[Illustration]
Alice Reichenberg saß mit Karla und Gaudlitz um das Bett ihres „kleinen
Rudi“, der sich langsam vom Scharlach erholte, der ihn fast das Leben
gekostet hätte.
Durchsichtig blaß war das blonde Knabengesicht und so zart, daß es
schien, als hätten seine blaugeäderten Lider Mühe, sich unter ihrer
Last zu heben. Kraftlos lagen die dünnen, langfingerigen Hände auf
der roten Seidendecke. Die pflegende Schwester machte eine bittende
Bewegung.
„Ja, wir gehen schon“, sagte die Mutter, neigte sich über die Stirn des
Kindes und machte den anderen ein Zeichen, ihr zu folgen.
In ihrem kleinen Salon war der Teetisch gedeckt. Im Kamin prasselten
noch ein paar große Baumscheite, obwohl von draußen die Sonne der
letzten Apriltage an den breiten Spiegelscheiben der Fenster brannte.
Gaudlitz klemmte eine Zigarette zwischen seine starken weißen Zähne.
„Wenn wir verheiratet sind, nehmen wir dir den Jungen auf ein Jahr ab.
Paß auf Alice ... wie der sich auf Pinnow herausmachen wird! Den ganzen
Tag draußen -- Bücher zum Fenster ’raus ... Luft und Licht! Er kann
dann auch gleich mit Karla einen Reitkursus bei mir nehmen. Skandal,
daß der Bengel noch nie auf ’nem Gaul gesessen hat ...“
Fürst Reichenberg schlenderte herein, mit den kurzsichtigen Augen
blinzelnd wie ein Spaziergänger.
„Ah, das ist g’scheit ... Da kriegt man ja noch eine Schale Tee ...
Küß’ die Hand, Karla .... Na -- wie steht’s mit dem Buben? ... Die
Schwester hat mich nicht reinlassen wollen ... er schläft, sagt sie.“
„Er schläft sich gesund!“
„Aber ja ... die Alic’ braucht gar keine solche Angst zu haben. Wir
Reichenberg’schen Buben haben alle nit anders ausg’schaut in dem Alter
... waren lauter Krischperln! Das ist Familientradition. Der Professor,
den wir konsultiert haben, der hat auch g’sagt: Wenn der Bub erst
über’s zwölfte Jahr hinaus ist, dann ist überhaupt keine Gefahr mehr
....“
Reichenberg stellte sich an den Kamin, klopfte eine Zigarette auf den
Daumennagel auf, lächelte ein bißchen ironisch. „Will’s gern glauben,
der Hansel und die Karla -- das gibt schon ein anderes G’schlecht.
Mordsbuben werden das sein.“
Vor vier Wochen war Karlas Ehe gerichtlich geschieden worden. Die
Blätter hatten sich der Nachricht bemächtigt. Eine große, dichte
Staubwolke war um sie herum aufgeflogen.
Wieder prangten Karlas Bilder auf der ersten Seite aller illustrierten
Blätter. Einige hatten in ihren Archiven noch ein Bild von Gaudlitz,
von seiner Sportzeit her. In Medaillenform, sinnig von einer Zeichnung
umrankt und geeint, wanderten nun ihre beiden Bilder in Cafés und
Gasthäusern, in Lesezirkeln und an Zeitungsständern von Hand zu Hand.
Trotz der Geheimnummer stand die Telephonklingel weder bei Reichenbergs
noch bei Karla still. Anfragen, Glückwünsche, Blumen, Depeschen, Briefe
prasselten in Sturzwellen auf Karla herab. Der ihr geltende Applaus in
der Oper steigerte sich jedesmal zu nicht enden wollenden Huldigungen.
„Hierbleiben! ...“, „Hierbleiben!“, brauste es vom „Paradies“ herunter
bis zum zweiten Rang. Vor dem Bühneneingang hielten Schutzleute die
Ordnung aufrecht. Deutsche Höfe, an denen sie gesungen, sandten Orden,
goldene Medaillen, in manchmal verspäteter Anerkennung der Verdienste.
Russel kabelte: „Verstehe und gratuliere!“ Kapelle kabelte: „In Größe
und Schönheit abgehen das Beste. Hätte nur gern noch einmal Ihre Stimme
gehört.“
Nur der Papa aus der Schillstraße krähte zornig herüber: „Also doch!
Meinetwegen -- Glückwunsch!“
Der eigensinnige alte Papa! Dem mußten sie beide noch mal richtig den
Kopf zurechtsetzen!
Über die Trauung wurde jetzt wieder gesprochen. Wo sie stattfinden
sollte vor allem. Reichenberg war für Wien, Gaudlitz für Pinnow. Alice
Reichenberg bestand auf Wannsee.
„Im Musiksaal, da wo ich Karla zuerst singen hörte, da wo ich sie
liebgewann und es mir zuerst denken konnte, daß ....“
„So?“, unterbrach Gaudlitz. „Dann müßte die Trauung im Tiergarten
sein ... da hab ich mir’s zuerst gedacht ... und ich bin doch der
Maßgebende!“
Karla lehnte ihren hübschen runden Kopf an Gaudlitz’ Schulter, ihre
großen, leuchtenden Augen starrten in die Kaminglut. Gaudlitz’ Herz
schlug ruhig und stark, im gleichen Rhythmus mit dem ihren, und ihr
beider Blut sang das gleiche Lied einer reinen, frohen Liebe.
„Wannsee wäre schön“, sagte sie verträumt ...
Ganz schattenhaft drängte sich ihres Kindes zartes Gesicht in die
jubelnde Seligkeit ihres Empfindens ... aber nur wie aus weiter,
nebelhafter Ferne. Sie preßte ihren Kopf fester an Gaudlitz’ Schulter
...
Hier war die Gegenwart ... Hier war ihr Leben ... ihre Zukunft. Das
andere mußte vorbei sein .... für immer ... „bis die Wunde vernarbte.“
„Also Wannsee. Einmal muß ich auch nachgeben.“ --
Alice war immer glücklich, wenn der Bruder im Frühjahr nach Wien kam.
Dann ergriff sie jedesmal die Gelegenheit zu langen Wanderungen über
die Berge. Es traf sich gut, daß Karla acht Tage nicht beschäftigt
war. In kurzen Lodenröcken, den Mantel über den Rucksack gerollt, den
Bergstock in der Hand, mit nägelbeschlagenen Schuhen, so traten Alice
Reichenberg und Karla in Begleitung von Gaudlitz ihre Wanderschaft an.
Die vielen Zufälle, Beschwerden, Überraschungen und Unbequemlichkeiten,
die ständige Nähe und das Aufeinanderangewiesensein, die eine solche
Wanderschaft bedingte, hatte Alice immer Einblick gewährt auch in die
verschlossenste Seele. Wenn nicht für den Bruder, so doch für sie
selbst waren diese Tage gleichsam ein letztes Überprüfen.
Sie zerstörten ihre letzten heimlichen Bedenken. Und als sie
zurückkehrte, sagte sie zu ihrem Mann: „Die zwei Menschen hat der liebe
Herrgott in seiner schönsten Laune für einander erschaffen!“
In Karla aber hatten diese Tage ein neues, starkes
Zusammengehörigkeitsgefühl geweckt, ihrem Glücksempfinden ein tiefes,
bewußtes Rechtsgefühl gegeben.
War es noch vorgekommen, daß sie manchmal mit leisem, uneingestandenem
Schreck daran dachte, ihrer Kunst für immer zu entsagen, so hatten
diese Tage alles gleichsam gelöscht, was sich nicht auf Gaudlitz
beziehen konnte, und mit jedem Tage wuchs in ihr das Bedürfnis, auch
äußerlich, und zwar so rasch wie möglich alles zu beseitigen, was
trennend zwischen ihr und ihm lag -- wäre es auch nur die Trennung
eines Gedankens.
-- -- Karlas erster Weg, als sie nach Wien zurückkehrte, war der zum
Intendanten der Oper. Sie bat ihn, auf ihre letzten Auftrittsabende zu
verzichten. So gewogen er ihr war -- davon wollte er nichts wissen. Am
selben Tage noch fuhr Karla nach Baden. Und -- was ihr auf dem geraden
Wege nicht gelungen war, erreichte sie durch Fürsprache der hohen Frau,
die ihre Gründe würdigte und verstand.
An diesem Nachmittag kutschierte Fürst Reichenberg seinen berühmten
Viererzug nach der Kreau hinaus. Im Wagen saßen Karla und seine Frau.
Neben dem Wagen, auf einem feurigen Hengst, den Reichenberg wohl in
seinem Stall hielt, aber nie bestiegen hatte, ritt Gaudlitz.
„Donnerwetter ... der Gaul macht einem was zu schaffen ... der muß mal
tüchtig in Arbeit genommen werden!“
Die Frauen sahen ihm die Freude an, an dem Kampf mit dem edlen Tier.
„Ist er nicht doch zu wild?“ fragte Alice Reichenberg.
„Der? Den reite ich noch für Karla zu, wenn’s drauf ankommt!“
Er sprengte lachend davon, ein Bild der Gesundheit, Kraft und Kühnheit.
Karlas Blicke folgten ihm in strahlender Bewunderung.
„Wann dir der Bleß so g’fallt -- wegen mir kannst ihn mitnehmen.
G’schenkt“, sagte Reichenberg, als sie in der Glasveranda bei der
„Jause“ saßen.
„Sehr freundlich. Aber wenn du ihn verkaufen kannst --“
Reichenberg machte eine Grimasse.
„Bin ich ein Pferdehändler?“
Es gehörte zu den Familientraditionen der Reichenbergs, nichts zu
verkaufen, was ihnen einmal gehörte -- weder ein Haus, noch ein Pferd,
noch ein Grundstück.
„Na .... schön -- des Menschen Wille .... Angenommen. Danke. Paß auf,
Karla ... wie ich dir den ... Bleß zureite ... lammfromm wird er ....“
Sie lächelte ihn an, mit ihren strahlenden Augen, ihren blitzenden
Zähnen.
Und als Gaudlitz abgereist war, zur letzten Trennung vor dem ewigen
Bund, da sah sie ihn immer vor sich, wie er auf dem wilden Hengst
einhersprengte, ihm seinen Willen aufzwang mit ruhiger Kraft und
lachendem Blick. --
-- -- -- -- Der Mai neigte sich dem Ende zu.
Die Wände in Karlas Wohnung waren kahl -- alle Bilder und
Kunstgegenstände in Kisten gepackt, ebenso die Bücher und Noten. Die
Möbel waren bereits an einen Händler aus der Vorstadt verkauft worden,
standen nur noch bis zu Karlas Abreise an ihren alten Plätzen. Nur der
Bösendorfer Flügel sollte mit den Kisten zugleich nach Pinnow geschickt
werden. So nahm Karla nichts mit hinüber in ihr neues Leben als ihre
allerpersönlichsten Erinnerungen.
Karla zerriß summend ein paar Visitenkarten, die sich noch auf einer
Schale vorgefunden hatten. Da klingelte es. Heftig. Zweimal, dann zum
dritten und vierten Male.
„Herrgott ... ist das eine Art!“
Ärgerlich ging Karla selbst öffnen.
Draußen stand Reichenberg.
„Sie ... Rudi? Und Sturmläuten ... was ist denn los?“
Reichenberg stand, entsetzlich lang, schmal und vornübergebeugt mit dem
Rücken gegen die der Hitze wegen halbverhängten Fenster. Sie konnte
sein Gesicht nicht gut erkennen, aber es fiel ihr auf, daß er vor ihr
dastand nicht lässig, wie es sonst wohl seine Gewohnheit war, sondern
gleichsam erdrückt.
„Was ist denn, Rudi? Ist zu Hause bei Ihnen was geschehen? Was ist
Ihnen?“
Er sprach noch immer nicht. Hob nur die lange, magere Hand und ließ sie
wieder fallen, als könne er ihr Gewicht nicht halten ...
„Der Junge ....“
Es kam flüsternd, zögernd von Karlas Lippen.
Er schüttelte den Kopf. Sie schrie auf.
„Alice!“
Streckte die Hände von sich, packte ihn am Arm, zog sich an ihn heran,
weil die Füße ihr den Dienst fast versagten, bohrte ihre Augen in sein
-- wie sie jetzt erst sah -- leichenfahles Gesicht.
„So reden Sie doch ... reden Sie ... was ist mit ihr ... was? ...“
„Alice .. ist es .. auch nicht .. Der Bruder .. der Gaudlitz .. Ja,
um Gottes willen .. schauen’s mich nit so an .. Er ist .. ich hab ein
.. ein Telegramm ... vor einer Stunde .. Herzschlag .. beim Baden ..
nach dem Reiten ... Den Bleß hat er g’ritten ... Ich habs g’wußt ...
erschießen lassen hätt ich das Vieh sollen ... hat ihn abg’worfen ...
Da ist er halt voll Wut losg’schwommen ... wollt’ sich abkühlen, und
dann -- -- dann haben’s ihn eben noch im letzten Augenblick mit’m Boot
g’holt ... Aber im Boot gleich ... ist er dann -- ja -- also gleich
darauf im Boot ... Das Telegramm ist aus Wannsee .. vom Baron von Rahn
unterzeichnet .. ein Bekannter aus dem Automobilklub. Der war wohl
gerade dort ... wie das g’schehn ist -- --“
Reichenberg hätte noch lange sprechen können ... sehr lange ... Daß
er’s tat, wußte er kaum ... Die Worte sickerten ihm über die Lippen
wie Blutstropfen .. schwer, heiß ... Er wußte viel, auf wen sie
herabfielen. Er stierte vor sich hin, ohne zu sehen. Wußte wohl auch
kaum mehr, daß er zu Karla sprach ... Nur wie er vortreten wollte, weil
er doch nicht ewig so vor sich herreden konnte -- da stieß sein Fuß an
etwas, das ihm im Wege lag -- --
Ohne einen Laut -- wie gefällt von einem Streich -- war Karla
umgesunken. Sie lag besinnungslos auf dem halbzusammengerollten
Teppich, inmitten von offenen Kisten und halbgefüllten Koffern, von
zerrissenen Briefen, Karten und alten Theaterzetteln. -- --
[Illustration]
Im Spätnachmittag, in seinem Schachklub -- den grauen Zylinder auf
dem weißen Lockenkopf, den dünnen Stock mit dem Goldknauf unterm Arm,
blätterte der Papa noch rasch die Abendzeitung durch.
„Wie denn ... was denn ...?“
Er rieb sich die Augen ... die konnten auch früher Licht machen in
der Bude! ... die Buchstaben waren ja kaum noch zu unterscheiden.
Er trat ans Fenster, setzte sich an das Ende der langen weißen, mit
Schachbrettern bedeckten Tischreihe, den Stock zwischen den Knien ....
straffte das Blatt auseinander, als hinderte ihn der Bug der Zeitung am
Lesen.
Und dann spürte er ein Kribbeln in den Armen, einen infamen Hustenreiz
im Halse .... schnappte nach Luft, ließ das Blatt auf den Tisch fallen,
zündete ganz grundlos ein Streichholz am Ständer an, blies es wieder
aus.
„... Tja ... meine Herren ... es wird Sie interessieren ... Graf
Gaudlitz ... jawohl ... unser Mitglied ... das heißt, ich weiß nicht
... ist er noch Mitglied bei uns ... tja ... so ...“
Er suchte Zeit zu gewinnen ... die Stimme wollte nicht recht parieren
... Zum Kuckuck noch mal ... war er ein altes Weib? ... Er räusperte
sich.
„Tja ... also ... ein Unfall beim Baden ... Zuvor geritten -- heiß --
naß -- ins kalte Wasser ... tja ... Herzschlag -- tot ...“
Sie standen alle von ihren Schachbrettern auf.
Der Papa stopfte das Blatt in seine Rocktasche, als ob es nicht auch zu
Hause auf ihn wartete neben seinem Teller. Aber er wußte offenbar nicht
recht, was er tat.
Das Gemurmel rings um ihn herum weckte ihn gleichsam wieder auf.
„Tja ... meine Herren ... ein Mitglied ... er hat viel getan für den
Klub ... Ich denke, meine Herren .. ich denke, wir heben die Sitzung
heute auf -- sein Andenken zu ehren ... tja ... Ich erbiete mich ...
als Delegierter ... den Kranz zu besorgen -- und bei der Beerdigung
... tja ... Ich glaube doch ... ich bin der Nächste dazu ... Hier als
ältestes Mitglied ... ja -- und dann .... auch so, meine ich .... ’n
Abend, meine Herren ....“
Er hatte Haltung. Hatte es gelernt, sich mit Grazie und Anstand allen
Lagen des Lebens gegenüber zu behaupten. Er ging gerade, den Arm mit
dem Stöckchen zierlich gespreizt. Ging schnell und immer schneller
... wand sich zwischen den Fußgängern hindurch wie ein Aal, ohne wen
anzustoßen, ohne gestoßen zu werden, den kleinen goldenen Knauf wie in
Abwehr von sich gestreckt.
Am Brandenburger Tor erst bestieg er einen Wagen, fuhr nach Hause.
Der Abendbrottisch war gedeckt. Er stellte seinen grauen Zylinder
heftig auf den Schachtisch, legte das Stöckchen daneben, warf die
verdrückte Zeitung vor Pauline hin. „Lesen Sie. Zweite Spalte links.
Personalnachrichten. Links, zum Kuckuck nochmal ...“
Pauline las. Alles fing an zu zittern an ihr.
„Du lieber Gott ... Du lieber Herr im Himmel ... die arme .. die arme
junge Frau! Die arme Frau! ..“
Kürzer als sonst und schweigsam war die Mahlzeit. Pauline goß dem Tee
ihres Herrn unaufgefordert zwei Löffel Arrak bei. Da konnte der Doktor
reden, was er wollte. „Trinken Sie, Herr König, trinken Sie tüchtig
...“
Und der Papa trank. Und in sein weißes, rosiges Gesicht unter den
weißen Locken stieg das Blut erwärmend und belebend auf. Seine blauen
Augen, die ganz tot und leer geblickt hatten, hatten wieder ihren alten
stählernen Glanz. Und schließlich holte er eine feine Zigarette aus
seinem fast damenhaft kleinen Döschen und stieß behaglich ringelnde
blaue Wolken vor sich hin.
Und während er den schwebenden Kringeln folgte, die sich aus der Helle
stahlen und sich im Dunkel auflösten, sagte er:
„Ich will Ihnen was sagen, Pauline, Sie müssen nur nicht gleich wieder
losheulen. Sie wissen doch, daß ich das in den Tod nicht leiden kann!
Also ich meine so: Fragt sich noch, ob der Tod dieses Mannes ...
wirklich so ein großes Unglück für meine Tochter ist. Fragt sich noch!
....“
„Aber Herr König ....“
„Ta ta ta ... Pauline. Was wissen Sie von uns Künstlern! Nicht +das+
wissen Sie!“
Er knipste seinen Nagel.
„Sie sehen nur Kritiken, Schleifen, Blumen, Geld ... Ehren ... Und
wenn’s viel davon gab, dann glauben Sie, nun wär’s genug. Falsch,
Pauline ... ganz falsch. Unsereins hat nie genug -- nie. Bis zum Ende
nicht. Sie glauben vielleicht, daß ich zu bedauern bin, weil ich Geld
verdiene damit ... nö ... nö ... Aber -- weil es doch ein bißchen was
ist von früher! Weil ich mich jung fühle, wenn ich noch in Stuhlhöhe
aufspringen kann, verstehn Sie? Weil ich mich leben fühle, wenn ich
sehe, wie die jungen Grasaffen mir nacheifern, weil alles, was von
mir auf sie übergeht, wieder auf mich zurückstrahlt ... tja ...
gewissermaßen ... weil, wenn ich einen zwischen die Hände kriege, der
was lernt von mir, ich mir einbilde, daß seine Grazie meine Grazie,
sein Können mein Können, sein Glück mein Glück ist. Meine Tochter ist
ja noch jung. Die braucht noch nicht in ihren Schülern aufzuleben ...
die kann noch selbst ... die hat das Glück noch ganz allein ... aus
sich heraus ... Na, was ist denn, Pauline -- was glotzen Sie mich an?“
Und weil Pauline nicht antwortete, sondern nur ihre hübschen verweinten
Augen zur Decke hob, als wollte sie ihren lieben Herrgott zum Zeugen
anrufen gegen die lästerlichen Reden ihres Herrn -- da warf der
Papa, obwohl er wußte, daß Pauline ihrerseits das „in den Tod nicht
leiden konnte“, seine Zigarette in das halbgeleerte Teeglas, rollte
seinen Schachtisch in den Lichtkreis der Hängelampe und stellte mit
ärgerlichem Nachdruck die Figuren auf. -- -- --
-- -- -- Karla wankte zwischen Alice und Fürst Reichenberg hinter dem
Geistlichen her, der die sterbliche Hülle des Grafen Hans Joachim
Gaudlitz der Erde übergab.
Hinter den Dreien, als erster der langen Kette der Trauergäste, schritt
der ehemalige Tänzer.
Er hielt mit Würde und Anmut einen großen Kranz, auf dessen schwarzen
Schleifen in Gold aufgedruckt war: „Der Berliner Schachklub seinem
treuen Mitglied“. Aber dem Ordner hatte er zugeraunt, daß er der
künftige Schwiegervater des Verstorbenen wäre und ein Recht hätte, als
erster hinter den nächsten Leidtragenden zu gehen.
Daß die Vertreter der vornehmen Klubs ihm mit ihren Kränzen folgen
mußten, weckte nur in den ersten Sekunden eine kleine boshafte Freude
in seinem Herzen.
Aber „das Mädel“, die Karla, wollte er nicht aus dem Auge verlieren.
Zum Donnerwetter ja ... er war doch schließlich der einzige, der
wirklich zu ihr gehörte! Sehr nett .... die Reichenbergs .... aber
verwandt .... nee ... verwandt war sie nicht mehr mit ihnen. Die
kehrten zurück nach Wien in ihr fabelhaftes Palais ... Karla hatte dort
nichts mehr zu suchen .. Das wußte sie auch ebensogut wie er. Mit der
„Fast-Verwandtschaft“ renommierte sie nicht. Die Welten waren wieder
geschieden ... reinlich getrennt durch diesen Tod.
Armes Mädel! Pauline hatte recht. Aber ... na ja ... wie alt war sie
denn eigentlich? Noch nicht fünfunddreißig. Da fingen andere erst an,
die ersten großen Lorbeeren einzuheimsen. Und sie .... Nur die Hand
brauchte sie auszustrecken ... nur einen Ton zu sagen brauchte sie, und
zwei Weltteile stritten sich um sie ... Das würde sie schon einsehen
... mit der Zeit ... Wenn nur die Reichenbergs ihr nichts einredeten!
Sicher war man nie mit diesen Leuten.
Karla weinte während der Beerdigung nicht. Nur ihr Körper schauerte
zusammen, wie im Fieber.
Die Erde kollerte dumpf aus unzähligen Händen in das offene Grab.
„Komm mit uns, Karla“, sagte Alice Reichenberg.
Karla schüttelte den Kopf.
„Laßt mich ... ich kann nicht ... Nach Wien fahren, jetzt ... ihn
allein lassen, hier unter der modernden Erde ... Fahrt nur, Ihr zwei
... fahrt, Ihr Guten ...“
Sie lehnte an einen Baum, faltete die Hände. Ihre Augen baten: Laßt
mich allein mit ihm .... einmal allein.
Alice drückte sie an sich, in einem letzten fassungslosen Aufschluchzen.
Reichenberg murmelte: „Sie wissen, Karla ... unser Haus gehört Ihnen --
immer ....“
Sie antwortete nicht. Rührte sich nicht. Erduldete die Umarmung der
Freundin, den Handkuß Reichenbergs.
Ein feiner, warmer Sommerregen spritzte aus dem Hellgrau des Himmels
herab durch die Zweige der Bäume.
Wie durch einen beweglichen Schleier getrennt, standen die drei
Menschen am offenen Grabe, wie durch einen Schleier sah Karla ihre
Gestalten den Bäumen entlang gleiten -- gebeugt, mit schleppenden,
unsicheren Schritten.
Als nichts mehr von ihnen sichtbar, das letzte Ende des schwarzen
Trauerschleiers zwischen den Sträuchern wie ein dunkler Hauch verweht
war, fiel Karla mit dem Gesicht auf die Erde, krallte ihre Hände in
den nassen Sand, erstickte die Schreie ihrer verzweifelten Seele in
den Blumen und Kränzen, die ihr bis zum heutigen Tage nur ein Sinnbild
frohen Lebens gewesen ....
Vor dem Friedhoftor pendelte der kleine Tänzer auf und ab.
„Ich bitte Sie, lassen Sie sie nicht allein ... auch im Hotel nicht ...
bitte, Herr König ...“
Der Papa verneigte sich tief vor der schluchzenden Fürstin, geleitete
sie bis zum Trauerwagen, half ihr einsteigen, mit höflicher Grandezza.
„Ich bitt’ Sie, Herr König, ... geben’s acht auf die Karla. Wir hab’n
sie ja alle so gern g’habt.“
„Ge--habt“, wiederholte innerlich der Papa, drückte aber auch
Reichenberg sehr mitfühlend die Hand. Er nahm den Zylinder ab, und der
Regen näßte seine silberigen Locken. Er lächelte fast, als der schwarze
Kasten sich langsam in Bewegung setzte.
Dann hieß er einen Gärtner ein Auto holen und schickte den zweiten,
noch wartenden Trauerwagen fort. Er mochte nicht darin sitzen. Das war
ihm unbehaglich.
... Nicht ohne Mühe gelang es ihm, Karla aufzuhelfen. So peinlich es
ihm war, aber er mußte einen Vorübergehenden um Hilfe bitten.
„Schillstraße!“ rief er dem Führer zu.
Immer rascher, immer heftiger folgten die Schauer aufeinander,
rüttelten an Karlas Körper. So -- nun hatte sie sich erkältet! Das auch
noch ... Wurde am Ende krank ... Das fehlte gerade! ...
Mit dem Torwart zusammen schleppte er sie die Treppe herauf, klingelte.
Im Schlafzimmer riß Pauline Karla die Kleider vom Leib, wie schon
einmal, und steckte sie in das große, schöne Bett vom Papa -- wie schon
einmal.
Nur daß diesmal der Papa in seiner Wohnung blieb, auf einem kurzen,
harten Ruhebett diese Nacht und noch viele andere Nächte verbrachte
und selbst seine Schachfiguren nicht eher anrührte, als bis der Arzt
erklärt hatte: An der Lungenentzündung wäre man wieder mal knapp
vorbeigekommen.
[Illustration]
August war es geworden.
Der Papa saß an seinem Schreibtisch im hellen, stillen Zimmer und
ordnete die Briefe, die an Karla gekommen waren.
Die Welt rief nach ihr, verlangte sie wieder, seit sie wußte, daß kein
anderer mehr Rechte an sie hatte.
Wien schrieb zuerst.
Der Papa mußte abtelegraphieren. Eher ging sie nach Kiel zurück,
in ihr erstes Engagement, als nach Wien! Die Straßen, die Menschen
wiedersehen, zwischen denen sie ihr Glück herumgetragen mit lachendem
Stolz -- das brachte sie nicht über sich! ... In Berlin konnte sie noch
weniger bleiben.
Kaum genesen von ihrer Krankheit, hatte sie Pauline nach der
Landgrafenstraße geschickt. Luise hatte sie nicht über die Schwelle
gelassen. Mit freundlichen, aber bestimmten Worten hatte sie gebeten,
das Kind nicht aus seiner Ruhe zu scheuchen. Als Pauline etwas von
Karla hatte sagen wollen, schnitt Luise ab mit einem entschiedenen: „Es
ist erledigt, Pauline. Stören Sie unseren Frieden nicht.“
Viel sanfter, viel wortreicher hatte Pauline es wiedergegeben; aber aus
ihren zornfunkelnden Augen erriet Karla die Wahrheit.
Einige Wochen darauf hatte sie selbst dem Kinde aufgelauert, nach
Schulschluß. Sie hatte gehofft, es allein zu treffen, wollte es einmal
noch in ihre Arme schließen, einen kurzen, armseligen Trost schöpfen
aus dieser Umarmung.
Da sah sie Luise aus dem Schulhof treten. Ihr dunkler Scheitel war grau
geworden, aber sie hielt sich gerade und aufrecht wie immer.
Schmerzchen, schlank und groß für ihr Alter, schritt an ihrer Seite,
ebenso gerade wie sie, den Ranzen ordentlich auf der Mitte des Rückens,
die feinen Hände um den Lederriemen an den Achseln geschlungen. Karla
löste sich los von dem Mauervorsprung, hinter dem sie sich verborgen.
„Schmerzchen! ... Schmerzchen!“ schrie sie auf.
Das Kind fuhr zusammen, blieb stehen, blickte geradeaus. Luise faßte
sie bei der Hand, ihre schmalen Augen unter den geraden Brauen sahen
kalt und feindlich über Karla hinweg. Kalt und fremd blickten die Augen
des Kindes.
So gingen sie vorüber -- um keinen Schritt rascher als vorher, nur
enger aneinandergepreßt, wie in Abwehr einer gemeinsamen Gefahr.
Karla mußte sich an die Anschlagsäule lehnen. Da sie die Augen schloß,
sah sie auch nicht, wie kurz vor der Straßenbiegung das Kind den Kopf
nach ihr umwendete -- hastig und heimlich.
Sie sah es nicht und wußte nur, daß alles, was sie versuchen mochte, um
sich dem Kinde zu nähern, auf unbesiegbaren Widerstand stoßen würde.
„Was haben wir schon wieder angestellt? Schon wieder am Grabe gewesen?“
krähte der Papa sie an, so zornig er konnte.
„Ja,“ sagte Karla und dachte: An einem zweiten Grabe.
Der Papa drängte sie ans Klavier -- an den Bechstein, den Altmann nach
der Scheidung an ihn hatte zurückgehen lassen.
Karla setzte sich davor, legte die Hände auf die Tasten und saß
so stundenlang, ohne einen Ton von sich zu geben, ohne eine Taste
niederzudrücken.
Der Papa schrieb an die Bühnen, sprach von der „Möglichkeit, Karla der
Bühne wieder zurückzugewinnen“.
Aber so viele Anträge auch kamen -- Karla hörte kaum hin. Der Papa
krähte und zeterte, verlor all seine lächelnde Grazie, all seine Würde.
Pauline hatte ihre liebe Not mit ihm. Eines Tages meldete Pauline John
Russel.