Oh, wie sie sich freute! -- -- --

Da stürzte fast ohne Anklopfen Adele in ihr Zimmer, hinter ihr Luise.

Und Luise rief:

„Ernst ... so komm doch, Ernst ... es ist etwas Wichtiges ...“

Da standen nun die drei Altmannschen Geschwister -- Adele in der Mitte,

trotz ihrer Rundlichkeit wie Schutz suchend zwischen dem Bruder und

Luise.

„Hättest du mir doch gleich gesagt, Karla ... Es war deine Pflicht ...

aber du zogst es vor, Heimlichkeiten mit Vicki zu haben ...“

So waren Adelens erste Worte. Nicht überlegt, ganz triebhaft entlastete

sie sich selbst durch die unsinnigste Beschuldigung anderer.

Karla verstand nichts ... nur auf ihre Freude senkte sich plötzlich

eine schwere, schwarze Wolke ...

„Beruhige dich, Adele ... beruhige dich, meine Liebe ...“, sagte

Altmann und hielt schon Bodo Völkels Brief in der Hand; Luise las über

seine Schulter hinweg mit. Adele schluchzte und fiel auf das Ruhebett,

so nahe dem wundervollen weißen Kleid, daß ihr alter Mantel es bei

jeder Bewegung streifte, seine Spitzen verknitterte. Aber wer achtete

noch darauf ...

Hier wurde über zwei Menschenleben zu Gericht gesessen.

„Er ist ein Schuft, aber Vicki muß seine Frau werden ...“

Adele wiederholte es wieder und immer wieder.

Karla zog ihre feine, weiße Frisierjacke enger um die Schultern. Es

war ihr, als würde sie in Eiswasser getaucht. Wie schrecklich war das

alles ... Wenn er ein Schuft war, +durfte+ Vicki ihn doch nicht

heiraten! ...

„Sprich keinen Unsinn“, schnitt Altmann erregt ab.

Luise sagte gar nichts. Sie biß an der Unterlippe. Ihre lange, hagere

Gestalt drückte tiefsten Widerwillen aus, um ihren Mund lagen Ekel und

Empörung. Ihre starre, nie bedrohte Tugend faßte es nicht, daß das Kind

ihrer leiblichen Schwester sich so weit hatte vergessen können. Aber

schließlich sagte auch sie, wenn auch stockend und mit tiefem Abscheu:

„Er muß Vicki heiraten -- er muß!“

„Den Kerl knöpf ich mir vor“, erklärte Altmann.

Adele griff nach seiner Hand.

„Ich wußte ja ... du bist der einzige ...!“

„Aber wenn Vicki jetzt nicht mehr will ...?“ kam es scheu von Karlas

Lippen.

Adele sprang mit einer Behendigkeit auf, die in grellstem Gegensatz

stand zu ihrem sonst so würdevollen Wesen.

„Was heißt das: nicht will?“

„Ruhig, Adele ... ruhig. Auf Wollen oder Nichtwollen kommt es jetzt

nicht an, mein liebes Kind“, wendete er sich gleich darauf an Karla.

„Sie muß. Sie hat jedes Recht auf eigenes Wollen verwirkt!“

Karla nahm die Tiffanyvase vom Frisiertisch und drückte ihr Gesicht an

die Blumen.

Nun sprachen alle drei auf einmal ... die Schwestern machten Vorschläge

... Altmann sollte Bodo Völkel aufsuchen ... sofort ... Er war

Leutnant der Reserve ... man könnte ihn vielleicht beim Regiment ...

„Nein“, sagte Altmann. „Hat er nicht so einen Erbonkel, sagtest du

nicht, Adele? Ja? Also zu dem gehe ich!“

Adele schlug in die Hände, lachte beinahe. Es war wie Schadenfreude.

„Ja ... zu dem ...“

„Selbstverständlich ... nur zu dem“, bestätigte Luise.

Und wieder sprachen sie durcheinander -- bis Altmann mit einer Bewegung

Ruhe gebot.

„Seid unbesorgt ... ich bringe die Sache in Ordnung. In vier Wochen ist

Vicki verheiratet. Wenn der Onkel sich sperrt -- so viel kratzen wir

noch zusammen, um ihnen ein paar Zimmer einzurichten!“

„Selbstverständlich“, sagte Luise. „Wenn man sich zum Beispiel ein paar

Kleider weniger machen läßt, dann bleibt genug übrig. Für einen Fetzen

fünfhundert Mark auszugeben, das ist meiner Ansicht nach ein bißchen

übertrieben ... Ich meine nur, Karla ... man kann sich’s auch billiger

einrichten ... Daran darf doch das Lebensglück unserer Nächsten nicht

scheitern.“

Das Tiffanyglas fiel hart gegen den Teppich und zersprang in Scherben,

das Wasser leckte in breitem Bächlein an Karlas weißseidenen Schuhen.

„Nein -- daran scheitert es nicht ... daran nicht -- aber --“

Ein Zorn, wie er kaum je in ihr aufgelodert war, erstickte ihre Stimme.

Sie streckte den Arm aus.

„Geht! ... Im Guten sag ich euch, geht! ... Ich muß singen heute abend

... Wißt ihr, was das heißt? Singen! Verdienen! ... Ja! Verdienen! ...

Damit etwas abfällt für ...“

„Karla ... hast du den Verstand verloren?“

Altmann warf beide Hände auf ihre Schultern und schüttelte sie leicht,

als wollte er sie zur Besinnung bringen.

Sie entwand sich ihm heftig.

„Ach laß ... laß mich ... seit du hier bist ...“

„Was, bitte? Sage gefälligst, was ... ‚seit ich hier bin?‘ Verdiene ich

zu wenig, ja? ... So sag’s doch gerade heraus! Bitte! Hast eben eine

schlechte Partie gemacht! Hättest dir’s überlegen sollen ... Vorläufig

genügt’s, um mich zu erhalten. Meine Pension hier bezahle ich redlich!

..“

Adele überkam die Angst, daß das, was ihr am Herzen lag, in

Vergessenheit geraten könnte über das Neue, Böse, das sich plötzlich

zeigte. Eine Kluft hatte sich aufgetan zwischen dem Bruder und Karla

... eine Kluft ... Nicht erst von heute.

Luise wechselte die Farbe.

„Was redest du, Ernst ... Karla dachte doch nicht daran ... nicht wahr,

Karla?“

Karla hatte sich abgewendet. Tränen hatte sie nicht mehr für das, was

von „denen“ kam, und ihrem Manne hatte sie nicht weh tun wollen. Aber

wahr blieb es ... Immer neigte er sich dahin, von wo man ihn anrief.

Sie hatte ihn lange nicht angerufen ... und so war er ihr entrückt ...

ganz weit weg, auf ein anderes Ufer -- --

Ganz lange ging man zusammen einher und merkte es nicht, und dann --

plötzlich -- war es da, das ferne Fremde.

Nur so war es möglich, daß er ihr vorhielt, woran sie nie gedacht

hatte. Ob sie mehr verdiente als er, ob weniger -- keinen Augenblick

war ihr das ins Bewußtsein getreten. Nur die anderen sprachen immer

davon ... Luise ... er selber ...

Es sollte alles nach ihrem Wollen, nach ihren „Anschauungen“ gehen.

Auch Vicki mußte heiraten, ob sie noch wollte oder nicht! Was galt

ihnen inneres Leben? Sie sahen es nicht. Hatten es nie gesehen --

„Verzeih, Karla, ich war erregt ... ich hatte unrecht.“

Es war selten, daß Altmann ein Unrecht zugab. Karla sah ihn groß an.

Aber in ihren Augen lag mehr Staunen als Freude -- --

Luise schob sie an ihn heran.

„Vertragt euch, Kinder ... Einig muß man sein -- einig. Dann trägt sich

alles leichter.“

„Na ja ... eben. Ich werde jetzt also ... das heißt, jetzt um diese

Zeit? Ein bißchen spät für einen Besuch bei dem Herrn Onkel ...“

Adele schüttelte den Kopf.

„Nein, nein ... gerade ... daraus sieht er die Dringlichkeit, das

Wichtige ...“

„Ich glaube auch“, unterstützte Luise.

Die Schwestern drängten ihn zur Tür, als es draußen klingelte.

„Geht ... so geht doch ... ich werde abgeholt ... und ich bin nicht

fertig ...“

Im Speisezimmer nahm Luise dem Mädchen die Karte von Gaudlitz ab.

„Schon wieder der? ... Karla hätte wahrhaftig auch allein fahren können

--“

Adele winkte ab. Wie ungeschickt Luise war ... was ging sie jetzt

Karla an und ein Herr, der sie abholte --? Um +ihre+ Tochter, um Vicki

handelte es sich!

Durch die Glastür des Empfangszimmers sah man Licht brennen und

den schlanken, großen Schatten eines Mannes. Es kostete Altmann

Überwindung, jetzt nicht hineinzugehen ... Aber Adele drängte. Alwin --

dieser „Waschlappen“, war zu nichts zu gebrauchen! Er selbst mußte eben

... und wenn das Haus zusammenstürzte -- er +mußte+ ...!

Luise blieb eine Weile am Treppengeländer stehen und blickte den

Geschwistern nach. Ihre Lippen lagen hart aneinander, und ihre Gestalt

steifte sich wie in Abwehr gegen das Leben, das ihr erschien wie ein

großes Ungeheuer mit langen Pranken. Mit diesen Pranken griff es ein

in das stillste, verschlossenste Haus, mit diesen Pranken riß es die

Nächsten auseinander und zerfleischte ihnen das Herz. Adele hatte

nichts gesehen ... der Bruder sah nichts ... Spielerisch gaukelte ihnen

das Ungeheuer Freundliches vor -- um sie desto sicherer zu umgarnen, zu

vernichten! Aber sie wenigstens wollte sehen, wissen, wen das Ungeheuer

sich hier ausersehen hatte, sein Vernichtungswerk einzuleiten ...

Da drückte sie die Klinke des erleuchteten Zimmers nieder. Und sie sah

einen hochgewachsenen Mann im Frack und weißer, seidener Weste, mit

einer weißen Nelke im Knopfloch, einem schrägen, blonden Scheitel und

einem kurzgehaltenen blonden Schnurrbart. Er verneigte sich und blickte

ihr mit schönen, offenen blauen Augen entgegen.

„Meine Schwägerin läßt Sie bitten, sich noch ein wenig zu gedulden ...“

„Bitte sehr, Gnädigste.“

Einen Augenblick zögerte sie, dann fügte sie schroff hinzu: „Meine

Schwägerin hat sich sehr verspätet ... Es ist vielleicht besser, Sie

warten nicht ... meine Schwägerin fährt dann allein.“

„Ich habe keine Eile Gnädigste ... Ich werde warten.“ Sehr hart konnten

die hübschen blauen Augen plötzlich blicken.

„Wie Sie wünschen ...“

Die Tür schloß sich hinter ihrer hageren Gestalt, noch ehe Gaudlitz die

grüßend geneigten Schultern erhoben hatte.

Karla vollendete hastig ihr Ankleiden. Die kleine Wasserlache stand

noch immer auf dem Teppich, umgeben von Glasscherben, und die schönen

sanften Teerosen lagen von Schritten verschleppt und zertreten herum ...

„Nicht angesteckt die Rosen?“ war Gaudlitz’ erste Frage, während er

ihre Hand an die Lippen zog.

„Bitte nicht fragen ... ich war so ungeschickt ... oder vielmehr nein

... so wütend war ich ... bitte, bitte, nicht davon sprechen.“

Er fühlte ihre Erregtheit heraus, und sie tat ihm plötzlich so leid,

als hätte er alles aus ihrem Munde vernommen, was er sich ganz

allmählich zusammenreimte.

„Nein, nein ... liebe gnädige Frau ... nicht fragen und nicht reden.

Sie sind da und sehen wunderschön aus ... mehr will ich gar nicht

wissen.“

Vor dem Hause stand sein Auto. Auf dem Rücksitz lag ein großer Strauß

glutroter Rosen, mit breiter Schleife.

„Vom Komitee ...“

Stumm saßen sie nebeneinander. Gaudlitz wußte, daß man Sängerinnen

vor ihrem Auftreten Ruhe gönnen muß. Aber plötzlich brach Karla

das Schweigen, wie aus einem langen Gedankengang heraus: „... und

die wunderbare kleine Vase habe ich auch auf den Boden geworfen ...

Scherben sind alles, was geblieben ist ... Ich könnte mich -- ja

wirklich, ich verdiene Ohrfeigen ... aber ich war immer so ... Wenn

mich der Zorn packt, dann -- Wissen Sie, Graf, ich glaube, das ist

eben, wenn man zu früh aus dem Elternhause kommt ... So, was man

Erziehung nennt ... das habe ich eigentlich nie recht gehabt. Erst

später ... da haben sie alle an mir herumerzogen ... aber das nützt

dann wohl nicht mehr viel ... Darum darf ich ja auch mein eigenes Kind

nicht erziehen ... vielleicht kann ich’s auch wirklich nicht ... es

ist doch furchtbar schwer, scheint es ... Selbst die besten Mütter ...

wissen Sie, so die bürgerlichsten, meine ich ... selbst denen gelingt’s

nicht immer ...“

„Sie haben Ihr -- Schmerzchen heißt es doch? -- das haben Sie wohl

+sehr+ lieb?“

„Ob ich das liebhabe!“

Ihre Augen waren plötzlich wieder feucht. Er sah sie von der Seite

an und sagte: „Sie sind so wie Ihre Stimme. Alles Empfinden quillt

so natürlich aus Ihnen heraus. Meine Schwester wird vernarrt in Sie

sein. Wenn sie nicht den Reichenberg geheiratet hätte, sie wäre gewiß

auch zur Bühne gegangen. Sie hat lange Jahre bei der Marchesi in Paris

studiert ... ist durch und durch Künstlerin. Alles, was Ruf und Namen

in Wien hat, verkehrt bei ihr.“

Er brach ab und fragte unvermittelt: „Wird von Ihrer Familie jemand in

der Philharmonie sein?“

„Mein Mann sollte kommen und mein Schwager mit Frau und Tochter ... ich

habe ihnen die Freikarten gegeben. Aber -- heute kommen sie gewiß nicht

...“

Als Karla, von warmem Beifallsrauschen empfangen, das Podium betrat

und ihre Augen über das Publikum flogen, setzte ihr Herz plötzlich im

Schlagen aus. In der sechsten Reihe hatte sie Alwin Maurer und Vicki

erblickt. Vicki war sehr blaß und hatte dick geschwollene Lider. Ihre

Augen jagten unstet die Reihen entlang; sehr oft wendete sie den

Kopf, um hinter sich zu sehen. Alwin Maurer hatte die Hände mit dem

Programm übereinandergelegt. Sein Gesicht war ruhig und drückte nur ein

freudiges Vorgenießen aus. Unter den Herren, die sich seitwärts an den

Logen drängten, stand Bodo Völkel. Er war kaum zu erkennen, weil er

sich den spitzen, dünnen Schnurrbart hatte abnehmen lassen. Jetzt trat

die harte, verbissene Linie seiner Lippen erst recht hervor, aber das

Gewöhnliche, vor dem Karla eine starke, unbewußte Abneigung hatte, war

verschwunden.

Karla hatte an diesem Abend ihren größten Erfolg in Berlin. Immer und

immer wieder rief man sie heraus, brüllte ihren Namen.

Gaudlitz, umringt von einigen seiner Freunde aus dem Automobilklub,

fachte das Feuer der Begeisterung immer aufs neue durch dröhnendes

Klatschen an. Sie sollte mal eine recht große Freude haben, die Karla

König!

Und wie sie herauskam -- nichts Gemachtes, nichts Hoheitsvolles

-- auch nichts Herausforderndes war an ihr. Ein einfach lieber

Mensch kam daher, der dankbar war für die Begeisterung, die man ihm

entgegenbrachte ...

So empfand es auch Alwin Maurer und konnte es doch nicht über sich

gewinnen, ihr zuzuklatschen wie ein Fremder.

Vicki stand abgewendet vom Podium -- ihre Augen suchten in all dem

Lärm und Rufen und Klatschen nur einen. Mochte die Mutter -- wenn sie

erfuhr, daß sie mit dem Vater zum Konzert gegangen war -- sie schelten,

sie schlagen, diese eine letzte Gelegenheit, ihn zu sehen, mit ihm zu

sprechen, mußte sie ergreifen. Ein letztes, einziges Mal mußte sie sich

an ihn klammern, ihn an ihre Liebe erinnern ... Was wußte sie auch mit

ihren achtzehn Jahren von Männern, die für den Hund des Nachbarn mehr

Gefühl haben als für die Frau, die ein abgeschlossenes Kapitel in ihrem

Leben bedeutet!

Sie stieß und ruderte sich hindurch zwischen den vielen Menschen, wie

geschützt durch den Aufruhr der Begeisterung, durch den tosenden Lärm.

Und nun stand sie vor ihm.

„Bodo ...“

Flammender Zorn brach aus seinen dunklen Augen.

„Was wünschen Sie ...?“

Sollte das nie aufhören -- nie? Sollte sie immer das Recht haben, ihn

aufzuspüren? -- War das der Dank für die Schonung ... den letzten

liebevollen Brief? -- Was wollte, was hoffte, was glaubte sie? Hatte

er ihr nicht hundertmal das Einmaleins des Lebens vorgerechnet, hatte

er ihren Zärtlichkeiten nicht gewehrt bis zur äußersten Möglichkeit

-- mußte er eine Ballbekanntschaft, ein paar Stelldicheine, ein paar

leichtsinnige Liebesworte büßen bis an sein Lebensende? -- --

„Was wollen Sie noch?“ fragte er rauher, roher noch als das erstemal.

Da senkte sie den Kopf und faltete stumm die Hände, lieferte sich ihm

aus, seinem Zorn, seiner Rache -- ergeben, bedingungslos.

Ein Zittern überflog seine Gestalt, seine Nägel krallten sich in

seinen Handrücken ein. Keine schamlose Maitresse, keine aufdringliche

Liebeswerberin stand da vor ihm -- ein junges, keusches Geschöpf, ein

kleines, hilfloses Mädchen, das ihm noch einmal sein Herz hinhielt,

sein zuckendes, blutendes Herz ...

„Du wolltest meine Briefe nicht mehr öffnen -- darum mußte ich dir’s

sagen: meine Mutter hat deinen letzten Brief gefunden ... Ich weiß

nicht, was jetzt werden soll ...“

Kalter Schweiß trat ihm auf die Stirn, und einen Augenblick war es ihm,

als müßte er sich hier, mitten unter den Menschen, auf sie stürzen.

„Du solltest doch ... keinen Brief solltest du nach Hause mitnehmen ...

Ich habe es dir doch verboten ... verboten ...“

Er schrie es fast laut heraus. Er hätte sie geschlagen, wenn sie

irgendwo allein einander gegenübergestanden hätten.

Sie schüttelte den Kopf.

„Ich konnte es nicht ... ich hab’ sie alle ... deine Briefe ... deine

lieben Briefe ... Keiner fehlt ... Jetzt werden sie verlangen, daß du

mich heiratest ... aber ich werde ...“

Er packte sie am Handgelenk, sah ihr in die Augen, haßerfüllt.

„Ich werde ‚nein‘ sagen,“ kam es mühsam über ihre Lippen, „das

verspreche ich dir ... nein ... du sollst wissen, daß ich dich wirklich

liebhabe ... wirklich ...“

„Pssst ..!“

Ein paar Leute drehten sich nach ihnen um.

„Rücksichtslosigkeit ...!“

Vicki blieb wie erstarrt, mit halbgeöffnetem Munde stehen. Nichts,

was das Leben ihr auch bieten oder versagen würde, konnte der Tragik

und Größe dieses Augenblicks gleichkommen. Mit achtzehn Jahren hatte

sie den Gipfel all dessen überstiegen, was es für ein Frauenleben an

Heldentum und Demut gab!

Oben auf dem Podium sang Karla König ein süßes Wiegenlied. Sie hatte

gelernt, Lieder singen -- den Frauen wurden die Augen dabei feucht.

Vicki war es, als hielte sie dort oben ihr Herz in ihren Händen, als

wiege sie es ein: „Schlaf, mein Kind, schlaf ...“

Als sie aufblickte, war Bodo Völkel verschwunden. Da fiel sie hin,

zwischen die Stühle und Menschen -- ganz lautlos und bescheiden. Der

Vorhang hatte sich über dem größten Akt ihres Lebens gesenkt. -- --

Karla war durch kein Toben mehr zum Wiedererscheinen zu bewegen. Vom

Podium aus hatte sie das Zusammensein Vickis mit Bodo Völkel und ihr

Umsinken bemerkt.

„Die Tochter meines Schwagers ist ohnmächtig geworden ... mein Schwager

... ja, dort in der sechsten Reihe ... der Herr im Gehrock mit dem

kurzen, blonden Bart und dem welligen Haar ... kleine Glatze, ja ...

Das junge Mädchen liegt dort auf den Treppenstufen ... ich fahre gleich

mit ihnen nach Hause.“

Gaudlitz lief zu Alwin Maurer, setzte ihn mit wenigen Worten von dem

„kleinen Unfall“ in Kenntnis, lief zu Vicki, die mit gelösten Zöpfen,

totenblaß, wie aus einem tiefen Schlaf erwachend, um sich blickte, und

führte sie aus dem Saal.

In seinem Wagen fuhren Alwin Maurer, Karla König und Vicki nach der

Motzstraße. Karla hatte den Arm um Vicki gelegt und ließ die jungen,

heißen Tränen auf ihre Spitzen, auf den prächtigen Goldbesatz ihres

weißseidenen Kleides tropfen.

„Was ist denn geschehen ... was ist denn los mit dem Mädel?“ fragte

Alwin Maurer.

Karla winkte ab -- und so bittend war der Ausdruck ihrer schönen

braunen Augen, daß er verstand. Nur um einen Schatten blasser wurde

er. Und er dachte, wie seltsam es doch war, daß alles bei ihm zu Hause

an ihm vorbeilebte, daß sich Schicksale wendeten, ohne daß er auch nur

ahnte, wie viel seine Nächsten der Vorsehung ins Handwerk pfuschten ...

Adele stand drohend wie ein Strafgericht im Vorzimmer. Zornbebend,

hämisch brach sie aus:

„So ... das Fräulein amüsiert sich noch an einem Tage wie heute? ...

Das ist ja ...“

Sie stockte, als sie Vickis Gesicht sah.

„Na ... na ...“

„Sei gut zu ihr ... Adele ...“

Alwin Maurer brachte Karla zurück an den Wagen.

„Willst du mir nicht sagen ...“

Karla schüttelte den Kopf; auch sie sah blaß und zu Tode erschöpft aus.

„Was ist da zu sagen, mein guter Alwin ... Die eine trifft’s früher,

die andere später -- Kummer und Tränen hängen wohl immer an so was, und

wer es gut meint, der rührt nicht daran!“

Alwin Maurer war hellhörig geworden in der letzten Zeit. Erschreckt

blickten seine fettumpolsterten Augen aus dem grauweißen Gesicht.

„Karla!“ ...

Sie hüllte sich fester in ihren Pelz und warf sich zurück in das Dunkel

des Wagens. Sehr langsam, mit tief gebeugtem Haupt, stieg er die Treppe

wieder hinauf.

Da fuhr sie nun, die große Karla König, der Tausende eben zugejubelt

hatten, die große Primadonna, der die Pferde ausgespannt worden waren

und auf die ein Regen von Gold und Edelsteinen niedergerieselt war

... fuhr nach Hause, einsam, mit schmerzlichen Gedanken, in ihre

kleinbürgerliche Wohnung, in der sie sich nie heimisch fühlte, zu einem

ewig schulmeisternden Mann, zu einem Kinde, das eifernde Herrschsucht

ihr fernhielt, zu Sorgen aller Art, die sein -- Alwin Maurers -- Haus

ihr noch aufgebürdet hatte ... saß in dem Wagen eines fremden Mannes,

der ...

Alwin Maurer fuhr sich erregt durch sein stellenweise schon graublondes

Haar. Er hatte den Blick des Mannes aufgefangen, als er Karla in den

Wagen geholfen hatte ... und ihren Blick ... so vertrauend und dankbar

und lichterfüllt ... Nein, nein ... wer es gut meinte, der rührte nicht

daran ... nie ...

Und jetzt erst fiel ihm Vicki ein -- Aber die war ja noch so jung

... und sie war Adelens Tochter ...! Ernstlich um sie bangen, das --

brauchte er wohl nicht ... ein kleiner Liebeskummer.

Er zog die Wohnungstür hinter sich zu -- ganz leise. Wenn Adele heftig

zu dem Mädel wurde, dann ... dann war er auch noch da ... Aber es

war still im Gang. Er lauschte an Vickis Zimmertür, hörte leises,

ersticktes Schluchzen und die Stimme seiner Frau:

„... So sei doch vernünftig ... es wird ja alles gut ... wozu bin ich

denn da? ... Alles wird gut ... das mach’ ich schon!“

Da huschte ein blasses Lächeln über sein Gesicht. So ähnlich hatte wohl

auch Adelens Mutter einst gesprochen. Es blieb immer dasselbe Lied ...

Um Vicki brauchte er sich keine Sorge zu machen!

[Illustration]

Sechs Wochen nach diesem Abend sollte Vicki Bodo Völkels Frau werden.

Sie hatte nicht viel gefragt, wie dieser Umschwung gekommen war --

vielleicht hatte sie im tiefsten Grunde ihres Herzens nie einen anderen

Ausgang erwartet ... Sie war drei Tage so krank gewesen -- das hatte er

wohl erfahren und war gekommen, sein Unrecht gutzumachen. Vicki glaubte

noch an die Romantik der Krankheit! Bodo Völkel widersprach nicht,

und die Mutter ließ sie bei ihrem Wahn. Alwin Maurer zeigte einen

Nachhilfekursus für Reifeprüfung an, ließ sich Privatschüler empfehlen.

Adele war bereit, zwei Knaben als Pensionäre bei sich aufzunehmen. Aus

dem Alleinbleiben mit ihrem Mann wurde nun nichts, und die Arbeit im

Hause vermehrte sich -- aber mit Hilfe des Bruders ließ sich die neue

Wirtschaft einrichten und stützen.

Karla hatte den Erlös eines viermaligen Gastspiels in Leipzig und eines

zweimaligen in Hamburg ihrem Manne eingehändigt -- für Vicki. Ihre

Sommererholung, deren sie dringend bedurfte, wollte sie auf drei Wochen

in einem kleinen Ostseebad beschränken.

„So wird es schon gehen“, meinte sie.

Altmann war sehr bewegt.

„Meine liebe Karla ... mein liebes Kind ... glaube mir, wenn es nicht

so ernst wäre, nie hätte ich gestattet -- nie, daß neue Ansprüche

an dich herantreten. Aber, nicht wahr ... wenn es die eigenen Leute

betrifft -- einer für alle, alle für einen ... daran habe ich immer

festgehalten, und das wollen wir auch weiter so befolgen.“

Sie nickte hastig, wurde rot, winkte ab.

„Ja ... ja, natürlich ... sagt es nur Alwin nicht ... dem ist es

peinlich.“

Luise bestand darauf, daß man das Brautpaar mit den Eltern zu Tisch

lüde.

„Wenn du meinst ...“, sagte Karla.

Ihr war auch manches peinlich, aber sie wagte sich nicht vor damit.

Es ging alles leichter, als sie gedacht hatte. Vicki war glücklich

und ungewohnt still. Selbst Fritz traute sich mit seinen kleinen

Anrempeleien nicht an sie heran. Völkel war höflich, beschränkte

seine Worte auf das Nötigste und zuckte kaum merklich mit den Brauen,

wenn Vicki nach seiner Hand griff. Er träumte von Palästen und mußte

aufmerksam zuhören, wenn die Schwiegermutter ihm die Vorteile der von

ihr gemieteten Dreizimmerwohnung pries.

Fritz fand den Schwager „schneidig“. Der hatte Haare auf den Zähnen!

Die „Weiberwirtschaft“ zu Hause hatte ihm schon lange nicht gefallen.

Vicki würde er „Kandare reiten“ ...

Einige Tage vor der Hochzeit kam Adele, die telephonisch erfahren

hatte, daß Karla noch auf der Probe war, an den Bühneneingang. Sie sah

sehr geschäftig und geheimnisvoll aus.

„Ach, höre mal, Karla, ich habe eine kleine Bitte an dich.“

Karla war abgespannt und lächelte müde. „Ja ... also, Adele, was soll

es ...?“

Sie schritt, trotz Müdigkeit, ihrer Gewohnheit nach rasch aus in dem

sandfarbenen Schneiderkleid, unter dessen Jacke eine weiße Batistbluse

hervorquoll. Ein flotter, einfacher Frühlingshut saß schräg auf ihrem

dunklen Haar. Wenn sie ging, raschelte das seidene Futter, und ihr

goldenes Täschchen mit den vielerlei Anhängseln, das Geschenk einer

in Brasilien ansässigen deutschen Kolonie, glitzerte in dem warmen

Gefunkel der Sonne. Wie sich die rausgemacht hat, dachte Adele. Ein

klein wenig Neid lag stets auf dem Grunde ihres Wesens gegen alles, was

sie überflügelte.

„Ja also, folgendes. Aber -- dein Wort darauf, es bleibt unter uns

zweien -- dein Wort?“ ...

„Gewiß ... gern ... mein Wort.“

Karla mußte jetzt lächeln über das ehrenwörtlich gehütete Geheimnis

zwischen sich und Adele ... Aber als Adele ihre Bitte nannte, kurz

fordernd, da verfärbte sich Karla. Es war wirklich eine Zumutung! Sie

sollte Gaudlitz -- „du kennst ihn doch so gut“ -- sollte ihm Bodo

Völkel als „selbständigen Baumeister“ empfehlen. Gaudlitz hatte ein

Grundstück gekauft in den westlichen Ausläufen Berlins; ob ein Haus da

erstehen sollte, ob ein Sportplatz -- das wußte noch niemand, aber die

Gelegenheit war gegeben, und Karla durfte nicht zögern.

„Du kannst dir denken ... da warten alle möglichen Leute darauf ...

Bodos Chef glaubt natürlich, es kann ihm nicht entgehen. Aber er ist

ein widerlicher Ausbeuter ... wenn Graf Gaudlitz den mit den Plänen

beauftragt ... Herrgott, Karla, so mach’ doch kein Gesicht, als wenn

du vom Mond herunterfielest! ... Bei euch ist es doch gerade so --

einer empfiehlt den anderen. Du säßest doch auch nicht hier an der

Königlichen, wenn ...“

Adelens Stimme wurde weinerlich. Das war etwas Neues an ihr. Da

spielten ihr die Nerven mit, oder es hing wirklich ihre letzte Hoffnung

daran. Adele sprach von ihrem Alter, von Alwins Gesundheit.

... Da hatte sie gehofft, ein bißchen ausruhen zu können -- und nun

prasselten wieder neue Sorge, neue Arbeit auf sie herab! Karla hatte es

gut gehabt, hatte Isoldchen zu ihnen gegeben und war dann frei gewesen

wie ein Vogel in der Luft, hatte ganz sich selbst leben, hatte tun

können, was ihr gefiel .. Alwin und sie aber -- sie schleppten an der

Karre jahraus, jahrein ... Fritz ... ja, gewiß ... es war damals sehr

gut und lieb gewesen vom Bruder und ihr. Aber wenn sie nicht gewesen

wären, dann hätte der Junge sich eben doch bescheiden müssen und wäre

nicht daran gestorben! Mit Vicki aber war es etwas anderes! Da handelte

es sich um Schicksal! Sie beneidete das arme Kind nicht, wenn ihr Mann

nicht vorwärtskam! Ihr würde er alle Schuld aufbürden, sie als eine

„Kugel an seinem Bein“ betrachten! Und wenn sie es nicht mehr tragen

konnte -- was dann? ... Dann flüchtete sie zurück ins Elternhaus, mit

einem Kind oder zweien! Und dann waren die Sorgen wieder da -- größer,

schrecklicher denn je! ... War es denn gar so schwer, einen Freund um

etwas zu bitten, wenn davon das Schicksal der nächsten Angehörigen

abhing?

„Du brauchst ihm doch nur einen Brief zu schreiben, Karla, ich begreife

dich nicht ...“

Karla blickte geradeaus, und ihr Herz schlug plötzlich wieder in

kleinen, trockenen Schlägen.

„Was Ernst ... was Luise dazu sagen werden ...“

Adele hakte sich ein, hielt Karlas raschen, gleichsam fliehenden Gang

zurück. Sie sprach leise und vertraulich.

„Ich sagte doch schon, Karla ... das bleibt unter uns zweien. Denk,

wie peinlich wäre es für Bodo, wenn alle darum wüßten! Er hat so

entsetzlich viel Ehrgeiz und Eigenliebe -- er ist ein so schwieriger

Charakter!“

Schwer hing Adele an Karlas Arm. Wie ein Sinnbild war es.

Kraftwagen sausten an ihnen vorüber, Menschen stießen und schoben sich

an ihnen vorbei. Die Bäume knospten hell unter dem blaßblauen Himmel,

zwischen den hellen Häusern. Karla blieb stehen und atmete die kühle,

leicht durchsonnte Luft ein, wie einen Labetrunk.

Wie hatte sie sich dort drüben nach dem ersten deutschen Frühling

gesehnt -- eintrinken hatte sie ihn wollen, in jauchzender Freude, wie

die gesegneten Jung’ Frauen ihn eintranken in fröhlichem Reigen auf dem

Bilde des Botticelli ...

„So denk doch ein bißchen an uns, Karla ... haben wir es nicht um dich

verdient?“

„Doch, ja ... ich ... werde schreiben ... ich verspreche dir’s.“

Es kam ausdruckslos, matt von Karlas Lippen.

Sie standen vor einem großen Café, dessen breite Fensterscheiben schon

sommermäßig herabgelassen waren. Adele drängte Karla in den Eingang, an

einen der runden weißen Tische.

„Am besten, du schreibst jetzt gleich ... dann ist es abgemacht, und

niemand weiß etwas außer dir und mir.“

Sie bestellte etwas zu trinken, eine Mappe und Schreibzeug.

„Auf dem Briefbogen? ... Das geht doch nicht ...“

Es war ein letzter schwacher Einwand. Adele nahm aus ihrem Täschchen

einen bereits gefalteten Briefbogen im Umschlag. Sie hatte an alles

gedacht! Karla schrieb, zögernd, förmlich und kindlich in ihren

unausgeschriebenen, naiven Schriftzügen.

Die Nachschrift fehlte nicht, die den ganzen Brief umwarf, in dem sie

Bodo Völkel als einen der talentvollsten jungen Baumeister empfahl,

für dessen Empfehlung er ihr noch dankbar sein würde: „... ach bitte,

lieber Graf Gaudlitz -- lassen Sie ihn kommen und geben Sie ihm etwas

zu tun, er heiratet meine Nichte, und sie sind beide ganz arm. Wo die

Krippe leer ist, da beißen sich die Pferde ... Ich habe große Sorge um

meine kleine Nichte ... wissen Sie noch, das hübsche blonde Mädchen,

das in der Philharmonie ohnmächtig geworden ist? ...“

Karla las von ihr Geschriebenes nie nochmals durch. Hastig schob sie

den Bogen in den Umschlag ...

„Ja ... aber die Adresse ...“

Die Primadonna · 第 25 / 51 题