Es war ein bittres Lächeln, das Karlas Lippen herunterzog, als sie den
Brief aus der Hand legte. Solche Briefe mochte Adele an ihren Bruder
geschrieben haben, so mochte sie ihn eingekreist haben mit allem, was
das Arsenal weiblicher Schlauheit und weiblichen Gemütes hergab.
Siebentausend Mark .... Es war eine Summe auch für sie. Der vierte Teil
von dem, was sie sich erspart hatte. Ihr Taschengeld wenigstens wollte
sie in die neue Ehe einbringen, wenn sie alles abzog, was sie noch
anzuschaffen, nach Berlin abzuführen hatte ....
Dieser abscheuliche, nichtsnutzige Bengel!
Es war mittlerweile elf Uhr geworden, und sie hatte kaum Zeit gefunden,
die ersten Tonleitern zu singen, als es läutete, und das Mädchen Herrn
Leutnant Maurer meldete.
„Bitte ...“
Aber er stand schon da -- mit einem großen Rosenstrauß in der Hand, der
Strolch -- --
„Die Blumen hättest du dir schenken können unter den Umständen“, sagte
sie als Begrüßung.
Er stotterte.
„Verzeihung ... aber ... Donnerwetter ja ...“
Bildhübsch sah er aus in seinem dunklen, flott geschnittenen
Zivilanzug.
Fatale Situation war das ... Eine Tante anpumpen -- machten alle. Waren
dazu da, die Erbtanten. Aber -- das war ja keine „Tante“ ... das war
eine entzückende, junge, berauschende Person, eine ... Nein, wie hatten
ihn nur die Weiber zu Hause rumgekriegt. Hundertmal lieber ein Kugel,
als vor dem Weib dastehn wie ’n dummer Junge, sich seine Schulden von
ihr bezahlen lassen und nicht mal ’n paar Rosen bringen dürfen ....!
Er streckte sich. Immer wieder flackerte ein junges, helles Rot auf
seiner Stirn auf.
Sie nahm ihm die Rosen aus der Hand, legte sie ein bißchen ärgerlich
und doch behutsam auf den Flügel.
„Ist schon gut, Fritz, +die+ Angelegenheit wäre erledigt ... Mir
scheint, dich führt etwas Ernstes hierher, und es wäre an der Zeit ....“
Er streckte bittend die Hände vor. Nein, nur nicht gleich von dem
verdammten Gelde .... nicht gleich im ersten Augenblick! Am liebsten
überhaupt nicht mit einer schönen jungen Frau von Geld sprechen ...
Gut, daß er die Uniform nicht anhatte. Auf und davon gelaufen wäre er
... im Hotel totgeschossen hätte er sich auf der Stelle!
Karla sah ihn von der Seite an, und er tat ihr leid, der große dumme
Junge, mit den verworrenen Begriffen.
„Nun ist’s aber genug, Fritz, mit all dem Unsinn. Deine Mutter hat mir
geschrieben. Du hast siebentausend Mark Schulden ....“
Fritz sprang vom Sessel, auf den sie ihn gedrückt hatte.
„Was -- siebentausend Mark?! Ist ja gar nicht wahr!
Fünftausenddreihundert sind es .. keinen Pfennig drüber! Fünftausend
in zwei Wechseln ... bekommen habe ich nur dreitausend in Wirklichkeit
.... aber das kostet ja was, das verdammte Geld .... das kostet was
....“
So hatte also Adele vorsorglich die Summe vergrößert. Karla sah ihm in
die Augen, gütig und ernst.
„Kann ich dir glauben, Fritz?“
Sie erschrak, weil er plötzlich vor ihr niederfiel und ihre Hand
ergriff.
„Liebe, schöne, gute Frau ... Du ...“
Seine Schultern zuckten.
„Fritz, was soll der Unfug ... Fritz! ...“
Aber es war gar kein Unfug. Daß die Tante ihm helfen würde, hatte er im
letzten Grunde selbst gehofft, aber daß sie, die so jung und schön und
gefeiert war, ihn fragte, wie eine Mutter fragt: Kann ich Dir glauben,
Fritz? -- das hatte ihn überwältigt.
„Du kannst mir glauben ... Auch daß ich keinen Wechsel mehr
unterschreibe, kannst du mir glauben. Eher ziehe ich den bunten Rock
aus ... ja ... Wenn’s sein muß -- ziehe ich ihn aus ... arbeite ...“
Sie strich ihm sanft über den hellen, blonden Scheitel. Was wurde aus
ihm, wenn er den bunten Rock auszog?
Sie saß jetzt auf dem Sessel. Er hatte sich ihr zu Füßen auf dem
Teppich niedergelassen, spielte mit ihrer langen Kette, an der ein
goldenes Börschen hing, und küßte von Zeit zu Zeit ihre Hand, die
ihm über die Haare strich. Aber nun fragte sie, was er denn arbeiten
wollte. Das war eine ganz knifflige, ganz unbequeme Frage ... und
wieder stotterte er.
„Ja ... ich arbeite eben ...“
Sie neigte sich über ihn.
„Würdest du Lehrer werden wollen, wie dein Vater?“
Aber sie deckte gleich die Hand über seine Augen, da sie das Grauen
sah, das ihr entgegenblickte.
„Nein .... das wäre wohl nichts für dich .... Bankbeamter?“
Sie hatte Verbindungen. Wenn er wollte -- er könnte gleich eintreten.
Und wenn er tüchtig war. -- Mit den Jahren, als Prokurist, könnte er es
auf zwanzig-, auf dreißigtausend Gulden bringen!
Er zerrte an der Kette.
„Muß es denn sein ....?“
Sie schüttelte lachend den Kopf.
„‚Muß?‘ Nein, Fritz, ich weiß schon, das alles ist nichts für dich.
Du mußt eben bleiben, was du bist -- da hilft nichts. Mußt die Zähne
zusammenbeißen und durchhalten, bis ein Glücksfall dir in den Schoß
fällt. Nur Schulden machen darfst du nicht mehr ...“
„Ich laß mich versetzen“, sagte er kurz. „Zur Schutztruppe ... da
kriegt man doch was zu tun! Da weiß man doch, wozu man den Degen an der
Seite hat ...“
Er stand erregt auf.
„Seit einem Jahr halten mich die Schulden fest. Hundertmal, wenn ich zu
spielen anfing, sagte ich mir: Wenn ich heute Glück habe, dann Schluß
mit allem hier -- dann raus. Ich spüre doch Kräfte in mir, Kräfte,
die ich anders umsetzen möchte als nur im Drillen der Kerls und im
Herumhopsen in reichen Häusern. Ich könnte doch was leisten ....“
„Das wirst du auch, Fritz ... hier meine Hand.“
Seine jungen Augen leuchteten auf, und stürmisch riß er Karlas Hand an
seine Lippen.
„Papa hat Recht ... Du bist der beste, der vornehmste Mensch ...“
Sie unterbrach ihn lächelnd.
„Schon gut, Fritz ... mach’ ihm nur Freude, mehr verlange ich nicht. Er
kann’s brauchen!“
Sie nahm die Blumen vom Klavier. Drohend erhob sie den Finger: „Aber
ein andermal ....“
Sie stockte, weil sie sein Gesicht sah, das ganz verlegen und rot
geworden war.
„Na ....? Etwa noch nicht bezahlt?“
Er nickte hastig.
„Doch ... ja ... gewiß bezahlt ... aber nicht von mir -- Herrgott
nochmal -- das ist ein ganzer Roman ... das ist ... Und die Kleine
sitzt im Café und wartet auf mich ... Donnerwetter ja ...“
Karla machte entsetzte Augen.
„Was für eine ‚Kleine‘ .... Was ist denn das schon wieder? Was fällt
dir denn ein, Junge ....“
„Mir ... mir ist eben gar nichts eingefallen ... oder doch, ja ... Mir
ist eingefallen, daß sie warten sollte, bis ich fertig war ... bis
meine Angelegenheit erledigt war ... Das ist doch wichtiger ... nicht
wahr ... als wenn du ihr sagst: Sie können Sängerin werden oder nicht!“
„Wer soll Sängerin werden? ... Was hat das mit dir zu tun? ... Höre,
Fritz, ganz ernsthaft, wenn du wieder eine Dummheit gemacht hast ....
Ich mische mich da nicht hinein .. bitte, mich dabei aus dem Spiel zu
lassen!“ Nun riß ihr doch der Geduldsfaden.
Aber Fritz streichelte ihre Hände. „Laß mich doch nur erzählen ... hör
doch nur zu ...“
Eine Geschichte war das -- die konnte natürlich nur wieder ihm
passieren! Gestern im Zuge ... schubst da der Schaffner eine junge
Dame in sein Nichtraucherabteil. Ein junges Mädchen mit nur einem
kleinen Reisetäschchen. Sie schläft nicht -- er schläft nicht. Er
faßt ab und zu nach seinem Revolver -- sie stößt ab und zu zitternde
Seufzer aus. Ein paar Worte werden ausgetauscht. Dann schlägt er
die Hälfte des blauen Vorhanges von der Deckenlampe zurück. Große
Überraschung. Sie kennen sich von ein paar Bällen her. Famose Tänzerin.
Vater preußischer Kommerzienrat, großes Tier in der Industrie -- nur
zwei Kinder. Einen Sohn und diese Tochter .. Margot Laurin. „Wohin,
Herr Leutnant?“ .. „Nach Wien. Und Sie, gnädiges Fräulein?“ ... „Auch
nach Wien.“ ... „Zu Verwandten?“ ... „Nein.“ .. „Zu Bekannten?“
... „Nein.“ Bittende Augen, erschrecktes Umsichblicken. Endlich
beichtete sie: sie ist durchgebrannt -- heimlich. Niemand zu Hause
weiß, wohin! Sie will zur Bühne -- verrückt. Aber sie will durchaus.
Träumt davon, Opernsängerin zu werden. Wird es durchsetzen -- ganz
bestimmt. Dabei laufen ihr jetzt schon die Tränen über die Wangen. Hat
einfach Bammel! Höllischen Bammel! -- „Und Sie, Herr Leutnant?“ ...
„Ich auch sozusagen -- durchgebrannt, nur mit Wissen und Erlaubnis
meiner Vorgesetzten!“ ... „Warum?“ ... „Schulden“ ... „Viel?“ ...
„Schauderhaft: fünftausenddreihundert Mark!“ Sie lacht sich tot. Er
beleidigt, zieht sich in seine Ecke zurück. Wie er hinüberblickt --
wieder Heulerei. Und hübsch ist sie! -- -- Wangen ... zum Reinbeißen,
und blondes Wuschelhaar, das in tausend Löckchen um sie herumflattert.
Und angezogen ... totschick! Und Füßchen hat sie ... lächerlich,
einfach! „Also, gnädiges Fräulein -- Bühne, Blödsinn für Sie! Gar nicht
zu machen!“ Sie will ihm fast ins Gesicht springen vor Zorn. „Ich werde
mich prüfen lassen!“ ... „Von wem denn, bitte?“ ... „Von Karla König“
... „Das ist meine Tante -- zu der fahre ich gerade!“ ... „Ihre Tante??
Ach, lieber Herr Leutnant .... dann werden Sie mir helfen. Vielleicht
empfängt sie mich gar nicht, wenn ich so einfach heraufgehe ... aber
wenn Sie ...“
„So haben wir uns dann die ganze Nacht von dir unterhalten. Ich
versprach ihr alles, was sie wollte. Sie sollte mich nur vorgehen
lassen ... ‚Ach so‘, meinte sie. ‚Ihre Tante soll wohl Ihre Schulden
bezahlen?‘ ... Das war frech. Aber -- schlagen kann ich mich doch nicht
mit ihr, nicht? Sie stürzte bei der Ankunft gleich in einen Blumenladen
und kaufte einen Strauß für dich. Den sollte ich dir bringen, um dich
günstig zu stimmen ... Was sich so ein kleines Mädel einbildet -- nicht
wahr? Ich denke auch nicht daran, dich günstig zu stimmen. Sie hat
keine Spur von Talent -- mein Wort -- ich kenne mich aus! Und sie singt
... wie’n Vogel in der Mauser, sage ich dir .... Rede ihr das nur aus
mit der Bühne ... es ist Quatsch. Heiraten soll sie! ...“
Karla unterbrach lachend.
„Dich -- was, mein Junge? Mit deinem geladenen Revolver und deinen
Schulden?“
Er sah sie von unten herauf an, während wieder ein helles Rot über
seine Stirn huschte.
„Wenn du mir die Schulden abnimmst -- den Revolver lege ich dazu ....“
„Kindskopf. Und das will ein Herr Leutnant sein. Lauf’ ... hol’ mir das
Mädel herauf ... wir telegraphieren dann gleich an ihre Eltern.“
Und während Fritz Maurer Hals über Kopf aus der Wohnung lief, die
Treppe hinunter und ins Café, wo eine blonde, junge Berlinerin sich mit
bangem Herzklopfen die Folgen ihres tollen Streiches ausmalte, lachte
Karla ihr warmes junges Lachen.
Und dann brachte der Fritz ihr seine hübsche Reisegefährtin. Ganz
verschüchtert stand sie plötzlich vor der großen Künstlerin und ließ
sich sagen, daß ein hübsches Gesicht und eine niedliche Stimme noch
keine Künstlerin ausmachen.
„Eine Handlangerin allenfalls, die ein Handwerk erlernen kann mit sehr
viel Fleiß ...“
Wollte sie es darauf ankommen lassen?
Margot Laurin schüttelte den Kopf. Nein ... Dann wollte sie verzichten
... so bitter es sein mochte ... so sehr sie sich auch schämte -- vor
den ihrigen daheim ...
Fritz Maurer stellte sich breitbeinig auf, sehr selbstsicher.
„Ach was, gnädiges Fräulein ... sich mal recht von Grund aus schämen
... das ist ganz gesund! Das nimmt einem die Lust, wieder Dummheiten zu
machen ...“
Und Karla sah, wie die beiden jungen Menschenkinder einander ansahen
mit einem Blick, in dem schon mehr lag als nur flüchtiges gegenseitiges
Gefallen.
„Donnerwetter ja ... gnädiges Fräulein ... wir zwei haben was
durchgemacht in diesen vierundzwanzig Stunden ... das verbindet, wie?“
Ein Frechdachs war er. Die Welt gehört ihm -- seit er die Schulden los
war.
Karla setzte die Depesche auf an den Kommerzienrat: „Ihre Tochter war
bei mir zur Prüfung ihrer Stimme. Öffentliche Laufbahn ausgeschlossen.
Trifft morgen Frühzug Berlin ein. Karla König“.
„Füge hinzu: ‚Unter dem Schutze meines Neffen, des Leutnants Fritz
Maurer‘“, sagte Fritz, über ihre Schulter blickend.
Das Kommerzienratstöchterlein lachte jetzt fröhlich auf.
„Nicht nötig ... das erzähle ich schon selbst, und Sonntag machen Sie
Besuch und holen sich den Dank.“
Karla lehnte sich zurück in den Stuhl vor ihrem Schreibtisch und
lächelte. Wie einfach das alles war in dem Alter ...
Dann hob sie den Blick zum Bilde ihres Kindes. Schmerzchen guckte aus
ihrem silbernen Rahmen auf die Mama herab mit großen, ernsten Augen
-- --
Armes, kleines Schmerzchen -- der „nichts unmöglich schien“ bei der
Mama! Was würde sie sagen? Heute, wenn der Vater ihr mitteilte, daß die
Mama nicht mehr zurückkehrte zu ihnen ... nie mehr! ...
Die jungen glücklichen Stimmen hinter ihrem Stuhl taten Karla plötzlich
weh .....
So vielen durfte sie Glück geben ... so vielen ... nur ihrem Kinde
nicht ....!
Blaß und still saß sie an ihrem Tisch zwischen den jungen Leuten, die
ein Zufall zusammengeführt -- enger vielleicht, als sie selbst es noch
ahnten.
Blaß und still blieb sie den ganzen Tag über -- bis Fritz bat: „Gib uns
deine Stimme mit auf den Weg, willst du?“
Da sah sie den jungen, eleganten Herrn plötzlich als mutierenden
Gymnasiasten am Ofen der elterlichen Wohnung lehnen und ihr zuhören mit
offenem Munde und glänzenden Augen. Hörte seine rauhe Knabenstimme, als
er dem Vater zurief: „Wie die singt ...“
Es war ein Abschied gewesen damals -- für lange.
So sollte es heute ein Abschied sein -- für immer.
Sie setzte sich an den Flügel. Weiches Dämmerlicht erfüllte den Raum.
Die Rosen dufteten.
Karla sang.
Und ihre Stimme spann seidig schimmernde, glitzernde Fäden um zwei
junge Menschenkinder, denen das Zimmer sich zu einem Dom wölbte, in dem
sie andächtig und staunend dem Schlagen ihrer erregten Herzen lauschten.
[Illustration]
Schmerzchen hatte an diesem Sonntag allein essen müssen. Luise wartete
auf den Bruder, der sich seit zwei Stunden mit Alwin im Studierzimmer
eingeschlossen hatte.
„Wir wollen ungestört bleiben“, hatte der Bruder gesagt.
Als es Essenszeit war und das Mädchen zum dritten Male gefragt hatte,
ob sie auftragen sollte, hatte Luise leise an die Tür gepocht. Da hatte
der Bruder aufgeschlossen und gefragt: „Was ist denn? Kann man denn
nicht seine Ruhe haben?“
Und weiß wie Papier war er gewesen, mit Augen, die starr und kalt unter
den dicht zusammengezogenen Brauen glitzerten.
Da hatte sie Schmerzchen essen lassen und hatte daneben gesessen, mit
klopfendem Herzen und gespitzten Ohren. Schmerzchen, die sich sonst
ruhig und selbstgenügsam zu beschäftigen pflegte, war von ihrer Unruhe
wie angesteckt. Sie hatte hundert Fragen, ließ sich nicht abfertigen
mit kurzen Antworten und sagte schließlich:
„Gewiß wird Mama jetzt kommen. Anna hat gesagt, der Sommer ist bald
vorbei ....“
Mit feuchten Fingern strich Luise über ihren glatten, dunklen Scheitel
und ging leise ins Musikzimmer.
Sie beugte den Oberkörper zum Fenster hinaus, starrte auf die
Menschen, die in der letzten Augustzeit nur spärlich um diese Stunde
vorbeischlichen. Da erblickte sie die volle, ein bißchen schwerfällige
Gestalt der Schwester, winkte mit der Hand, legte den Finger an die
Lippen.
Adele wischte sich den Schweiß von der Stirn. Auch aus ihren Augen
sprachen Angst und Unruhe.
Leise schritt Luise durch den Gang, öffnete die Tür zum Treppenhaus.
Sie hörte Adelens kurzen, schon ein wenig asthmatischen Atem.
„Leise .. still, Adele .. sie wollen nicht gestört sein.“
Adele flüsterte:
„Weißt du denn noch nichts?“
„Ja, was denn eigentlich?“
„Die Frau läßt ihn sitzen! Es ist empörend! Das hat er nun davon.“
Luise schauerte zusammen, als wäre ein kalter Windstoß ihr in den
Rücken gefahren.
Adele stöhnte: „Mein Gott ... die Schwüle ... ich hab’ mich kaum
schleppen können ... Also, was sagst du, Luise ... was sagst du? Das
ist der Dank für alles, was Ernst getan hat? Und mein armer Alwin ...
Hast du sein Gesicht gesehn? Hübscher Kurabschluß, wie? Hat es nötig
gehabt, nach Wien zu fahren! Ihr kam das natürlich wie gerufen! Eins,
zwei, drei hat sie ihm alles aufgehalst. Und er ... so gutmütig ...
so dumm -- geht ihr richtig auf den Leim und übernimmt den schönen
Auftrag!“
Adele band die breiten schwarzen Schleifen ihres Hutes auf.
„Leg doch ganz ab“, sagte Luise rauh.
Adele aber machte die Erregung mitteilsam, riß die Schleusen ihrer
verborgensten Empfindungen auf.
„Wenn man es richtig nimmt, Luise -- gepaßt hat sie ja nie zu uns.
Wie nur Ernst sich so täuschen konnte! Wir zwei waren uns doch gleich
nach ihrem ersten Besuch klar über sie. Ich jedenfalls! Was habe ich
mir für Mühe mit ihr gegeben -- weißt du, Luise? Als sie noch möbliert
in der Göbenstraße wohnte! Sie hat mir ja auch leid getan damals, und
ich bildete mir ein, wir könnten sie sittlich heben, ihr Pflichtgefühl
einimpfen ... da kam ja leider das dumme Amerika dazwischen. Das
war Ernstens Unglück! Da hat er jede Autorität über sie aus der Hand
gegeben! Du erinnerst dich doch, Luise, wie sehr ich immer dagegen war,
daß sie allein in ein Engagement geht? Ich hab immer gesagt: das führt
zu nichts Gutem! Das entfremdet! Aber ich redete natürlich in den Wind
hinein. Damals, als die Depesche kam aus Wien, daß sie dort blieb --
damals hätte Ernst sich scheiden lassen sollen. Vielleicht hätte sie
sich damals besonnen.“
Luise schüttelte den Kopf. Sie sah sich in dem Gang stehen an jenem
Abend, da sich der Schatten eines großen Mannes hinter der Glasscheibe
hin und her bewegte ... Damals hatte es angefangen ... damals -- an dem
Abend, da Karla im Schlafzimmer das Blumenglas auf den Boden geworfen
hatte und in ihren Augen etwas aufgeblitzt war, das wie Haß aussah
gegen sie alle ...
„Damals war es wohl auch schon zu spät“, sagte sie, und ihre Mundwinkel
zogen sich tief herab.
Sie saßen nebeneinander auf dem großen Umbausofa, und die Falten ihrer
schwarzen Kleider lagen übereinander, daß es aussah, als wüchsen zwei
Oberkörper hervor aus einem dunklen, breiten Stamm.
„Und jetzt ist Fritz bei ihr ...“, sagte Luise.
Adele senkte den Kopf tief auf die Brust herab.
„So schlecht kann sie doch nicht sein“, murmelte sie.
Luise streifte die Schwester mit einem Blick, aus dem zum erstenmal in
ihrem Leben Härte sprach. Als wäre ihr zum erstenmal die Binde vor den
Augen gefallen, als hätte sie zum erstenmal die grenzenlose Selbstsucht
dieser Frau erkannt.
Noch enger zog Adele den Kreis ihrer Sorge, als sie oder der Bruder
es je getan. Für sie gab es nur noch Mann und Kinder; sogar die
Geschwister nur soweit, wie sie sich ausnützen ließen.
Luise stand auf und legte die Hand an ihren weißgesäumten Kragen, als
fehlte ihr die Luft.
„Laß es nur Alwin und Ernst nicht wissen, das rate ich dir“, sagte sie
und wendete sich ab.
Adele blieb auf dem Sofa sitzen. Was war denn das mit Luise? Waren
sie denn nicht immer eines Sinnes gewesen? „+Wir+ sollten doch
wenigstens einig bleiben, Luise ....“
Luise nickte. Aber sie fand kein Wort -- weder der Anklage noch der
Beruhigung.
Es kam wohl bei allen vor, daß sie plötzlich sehend wurden .... Da
gab’s nur eines: Augen schließen und +nicht sehen wollen+!
Schweigend saßen sie da und warteten auf die Männer.
Altmann kam zuerst herein.
„Da bist du ja auch, Adele ...“
Er blieb stehen, räusperte sich. Seine Augen suchten Luise. Sie war ihm
die nächste jetzt. Er hätte allein sein wollen mit ihr. Aber es war zu
verstehen, daß Maurers blieben ... Adele hielt es auch wohl für ihre
Pflicht. Sie tat immer ihre Pflicht ..... immer.
Drückend war die Luft -- drückend von Schweigen, drückend von der
brütenden Hitze ...
„Ich werde den Rolladen herunterlassen“, sagte Luise.
„Warte, ich helf dir ...“
Alwin Maurer nahm ihr die Schnur aus der Hand. Klappernd schossen die
Brettchen auf den Fenstersims herab.
„Nun wird’s wohl zu dunkel sein“, meinte Adele.
„Nein ... so ist es gut ... eine Wohltat ...“
Altmann ließ sich schwer auf seinen Platz am Eßtisch nieder. Eine
Wohltat, daß sie alle sein Gesicht nicht sahen im tiefen Dämmer des
Zimmers ... eine Wohltat ...!
„Setzt euch doch ... So setzt euch doch endlich!“
Jeder Schritt dröhnte in seinem Kopfe wider -- wie Drahtpuppen, so
tanzten sie alle vor seinen Augen. Als hätte man ihm die Haut vom Kopfe
gerissen, so war ihm zumute ... alles schmerzte.
Aber das brauchten sie nicht zu sehen ... Nacht hätte es sein sollen
... dunkle Nacht! ...
Luise schöpfte die Suppe auf.
„Ihr müßt vorliebnehmen ....“
„Wir haben gar keinen Hunger .. nicht wahr, Alwin?“ sagte Adele.
Aber sie wartete nicht ab, bis alle bedient waren, führte den Löffel in
nervöser Hast zum Munde.
Immer war es so gewesen -- ihr Hunger wuchs mit der Aufregung. Und
nicht ihr allein ging es so. Die vier Löffel klapperten in raschem
Takt. Niemand sprach ein Wort. Das Tier im Menschen verlangte sein
Recht.
Die Rühreier wurden hereingebracht, später der Braten.
„Das ist ja viel zu viel“, raunte Adele der Schwester zu.
Außer ihr bemerkte es niemand, ob es viel oder wenig war.
Beim dritten Fleischbissen aber fiel Altmanns Besteck zurück auf den
Teller. Luise legte die Hand auf seinen Arm.
„Das ist alles?“
„Ich kann nicht ... ich kann nicht mehr ...“
Er lehnte sich zurück in seinen Stuhl und preßte mit beiden Händen die
Brust zusammen.
Niemand konnte mehr essen.
Alwin Maurer murmelte:
„Sprich dich aus ... Oder soll ich sagen? ... Adele weiß übrigens schon
...“
Adele suchte ihr Taschentuch; ihre Knie zitterten, ihre Stimme.
„Mein armer Ernst ... ich weiß ... Es ist ... abscheulich ist es -- ich
sagte es schon zu Alwin und Luise ... Abscheulich! Undankbar! ...“
Altmann riß die Augen weit auf.
War das alles, was sie zu sagen wußte? ... Undankbar? Abscheulich?
Heftig, in kaum noch beherrschtem Zorn schob er den Teller zurück.
„Laß die Worte bitte! Die sind hier nicht am Platz!“
So sprach man von einem Dienstboten, der nach Jahren grundlos kündigte
... aber von +seiner Frau+? ... Von Karla -- -- --
Alwin fuhr auf.
„Gerade wir, Adele ...“
Adele atmete rasch und kurz. „Gerade wir ...“ -- das traf sie. Traf
sie wie ein Messerstich. Und wenn Alwin noch wüßte, daß vielleicht in
diesem Augenblick Fritz ... Was wurde aus ihr, wenn sie es erfuhren!
Was für Demütigungen war sie ausgesetzt!
Alwin Maurer blickte trübe auf die weinende, zitternde Frau. Ein Irrtum
war sein Leben gewesen -- ein Irrtum, in allem und von Anbeginn an. Ihr
durfte er keine Schuld geben.
„Komm, Adele, Ernst wird Ruhe haben wollen ...“
Altmann hielt sie nicht zurück. Überwand sich aber, stand auf, gab
ihnen das Geleit bis zur Tür, ging in sein Zimmer, stellte sich ans
Fenster, sah sie beide über die Straße gehen -- langsam, mit gesenktem
Kopfe. Sah noch, wie Adele ihren Arm in den ihres Mannes schob, ihm ihr
verweintes Gesicht zuwandte, ihm etwas sagte -- und wie sie dann, enger
aneinandergepreßt, schleppenden Schrittes um die Ecke bogen, untrennbar
trotz allem, was sie voneinander schied.
Da trat er vom Fenster zurück, fiel in den Sessel, der auf dem großen
angegrauten Fell stand ... den Sessel, in dem sie immer gesessen, wenn
sie ihn in seinem Zimmer aufsuchte, wenn sie gehäkelt und vor sich hin
geträumt hatte -- weit weg von ihm -- schon damals vielleicht.
Er hatte sein Gesicht mit den Händen bedeckt, und seine Schultern
zuckten.
Luise ließ ihn allein. Wußte, wie wenig sie ihm war in diesem
Augenblick.
Aber als der Abend sich durch das offene Fenster hereinstahl, der
Straßenlärm abklang und die Stille sich um Altmann legte -- eine
Stille, die nicht Ohnmacht und die nicht Schlaf war, eine Stille,
die wie ein Vorbote war seines neuen, stillen Lebens, die wie eine
Auflösung war des schreienden, vernichtenden Schmerzes, da klopfte es
an seine Tür.
Er rief nicht herein. Und dennoch ging die Tür auf.
„Schmerzchen“, murmelte er, und streckte die Hand aus.
„Schmerzchen“, -- der Name war alles, was ihm von Karla bleiben sollte.
Denn das Kind nahm er ihr fort.
„Ich soll gute Nacht sagen, Papa.“
Geflüstert kam es ihr von den Lippen, und sie trat auf den Fußspitzen
näher, als säße ein Kranker in dem Sessel.
Er stellte sie zwischen seine Knie, legte den Arm um sie.
„Weißt du ... daß ... deine Mama nicht kommt in diesem Sommer?“
Schmerzchen senkte den feinen Kopf und zupfte an dem Gürtel, der ihr
weißes Sonntagskleidchen zusammenhielt -- das Kleidchen, in dem sie mit
der Mama hatte spazierengehen wollen.
„Ja ...“, hauchte sie leise.
„Hat Tante Lis es dir gesagt?“
Sie nickte stumm.
„Und daß die Mama auch nächsten Sommer nicht wiederkommt .... und
übernächsten nicht .... daß sie nie mehr zurückkommt?“
Schmerzchens braune, ernste Augen wurden weit und groß.
Ein kurzer, zitternder Seufzer flog über ihre Lippen in die Stille des
Zimmers hinein.
„Ist Mama tot?“
Ihr Stimmchen, das fein und zart war, kippte um. Nur wenn eine Mutter
tot war, sahen die Kinder sie nie wieder. Das wußte sie von der Schule
her. Dann kamen die Kinder in schwarzen Kleidern an und flüsterten
leise: Mutter ist tot! Weinten, und die Lehrerin streichelte ihnen
Wangen und Haar. Furchtbar traurig war das! Aber auch schön! Die Kinder
sagten, die Mutter wäre jetzt ein Engel und schwebte ihnen zur Seite,
sie zu beschützen. Das war auch traurig, aber sehr schön!
Altmann drückte das feine Köpfchen an seine Brust. Tot ... nein. Nicht
einmal die fromme Lüge konnte er dem Kinde als Trost geben. Ein Bild
von Karla in einer Zeitschrift ... ein Wort, das das Kind auffing ...
jetzt oder später ...
„Nein, Kind ... deine Mama lebt.“
Schmerzchen kroch zum Vater auf den Schoß; sie sagte: „Dann kommt sie
... die Mama ...! Ich weiß es ... ich habe ihr einen Brief geschrieben:
Liebe, liebe Mama, komm doch zu deinem Schmerzchen. -- Du wirst sehen,
Papa, sie kommt ...“
Ruhig, sicher, sehr überzeugt sprach Schmerzchen. Das gab es doch gar
nicht -- eine Mama, die nicht kam, wenn ihr kleines Mädchen sie rief.
„Deine Mama wird ein anderes kleines Mädchen haben, andere Kinder ...“
„Andere Kinder? ....“
So wie sie andere Puppen bekam? Neue, schönere? Sie warf dann die alten
fort. So warf die Mama ihr Schmerzchen fort. Spielte nur mehr mit ihren
neuen schönen Kindern? ...
Schmerzchen weinte nicht. Nur ihre kleinen, feingliedrigen Hände
ballten sich zornig zusammen.
„Dann werfe ich Mama aber auch fort ...“
Es war das Ende einer langen, langen Gedankenkette. Mehr sagte sie
nicht. Um keinen Preis hätte sie geweint. Um keinen Preis gesagt, wie
das Herz ihr schlug .... wie die Füße ihr kalt wurden, und ihre Zähne
sich aneinanderpreßten.
„So mußt du nicht ... hörst du, Schmerzchen ... so darfst du nie, nie
von der Mama sprechen! Das verbiete ich dir ...“
Ihr feines Kinderohr hörte etwas heraus aus der Stimme des Vaters, was
sie mit einem neuen heftigen Schreck erfüllte. Sie schlang ihre Arme
um seinen Hals, drückte sich an ihn mit aller Kraft ihres kleinen,
zarten Körpers. Nun war es ganz dunkel im Zimmer, und sie hielten sich
umschlungen -- ganz eng, ganz fest, der alternde Mann und sein kleines
Mädchen.
-- -- -- Eingeriegelt in seinem Zimmer, beim Schein der grün
beschirmten Lampe, saß Alwin Maurer und schrieb ein letztes Mal nach
Wien.
„Meine liebe Karla! Ich habe mit Ernst gesprochen. Dein Wille soll
geschehen -- mit aller Beschleunigung und allem Nachdruck, die Du
wünschen magst. Nur eines läßt er dir sagen: Alle Brücken müssen
abgebrochen sein, die von uns zu Dir, von Dir zu uns führen -- bis die
Wunden geheilt und vernarbt sind. Das Kind darf in keinen Zwiespalt
gebracht werden.
Dem mußt Du Dich fügen.
Ich freilich kann es kaum glauben, daß Du eine Fremde werden sollst für
uns. Aber nur so allein wird es möglich sein, daß er seinen Frieden und
Du ein neues Glück wiederfindest.
Da bleibt mir denn nichts übrig, als Dir zu danken für die Stunden, die
ich in Deiner Nähe verleben durfte.
Die Erinnerung an sie soll hell und tröstend durch das Dunkel der
kommenden Jahre leuchten.