Alwin Maurer erhob sich. Er wollte nicht stören: „Nein. Keinesfalls.“

Sie mußte Gewalt anwenden. Sie hielt seinen Hut hinter ihrem Rücken

versteckt. „Ich bin böse, wenn du gehst ....“ Und sie sah ihm an, daß

es ihm eine Erleichterung war, bleiben zu dürfen. Er nahm ihre Hand.

„Du darfst nicht böse sein ... mußt immer daran denken, daß unsereins

dich anders sieht. Was kennt meine Philisterweisheit vom Leben einer

Künstlerin? Es mag gewiß anders in Wirklichkeit aussehen, als die

Phantasie es uns vorspiegelt.“

Und Karla dachte mit Wehmut daran, wie fremd sie ihm wohl geworden war,

daß er sich so gar keinen Begriff mehr von der Wirklichkeit machte.

Sie nahm seinen Arm, ging mit ihm in ihr kleines Speisezimmer und sagte:

„Die Abende, an denen ich hier ganz allein vor meinen Tellern sitze,

sind häufiger als die anderen. Viel häufiger! Und wenn mir’s dann zu

einsam wird, stelle ich oft Schmerzchens Bild vor mir auf oder ...“

Sie brach ab.

„Hier, Alwin ... mir gegenüber. Es tut wohl, ein lebendiges, liebes

Gesicht an seinem Tisch zu sehen ...“

Karla ließ Wein aufstellen. Nach dem zweiten Glase fragte sie: „Und wie

geht es deinen ... wie geht es in Berlin?“

Er antwortete:

„Durch deinen ... Durch Ernst wirst du wohl das meiste wissen -- --“

Sagte es, obwohl er wußte, daß die Briefe selten waren, die hin und

her gingen. Sie nickte, spielte mit dem Messerbänkchen.

„Ja ... es scheint dort alles beim alten zu sein ...“

„So weit. Man wird nicht jünger.“

Nein -- das hatte er nicht sagen wollen. Das war ganz verkehrt. Aber

je länger er Karla ansah, desto mehr fühlte er die Last der freudlosen

Jahre auf seinem Rücken. Dem Schwager konnte es nicht gut anders gehen.

Wie durfte er nur hoffen ... was mochte er denn erwarten ...? Er nahm

sich zusammen.

„Die Kinder ... bleiben die größte Freude.“

Und ein zweites Mal biß er sich auf die Lippe.

„Ja ...“, murmelte Karla und legte auf.

Angst packte sie -- es könnte zu schnell das Wichtige gesagt, zu

schnell der letzte Schleier reißen. Sie lenkte ab und fragte nach Vicki.

„Ein gutes Kind, gewiß -- ein Juwel für ihren Mann. Aber ihr Leben

führt andere Wege.“ Da gab’s nur selten ein Treffen. Wenn auch der

Wille nicht fehlte, so doch die Möglichkeit ... Der Mann vor allen --

das mußte ja auch so sein! Nun, er durfte sich nicht beklagen -- da war

ja noch Fritz, der Stolz seines Alters, ein Prachtjunge! Seine ganze

Freude war der Bengel!

„Da sitzen wir so in irgendeinem verräucherten Winkel, eine Flasche

Mosel zwischen uns oder zwei -- und dann geht’s ans Erzählen. Was ich

hatte werden wollen und was ich wurde, sage ich dann ... und von der

Zeit, da Du zuerst ins Haus kamst, erzähle ich ... dann vertraut er

mir an, daß er in dich verschossen war -- und wir sprechen von deiner

Stimme, von deinen Erfolgen. Über diese Stunden mit dem Jungen geht

mir eben nichts. Auf die freue ich mich lange Wochen vorher, die

entschädigen mich für so manches ... so manches recht schwer entbehrte

...“

Karla beugte den Kopf tiefer auf das Tischtuch herab. „Sage mal, Alwin

... kommt er denn auch aus mit dem, was ihm Ernst gibt? ... Ernst ist

so starr in seinen Ansichten, er versteht vielleicht nicht ...“

Ein fahles Rot huschte über Alwin Maurers Wangen, und er machte eine

heftig abwehrende Bewegung.

„Er hat genug ... mehr als genug ... überreichlich.“

Das fehlte gerade noch, daß sie ihm Geld anbot für Fritz ... das wäre

was!

„Bitte ... laß das ... ein für allemal ... laß das ... Ich wollte dich

sogar bitten ... Ernst kein Geld mehr für Fritz zu schicken ... ja!

Ich verdiene genügend -- mehr, viel mehr, als wir verbrauchen können.

Die Zulage wird er fortab von mir bekommen. Ich bitte dich, Karla, ...

nicht mehr darauf zurückkommen ... keinesfalls. Du hast so viel getan

... immerfort getan ... für alle gesorgt ... für alle anderen zuerst

... jetzt laß es genug sein! Jetzt denk’ an dich ... nur an dich! ...“

Er stand auf, ergriff ihre beiden Hände.

„Denk’ an dich, Karla ...“

Ein kurzer, schriller Klingelzug -- gleich darauf trat das Mädchen ein.

„Ein Telegramm, gnä’ Frau.“

Heiß stieg Karla das Blut zu Kopf.

„Doch nichts Böses?“

Alwin Maurer konnte sich schwer andere Depeschen vorstellen.

„Nein, Alwin ... nichts Böses ... nur Gutes, nur Glückliches.“

Ihre Augen strahlten, ihre Finger rissen hastig das Siegel auf. Sie

stutzte -- das Blut lief ihr aus den Wangen. Sie las einmal, zweimal.

„Also doch Böses, Karla?“ ...

Ängstlich blickten seine Augen sie an. Sie faßte sich, faltete das

Blatt zusammen, schob es unter ihren Teller.

„Nein ... nichts von Bedeutung.“

Die Worte fielen trocken und kurz von ihren Lippen, aber sie reichte

ihm die Kristallschüssel mit roten Johannisbeeren, den Streuzucker,

lächelte mühsam, schien etwas zu überlegen.

„Du sagtest vorhin, Alwin, ich sollte an mich denken?“

„Ja, Karla, ... das sollst du.“

„Und willst du mir einen Dienst leisten, Alwin? Einen großen

Freundschaftsdienst?“

Alwin Maurer schob den Teller zurück, beugte sich über den Tisch.

Sie atmete schwer und reichte ihm die Hand über den Tisch.

„Du weißt, Karla, daß du in allem über mich verfügen darfst -- in allem

und jedem.“

„Ich danke dir, Alwin. Und wenn es so ist -- dann fahre morgen ...

morgen früh zurück nach Berlin und sage Ernst ... sage ihm, daß ich

nicht mehr zurückkomme.“

Die Erregung hatte ihr den Mut gegeben. Alwin mußte fort, mußte

abreisen. Und da es heute zu spät war -- morgen mit dem Frühzug.

Er durfte den Sohn nicht treffen -- seinen Fritz, der von Mutter

und Schwester geschickt wurde zu ihr -- damit sie ihn aus „einer

verzweifelten Lage errette“. Sie wollte ihm sein einziges Glück

erhalten -- seine einzige Freude ... Das war sie ihm schuldig ...

Schuldig auch, daß er es nie erfuhr, daß ihn nicht eine neue Last,

ein drückendes Schamgefühl noch tiefer beugte, als es das Leben schon

ohnehin getan.

Alwin Maurer aber wiederholte:

„Du kommst nicht mehr zurück ... nie mehr?“

Und obwohl er es längst geahnt, obwohl er es nicht einmal anders für

sie gewünscht, so legte sich doch fahle Blässe auf seine Wangen.

„Ja ... Karla ... ja, gewiß ... ich kann’s verstehn ... und bedacht

wirst du es haben ...“

Er sprang vom Stuhl auf, suchte nach seinem großen weißen Taschentuch

in der Hintertasche seines Rockes.

„Nicht, Alwin ... nicht!“

Karla legte ihren Arm um Alwin Maurers Schulter. Auch sie war blaß, und

ihre Lippen zuckten.

„Mach mir’s nicht schwer ... nicht schwerer als nötig. ... Gewiß hab’

ich’s bedacht ... nicht seit heute und nicht seit gestern ... zwei

volle Jahre habe ich gewartet, und nur der Mut hat mir gefehlt ... der

Mut, es zu sagen ...“

Alwin Maurer legte seine Hände um Karlas Wangen. Wie ein Vater, der

seinem Mädel eine Beichte abnimmt.

„Ich kenne dich, Karla .... Du bist keine, die allein durchs Leben

geht, die einsam bleiben kann -- ohne Mann, ohne Kind ...“

Sie sah ihn an, offen, vertrauend.

„Ich bleibe nicht allein“, sagte sie leise.

Er strich ihr über die Wange, behutsam, scheu und zärtlich.

„Gaudlitz?“ fragte er leise.

„Ja.“ ...

Sie hob bittend die Hände.

„Sag’s ihm nicht -- nicht gleich .... Dir mag’s ja eine Beruhigung sein

-- ihm ...“

„Ihm auch“, sagte Alwin Maurer ernst. „Er liebt dich doch mehr, als du

glaubst.“

Da fiel ihr Kopf auf seine Schulter, und ihre Tränen tropften heiß und

schwer auf seinen schwarzen Rock.

„Und was wird dann aus deiner Kunst, Karla?“

Sie hob den Kopf, und ein Lächeln flog über ihr tränenfeuchtes Gesicht.

„Die wiege ich in den Schlaf Alwin -- wie die Kinder, die mir Gott

bescheren wird.“

Und Alwin Maurer fühlte es deutlich, daß, so lieb sie auch ihr

Schmerzchen hatte, so tief ihre Sehnsucht war, die Allmacht der Natur

einen Trost für sie bereit hielt, der den Verlust des einen Kindes

aufzuwiegen vermochte.

„Du kannst auf mich zählen, Karla .... Gleich nach meiner Ankunft

spreche ich mit Ernst.“

Er drückte ihre Hand. Ihre Augen sagten ihm Dank.

„Was immer geschieht, Alwin -- wir bleiben die alten ... willst du?“

Da drückte er in einer letzten, starken Bewegung ihre Hand an seine

Lippen. „Leb’ wohl, Karla ...“

Sie lächelte ihm noch zu über die Rampe der Treppe. „Vergiß nicht,

Alwin -- daß du mir immer über Schmerzchen Nachricht geben mußt!“

Er nickte noch einmal zu ihr herauf und dachte, wie wunderlich die

Frauen doch waren. Schlugen ein Leben entzwei und konnten lächelnd mit

den Scherben spielen! Wie weit war Karla doch schon entfernt von ihnen

allen ... ja selbst von ihrem -- ersten Kind! -- --

-- -- -- -- Ganz zeitig wachte Karla am nächsten Morgen auf. Ihr war,

als hätte sie schon alles getan, was von ihr abhing, als hätte sie sich

ihr Glück schon verdient durch die Aussprache mit Alwin Maurer. Als

wäre eine große, schwere Last ihr vom Herzen genommen worden. Es waren

ein paar Briefe zu durchfliegen, während Resi den Tee auf das Tischchen

am Fenster stellte und die Semmeln mit Butter bestrich. Eine Einladung

nach Reichenau -- ein paar Zeitungsausschnitte, die Bitte eines

Photographen um eine Sitzung -- und dann ... der dickste von allen

Briefen, schwer wie ein Stein .... Die Schrift kannte sie doch, ... die

hatte sie doch oft gesehen ... wo denn nur? ... In ... in Kiel, ja ...

und in Amerika .... Altmann hatte Briefe erhalten, die diese Schrift

trugen .... Adele! ... Richtig! Das betraf Fritz! Karla las:

„Liebe Karla! So peinlich es mir ist, aber ich muß Dich herzlich

bitten, mir in einer Angelegenheit zu helfen, da Dein Mann sich leider

so zu Fritz gestellt hat, daß es ihm unmöglich ist, sich an ihn zu

wenden. Aber da ja schließlich Du es warst, die ihm zu seiner Laufbahn

verhalf, so bist auch Du die Nächste. Mir zittern noch die Glieder,

wenn ich an das Entsetzliche denke, das ich erlebte. Du mußt wissen,

liebe Karla, daß es einem jungen Offizier, der in der Nähe Berlins

steht, einfach unmöglich ist, mit der kleinen Zulage auszukommen, die

Dein Mann für Fritz ausgeworfen hat. Ich brauche Dir wohl nicht zu

sagen, daß wir unser Möglichstes getan haben, Fritz zu unterstützen.

Aber leider hat der arme, dumme Junge immer nur einen Teil seiner

Schulden gebeichtet und ist so immer tiefer ins Verderben geraten.

Vor drei Tagen kam er in heller Verzweiflung zu Völkels, um sich von

Bodo Hilfe zu holen. Aber Bodo war verreist und, wie Vicki ihm sagte,

augenblicklich selbst nicht bei Kasse. Er sagte, das machte nichts, und

ging fort. Aber Vicki war sein verstörtes Gesicht aufgefallen. Und sie

setzte sich noch an demselben Nachmittag auf und fuhr nach Küstrin. Er

wohnt dort in der Kaserne, und Vicki suchte ihn auf seinem Zimmer. Aber

sie traf ihn nicht an. Der Bursche sagte, er wäre seit frühem Morgen

auf Urlaub und wollte erst abends wiederkommen. Vicki schlug die Mappe

auf Fritzens Schreibtisch auf, um ihm ein paar Zeilen zu hinterlassen.

Da findet sie einen Brief von ihm, der an mich adressiert war. Sie

öffnete den Brief und erfährt aus ihm alles.

Fritz ist in Wuchererhände geraten. Um seine erst kleinen Schulden zu

decken, hat er geborgt, wieder geborgt, Wechsel unterschrieben -- an

fünftausend Mark werden es sein! Wenn er keine Deckung findet, müsse

er sich das Leben nehmen! Ich hatte das so oft in Romanen gelesen. Ich

hatte immer dabei gedacht: Soll sich der Lump nur erschießen -- er

verdient keine Träne. Aber jetzt ... da es mich trifft -- meinen Jungen

... Alwins Stolz und Freude ... da ... Liebe Karla, Du kannst Dir

denken, was da in mir vorging!

Nur so viel noch: Vicki spazierte zwei Stunden vor dem Tor der Kaserne

auf und ab, bis die Füße sie kaum noch tragen konnten. Endlich kam

er. Ganz blaß und entstellt -- gewiß schon zum Letzten, zum Äußersten

entschlossen. Sie sagte ihm: ‚Ich habe deinen Brief an Mutter gelesen.

Du bist ein schlechter Kerl. Aber das Leben brauchst du dir nicht

zu nehmen. Die Deckung ist da.‘ Da soll er losgeweint haben wie ein

kleiner Junge, soll ihr die Hände geküßt haben. Er hat sie dann zur

Bahn gebracht, und gestern früh traf er mit Vicki bei mir zusammen.

Die arme Vicki war ganz fassungslos. Deckung -- woher? Sie hatte nur

Zeit gewinnen wollen. Diesmal weinte Fritz nicht. Er ließ mich reden

und Vicki reden und machte ein Gesicht dazu, daß wir genau wußten -- er

ließ nicht ab von dem, was er beschlossen hatte zu tun. Vicki klingelte

Deinen Mann an. Ein glattes Nein! Er hätte nichts. Was auf Isoldens

Namen eingezahlt sei, könnte er nicht abheben. Wenn der Junge geschaßt

würde, dann geschähe es ihm recht ... Oh, er fand so harte Worte ... so

schrecklich harte Worte ... Luise kam angelaufen, mit Isolde, die sie

von der Schule abgeholt hatte. Und in der Aufregung wurde alles vor dem

Kinde wieder durchgesprochen.

Und wie ich schließlich fast zusammenbrach und aufschrie: Ja, wo nehme

ich denn nur das Geld her ... wer gibt es mir nur? da kam Isoldchen

auf mich zu und sagte mit ihrem feinen Stimmchen: ‚Schreibe doch nach

Wien an die Mama. Mama schickt immer Geld.‘ -- -- So war es, wie ich

es Dir hier schreibe! Und Luise und ich, wir dachten, daß ein Engel

durch das Kind zu uns gesprochen hätte, und da sagten wir Fritz, daß

eigentlich Du es gewesen bist, die für ihn bis jetzt gesorgt hat. Und

daß Du ihn nicht zugrunde gehen lassen würdest, wenn er zu Dir käme und

Dich bäte ... Wir sagten das alles! Verzeih, liebe Karla, wenn ich mein

Versprechen nicht gehalten habe, das ich Deinem Mann gegeben ... aber

Dein Mann weiß eben nicht, wie eine Mutter leiden kann um ihr Kind.

Luise aber sagte mir, daß Du so viel Geld verdienst ... so schrecklich

viel Geld ... und wir wissen, daß Du gut bist und uns nicht im Stiche

läßt. Es sind im ganzen -- mit den fünftausend Mark auf den Wechsel

-- vielleicht siebentausend. Nicht ein Pfennig mehr! Fritz hat sein

Ehrenwort gegeben. Er hat auch noch etwas anderes gesagt, aber das will

ich nicht glauben. Darüber würde er zu unglücklich sein -- an dieses

Wort dürfen wir ihn nicht binden ... Er wird nun um Urlaub bitten und

um Erlaubnis, nach Wien zu fahren auf vierundzwanzig Stunden. O könnte

er doch gute Nachricht bringen, daß nur mein armer, guter Mann nichts

davon erfährt! Es wäre ein so furchtbarer Schlag für ihn ... er darf es

nicht erfahren. Nie! Hab’ Dank für alles, was Du Gutes getan und jetzt

noch tun wirst. Luise und meine liebe Vicki bitten mit mir.

Deine alte unglückliche Adele.

Nachschrift: Wenn es Dir schwer fallen sollte, ihm zu helfen -- denk

an Dein Schmerzchen, die uns den Gedanken an Dich gab und der nichts

unmöglich scheint bei Dir.

Die Primadonna · 第 32 / 51 题