Fritz Lautner war mit Wurm, der sich für alles, was bildende Kunst
hieß, in helle Begeisterung redete, im Neubau des Reichstagsgebäudes
gewesen, wo einer ihrer Bekannten arbeitete.
Sie schlenderten jetzt langsam der Friedrichstraße zu.
Vor den Schaufenstern einer Kunsthandlung blieben sie stehen, um sich
die neuausgestellten Gemälde zu betrachten.
Lautner warf einige seiner boshaften Bemerkungen hin, als ihn Wurm
anstieß und sie sich beide umwandten, um Willy Braun zu grüßen, der
mit einer Dame aus der Wilhelmstraße kam.
Die Dame trug ein schlichtes graues Kleid von tadellosem Sitz.
Sie war schlank, fast zu zart gewachsen und reichte ihrem Begleiter
kaum bis zur Schulter.
Als sie die beiden jungen Leute bemerkte, nickte sie ihnen freundlich
zu, wobei Wurm ein schmales, etwas bleiches Gesicht zu sehen bekam, in
dem zwei große dunkle Kinderaugen zu brennen schienen.
Alles an ihr war zierlich, dennoch aber Haltung und Gang stolz und
kraftvoll. In der jugendlichen Toilette, dem enganschließenden
Kleide hatte sie etwas durchaus Mädchenhaftes, erst wenn man genauer
aufachtete, war es nicht schwer zu erkennen, daß sie älter sein mußte,
als sie aussah.
Wurm sah ihr unauffällig nach, wie sie leicht und sicher elegant
dahinschritt und jetzt am Ende der Häuserreihe den hellen Sonnenschirm
aufspannte.
»War das die Schwester von Braun?«
»Seine Schwester?« fragte Lautner erstaunt. »Ach so -- es ist zu
merkwürdig ... aber kein Mensch hält die Dame je für das, was sie
wirklich ist.«
»Für was denn?«
»Für Willys Mutter.«
»Seine ~Mutter~? ... Seine ~Stief~mutter?«
»Gott bewahre! Seine richtige Mutter. Sie sehen sich doch ähnlich wie
ein Ei dem andern.«
»Seine richtige Mutter? ...«
»Natürlich! -- Frau Doktor Braun ist jetzt -- warten Sie mal -- ja,
sieben- oder achtunddreißig. Jawohl, mein Verehrtester, sehen Sie mich
nur so an. Man sieht ihr das gewiß nicht an, aber es muß wohl so
sein.«
»Das hätte ich nicht geglaubt.«
»Und hätten diesen Unglauben mit vielen geteilt. Willy beträgt sich
ihr gegenüber auch kaum wie zu einer Mutter, fast wie verliebt.
Ich habe selten ein herzlicheres Verhältnis gesehen als zwischen
den beiden. Die machen meine neulich aufgestellten pessimistischen
Paradoxe völlig zuschanden.«
»Das kann ich mir denken.«
»Er vergöttert sie fast, und das ist gefährlich. Er wird mir allzusehr
zum Muttersöhnchen, immer an der Schürze, und vergibt seiner
Individualität zu viel. Er tut ja keinen Schritt, ehe sie ihm nicht
ihren Rat erteilt hat, -- und das gefällt mir nicht. Es wäre gut, wenn
er mal von Berlin fort käme, in andere Verhältnisse, und ihr nicht
immer auf dem Schoße hocken könnte.«
»Er ist doch noch so jung.«
»Ach was, jung! Man kann gar nicht früh genug flügge werden. Nehmen
Sie ~mich~ mal an: Ich habe solch eine Verzärtelung und
Verpäppelung nie gekannt, und ich denke, es ist mir vorzüglich
bekommen.«
»Sie sind gut bekannt bei Brauns, Lautner -- nicht?«
»O ja! -- Sie haben draußen in Charlottenburg 'ne riesig nette Villa.
Ich kenne die Familie eigentlich durch Professor Reinhold Petri. --
Das Haus liegt schräg gegenüber, und er geht bei ihnen ein und aus, --
ich lasse mich dreimal hängen, wenn sich nicht in all seinen Arbeiten
irgendein Zug findet, der an die schöne Frau Braun erinnert. Das
scheint ihm ganz in Fleisch und Blut übergegangen zu sein.«
Sie waren bis zur Friedrichstraße gekommen und mußten wegen einer
Wagenstockung ein paar Augenblicke vor Kranzler stehen bleiben.
Nach einer Weile fragte der Musiker:
»Brauns haben eine chemische Fabrik, nicht?«
»Ja! Das heißt: gehabt! Vor kurzem wurde der ganze Krempel verkauft.
Mich wundert eigentlich, daß Willy Jurist geworden ist, statt die
Fabrik zu übernehmen. Er interessiert sich doch für solche Sachen
sehr. -- Ich würde mich keinen Augenblick bedenken, wenn ich vor der
Wahl stände. Ich glaube, die Frau Mama hat da mal wieder die zarte
Hand im Spiele gehabt. Er soll was werden, darauf gibt sie kolossal.
Und dann ist es auch verzeihlich, seit der Doktor das Unglück mit
'nem Experimente gehabt hat, das beinah ganz schief ausgegangen wäre.
Das ist sicher nicht ohne Einfluß geblieben. Uebrigens, wenn Sie das
so interessiert, können wir dieser Tage mal hinausgehen, wenn Braun
draußen ist, an irgend 'nem Sonn- oder Feiertage. Er hat Sie doch
schon lange eingeladen. Meinetwegen nächsten Sonntag, wenn es Ihnen
recht ist.«
»Aber gewiß, mit Vergnügen.«
»Sie gehen jetzt zur Bibliothek?«
»Ja, ich habe mir ein paar Sachen in den Lesesaal bestellt. Die
verfallen sonst heute.«
»Na, dann auf Wiedersehen! -- Also es bleibt dabei, nächsten Sonntag.«
»Schön! ... Auf Wiedersehen!«
* * * * *
Inzwischen war Willy mit seiner Mutter langsam die Ahornallee entlang
gegangen, um sie zur Tiergartenstraße zu begleiten, wo sie einer
Freundin einen Besuch machen wollte.
Die Begegnung mit den beiden Freunden hatte in ihm die Erinnerung an
ihre Fahrt auf dem Wannsee wachgerufen, und er grübelte aufs neue über
die fast beleidigend gleichgültigen Worte nach, die Lautner damals
hingeworfen hatte.
Schon am folgenden Tage, als er seiner Mutter gegenübertrat, hatte er
lächeln müssen -- das war nicht möglich, daß eine Frau zugleich eine
grausame Geliebte und eine zärtliche Mutter sein konnte. Und wenn es
auch solche Wesen geben mochte, was brauchte ~er~ sich darüber
den Kopf zu zerbrechen? --
Und über jene Bemerkung Lautners, die ihm Wurm voller Entrüstung
nachher mitgeteilt hatte: jede Mutter sei doch schließlich das Weib
ihres Mannes, ging er hinweg, weil er kein Verständnis dafür besaß.
Und so schritt er neben der Mutter hin, unter den Laubgängen des
Tiergartens, in dieser ruhigen Vormittagsstimmung, die hier träumte.
Wie zärtlich er auf sie niederblickte, -- während sie neben ihm
hinschritt und manch ein Blick ihnen folgte.
Sie mußte zu ihm aufsehen, denn er war um mehr als einen Kopf
größer als sie, und sie wunderte sich zuweilen, daß dieser große
breitschultrige Junge, dieser sehr ansehnliche Herr, vor dem alle Welt
einen ziemlichen Respekt hatte, ihr Kind sei, ... ihr Kind!
Wenn sie sich dagegen hielt mit ihrem zarten, schlanken Körper, den
feinen, gebrechlichen Gliedern, die sich trotz ihres Alters wie ein
Kind vorkam, -- dann mußte sie lächeln; aber es war ein Gefühl von
Stolz und unnennbarem Glücke, das sie erfüllte.
Er hatte nie vor ihr den gehörigen Respekt gehabt, vor seiner kleinen
Mama, die er schon als fünfzehnjähriger Junge durch den ganzen Garten
trug, und die er mit einer scherzenden Naivität, die er einmal, er
wußte selbst nicht, wie er dazu kam, mit ihrem Vornamen nannte: mein
kleines Annerl, oder auch Frau Doktorchen.
Sie hatten fast immer wie zwei Kinder miteinander gespielt, und als er
älter wurde, wurden sie wie zwei gute Freunde und Kameraden.
Sie hatte jung geheiratet, als sie kaum das Spielzeug aus der Hand
gelegt, und deshalb alberte sie mit dem kleinen Willy genau so wie
kurz zuvor noch mit ihren Puppen.
Was sollte sie auch sonst beginnen? -- Sie hatte so gar nichts zu
tun. Vom Hauswesen verstand sie nicht das geringste. Sie sollte
sich auch nicht darum kümmern, das wollte Braun nicht. Dazu hatte
man seine Leute. Und sie fühlte auch keine Neigung, sich in der
Küche aufzuhalten oder frische Wäsche einzuzählen. Der Geruch schon
verursachte ihr Kopfschmerzen.
Wenn sie nicht Besuche machte, was in den ersten Jahren ihrer Ehe
geradezu eine Leidenschaft von ihr war, so ging sie oft den ganzen
Vormittag langsam, ganz langsam im Garten spazieren, oder sie ließ
sich zwischen den Bäumen, ganz hinten, an einer recht schattigen
Stelle ihre englische Hängematte befestigen, und dort sich leise
wiegend verträumte sie die Stunden.
Meist war sie so träge, daß selbst der neueste und spannendste Roman
tagelang sich unaufgeschnitten umhertrieb, und das gelbe Buch, denn
meist war es ein Franzose, wiederholt draußen im langen Grase gefunden
wurde, manchmal von einem plötzlichen Regenschauer völlig wie in eine
Schmutzmasse verwandelt. --
Willy kannte seine Mutter nicht anders, als daß sie ihre Zeit
verträumte, und als er noch kleiner war, erzählte sie ihm ihre Träume;
aber sie waren immer so seltsam phantastisch, daß er sie nie recht
verstand, und immer, wenn sie eine Geschichte anfing, ward stets eine
ganz andere daraus, mit ganz anderen, fremden Personen.
Wenn er sie dann erstaunt ansah, nahm sie ihn in die Arme, und lachend
über sich selbst und seine fragenden Augen herzte und küßte sie ihn,
bis auch er anfing zu jubeln, und dann wirbelte sie ihn übermütig
durch das Zimmer, bis sie wieder müde geworden war.
Hie und da hatte sie wohl eine leichte Stickerei zur Hand genommen,
aber niemals hatte er gesehen, daß eine dieser Arbeiten fertig
geworden war.
Das dauerte oft Wochen und Monate, während deren sie sich in allen
Ecken und Winkeln umhertrieben, bis sie zu schmutzig waren, als daß
sie weiter daran arbeiten konnte.
Dann wurden sie fortgelegt oder beiseitegeworfen, und nach langer,
langer Zeit ward eine neue angefangen, der es nach geraumer Weile
nicht besser erging.
Willy hatte sich dermaßen daran gewöhnt, sie unbeschäftigt zu sehen,
daß, wenn sie anfing zu arbeiten, er ihr lachend die Stickerei aus den
Händen wand: sie sollte mit ihm plaudern und sich nicht ihre schönen,
weißen Finger zerstechen. --
Als er auf die Universität und damit in neue, ihnen beiden ganz fremde
Verhältnisse kam, fing er an, ihr alles zu erzählen, was sie nur
irgend interessieren konnte; und alles interessierte sie, selbst die
geringfügigste Kleinigkeit.
Er bemühte sich, ihr seine Bekannten, seine Lehrer zu schildern, und
gewöhnte sich dabei, ihre Schwächen stets etwas zu karikieren, bis sie
zu lachen anfing; dann erst war er zufrieden.
Er hörte sie so gern lachen; es klang so rein und hell, so kindlich
vergnügt, daß es ihm die schönste Aufgabe schien, sie zum Lachen zu
bringen.
Wo er ihr eine Freude bereiten konnte, tat er es.
Wenn er in diese lieben guten Augen sah, begriff er nicht, wie jemand
ein böses Wort über die Frauen sagen konnte.
Jedenfalls war sein Mütterchen die edelste, liebste und beste Frau,
die es auf der weiten Welt gab.
So leicht würde er Lautner nicht verzeihen, was er an jenem Tage
gesagt hatte. Bei Gelegenheit wollte er ihm seine Meinung gründlichst
sagen. --
Er war mit der Mutter in die Siegesallee eingebogen, und sie schritten
jetzt der Tiergartenstraße zu. Dann ging er noch eine kleine Strecke
mit den Tiergarten entlang und verließ sie vor der Gartentür einer
der kleinen, in dichtem Grün versteckten Villen. Und während er
zurückging, wandte er sich noch ein paarmal, bis daß sie durch den
Vorgarten schreitend in dem Häuschen verschwunden war.
Dann ging er schneller, aber mit ihm gingen die Gedanken an sein
Mütterchen, deren Bild ihn keinen Augenblick verließ; sein ganzes
Leben, das bis jetzt noch immer keinen rechten Zweck hatte, ging auf
in der Liebe zu diesem, für ihn edelsten und reinsten Wesen, das seine
Mutter war.
3.
Lautner hatte sich von Wurm verabschiedet, und da er mit seiner Zeit
heute nichts anzufangen wußte, ging er langsam schlendernd und sinnend
wieder die Linden zurück dem Brandenburger Tore zu.
Sein angefangenes Bild beschäftigte ihn vollauf. Ob er die Kraft
hatte, es zu vollenden, -- ob er es annähernd so ausführen konnte, wie
er es lebendig vor sich sah?
Wenn es ihm gelang, dann war alles gewonnen. Dann brauchte er sich
nicht mehr mit dem Jahrmarktströdel der auf Bestellung gelieferten
Salonbilderchen abzugeben.
Am meisten jedoch dachte er daran, welch eine Freude er seiner alten
Mutter machen würde, und nur das eine wieder stimmte ihn trübe, daß
ihre Augen mit jedem Tage schwächer wurden, so daß sie kaum mehr
arbeiten konnte und ihr Sticken hatte ganz aufgeben müssen. Das und
vieles Weinen hatte ihre Augen verdorben. Es war so arg geworden,
daß er ihr am Morgen die Zeitung vorlesen mußte, weil ihr die Zeilen
ineinander liefen.
War es nicht eine bittere Ironie, daß, während er sich bemühte, die
leuchtendste Farbenpracht auf seine Leinewand zu bannen, die Mutter
immer weniger imstande war, seine Kunst zu genießen?
Das fraß an ihm, und er war doch machtlos.
Der Arzt hatte ihm erklärt, daß es Altersschwäche sei, gegen die es
kein Mittel gäbe. Er mußte sich also in das Unvermeidliche fügen. --
Die Hände in die Taschen des Jacketts versenkt, weil er niemals
Stock oder Schirm trug, ging er gemächlich dahin, aufmerksam rings
beobachtend.
So bemerkte er nicht, wie jemand eine Weile hinter ihm herging und ihn
dann endlich auf die Schulter klopfte.
Er drehte sich rasch um. Es war Professor Petri, der lachend vor ihm
stand und nun seinen Arm nahm.
»Kommen Sie mit, Lautner. Ich habe mich mit Willy verabredet zu
Gurlitt. Sie gehen doch mit? Wir essen nachher zusammen, wo Sie
wollen, wenn Sie sonst nichts vorhaben.«
»Nein! Das paßt mir ganz gut. Ich bin eine ziemliche Weile nicht
dagewesen.«
»Also gehen wir langsam hin.«
Reinhold Petri mochte etwa in den vierziger Jahren sein. Das dunkle,
kurzgelockte Haar war stark in Grau übergegangen, allein es sah aus,
als ob dies von Anfang an die Naturfarbe gewesen sei.
Ein starker Bart mit links und rechts tief herabhängendem Schnurrbart
bedeckte das Kinn und ließ nur manchmal die etwas zu breiten Lippen
sehen.
Die Augen waren stahlgrau und scharf durchdringend. Gewöhnlich etwas
kalt, fast stechend, von starken, fast borstigen Wimpern überschattet
und mit breiten energischen Brauen.
Das ganze Gesicht war durch Alter etwas hängend und leicht gedunsen,
allein die scharfe energische Nase verwischte diesen Eindruck wieder.
Der Kopf mit der hohen, beinah viereckigen Stirn wirkte beim ersten
Blick sympathisch gewinnend, und in den scharfen Zügen lag viel Geist.
Es war eins jener Gesichter, die so frappant sind, daß man sie nicht
wieder vergißt, deren Ausdruck sich voll mit der Persönlichkeit deckt;
aus denen man schwer etwas erraten kann, aber stets geneigt ist, in
ihnen alles zu finden, was man über den Betreffenden erfahren hat.
Es lag Zielbewußtsein in seinem Auftreten, in der straffen Haltung
seines mächtigen, breitschultrigen Körpers.
Das Seltsame dabei war, daß seine Arbeiten, so groß sie angelegt sein
mochten, stets an einem Zuge zur Zierlichkeit krankten und seine
kleineren Statuetten mehr Boudoirnippes glichen als selbständigen
Schöpfungen eines großen Bildhauers.
Es lag ein französisch leichtfertiger Zug in seinen Figuren, der nur
zu oft die einheitliche Wirkung störte. --
Lautner hatte eine Zeitlang unter ihm gearbeitet. Allein, nachdem er
in die Geheimnisse des Modellierens einigermaßen eingedrungen war,
ließ er davon ab und griff wieder zu Pinsel und Palette. Die Farbe
interessierte ihn doch mehr als die Form.
* * * * *
Als sie bei Gurlitt eintraten, fanden sie Willy Braun schon anwesend,
der vor einer norwegischen Landschaft stand, deren üppiger Goldton ihn
begeisterte.
Lautner zuckte nur die Achseln und suchte nach irgendeinem Bilde,
das seiner Geschmacksrichtung besser entsprach, aber er fand nichts
Gescheites.
Er war nicht einmal dazu aufgelegt, seine gewohnheitsmäßigen
ironischen Bemerkungen zu machen, zumal er wußte, daß Reinhold Petri
sie ihm oft genug verargte.
Nur im großen Saale versetzten ihn ein paar originell sein sollende
+Plein-air+-Bilder in wilden Zorn, weil sie so gar keinen Inhalt
hatten.
»Ich glaube, allmählich könnten wir gehen,« sagte er endlich, müde von
dem nutzlosen Herumstehen.
»Einen Augenblick noch. Dieser Bronzekopf interessiert mich zu sehr.«
»Kommst Du nachher mit zu mir, Lautner?« fragte Willy.
»Gewiß, gern. Ich habe nichts vor.«
»So, jetzt wäre ich fertig. Wenn ihr also mit zum Pschorr wollt, so
können wir dort essen.«
* * * * *
Nach Tisch ließ der Professor die beiden jungen Leute allein, die zu
Braun gingen, der seit einiger Zeit in der Mauerstraße seine Wohnung
hatte, um nicht beständig den Weg nach Charlottenburg machen zu müssen.
Sie sprachen über Reinhold Petri, der eben ein neues Werk vollendet
hatte, das sich noch im Atelier befand, aber in den nächsten Tagen
ausgestellt werden sollte.
Willy stand, trotzdem er über das Sie und das Herr nie hinausgekommen
war, mit ihm auf vertrautem Fuße. Oft, wenn ihn irgend etwas
bedrückte, wenn er in irgendeiner Angelegenheit einen Rat haben
wollte, wandte er sich, ehe er der Mutter die letzte Entscheidung
überließ, an Petri, zu dem er viel Vertrauen besaß.
Sie ließen es sich beide nach außen hin nicht anmerken, wie vertraut
sie im Grunde waren. Wenn Willy in Charlottenburg war, in den Ferien,
so machten sie gemeinsam die ausgedehntesten Spaziergänge.
In den letzten Tagen war der Professor nervös erregt gewesen, wie
jedesmal, wenn er mit einem neuen Werke an die Oeffentlichkeit trat.
Eine Ruhelosigkeit ohnegleichen marterte ihn; er konnte vor allem
keinen Augenblick allein sein.
Jetzt hatte er die beiden jungen Leute nur verlassen, weil er selbst
den Transport seiner Gruppe anordnen und überwachen wollte. --
Sie waren vor dem Hause der Mauerstraße angelangt und stiegen die
helle Treppe zu Brauns in der ersten Etage gelegenen, aus drei Zimmern
bestehenden Wohnung hinauf, über die sich Lautner jedesmal aufs neue
ärgerte, weil sie, wie er behauptete, mit geradezu geschmackloser
Protzigkeit eingerichtet war.
»Natürlich, die Martha!« sagte Lautner, als sie auf den Korridor
traten und in demselben Augenblicke eine Tür geöffnet wurde und ein
blonder Mädchenkopf sich zeigte.
»Du, das Mädel ist, glaub' ich, in Dich verliebt, Will. Sie muß immer
herausgucken. Na, deshalb brauchst Du nicht gleich rot zu werden.«
»Ich bitte Dich, Fritz.«
»Na laß doch. Du kannst ja nichts dazu, das weiß ich. Ich glaube, ehe
Du mal ein nettes Wort zu einem hübschen Kinde sagst, muß die Welt
untergehen. In der Beziehung bin ich nun gerade kein Unmensch.«
Er hatte es sich in einem Ledersessel bequem gemacht und betrachtete
eifrig die Titel der in den Repositorien stehenden Bücher. Es war
so behaglich in den hübsch ausgestatteten Räumen, daß er gern ein
Stündchen hier mit Braun verplauderte.
»Uebrigens, Will, Du hast mir immer mal versprochen, zu uns
heraufzukommen. Ich habe meiner Mutter so viel von Dir erzählt, daß
sie ganz neugierig geworden ist. Dafür mache ich Dir dann mit Würmchen
am nächsten Sonntag in Eurer Villa Gegenbesuch, wenn Dir die Zeit
paßt.«
»Aber sehr gern.«
»Weißt Du, so nett wie bei Dir findest Du es nun nicht bei uns.
Hinterhaus drei Treppen, wegen des Ateliers. Und das ist auch danach,
klein und scheußlich einfach, vier kahle Wände, das ist alles.«
Dann fuhr er mit wohltuender Wärme fort:
»Aber dafür ist eins darin, und das weißt Du ja zu würdigen: Du mußt
meine Mutter mal kennen lernen, 'ne einfache, alte Frau natürlich,
recht alt sogar, aber darauf siehst Du hoffentlich nicht so sehr.«
»Ich habe nichts mehr zu tun, wenn wir also ...«
»Aber mit dem größten Vergnügen, lieber Junge. Je unerwarteter, desto
besser.«