Sie sagte dann: „Du mußt zum Arzt. Ich verlange es, Alwin ...“

Und er nickte: „Ich war ja bei ihm ... es ist nichts. Ein nervöses

Magenleiden ... ich sollte das Rauchen aufstecken. Aber die zwei

Zigarren täglich ... wenn man darauf auch verzichten soll ...“

Das gab ihr jedesmal einen Stich. „Darauf auch!“ Das andere war Karla.

Mit seinen regelmäßigen Besuchen in der Landgrafenstraße war es

vorbei. Die Zeit dazu brachte er nicht mehr auf. Und abends war er wie

abgeschlagen, hielt sich kaum noch beim Abendbrot aufrecht und schlief

mit der Zeitung in der Hand in der Sofaecke ein.

Dann sah sie es recht deutlich, beim weißen Schein der Gaskrone, wie

schlecht er aussah, wie tief seine Augen eingesunken waren, wie schlaff

die Haut ihm um die Wangen hing. Auch sein Haar hatte sich bedenklich

gelichtet, das wellige, blonde Haar, das es ihr einst angetan hatte!

An den Schläfen ringelten sich graue Büschel, und auch der kurze

blonde Bart war mit Silberfäden durchsetzt.

Es kam vor, daß Adelens Augen sich feuchteten und eine bange, stumme

Frage ihr aus dem Herzen stieg: Warum war er ihnen so schwer geworden,

der Kampf mit dem Leben, warum hatte ihr armer Mann seine Tage in

Arbeit und Mittelmäßigkeit verbringen müssen, während so manch anderer

über seinen Kopf hinweg höher gestiegen war?

Was hatte die Tatkraft ihres armen Mannes so gelähmt, daß er nie über

seine erste Stellung hinausgewachsen war?

Adele sprach darüber mit Luise, mit dem Bruder. Sie wußten keine

Antwort darauf, alle drei nicht! Adele hatte in allem ihre Pflicht

getan. Mehr als ihre Pflicht. Sie hatte keine Ansprüche gestellt, hatte

ihre Kleider länger getragen als es ihre Dienstmädchen taten, hatte

Stoffe gewendet, geflickt, die Kinder gewartet. Hatte die Schwester zum

Verlassen des Hauses gedrängt, um ihrem Manne mehr Bewegungsfreiheit

einzuräumen, hatte stundenlang darüber nachgedacht, was sie wohl kochen

könnte, und ihm dann das Beste vorgesetzt, was ihre Kunst und ihr

Wirtschaftsgeld hergaben, hatte durch Betteleien beim Bruder, bei Karla

die Sorge um die Kinder fast zur Hälfte auf sie abgewälzt, hatte die

Tochter verheiratet -- in stetig wachsender Angst um ihre Zukunft und

in Sehnsucht nach einem friedlichen Alter, hatte, ohne ihn mehr als

nötig davon zu unterrichten, gerechnet und gespart ... und dennoch --

-- trotz allem und allem hatte ihr Wohlstand sich nicht vergrößert,

waren seine Kräfte verbraucht, seine Gesundheit untergraben, seine

Lebensenergie erschlafft! -- --

So saß denn ~Dr.~ Alwin Maurer auch an diesem Sonntag mit müdem,

grauem Gesicht am Abendtisch und kaute an seiner Zigarre. So recht

schmecken wollte der Glimmstengel nicht mehr! An den zwei Pfennigen,

die er jetzt weniger bezahlte, konnte es doch nicht liegen!

Wie früher so darauf lospaffen konnte er ohnedies nicht mehr, seit

Fritz wie ein Schlot rauchte. Und unter einer Fünfpfennigzigarette

tat der’s nicht! Konnte er den Häusern, in denen er verkehrte, gar

nicht zumuten! Überhaupt, was der Junge verbrauchte an Handschuhen,

an Blumen! Er fühlte sich schon ganz als Leutnant, machte Hausbälle

mit bei den Eltern seiner Kameraden, hielt sich für verpflichtet,

Aufmerksamkeiten zu erweisen.

„Die paar Blumen ... Bitte dich, Papa ... Ist doch selbstverständlich!“

Es war vieles „selbstverständlich“ für Fritz, und Adele unterstützte

ihn, fand nie etwas zu viel für ihn. Es war ja auch nicht viel; aber es

mußte da sein.

Die Sorgen hatten sich jedenfalls nicht verringert durch das Fernsein

der Kinder.

Und während ~Dr.~ Alwin Maurer träge an seiner Zigarre zog, dachte

er, daß es eigentlich schon ein Alteleutetisch war, an dem er jetzt mit

Frau und Geschwistern saß. Wie schnell die jungen Jahre doch vergangen

waren! Und wie wenig Jugendlust in ihnen gewesen war ... wie wenig

Freudigkeit und Vorwärtskommen!

Draußen klingelte es, Adele ging öffnen -- es war Karla.

„Endlich ... Na ...? Wie war’s? ...“

Karla brachte eine Welle frischen Duftes mit in ihrem Pelz, ihrem

Spitzentuch; sie lachte, war ganz freudige Bewegung, ihr langes

Schleppkleid rauschte über die Läufer.

„Habt ihr was zu essen für mich? Ich sterbe vor Hunger ...“

Sie hielt ihre Wangen hin, drückte die ausgestreckten Hände.

„Ja ... es war wunderschön! Eine Menge Prinzen und Prinzessinnen

waren da -- ein Großherzog. Uniformen ... auch ein paar Fracks. Der

Kaiser erschien später ... aber gerade, bevor ich drankam ... Er war

so guter Laune ... hat mir die Hand gereicht: ‚Na, Frau König ...

was singen Sie uns Schönes?‘ Ich konnte meinen Knix kaum zur Hälfte

machen, da sprach er schon auf mich ein! ... Ich weiß gar nicht, was

ich geantwortet habe! ... Na ja -- im ersten Augenblick, nicht wahr?

... Und die Kaiserin -- so liebenswürdig hat sie gelächelt, und ein

Kleid aus hellblauem Samt hat sie angehabt und eine lange weiße Boa aus

Straußfedern.“

Die Jettperlen ihres schwarzen Spitzenkleides glitzerten und klirrten

aneinander bei jeder ihrer Bewegungen. Ihr dunkles Haar bauschte sich

in großen Wellen um ihr froh belebtes Gesicht.

„Weißt du noch, Ernst ... mein erstes Hauskonzert bei Astrongs ... wie

man da eine Schnur um uns gezogen hat? Jetzt kann ich’s verstehen. So

eine Schnur braucht wohl jeder Mensch -- nur daß sie bei dem einen zu

sehen, bei dem anderen zu fühlen ist. Man muß nur innerlich spüren, wo

sie anfängt. Ein bißchen Tastsinn muß man haben, denke ich mir, nicht

wahr? Und darum bin ich so froh ... weil ich mich heute gar nicht an

ihr gestoßen habe ... keinen Augenblick. Ich durfte singen und reden,

wie mir der Schnabel gewachsen war, mit all den großen Herrschaften,

und wenn’s wirklich einmal nicht ganz nach der Etikette ging, so habe

ich doch gleich gesehen, daß mir keiner darum böse war. Nur zum Essen

bin ich nicht gekommen -- und es waren doch so herrliche Brötchen und

Kuchen und alles mögliche da. Aber ich glaube, ich habe fünf Tassen

Tee nacheinander in die Hand gekriegt und kaum einen Schluck zu mir

genommen aus jeder Tasse ...“

Altmann streckte sich und weitete die Brust. Er empfand Genugtuung,

ehrliche Befriedigung. So weit war die kleine König aus Kiel doch

gekommen! Ob auch ohne ihn ...?

Allen schwebte es in diesem Augenblick auf den Lippen, dieses „die

kleine König“. Nicht neidlos bei Adele, tief dankbar für den Bruder bei

Luise.

Nur Alwin Maurer erkannte mit leiser Freude all die Einflüsse und

Strömungen, aus denen dieser prächtige, frische Mensch, diese

wundervolle Künstlerin, ihre Lebenskraft geschöpft hatte. Altmann

... ja gewiß. Er hatte die erste grobe Arbeit getan, das Gold von

den Schlacken gereinigt -- aber war es dann nicht dieser Sonderling

Kapelle, der Karlas gefahrvolle Laufbahn in ehrenvolle Bahnen geleitet

hatte? War er selbst es nicht gewesen, der ihr inneres Leben zu

feinerem Bewußtsein geweckt hatte, und war dann nicht noch einer

gekommen, der ihrer Kunst die tiefste Innigkeit gegeben, durch das

Erwecken einer starken, keuschen Empfindung -- --?

Sie alle zusammen hatten der Welt dieses köstliche Geschenk gegeben,

das den Namen Karla König führte, und sie alle mußten es ertragen, daß

sie keinem von ihnen, sondern eben der Welt angehörte, für die sie sie

geformt hatten ...

„Warum siehst du mich so an?“ fragte Karla plötzlich den Schwager, und

ihre Gabel, mit der sie ein Stück Schinken aufspießte, blieb in der

Luft stecken.

„Du bist des Ansehens und Nachdenkens wert, Karla“, sagte Alwin Maurer,

mit einem Versuch, zu scherzen.

Aber ihre Augen blieben hängen an ihm.

„Wie müde du aussiehst, Alwin .... Nicht wahr, Adele, nicht wahr,

Ernst, er sieht elend aus ... er muß etwas für sich tun.“

„Ja ... das müßte er“, sagten die Schwestern wie aus einem Munde, mit

dem gleichen, dumpfen Klang der Stimmen.

„Du hast heute Besseres zu denken, als dir über mich Sorgen zu machen“,

meinte ~Dr.~ Maurer.

„Nein, warum ...? Gerade heute ... ja, gerade heute, neben dem Zimmer,

wo sich die Majestäten befanden, habe ich über dich gesprochen ...“

„Über Alwin? Wie das?“ Altmann trat wieder nahe an den Tisch heran --

auch die Schwestern rückten näher.

„Ja, das kam so ... Nachdem ich gesungen und die hohen Herrschaften

mir Freundlichkeiten gesagt hatten, stand ich plötzlich -- ich weiß

nicht wie -- im Nebenzimmer. Wie ich nun dastehe -- eine ganze Menge

Herren um mich herum, und der eine sehr nett -- Orden von da bis da ...

na, also dieser Herr spricht nun ganz besonders viel mit mir. Wo ich

studiert hätte und wo ich geboren wäre, wo ich wohnte, und ob ich viel

in Gesellschaften herumkäme, ob ich eine große Familie hätte, Kinder

und so weiter. Schließlich wurde ich ärgerlich und platzte heraus:

Ich habe ein kleines Mädchen, namens Isolde, eine Schwägerin Luise,

noch eine Schwägerin Adele, einen Schwager ~Dr.~ Alwin Maurer,

Oberlehrer am ... und da unterbrach er mich! ‚So ... so ... das ist

ihr Schwager? Ach was!‘ Und weil ich ihn ganz dumm ansehe, erzählt er,

daß er vor soundsoviel Jahren Dezernent im Kultusministerium gewesen

wäre. Und damals sei ihm dein Name aufgefallen. Du hättest, sagte er,

einen so famosen Aufsatz geschrieben über ... Herrgott, wie war das

doch ... über den Unterricht alter Sprachen oder so was Ähnliches ...

stimmt doch, nicht? Also diesen Aufsatz hatte er gelesen, und er hätte

damals jedes Wort unterschreiben mögen. Und es wäre sehr mutig von dir

gewesen in deiner Stellung, so etwas auszusprechen, und er hätte gleich

Erkundigungen über dich eingezogen und hatte schon große Dinge mit dir

im Sinn, aber dann hättest du alles zurückgenommen ... sagte er ...

oder ... also ich weiß nicht mehr genau, wie das war; jedenfalls ..“

Karla fiel das Besteck aus der Hand.

„Um Gotteswillen, Alwin ... was ist dir ... was ist euch ...?“

Sie sprang vom Stuhl auf, starrte entsetzt auf den Schwager. Die graue

Farbe seines Gesichtes war bleiern geworden; aber auch ihr Mann und

die Schwägerinnen hatten sich verfärbt. Blicke, die sie nicht begriff,

flogen von einem zum andern. Adelens Lippen zitterten, Luisens Hand

krampfte sich in das Taschentuch ein.

Alwin Maurer stierte immer geradeaus.

„So sagt doch ... was ist Euch ... was ist geschehen?“

Karla war dem Weinen nahe.

„Nichts“, sagte Altmann. „Nichts jetzt ... das ist lange her ...“

Adele hatte beide Arme auf den Tisch geworfen und das Gesicht

vergraben. Ihre Schultern zuckten. Luise rieselten die Tränen, klein,

kalt und schnell der Nase entlang.

Karla lief auf den Schwager zu, schlang ihren Arm um seine Schultern.

Der frische Duft ihres jungen Körpers rüttelte alles in ihm wach: die

eigene Jugend, die frischen, starken Gedanken, das heiße Sehnen ...

„So rede doch, Alwin ... lieber guter Alwin!“

„Da gibt’s nichts zu reden ... Karla ... Ernst kann es dir später

erzählen ... später ... jetzt nicht ... Es gibt eben Irrtümer ... mein

Leben war ein Irrtum ... für mich und ... für die da.“

Er zeigte mit dem Kopf auf Frau und Schwägerin.

„Solange man jung ist ... kann man’s gutmachen ... aber jetzt ... da

bleibt nur ein Trost: die gute Absicht. Sie meinten es ja alle gut ...“

Und er fügte hinzu:

„Dein Mann erfuhr es übrigens später. Da war es geschehen ... da hatte

ich ... da hatte ich es schon getan ...“

„Wie konnten wir ahnen, daß es so aufgefaßt werden würde ... der

Direktor selbst ...“

Adele schluchzte fassungslos vor sich hin. Alles war aufgewühlt in ihr.

Eine Welt stürzte in ihr zusammen.

Alles, was ihr eingedrillt worden war von Jugend auf: Gehorsam gegen

den Vorgesetzten, Bescheidenheit, stilles Dulden, nicht herumdeuteln an

dem, was Größere aufgebaut hatten, stillschweigende Pflichterfüllung ...

War denn das alles nichts, großer Gott -- war das so garnichts?

„Wir wußten es nicht anders ... nicht wahr, Luise ... anders wußten wir

es nicht ...“

Alwin Maurer wollte seine Hand auf Adelens Arm legen, aber er reichte

nicht bis hin; und so blieb sie liegen auf dem bläulich-weißen

Tischtuch -- grau, schlaff, kraftlos und wohlgepflegt -- das Sinnbild

seines Lebens.

Altmann legte beide Arme um die Schwestern.

„Alwin hat recht ... laßt das jetzt ... es ist müßige Spielerei,

sich vorzustellen, wie es hätte sein können ... Es war nicht -- weil

der Geist der Auflehnung nicht in euch lag, weil ihr im Grunde

Wertvolleres könnt als Umstürzen: Ihr erhaltet! Ihr seid nicht der

Pflug, der den Boden aufreißt, ihr seid der Speicher, der unser Korn

birgt für unser tägliches Brot. Habt Dank, ihr Lieben, auch dafür!

Meinst du nicht auch, Alwin?“

Alwin Maurer nickte matt.

„Ja ... auch dafür.“

Seine Hand kroch langsam vom Tischtuch herab. Es war vielleicht gut,

daß es tönende Worte gab. Die Frauen trockneten ihre Tränen.

Knapp vor zehn Uhr klingelte es von draußen. Es war Vicki. So spät am

Sonntag -- da hatte sie es wieder einmal „dringend“!

Vicki hatte schon den schweren Tritt gesegneter Frauen. Sie begrüßte

alle flüchtig und ein bißchen verlegen. Sie begann zu erzählen.

„Der Bau“ sollte bereits im März begonnen werden. Dann klappte auch

alles mit dem Geld -- das würde Bodo schon einrichten. Nur die paar

Monate noch ... Bodo wollte sich mit einem Kapitalisten vereinigen

... irgendeinem reichen Kerl vom Bau, der nicht viel konnte und nach

Aufträgen lechzte. Es liefen so viele in Berlin herum. Bodo sagte,

bald bräche die goldene Zeit für die Baumeister an. Man müsse sich nur

ranhalten und endlich mal den alten Kram über den Haufen werfen. Die

Leute würden wohl im Anfang schimpfen, aber das war ja immer so! Nur

nicht nachgeben, ihnen das Verrückteste vorsetzen, alle alten Gesetze

auf den Kopf stellen -- verblüfft mußten sie werden! Und pompös mußte

es sein -- die Pracht müßte ihnen den Atem rauben! Dann zögen sie in

die neuen Häuser ein. Vor allem die Fassade ... die Fassaden wären die

Hauptsache!

„Und die Wohnungen?“ fragte Alwin Maurer.

„Bodo ist der Meinung, der Schwerpunkt der Pracht und Raumverschwendung

müßte jetzt nach außen verlegt werden. Das lockt an. Die Wohnungen

bedürften keiner solchen räumlichen Ausdehnung, und in einem Zimmer

dürften nie mehr als drei, vier Sessel stehen und überhaupt sehr wenige

Gegenstände. Unsere Zimmer sollen eine Andeutung über uns geben, keinen

Roman erzählen ...“

~Dr.~ Maurer streifte die Asche seiner Zigarre ab.

„Sehr nett -- Andeutung. Nur leider stapelt sich im Laufe des Lebens

allerlei Kram an, der einem wertvoller ist, als eure Andeutung. Das

Leben, liebes Kind, weiß mit Andeutungen verflucht wenig anzufangen.

Das sind so eure jungen Hirngespinste --“

Alwin Maurer brach ab. Ihm war es, als sähen Karlas Augen traurig zu

ihm herüber.

Ja so ... nun sprach er wirklich wie ein alter Mann, wie einer, der am

Rande des Lebens stand und nur zusah, mißtrauisch und übellaunig, wie

die Jungen drüben ihre neue, junge Zeit zurechtzimmerten ...

„Ja .. ja .. Vicki, mag schon sein ... alles Gute deinem Mann ... alles

Gute.“

Vicki küßte die Hand des Vaters, die graue, schlappe Hand. Aber ihre

Augen irrten immer wieder zur Mutter -- fragend, bittend.

Und die Mutter verstand.

Sie erhob sich und machte Vicki ein Zeichen, ihr zu folgen.

Sie kam zurück mit brennend roten Flecken auf den Wangen. Vicki folgte

ihr, ein breites Lächeln um den Mund. Sie war wieder einmal ruhig,

brauchte ihrem Bodo nicht den Kopf warm zu machen mit den teuren

Marktpreisen und ihrer leeren Geldbörse. Die Mutter zankte und maulte,

aber schließlich „rückte sie doch heraus“.

Vicki machte die Runde, hielt jedem ihre frische Wange zum Kuß hin.

„Das war nun alles?“ fragte Alwin Maurer und hielt sie am Kinn fest.

Er griff in die Tasche und holte einen Taler heraus.

„Für die Fahrt ... kosten soll’s dich nichts.“

„Dank schön, Papa.“

Vicki nahm alles. Zwanzig Mark von der Mutter, drei vom Vater ... es

war ja für ihren Bodo, damit er einen freien Kopf hatte.

Und Karla fühlte, daß Alwin das eine wußte und das andere.

Sie saßen noch eine Weile beisammen, nachdem Vicki das Haus verlassen

hatte. Alle Frohstimmung war von Karla gewichen, aber sie brachte es

nicht über sich, Alwin jetzt schon allein zu lassen mit Adele ... es

mußte erst alles verklingen, der Schlaf sich auf seine Augen senken,

ihm Lust und Kraft nehmen, noch einmal von dem „Irrtum“ zu sprechen.

„Ja, die Abende sind jetzt still zwischen Adele und mir“, hub Alwin

Maurer plötzlich an „und wenn erst Karla nach Wien geht, wird’s --“, er

wollte sagen: tot -- „dann wird’s noch stiller werden.“

„Ist es denn nun sicher mit Wien?“ fragte Adele.

„Vorläufig habe ich nur einen Gastspielantrag auf drei Abende für Ende

Februar ...“

Karlas Augen blitzten unwillkürlich auf, aber sie wagte es jetzt nicht

zu sagen, wie sehr sie sich freute.

Der Drücker wurde draußen im Vorzimmer in das Schloß gestoßen, einmal,

zweimal ... die Kette klirrte.

„Das ist der Mieter“, sagte Adele auf Karlas fragenden Blick.

„Ach so ... ja ... ich vergaß.“

Alwin Maurers Mundwinkel zuckten nervös.

„Ein unausstehlicher Mensch ... als ob’s gerade +der+ hätte sein

müssen!“

„Na, na ... er zahlt sehr anständig“, begütigte Adele.

Aber gleichzeitig horchte sie auf, und mit ihr die anderen am Tisch.

Unsichere, schwere Schritte trappsten über den dünnen Läufer ... es

klirrte etwas, es schlug etwas gegen einen Stuhl ... die Schritte kamen

näher, die Klinke wurde von außen hart und heftig niedergedrückt --

ein Mann trat über die Schwelle. Groß, breit, mit klobigen Zügen und

trüben, hervortretenden Augen ...

„’n Abend ... was ist denn das, zum Deuwel nochmal, kost’ det Wasser so

ville Jeld ... wie? ... Verdammte Wirtschaft ...“

Er war betrunken, schwenkte immerfort die kleine Wasserflasche vor sich

her, aus der ein letzter Rest über den Estrich herausplantschte.

Adele stürzte ihm entgegen, ehe sie jemand daran hindern konnte.

Er torkelte bei der leisen Berührung ihrer Hand zurück. Altmann und

Alwin Maurer sprangen zu, schoben Adele zur Seite.

„Sie sind betrunken, Mann, gehen Sie in Ihr Zimmer“, befahl Alwin

Maurer.

Aber jetzt torkelte er nicht mehr, stand kerzengerade, breit und

unbeweglich wie eine Mauer da.

„Betrunken? Sie sind woll ...?“

Er tippte sich an die Stirn.

„Na, und wenn? ... Sekt haben wir jesoffen, verstehn Se ... de Flasche

zu zwölf Mark, und Rotwein und denn wieder Sekt ... tjawoll! ’n bisken

anders, als Sie hier ...“

„Sie gehen jetzt auf Ihr Zimmer -- hier sind Damen“, herrschte Altmann

ihn an.

„Ick jehe ... selbstverständlich ... ick jehe, aber bloß, wenn’s mir

paßt, verstehn Se ... Da haben Sie mir jar nischt zu sagen ... Wer sind

Sie denn ieberhaupt? Ick kenne Sie jar nich! Ick habe nischt mit Ihnen

zu tun, Sie ... Und wenn ick durch’s Speisezimmer jehe -- det is mein

gutes Recht hier ... allemal! Wenn ick mein’ Kopp im Badezimmer unter’n

Wasserhahn stecken will, denn ... verstehn Se ... denn ...“

Altmann schob die Frauen in den ungeheizten „Salon“ hinein.

„Ihr seht doch, der Mann weiß nicht mehr, was er spricht ... Morgen muß

der Kerl raus ... aber heute -- --“

Adele rang die Hände.

„Fünfzig Mark zahlt er monatlich ... denke doch, Karla, fünfzig Mark

...!“

Karla sah durch die angelehnte Tür, wie der Mann drohend das

Eßzimmer durchquerte, sich plötzlich an einer Stuhllehne festhielt,

zusammenbrach und von einem heftigen Unwohlsein gepackt wurde.

„Das auch noch ...!“ stöhnte Adele auf. „Das auch noch ...“

Das Mädchen war nicht da, stand wohl noch vor dem Haustor. Adele holte

selbst Eimer und Scheuertuch. Ihre guten Sachen mußte sie retten -- die

vor allem.

Aber der Ekel schüttelte sie.

Als sie wieder ins Speisezimmer kam, hatten Altmann und ~Dr.~

Maurer den Mieter in seine Stube gebracht. Er war wohl noch

leichenblaß, aber sehr nüchtern. Er stammelte etwas von „infamer

Kneiperei“ mit „Jeschäftsfreunden“, bat um „Verzeihung“, faselte etwas

von „revanchieren“.

Im Eßzimmer war das Fenster weit auf und ließ die kalte Winterluft

herein. Adele stand immer noch kurzgeschürzt in der Stube und

schrubberte und schrubberte.

Alwin Maurer nahm ihr den Schrubber aus der Hand und schloß das Fenster.

„Erkälte dich nicht ... das ist wichtiger ... Über die fünfzig Mark

kommen wir noch hinweg ... Aber vermietet wird nicht mehr! Zwei Stuben

und Küche, meinetwegen; Fremde ... nie mehr ... hörst du, nie -- ich

verbiete es!“

Und wie um die Härte seiner Worte zu mildern -- dieses erste Verbot in

seiner langen, dumpfen Ehe -- strich er immer wieder mit zitternder

Hand über Adelens eisig kalten Arme.

Als er den Kopf hob, sah er Karla, begegnete dem kummervollen Blick

ihrer braunen Augen. Er versuchte zu lächeln.

Die Primadonna · 第 28 / 51 题