Ihre Sie hochschätzende

........“

Draußen wartete ein Diener.

„Sagen Sie ... Sagen Sie ... eine Empfehlung .. Wenn der Wagen heute

nachmittag um vier Uhr hier sein kann, dann wird es mir ein Vergnügen

sein ...“

Sie sprach abgerissen, wie nach eiligem Lauf.

Luise strich im Gang umher.

„Wer ist denn das?“

„Die Fürstin Reichenberg ... aus Wien ... mein Gott ... die Schwester

vom Grafen Gaudlitz ...“

Sie hatte es eigentlich nicht sagen wollen, aber nun war es ihr

herausgerutscht. Auch kein Unglück.

Luise ging zum Bruder ins Zimmer:

„Findest du das richtig, Ernst, eine Schwester vom Grafen Gaudlitz

schickt nach Karla ... kennt sie gar nicht und schickt ihren Wagen, sie

zu holen?“ ...

Altmann bemühte sich, ruhig zu scheinen.

„Ich werde nachher fragen, was das für eine Bewandtnis damit hat ...

Laß nur -- ich werde nachher fragen. Kannst du mir die Kleine ein

bißchen mitgeben, ich will eine halbe Stunde an die Luft ...?“

„Ja ... gleich.“

Luise war nicht ruhig. Schmerzchen fühlte es, wie kurz und hart Tante

Lis’ Bewegungen waren. Tante Lis war böse ... es war gut, daß sie mit

dem Papa ausging!

Altmann war dieser Ausgang nur ein Vorwand; er mußte die üble Laune

niederdrücken, die Luisens Worte in ihm erweckt. Luise war zu schroff

in ihren Ansichten. Er sah Karla gewiß nichts durch die Finger, aber

eine gewisse Bewegungsfreiheit mußte er ihr lassen. Das verlangte

ihr Beruf. Ihm lag auch nichts daran, überallhin mitzulaufen und im

Schatten ihrer Erfolge zu stehen. Es kam vor, daß man „Herr König“

zu ihm sagte -- das paßte ihm nicht. Und er konnte auch nicht jeden

anpöbeln, der in der Eile seinen Namen überhört oder vergessen hatte!

Die Schwestern hatten darum schon mehrfach darauf gedrungen, daß sie

sich Karla Altmann nannte und auch so auf dem Zettel stand. Er wollte

die Angelegenheit endlich mal ordnen. Erst schriftlich mit Karla und

dann im Theater ... Schon des Kindes wegen.

Aber was den Besuch betraf ... so war es besser, er sagte vorläufig

nichts. Es war noch immer Zeit, einzuschreiten, wenn sich die Dinge

nicht nach seinem Wunsche entwickelten.

Altmann wurde vorsichtig. Das Behagen des eigenen Heims hielt ihn

umsponnen. Er setzte eine gewisse Fülle an, war noch gemessener in

seinen Bewegungen geworden, breiter in den Schultern. Wer ihn mit

Schmerzchen an der Hand traf, mochte denken -- ein älterer Onkel. Auch

seine Art war so. Er verargte es Luise eigentlich, daß sie den Finger

auf wunde Stellen drückte. Er wollte gern in Frieden mit Karla leben,

wollte das späte Glück, das das Schicksal ihm geschenkt hatte, nicht

leichtsinnig untergraben.

Er kam nach Hause, als es höchste Zeit zum Essen war. Er sagte

leichthin: „Ich hörte, du bist eingeladen .. bei einer Fürstin

Reichenberg aus Wien? Sehr schön -- komm nur zum Abendbrot nach Hause

... nicht wahr ...“

„Aber selbstverständlich -- es ist ja nur ein kurzer Besuch. Die

Fürstin wird mir vielleicht ein Gastspiel in Wien verschaffen ... das

wäre doch was!“

Pünktlich um vier Uhr meldete die Hupe das Eintreffen des Wagens.

Schmerzchen war mit Luise im Tiergarten. Karla ging zu ihrem Manne

hinüber.

„Potztausend, hast du dich schön gemacht ...“

Es klang ein wenig ironisch. Sie wurde rot.

„Die Wiener Damen sollen ja so schrecklich elegant sein ...“

„Schon gut, liebes Kind, es war kein Vorwurf. Unterhalt’ dich gut. Um

acht bist du dann wieder da.“

Anders wäre ein kleines Mädchen, das zu einer Freundin ginge, auch

nicht entlassen worden. Aber Karla überhörte alles und verglich nichts.

Sie hielt ihrem Manne die Wange hin, küßte ihn flüchtig auf die Stirn

und lief beinahe hinaus. Ihr malvenfarbenes leichtes Seidenkleid

bauschte sich im Zugwind, ließ das weiche Gefältel eines weißseidenen

Unterrocks und den hohen Rüst ihrer hellbeschuhten Füße sehen. Eine

Handvoll Nelken, die an ihrem Gürtel befestigt waren, strömten ihren

starken, herben Duft aus.

Und der Duft blieb noch lange in dem Zimmer zurück -- so lange, daß

Altmann sich umsah und es nicht begreifen konnte. Da erblickte er eine

der dunkleren Nelken, ohne Stiel -- flach ausgebreitet mitten auf dem

Teppich. Wie Blut sah es aus, das geronnen wäre.

Er hob die Blume auf, damit kein Fleck entstehe, wenn jemand darauf

träte, und weil er nichts so haßte wie Unordnung. Er wollte sie in den

Papierkorb werfen. Aber im letzten Augenblick besann er sich, zog das

Schreibtischfach heraus und warf sie hinein -- hastig und verlegen.

Die Fürstin Reichenberg kam Karla im Garten entgegen, leicht gestützt

auf einen weißen Stock mit kleinem Goldknauf. Sie trug ein ganz

einfaches weißes Leinwandkleid mit einem großen, handgestickten

Umlegekragen aus blauem Batist, der den Ansatz eines schlanken, sehr

weißen Halses sehen ließ.

Sie hatte wundervolles mattblondes Haar, das in großen natürlichen

Wellen tief über ihre hohe Stirn und die Ohren fiel. Ihr Gesicht war

nicht eigentlich hübsch, aber aus den blauen Augen sprachen Güte und

Klugheit. Sie streckte Karla von weitem eine sehr weiße, nervige Hand

entgegen, deren vierten Finger nur ein einziger großer Perlenring

zierte.

„Das ist aber lieb!“

Ihre Sprache hatte einen ganz leichten österreichischen Tonfall. Ihre

Bewegungen waren rasch, zwanglos und von vollendeter Anmut.

Karla wollte sich über ihre Hand beugen. Die Fürstin entzog sie ihr

lachend.

„Seh’ ich schon so alt aus? Nein, nein -- das wollen wir nicht

einführen. Erlauben Sie, daß ich mich ein wenig auf Sie stütze -- mein

Fuß will noch nicht recht ...“

„Stützen Sie sich, gnä .. Durchlaucht ... stimmt’s, Frau Fürstin?“

„Lassen wir’s bei ‚Fürstin‘ -- der Kürze wegen. Vielleicht kürzen wir

das Verfahren noch mehr ab mit der Zeit ... wenn wir Sie erst in Wien

haben, wie?“

Karlas Herz flog dieser blonden Frau im Sturm zu.

„Sie sind ein lieber Mensch, Frau Fürstin!“

Alice Reichenberg lachte leise.

„Das sagte mein Bruder auch oft. Brüder brauchen manchmal einen lieben

Menschen als Schwester. Aber er ist selbst ein lieber Kerl. Hat er

Ihnen nicht erzählt, daß ich durchaus zum Theater wollte? Sie können

sich denken, was das für eine Empörung hier unter meinen Verwandten

auslöste -- dabei ist ein Vetter von uns Intendant. Aber das ist etwas

ganz anderes.“

Es klang noch eine leise, nachzitternde Erregung aus ihrer Stimme. Aber

dann warf sie den Kopf zurück, und wieder trat das gewinnende, offene

Lächeln auf ihre schmalen und doch kühn geschwungenen Lippen.

„Das liegt nun alles bald zehn Jahre zurück. Ich hab’ es wirklich

verwunden und bin sehr glücklich mit meinem lieben Mann. Er ist zum

Glück gerade so ein Kunstnarr wie ich, und wenn was Besonderes am

Kunsthimmel auftaucht, dann kann man sicher sein, daß die Reichenbergs

alles daransetzen, es nach Wien zu kriegen.“

Karla fühlte sich jetzt ganz wohl und frei mit der Durchlaucht. Nur

das Herz schlug ihr immer noch ein bißchen unruhig, wenn sie plötzlich

eine Ähnlichkeit in ihren Zügen, ihrem Lächeln, ihren Bewegungen mit

Gaudlitz erkannte. Als erriete sie, was in Karla vorging, fragte sie

gleich darauf, ganz unvermittelt: „Ja, finden Sie, daß wir uns ähnlich

sehen, mein Bruder und ich? Dieselben Passionen haben wir jedenfalls.

Art läßt nicht von Art ...

Bin ich Ihnen auch nicht zu schwer, nein? Ich dachte nur, daß es Ihnen

lieb sein würde, den hübschen Garten zu sehen. Mein Bruder, zu dem

ich mich auf acht Tage eingeladen habe, liebt diese Besitzung sehr,

die sich seit nahezu hundert Jahren immer auf die mütterliche Linie

vererbt hat. Wir erinnern uns noch, daß unsere Großmutter, wie eine

Bäuerin gekleidet, jedes Jahr ein paar Wochen hier zubrachte. Unter

diesen Bäumen habe ich meine ersten Kinderlieder gesungen ... Aber das

langweilt Sie, liebe Frau König ...“

Das langweilte Karla garnicht. So vertraut wurde ihr auf einmal die

große blonde Frau, und durch sie der Bruder.

Schön mußte es sein, den Fuß auf einen Boden zu setzen, der schon durch

die Erinnerung geheiligt war, an teuere Verstorbene! Wenn der Papa ...

es war schrecklich, auch nur daran zu denken ... aber wenn er starb --

was behielt sie von ihm? Ein paar welke Kränze und einen -- Schachtisch!

Unter einer blühenden Linde war der Tee gerichtet. Schwere weiße

Spitzen fielen von dem runden Tisch herab. Altes, wundervoll

gearbeitetes Silber glitzerte zwischen den Altberliner Tassen. Es waren

nur zwei. Karla wurde rot über die Enttäuschung, die sie empfand, dann

aber richteten ihre Augen sich wieder um so klarer und vertrauender auf

die junge Frau. Alice verzichtete auf ihren Bruder nur, damit es nicht

einmal den Anschein hätte, als wollte sie ihm Gelegenheit geben, Karla

zu treffen ... Unbefangen und lebhaft plauderten die jungen Frauen.

Alice Reichenberg tippte da und dort vorsichtig an, bangend, Karla

könnte sich eine Blöße geben. Wohl spürte sie das junge, unsichere

Wissen, aber nirgends fand sie eine Geschmacklosigkeit oder

oberflächliche Anmaßung. Die Fürstin nannte ein paar gute Bücher von

jungen Dichtern, die einer neuen Richtung ihren Stempel aufdrückten.

Karla hatte sie gelesen.

„Daß Sie dazu Zeit finden --!“

„Mein Schwager nimmt sich meiner an, und Zeit -- ach, Zeit habe ich

mehr, als ich verwenden kann. Proben -- zwei- bis dreimal die Woche,

Vorstellung, ein paar Wohltätigkeitskonzerte ...“

„Und gesellschaftlich?“

Karla lachte.

„Das ist nicht der Rede wert. Man muß wohl eingeführt sein, um sich

gesellschaftlich zur Geltung zu bringen. Wer sollte das wohl tun, Frau

Fürstin, in einer Stadt, wo man ... zu Hause ist!?“

Alice Reichenberg dachte sich, daß die Sängerin Karla König in Berlin

eigentlich das Leben einer kleinen Beamtin führte. Probe -- Amt.

Vorstellung -- Amt. Schluß. Pension. Wenn sich die Intendanz nicht

durch vorzeitige Kündigung darum drückte! ...

Ob Karla sich das Haus ansehen wollte? Ihr Bruder hatte es im vorigen

Jahr umbauen lassen.

Alice Reichenberg stützte sich kaum noch auf ihren Stock und gar nicht

auf Karlas Arm. Die kleine Komödie war überflüssig. Karla war jetzt

schon genug gezogen, um zu tun, als merke sie es nicht. Aber es fiel

ihr schwer, ihr Entzücken über die Einrichtung in schicklichen Grenzen

zu halten.

Im Musikzimmer standen zwei große Bechsteinflügel einander gegenüber.

Statt der Stühle waren hier zwanglos bequeme Korbsessel aufgestellt,

mit kleinen roten Rückenkissen. In den Ecken des großen Saales standen

prachtvolle Marmorbüsten von Beethoven, Weber, Wagner und Brahms.

„Wenn ich im Winter herkomme, gibt’s hier immer ein paar nette

Musikabende.“

Karlas Atem ging schwer.

„Schön muß es sich hier singen“, murmelte sie.

Alice Reichenberg lächelte.

„Wollen Sie versuchen? Ich begleite Sie ... was soll es sein?“

Alice Reichenberg begleitete sonst besser. Aber Karlas Stimme bewegte

sie so tief, wühlte so sehr alles auf, was sie an Jugendträumen und

Sehnsucht längst erstickt wähnte, daß sie Mühe hatte, ihr zu folgen.

Sie hätte mit geschlossenen Augen in einem der Korbstühle sitzen

und sich von den machtvollen und doch so innigen Tönen in das ferne

Traumland tragen lassen mögen, das Geburt und Stellung mit eisernen

Toren vor ihr abgeschlossen hatten ...

Es lag eine süße, geheimnisvolle Urgewalt in dieser Stimme, die wie

der kunstlos hinfließende Sang einer klaren Seele war. Hier in Berlin

mochten sie Karla König anerkennen, ja sogar bewundern -- in Wien

würden sie sie lieben! Nicht, weil sie dort mehr von Kunst verstanden

-- dafür hatte auch Alice Reichenberg nur ein leises, ironisches

Lächeln -- aber weil sie dort naiver waren, große Kinder, bereit, sich

jedem Aufruhr ihrer leicht bewegten Sinne restlos hinzugeben. In Wien

würden sie Karla König anbeten.

Der Türflügel zum Nebenraum hatte sich leise geöffnet und wieder

geschlossen. Weder Karla noch Alice Reichenberg hatten es gemerkt.

Sehr ergriffen sahen sie einander in die Augen.

„Ich danke Ihnen“, sagte die junge Fürstin einfach.

„Wenn’s gut klingt, dann möchte ich immer die Luft küssen, die meine

Stimme weiterträgt“, meinte Karla.

Und darauf lachten sie beide, und der Bann war gebrochen. In der

offenen Halle standen einige Erfrischungen auf der Ecke eines sehr

langen Bauerntisches. Karla schlug die Hände zusammen.

„Von dem Tisch werde ich träumen“, sagte sie und blinzelte mit den

Augen.

„Warum?“ fragte Alice Reichenberg belustigt und mischte ihren

Himbeersaft mit Soda.

Karla nickte sehr ernsthaft.

„Ja ... wenn ich einen langen Tisch sehe, dann stelle ich mir immer

vor, wie schön das wäre, wenn ich da oben an der Schmalseite säße und

an beiden langen Enden meine Kinder ... In Südamerika habe ich manchmal

so geträumt, und heute nacht ... ja, ganz sicher, träume ich erst recht

so ... aber ich glaube doch, das wäre bei diesem Tisch des Guten etwas

zu viel“, schloß sie mit verlegenem Lachen.

„Sie haben nur ein kleines Mädchen?“

„Ja ... und Sie, Frau Fürstin?“

„Ich habe einen Sohn -- ein Angstkind!“

Ihre Hand, mit der sie Karla das Glas reichte, zitterte leise ...

Erst als Karla im Wagen saß, kam von irgendwoher Graf Gaudlitz an.

„Ich habe aber doch gehört, wie Sie gesungen haben“, und seine Augen

lachten spitzbübisch.

„Wenn Ihre Frau Schwester keine gar so große Dame wäre -- wir könnten,

glaube ich, Freundinnen werden“ -- sagte Karla.

„Die ‚große Dame‘ ist kein Hindernis, Karla König“, meinte Alice

Reichenberg lächelnd.

„Nein? Wirklich nicht?“

Und ohne sich zu besinnen, beugte sie sich aus dem Wagen und küßte die

Fürstin herzhaft auf beide Wangen.

„So. Das hat gut getan. Einmal einer lieben Frau einen Kuß geben!“

Alice Reichenberg winkte ihr nach.

„Auf Wiedersehen in Wien ...“

Gaudlitz sagte gar nichts. Nur den Strohhut hielt er weit ab von sich

in der Hand -- solange er noch einen Zipfel ihres wehenden weißen

Autoschleiers erblicken konnte. --

Der Himmel spannte sein flammendes Gold um sie herum, und goldener

Schein brach zwischen den dunklen Föhren hindurch, die ihren Weg

säumten wie eine stolze Ehrenwache ...

War das eine Heimfahrt! ...

[Illustration]

Es gab ein Wiedersehen noch früher.

Eines Tages stand Gaudlitz vor ihr, während sie am Strande des kleinen

Badeortes in ihrer selbstgeschaufelten Burg lag und die Lider ihr

schläfrig über die Augen sanken.

Er beugte sich über sie, hob das Buch auf, das ihr aus der Hand

geglitten war, flüsterte leise: „Karla König!“

Sie blinzelte ihn erst an, als könnte sie nicht glauben, daß er es sei,

aber dann streckte sie ihm beide braungebrannten Hände entgegen.

„Wie kommen Sie hierher ... nein, wie kommen Sie her?“

Das war ganz einfach: er hatte ganz nahe von hier mit seiner Jacht

gekreuzt, wollte rüber nach Kopenhagen und von da weiter hinauf bis

nach Norwegen. Vorher hatte er sie noch einmal sehen, ein bißchen was

von ihr und ihrer Stimme mitnehmen wollen.

Sie schüttelte den feinen Dünensand aus dem Haar, aus den Kleidern,

ihre weißen Zähne blitzten aus dem frischen, wie mit einer braunen

Patina bezogenen Gesicht hervor. Ihre Augen leuchteten. Ein tiefes,

glückliches Lachen warf ihre Worte auseinander.

„Ist Ihre Frau Schwester mit? Nein ... das ist schade! So eine

wunderliebe Frau ... Ich habe so viel an sie gedacht ... nein -- ich

meine an Ihre Frau Schwester ... An Sie auch .. ja -- freilich -- ach

Gott, nein, ist das herrlich, daß Sie da sind!“

Sie stapfte in ihrem kurzen Leinenrock an seiner Seite einher, zupfte

die kleinen Mädchen, die ihr in den Weg liefen, an den Zöpfen, packte

die Jungens am Schopf, lachte übermütig.

„Eben habe ich noch Trübsal geblasen, weil mein Schmerzchen nicht da

ist, und jetzt ... Wissen Sie, Graf, wenn Sie da sind ... dann fällt

plötzlich alles Schwere und Drückende von mir ab. Als brauchten Sie nur

mit Ihrem Spazierstock so eins--zwei--drei durch die Luft zu streichen,

und es käme mir alles angeflogen, was ich wünschte ...“

„Ich wollte, ich könnte Ihnen Ihr kleines Mädelchen herzaubern, liebe

gnädige Frau ... aber leider konnte ich nichts anderes, als mich selbst

plump vor Ihnen aufstellen und Sie vielleicht aus einem freundlichen

Traum wecken ...“

Sie winkte ab.

„Nein, nein ... die Wirklichkeit ist schon ganz schön ... ganz ...“

Sie brach plötzlich ab, blieb stehen, sah sich schuldbewußt um.

„Nein, wie dumm ... jetzt sind wir ganz verkehrt gegangen ... ich

wollte Sie doch zu mir führen. Sie sind mein Tischgast ... ja .. ja ...

das verlange ich. Ich habe nie einen Tischgast gehabt -- so für mich,

mein’ ich ... das lass’ ich mir nicht entgehen! Haben Sie keine Angst

... ich koche nicht selbst. Einfach ist es bei meiner Wirtin ... ganz

lächerlich einfach, aber wir speisen in einer Laube, rund herum stehen

Sonnenblumen, und statt eines Kellners bedient uns ein süßes Mädelchen,

das Töchterchen meiner Wirtin.“

Gaudlitz hatte es wohl selten irgendwo so gut gemundet. Ein leichter

Weißwein gab der Stimmung eine festliche Freudigkeit.

„Den Kaffee trinken wir bei mir an Bord. Wollen Sie? Ich rudere Sie

hinüber. Oder fürchten Sie sich?“

„Ob ich mich fürchte? Mit Ihnen? Ich denke nicht daran! Ich fürchte nur

die Einsamkeit oder Menschen, unter denen ich mich einsam fühle -- --“

Ein Schatten flog über ihr Gesicht. Sie mußte an Brasilien denken, an

die Nordeni, mit ihrer fliegenden Angst ... mit ihrem grauenvollen Tod.

„Was ist Ihnen, Frau Karla?“

Sie schüttelte den Kopf.

„Zu dumm ... mitten aus allem Schönen, allem Hellen und Freudigen

heraus muß man manchmal an das Trübste und Schaurigste des Lebens

denken ...“

Er nahm ihre Hand, in fast brüderlicher Anteilnahme.

„Was ist Ihnen das Trübste, darf ich es wissen?“

„Mir? ... Mir ist’s die Einsamkeit, das Alleinsein. Das Trübste und

Schaurigste.“

Er zog ihre Hand an seine Lippen mit kurzem, festem Druck.

„Sie sind nicht allein und werden nie allein sein, liebste Frau Karla,

nie -- solange ich ...“

Ihre Augen trafen sich, und der Satz blieb unvollendet. Karla stieg

das Blut heiß in die Schläfen, und hastig entzog sie ihm ihre Hand.

Er sah auf die Uhr.

„In einer Stunde hole ich Sie ab, liebe gnädige Frau, darf ich?“

Sie nickte. Der Hals war ihr wie zugeschnürt. Wie gut war es von ihm,

jetzt fortzugehen ... Sie hätte nicht gewußt, was sie ihm weiter hätte

sagen sollen. Unheimlich war das, wie da plötzlich ein wildfremder

Mensch einem innerlich so nahe rückte, daß man es kaum noch merkte,

wenn die Hände einander berührten -- --!

Aber eine Stunde später hatte alle Spannung nachgelassen. Sie hatte ein

Jackenkleid aus weißem Tuch an und eine rote Strohkappe, die ihr Haar

fest umschloß.

Und sie sprachen auch nur noch von heiteren, harmlosen Dingen, von

freundlichen Zukunftsplänen.

Es machte ihr Spaß, ihm zuzusehen, wie kräftig er mit den Rudern

auslegte. Im grellen Sonnenlicht sah er nicht so jung aus wie damals

bei der ersten Begegnung im Dämmer des Tiergartens oder im Abendlicht

des Konzertsaales. Sie sagte es ihm. Da lachte er, und wieder blitzte

es wie erste Jugend über sein jetzt gebräuntes Gesicht.

„Jugend ist Ausdruck“, sagt meine kluge Schwester Alice. „Sie, zum

Beispiel, liebe Frau Karla, sehen manchmal aus, als wären Sie zwanzig

Jahre alt, und das kaum!“

„Dabei bin ich bald dreißig ...“

„Das sagt man doch nicht! Hat ein Mensch je einen solchen Unverstand

erlebt: eine Primadonna, die ihr Alter sagt?! Lassen Sie das nur in

Wien nicht hören, Sie schrecklich aufrichtige Frau!“

Sie lachten nun beide, und er meinte:

„Ich freue mich, daß wir wenigstens in Einem recht nahe

nebeneinanderstehen: ich bin dreiunddreißig.“

Ihr fiel ein, daß Altmann im Juni seinen fünfundvierzigsten Geburtstag

gefeiert hatte. Sie lebte überhaupt unter viel älteren Menschen --

Luise war an die fünfzig, Adele siebenundvierzig ... der gute liebe

Alwin schien noch weit älter, als er war ... Es tat gut, einmal mit

jemand Gleichalterigem zusammenzusein!

Die Jacht erfüllte Karla mit staunendem Entzücken. Gaudlitz führte sie

überall umher, von der Küche bis zu seiner Schlafkabine, die mit der

ziemlich großen Salonkabine verbunden war. Fünf hübsche Gastkabinen,

von denen zwei für Damen eingerichtet waren, lagen dicht nebeneinander.

Die größte war in hellem Holz gehalten, mit Feldern aus altrosa Brokat.

In gleicher Farbe und mit gleichem Stoff waren die Sessel und das Bett

überzogen.

„Hier wohnt meine Schwester, wenn sie mitfährt. Ich hole sie übrigens

mit Mann und Kind in Kopenhagen ab. Mein Schwager und der Junge

erfreuen sich nicht der besten Gesundheit. Der Arzt besteht auf Höhen-

und Seeluft in lieblicher Abwechslung. Der Junge ist immer todkrank auf

dem Wasser, mein Schwager kann Feuchtigkeit nicht vertragen und leidet

an der Bergkrankheit. Aber sonst ist alles in Ordnung. Meine arme

Schwester hat’s auch nicht immer leicht ...“

Es sollte wie ein Trost klingen. Aber Karla merkte, daß ihm selbst die

Jachtreisen auch nicht immer die reinste Freude bedeuteten.

Auf Deck stand der Kaffeetisch bereit.

„Ich habe den Kapitän dazu gebeten -- Sie haben doch nichts dagegen? ..

Ein prachtvoller Kerl, der vielfach Schiffbruch gelitten hat und sich

jetzt mir zur Verfügung stellt -- solange es ihm paßt.“

Karla mußte an Kapelle denken. Das war auch so einer gewesen.

„Das sind die Besten“, sagte sie mit tiefer Überzeugung.

Er blickte sie überrascht an.

„Ja ... wissen Sie das auch?“

Was war sie doch für ein liebes, vernünftiges Menschenkind, diese Karla

König ... Wenn die frei wäre ... so ganz frei .. Donner .. ja ... „Du

bist nicht recht gescheit“, hatte ihm seine Schwester schon einmal

gesagt -- --

Nein, nein ... er war gewiß nicht „recht gescheit“! Aber wen ging das

was an? Auf wen brauchte er Rücksicht zu nehmen?

Alice hatte ihm von dem Traum Karlas erzählt: dem langen Tisch mit

den Kindern ringsherum ... Da war es über ihn gekommen wie eine

Erleuchtung. Das war es wohl, was ihn so hinzog zu ihr -- dieses

Mutterhafte. Auch in ihrer Stimme lag es ...

Nicht um ihr den Hof zu machen, hatte er sie in dem verlorenen kleinen

mecklenburgischen Nest aufgesucht, sondern weil die Sehnsucht nach

ihr ihn so stark gefaßt hatte, wie nach einem Trunk Quellwasser

bei brennender Hitze. Er hatte schöne Frauen in allen Ländern

gekannt, hatte geliebt und war geliebt worden, ohne eigentlich ein

Fraueneroberer zu sein. Der Knoten seiner Liebeserlebnisse hatte

sich stets ohne Anstrengung geschürzt, ohne Schmerz gelöst. Seine

Schwester hatte sich mehrfach Mühe gegeben, ihn zu verheiraten -- immer

vergebens. Die Frau war ihm bisher nie mehr gewesen als ein kurzes

Begehren oder dankbares Erwidern.

Es war das erstemal, daß in ihm das Bedürfnis nach einer Ergänzung

seines Ichs erwachte. So ließ er sich treiben von seinem Empfinden, wie

er sein Fahrzeug vom Winde treiben ließ ...

Das große Wasser schluckte den flammenden Sonnenball, als Gaudlitz und

der Kapitän Karla heimruderten. Karla empfand es dankbar, daß Gaudlitz

weiter kein Alleinsein mit ihr herbeigeführt hatte. Das gab ihrem Wesen

fröhliche Sicherheit, ihrer Seele freien Schwung.

„Nun noch etwas zum Mitnehmen“, sagte sie und sang als Abschied ein

einfaches, schönes Lied. Glockenrein erhob sich ihre Stimme über dem

Wasser, wie ein Gebet. Die Männer zogen die Ruder ein und nahmen die

Mützen ab. Leise schlugen die Wellen ihre plätschernde Begleitung gegen

den Kahn -- -- --

[Illustration]

Als Karla König in die Halle des Stettiner Bahnhofs in Berlin einfuhr,

überkam sie etwas wie Schuldbewußtsein. Um ganze acht Tage hatte sie

ihren Aufenthalt an der See verlängert -- weil sie nach einem schönen

Erlebnis nicht sobald zurückfand in den Alltag ihres Berliner Lebens.

Nun hatte sie vier wundervoll friedliche Wochen verbracht in der

schönsten Luft, während ihr Mann den Staub der Stadt eingeatmet und

seine Stunden gegeben hatte. Sie wollte sehr sanft und sehr gut sein zu

Hause. Luise und ihr Mann sollten es empfinden, daß sie das Opfer, das

sie beide ihrem Wohlergehen gebracht hatten, zu schätzen wußte.

Altmann empfing sie am Zug. Sie war erstaunt, wie wohl er aussah. Kaum

mehr schlank -- ein sehr stattlicher, nicht mehr junger Herr, der

behaglich seines Lebens frühen Herbst genoß und nur leidend die Lippen

herabzog, wenn etwas sein Behagen störte.

„Na, das ist schön, daß du wieder da bist, Karla ... Es war ja ein

bißchen gegen die Abrede, aber wir haben dir die paar Tage gegönnt --

von Herzen gegönnt.“

Ähnlich sprach Luise.

Schmerzchen stand in einem langen, wollenen Morgenröckchen im

Speisezimmer, ein weißes Tüchelchen um den Hals. Sie war sehr

gewachsen, war sehr blaß und hatte große braune Augen, die ernst und

abwartend blickten.

„Was ist ... was ist denn mit Schmerzchen?“

Karla hatte das Kind zu sich auf den Schoß gezogen und bedeckte das

feine, nußbraune Haar mit leidenschaftlichen Küssen. Die Geschwister

wechselten einen Blick.

„Ich war krank“, sagte Schmerzchen, mit einer gewissen Genugtuung im

Ausdruck.

Karla blickte von Mann zu Schwägerin. Ihr Herz schlug zum Zerspringen,

sie konnte kaum atmen.

„Wie denn ... krank ... und ich habe nichts erfahren?“

Der Papa erklärte alles. „Du mußt begreifen, liebes Kind ... eine

Diphtheritis, wenn sie auch sehr leicht aufgetreten ist, bleibt

ansteckend und gefährlich! Du hättest ja doch nicht in der Wohnung

sein und das Kind pflegen dürfen. So zogen wir es vor, dir gar nichts

darüber zu schreiben. Luise hat sich geradezu aufgeopfert ...“

Karla nickte. Ja, sie konnte sich schon denken ... Und das Kind hing

mehr denn je am Papa, an Tante Lis’ ... mehr denn je -- --

„Ich danke dir, Luise ...“

Ihre Hand, mit der sie die Finger der Schwägerin umschloß, war eiskalt.

Als das Mädchen die Suppe hereinbrachte, sagte Luise:

„Du bist mir nicht böse, Karla -- ich habe dem Kind den Platz zwischen

Ernst und mir gegeben; es hat jetzt seine kleinen Gewohnheiten ...“

„Nein ... bitte, Luise ... Warum sollte ich böse sein?“

Sie mühte sich, sehr sanft, sehr ruhig zu bleiben. Luise hatte sich

ja „aufgeopfert“! Aber der Bissen blieb ihr im Halse stecken, wenn

sie sah, wie das Kind manchmal lächelte. So erwachsen. So bewußt. Und

wie es in dem Lächeln die beiden einte, die in ihrer Krankheit um es

gewesen waren.

Wie es in der Motzstraße ginge?

Luise machte ein leidendes Gesicht. Sie sah in diesem Augenblick

Altmann zum Verwechseln ähnlich.

„Alwin arbeitet sich zuschanden, und Adele hat Vickis Zimmer an einen

Herrn vermietet. Das macht weniger Arbeit als Jungens. So kräftig ist

Adele nicht mehr -- die hat sich verbraucht im Hause. Wenn man für

alles aufkommen muß ...“

„Alwin hat doch immer verdient“, unterbrach Karla und hatte Mühe, ihren

aufsteigenden Ärger zu unterdrücken.

„Ja, ja, gewiß ... das ist selbstverständlich. Aber knapp war’s. Und

einteilen und auskommen, das ist zum mindesten so aufreibend wie

verdienen. Das hast du ja gottlob nicht nötig gehabt. Das hat dir unser

guter Ernst immer abgenommen. Aber es ist nicht leicht, glaube mir ...“

Was das junge Paar machte? Karla war froh, wenn sie etwas fand, was

ablenkte von ihr.

Das junge Paar ließ sich fast gar nicht sehen. Zweimal war Vicki im

ganzen bei der Mutter gewesen in diesen vier Wochen. Eigentlich nur,

um sich ein paar Zwanzigmarkstücke zu holen. Sie sparte, soviel sie

konnte, aber Bodo brauchte sehr viel außer dem Hause. Anzüge und

Geld fürs Café und Restaurants. Er machte viel neue Bekanntschaften,

behauptete, die würden sich schon eines Tages rentieren. Im übrigen

ließ er sich bei den Schwiegereltern nicht sehen.

Einmal, ganz im Anfang von Karlas Abwesenheit, waren sie alle in einem

Biergarten zusammengewesen.

„Aber nicht wahr, Ernst, gemütlich war es eigentlich nicht?“

Altmann lehnte sich zurück und versenkte die Hände in den Hosentaschen.

„Gott ... Du weißt, Lis, was man so gemeinhin ‚gemütlich‘ nennt

-- davon halte ich nicht viel. Aber Zugehörigkeit -- die vermißte

ich. Wir saßen da alle wie ... ja wie soll ich nur sagen ... wie

zusammengewürfelt, ohne Kitt.“

„Und Vicki?“

„Vicki ...! Vicki trinkt seine Worte -- wenn er welche spricht! Sie ist

in der Furcht des Herrn erzogen. Mir unbegreiflich, dieses Mädel ...“

Altmann sprach mit großer Überzeugung.

Karla zerrte ihr Mundtuch glatt.

„Ich werde jetzt auspacken“, sagte sie.

„Ich will Dir gerne helfen, so wie Isoldchen im Bett ist ...“, erbot

sich Luise.

„Nein, nein ... danke ... ich werde gut allein fertig.“

Karla hatte nur ein Gefühl: Luise sollte sich nicht auch noch für sie

aufopfern! Es war undankbar von ihr, häßlich -- aber sie konnte nicht

an dagegen.

Frostig starrte ihr das Schlafzimmer entgegen, in dem grauen

Dämmerlicht der Berliner Hofbeleuchtung. Sie dachte an den warmen

Sommertag unter gelben Sonnenblumen -- da mußte sie ihre Handflächen an

die Augen drücken. So brannten ihre Lider -- -- --

Während des Abendessens fragte Karla sich, was sie nachher wohl tun

könnte. Zum Singen war sie zu abgespannt. Im Zimmer ihres Mannes sitzen

-- nur um bequemer zu sitzen als anderswo ...?

Altmann ging unentschlossen hin und her, während das Mädchen abräumte

und Luise das Obst in die Kredenz einschloß. Er fuhr sich ein paarmal

über das Kinn und blieb dann stehen.

„Ich weiß nicht, liebes Kind, wie du dich dazu stellst, aber Lis’ und

mir war es ein großer Genuß all die Zeit. Ich ... hm ... ich lese ihr

jetzt allabendlich ein Stück vor, von einem unserer großen Klassiker.

Es ist katastrophal, wie man sie vernachlässigt! Augenblicklich lese

ich ‚Coriolan‘.“

„Wundervoll,“ sagte Luise, während ihr Schlüsselbund klirrte, „aber

entsetzlich anstrengend!“

„Gewiß, meine gute Lis’, aber das spricht nicht mit ... Es ist mir,

wie gesagt, selbst ein Genuß. In Berlin ist der ganze Stil für die

Klassiker verlorengegangen. Schiller drehte sich im Grabe um, wenn er

das sähe!“

Luise trank die Worte des Bruders. Sie hatten sich auf einander

eingestellt in diesen vier Wochen, mit einer lückenlosen Genauigkeit.

Karla war ein Fremdkörper geworden, dem man Platz schaffen mußte; es

ging nicht ohne Sprünge und Risse.

„Also, wie meinst du, Karla? Ich will dich selbstverständlich nicht

zwingen -- aber an freien Abenden ...“

„Ja ... gewiß ... gern.“

Altmann fuhr ihr liebkosend über die Schulter.

„Das freut mich, Karla, freut mich ehrlich. Das ist meine Auffassung

von Gemütlichkeit. Jeder hat die seine, nicht wahr? ... Wir bleiben

hier sitzen, des Kindes wegen, falls es ruft, der Schlaf ist noch

zeitweise unruhig. Luise nimmt eine Handarbeit ... du vielleicht auch,

wie?“

Karla entsann sich der roten Decke, an der sie häkelte.

„Die liegt längst fertig in der Kommode. Die bekommt Isoldchen zu

Weihnachten“, sagte Luise, und ein etwas spöttisches Lächeln verzog

ihre Lippen.

„Warum denn ... warum hast du meine Arbeit ...?“

„Aber sie wäre ja doch nie fertig geworden, Karla“, schnitt die

Schwägerin ab.

Nein ... Karla wäre nicht fertig geworden mit ihrem Träumen und Denken

... und die Arbeit wäre nicht fertig geworden. Es war richtig. Aber es

tat weh. Und eigentlich gehörte es sich nicht.

Sie setzte sich wieder auf ihren Platz und kreuzte die braunen,

sonnenverbrannten Hände über der Tischdecke -- ergeben, geduldig, sanft.

Altmann las. Mit vollem Organ und viel Ausdruck. Mit schrecklich

viel Ausdruck und aufreizender Deutlichkeit. Jedes „und“ und jedes

„aber“ hatten die Bedeutsamkeit eines Gedankens, jeder Gedanke

ertrank in dem Gleichmaß der Bedeutung. Luisens Augen glänzten. Nie

war sie so durchdrungen davon, daß dem Bruder Unrecht geschah von

den Bühnenleitern, wie an den Vorleseabenden. Sie und Adele hatten

ihn unterschätzt ... sie hätte weinen können darüber. Er war ein

großer, ganz großer Künstler. Er hatte seine Karriere und seinen Ruhm

seiner Frau geopfert -- aus Liebe, aus Großmut. Nie konnte Karla ihm

das genug danken -- nie! Luisens Blicke ließen nicht ab von seinem

schönen Gesicht, das so tragisch aussah bei pathetischen, dramatischen

Stellen, und ihre Blicke zogen die seinen zu ihr herüber, zogen seine

Stimme, seine Worte an -- daß sie bald nur ihr galten und über Karla

hinwegfluteten wie über den Stuhl, auf dem sie saß.

Karla krampfte die Finger ineinander. Etwas bohrte an ihrem Herzen.

Erst leise, dann immer stärker. Die Nacht fiel ihr ein auf der Veranda

des Hotels in Brasilien, und wie sie gewartet und wie sie es nicht für

möglich gehalten hatte, was doch geschehen war ... Und das war nur ein

Kinderspiel gewesen gegen das, was jetzt geschah.

Eine Mariette hatte ihr nichts nehmen können -- nichts, als allenfalls

eine Stimmung.

Luise nahm ihr alles -- das Kind, den Mann ... löschte sie selbst aus

... ganz sachte; ohne es zu wollen vielleicht, nein, gewiß; ohne es zu

wollen -- aber jeden Tag mehr, immer mehr, machte sie überflüssig --

ließ sie nur gelten, weil sie die Stimme hatte, die Mann und Kind ein

leichtes, sorgenfreies Leben gewährte ... Aber auch das mochte kaum

bewußt sein ... es +war+ nur so und drängte sie, die Mutter, die Frau,

sanft aus dem Bereich ihres häuslichen Wirkens, ihrer Frauenrechte ...

Seltsam, wie diese Erkenntnis wirkte. Es war kein Schmerz und kein

lodernder Zorn, wie damals in Brasilien ... nur wie ein kalter Hauch

zog es durch ihre Seele, vereiste ihr sonst so heißes Empfinden ...

Sie stand auf.

„Laßt euch nicht stören,“ sagte sie freundlich, „-- ich bin müde und

will mich niederlegen.“

Altmann blickte auf.

„Verzeih’ .. ja .. ich hatte vergessen .. selbstverständlich ... wir

können übrigens auch morgen --“

Aber Karla wiederholte, ebenso freundlich, nur mit einer an ihr fremden

Bestimmtheit:

„Nein, bitte ... laßt euch nicht stören ... gute Nacht, Luise.“

Leise schloß sie die Tür des Schlafzimmers hinter sich zu.

Altmann strich ein paarmal nervös über die Seiten des Buches. „Schade

...“

„Wie meinst du, Ernst ...?“

„Sie hat so gar keine geistigen Interessen ... schade!“

„Findet man das nicht häufig bei Sängerinnen?“

„Möglich ... ja ... aber Karla ist doch auch meine Frau!“

Luise strich mit ihrer hageren Hand über den Ärmel des Bruders.

„Ärgere dich nicht. Wir haben uns hier so eingesponnen, und sie kommt

von draußen -- sie ist noch wie ein verspieltes Kind. Das gibt sich.

Lies weiter -- es ist mir eine solche Freude ...“

„Gute Lis’!“

Er nickte ihr zu. Von der Bewunderung der Welt, die er erträumt hatte,

war ihm nur die Bewunderung der Schwester geblieben. -- -- Aber auch

die tat wohl!

[Illustration]

Einen Tag vor ihrem Wiederauftreten sagte Altmann:

„Du hast doch nichts dagegen, liebes Kind, ich habe gebeten, daß man

dich als Karla König-Altmann auf den Zettel setzen möchte.“

„Als König-Altmann ...?“, wiederholte Karla. „Ja ... warum denn?“

Ihr Name war ihr lieb geworden, sie war in ihn hineingewachsen wie in

eine Haut. Der angehängte Name ihres Mannes wirkte auf sie wie etwas

Fremdes, gar nicht zu ihr Passendes. In ihren Schläfen pochte es.

„Wenn ich nur wüßte -- warum?“

Altmann reckte sich hoch, seine Mundwinkel vertieften sich.

„Liebe Karla, du tust gerade so, als wäre es eine Unehre für dich,

deinen gesetzlichen Namen zu tragen -- eine Schande.“

„Warum hast du es mir nicht vorher gesagt -- wir hätten es überlegen

können -- --“

„Ich glaube, liebes Kind, daß es da nichts zu überlegen gibt. Du

hast ein Kind, eine Tochter. Ich meine, wenn nicht aus Rücksicht auf

mich, so doch aus Rücksicht auf dein Kind ... Die Gemeinsamkeit des

Namens ist, scheint mir, doch das allererste und wichtigste Bindeglied

zwischen Eltern und Kind ...“

Die Tür zu Altmanns Zimmer ging auf, und Schmerzchen trippelte herein,

in einem blauen Herbstmäntelchen und blauem Matrosenhütchen.

Karla hatte Schmerzchen bisher nur in weichen Kappen oder unter dem

Gefältel weißer Stickereihüte gesehen, die Matrosenform gab dem zarten

Gesicht etwas Hartes, Strenges. Das feine nußbraune Haar ringelte sich

in Locken über den Nacken.

„Komm mal her, Isolde ...“

Gehorsam ging Schmerzchen auf den Papa zu, mit einer gewissen Spannung

im Blick. In Papas Ton lag immer etwas, worauf sie gespannt war.

Karla fielen die Arme, die sie dem Kinde entgegengestreckt hatte, in

den Schoß zurück.

„Sag’ mal, wie heißt du?“

„Isolde Altmann“, sagte Schmerzchen sehr deutlich und gewichtig.

„Gut. Und wie heiße ich?“

„Ernst Altmann, Landgrafenstraße siebzehn.“

„Ja, ja ...“, unterbrach er. „Und Mama? Wie heißt Mama?“

„Karla König-Altmann, Königliche Hofopernsängerin.“

„Brav.“

Er wendete sich an Karla:

„Na -- klingt das gar so schlimm?“

Karla antwortete nicht. Sie hielt Schmerzchens Hände und drückte sie an

die Lippen.

Schmerzchen blickte unruhig nach der Tür.

„Ich gehe mit Tante Lis Haare abschneiden.“

„Wieso Haare abschneiden ... wessen Haare?“

„Meine Haare ... ritz--ratz, sagt Tante Lis ...“

Karla war ganz erschüttert. Das feine braune Härchen ringelte sich so

weich über ihre Hand, und nun sollte es abgeschnitten werden, sollte ...

Luise trat, ebenfalls zum Ausgehen angekleidet, über die Schwelle.

„Komm, Isoldchen ...“

Karla hatte Schmerzchen den Matrosenhut abgenommen, bedeckte das braune

Haar mit Küssen.

Luise lächelte nachsichtig.

„Du hast dich aber auch gleich, Karla! ... Das Kind bekommt nie

starkes, dichtes Haar, wenn es nicht geschoren wird. Jawohl, Isoldchen,

wie ein Schäfchen wirst du geschoren und wirst aussehen wie ein kleiner

Junge.“

Schmerzchen nickte. Die bevorstehende Verwandlung hatte etwas ungemein

Geheimnisvolles für sie. Das Leben war überhaupt voller Reize und

Schauer. Die Mama schien das zu verstehen -- die Mama weinte sogar! Und

das wäre natürlich sehr erschreckend gewesen, wenn Papa und Lis nicht

gelacht hätten. Die wußten es doch immer besser.

„Warte, Schmerzchen ... halt’ still ... es tut nicht weh.“

Karla ergriff die Papierschere auf Altmanns Tisch. Eine Locke wollte

sie für sich abschneiden. Wenigstens eine greifbare Erinnerung haben an

das seidenweiche, nußbraune Haar ihres Kindes.

Schmerzchens Gesicht wurde ganz rot vor Anstrengung, stillzuhalten.

Am liebsten wäre sie ja davongelaufen, aber ihr war noch vom

Weihnachtsabend erinnerlich, daß die Mama ihr nicht weh tat. Nur

begriff sie nicht, warum die Mama weinte. Tante Lis begriff es auch

nicht. Papa aber ging ärgerlich im Zimmer auf und ab und sagte:

„Karla ist immer noch der reine Backfisch.“

Karla fuhr in die Stadt und kaufte sich eine dünne Kette und ein

goldenes Medaillon für Schmerzchens Locke.

Der Juwelier hatte nur zweiseitige Medaillons vorrätig und fragte, ob

sie nicht ein Bild für die zweite Seite habe. Aber Schmerzchens letztes

Bild war vor mehr als einem Jahre aufgenommen, und jetzt sah das Kind

noch immer so elend aus, daß sie es nicht photographieren lassen

mochte. Später.

Als sie nach Hause kam, erschrak sie, weil sie Schmerzchen mit dem

runden Jungenskopf nicht gleich erkannte.

Schmerzchen sah dem Vater sprechend ähnlich.

Luise und Altmann sprachen an diesem Abend viel von dieser Ähnlichkeit,

so daß Karla darüber sogar ihre Namensveränderung vergaß.

Erst am nächsten Abend wurde sie wieder daran erinnert. Gegen seine

Gewohnheit kam der Papa zu ihr in die Garderobe.

„War gespannt, liebes Kind, zu hören, wie -- Frau König-Altmann singt

-- erwartete eine bedeutsame Veränderung, aber ich muß gestehen ...

daß ich nur eine kleine Mattigkeit bemerkt habe ... vielleicht von der

Bürde solcher zwei Namen ... Warum läßt du ‚König‘ nicht ganz fort ...

eigentlich überflüssig, wie?“

Der Papa war sehr gallig. Aber in einem hatte er recht: Karla war an

diesem Abend wirklich nicht ganz auf der Höhe.

Und auf dem Eckplatz des ersten Ranges saß ein wildfremder, dicker Herr

mit einem breiten, schwarzen Klemmer auf der Nase. -- -- --

-- -- In der Motzstraße war die Familie um den Abendbrottisch

versammelt. Karla war in Potsdam zu einem Hofkonzert, das am

Spätnachmittag stattfand. Sie hatte versprochen, geradeswegs in die

Motzstraße zu kommen, wenn sie fertig wäre. Adele war rasend neugierig,

wie es „bei Kaisers“ zuging. Übermorgen fand ihr Kaffeekränzchen statt

-- das gab dann Gesprächsstoff, und ein bißchen von dem Glanz, der sich

um Karlas Namen verdichtete, fiel dann auch auf sie ab und ihr Haus.

Sie brauchte sich dann von den Damen auch nicht so viel über Vicki

ausfragen zu lassen.

Adele hatte es schwer. Immer mußte sie entschuldigen, bemänteln.

Auch ihrem Manne gegenüber. Harte Worte lagen ihm nicht. Aber

Bitterkeit legte sich auch um seine Mundwinkel, wenn er sich nach Vicki

erkundigte. Er zählte manchmal an den Fingern die Wochen ab, die sie

sich nicht hatte sehen lassen, als wüßte sie nicht, welche Arbeitslast

der Vater auf sich genommen, um den jungen Hausstand zu stützen. Ein

Teil der Möbel hatte auf Abzahlung genommen werden müssen, weil Bodo

Völkel erklärt hatte, daß er die Spießereinrichtung, die Luise für

ihn in Aussicht genommen, nicht über seine Schwelle ließe. Er wollte

sich seine Umgebung selbst zusammenstellen. Wenn es auch ein bißchen

teurer würde, so hätte er doch Verbindungen, die eine bequeme Abzahlung

ermöglichten.

Adele war aufs Tiefste verletzt von diesem „auf Borg“ gestellten

Haushalt; aber diesmal unterstützte ~Dr.~ Maurer seinen

Schwiegersohn und beschwichtigte seine Frau.

„Bodo ist nicht wie Karla -- er läßt sich nicht in seinen Entschlüssen

vergewaltigen. Mag der Mann sich seine sieben Sachen aussuchen, in

denen Vicki mit ihm glücklich sein soll -- wir schaffen’s schon.“ Daß

es ohne Karlas Hülfe doch nicht so einfach gewesen wäre, ahnte er nicht.

Es sah immerhin recht eigenartig und hübsch aus bei Völkels, obwohl

Vicki selbst wenig hineinpaßte in den verstiegenen, neuartigen und noch

nicht geklärten Stil ihrer Wohnung. Ja, sie gestand sogar, daß ihr die

schwarzen, geraden Fenstervorhänge im Schlafzimmer gruselig und die

kaum zu bewegenden drei Sessel im Wohnzimmer unbequem seien. Immerhin

-- Bodo hätte es so ausgesucht, und was Bodo beschloß, war geheiligt.

Nur wenn er nicht zu Hause war, schleppte Vicki einen Rohrstuhl aus der

kleinen Stube neben dem Schlafzimmer überall mit sich herum oder setzte

sich in die der Sparsamkeit wegen ungeheizte Kammer, wo sie wenigstens

in aller Bequemlichkeit und ohne befürchten zu müssen, die stilvollen

Möbel zu verderben, ihre häuslichen Angelegenheiten erledigte: das

Gemüse putzte, Kinderwäsche zuschnitt, flickte und ihre Ausgaben

einschrieb.

Das Ausgabenbuch machte ihr viel Kummer. Bodo aber hörte kaum zu, wenn

sie ihm von teuren Zeiten oder gar von Marktpreisen sprach.

„Ja ... ja ... na, das wird ja mal anders werden. Sieh doch zu, daß die

Eltern ein bißchen aushelfen ...“

Es war ihre verdammte Pflicht und Schuldigkeit, auszuhelfen. Sie hatten

den Salat angerührt -- bitte! Dieses „Hundeleben“ war nur erträglich,

weil Vicki ein im Grunde liebes, vernünftiges Ding war, das die

Schwierigkeiten seiner Lage einsah und ihm kleinweise auf ihre Art half.

Selbst dem Onkel hatte sie im Laufe der Monate an dreihundert Mark

abgeluchst, das Schlauchen, mit ihren hübschen blauen Augen und ihrem

molligen Gehabe. Wenig genug! Aber immerhin etwas.

Die Zärtlichkeiten des Onkels waren nicht immer nach Vickis Geschmack.

So bitter es ihr ankam -- lieber noch holte sie Aushilfe bei der Mutter.

Adele schlug die Hände zusammen: „Schon wieder? ... Noch? ... Worauf

geht denn das viele Geld bloß?“ ...

Sie rechnete der Tochter vor, wieviel ihr eigener junger Haushalt

gekostet hatte. Nicht die Hälfte!

„Und Vater hatte immer ein paar Silberstücke in der Tasche zum

Ausgehen!“

Das war jetzt anders. Die Silberstücke bekam Vicki. Und wenn’s in den

letzten Tagen des Monats nicht langte für Fleisch, dann aß sie eben

ein paar Eier oder einen Grießbrei, während er auswärts speiste, bei

Bekannten oder auf Borg in einem guten Gasthaus, wo man ihn kannte!

Und der Kellner rief sogar beim Weitergeben der Bestellung zur Küche:

„Für den Herrn Baumeister!“, woraufhin Bodo Völkel das Essen besonders

reichlich zugemessen wurde.

Der Bodo kannte sich eben aus. Der Bodo war nicht so wie Vater! Der

Bodo verstand es, sich in der schwierigsten Lage zu helfen! Sie würden

noch alle staunen, wie weit der Bodo es brächte! Das stilisierte

Bauernhaus hatte er dem Grafen Gaudlitz ausgeredet und einen Plan für

ein prachtvolles vierstöckiges Miethaus entworfen. Die Zukunft Berlins

läge in der Gegend! Palast an Palast würde sich da erheben. Graf

Gaudlitz sollte den Anfang machen.

„Und der Graf ist darauf eingegangen. Nur ist es mittlerweile zu spät

geworden, und so kann der Bau erst im Frühjahr beginnen.“

„Das Bauernhaus jetzt wäre mir lieber gewesen als der Palast in der

Zukunft!“

Adele seufzte schwerbedrückt auf; immerhin, sie gab die heiß verlangten

Goldstücke.

Eine stürmische, rasche Umarmung, und Vicki verschwand bis zur nächsten

Geldklemme.

Adele aber sah, wie ihr Mann immer grauer wurde in der stickigen Luft

des verqualmten Zimmers und der überfüllten Schulstube. Ja, es kam vor,

daß er mit warmen Flanelltüchern über dem Magen zum Unterricht ging,

oder daß sie ihm rasch Pfeffermünztee mit Baldrian hereinbringen mußte,

wenn er mit einem Privatschüler an seinem Tisch saß.

Die Primadonna · 第 27 / 51 题