Adele wußte sie auswendig. -- -- --

-- -- -- An Vickis Hochzeitstafel in einem bescheidenen Weinlokal der

Potsdamer Straße wurde auf das Wohl des Grafen Gaudlitz getrunken, der

Bodo Völkel mit den Plänen für ein stilisiertes kleines Bauernhaus

betraut hatte. Der Onkel des Bräutigams brachte das Hoch aus. Und er

sagte:

„Am Talent meines Neffen habe ich nie gezweifelt -- es mußte sich nur

mal durchsetzen!“

Die neue Nichte gefiel ihm gut. Es kostete ihn nichts. Aber er fühlte

sich als der Begründer eines jungen Glückes -- denn er hatte auf

Altmanns Veranlassung seinem Neffen geschrieben, daß er ihn enterben

würde, falls er nicht augenblicklich und in aller Form um Fräulein

Viktoria Maurer anhielte. „Nicht acht und nicht drei Tage Bedenkzeit

-- nur vierundzwanzig Stunden.“

Das hatte gewirkt. Dafür konnte er sich schon das Vergnügen leisten,

Vicki, sooft es anging, zu tätscheln und unters Kinn zu fassen. Das

kostete auch nichts.

Vicki hatte Karlas prachtvolle weiße Konzerttoilette als Brautkleid

bekommen. Der Goldbesatz war entfernt, und es schmiegte sich in

keuschen Falten an Vickis füllige Formen.

Karla mochte es nicht mehr tragen. Zu lieblos waren die Blicke der

Schwägerinnen darauf gefallen an jenem Abend, zu entsetzt war sie über

die Ferne gewesen, die sie an jenem Abend zwischen sich und ihrem Manne

gefühlt hatte, zu heiß hatte auch ihr Herz geschlagen, als Gaudlitz in

flüchtig zarter Liebkosung mit den Fingern über den gleißenden Stoff

gestrichen.

Vickis Augen leuchteten wie blaue Feldblumen nach einem Gußregen. Bodo

Völkel sah gut aus in Frack und weißer Binde. Er sprach wenig und trank

fast gar nicht. Aber wenn er lächelte, dann galt es Vicki.

Und das war doch etwas.

[Illustration]

Karlas Bitten, ihr doch Schmerzchen an die See mitzugeben, hatten

nichts gefruchtet.

„Du sollst dich erholen,“ sagte Altmann, „und es darf auch nicht viel

kosten. Wenn ich dir das Kind mitgebe, erholst du dich nicht, und wenn

Luise mitfährt, wird es zu teuer.“

Karla schlich bald um Schmerzchen herum wie eine Missetäterin, bald

wich sie ihm aus, weil ihr das Herz zu wehe tat, wenn sie an die

Trennung dachte und daran, daß sie dem Kinde nicht einmal ein bißchen

Seeluft geben konnte. Nun, nächstes Jahr verdiente sie mehr ...

Vicki brauchte sie dann vielleicht auch nicht ... Gastspiele waren in

Aussicht ... vielleicht -- Wien ...

Sie hob das Kind zu sich herauf:

„Mein Herzschmerz, du ...“

Luise liebte Karlas leidenschaftliche Ausbrüche nicht. Ein Kind mußte

mit ruhiger Strenge und gleichbleibender Freundlichkeit behandelt

werden -- zumal ein so nervöses Kind wie Isolde.

Eines Morgens, zwei Tage vor ihrer Abreise, wurde für Frau Karla König

ein großer, kunstlos gebundener Blumenstrauß abgegeben, mit einem

Briefe. Der Brief war unterzeichnet: „Ihre Sie hochschätzende Alice

Fürstin Reichenberg“. Karla wurden die Wangen rot und heiß. Es war

doch schrecklich, daß sie sich nicht mal für die Dauer weniger Minuten

abschließen konnte. In fliegender Eile las sie:

„Verehrteste Frau! Verzeihen Sie meine unbescheidene, nicht ganz

übliche Bitte -- aber eine kleine Verstauchung, die ich mir beim

Aussteigen aus dem Zuge geholt habe, fesselt mich an das Haus. Ich

hatte mich so sehr darauf gefreut, Ihre Bekanntschaft zu machen, und

Ihnen meinen Besuch zugedacht. Würden Sie nun über äußere Förmlichkeit

hinweg einer armen Kranken ein halbes Stündchen Gesellschaft leisten?

Ich habe so viel Schönes von Ihrer lieben, herrlichen Stimme gehört

und glaube, daß Sie auch ein lieber, einfacher Mensch sind, der eine

erzwungene Formlosigkeit nicht übelnimmt. Wenn Sie kommen, dann nennen

Sie dem Überbringer die Stunde, damit ich Ihnen den Wagen schicke, der

Sie zu mir nach Wannsee herausbringt, wo ich abgestiegen bin. Darf ich

mich bestimmt auf Sie freuen?

Die Primadonna · 第 26 / 51 题