Der Papa krähte: „Wie ... was ... Russel, der Impresario, der -- --“

Er lief zur Tür, flink wie ein Wiesel, mit blitzenden Augen, mit

Locken, die wild um seine Stirne flatterten.

„Mister Russel -- Sie? Das ist -- das ist -- die großartigste

Eingebung, die Sie je gehabt haben! Ich bin der Vater -- König ist mein

Name, Solotänzer von der Königlichen Oper -- Karla! -- Karla! -- Mädel!

-- Du!“

Karla stand am Schachtisch. Sie schien größer als früher, so schlank

war sie geworden. Ihr rundes Gesicht war gleichsam in die Länge gezogen

-- es sah edler und bedeutungsvoller aus als früher. Die Augen loderten

aus den umschatteten Höhlen.

Russel bot ihr nicht die Hand zum Gruße, er umschloß ihre beiden

Arme mit seinen großen Pranken und schüttelte sie, wie man ein lange

entbehrtes, geliebtes Kind schüttelt.

Um Karlas Lippen flog das erste blasse Lächeln.

„Ach ja, Russel ... die Zeiten ändern sich.“

Er lachte.

„~Never mind~ -- wir auch.“

Er dachte gar nicht daran, auf ihren Schmerz einzugehen oder ihn zu

schonen. War ja alles Unsinn.

„~Well~, Karla König -- ein jeder von uns hat etwas, worüber er

hinwegkommen muß in seinem Leben -- einen Kummer, eine Schweinerei, ein

Verbrechen. Das vergißt sich aber nur, wenn man mit beiden Füßen in

die Arbeit springt -- ~you know~. Danken Sie Ihrem Schöpfer, daß er es

gut mit Ihnen gemeint und Ihnen so schöne Arbeit gegeben hat! Arbeit

und Freunde -- Freunde in allen Gegenden der Welt. Glauben Sie, ich

bin aus Amerika gekommen, um Ihnen einen Kondolenzbesuch zu machen?

~God bless me!~ Ich bin gekommen, ~business~ zu reden. Das ist die

beste Medizin -- für Sie und für mich. -- ~Well~, Karla König, ich

mache jetzt zum dritten Male mein gleiches Angebot. Und diesmal sagt

sogar der alte Säufer von Kapelle, Sie sollen kommen. Ohne alles Wenn

und Aber kommen. Er verspricht dann auch, nicht mehr zu trinken und

sich an die Metropolitan engagieren zu lassen. -- Also, rekapitulieren

wir: New York, Frisco, zurück Washington, London, Petersburg–Paris. --

Karla König ... nun stecken Sie Ihre großen Heimatsgefühle zurück. Ihre

Heimat ist die Welt. Ihr Thron steht in allen Hauptstädten der zwei

Kontinente -- und Ihre Untertanen sind alle Menschen, die einmal drei

Töne von Ihnen gehört haben. ~Ready.~“

Der Papa zappelte vor Entzücken.

John Russel -- das war sein Mann! Der Mann war einzig, wundervoll! Wenn

Karla nicht annahm, dann -- war sie nichts wert -- nichts war sie wert.

Karla aber fühlte, wie bei John Russels Worten der Rausch längst

vergangener Tage mit seinen heißen, prickelnden Nebeln wieder aufstieg,

und wußte, daß nur er all das Wunde und Wehe, das in ihr schrie,

einlullen -- zum Schweigen bringen konnte.

John Russel sprach weiter auf sie ein -- freundschaftlich,

eindringlich, zäh ... spürte als alter Goldgräber der Ader nach, die

ihm ihre Schätze ausliefern sollte.

Und Karla setzte ein zweitesmal ihre zitternde Unterschrift unter den

Vertrag, der sie ins Ungewisse hinaustrieb.

In fieberhafter innerer Unruhe traf Karla ihre Vorbereitungen. Denn

schon in vierzehn Tagen sollte sie sich, zugleich mit John Russel, nach

Amerika einschiffen.

Drei Tage vor der Abreise schrieb sie an Altmann. Bat ihn, ihr das

Kind zu schicken. Nur für eine Stunde. Nur damit sie Abschied nehmen

könnte vor ihrer langen Fahrt. Am nächsten Morgen lag die Antwort neben

ihrem Frühstücksteller. Die vertraute, gleichmäßige und pedantische

Schrift Altmanns ließ ihr Blut aufwallen, daß es mit schmerzenden

Hammerschlägen an ihre Schläfen pochte. Sie riß den Umschlag auf

-- ihre eigene Schrift war es, die ihr entgegenstarrte -- das

unbeholfene, kindlich dankbare, heiße Gestammel, die sie von ihrem

Wochenbett aus an ihren Mann gerichtet hatte: „... Unser Kindchen wirst

Du doch lieben? Das mußt Du mir versprechen. Wie danke ich Dir, daß

Du es mir gegeben! Wie liebe ich Dich! Nie werde ich aufhören, Dich

zu lieben. Deine Karla.“ Darunter mit rotem Bleistift: „Ich habe mein

Versprechen gehalten. Du aber --!!“

Zwei Ausrufungszeichen, wie mit zischendem Peitschenhieb hingehauen.

Alles Blut lief ihr aus den Wangen und Lippen.

Langsam zerriß sie den Brief in winzig kleine Stücke, warf das Häufchen

Papier in die Aschenschale und brannte es mit einem Streichholz an.

Am nächsten Morgen verließ Karla König Berlin.

[Illustration]

Jahre zogen dahin.

Gleichartig in ihren brausenden Triumphen für Karla draußen in der

Fremde. Gleichartig in ihrer Stille für Altmann in der Landgrafenstraße.

Schmerzchen -- der Name blieb ihr wie eine wehmütige Liebkosung, wie

ein letztes Erinnern an die Mutter -- wuchs heran, ruhig, ernst, in

uneingestandener, unklarer Sehnsucht, in bedachter Fügsamkeit.

Manchmal, in ihren Träumen nachts, legte sich ein schmerzliches, über

ihre Jahre hinaus reifes Lächeln um ihre Lippen -- und ein Stöhnen:

halb Weinen, halb Lachen, drang aus ihrer Brust.

Dann stand Luise leise auf, trat an ihr Bett, leuchtete ihr ins

Gesicht, richtete die Decken, legte ihre kalte, hagere Hand auf die

schlafglühenden Wangen.

„Ich bin ja da, Kind ... ängstige dich nicht.“

Schmerzchen schlug die Augen auf, lächelte ... erkannte die große

Gestalt, die streng und sorgend an ihrem Bett stand und schloß die

Augen wieder, wie um die Wirklichkeit nicht zu sehen, die so grau und

dürftig war.

Schweigsam und ernst war auch der Vater, verhalten im Lob, gemessen im

Tadel. Ganz weiß war sein Haar an den Schläfen, und rings um die Augen

zogen viele kleine Falten strahlenförmig ihre Furchen. Karlas altes

Bild stand unverrückt auf seinem Schreibtisch. Vielleicht sah er es nie

mehr an, sah es überhaupt nicht.

Nur als Luise es einmal fortgenommen hatte, weil sie sich dachte, daß

es besser für ihn sei, wenn er ihr Gesicht nicht immer vor sich sähe,

-- da hatte er durch das ganze Haus gerufen: „Was soll das? ... Luise!

... Wer geht mir an meinen Schreibtisch ....? Wer macht da Unordnung?

... Das verbitte ich mir ...!“

Und obwohl Luise ganz erschreckt das Bild sofort wieder aufgestellt

hatte, dauerte es Tage, bis er das Wort wieder an sie richtete.

Karlas Bild aus der ersten Zeit ihrer Ehe -- das war +seine

Vergangenheit+.

An der durfte nicht gerüttelt werden. Auch wenn er nie von ihr sprach.

Selbst Schmerzchen gegenüber scheute er sich, von ihr zu reden. Wie ein

Haushalten war es, ein ängstliches Sparen. So rasch zerflatterte alles,

wenn es in Worten ausgegeben wurde ...

Schmerzchen aber dachte manchmal, daß sie so oft von der Mama träume,

weil sie jetzt in ihrem Bett schlief, das man in ihr Zimmer gestellt

hatte. Aber das sagte sie niemand. Nicht einmal Onkel Alwin, der sie

zum Spazierengehen abholte und ihr dabei so viel von der Mama erzählte.

Manchmal holte der Onkel eine Zeitung aus der Tasche; las ihr vor, aus

Kunstberichten in fernen Städten. Oder er zeigte Bilder von ihr, die

neuesten Aufnahmen -- in Bühnenkostümen oder in wundervollen Kleidern,

reichen Schmuck um den Hals.

Jung und schön sah die Mama immer noch aus -- schöner gewiß als auf

Papas Schreibtisch. Aber kein Lachen lag mehr in den dunklen Augen, um

den lieben Mund.

In stiller Versonnenheit kehrte Schmerzchen von ihren Spaziergängen mit

Onkel Alwin heim -- dem Professor, wie er jetzt genannt wurde.

An Schmerzchens vierzehntem Geburtstage kam wieder nach langer Zeit

die ganze Familie in der Landgrafenstraße zusammen. Nur Adele fehlte.

Ihr langersehnter Wunsch, „Frau Professor“ zu heißen, war ihr erst

geworden, als Alwin Maurer seinen Abschied nahm und ihm der Titel als

eine letzte Ehrung nachgeworfen wurde. Es war um die Zeit, als Fritz

von der Schutztruppe zurückkehrte und Margot Laurin heiratete.

„Jetzt braucht Ihr Euch um nichts zu sorgen, alte Herrschaften“, hatte

er da gesagt.

Adele aber, die allen Sorgen, allen Aufregungen und Entbehrungen

standgehalten hatte, erlag der ungewohnten Ruhe satter Beschaulichkeit.

So kam es, daß Alwin Maurer seine Schritte öfter noch nach der

Landgrafenstraße lenkte, als zu Karlas Zeiten -- denn durch ihn sollte

Schmerzchen es begreifen lernen, daß es Eltern geben konnte, die beide

schuldlos waren, auch wenn sie auseinandergingen.

„Das sind eben Schicksale, mein gutes Kind ... Ein jeder trägt das

Seine mit sich herum -- und wenn zweie aneinandergeraten -- dann gibt’s

einen guten oder bösen Klang -- Glück oder Unglück.“

So war denn das Schicksal wie eine große Wunderglocke für Schmerzchen,

und wenn sie einherschritt, mit ihrem zarten Gesicht, den Kopf leicht

zur Seite geneigt -- so war es, als lausche sie einem fernen Klang .....

Vielleicht war es dieser selbe, über Wasser und Erde weithinschwebende

Klang, der Karla so oft mitten in ihrem rastlosen Wandern, in

schmerzhaftem Sehnen ans Herz griff. Wer von den Tausenden, die ihr

zujubelten, hatte wohl ein Ahnen von dem Leid und Jammer, die ihrer

herrlichen Stimme den süßen wehen Schmelz gegeben, der alle Herzen

rührte, -- ihren schönen dunklen Augen den berauschenden feuchten Glanz?

Wie ein flirrender Stern leuchtete ihr Name in den Weltstädten zweier

Weltteile auf. Wie eine Herrscherin zog sie die breite Straße ihres

Ruhmes entlang -- umworben, umschwärmt, umringt und bejubelt -- nie

allein, immer einsam.

So kam es vor, daß im größten Taumel der Begeisterung, die sie

umbrandete, an fröhlicher Tafelrunde, auf lärmendem Feste, die

Einsamkeit mit ihren großen, lustlosen Augen sie anstarrte. Dann

durchbebte es sie mit einem kalten Schauer, wie die Nordeni ihn einst

gekannt haben mochte, in der Stille der unablässig wechselnden fremden

Zimmer, unter Negern und Abenteurern, die vom Menschen nur das äußere

Gebilde zeigten.

Wenn aber Karla die Schätze überzählte, die sie sammelte -- nur um

eines Kindes Willen, das weit drüben, unter blaßdeutschem Himmel

aufwuchs, wenn sie das fremde, schwere Gold sich häufen sah, dann

dachte sie an ein Haus mit großem, rundem Musiksaal, an einen See in

märkischer Erde ... an einen wunderschönen Garten und einen langen,

langen Tisch in einer großen Halle. An das Haus am Wannsee dachte sie,

wo an den zwei Tagen, da sie es betreten -- ihr heißes Glück geboren

und eingesargt worden.

Seit Jahren gehörte es ihr -- ein letztes Geschenk der Fürstin Alice

Reichenberg, die mit ihrem Sohn von Bad zu Bad reiste, ihren Mann nur

noch in Heilstätten besuchen durfte und die Trauer nicht ablegte um den

einen, den blinder Zufall oder ein tückisches Geschick wie zum Hohn in

strotzender Lebensfülle dahingerafft.

Immer dachte Karla an das Haus -- wie an eine warme, schmerzlich

beglückende Zuflucht.

Jetzt wohnte der Papa in den weiten Räumen, und Pauline rasselte mit

den Schlüsseln, die ihr Macht gaben über Gesinde, Küche und Keller.

Bald ... in drei ... in fünf Jahren ..! Durfte Karla die Jahre zählen

-- sie, die Ewigkeiten verschwendet hatte? ... Aber eines Tages würde

auch sie dort einziehen -- Heimat und Ruhe finden.

Und dann ... dann wurde ihr vielleicht doch noch die Krone des Lebens

beschieden -- ihr Kind.

[Illustration]

Die Primadonna · 第 35 / 51 题