicheren Tone, den er jeder andern Frau gegenüber

besaß.

Er verstand diese junge Frau nicht, die ohne beständige Schmeicheleien

nicht leben konnte, die auch ihn zwingen wollte, ihr dergleichen zu

sagen.

Was konnte ihr zum Beispiel daran liegen, ob er ihr die Hand küßte

oder nicht? -- Sie bat ihn um eine Gefälligkeit, die er ihr gern

erfüllte. Das genügte doch.

Frau Anna ging an ihm vorüber und flüsterte ihm leise zu:

»Du mußt Frau Dempwolf zu Tisch führen.«

Er bot ihr ohne besondere Freude den Arm, und nun hatte er wieder das

unangenehme Gefühl, daß sie sich fester an ihn hing und anschmiegte,

als nötig war.

»Wo ist denn Herr Lautner?« fragte sie.

»Er war am Nachmittage hier und läßt sich vielmals entschuldigen. Es

ist ihm nicht möglich gewesen, heute abend zu kommen.«

»Ach wie schade, er ist so furchtbar interessant!«

Lautner behandelte sie immer mit einer gewissen Ueberlegenheit,

die ihr imponierte. Er gestattete sich die schärfsten Urteile und

Ansichten, über die ~sie~ sogar sich entsetzte. Allein er gefiel

ihr, mit seinem sicheren Gleichmute und seinem ironischen Spotte, den

er an allem übte.

Wenn sie beisammen waren, so gab es stets ein endloses Wortgefecht,

mit Spitzfindigkeiten, denen so leicht kein anderer folgen konnte.

Ihr Ausruf: Wie schade! war deshalb aufrichtig gemeint, und auch Willy

stimmte ihm bei. Dann hätte er doch für den Abend Ruhe gehabt. --

Frau Anna hatte so lange gezögert, weil noch ein Gast fehlte. Allein

Doktor Braun war ungeduldig geworden. Er war leicht erregt und nervös,

wie es Kranke zu sein pflegen, die durch ihre Schwäche zu eignem

Handeln unfähig sind.

Sie sah es, denn er fing an, unruhig mit den Fingern zu trommeln, und

ihm zuliebe wartete man nicht länger.

Vorher aber blickte Frau Anna nochmals aus dem Fenster, in die

kühlfeuchte Nacht hinaus; dann erst nahm sie ihren Platz an der Spitze

der Tafel ein. An der linken Seite saß ihr Gatte, der jetzt ganz still

geworden war, und neben ihm Frau von Ruschwedel mit Onkel Jack. An der

rechten Seite der Hausfrau blieb ein Stuhl frei, dann kam Emmy mit

Will.

»Liebste Freundin,« wandte sich Anna zu Frau Dempwolf, »ich muß Ihre

Nachsicht in Anspruch nehmen. Ich hatte bestimmt erwartet, daß der

Professor zur rechten Zeit erscheinen würde. Es war ihm die Ehre

zugedacht, Sie zu Tisch zu führen. Ich glaube, wir lassen den Platz

zwischen uns noch ein wenig frei, ich hoffe bestimmt, daß Sie bald zu

Ihrem Rechte kommen werden.«

»Aber ich bitte sehr. Ich bin mit der Gesellschaft von Herrn Willy

vollkommen zufrieden. Eigentlich fürchte ich mich nämlich etwas vor

Professor Petri, wenn er einen so durchdringend mit seinen scharfen

Augen ansieht. Ich denke dann immer, er hat was an mir auszusetzen,

als wolle er wie am Werke eines seiner Schüler kritisieren. Mich

sollte es gar nicht wundern, wenn er eines Tages mal sagte: Aber die

Nase ist ja viel zu stumpf! Was ist denn das für eine Arbeit, es

regnet ja hinein, -- und dann der Kopf, der reinste Puppenkopf. Das

ist nichts -- gar nichts -- elende Pfuscherei!« Sie karikierte Petri

ungemein drollig. »Eigentlich habe ich mir gedacht, er sollte nur

Giganten und Titanen aus mächtigen Felsblöcken hauen. -- Neulich, als

ich den Pergamonfries gesehen habe, mußte ich immer an ihn denken. Das

wäre so was für ihn. Was Niedliches und Zierliches kann er doch nicht

machen. Oder doch? ..«

»Ei gewiß, gerade. Dort drüben der Mädchenkopf ist von ihm.«

Sie war aufgesprungen, um sich das Werk in der Nähe zu betrachten,

ohne Rücksicht darauf, daß schon serviert ward.

»Ich habe nämlich eigentlich noch nie was von ihm gesehen. Er ist

mir zu groß, viel zu groß. Es ist, als ob er und Onkel Jack ein paar

Riesenbrüder sind. Sie sehen so schrecklich verwandt aus.«

»Was ist schon wieder mit mir,« fragte Onkel Jack, ungeniert lachend.

»He! was habe ich wieder getan? -- Natürlich, immer Onkel Jack.«

»Getan! -- getan haben Sie nichts,« rief Emmy mutwillig. »Ich habe nur

gesagt: Sie und der Professor müßten von Enak abstammen.«

»Enak? -- Ach so, die ollen Riesen, weiß schon. Na ja -- aber ganz

stimmt das doch nicht. Es könnte höchstens ein jüngerer Bruder sein.

Ja, ja, das Fiedelbogenstreichen ist 'ne gesunde Arbeit. Das gibt noch

bessere Muskeln, als an 'nem Marmorblock ein bißchen herumkloppen.«

Er lachte wieder, bis er sich fast verschluckte. Dann wandte er sich

an den Bruder, der in sich versunken im Sessel saß und sich von Anna

vorlegen ließ:

»Ja, Bruder, siehst Du, Du bist ein bißchen aus der Art geschlagen.

Warst schon als Junge ein Grübler. Immer Gedanken -- und wieder

Gedanken. Und wer viel denkt, wird nicht lang.«

Der Kranke lächelte resigniert und fuhr sich mit unsicherer,

abgezehrter Hand durch den spärlichen Vollbart, der sein blasses

eingefallenes Gesicht umrahmte.

Die wenigen Haare lagen ganz schlicht auf dem etwas länglichen Kopfe,

nur die Augen blickten klug träumerisch in die Welt, als ob hinter

ihren Spiegeln ein weites, seltsames Traumland liege, von dem die

anderen nichts wissen noch ahnen konnten.

So still war er immer. Selten nur klagte er. Allein so scheinbar

zufrieden war er erst im Laufe der letzten Jahre geworden.

Mehrmals hatten ihn die Aerzte völlig aufgegeben gehabt. Aber jedesmal

hatte die dem schwächlichen Körper innewohnende Energie ihn gerettet.

Er hatte die Fabrik verkauft, weil es nicht möglich war, sie vom

Krankenbette aus zu leiten, und seitdem lebten sie in der kleinen

Villa, in der er einst Anna hatte kennen und lieben gelernt.

Es war von seiner Seite keine blind leidenschaftliche Liebe gewesen;

und er wußte, daß auch Anna ihm nur eine liebevoll innige Freundschaft

entgegenbrachte.

Es war eine musterhafte Ehe, anfangs ohne sonderliche Leidenschaft und

daher ohne Unruhe.

Allmählich aber fing Hermann an, sich in seine Frau zu verlieben; er

war im Begriff, sich gehen zu lassen, als er herausfühlte, wie er sie

damit erschreckte, und nun sich langsam wieder vor ihr zurückzog.

Sie hatte kein Verständnis für ihn, und er hatte nicht den rechten

Mut, ihr dies Verständnis für sein Wesen zu eröffnen.

Und so lernte er sich beherrschen, er blieb so gleichmäßig ruhig wie

zuvor, um sie nicht zu verwirren. Er hoffte, daß es eines Tages auch

bei ihr durchbrechen würde. -- Aber der Tag kam nicht. --

Sie blieb sich immer gleich, leidenschaftslos kühl. Es lag in ihr

etwas stolz Abwehrendes, eine so sichere Unnahbarkeit, die er nicht zu

durchbrechen wagte, und sie schien nichts zu merken von seiner Unruhe,

von der nervösen Hast, die ihn manchmal überkam.

Und weil er ihr seine Liebe nicht mit Worten gestehen konnte, weil er

dieses feine Lächeln fürchtete, das zuweilen um ihre Lippen zittern

konnte, weil er im Banne vor dieser Ueberlegenheit stand, tat er ihr

jeden Wunsch, erfüllte er all ihre Launen, ohne Bedenken, und in

seiner Liebe zu ihr, vor der sie zurückbebte, verschloß er sein Herz,

damit sie ihn nicht ganz zurückstieß. --

Dann wurde das Kind geboren.

Er hatte gehofft, nun werde es anders. Aber er täuschte sich. Denn nun

galt er ihr ~gar nichts~ mehr.

Jetzt lebte sie nur für das Kind, hatte nur mehr Augen und Sinne für

ihren kleinen Willy, und so verlor er sie vollkommen.

Das Kind stand zwischen ihnen. Sie verließ es nicht einen Augenblick.

Es diente ihr als Schild.

Da gab er alle Hoffnung auf, denn er zweifelte daran, ob es überhaupt

in der Welt irgend etwas geben könnte, das imstande war, ihr Blut auch

nur um einen Pulsschlag zu beschleunigen.

Dieser apathische Gleichmut, diese vollkommene Leidenschaftslosigkeit

tröstete ihn andererseits wieder. Es gab so wenigstens keine

Möglichkeit, daß er je irgendwelchen eifersüchtigen Anwandlungen

unterlag.

Sie hatte freie Hand gehabt in all ihrem Tun und Lassen, vom ersten

Augenblicke ihrer Ehe an. Er hatte ein unerschütterlich festes

Vertrauen zu ihr.

Nie war auch nur das geringste Wort eines Vorwurfs gefallen. Ihr

Verhalten zueinander war tadellos. Wie sie sich vor der Welt betrugen,

er liebevoll, aufmerksam auf jede ihrer Bewegungen, so war er auch

daheim, kein Unterschied, keine Nüance mehr oder weniger.

Zuweilen hatten sie beide das Gefühl, als ob sie sich wie zwei Gegner

mit gekreuzten Klingen gegenüberständen; allein es mischte sich

zugleich ein Gefühl gegenseitiger Hochachtung ein, die es nie zu einem

Ausfall kommen ließ.

Wie ernst sie ihre Pflichten nahm, bewies sie zu jener Zeit, als man

ihn halbverbrannt aus der Fabrik heimtrug.

Sie hatte nicht aufgeschrien, kein unnützer Laut des Jammers war in

seiner Gegenwart über ihre Lippen gekommen.

Mit hingebendster Sorgfalt und unerschütterlicher Geduld hatte sie ihn

gepflegt.

Sie tat ihre Pflicht, peinlich genau, jedes Wort befolgend, das der

Arzt ihr sagte; sie tat ihr Aeußerstes, ruhig und still, ohne Murren,

aber auch ohne in ihrer Hingebung ganz aufzugehen, so wie eine

barmherzige Schwester, die ihr Leben für nichts achtet, die aber doch

keine innere Beziehung zu dem Kranken hat.

Alle ihre Gewohnheiten legte sie ab. Es wurden keine Besuche mehr

gemacht, ihre Freundinnen wies sie ab, und die allerneuesten Vorgänge

der Gesellschaft ließen sie so völlig kalt, daß ihre Bekannten nicht

wiederkamen, daß sie die Hoffnung eines ferneren Verkehrs aufgaben und

von ihr fast wie von einer Weltfremden sprachen.

So wurden sie vergessen, und als ihr Gatte wieder anfing, Hoffnung auf

Genesung zu geben, da hatte sie die Fühlung verloren, hatte auch das

Bedürfnis nicht mehr nach jenen lärmenden, rauschenden Festlichkeiten,

die ihr jetzt weniger zusagten als früher, wo sie ihr auch nur dazu

gedient hatten, sich zu betäuben.

In den einsamen Stunden am Krankenbette, wenn das Nachtlichtchen

seinen ersterbenden Schimmer hauchte, hatte sie Zeit gefunden

nachzudenken, ihr ganzes inhaltsloses Leben an sich vorüberziehen zu

lassen und Einkehr in sich selbst zu halten. --

Sie war aufgewachsen in der strengen Zucht ihrer Mutter, selbst

ganz das Gegenteil, ein lebenslustiges, übermütiges Geschöpf, das

gedankenlos in den Tag hineinlebte, dessen Sehnsucht darauf ausging,

sich recht bald und möglichst reich zu verheiraten, um frei zu werden,

um eine Rolle zu spielen. Und dann hatte sie eines Tages in kindischem

Trotz, eigentlich nur um jemand anderem wehe zu tun, den ersten besten

geheiratet. Und dieser erste beste war zufällig Hermann Braun gewesen,

der in all der Zeit in ihrem Hause verkehrte, bis er eines Tages um

ihre Hand anhielt, die sie im ersten Augenblicke ausschlug, um ein

paar Tage später doch Ja zu sagen.

Sie hatte sich das eigentlich alles ganz anders vorgestellt, damals

noch ganz befangen in romantischer Mädchenschwärmerei, -- und dieses

Mißverhältnis zwischen ihrer Empfindung, ihren heimlichen Wünschen und

der prosaischen Wirklichkeit brachte sie aus aller Fassung, stumpfte

sie vollkommen ab, bis sie jedes Gefühl verlor.

So war sie sein Weib geworden, mit der redlichen Absicht, ihre Pflicht

wie jede andere zu erfüllen.

Wenn der Kranke erregt wurde, wenn er mit seiner Nervosität sich

und andern lästig fiel, so nahm sie das geduldig, ohne ein Wort der

Klage hin. Sie behandelte ihn wie ein krankes Kind, das er war, und

darüber konnte er sich innerlich so empören, daß er zuweilen in

Tränen ausbrach. Aber er ließ es sie niemals ahnen; nur wenn er seine

Schmerzensanfälle hatte, duldete er nicht, daß sie um ihn war, und so

gewöhnte sie sich wieder mehr und mehr daran, ihn fremden Händen zu

überlassen.

Sie hatte ihren Gleichmut wieder gefunden und suchte jetzt wieder nach

Zerstreuung.

Dann saß er allein und las.

Im Hause lagen überall eine Unzahl von Zeitungen und Zeitschriften

umher, englische, französische und deutsche. Wenn er aber lesen

wollte, so mußte er meist jemand haben, der ihm behilflich war, die

großen Blätter umzuschlagen, weil es Tage gab, wo er fast unfähig war,

ein Glied zu rühren. Und dann machte ihn die Gegenwart eines Dieners

wieder nervös. Allein er mußte sich hineinfügen.

Jede naturwissenschaftliche Entdeckung, jeder Bericht einer Reise, vor

allem die Vorgänge in Afrika, besonders aber alle Neuerungen auf dem

Gebiete der Chemie studierte er mit einem nie ermüdenden Eifer.

Wenn er allein war, grübelte er über neue Probleme nach.

So glaubte er einmal eine Lösung gefunden zu haben, um das

Schwefeleisen völlig vom Schwefel zu befreien, so daß es zu allen

Arbeiten verwendbar war, ohne die Gefahr, brüchig und spröde zu werden.

Aber er war an seinen Krankenstuhl gefesselt und konnte nichts

beginnen. Es handelte sich um ein paar komplizierte Experimente, und

die wollte er keinen andern für sich machen lassen. Ein anderer konnte

das auch gar nicht.

In derartigen Stimmungsaugenblicken war er unerträglich.

Am meisten ließ er dann an Willy seine Launen aus. -- Weshalb hatte er

Jura und nicht, wie er es wollte, Chemie studiert? -- Dann hätte er

die Fabrik übernehmen, dann hätte er sich leicht einen Namen machen

können.

So wurde ihm nun kein Wunsch erfüllt. Sie hatten sich alle gegen ihn

verschworen. Keiner kümmerte sich um ihn.

Am meisten gab sich noch Onkel Jack mit ihm ab, Jack, mit dem er

früher auf gespanntem Fuße gelebt, von dem er lange Jahre hindurch nie

ein Wort gehört hatte, bis er eines Tages unvermutet zurückkehrte und

ihn nun mit seinen drolligen Erzählungen unterhielt. --

Und auch heute abend unterhielt er die ganze Gesellschaft, bei der

es anfangs ziemlich still hergegangen war, weil Frau Anna alle

Augenblicke nach der Tür sah und bei jedem Geräusche aufmerkte,

nervöser als je.

Er erzählte von seinen Reiseabenteuern in Chili, wohin er unter

Leitung eines spitzbübischen Impresario einst mit seiner Kapelle eine

Tournee gewagt hatte.

Er spickte seine Erzählung mit so mancher Kraftäußerung, so mancher

echt amerikanischen Wendung und erzählte so humoristisch, daß ihm alle

aufmerksam zuhörten und er mit seinen Aufschneidereien immer mehr in

Fluß kam, bis der Diener ihn mit der Meldung unterbrach, daß Herr

Professor Petri soeben gekommen sei. --

6.

Frau Anna hatte sich erhoben, um dem Eintretenden entgegenzugehen.

»Bitte tausendmal um Entschuldigung,« stieß er etwas hastig hervor.

»Ich sehe, daß ich gestört habe. Gestatten Sie, gnädige Frau, daß

dies Bukett, die teilweise Ursache meiner unangenehmen Verspätung,

meine Bitte um Verzeihung unterstützt.«

Ein sanft vorwurfsvoller Blick aus ihren Augen traf ihn, dann nickte

sie ihm zu, während er ihre Hand ergriff und sie fast zärtlich an die

Lippen führte.

»Um dieser herrlichen Blumen willen soll Ihnen diesmal noch verziehen

werden,« sagte sie lächelnd, während sie den feinen Duft der blassen

Rosen einsog und den Strauß dann in eine Vase auf die Tafel stellen

ließ, in der bis jetzt ein bescheidenes Veilchenbukett sich befunden

hatte.

Der Professor begrüßte die Damen und schüttelte den Herren der Reihe

nach die Hand, worauf er seinen Platz zwischen der Hausherrin und Emmy

Dempwolf einnahm, die sein Kommen mit ihrem süßesten Lächeln begrüßt

hatte.

»Denken Sie nur, gnädigste Frau,« wandte er sich zu Anna, »als ich

das Bukett abholen will, haben die Menschen die dunkelsten Rosen von

der Welt genommen. Sie werden einsehen, daß das unmöglich war. Alle

Tradition wäre damit vernichtet worden.«

Er beugte sich zu ihr hinüber, und sie sprachen leise weiter, während

die übrigen sich wieder Onkel Jack zuwandten, der seine Geschichte zu

Ende bringen sollte, indes Emmy Dempwolf schon auf den Moment wartete,

um den Professor für sich zu gewinnen.

Allein vorläufig schien er sie gar nicht zu beachten, so sehr war er

mit Frau Anna im Gespräch. --

Um acht Jahre älter, hatte er sie von frühester Kindheit an gekannt;

wohnte er doch nur wenige Häuser tiefer in der Straße, in einem

niederen, schlicht grau gestrichenen Hause, hinter dem, von dichten

Büschen ganz versteckt, tiefer im Garten das Bildhaueratelier sich

befand.

Damals schon hatte Anna mit ihrer Mutter hier gewohnt, und sein

Vater, der Geheimrat von Petri, verkehrte intim in dem Hause, dessen

Besitzerin weitläufig mit ihm verwandt war und die er deshalb

beständig Frau Cousine nannte.

Reinhold Petri war dann nach Italien gegangen, hatte drei Jahre in

München und zwei in Paris gearbeitet, war inzwischen einige Male in

der Heimat gewesen und hatte sich jedesmal mit der wilden kleinen Anna

gezankt, wobei es ihm viel Spaß machte, sie zu ärgern, genau wie

in den Briefen, die sie hie und da wechselten; als er endlich ganz

heimkam, hatte sich seine Spielgefährtin, die er bis dahin geduzt

hatte, mit dem Doktor Braun verlobt.

Dann war sein Vater gestorben, und er stand ganz allein da. Anna hatte

sich bald verheiratet, und ihre kränkelnde Mutter war zu einem Bruder,

der im südlichen Oesterreich ein Landgut hatte, übergesiedelt, wo sie

nach ein paar Jahren auch dahingerafft wurde.

Zu jener Zeit, als er heimkam und Anna als die Braut eines andern

wiederfand, hatten sie sich fremd und kalt gegenüber gestanden.

Es war kein Wort gefallen. Er hatte ihr seinen offiziellen

Gratulationsbesuch gemacht, und so waren sie sich völlig entfremdet.

Allein Hermann Braun hatte zu dem Künstler eine freundschaftliche

Zuneigung gefaßt, wodurch er ihn zwang, ihnen allmählich wieder näher

zu treten. Bei jeder Gelegenheit suchte er Petri an sich zu fesseln,

und es dauerte nicht lange, so war das vertrauliche Du zwischen ihnen

eingeführt.

Seitdem verkehrte Reinhold Petri, der Junggeselle geblieben war,

ständig in der kleinen Villa. Seit Brauns Unfall kam er täglich,

meist am Nachmittag, um mit Hermann ein halbes Stündchen zu

verplaudern.

Zur Winterszeit stellte er sich mit Einbruch der Dämmerung ein, und

dann saßen sie zu dreien um den großen schwarzen Marmorkamin, in dem

die Holzscheite so lustig knatterten und prasselten; sie plauderten

und riefen alte gemeinsame Erinnerungen wach oder saßen im Schweigen

träumend beieinander.

Auch heute plauderten sie von alten Erinnerungen, von einer Reise,

die sie vor vielen Jahren durch die Schweiz gemacht hatten. Frau Anna

war noch jetzt entzückt von Lausanne, wo sie sich fast vierzehn Tage

aufgehalten hatten, und sie konnte nicht Worte genug finden, um die

Schönheit des Sees zu preisen.

»Ja ja, Lausanne,« sagte der Professor. »Mir ist es nicht mehr

unbekannt. Es ist ja kein Jahr hingegangen, daß ich nicht dort war.«

Frau Anna beugte sich etwas tiefer über ihren Teller, ganz

unwillkürlich, und zerschnitt dann langsam ihrem Gatten das Stück

Wildpret.

Niemand hatte die Bewegung gesehen, außer Petri, der ihr jetzt einen

fast bittenden Blick zuwarf, als ob er sie um Verzeihung bitten

müsse, daß er jetzt entschlossen fortfuhr:

»Und demnächst erhalte ich von dort längeren Besuch.«

»Ach!« sagte Frau Dempwolf und sah ihn an, als ob er ihr die

erstaunlichste Mitteilung von der Welt gemacht habe, ohne daß sie

ahnen konnte, um was es sich handelte.

»Jawohl, mein Mündel kehrt aus der Pension zurück.«

»Wie? -- Ihr Mündel?«

»Jawohl, gnädige Frau, mein Mündel. Es scheint Sie das in Erstaunen zu

setzen, daß ich im glücklichen Besitze eines Mündels bin. Vielleicht

bin ich Ihnen noch nicht alt genug dazu, um Vormund spielen zu dürfen?«

Emmy wurde auf diese lachend vorgebrachte Frage etwas verlegen, fuhr

aber gleich wieder fort:

»O, durchaus nicht! -- Darf man vielleicht etwas Näheres darüber

erfahren.«

»Aber gewiß, gnädige Frau. -- Die junge Dame also, denn das ist sie

jetzt -- zählt siebzehn Lenze und ist auf den schönen Namen Marie

getauft, wird aber nie anders als Mignon genannt. Es ist das Kind

eines meiner Freunde in Paris, und da ich selbst nicht die geringste

Neigung habe, mich zu verheiraten, finde ich wenigstens auf diese

Weise Gelegenheit, Vaterpflichten zu erfüllen.«

»Und weshalb wollen Sie nicht heiraten? .. Das verstehe ich nicht, das

müssen Sie mir erklären.«

»Ich könnte Ihnen hundert Gründe dafür oder vielmehr dagegen anführen.

Vielleicht genügt Ihnen der eine: Ich fühle keinen Beruf dazu.«

»Das verstehe ich nicht.«

»Ich bedaure unendlich, gnädige Frau, aber es ist eine erweisliche

Tatsache. Keine Spur von Talent.«

»Das wäre sehr bedauerlich. Sie sollten unbedingt heiraten, Herr

Professor. Ich bitte Sie, in Ihrem Alter kann man das sehr gut, es ist

die beste Zeit. Glauben Sie zum Beispiel, daß, wenn ich nicht schon

meinen Wolf hätte, ich Nein sagen würde?«

»Sie sind zu gütig, gnädige Frau.«

»Durchaus nicht, aber mir scheint, Sie sind mit Ihrem Spotte

abscheulich.«

»Abscheulich? -- Und dann soll ich heiraten? --«

»Das ist doch kein Hinderungsgrund.«

»Ich glaube beinah doch.«

»Also, um wieder in andere Bahnen zu lenken,« sagte Emmy und kniff die

Augen etwas zu, »Fräulein Mignon wird zurückkehren, und wir werden sie

zu sehen bekommen?«

»Ich hoffe es, -- schon in den nächsten Tagen.«

»Sie wird ganz bei Ihnen bleiben?«

»Gewiß, sie ist lang' genug fort gewesen, und ich denke, sie wird nun

gescheit genug sein. Wer kann wissen, wie bald das Vögelchen flügge

sein wird und mich alten Knaben völlig sitzen läßt. Und ich bin so

unbescheiden, etwas für meine Erziehungssorgen zu verlangen. Sie

soll mir in mein Junggesellenheim ein bißchen Freude und Lebenslust

bringen, und ich freue mich sehr darauf.«

»Ist sie hübsch?« fragte die junge Frau diskret.

»Wenn Sie sich überzeugen wollen!« erwiderte der Professor, und Messer

und Gabel niederlegend, griff er in die Brusttasche und nahm aus einer

schwarzen Ledermappe ein kleines Bild, das er seiner Nachbarin mit

verhaltenem Stolze überreichte.

Die Photographie stellte ein junges Mädchen dar, mit dunklem, bis auf

die Schulter fallendem leichtgelockten Haar. Die Stirn war völlig

verdeckt, so daß die Haarspitzen die schmalen und fein ausgezogenen

schwarzen Augenbrauen berührten.

Das ovale Gesichtchen mit dem ungemein kleinen Munde und den

scharfgeschwungenen vollen Lippen trug den Ausdruck seltsamer

Träumerei, einen fast schwärmerischen, aber doch energischen Zug.

Die Schultern waren voll und rund, nach dem Bilde zu urteilen; dabei

aber eine feine, fast zierliche Taille.

Emmy Dempwolf betrachtete das Bild lange sinnend, ehe sie sagte:

»Sie ist sehr schön, eigenartig schön. Eigentlich eine etwas wilde,

fast gefährliche Schönheit. Ich glaube, sie kann leicht sentimental

werden.«

Petri lachte:

»Ich weiß nicht; aber ich glaube, Sentimentalität besitzt Mignon so

gut wie gar nicht. ~Das~ aber weiß ich: daß es kein prächtigeres

Mädel gibt, so herzensgut und edel veranlagt.«

Damit reichte er das Bild Frau Anna hinüber, zögernd vorsichtig,

während er ihre Augen suchte.

Allein sie schlug sie nur einen Augenblick auf, dann vertiefte sie

sich in die Betrachtung des Bildes.

Er sah, wie ihre Finger leise zitterten, nur einen Moment, als sie die

Photographie nahm, -- dann beherrschte sie sich wieder vollkommen. Nun

gab sie das Bild ihrem Gatten, der es weiter reichte, so daß es die

Runde am Tisch machte.

»Sie hat sich wenig verändert,« bemerkte Doktor Braun. »Sie sieht noch

ebenso aus wie vor sechs Jahren, als sie hier war. Entsinnst Du Dich

nicht mehr, Willy? Es waren nur ein paar Tage -- allein ihr gerietet

gleich am ersten in den heftigsten Streit.«

»Aufrichtig gesagt, ich weiß kaum noch etwas davon. Nur ganz dunkel

kann ich mich erinnern.«

»Ist sie noch immer so leidenschaftlich wild und, ich möchte fast

sagen, jähzornig?« fragte Frau Anna leise.

»Durchaus nicht mehr. Sie ist jetzt ganz Dame, ehrlich gesagt, sie ist

mir sogar zu vornehm steif geworden, zu sehr Pensionsdämchen. Aber ich

hoffe, daß ihr diese kleinen Mucken hier bald vergehen. Ich möchte sie

gern allmählich in die Gesellschaft einführen. Es muß ja doch einmal

sein.«

»Die sieht ja beinah aus wie eine kleine mexikanische Wilde,« rief

Onkel Jack. »Nehmen Sie's mir nicht übel, bester Professor, es soll

nämlich ein Kompliment sein. Das Mädel gefällt mir. Es ist Rasse drin

... Hoffe, wir werden gute Freunde werden.«

Er reichte das Bild Willy hinüber, der es anfangs nach einem

flüchtigen Blicke, als geniere er sich, das hübsche Mädchengesicht

genauer zu betrachten, weitergeben wollte.

Allein Frau Dempwolf hatte sich ganz dem Professor zugewandt, und so

legte er es neben den Dessertteller und betrachtete es genauer.

Mignon trug ein dunkles, ausgeschnittenes Kleid mit einem

Schifferkragen, so daß der Hals frei war, um den sich ein schmales,

dunkles Band mit einem kleinen Medaillon schloß.

Je genauer er das Bild ansah, um so mehr Leben schien es zu gewinnen.

Es übte einen eigentümlichen, fast geheimnisvollen Reiz auf ihn aus.

Eigentlich schön fand er sie nicht, nur äußerst originell und

interessant.

Als Emmy Dempwolf sich zu ihm wandte und nochmals mit ihm gemeinsam

das Bild betrachtete, behielt er es noch eine ganze Weile in der Hand,

ehe er es dem Professor zurückgab.

Es war ein merkwürdiges Gesicht, am seltsamsten die Augen; eine

eigentümliche Mischung von Kind und Weib lag in ihrem Ausdrucke.

Es wirkte auf ihn wie ein scheinbar leicht faßliches Rätsel, dessen

Lösung man jeden Augenblick zu finden meint, ohne daß es einem

gelingen will.

Den ganzen Abend über verließ ihn die Erinnerung nicht. Er sah es vor

sich, fast greifbar, und vermochte es nicht aus seinen Gedanken zu

bannen. --

Die Tafel war aufgehoben und man hatte sich zwanglos drüben im Salon,

dessen Balkontüren trotz der frischen, feuchten Abendluft weit

aufstanden, den Kaffee erwartend, niedergelassen.

Willy trat auf den nassen Balkon und blickte in die Nacht hinaus.

In dem weit gegenüberliegenden Hause schimmerte, wie allabendlich,

in einem Fenster des ersten Stockes Licht, meist bis tief in die

Mitternacht hinein.

Der Schein zitterte durch die Blätterlücken der sich zuweilen leise

bewegenden Bäume. --

Wer mochte dort wohnen, hatte er sich schon oft gefragt, und bis in

die Nacht hinein arbeiten?

Während er sich diese Frage stellte, sah er schon wieder das

Mädchenantlitz, so daß er in den Salon zurücktrat und mit Frau

Dempwolf ein Gespräch anknüpfte, die in einem Sessel saß und mit ihren

langen schwedischen Handschuhen spielte, einsam und gelangweilt.

Die Herren zündeten sich ihre Zigarren an, mit Ausnahme von Willy, der

daheim nie rauchte.

Er wußte, daß es der Mutter, trotzdem sie das Gegenteil behauptete,

nicht recht angenehm war.

Emmy erklärte Willy, daß es eine Leidenschaft von ihr sei, sich

im geheimen eine Zigarette zu gestatten; Onkel Jack machte an dem

Likörkörbchen eingehendere Studien und hörte dabei zu, wie die Frau

Hauptmann von ihrem guten Ruschwedel erzählte, nachdem Onkel Jack sie

durch die Wiedergabe seiner Heldentaten als Offizier in den Staaten

auf dies Thema gebracht hatte.

Der Professor hatte sich zu Frau Anna gesetzt und sprach leise auf sie

ein, angelegentlich und fast erregt flüsternd, indem er den übrigen

halb den Rücken kehrte.

Es wurde Frau Dempwolf im Zimmer zu langweilig, und sie schlug Willy

vor, in den Garten hinabzugehen. So wenig angenehm es ihm war, mußte

er ihr doch Folge leisten.

Sie warf ein leichtes seidenes Tuch um die Schultern und hing sich

plaudernd an seinen Arm.

Von den dunklen Bäumen fielen noch einzelne Tropfen hie und da, wenn

der leichte Nachtwind die Zweige schüttelte.

Ein feuchter, erdfrischer Dunst lag über den Blumenbeeten und den

kurzgeschorenen Grasflächen.

Die Wege waren noch feucht, mit kleinen Seen am Rande, so daß sie Mühe

hatten, trockenen Fußes durchzukommen.

Allein Emmy ließ sich nicht abschrecken.

Mutter!.. · 第 4 / 62 题