Eine Sammlung
zeitgenössischer
Romane
[Illustration:]
Mutter!..
Roman von
Heinz Tovote
[Illustration]
Ullstein & Co
Berlin-Wien
1.
In sonniger Morgenfrühe, zu dreien, waren sie vom Schwedischen
Pavillon aus auf den Wannsee hinausgerudert, hatten sich nach
halbstündiger Fahrt durch eine enge Schilfgasse und dann unter der
schmalen Brücke des Schwanenwerders hindurchgezwängt, wo das Boot
scharf über den flachen Kies knirschte.
Nun ließen sie sich mit eingezogenen Riemen auf der breiten Havel
treiben, bis sie an dem steilen Wiesenhange des Fichtenwaldes eine
Stelle entdeckten, die zum Landen günstig schien.
Zwischen den knisternden scharfen Schilfschwertern und den brechenden,
dunkelgrünen Binsen hindurch lief der Kahn auf das Land, und sie
sprangen alle drei aus, trieben einen Stock in den weichen Sumpfboden,
aus dem bei jedem Schritte das Wasser quoll, und befestigten den Kahn
daran.
Dann keuchten sie die steile, fast ungangbare Böschung hinauf, die
mit langwehenden Gräsern, dürr und breit wie Schilfgras, bewachsen
war, bis sie in den Wald gelangten, von wo man weit über die Bucht des
Großen Fensters hinausblicken konnte, deren Wasser im Sonnenlichte wie
im Schmelzkessel zitterndes Silber vibrierte.
Unter ein paar schlanken, weißstämmigen Birken suchten sie sich einen
schattigeren Platz zum Lagern und warfen sich ermattet vom Rudern auf
den Boden, dicht am Hange, so daß sie zugleich die breite Havel und
den Wannsee überblicken konnten.
Es war mittagsstill im Walde.
Nur zuweilen klang aus weiter Ferne der schwache, eintönige Ruf eines
Kuckucks. Sonst regte sich nichts.
Die Sonne flitterte durch die hochschlanken Stämme der Fichten, rötete
die braune abblätternde Rinde, daß die Bäume bis zu ihren dunklen
Nadelwipfeln zu erglühen schienen, und warf breite, verschwimmende
Flecke von Goldschein auf den dürren sandigen Boden, den nur hie und
da ein kümmerliches Grasfleckchen mit schmutzigem Grün unterbrach.
Der scharfe Duft der trocknen, den Boden bedeckenden Nadeln umzitterte
sie, ein prickelnder Harzgeruch, der einlud zum Schlafen und zum
Träumen. --
Fritz Lautner lag auf dem Rücken und hatte sich mit einem großen
gelbseidenen Taschentuche das Gesicht gegen die tanzenden Mücken
bedeckt.
Willy Braun lag auf dem Bauche und schlug regelmäßig mit den Absätzen
aneinander, während er an einem abgerissenen Grashalme sog und dabei
aufmerksam einer kleinen schwarzen Ameise zusah, die sich abmühte,
ein Krümchen fortzuschaffen. Die Last war vierfach so groß als
das Tierchen, dennoch bewältigte es jedes Hindernis und gelangte
bald zu der mächtigen Fichte, wo ein ganzes Heer in überhastiger
Geschäftigkeit auf und ab lief.
Der junge Mann stützte die Ellenbogen lässig auf die Erde und sah vor
sich hin, regungslos, nur mit den gen Himmel starrenden Füßen machte
er zuweilen eine halbausgeführte Bewegung.
»Sie .. Lautner!« rief Adolf Wurm mit seiner krähenden Stimme und fuhr
sich hastig aufgeregt durch seine wilde Künstlermähne.
»'is denn los? -- Laßt einen doch mal in Ruh. Ich möchte wirklich gern
ein bißchen schlafen.«
Dabei blieb er ruhig auf dem Rücken liegen, und seine Stimme klang
durch das sein Gesicht bedeckende Tuch hohler, wie von weither.
»Sie sollten sich nur mal das Bild ansehn. Das wäre so was für Sie.
Der Philosoph -- oder der Träumer, oder sonst was ... Sehn Sie doch
mal, wie Braun daliegt.«
»Ach was!«
»Sie sind ein undankbarer Mensch. Wenn man Ihnen die schönsten Stoffe
zu 'nem realistischen Bilde geben will ... o Undank ... o Jugend!«
»Ach was, Unsinn!«
Wurm seufzte pathetisch und pfiff dann leise vor sich hin. Da Lautner
sich nicht regte, betrachtete er seinerseits Willy Braun, wie er, die
Augen forschend auf den Boden geheftet, im Grase lag.
Mit seinem grauen, modischen Anzuge war Braun für einen Philosophen
eigentlich zu elegant. Es lag ein Widerspruch zwischen der Natur
und diesem jungen Manne mit seinem etwas blassen Gesichte und den
frauenhaft weißen Händen, die jetzt achtlos einen Grashalm nach dem
anderen abrupften.
Wurm kam sich ihm gegenüber beständig so verlegen linkisch vor mit
seiner zum Vagabondieren neigenden Natur, mit seiner unausrottbaren
Vorliebe für den langflatternden Schlips und den großen breitkrämpigen
Hut, der in ihm den Künstler zeigen sollte; wenn man auch wohl nicht
leicht auf einen Musiker raten konnte.
Und auch dieser Lautner ging immer so scheußlich elegant, so ohne jede
Spur von Romantik. Alles an ihm war prosaisch, von den kurzgeschorenen
Haaren bis zu seinen widerborstigen Gedanken, mit denen er sie zu
entsetzen pflegte, obgleich sie sich im Laufe der Zeit schon daran
gewöhnt hatten.
Er hatte heute ein Wort von einem ersten großen Bilde fallen lassen,
das er beginnen wollte, nachdem er sich bis jetzt nicht über Studien
hinausgewagt hatte, -- allein gegen seine Gewohnheit hüllte er sich
ihren neugierigen Fragen gegenüber noch in tiefes Stillschweigen.
Das mochte was Rechtes werden, dachte Wurm bei sich und fuhr sich
langsam selbstgefällig mit kühner Geste durch sein langes blondes
Haar. Dann zog er seine langen Beine, die ihm stets im Wege waren, an
sich und rutschte bedächtig ruckweise zurück, bis er mit dem Rücken an
einen Baumstamm lehnen und nun über den See blicken konnte, auf dem
kleine weiße Segelboote eilfertig hin- und herschossen, während die
mächtigen grauen Leinwandflächen der schweren Lastkähne sich breit
im Winde blähten -- und ganz in der Ferne, fast am anderen Ufer, ein
Schleppdampfer mit drei Sandzillen seine schwarze Rauchfahne flattern
ließ.
Die tiefe Stille ringsum ärgerte den Musiker, -- die anderen beiden
taten auch den Mund nicht auf, und so summte er vor sich hin, eigne
und fremde Melodien, wie sie ihm in den Sinn kamen.
Dann hob sich eine Weise voller heraus, eine Melodie, die ihm neulich
gekommen war, wie das zu geschehen pflegte, und die ihm gefiel mit
ihrer Eintönigkeit. Und indem er seinen Stock wie eine Gitarre in
den linken Arm legte, begleitete er sich mit karikiert tragischen
Bewegungen und summte dazu mit seiner spröden, ungelenken Stimme eine
monoton schwermütige Melodie, klagend, wie die eines Volksliedes, mehr
gesprochen als gesungen:
Es hatte mal ein Knabe ein Mädchen lieb,
tralla lan lan lar ..
tralla lan lan la! ..
Es hatte mal ein Knabe ein Mädchen lieb.
Das Mädchen nur sein Spiel mit ihm trieb.
Sie bat und sprach: Bring' mir zur Stund',
tralla lan lan lar ..
tralla lan lan la! ..
Sie bat und sprach: Bring' mir zur Stund'
Deiner Mutter Herz für meinen Hund!
Er lief und erschlug sein lieb Mütterlein,
tralla lan lan lar ..
tralla lan lan la! ..
Er lief und erschlug sein lieb Mütterlein,
Und brachte ihr Herz der Liebsten sein.
Doch er fiel, weil er so eilen wollt' --
tralla lan lan lar ..
tralla lan lan la! ..
Doch er fiel, weil er so eilen wollt' --
Und das zuckende Herz auf die Erde rollt.
Und als das arme Herze im Staube lag --
tralla lan lan lar ..
tralla lan lan la! ..
Und als das arme Herze im Staube lag --
Da hörte er, wie es zu ihm sprach:
Und das Mutterherz fragte unter Tränen lind:
tralla lan lan lar ...
tralla lan lan la! ...
Und das Mutterherz fragte unter Tränen lind:
Hast du dir auch nicht weh getan, mein Kind? ...
Es war wieder still geworden.
Die Luft hing dunstschwer, reglos zwischen den Fichten, Lautner hatte
sich halb aufgerichtet und auf die Hand gestützt. Willy Braun hatte
die schwarze Ameise längst aus dem Gesicht verloren, sah aber noch
immer vor sich hin, nach einer blaßroten Kuckucksnelke, während Wurm
langsam, klagend wiederholte:
»Hast du dir auch nicht weh getan, mein Kind?«
Dann verklang die Melodie, deren Refrain Braun zuletzt leise
mitgesummt hatte, und alle drei schwiegen wieder.
»Sentimentaler Quatsch!« störte Lautner mit seiner härter als
gewöhnlich klingenden Stimme die tiefe Stille.
In demselben Augenblicke schwang sich von einer der nächststehenden
Fichten eine große Krähe und klatschte unter heiserem Krächzen schwer
nach dem See hin, wo sie über die helle Wasserfläche hintaumelte.
»Ein Kollege von Ihnen, Lautner!«
»Es brüllt um Rache das Gekrächz der Raben!« fügte Braun lachend
hinzu. »Kannst Du denn gar nicht anders sein, Fritz! -- Nicht einmal
draußen in der freien Natur?« ...
»'ne nette Natur das hier; nichts als Sand und Fichtennadeln -- und
Bäume wie Schwefelhölzer, die ein Kind in die Erde gesteckt hat. Und
das nennen diese Menschen Natur! -- Heiliger Brahma! -- Höchstens der
See, der könnte vielleicht ein Bild geben.«
Braun überhörte, was jener sagte, und wandte sich zu Wurm, der der
Krähe nachsah:
»Woher haben Sie das wieder, Würmchen? Ich meine natürlich den Text,
denn daß Sie selbst dazu die Musik verbrochen haben, rieche ich dem
Dinge ohne weiteres an.«
»Ich weiß nicht mehr. Irgendwoher gestohlen, in irgendeinem
französischen Schmöker gefunden.«
»Natürlich ein sentimentaler Franzose, das konnte man sich denken,«
knurrte der Maler. »Da verfängt so was immer. Was geht uns das nun
an? -- Es braucht nur ein Schauspieler ›+Oh, ma mère!+‹ zu
schluchzen, und ein ganzes Theater voll auf der Höhe der Zivilisation
stehen wollender Menschen ist zu Tränen gerührt.«
»Ist das Lied vielleicht nicht gut?«
»Gut! ach was, gut,« grollte Lautner.
»Und ist nicht die Mutterliebe eines der alleredelsten und
menschlichsten Gefühle?«
»Gott ja, das ist alles ganz schön und erbaulich mit der Mutterliebe
... aber zum Teufel noch mal, zum Beispiel das Mädchen, von dem in
diesem Liede die Rede ist, das wird doch auch mal Mutter, dieses
herzlose, gemeine Frauenzimmer, das für ihren Hund das Herz ihrer
Schwiegermutter verlangt, und dann? -- Na, wie ist die Geschichte dann
... he? -- Ihr ganz Gescheiten?«
Einen Augenblick waren die beiden verblüfft. Dann antwortete Braun:
»Du, das ist schrecklich einfach: dann ist sie ja eben eine Mutter! --
Das Mädchen ist gegen ihren Geliebten herzlos, gewiß; .. sie spielt
mit ihm, sie treibt ihn sogar zu einem Verbrechen. Für ihre Kinder
aber würde auch sie ohne Zaudern ihr Leben hingeben. Sie steht da eben
in einem ganz anderen Verhältnisse. Das hat nichts miteinander zu tun.«
»So? -- Hat es das nicht? -- Das hat nichts miteinander zu tun? -- Das
ist ja riesig nett. Und wenn nun einmal eins der Kinder erfährt, was
früher geschehen ist, was dann? .. Ihr Weisen aus dem Morgenlande? --
Nun, wie steht es dann?«
»Aber, Lautner, Du bist heute unbezahlbar. Das hat doch gar nichts
damit zu tun. Es ist auch so leicht nicht denkbar, daß ...«
»Also Vertuschung, nichts weiter! -- Es ist so leicht nicht denkbar!
-- Na ja, es ist mal gewesen; und nun wird nicht mehr davon
gesprochen, es erfährt niemand etwas. Die Vergangenheit ist begraben
-- und die holde Gegenwart baut sich auf einer Lüge auf. -- Nur immer
zu! -- Und wenn eines Tages das luftige Kartenhaus zusammenbricht --
he? -- Dann haben wir die Bescherung, Prostemahlzeit!«
Er brach ab und richtete sich auf, als ob er erwarte, daß einer von
ihnen das Thema aufnehmen würde, allein die beiden schwiegen, weil sie
wußten, es war das beste.
Das ärgerte ihn nun wieder. Weshalb widersprachen sie ihm nicht? Sie
schienen sich das fast zum Prinzip gemacht zu haben, ihn reden zu
lassen, ohne ihn zu widerlegen, als seien seine Worte es nicht wert. --
Er sprach doch nicht in den Wind, so wie der Kuckuck, der ihnen jetzt
näher gekommen war, in den leeren Wald hineinrief.
»Mutterliebe! -- Das lasse ich mir noch gefallen, meinetwegen ...
es ist so was Instinktives. Die Tiere haben sie ja auch. Aber die
Liebe des Kindes zu den Eltern -- das ist mehr oder weniger etwas
rein Konventionelles. -- Weshalb denn? -- Die Natur kennt sie nicht,
da gibt es keine Aufopferung der Jungen für die Alten. Das ist uns
nur anerzogen -- nichts als elende Sentimentalität. Und selbst die
Mutterliebe findet sich schließlich immer seltener in der Welt, und
nächstens ist sie ganz ausgestorben. Sie paßt auch gar nicht mehr in
unsere geschäftsmäßig praktische Zeit.«
»Na warten Sie, Lautner, wenn das wirklich geschieht, dann kommen Sie
nach Ihrem Tode gewiß ins Museum. Dafür sorge ich dann schon.«
»Und weshalb, liebes Würmchen?«
»Als letzter der Mohikaner, als eines der schönsten Beispiele der
Aufopferungsfähigkeit eines Sohnes für seine Mutter. Nun machen Sie
bitte nicht so ein Gesicht, oder ich erzähle Braun einfach alles. Und
jetzt reden Sie nicht länger Unsinn, sonst machen Sie mir Braun noch
wild. Sie wissen recht gut, Spötteleien auf diesem Gebiete gehen ihm
über den Spaß.«
»Na ja, schließlich ... es ist nicht jeder so glücklich, eine Mutter
zu haben, wie er.«
»Oder wie Sie, Lautner.«
»Ja, meinetwegen, oder wie ich.«
* * * * *
Willy Braun regte sich nicht, er spielte mit seinem Grashalme weiter,
den er zwischen den Fingern quirlen ließ.
Eine Wolke schob sich über die Sonne. Die Landschaft bekam dadurch ein
ganz anderes Aussehen.
Weit aus der Ferne klang das Rollen und Stampfen eines Eisenbahnzuges.
Wurm hatte sich zu Lautner gewandt und fragte leise, so daß er nur
allein es hören konnte:
»Was sollte das denn alles nur wieder?«
»Ach was! .. Laß mich!«
Damit stand er auf, nahm seinen im Grase liegenden Hut und ließ die
beiden Freunde allein.
»Was ist denn mit ihm?« fragte Willy, als er außer Hörweite war.
»Was er hat? 'ne verrückte Stimmung. Das kommt so zuweilen wie ein
aufsteigendes Gewitter über ihn. Nachher ist alles wieder gut.«
»Sonst weiß er doch seine eigne Mutter nicht genug zu loben.«
»Na gewiß.«
»Nicht wahr, er erhält sie völlig?«
»Gewiß, das tut er. Es gibt ja keinen Menschen, der unbedenklicher
sein letztes opfern würde. Er ist von einer Selbstlosigkeit, wie ich
sie nicht wieder kenne. Das alles sind alberne Schrullen. Was ihn nur
wieder auf diese dummen Gedanken gebracht hat?«
»Wieso, -- was ist denn mit ihm, Wurm?«
»Was ist? -- Ja so, wissen Sie denn nicht?«
»Ich wüßte nicht ...«
»Aber Sie stehen ihm doch hundertmal näher als ich. Sie duzen sich ja.«
»Allerdings; aber deshalb ...«
»Das ist doch kein Geheimnis. Ich glaubte sicherlich, er hätte schon
mit Ihnen darüber gesprochen, daß er ... na ja, daß seine Mutter nicht
verheiratet war.«
»Aber kein Wort!«
»Sehen Sie, -- und das nagt nun oft an ihm. Vielleicht am meisten,
weil er nicht weiß, wer sein Vater ist. Das hat sie ihm trotz all
seiner Bitten nicht gestehen wollen. Nun begreifen Sie auch wohl,
weshalb er zuweilen so schroff in seinem Urteil ist. Er kommt noch
immer nicht über den Zwiespalt hinweg, gerade weil er mit einer fast
schwärmerischen Liebe an seiner Mutter hängt, was man ihm bei seinem
scheinbar so kalten Wesen nicht zutrauen sollte. -- Er glaubt kein
Wort von dem, was er eben gesagt hat.«
Wurm schwieg, und sie sahen zu dem jungen Maler hinüber, der, den
Hut in der Hand, zwischen den geradlinig schlanken Fichtenstämmen
hinschlenderte, den Blick zu Boden gesenkt, als ob er etwas suche.
Willy Braun, den Lautners Redeweise eben noch auf das tiefste verletzt
und empört hatte, wäre jetzt am liebsten zu ihm geeilt, um ihm mit
einem Händedruck Abbitte zu leisten.
Wie hatte er das auch wissen können. Jetzt wurde ihm vieles
verständlich, was er bis dahin mit dem eigentlichen Wesen Lautners
nicht hatte in Einklang bringen können, und er fühlte, daß er ihm in
diesem Augenblicke näher gekommen war als jemals.
»Verkrümeln Sie sich nur nicht, Lautner,« rief Wurm dem im Walde
Verschwindenden nach, der auf den Ruf hin umkehrte und sich langsam
wieder zu ihnen gesellte.
Eine Weile blieben sie noch im Grase liegen, bis von dem Wasser her
eine erste frische Brise wehte, so daß sich alle Segel mit einem
Schlage stärker blähten und das Schilf ineinander rauschte und sie aus
ihren Träumereien erweckte.
»Wollen wir nicht endlich weiter?« ...
Die anderen nickten, und sie eilten halb laufend die grasbewachsene
Böschung hinunter, um zurückzufahren, dieses Mal mit Zuhilfenahme des
Segels.
Auf der ganzen Fahrt konnte Willy Braun, der am Steuer saß, es nicht
lassen, Lautner heimlich zu beobachten.
Es war, als habe er eine ganz neue Seite an dem Freunde entdeckt, als
sei ihm zum ersten Male der Blick in sein Innerstes eröffnet.
Das Segeln ward ihnen auf die Dauer zu langweilig, und sie holten ein,
um zu rudern.
Während das Boot durch die Wellen schoß, und die Ruder mit
gleichmäßigem Schlage in das ziehende Wasser tauchten, stimmten sie
einen munteren Gesang an, und die eigentümlich schwermütige Stimmung,
die sich Brauns bemächtigt hatte, wich allmählich dem Wohlgefühle,
so leicht, fast wie im Fluge, über den hohe Wellen werfenden See
hinzugleiten.
2.
Die Morgensonne lag breit und ruhig auf dem Pariser Platze, auf dem
ein roter Sprengwagen langsam schläfrig seine nassen Kreise zog.
Vereinzelt zwängte sich eine Equipage oder eine Droschke durch die
grauen Riesenpfeiler des Brandenburger Tores.