Sie brauchte die Gegenwärtigkeit. Brauchte seine blauen Augen, seine
eigensinnige blonde Stirn, seinen lachenden Willen, seine heiße Liebe,
den Ton seiner Stimme ... Alles das brauchte sie, um das andere lösen
zu können .... das viele, unsagbar viele „andere“, das ihr Leben war!
Und mit schauerndem Erbeben ließ sie noch einmal die Welle der
Begeisterung über sich zusammenschlagen, badete sich in allem
Köstlichen und allem Schlamm, womit diese Welle sie überschüttete,
faltete die Hände wie ein frommes, unschuldiges Kind und betete
leidenschaftlich:
„Lieber Gott, ich danke Dir, daß ich ihm so viel opfern darf ... so
viel! ...“
Dieses Opfer sollte die Heiligung ihrer Liebe sein.
Die Einladung nach Baden zu einer Dame der ersten Gesellschaft gab ihr
bald wieder ihre alte Zuversicht zurück.
Der Kreis hochgebildeter und abgeklärter Menschen, die ihre Bewunderung
für Karla mit einem zarten Hauch erlesener Geistigkeit umkleideten,
wirkte wie eine Erlösung auf sie nach all dem Schwülen, Traumhaften,
Überreizten, kaum Faßbaren der letzten Wochen.
Vielleicht waren es die glücklichsten Stunden ihres ganzen Lebens,
die in diesen zwei Badener Tagen sich zusammendrängten, Stunden, in
denen sich gleichsam alle Höhepunkte ihres Daseins in ihrer feinsten
Wesenheit zu einer leuchtenden Kette zusammenschlossen.
Ruhig, stolz und strahlend kehrte sie nach Wien zurück. Das Mädchen
nahm ihr die Sachen ab, berichtete, was sich ereignet hatte in den zwei
Tagen.
Ein Herr von einer Zeitung wäre dagewesen. Der Schneider hätte das
Lodenkostüm zum Aufbügeln g’holt. Der Hauswirt hatte eine Kollekte
herunterg’schickt für blinde Kinder. Noch eine Masse Leit’ -- und dann
wär’ heute mittag noch ein Herr dag’wesen, ein ganz fremder -- keiner
von Wien ... ein älterer Herr ...
Sie holte die Karte vom Schreibtisch -- er tät wiederkommen, hätt’ er
g’sagt.
Karla stand vor dem Spiegel und bauschte ihr vom Hut zusammengedrücktes
Haar auf, stand da in einem knappen weißen Rock, mit duftiger weißer
Batistbluse, einen schmalen goldenen Gürtel um die Mitte, mit ihren,
wie es immer hieß, „statuenhaft schönen“ Armen, die rosig unter dem
durchsichtigen Gewebe hervorschimmerten.
Dabei hatte sie ganz vergessen, daß sie noch immer die Visitenkarte
zwischen den Fingern hielt. Ja .... richtig ... wer war denn das
gewesen? Sie las den Namen und hörte gleichzeitig Läuten von draußen
hereinschallen.
Alwin! ...
„Alwin ... mein guter, lieber Alwin ...“
Alwin Maurer blinzelte sie aus seinen tiefliegenden Augen verwirrt und
sprachlos an.
„Du, Karla ... du ...“
„Ja, wer denn, Alwin ... bin ich so alt geworden, daß du mich nicht
erkennst? ...“
‚So schön ...‘ hätte er beinahe geantwortet. Aber er schwieg noch
immer, starrte sie nur an und merkte es kaum, wie sie ihn hereinzog.
„So zieh’ dich doch aus, Alwin ... Nein, wie bist du nur auf den
herrlichen Gedanken gekommen .... Wie ... wo kommst du her ...
geradeswegs aus Berlin? ....“
„Ja ... das heißt, nein ... aus Karlsbad ... vielmehr aus Bayreuth ....
aber du warst schon fort, und da ....“
Jetzt stand er in ihrem Zimmer, in dem weichen warmen Licht der
ockerfarbigen Seidenschirme, im betäubenden Duft der Rosen.
„So wohnst du ... so ...?“
An den Wänden hingen Bilder, von schmalen Goldleisten gerahmt, zwei
hohe, schlank gebaute Schränke zeigten ihren reichen Inhalt an Noten
und Büchern in einfachen Lederbänden. Über dem Schreibtisch mit einem
großen Bild von Schmerzchen in silbernem Rahmen hing die Radierung des
Beethovenkopfes. Auf dem Flügel, der aus der Ecke des großen Zimmers
schräg hereinragte, standen zwischen zwei großen, blumengefüllten
Schalen Bilder in Rahmen, die eine geschlossene Krone zierte, und mit
kurzen, verschnörkelten Unterschriften.
Keine Kränze. Keine Schleifen. Nur einzelne kostbare Gegenstände.
Er sah sie an, in ihrer voll erblühten Frauenschönheit, mit ihrem alten
Kinderlächeln um die roten Lippen. Und er vergaß alles, was er hatte
sagen, alles, womit er zerrissene Fäden wieder hatte zusammenknüpfen
wollen.
Eine große Traurigkeit befiel ihn, ein trostloses Fremdgefühl. Als wäre
sein Körper zu grob und schwer für diesen Raum.
„Stör’ ich dich auch nicht, Karla -- nein? Sag’s mir ruhig ... ich kann
gut morgen wiederkommen, zu einer gelegeneren Zeit ...“
Hundetreu blickten seine Augen sie an, bereit, sofort sich zu
entfernen, wenn sie ihn fortschickte, und doch voll Bangen, sie könnte
es tun.
„Was fällt dir denn ein, Alwin ...? Ich bin ja froh, daß du da bist ...
so froh ...“
Und während sie seine Hand drückte, ihm ins Gesicht sah, das grau war
und abgemagert, da mischte sich in ihre Freude tiefe Bekümmernis.
Gleichzeitig aber, so seltsam es sein mochte, auch die Hoffnung, daß
ihr in ihm, der ihr so treu ergeben war, der Helfer gekommen war für
ihr Vorhaben, das allein zu vollbringen ihr bis jetzt die Kraft gefehlt
hatte. Ihr lachendes Gesicht wurde plötzlich und ohne daß es ihr bewußt
war, ernst.
„Erzähle mir, wie es dir gegangen ist, Karla .... Denke -- all
die Zeit ohne dich ... und so wenig, woran man sich halten kann.
Zeitungsnachrichten zumeist ...“
Sie fühlte in diesem Augenblick, daß auch das, was er zu hören
begehrte, bereits der Vergangenheit angehörte, daß sie selbst kaum mehr
darüber zu sagen vermochte, als was die Öffentlichkeit berichtet hatte.
Das Mädchen kam herein und fragte, ob sie ein zweites Gedeck auflegen
sollte.