Sie fand das furchtbar romantisch. --

Willy wollte gleich anfangs umkehren, allein sie gab es nicht zu. Es

machte zu großen Spaß.

Wenn die Tropfen von den Bäumen raschelten, zog sie ihren Begleiter

eilends davon. Sie hätte ihn so gern aus seiner Ruhe gebracht, aber es

gelang ihr nicht. So gab sie es endlich auf. Und als sie hörte, daß

man droben zu musizieren anfing, sagte sie:

»Ach Gott, Agnes phantasiert. Da müssen wir schon wieder hinauf, sonst

wird sie böse.« --

Mitternacht war längst vorüber. Doktor Braun nickte alle Augenblick

ein, und man entschloß sich zum Aufbruch.

Der Professor sprach noch eine Weile mit der Hausfrau, intimer als

gewöhnlich, dann brachte Onkel Jack die beiden Damen fort, während

Will den Professor bis hinüber zu seinem Häuschen geleitete.

Am Gittertore blieben sie stehen. Petri faßte die Hand seines

Begleiters, und mit einer Stimme, die weicher und inniger klang als

gewöhnlich, bat er ihn:

»Nicht wahr, Will, wenn Mignon kommt, wirst Du mir helfen, daß es ihr

bei uns gefällt, willst Du? -- Ihr beide müßt gute Freunde werden. Ich

hoffe, daß es geschehen wird. Und nun: gute Nacht, mein Junge, und

komm gut heim ...«

Sie schüttelten sich die Hände, und während der Professor die

Gartentür öffnete, schritt Willy der Charlottenburger Chaussee zu. Er

wollte noch durch den Tiergarten zur Stadt zurück.

Der Wind war lebhafter geworden. Das Flackerlicht der Laternen tanzte

über die Pfützen auf den Wegen und warf seinen rötlichen Schimmer über

den feuchten, breiten Fahrdamm.

Der Sturm rauschte in den Zweigen und schüttelte mit dem Nachregen

ganze Schauer welkwerdender Blätter in den Schmutz. Es sauste und

brauste in den Wipfeln, anschwellend zu wildem Rauschen, um dann

langsam wieder zu verrascheln.

Die Aeste ächzten und knackten, und kleine Zweige stürzten brechend zu

Boden.

Und während Willy unter den zusammenschlagenden Bäumen dahinschritt

und einzelne kalte Tropfen ihm in das heiße Gesicht schlugen,

war ihm, als sähe er zwischen den breiten Stämmen ein liebliches

Mädchengesicht, ganz umrahmt von dunklen Haaren, bleich und

märchenhaft, das ihm gar eigen zulächelte.

Es schien zwischen den Büschen hinzuhuschen, plötzlich an irgendeiner

dunklen Stelle aufzutauchen und wieder zu verschwinden, wenn er

schärfer hinsah.

Erst als er an der Siegesallee die gewaltigen, grauen Quadern des

Tores und dann den einsamen, lichterfüllten Platz vor sich sah,

verschwand ihm das Bild des seltsamen Mädchenangesichtes, um in seinen

Träumen wiederzukehren, als wolle es ihn nicht mehr lassen.

7.

Es war ein herbstlich sonnenheller Sonntagmorgen, als Willy Braun und

Adolf Wurm durch den Tiergarten nach Charlottenburg hinausgingen.

Sie schlenderten langsam, die Menschen beobachtend, die ihnen

entgegenkamen oder sie überholten, verloren sich in einen Seitenweg,

und sahen dem Spiel zweier Drosseln zu, die in den welk werdenden

Gebüschen sich jagten und umherflatterten.

Der Himmel war wolkenrein, die Luft weich, aber klar, wie bei

herannahendem Herbstfroste, so daß sich alle Gegenstände in der

Vormittagssonne scharf und farbenrein voneinander abhoben, als sei die

ganze Natur einer Wochenreinigung unterzogen.

Von den absterbenden Bäumen raschelten kreisend die gelben und

hellbraunen Blätter nieder und knitterten, wenn sie in das trockene

Laub fielen, das überall den Boden dicht bedeckte.

Willy trieb zuweilen mit seinem Stocke ein paar Blätter vor sich her,

und der Ton, den diese breiten, tiefgelben Ahorn- oder schmutzig-roten

Eichen- und Buchenblätter beim Aufeinanderfallen erzeugten, ein

fröstelnder, harter Laut, berührte ihn nicht unangenehm.

Als sie die Bellevue-Allee überschritten, mußte er an eine Szene

denken, die er vor kurzem hier mit Emmy Dempwolf gehabt hatte.

Er hatte ihr den Gefallen getan und war mit ihr ausgeritten, nachdem

ein Bekannter ihm mit liebenswürdiger Bereitwilligkeit Pferde zur

Verfügung gestellt hatte.

Der Gaul war lammfromm, allein die übermütige junge Frau hatte ihn

durch fortwährende unsinnige Manöver derart verstört, daß er zu bocken

anfing und Willy alle Mühe hatte, ihn zu beruhigen und einen Unfall zu

verhüten.

Es schien, als wollte sie es darauf anlegen, ein Abenteuer

herbeizuführen; ihr ganzes Benehmen war so herausfordernd, daß er alle

Lust verlor, noch einmal mit ihr auszureiten.

Je höflicher und zurückhaltender er sich betrug, um so koketter wurde

sie gegen ihn, und so war er froh, als sie endlich abreiste; zumal es

ihm unangenehm war, daß er nicht mehr hinauskommen konnte, ohne sie

bei seiner Mutter zu treffen.

Es berührte ihn peinlich, seine Mama in dieser Gesellschaft zu sehen,

und eines Tages hatte er es ihr offen gesagt, aber sie hatte ihn

ausgelacht und ihn ein eifersüchtiges Närrchen geheißen. Was wollte er

denn? -- Es war eine junge, lebenslustige Frau, halb noch ein Kind,

die das ganze Jahr auf ihrem einsamen Gute saß und sich jetzt ein

bißchen austollte, trotz ihrer grämlichen Schwester, die von nichts

anderem reden konnte als von ihrem seligen Hauptmann.

Und hier hatte sie niemand als Onkel Jack, der ihr vielleicht ein

wenig den Hof machte, aber der war in seinen Beteuerungen nicht immer

so ganz salonfähig.

Professor Petri war nach Paris gereist, um dann auf dem Rückwege

Mignon abzuholen.

* * * * *

Drei Wochen waren seit Frau Annas Geburtstage verflossen. In

den letzten Tagen war dann auch Emmy Dempwolf zu ihrem Brummbär

zurückgekehrt, und es war wieder still geworden in der kleinen Villa.

Wenn Willy hinauskam, fuhren sie zu dreien spazieren, oder wenn der

Vater gut aufgelegt war, diskutierten sie miteinander. Allein Will

hatte dabei einen schweren Stand, weil Doktor Braun so gar kein

Verständnis für Schulphilosophie hatte. Alles, was über die Grenze

exakter Forschung hinausging, hatte für ihn weder Wert noch Zweck,

und immer hatte er bei derartigen Gesprächen bald einen Angriffspunkt

gefunden, den Willy nicht verteidigen konnte, weil es sich meist um

eine aus dem System herausgerissene Einzelheit handelte, die nur im

Zusammenhange Wert und Bedeutung hatte.

Willy hatte eine unbegrenzte Achtung vor dem Vater, vor dem

Umfange seines zwar mehr dilettantischen, aber im Laufe der Zeit

wohlgeordneten Wissens.

Deshalb diskutierte er gern mit ihm, aber er respektierte den Kranken

zu sehr und wagte es nicht, ihn mit gleichen Waffen zu bekämpfen.

Er war niemals zu ihm in ein wirklich herzliches Verhältnis

getreten, sie blieben sich fremd, und wenn es sich um eine wichtige

Angelegenheit handelte, so gab die Mutter den Ausschlag.

Auf sie hatte er all seine Liebe übertragen, während der Vater dagegen

zu kurz kam, der, an seinen Krankenstuhl gefesselt, zur Untätigkeit

verdammt war.

Willy unterhielt sich jetzt mit Wurm über den Vater. Der Musiker war

ein paarmal bei ihnen gewesen und hatte ihnen einige seiner Sachen

vorgespielt.

Aus all seinen Melodien klang eine versteckte Resignation, ein

schwermütiger, fast tragischer Zug, etwas wie gebrochener Wille.

Er arbeitete an einer großen Oper, von der er gern sprach, und zu der

er sich selbst den Text schrieb.

Er wollte heute zu Jack Braun hinaus, um ihm den ersten Akt

vorzuspielen; deshalb war er etwas erregt, denn bis dahin hatte noch

kein Mensch weder ein Wort noch eine Note davon zu Gehör bekommen.

Sie hatten sich wieder tiefer in den Tiergarten verloren, schlugen

aber jetzt die Richtung nach der Chaussee ein, wo leicht gebaute

Equipagen mit fröhlichen Insassen dahinjagten: Damen lässig in die

Kissen zurückgelehnt, jubelnde Kinder, wegen des graudrohenden

Herbstes in mehr winterliche Gewänder gekleidet, herumtollten.

Noch lag mit wärmenden Strahlen die Sonne auf dem dörrenden Geblatt

und färbte die noch grünen Blätter am Rande gelb, warf immer größer

werdende braune Tupfen und Flecke darauf und sog den Lebenssaft

langsam aus den schwachen Stengeln, bis ein Lüftchen kam und das Blatt

knickte, mit jenem leisen, sterbenden Laute, der wie ein kleiner

Sterbeseufzer klingt, oder bis es altersschwach von selbst träge vom

Aste brach.

Die Gärten an der Berliner Straße, in die sie inzwischen gelangt

waren, fingen an, zu veröden; die Blumen waren verschwunden, nur

spätblühende Geranien und dürre, hochstämmige Astern verliehen mit

ihren bunten Blütenköpfen der Einförmigkeit Farbe.

Das Gras hatte seine lebenssatte Färbung eingebüßt und ward schmutzig

graugrün. In den Wegen faulte das erste welke Laub, und die

Rosenstöcke streckten ihre blütenleeren Dornenzweige zum Himmel.

Der Herbst zog früher als gewöhnlich ins Land, nur am Tage konnte er

vor der Kraft der Sonne noch nicht aufkommen. Dafür setzte er dann in

der Nacht sein Zerstörungswerk um so eifriger fort.

Auch im Garten der Villa in der Sophienstraße sah es trübe aus.

Der Gärtner bemühte sich vergeblich, farbige Blumenrabatten

zusammenzustellen. Der Nachtfrost verdarb ihm alles, und mit den

eigentlichen Herbstblumen machte es sich gar so kahl. --

Wurm ging weiter zur Knesebeckstraße, wo Jack Braun wohnte, während

Willy die Mutter suchte, die er trotz des kühlen Morgens auf der

Terrasse sitzen fand.

Das fahlgelbe Weinlaub kletterte über die Brüstung und versuchte,

an den schlanken jonischen Säulen, die den Balkon trugen, sich

emporzuranken.

Eine breite Treppe von wenigen Stufen führte in den Garten hinab. Auf

den seitlichen Absätzen standen einige Oleanderkübel, die jetzt zur

Nachtzeit schon in das Gewächshaus gebracht werden mußten.

Frau Anna saß in einem niedrigen Gartenstuhle, über den ein graues

Elenfell gebreitet war.

Ein aufgeschlagenes Buch, zur Hälfte noch unaufgeschnitten, lag

gähnend auf dem kleinen Tische. Es mußte schon lange dort liegen,

denn die aufgeblätterten Seiten waren schmutzig geworden von dem

feinen Staube, der von den nahen Tonfabriken, der Chaussee und den

Abladeplätzen des Spreekanales in der Luft umherirrte ...

Ihre Gedanken mußten weit fort sein, denn sie hörte nicht, als Willy

die Terrasse betrat.

Er blieb in der Tür stehen und beobachtete sie.

Ein feiner, aber scharfer Zug von innerlichem Leid lag um die

Mundwinkel und zog sich von den Augen wie ein matter Strich die blasse

Wange herab.

Sie hatte das Kinn in die Hand gestützt und blickte in den Garten

hinaus, wo die Morgensonne mit vollem Scheine friedlich auf den

saubergeharkten, mit gelbem Sand bestreuten Wegen lag und in den

feinen Silberstrahlen des plätschernden Springbrunnens glitzerte.

Willy betrachtete die Träumende lange.

Wie schön sie noch immer war. Weshalb war er nicht Maler, um sie

malen zu können, wie sie dalag, in dem mattgelben Morgenkleide, von

dem die roten Bänder und Schleifen sich lebhaft abhoben, mit ihrem

durchsichtigen Elfenbeinteint und den dunkelbraunen, etwas wirren

Haaren, in denen wie versunken eine Teerose schwamm.

Er trat einen Schritt vor, auf die bunten Fliesen. Sie hob den Kopf,

und er sah deutlich, wie plötzlich in den wehmutstrunkenen Augen eine

lachende Freude aufleuchtete, -- wie in dem Gesichte, über dem eben

noch ein Schleier von Melancholie lag, eine Veränderung vorging, wie

mit einer Landschaft, über der die Wolkenschatten zerflattern.

Sie streckte ihm die Hand hin, und er küßte diese schlanken Finger mit

fast andächtiger Scheu, daß sie ihn zu sich herabzog und ihre Lippen

auf seine Augen preßte.

Und nun holte er einen kleinen Strauß von Dijonrosen hervor, mit ihren

weißen, zarten Knospen, die er ihr mitgebracht hatte.

Gleich einem Verliebten war es ihm zur Gewohnheit geworden, niemals

mit leeren Händen zu kommen.

Wenigstens eine Blume mußte er ihr mitbringen, um ihr zu zeigen, daß

er inzwischen an sie gedacht hatte.

Er verbarg dergleichen, vor allem vor dem zum Spott nur zu sehr

veranlagten Lautner, weil er sich sehr wohl bewußt war, daß er einen

übertriebenen Kultus mit seiner Mutter trieb. Sie wußten ja nicht,

~was~ sie ihm alles war. --

Er sah, wie sich seine Bekannten gedankenlos an das erste beste

Mädchen wegwarfen; er kannte jene alltäglichen Beziehungen, die oft

Wochen und Monate dauerten und sich dann ebenso gleichgültig wieder

lösten, ohne alle Romantik, ohne Liebe. Er sah, wie oft die Liebe

rings um ihn als Ware aufgefaßt wurde oder, was schlimmer schien, eine

Lüge war.

Er hatte das drängende Bedürfnis nach Liebe, er mußte jemanden haben,

dem er sein Herz ausschütten konnte. Er hielt es nicht aus, lange

allein zu sein; es trieb ihn stets zu anderen hin. So fühlte er sich

zu Lautner hingezogen, allein er fürchtete sich vor dessen klarer

Lebensauffassung, die keine Spur von Romantik aufkommen ließ, die

immer gleich prosaisch gesund und nüchtern aburteilte.

Mit Bangen sah er die Zeit kommen, da er fern von Haus sein mußte,

daß auch er, gleich den anderen, sich vielleicht endlich einen Ersatz

suchen würde, den er vor sich selbst nicht verteidigen konnte.

Er mußte jemand sein ganzes Innere offenbaren können, der ihn mit

Geduld anhörte, denn er war oft unruhig, unzufrieden mit sich und

seiner Arbeit.

Er war nervös geworden, von jener Nervosität, wie sie dem

Großstädter eigen ist, der sich in geistiger Arbeit aufreibt. Eine

Unbefriedigtheit, ein Hasten und Drängen nach immer Neuem beseelte

ihn; er wollte das, was noch dunkel vor ihm lag, möglichst bald

erreichen, um nicht im bangen Zweifel verharren zu müssen.

In solchen Augenblicken ließ er seine Bücher im Stich und kam

unerwartet zur Mutter, denn er wußte, daß er bei ihr seine Ruhe

wiederfand und alles mit einem Schlage wieder gut war.

Er war sentimental veranlagt, aber er konnte sich nicht ausgeben. Das

Gefühl schlummerte in ihm und häufte sich mehr und mehr, je größer die

Gleichgültigkeit und Gefühllosigkeit um ihn her zunahm.

Es schauderte ihn vor diesem Mangel an Seele, vor dem Bewußtsein,

daß auch ~er~ einmal so werden konnte wie die andern, die doch

gewesen sein mußten wie er; denn er sah es an seinen Freunden, wie sie

in dieser Atmosphäre der Apathie langsam untergingen.

Deshalb klammerte er sich an seine Liebe zur Mutter. So lange er

~sie~ hatte, konnte er sich nicht selbst verlieren; wenn er nur

ihre Stimme hörte, wich das Angstgefühl von ihm, wie Schatten und

Nebel vor der Sonne.

Er kam sich vor wie ein törichtes Kind, das hinter dem Mutterrocke

Schutz sucht vor eingebildeten Spukgestalten, und trotzdem hatte er

nicht den Mut, sich auf sich selbst zu besinnen. --

Er streichelte ihr die Hand, während sie den feinen Hauch der

Dijonrosen einsog.

Dann legte sie das Bukett auf den Tisch und sagte:

»Geh einmal hinauf zu Papa. Er hat schon den ganzen Morgen nach Dir

verlangt.«

»Du schickst mich schon wieder von Dir fort?« --

»Ja, und wenn Du wiederkommst, werde ich Dich noch einmal

fortschicken.«

»Ich soll Dich heute wohl gar nicht sehen,« lachte er, während er ihre

beiden Hände umschlossen hielt.

»Du mußt Dich heute den ~andern~ opfern, nicht mir. Nun geh

hinauf, und wenn Du wiederkommst, erfährst Du mehr ...«

Frau Anna blieb allein und tändelte mit den Rosen. Sie nahm ihre

Gedanken wieder auf, aber jetzt verwirrte sich alles, und sie fand die

Ruhe von vorhin nicht wieder.

Sie blickte hinaus, wie die Sonne auf die gerade abgestochenen

Gartenwege schien, sie hörte das leise, melodische Plätschern des

Springbrunnens, und dann glaubte sie die Stimme ihres Gatten und Wills

zu hören, hie und da ein abgerissener Laut. --

Zwei Sperlinge flatterten auf die Terrasse, jagten sich im Weinlaube,

balgten und zausten sich dann auf dem bunten Fliesenboden, bis sie

erschreckt plötzlich auseinanderflogen, als Frau Anna sich bewegte.

Sie hatte die Augenbrauen zusammengezogen, sie wollte an etwas

nicht denken, aber es war ihr nicht möglich. Sie besaß sonst die

beneidenswerte Fähigkeit der Frauen, rasch zu vergessen, im vollsten

Maße.

Alles, was hinter ihr lag, nahm für sie eine fast traumhafte Gestalt

an. Was hinderte sie, die Dinge anders zu denken, als sie gewesen

waren? ...

Zwei Verse Calderons hatten einmal Eindruck auf sie gemacht und waren

ihr im Gedächtnis geblieben:

Denn nur ein Traum ist alles Leben,

Und selbst die Träume sind ein Traum. --

Sie murmelte es leise vor sich hin: Und selbst die Träume sind ein

Traum ...

Die Vergangenheit kann nur Schatten beschwören.

Aber wenn die Vergangenheit Gestalt annahm, Fleisch und Blut gewann?

Sie schüttelte den Kopf. Sie sorgte sich da um Dinge, die sie im

Grunde nichts angingen. Was war ihr das jetzt noch? .. Nichts! -- gar

nichts.

Sie hörte die Stimme ihres Mannes jetzt deutlicher. Er sprach laut

und lachte. Und die Stimme klang kalt und klar, daß es sie fröstelte,

mitten im Sonnenschein.

Sie ärgerte sich darüber. Wenn das so fortging, machte es sie noch

ganz nervös.

Und all das um das Kind, das Reinhold Petri aus Lausanne mitbrachte,

und dessen Mutter sie einmal gehaßt hatte. Die Mutter lag schon lange

im Grabe, und das Kind trug keinerlei Schuld.

Wie lang' das her war? -- Und wie die Zeit verging, eilends; aber die

Zeit hinterließ ihre Spuren.

Sie verheimlichte es sich nicht mehr; sie wurde zusehends alt,

vielleicht weil sie so lange jung geschienen. Das Alter kam über Nacht.

Wenn sie genauer hinsah, so mehrten sich in den Augenecken die

Krähenfüße, und zwischen ihren Haaren fand sie immer mehr graue.

Sie kämpfte nicht mehr dagegen an, sie hatte ein Recht, alt zu werden;

wenn Willy es auch nicht zugeben wollte.

Er kam jetzt wieder herab, nachdem er ein halbes Stündchen mit dem

Vater geplaudert hatte.

»Schenkst Du mir nun noch ein Viertelstündchen? Nicht für mich.«

»Gewiß Mama!«

»Dann geh' hinüber zum Professor -- er ist gestern zurückgekommen --

und sag', er solle ja nicht versäumen, um zwei zu Tisch zu kommen.«

»Das ist alles?«

»Ja, doch halt. Darf man ein paar Rosen aus dem Bukett nehmen?«

»Soll ich die dem Professor bringen?«

Sie sah plötzlich auf, dann lächelte sie:

»Gewiß, wem denn sonst?«

»Ah, ich weiß, Fräulein Mignon ist angekommen.«

»Das weiß ich nicht, ob Fräulein Mignon angekommen ist, mein hoher

Herr.«

»Wem soll ich dann aber die Rosen geben?«

»Du hast es ja selbst gesagt, dem Professor. Geh' nur hinüber und

richte Deine Botschaft aus, und wenn Du jemand triffst, der Dir dieser

Rosen würdig scheint, so gib sie ihm. Das wird dann wohl der Professor

sein.«

»Nein, ich glaube, ich werde sie wieder mit heimbringen, um sie

~Dir~ zu geben.«

»So? Und deshalb schickt man Dich also fort? Nun mach' aber hurtig.«

»Du wirfst mich ja beinah hinaus. -- Aber das hilft Dir nichts, die

Rosen bekommst Du doch wieder.«

»Wir werden ja sehen ...«

8.

Nach wenigen Schritten stand Willy vor dem Hause Petris.

Vor dem langgestreckten einfachen Gebäude zog sich ein schmaler,

wohlgepflegter Blumengarten hin, der durch ein hohes schmiedeeisernes

Gitter von der Straße getrennt war.

Willy trat in das Haus ein. Auf dem breiten, fliesenbelegten Hausflur

traf er die alte Haushälterin Petris, Fräulein Minna, eine stattliche

Dame, trotz ihrer fünfzig Jahre. Sie hatte noch ein Mädchen zur

Verfügung, mit dem gemeinsam sie den kleinen Hausstand versorgte.

Mit der großen, weißen Schürze und der weißen Rüschenhaube auf dem

grauen Haare sah man es ihr an, daß sie einmal hübsch gewesen sein

mußte, nur in den Augen lag etwas von Heimtücke und Bosheit.

Willy mochte sie nicht leiden, obgleich sie ihm stets aufs höflichste

entgegenkam.

Der Professor stand ganz unter ihrer Herrschaft und mußte sich ihr in

allen häuslichen Angelegenheiten unbedingt fügen.

Nur im Atelier hatte sie nichts zu sagen.

Auch betrat sie es aus dem Grunde nicht, weil ihr all die Figuren dort

ein Greuel waren. Hatte doch der Professor seine Not gehabt, bis er

es durchsetzte, daß eine ausgezeichnete Kopie der Mediceerin im Salon

aufgestellt wurde.

In blindem Eifer wütete sie gegen die Heidengötter mit den verrückten

Namen, bei denen sich kein ehrlicher Christenmensch etwas denken

konnte, und da sie katholisch war, gab sie sich erst zufrieden, als

die Sixtina gleichfalls im Salon aufgehängt ward, obgleich ihr diese

Nachbarschaft viel Kopfweh bereitete.

Mit dem Federwisch in der Hand lief sie eifrig im Hause umher, jedem

kleinsten Stäubchen den Krieg erklärend. Heute war sie ganz aus ihrer

Ruhe gebracht. Es ging heute alles drunter und drüber.

Wo der Professor war, wußte sie nicht, vielleicht im Garten oder

sonstwo; sie wußte rein gar nichts.

Sie fing an, mit dem Mädchen zu schelten, so daß es Willy noch bis in

den Garten hinein hören konnte.

Durch den Hinterflur, in dessen Nischen ein paar wunderliche

Allegorien, krause Einfälle einer barocken Künstlerlaune, standen,

trat er in den parkähnlichen Hintergarten mit den dichten Gebüschen,

in denen das Atelier versteckt lag, mit seinem hohen Glasdache, das

durch die Wipfel der erst jung angepflanzten Bäume hindurch schimmerte.

Tiefe Stille herrschte in dem weiten Garten, und frischer Morgenduft

lag über den in erster Frühe reichlich besprengten Grasflächen.

Ein Laubgang führte zum Atelier. Die Tür stand auf, und der den

inneren Eingang bedeckende Vorhang war halb zur Seite geschlagen.

Im Glauben, daß Petri anwesend sei, trat Willy vorsichtig die beiden

Stufen hinauf. Allein er hatte sich getäuscht, niemand war da, und nun

trat er völlig in den großen, von milchweißem Lichte durchfluteten

Raum.

Schlichte, weißgetünchte Wände, gegen die die Skulpturen eines

unvollendeten Frieses lehnten, ein paar Konsolen mit Gipsabgüssen,

Bossierschemel, ein paar niedere Modelltische und drüben die große

Drehscheibe eines neuen Werkes, eines mit nassen Tüchern verhängten

Tongefüges, das noch niemand zu sehen bekam.

An der Hinterwand ein paar Oleander und Palmen. Die Blätter

grau gepudert, darunter ein Diwan und zwei Fauteuils um einen

runden Tisch, wenn Besuch kam. Etwas seitwärts ein niedriger,

orientalisch buntgemusterter Diwan, auf dem sich ein rotseidener

Schlummerpuff herumtrieb. Daneben ein Rauchtischchen mit losen

ägyptischen Zigaretten, mit deren feinem grauen Rauch der Künstler

in träumerischen Stunden das hohe, lichte Atelier mit seinem

breitspannenden Glasdache erfüllen konnte, von der Arbeit ermattet,

faulbehaglich ausgestreckt.

In einer Nische auf einem Ebenholzsockel die Büste von Frau Anna,

deren Original sich im Arbeitszimmer Dr. Brauns befand.

Um die Büste, eine Arbeit aus der ersten Zeit ihrer Bekanntschaft,

schlang sich noch ein verwelkter Kranz, dessen Blüten entblättert

am Fuß der Säule lagen. Seit Wochen hing der Kranz hier, seit dem

Geburtstage Frau Annas.

Eine ganze Weile betrachtete Willy diesen jugendschönen Kopf, und

schon war er im Begriff, die Blumen, die er in der Hand hielt, hier

niederzulegen, als er wieder zauderte, sie dem toten Kranze beizufügen.

Er warf noch einen Blick durch diesen einfachen, weiten Raum, wo auf

allen Gegenständen, auf jeder Fläche, in jeder Falte jener feine

weißgraue Staub lagerte, ein Staub, der sich ungestört tagelang

hier ansammelte, bis Fräulein Minna in einer Ruhepause einmal die

Erlaubnis erhielt, mit Besen und Staubtuch den Kampf gegen den Schmutz

aufzunehmen, wobei sie mit einem wahren Vergnügen rücksichtslos mit

dem Federwisch über die nackten Glieder der Statuen fuhr, einer

schönen Frauenbüste oder einem grinsenden Faun in gleicher Weise das

Gesicht bearbeitete und den Boden von den steinhart gewordenen grauen

Tonklümpchen wieder reinigte.

Jetzt war es hier still, wie in einem Tempel, ein weihevolles

Heiligtum des schöpferischen Menschengeistes.

Willy riß sich endlich los. -- Wie wohl das welkende Grün den Augen

tat, nach diesem blendenden aufdringlichen Lichte im Atelier.

Vielleicht war der Professor im Garten, in dem halbdunklen,

weinlaubumrankten Gange, der sich an der einen Seite der Grenzmauer

hinzog, wie geschaffen, hier nachdenklich auf und ab zu wandeln.

Aber auch dort fand er ihn nicht, und so wandte er sich dem kleinen

Pavillon zu, der etwas erhöht an der andern Seite lag; ein leichter,

aus gebrechlichem Holz errichteter chinesischer Turm, in den von allen

Seiten das Licht einfluten konnte, nur daß es die anwachsenden Bäume

mit jedem Jahre mehr wehrten.

Schon von fern sah Willy durch die Büsche ein helles Kleid schimmern.

Er beschleunigte seine Schritte und stand jetzt vor den drei Stufen,

die zum Pavillon hinaufführten.

Unter dem breiten schirmartigen Dache saß eine junge Dame, die sein

Kommen überhört haben mußte, denn sie las ruhig in einem Buche weiter,

das ihr im Schoße lag, und das sie nur leicht mit der linken Hand

hielt, während die rechte lässig herabhing.

Sie trug trotz der späten Jahreszeit ein leichtes helles Kleid, mit

weiten Aermeln, die nur bis zur Hälfte des Unterarmes reichten. An der

linken Seite floß von der Taille eine breite schwarze Schärpe herab,

und ein hellroter Sonnenschirm lag an dem Stuhle, so daß er scharf von

dem Kleide abstach.

Zu ihren Füßen, wie achtlos fallen gelassen, ein breitrandiger Hut

mit langen Bändern, neben dem sich ein kleiner Fuß im schwarzen

Promenadenschuh wie ungeduldig nervös hin und her bewegte.

Willys Blick glitt von den zierlichen Füßen hinauf bis zu dem

Gesichte, das sie noch immer abgewandt hielt.

Wenn er es auch nicht gewußt hätte, so mußte er sie sofort an den auf

die Schultern fallenden dunklen Haaren erkennen.

Mutter!.. · 第 5 / 62 题