[Illustration]
Karla zählte Tage und Stunden, die sie vom Wiener Gastspiel trennten.
Aber es gab noch endlose Auseinandersetzungen darüber, ob ihr Mann sie
begleiten sollte oder nicht.
Luise blickte trübe in die Zukunft. Wenn Karla Erfolg hatte in Wien,
würde sie nur daran denken, dorthin zu übersiedeln! Sie alle nach Wien?
Das war Wahnsinn! Luise fühlte sich nicht mehr jung genug dazu. Sie sah
auch für den Bruder nichts Gutes. Was sollte er in Wien? Sein streng
norddeutsches Wesen war ihnen drüben fremd. Sollte er dort nur als der
Mann seiner Frau herumlaufen oder sich in der Einsamkeit vergraben?
Luise verwünschte das Wiener Gastspiel.
Karla aber traf auf dem Heimwege von den Proben -- zu oft, als daß es
Zufall sein konnte -- Gaudlitz.
Er tat immer sehr überrascht, aber die spitzbübische Freude, sie
abgefaßt zu haben, leuchtete ihm aus den Augen.
Manchmal gingen sie noch eine Stunde im Tiergarten spazieren, ehe
sie sich trennten, und Karla bestieg dann das erstbeste Auto, um die
Tischzeit nicht zu versäumen.
Aber es kam doch vor, daß das Mädchen mit dem Auftragen warten mußte,
und dann stand Luise am Fenster des Musikzimmers und spähte mit
zusammengezogenen Brauen auf die Straße hinaus.
„Die Probe hat heute mal wieder lange gedauert“, sagte Altmann.
Er war arglos. Aber Luise ließ Karla nicht aus den Augen. Und Karla
fühlte, wie unter diesem bohrenden, stechenden Blick jedes Wort und
jede Bewegung von ihr alle Unbefangenheit verloren.
Die erste, wie sie selbst erst dachte, zufällige Begegnung mit Gaudlitz
hatte sie erzählt. Luisens Gesicht war nicht angetan, sie in ihrer
Offenheit zu bestärken, und so erwähnte sie seinen Namen nicht mehr.
Aber ihr Schweigen wurde der Schwägerin noch verdächtiger, und Karla
merkte, wie die Röte ihr oft ins Gesicht stieg während der mittäglichen
Stille am Eßtisch.
Der Druck, der zu Hause auf ihr lastete, verlangte nach einer
Auslösung, und da sie keine Freundschaft verband mit einer Kollegin,
so gewöhnte sie sich daran, alles, was sie bedrückte, Gaudlitz
anzuvertrauen.
Einmal sagte er:
„So lassen Sie doch den ganzen Krempel und ...“
„Und was?“
Karla richtete erschrocken ihre Augen auf ihn. Wie konnte sie das alles
lassen? Was wurde aus ihnen allen ohne sie? Wie konnte er nur so etwas
aussprechen!
„Sie müssen nicht etwa denken ... nein ... es sind lauter
ausgezeichnete Menschen ...“
Gaudlitz nickte.
„Selbstverständlich ... habe ich auch nie bezweifelt. Aber diese
ausgezeichneten Menschen haben nicht die Gabe, Sie glücklich zu machen.
Und das ist sehr schade.“
Mehr durfte er nicht sagen, das wußte er.
Gaudlitz war jetzt oft übler Stimmung. Je teurer ihm Karla wurde, desto
weniger wußte er den Weg, den er ihr gegenüber einzuschlagen hatte. Sie
war entwaffnend und aufreizend zugleich.
Im Schachklub, den er jetzt öfters besuchte, traf er manchmal ihren
Papa, den ehemaligen Tänzer. Über zehn Worte war er früher nie mit ihm
hinausgekommen -- jetzt suchte er Anknüpfungspunkte.
Aber er wurde auch aus dem zierlichen kleinen Herrn mit dem
silberweißen Kopf und der altfränkischen Baletteleganz nicht immer
klug. Lobte Gaudlitz eine Leistung Karlas, sprach er begeistert von
ihrer Stimme, dann warf der Papa eine Kußhand in die Luft.
„Superb ... die Kleine ist superb ... überraschend ... Müßte mehr aus
sich machen ... viel mehr. Aber das kommt noch. Wenn sie erst die Angst
kriegt ... wenn sie erst in die Jahre kommt ... Dann kriegen sie alle
das Fieber, wollen alle das Rennen machen! So lange sie jung sind,
hüpfen sie herum wie kleine Mädchen -- pflücken Blumen, flechten Kränze
-- spielen ...“
Gar so viel lag Gaudlitz garnicht an einem neuen, großen Aufstieg
Karlas. Sogar das Gastspiel in Wien, für das seine Schwester sich
so eingesetzt hatte, reute ihn. Er kannte seine Schwester. Entweder
ernstmachen -- oder weit weg vom Schuß bleiben. Wenn es ihm einfiele,
in Wien zu hocken, Karlas wegen, würde Alice ihn mit ihren großen
blauen Augen ernsthaft ansehen und ihn fragen: „Soll mein Haus euer
Treffpunkt sein -- oder was meinst du?“ ... Und wenn er dennoch
blieb, dann fand Karla verschlossene Türen im Palais der Fürstin
Reichenberg. Ohne ihre Schuld. Dann schadete er ihr -- in den Augen der
Gesellschaft, der Schwester ...
Die Sache war gar nicht so einfach. Ja, hätte er Alice nicht
gleich reinen Wein eingeschenkt ...! Aber da war es eben mit ihm
durchgegangen, und auch, wenn er nichts gesagt hätte -- gemerkt hätte
sie es.
Karlas Papa wurde einsilbig, wenn Gaudlitz auf ihr Privatleben zu
sprechen kam.
„Ja -- so -- hm -- möglich -- weiß ich nicht -- kümmere mich nicht --
ihre Sache ...“
Der Papa hatte auch blaue Augen. Aber die konnten verflucht hart
blicken, wie geschliffener Stahl. Und er hatte auch seine Mucken, der
alte Herr. Merkte es doch genau, wie brennend gern er von ihm mehr und
Näheres über Karla erfahren hätte -- tat aber gar nichts dergleichen,
spielte nur um so eifriger Schach, wenn Gaudlitz um ihn herumstrich.
Weiß der Teufel, was der Alte sich dachte. Aber er, Gaudlitz, konnte
doch nicht erst in aller Form um Karla anhalten, da sie verheiratet war.
Und wie verheiratet! Das hing alles mit tausend Ketten an ihr -- und
sie schleppte alles mit durch.
Aus Liebe? Aus Pflichtgefühl?
Er dachte daran, seinen Rennstall aufzulösen und wieder auf Reisen zu
gehen.
Alice schrieb ihm, sie könnte ihm den Posten eines
Gesandtschaftsattachés in Peking verschaffen. Er telegraphierte zurück:
„Geht’s nicht noch weiter?“
Es fehlte nicht viel daran, daß er ihr die Freundschaft gekündigt
hätte. Sie ging diesmal zu weit in ihrer schwesterlichen Fürsorge!
Er wollte irgendwo auf einem schönen Flecken Erde seinen „Kohl bauen“,
wollte Kinder haben mit einer Frau, die er liebte, wollte allenfalls
aus dem umfriedeten Gehege seines persönlichen Glückes heraus erkennen
lernen, was not tat im eigenen Lande. Diplomat -- nein, das lag ihm
nicht. Er hatte wohl den Mut, eine Ansicht vor der Öffentlichkeit zu
vertreten, aber nicht die Geschicklichkeit, sie zu verbergen.
Seine üble Laune hatte den Höhepunkt erklommen.
„Ich will mal bißchen zu den Pyramiden, meinen Schnupfen auskurieren“,
sagte er in seinen Klubs.
Seine Bekannten lachten, wie über einen Scherz. Aber drei Tage später
war er wirklich abgereist. --
Karla ging sehr langsam von den Proben nach Hause, hielt sich in
verschiedenen Geschäften Unter den Linden auf, schrak zusammen, wenn
ein Hut, ein Mantel, eine Größe ihr von weitem eine Ähnlichkeit
vorspiegelten.
Ihm begegnete sie nicht mehr.
Sie wurde stiller. Als hätte sich grauer Nebel auf alle Freudigkeit und
Spannkraft ihrer Seele gelegt.
Es kam vor, daß, wenn Schmerzchen ihr ein Spiel vorschlug, sie sich mit
einem Kuß loskaufte ...
Der Tag von Karlas Abreise war angebrochen. Karla hatte fast ihre
frischen Farben verloren -- beinahe wäre Altmann doch mit ihr gefahren,
weil er ihr stilles und gedrücktes Wesen der Angst vor dem Wiener
Auftreten zuschrieb.
Auch jetzt noch, am frühen Nachmittag, sagte er:
„Du weißt, Karla ... wenn du mich brauchst, wenn es dir eine
Beruhigung ist ... meine paar Sachen sind gleich gepackt ...“
Vielleicht hoffte er, sie würde sagen: „ja, ich brauch dich.“ Aber es
wäre eine Lüge gewesen, und sie sagte es nicht.
Sie dankte nur ein bißchen matt. Die Fürstin würde sich ihrer annehmen
in Wien.
„Ja ... das ist auch mir eine Beruhigung“, gab Luise zu. „Das scheint
ja eine ganz reizende Dame zu sein ....“
Luise hatte gar nichts mehr gegen die Fürstin Reichenberg, seit Karla
ihr den letzten Brief zu lesen gegeben. Die Fürstin hatte für den
Vorabend ihres Auftretens einen großen musikalischen Abend bei sich
anberaumt, Karla sollte singen und sich gleich Publikum schaffen.
„... alle unsere Freunde sind schon sehr gespannt auf Sie und freuen
sich. Von meinem Bruder erhielt ich Nachricht aus Kairo, wo er einen
Bronchialkatarrh auskuriert. Mein Mann küßt Ihnen die Hand ....“
Luise war ganz ruhig. Und es war sehr überflüssig, daß der Bruder die
Unbequemlichkeit einer Reise auf sich nahm. Karla war erwachsen genug
...
Maurers hatten sich am Bahnhof Zoologischer Garten eingefunden. Adele
erzählte von ihrem im April bevorstehenden Umzug. Drei Zimmer und
Nebengelaß, mit Gartenbenutzung! Ganz neues Haus, Warmwasserheizung und
wunderschöne Tapeten. Den ganz alten Kram wollten sie verkaufen, das
gab dann Geld für ein paar Anschaffungen. Auch mit dem Dienstmädchen
hatten sie sich’s überlegt. Sie brauchten nur eine Bedienungsfrau.
... Vielleicht klopfte man auf diese Art eine Reise nach Karlsbad für
Alwin zusammen. Der Arzt hatte gesagt ...
Alwin drückte den Arm seiner Frau herunter und unterbrach:
„Das hat ihm Adele in den Mund gelegt .... Badereise -- lächerlich!“ Er
reichte Karla noch einmal die Hand durch das Fenster ihres Abteils.
„Mit hellen Augen wiederkommen, Karla ..“
Karla lächelte mit einem wehen Zug um den Mund.
Es war nicht mehr das erstemal, daß sie allein zu einem Gastspiel
reiste, aber doch schien es ihr, als wäre es diesmal etwas ganz
anderes, etwas viel Bedeutsameres .... „Telegraphiere gleich, wie du
angekommen bist“, sagte Altmann.
Er hatte sich von „seinen Leuten“ entfernt und stand einen kurzen
Augenblick allein vor Karlas Fenster. Es überkam ihn etwas, was ihm die
Augenlider rötete. Wie eine heiße, zärtliche Welle war es, wie ein ganz
plötzlicher Schmerz, eine unerklärliche Sehnsucht. Wenn sie ihm jetzt
sagte: „Steig ein, Ernst, fahren wir zusammen --“, er hätte sich nicht
besonnen. So wie er da stand, wäre er gefahren. Und es riß ihn, es zu
tun, ohne ihre Worte abzuwarten.
„Du, Karla ...“
Sein Körper wendete sich, als suche er die Wagenstufen, in seinen Augen
glomm es auf.
„Du, Karla ...“
Aber die letzte Tür wurde zugeschlagen, die Schwestern drängten sich
mit ihren weißen Tüchern an seine Seite.
„Zurück! ... Platz da! ...“ rief der Schaffner.
Altmann griff nach seinem Hut. Und während der Zug langsam aus der
Halle glitt, die weißen Tücher neben ihm wehten, erstand vor seinem
inneren Auge jener Tag, da er neben Karla an dem offenen Wagenfenster
gestanden und sie beide vereint die Fahrt ins Ungewisse, in die weite
Welt angetreten hatten -- -- -- -- --
-- -- -- Karla war traurig. Traurig darüber, daß die Trennung ihr so
leicht geworden war, daß sie beinahe aufgeatmet hatte, als sich der Zug
in Bewegung setzte. Als wenn eine Last von ihr abgefallen wäre --
Und wie aus weiter Ferne drangen die Worte des alten Kieler Direktors
an ihr Ohr: „Schleppen wirst du an ihm, denk dran, Kleine ... Du wirst
schleppen!“
Nur vierzehn Tage heraus aus dem allen ... vierzehn Tage an sich denken
dürfen, nur an sich und was sie tief in ihrem innersten Empfinden barg
... Wenn Gaudlitz auch weit weg war, in einem anderen Weltteil, ohne
Abschied und Gruß in der Ferne blieb ... sie bebte dem Augenblick
entgegen, da sie in seiner Schwester etwas von ihm wiederzufinden
hoffte.
Langsam rollte der Zug über die Gleise der inneren Stadt.
Karla stellte sich an das breite Fenster des Ganges. In dem flirrenden
Licht der Bogenlampen liefen und drängten die Menschen durcheinander.
Plötzlich zuckte sie zusammen.
Ihre Arme wurden von rückwärts leicht umschlossen, süßer Rosenduft
schlug über ihr zusammen.
„Frau Karla ...“
Sie schrie leicht auf, wurde blaß und rot.
„Graf Gaudlitz ... Sie hier ... jetzt ... reisen Sie nach Wien ... mit
mir zusammen nach Wien?“
„Nach Wien nicht, Frau Karla ... aber bis zum Schlesischen Bahnhof --
wenn ich darf ...“
Ob er durfte. Sie zog ihn in ihr Abteil, die Blumen im Arm. Sie lachte
wieder ihr altes frohes Lachen.
„Erzählen Sie ... sagen Sie mir ... seit wann sind Sie da ... woher
wußten Sie, daß ich im Zuge bin ...?“
„Das war nicht schwer, Frau Karla. Wozu hat man eine Schwester, die
mit der Mitwirkung einer gewissen Karla König an ihrem Musikabend
renommiert? Sie konnte es ruhig tun, denn ich hatte mich im Wüstensand
vergraben. Ich war ungefährlich. So kriegte ich alles von Ihnen zu
wissen, sogar die Stunde Ihrer Ankunft in Wien, und da ich nicht
nach Wien kommen darf, so verließ ich Ägypten, um Sie von der
Friedrichstraße nach dem Schlesischen Bahnhof zu begleiten ...“
Sein Gesicht war gebräunt, er sah so froh, so stark und jung aus, wie
an jenem ersten Dämmerabend im Tiergarten.
Sie war unendlich glücklich. Sie hielt die Rosen vor ihre Augen,
vor ihr Gesicht, damit er nicht sehen sollte, wie feucht ihre
Augen glänzten. Und sie fand auch keine Worte mehr, solange sie
zusammenblieben, und keine Bewegung.
Wie erstarrt war sie in diesem neuen, jubelnden Glücksgefühl, das weder
Begehren noch Reue, weder ein Gestern noch ein Morgen kannte.
Unter dem Rattern der Räder aber und dem gelben Licht der
halbverhängten Deckenlampe sagte Graf Gaudlitz:
„Ich hab’ Sie lieb, Karla, und will warten, bis Sie die Kraft finden,
allem zu entsagen, was Sie jetzt beglückt und auch bedrückt. Dann,
Karla -- sollen Sie meine Frau werden.“
Er zog ihre Hand an seine Lippen und fügte leiser und nahe zu ihr
geneigt hinzu:
„Ich sage Ihnen das schon heute, weil Sie wissen sollen, Karla, wie ich
es meine. Ich verlange jetzt keine Zustimmung und kein Versprechen,
denn ich weiß, daß Sie Zeit brauchen für das, was Sie tun müssen. Nur
-- lassen Sie mich nicht zu lange warten.“
Karla entzog ihm ihre Hand, die er mit warmem Druck umschlossen hielt.
Sie war sehr blaß, und ihre Lippen bebten.
„Ich habe ein Kind, Graf Gaudlitz ... mein Kind lasse ich nicht --“
„Ihr Kind wird das meinige sein, Karla ...“, sagte er fest.
Sie schüttelte heftig den Kopf, ihre Augen brannten in ihrem erblaßten
Gesicht.
„Er gibt es nicht her .. nie .. das tut er nicht.“ ...
„Dann müssen Sie mich eben mehr liebhaben als Ihr Kind.“ ...
Er stand auf und griff nach seinem Hut. Sie klammerte sich an seinen
Mantel.
„Gehen Sie nicht fort ... gehen Sie jetzt nicht fort, ...“ stammelte
sie.
Schonend, sanft löste er ihre Finger.
„Wir müssen ruhig bleiben, Karla ... ganz ruhig. Unserer Zukunft
zuliebe! .. Und wo immer ich fortab sein mag -- ich werde warten,
Karla.“
Sie erhob sich, taumelte, fiel in die Polsterung des Wagens zurück.
Feurige Räder tanzten vor ihren Augen.
Sie fühlte nicht mehr den Druck seiner Hand, sah nicht mehr, wie er
sich neigte unter der schmalen Tür, hörte seine raschen Schritte nicht
im Gang ...
Als sie zu sich kam aus der Erstarrung ihres tiefsten Schmerzes und
ihres höchsten Glückes, sauste der Zug zwischen vereisten Wassertümpeln
und verschneiten Feldern in die dunkle Nacht hinein ....
Graf Gaudlitz schritt aufrecht und entschlossen durch den
Menschenknäuel des Bahnsteiges. Er bemerkte nicht, daß ein kleiner,
eleganter Herr, in kurzem Gehpelz, einen Zylinder auf dem weißen
Lockenkopf, sich rasch an ihm vorbeidrückte.
Nun war der Papa bis nach dem Schlesischen Bahnhof hinausgegondelt, um
der Kleinen einen guten Wunsch mit auf den Weg zu geben -- ohne jemand
von ihrem Anhang zu begegnen ... und mußte gerade den verteufelten
Kerl, den Gaudlitz, erblicken, wie er aus dem Zuge stieg --!
Der Papa steckt ärgerlich seine zwei langstieligen Rosen in die
Manteltasche und machte kehrt.
Dem Gaudlitz lief er den Rang ja doch nicht ab.
[Illustration]
Fürstin Alice Reichenberg schickte einen langen Brief an ihren
Bruder. Es war viel darin die Rede von Karla „... Alles ist in Wien
auf Karla König gestimmt. Sie hat einen beispiellosen Erfolg gehabt
und ihr Gastspiel auf weitere vierzehn Tage verlängern müssen. Kein
Modegeschäft, das nicht seine ältesten Ladenhüter unter der Patenschaft
ihres Namens wieder in Schwung bringt. Die Schrammeln singen ein
G’stanzl auf sie bei Brady. Ronacher hat einen Karla-König-Schampus
als neue Hausmarke eingeführt. Die Fiaker vor ihrem Hotel in
der Weihburggasse reißen sich um die Ehre, sie fahren zu dürfen.
Bösendorfer hat ihr einen herrlichen Flügel zum Geschenk gemacht, die
Erzherzoginnen geben Soireen, in denen Karla die ‚große Attraktion‘
bedeutet. Die ersten Blätter bringen Abhandlungen über sie, -- heute
von einem ersten Musikschriftsteller, morgen von einem Laryngologen,
übermorgen von einem Ästheten. Sie ist berühmt, sie ist populär, sie
wird bewundert, umworben, geliebt. Und sie tut gar nichts dafür: sie
singt, sagt ein paar liebe Worte -- nicht übermäßig bedeutend und
nicht übermäßig originell; aber wie sie sie sagt -- das gewinnt jedes
Menschen Herz. Sie steht immer da wie eine, der von allen Seiten Blumen
zugeworfen werden, und die sie alle auffangen, keine zu Boden gleiten,
keine zertreten lassen will. Das spürt ein jeder, und das ist ihr
großer Reiz. Man muß ihr gut sein, muß es ihr immer und immer wieder
zeigen, denn ihre Freude hat etwas Erwärmendes und Beglückendes. Selbst
mein großer und mein kleiner Rudi sind unter ihrem Bann. Der kleine
Graf Doczy aber hat ganz den Kopf verloren. Seine Mama kam vorgestern
zu mir und fragte recht naiv, ob man denn die König nit ausweisen
lassen könnt’ -- ihr Bub wäre toll geworden, hätte die Komtesse
Löwenstein von heute auf morgen plantiert, wo er doch wüßte, daß die
Ausstattung schon bei Braun bestellt worden sei. Gestern sah ich die
Komtesse mit den Doczys in der Oper -- sie hat Karla ihr Brustbukett
zugeworfen! Ich glaube, sie würfe ihr den kleinen Doczy am liebsten
nach, trotz seiner Millionenbesitzung im Böhmischen und der Aussicht,
Sternkreuzdame zu werden .... Andeutungen, die Du machtest, mein
lieber Junge, erfüllen mich mit großer Sorge. Wenn Du auch stark genug
wärest, die Schwierigkeiten zu besiegen, die innerer Art sind und in
ihren Familienverhältnissen ihren Ursprung haben -- aber wie willst Du
es fertig bringen, Karla aus ihren jetzigen Triumphen zu reißen? Dein
Vermögen dürfte sie kaum bestechen -- sie hat ein Vermögen in ihrer
Kehle. Dein Name? Es hat viele nette Gräfinnen Gaudlitz gegeben,
aber nicht viele Karla Königs! .. Zudem: Du hast eine Stadt gegen
Dich, mein lieber Hans Jochen! Wien würde in seinem augenblicklichen
Karla-König-Rausch den Mann steinigen, der sie ihm entführte. Es
sind sehr ernste Verhandlungen zwischen der Wiener und der Berliner
Hofopernbühne im Gang, um Karla jetzt schon an Wien zu fesseln. Karla
unterstützt diese Verhandlungen aufs lebhafteste durch ein großes
Aufgebot von persönlichen Beziehungen. Es liegt ihr offenbar alles
daran, hierzubleiben. Was Dich betrifft -- so wirst Du begreifen, daß
ich jede Vermittlung ablehnen muß, solange die Verhältnisse ungeklärt
sind. Dein Name fällt nie zwischen uns -- darf nie fallen, bis Karla
nicht innerlich zu einem Entschluß gekommen ist.“
Gaudlitz lächelte, als er diesen Brief las. Sein Name „fiel nicht“
zwischen den zwei Frauen .... Er hätte Karla soviel Zurückhaltung
kaum zugetraut. Und die sagte mehr, als wenn sie ihn nach ihrer
offen-kindlichen Art immer auf den Lippen gehabt hätte.
Und noch mehr bedeutete es für ihn, daß sie in Wien bleiben wollte, daß
sie sich zu einer Trennung von ihren Angehörigen entschloß ....
Als er das im Schachklub, unter dem Siegel der Verschwiegenheit, als
ein „Wiener Gerücht“ ihrem Papa erzählte, blitzten die blauen Augen des
alten Herrn zum ersten Male freundlich auf:
„So ... Sie glauben? Das wäre wirklich möglich? Hm ... Ausgezeichnet
... sehr vernünftig ... endlich mal ... endlich“ ...
Der Papa hatte ganz heiße Wangen und verlor die Partie nach wenigen
Zügen.
Gönnerhaft ließ er sich von Gaudlitz durch ein paar Straßen begleiten.
Plötzlich blieb er stehen:
„Ich hörte, Sie lösen Ihren Rennstall auf, Graf Gaudlitz ...
übersiedeln Sie etwa nach Wien?“
Da war er wieder, der harte Blick, den der Alte haben konnte.
Gaudlitz schüttelte lachend den Kopf.
„Ich -- nach Wien? Nö ... ich übersiedle im Frühjahr auf mein Gut in
Pommern, baue meinen Kohl.“
„So ... so“ ...
Sehr freundschaftlich schüttelte der Papa ihm die Hand. Gaudlitz war
doch ein famoser Kerl .... Er stellte sich vor ihn hin und faßte ihn am
Knopf seines Mantels.
„Unter uns, Graf .... Alles ist nur Sprungbrett im Leben. Wer’s zu
benutzen weiß! Meine Tochter wird’s jetzt hoffentlich lernen. Keine
Fesseln -- weder Ketten, noch seidene Bänder ... Eine Künstlerin muß
frei sein ... ganz frei ... ein blinkender Stern dort oben ... für
alle. Meine Tochter kann größer werden als die Patti. Gute Nacht, Graf.“
Er drückte ihm flüchtig die Hand und bog mit kleinen, federnden
Schritten in eine Seitenstraße.
Gaudlitz rückte an seinem Hut und starrte dem zierlichen kleinen
Herrn ein bißchen verblüfft nach. Donnerwetter ja .... Wenn man das
so bedachte: ein Gaudlitz, mit einem Millionenvermögen -- und der
ehemalige Tänzer war imstande und sah es als eine Mesalliance für seine
Tochter an, wenn sie ihn heiratete ... Gaudlitz drehte sich ärgerlich
auf seinem Absatz um.
Eines war ihm jedenfalls klar, und nicht von heute: mit seinem leeren,
müßigen Leben durfte er zu Karla nicht kommen. Er wußte, was er zu tun
hatte, und würde es schon mit der ihm eigenen raschen Entschlossenheit
ausführen. Der alte Verwalter auf seinem Gute Pinnow würde ihm der
beste Lehrmeister werden! Inzwischen besuchte er noch land- und
volkswirtschaftliche Vorlesungen, ackerte die einschlägige Literatur
durch. Dann machte er die Runde bei den alten Herren, den Freunden
seines Vaters, die alle auf ihrer Scholle saßen. Seinen Wandertrieb
hatten sie immer mißbilligt. Seine neuen ernsten Pläne würden sie
erfreuen. Er stand gerade vor dem Telegraphenamt. Und seiner Eingebung
folgend, die froh und stark war, schickte er als erstes Lebenszeichen
seit langen Wochen die Depesche an Karla:
„Wie und wo immer -- ich werde warten.“
Ohne Unterschrift, ohne Gruß, ohne Bitte um Antwort.
[Illustration]
Schmerzchen war die Erste in ihrer Klasse. Ihre Hefte waren am besten
gehalten, ihre Aufgaben wußte sie am sichersten. Sie hatte eine Art,
die Lehrerin anzusehen, die wie ein Zwang wirkte, nur zu ihr zu
sprechen.
Denn Schmerzchen, die es von Hause aus gewöhnt war, Hauptperson zu
sein, wollte in der Schule nichts von ihrem Rang einbüßen.
Schmerzchen hatte hochentwickeltes Ehrgefühl und war unbeschreiblich
eifersüchtig, aber sie war auch verschlossen und schwer zu gewinnen.
Sie hatte keine Freundin und litt darunter. Aber sie konnte sich nicht
entschließen, ihren Arm um ein Mädchen zu schlingen, das sie nicht
wirklich liebhatte. Zum Liebhaben kam es aber nicht, weil sie für
hochmütig galt und als „Musterschülerin“ verschrien war.
Ihren Versuch, einen häuslichen Verkehr anzubahnen, gab sie bald auf,
obwohl Tante Lies für die besten Kuchen und die herrlichste Schokolade
gesorgt hatte.
Die Mädchen waren zu neugierig und albern mit ihren Fragen; sie wollten
es gar nicht begreifen, daß ihre Mama nicht bei ihr war, sondern im
Ausland lebte. Und überhaupt -- eine Mama, die am Theater war ...
Schauspielerin ....
„Sängerin ist meine Mama, nicht Schauspielerin“, sagte Schmerzchen mit
stolzem Zurückwerfen ihres Köpfchens.
„Ach, das ist doch egal“ ...
Alle bürgerlichen Instinkte dieser kleinen Dinger krochen an die
Oberfläche. Abgeschmackte und aufgeschnappte Redensarten sprudelten
über ihre unschuldigen Kinderlippen, machten sie welk und alt.
Die einen fanden das interessant, himmlisch, suchten Schmerzchen zu
kicherndem Gespräch in einen Winkel zu locken; die andern rümpften die
Nasen, renommierten:
„Mein Papa ist Hauptmann“, oder: „Mein Vater ist Geheimrat“, oder:
„Meine Mama nimmt mich immer mit, wenn sie im Sommer reist!“
Es kam danach vor, daß Schmerzchen sich die Bilder ihrer Mama ansah,
eines nach dem anderen. Sie fand ihre Mama wunderschön. Besonders mit
dem langen, wallenden Haar auf dem Rücken. Schmerzchen begriff nur
nicht, warum das Haar so viel heller war.
Tante Lis sagte, das sei eine Perücke, und zeigte ihr so eine Perücke
im Schaufenster eines großen Friseurs.
Seitdem wendete Schmerzchen ihre Vorliebe dem Bilde von Mama zu, das
auf Papas Schreibtisch stand. Da war sie nicht so schön, aber sie
lachte so nett und hatte so gute Augen und ...
„Warum fahren wir nicht nach Wien? Zu Mama?“ fragte sie einmal,
mit jener ernsthaften Plötzlichkeit, die die Erwachsenen im ersten
Augenblick immer in Verlegenheit um die Antwort brachte.
Altmann zog sein kleines Mädchen auf den Schoß.
Warum nicht? ....
Vor einigen Monaten war er dort gewesen. Die sehr elegante
Dreizimmerwohnung in der Kärntner Straße hatte keinen Platz für ihn
gehabt. Er hatte im Hotel absteigen müssen.
Karla hatte tausend Entschuldigungen gestammelt, hatte ihm die Hand
gedrückt -- aber es war doch so geblieben, und er hatte die acht Tage
auf drei verkürzt.
Es war etwas ganz Neues und Fremdes zwischen Karla und ihm. Wenn er
„liebes Kind“ sagte, so schien es ihm oft, als wäre er wirklich nur ihr
alter Freund, nicht ihr Mann mehr. Jeder Zärtlichkeit wich sie aus.
Und war doch gut und lieb.
Sie brachte einen Apfelstrudel auf den Tisch, den „sie selbst“ gebacken
hatte, wie sie mit Stolz erklärte. Ihr kleines Hauswesen ging am
Schnürchen.
„Wie du dich herausgemacht hast ...“
Sie wurde rot, nickte.
„Ja ... das mußte ich wohl lernen. Ich habe viel Besuch, und die Leute
sind hier verwöhnt. Ab und zu muß ich einladen ...“
Altmann schlug das Herz bis in den Hals hinauf:
„Wer kommt denn alles zu dir? ...“
Wie ein hinterlistiges Ausfragen kam es ihm vor. Aber sie antwortete
harmlos, ohne sich zu besinnen, nannte die Namen.
Er fragte weiter:
„Und deine Gönnerin ... die Fürstin Reichenberg? ...“
Da färbte sich ihr Antlitz mit dunkler Glut.
„Ja ... die kommt auch zuweilen -- sehr selten. Du kannst dir denken
... eine so große Dame ...“
Er zerschnitt den Apfelstrudel in immer kleinere Stücke, vergaß zu
essen.
„Ist ihr Bruder hier ... der ... wie hieß er doch ... Graf Gaudlitz,
glaube ich ...?“
Nie war ihm das Komödiespielen so schwer geworden, und er wagte es
nicht, ihr ins Gesicht zu blicken. Er hörte nur ihre Stimme, eine
merkwürdig dunkel gefärbte, warme Stimme.
„Ich habe ihn nicht gesehen seit Berlin ... aber die Fürstin sagte mir,
er sei auf seinem Gut in Pommern ...“
Er wollte es noch einmal hören, dieses „ich habe ihn nicht gesehen seit
Berlin“ -- aber wie sollte er es anfangen, daß sie es sagte?
Die Hände wurden ihm kalt und feucht dabei.
Sie klingelte dem Mädchen, daß es den Mokka brächte. Sie selbst holte
den Kognak aus der Kredenz.
Er sah, wie ihre Hand leicht zitterte, als sie einschenkte.
Und er wagte keine weitere Frage.
Später ließ sie ihn kaum zur Besinnung kommen, schleppte ihn durch die
Museen und Theater, auf den Kahlenberg und nach Schönbrunn.
Sie war unermüdlich, gesprächig, heiter, aufmerksam.
Aber dann sprach sie von dem Kinde, mit dem zitternden Unterton heißer
Sehnsucht.
„Wenn du mir Schmerzchen geben wolltest, auf ein paar Monate ... auf
ein paar Wochen ...“
Sie hing sich dabei in seinen Arm ein. Ihr blühendes, frisches Gesicht
streifte seine Wange, der Duft ihres braunen Haares stieg zu ihm auf.
Und sie wurde bleich vor Erregung, während ihre Augen flehend auf ihn
gerichtet blieben.
Da strafften sich seine Glieder, und seine Mundwinkel zogen sich herab
wie im Krampf.
„Auf das Kind mußt du verzichten, solange du hier bist -- es ist zart
und starken, neuen Eindrücken nicht gewachsen.“
Er sah es ihr an, wie sie losschreien wollte. „Das ist nicht wahr ...
es ist nur ein Vorwand!“ ...
Und er wartete darauf. Denn er wollte es zugeben. Ja, es war ein
Vorwand! Das Kind gab er nicht her ... Das sollte sie ihm zurückbringen
-- sollte sie halten an seiner Seite für alle Zeit!
Oder aber sollte ihn mit herführen zu ihr! Er war in diesem Augenblick
bereit, Berlin und „seine Leute“ zu lassen -- wenn sie nur ein Wort
sagte! Nur ein Wort. Luise sollte wieder zu Adele ziehen, sollte sehen,
wie sie fertig wurde -- er gehörte zu Karla, wie Karla zu ihm gehörte.
Sie war die Mutter seines Kindes. Und das Kind mußte sie ihm wieder
zuführen -- hier oder dort!
Karla löste ihren Arm aus dem seinen. Über der Gloriette mit den
lichtumwobenen Säulen funkelte die Herbstsonne. Gelbe Blätter rieselten
von den Bäumen, und der Himmel wölbte sich blaßblau, mit violetten
Schatten über der fernen Stadt.
Von irgendwo klang übermütiges Lachen. Eine junge Männerstimme rief:
„... ich werde warten ... war--ten ...!“
Karla fuhr zusammen. Es war nur ein Wort -- ein Klang -- ein Bild. --
Dort oben im Pommerschen saß auch einer, der wartete ... wartete auf
sie.
Und sie liebte ihn.
Nie hatte sie es so gefühlt wie jetzt. Und dabei stammelte sie: „Du
kannst mir doch mein Kind nicht vorenthalten ... +mein+ Kind!“
Hart antwortete er -- und wußte nicht, woher die Kraft ihm kam zu
dieser Härte:
„Der Platz des Kindes ist im Elternhause. Wir erhoffen nichts
sehnlicher, als daß du kommst.“
„Ich bin doch gebunden ... das weißt du ...“
„Es gibt Urlaub -- Ferien ... Das Kind wartet auf dich.“
Da taumelte sie zurück, stieß mit dem Kopf gegen einen Baumstamm,
wendete sich ab und weinte.
Er schritt hin und her auf dem weichen Moosgrund, bohrte seinen Stock
in das lockere Erdreich. Seine Lippen zuckten, seine Brauen ...
„Wir wollen jetzt heimgehen, denke ich ...“
Er lächelte bitter. „Heimgehen!“ Er -- in sein Hotelzimmer, sie -- in
ihre Wohnung. Sie drückte ihr Taschentuch gegen die Augen, ihre Lippen
glühten heiß.
Kalter, grauer Dämmerschein senkte sich nieder. Lautlos still war
es ringsum -- die Stadt lag schmutzig grau und tot hinter Rauch und
Nebel. Karlas Röcke rauschten seidig unter dem einfachen Loden,
die Feuchtigkeit löste den Duft von ihrem Spitzenbäffchen, daß sie
einherschritt wie in einer wohlriechenden Wolke.
„Gehen wir“, murmelte sie tonlos.
Und der Abstieg begann. Langsam, dann immer rascher wurden ihre
Schritte, als wollten sie dem Dunkel entfliehen, das aus dem Walde auf
sie zukroch. Sie sprachen kein Wort. Als wären sie voll Angst, Worte
zu hören und zu sagen, die alles zerschnitten zwischen ihnen. Erst im
Wagen brach Altmann das Schweigen.
„Ich fahre morgen früh zurück, nach Hause. Soll ich etwas bestellen?“
Er konnte es nicht sehen, wie das Blut ihr aus den Wangen lief, und er
hörte das Zittern ihrer Stimme nicht beim Wagengerassel, als sie fragte:
„Morgen früh schon?“
Aber sie unterdrückte ein Aufatmen.
„Morgen singe ich ...“
„Ja ... ich weiß.“
Das brachte er nicht über sich. Sie als eine Fremde da oben zu sehen.
Er brachte auch die Freude nicht auf an ihrem Erfolg. Zu gut ahnte er,
was dieser Erfolg ihn kostete.
Aber sie bat ihn, mit zu ihr heraufzukommen. Sie hatte allerlei gekauft
-- für die Schwägerinnen, für Vicki, für Schmerzchen vor allem.
Er wehrte ab mit düster zusammengezogenen Brauen: „Das ist alles viel
zu kostbar ... Du hast die Verhältnisse vergessen. Für Vicki allenfalls
...“
Vicki Völkel rauschte in Seide und Samt, seit ihr Bodo Aufträge hatte.
Sein erstes Haus hatte verblüfft. Man fing sogar schon an, von einem
Völkelschen Stil zu sprechen. Er machte Schule, seit er einen reichen
Teilhaber gefunden hatte. Es hieß, er sollte ein Theater bauen.
Vicki sprach von nichts anderem. Völkels wohnten jetzt in dem erst
neuerbauten Hause am Kurfürstendamm draußen ...
Sie hielten zwei Mädchen und eine Nurse. Trotzdem kam es noch vor,
daß Vicki die Mutter um einige Goldstücke anpumpte. Aufgeschrieben
und eingeteilt wurde nichts. Die „Kasse“ waren die Brief- und die
Hosentaschen Bodo Völkels! Vicki hatte keine Ahnung von seinen
Einnahmen. Aber da er ihr die Hunderter über den Tisch zuwarf, so
wirtschaftete sie darauf los, bis es alle war. Es kam aber vor, daß
er, ohne sie vorher zu benachrichtigen, plötzlich auf eine Woche und
mehr verreiste -- mit der „Kasse“ natürlich. Langte es nicht bis zu
seiner Rückkehr, wurden die Eltern angepumpt. Ohne Bedenken und aus dem
sicheren Gefühl des Vollen heraus. Aber zurückgezahlt hatte Vicki kaum
je etwas.
Jedenfalls würde sie sich über den hübschen Schlafrock freuen. Altmann
hatte sie eines Morgens in einem alten Rock und vertragener Bluse
überrascht und daraus geschlossen, daß es vorläufig noch nicht für
alles „langte“, sondern das Geld hauptsächlich nach außen hin angelegt
wurde.
Und dabei saß Altmann doch wieder am Abendbrottisch in Karlas Wohnung.
Sie hatte ihn nicht fortgelassen. Als müßte sie ihm noch diese letzte
Herzlichkeit erweisen, ehe er abfuhr. Sie sagte stockend und die Farbe
wechselnd:
„Mich kostet mein Leben so wenig -- ich habe immer so viel Geld übrig.
Du brauchst mir nur zu sagen, wenn ihr mehr zu Hause braucht. Auch
wegen Fritz ... So ein junger Leutnant gibt mal was aus.“
Altmann brachte kaum einen Bissen herunter. Er fragte sich, warum er
denn nur hergekommen, warum er sich dieser Qual ausgesetzt hatte. Warum
er nicht abgeschlossen hatte mit ihr -- schon damals, als sie ihm die
Depesche schickte: „Vertrag mit Berlin gütlich gelöst, bleibe Wien.“
Wie ein dumpfer Schlag vor die Stirn war ihm die Depesche gewesen,
und er hatte nicht gewußt, was er tun sollte. Dann hat er sich
entschlossen, abzuwarten, was weiter noch von ihr kam. Aber es kam
nichts. Nur alle paar Wochen die Bitte: „Gib mir Schmerzchen!“
Und von Zeit zu Zeit Karten an Luise, an Alwin -- an ihn selbst.
Zeitungsausschnitte -- Geld, Geschenke ... und so selten ein Brief. Ein
Brief, der nichts erklärte, nur nackte Tatsachen brachte oder einen
leidenschaftlichen Ruf nach dem Kind.
Und jetzt wieder nur die Frage: Was braucht ihr? Habt ihr genug? ...
Als wollte sie sich loskaufen von ihm mit all dem.
Er strich mit der flachen Hand heftig über das Tischtuch.
„So ein junger Leutnant hat sich zu bescheiden. Das habe ich ihm
geschrieben. Ein für alle Mal. Wir leben einfach. Ich könnte es aus
eigenem bestreiten, wenn nicht Fritz ... und die Wohnung ...“
Es würgte ihm am Halse und er fuhr hastig fort: „Die Wohnung möchte ich
behalten ... Ich habe jetzt eine Schauspielschule und brauche Platz.“