Am Abend entwickelte Altmann seinen neuen Plan vor Karla. Sie saß in
seinem Zimmer, in einem der bequemen, weichen Sessel, häkelte mühsam an
einer roten Bettdecke für Schmerzchen und zählte nun schon zum fünften
Male die Maschen. Sie mußte ihrem Kinde etwas arbeiten. Luise und Adele
taten sich gar zu viel darauf zugute, daß Schmerzchen Höschen und
Röckchen und Jäckchen von ihrer Hände Arbeit trug. Da hatte ihr Pauline
eines Tages ein ganz einfaches Muster angefangen.
„Immer lang, junge Frau, einmal hin und einmal zurück. Daran können Sie
ein Jahr häkeln. Je größer die Decke wird, um so besser. Und immer an
was Freundliches denken dabei, damit’s dem Mädelchen Glück und Wärme
bringt.“
Karla arbeitete sehr eifrig in den freien Abendstunden. Und immer
dachte sie an etwas „Freundliches“: an ihr erstes Auftreten als
Elsa, an wundersüße Teerosen, die sie in einer Vase aus Kopenhagener
Porzellan bekommen hatte -- ohne Karte, so daß sie gar nicht zu wissen
brauchte, von wem sie kamen; an einen himmelblauen Sonntagmorgen,
da sie mit Schmerzchen und Alwin Maurer nach Wannsee hinausgefahren
war, um sich Bewegung in frischer Luft zu machen; an einen lebhaften
Gruß aus einem vorbeisausenden Auto ... An eine Begegnung dachte sie
im Tiergarten und an eine zweite bei Schulte, wohin Alwin Maurer sie
geführt hatte; wie die Vorstellung gewesen war: Graf Gaudlitz --
~Dr.~ Alwin Maurer, und wie Alwin sie fast angstvoll unter den
Arm genommen und sie dann weitergegangen waren zu dreien ... an den
besten Bildern vorbei ... in hastigem, immerzu stockendem, immer wieder
aufflackerndem Geplauder, bis Alwin sagte: „Du wirst wohl nach Hause
müssen, Karla“, und Gaudlitz ihre Hand an die Lippen zog -- ihren
dummen weißen Handschuh küßte ...
Karlas Häkelnadel blieb in der Luft hängen ... nein, daran durfte sie
wohl nicht denken, daran nicht ...
„Hörst du zu, Karla?“ fragte Altmann ein bißchen ungeduldig, weil sie
so stumm blieb. „Dramatischen Unterricht will ich geben ... hier, bei
mir ...“
„Ja ...,“ fiel Karla verwirrt ein, „... ja ... das ist sehr schön,
Ernst ... ich freue mich sehr ...“
Altmann zuckte die Achseln und wendete sich ernüchtert ab. Mit Karla
war nicht ernsthaft zu reden. Es war nur gut, daß er Luise hatte! Adele
würde sicher auch einverstanden sein!
Altmann setzte Ankündigungen in der Zeitung auf. Ein
Konservatoriumsleiter, der wußte, daß Karla König Altmanns Frau
war, und der sich für seine Gesangschülerinnen einen Vorteil von
der Verbindung versprach, meldete sich als erster und verpflichtete
ihn für seine Lehranstalt. Allmählich kamen auch Privatschüler. Die
Honorarsätze reichten bei weitem nicht an das heran, was Altmann
erwartet hatte -- immerhin, er verdiente. Und um Karla nicht bei ihrem
Partienstudium und ihren Übungen zu stören sowie selbst nicht gestört
zu werden, ließ er an alle Türen dicke Vorhänge anbringen, die jeden
Schall dämpften.
Leise, fast unhörbar glitt Luise in der Wohnung umher. Ihr Klopfen
wurde durch die Vorhänge wirkungslos, und sie stand oftmals wie ein
Gespenst, ganz unvermutet, im Musikzimmer.
Karla fuhr zusammen.
„Ja ... was ist ... was wünschest du?“
Es war immer ganz Nebensächliches, Unwichtiges -- Karla aber klopfte
das Herz bis in den Hals, und sie dachte manchmal daran, sich
einzuschließen. Aber das wagte sie doch nicht.
Ihr Verkehr brauchte wahrlich nicht unter Aufsicht zu stehen. Wer
kam denn zu ihr? Der kleine Goldbeck allenfalls -- ihr Korrepetitor,
der von irgendwo an der russischen Grenze eingewandert war, sich
durchgehungert, durchgebettelt hatte, voll Musik in Kopf und Fingern
steckte, sich scheu an der Hochschule hatte vorbeidrücken müssen,
weil er weder Geld noch Zeit noch Freunde gehabt hatte; der, was er
konnte, gleichsam mit der Luft eingesogen hatte, die ihm aus den Toren
zuströmte, hinter denen Musik gemacht wurde.
Kam noch Vicki, mit ihrem Bodo Völkel in jedem ihrer Seufzer, jedem
Augenaufschlag, oder Fritz mit seinem Kadettenüberschwang oder Alwin
Maurer ...
Der kam freilich öfter, als sie je geglaubt hätte, der liebe, gute
Alwin, nahm sich ihrer „gottssträflichen Unbildung“ an, wie Luise
sagte. Was ihr nicht angeflogen war, das wußte sie nicht, und von dem
bißchen Schulbildung hatte sie auch mehr vergessen, als behalten.
Es war Alwin Maurer eine innige Freude, sie mit Büchern zu versorgen,
deren bedachtsam und liebevoll gewählte Reihenfolge Karlas Wissen
erweiterten.
Noch dämmerhaft zwar, aber doch mit starkem Instinkt begann sie den
Zusammenhang zu fühlen, der alle Künste als die Ausstrahlung eines
einzigen großen, schöpferischen Gedankens vereinigte, und ein ihr noch
ganz neues Gefühl für das Schöne in jeder Art und äußeren Gestalt regte
sich lichtstrebend aus dem Dunkel ihres unentwickelten Geistes.
~Dr.~ Alwin Maurer aber vermeinte, so einen Teil der Dankesschuld
abzutragen, die das rücksichtslose Fordern seiner Frau auf ihn gehäuft
hatte. -- -- --
[Illustration]
Karla feierte Weihnachten mit ihrem Kinde.
Hatte es feiern wollen -- aber so ein kleines Wurm verschwand ja
unter den vielen Großen. So sah sie nur einen kerzenstrahlenden
Baum, eine lange, weiß gedeckte Tafel, auf der mit Tannenzweigen die
Geschenkplätze abgegrenzt waren, sah Haufen zerdrückten Seidenpapiers,
die erhitzten hageren Wangen von Luise, das gemessene Hin- und
Herschreiten Altmanns, Adelens neugieriges Herumschnüffeln, hörte
Lärmen und Lachen, das Hackenzusammenschlagen von Fritz und fühlte das
unablässige Umarmen von Vicki.
Irgendwo auf dem Teppich aber krabbelte Schmerzchen -- ernsthaft,
gesammelt, sehr bedacht, daß niemand ihr etwas von ihrem Spielzeug
nahm oder sie mit lästigen Fragen störte. Lautes Lachen, Kreischen und
Jubeln, wie Karla es erhofft hatte, hörte sie auch jetzt nicht.
„War das Christkindel nicht gut, Schmerzchen .... sag’, war es nicht
ein liebes Christkindel?“
Schmerzchen nickte. Schmerzchen hatte in ihrem kurzen, aber mit
tiefgründigen Betrachtungen erfülltem Leben bemerkt, daß die Großen
immer nur fragten, wenn sie eine Zustimmung erwarteten. Von Zeit zu
Zeit blickte Schmerzchen auf die Mama. Die Mama hatte ein weißes Kleid
an, mit vielen großen, schönen Löchern, unter denen es blau und grün
und rosa schillerte. Schmerzchen hätte gar zu gern ihre Finger in die
Löcher gesteckt -- immer so drei auf einmal ... Aber sie wußte, daß
es dafür Klapse gab. So beschloß sie, lieber der Mama den Rücken zu
kehren, um der Versuchung auszuweichen -- -- --
„Das ‚Liebesleben in der Natur‘ von Bölsche ... von wem hast du denn
das, Karla?“ fragte Adele und hob drei grau gebundene Bücher mit leisem
Ekel um die Mundwinkel in die Luft.
„Von Alwin ... warum?“
„Nichts ... ich meinte nur ...“
Und Karla hatte dem Schwager eine „großartige“ Büste von Nietzsche
geschenkt, als „dankbare Schülerin“ ...! Ein bißchen faxig war es zum
mindesten ...
Jedesmal, wenn Alwin an der Büste, die auf einem schwarzen Sockel
stand, vorbeikam, glitten seine Finger wie streichelnd über den weißen
Gips.
Der Papa war nicht zu bewegen gewesen, das Fest mitzufeiern.
„Weihnachten ... Stollen, Kerzen ... kenn’ ich, kenn’ ich ... Bin
große Familienfeste nicht mehr gewöhnt ... ta, ta, Kleine ... ein
andermal ..! Pauline macht mir einen polnischen Karpfen ... delikat
-- Bei Borchardt nicht besser ... dazu einen feinen Mosel ... Werde
auf dein Wohl trinken, Kleine ... um zehn kommt ein Klubfreund ... da
spielen wir noch eine, zwei Partien ... Pauline liest in ihrem neuen
Andachtsbuch -- weiß Elfenbein, bitte -- raschelt mit ihren gestärkten
Röcken ... mag ich gern hören, klingt so propper ... bringt uns was zu
knabbern -- ein Gläschen Grog ... ganz leicht ... einmal ist keinmal
... Vor dem Schlafengehen eine Patience ... zanke mich noch ’n bißchen
mit Pauline ’rum ... und dann in die Klappe. Tja ... und wenn ich dann
träume, daß meine Tochter eine große Primadonna ist ... dann war’s das
schönste Weihnachten, das ich mir wünschen kann! ...“
Und während des Lärmens um den feierlich strahlenden Baum, während
der Fragen und Ausrufe der Schwägerinnen, der geschwisterlichen
Anrempeleien von Fritz und Vicki, der tönenden Weisungen und Ansprachen
Altmanns -- sehnte sich Karla plötzlich in das stille, helle Zimmer des
Papa, an den runden Tisch unter der friedlich brennenden Lampe, um den
herum das „proppre“ Röckerauschen von Pauline einen altbackenen Duft
traulicher Gemütlichkeit verbreitete ...
Und doch sollte Karla an diesem ersten Weihnachtsabend in ihrem Hause
eine erste große Freude erleben.
Ein Wattebäuschchen, das als Schnee auf einem Tannenzweig lag, hatte
unbemerkt Feuer gefangen, während Karla „Stille Nacht, heilige Nacht“
am Klavier sang. Ein trockener Zweig flammte auf -- ein zweiter ...
Fritz bemerkte es als erster und stürzte an den Fernsprecher in
Altmanns Zimmer, um die Feuerwehr herbeizurufen, während alle sich, so
gut es ging, mit dem Löschen befaßten.
Karla riß vor allem Schmerzchen aus ihrem neuen hübschen Rohrsessel
auf, von dem sie wie aus einer Loge dem immer mehr um sich greifenden
Brand mit großen, glänzenden Augen hochbeglückt zugesehen hatte, ohne
auch nur im entferntesten daran zu denken, die Großen zu rufen, die ja
doch nur Störenfriede waren.
Als die Feuerwehr kam, war es höchste Zeit. Die Herren hatten die Tafel
und alle Möbel zur Seite gerückt, das weiße Laken fortgerissen, das das
Tannenkreuz zudeckte. Das Mädchen hatte Wassereimer angeschleppt, und
die Damen tauchten alles, was an Besen und Lappen vorhanden war, ein,
um den Baum zu nässen. Als der schwelende Rauch das Löschen kaum noch
möglich machte, ratterte die Feuerwehr heran.
Karla kümmerte sich um nichts. Sie hatte Schmerzchen ausgezogen
und streifte ihr unter tausend kleinen Neckereien und Küssen das
Nachthemdchen über den frisch abgeriebenen Körper. Schmerzchen hatte
selbst die abendliche Abreibung verlangt, hatte selbst Schwamm und
Seife angebracht, mit allerlei drolligen Belehrungen der Mama gezeigt,
wie sie es zu machen hätte. Und dann hatte Schmerzchen gelacht,
richtig gelacht wie andere Kinder, wenn das kalte Wasser ihr über das
zierliche Körperchen lief. Denn es war zum ersten Male lustig, dieses
„Abreiben“ -- nicht nur gesund, wie Tante Lis’ immer sagte. Und Karla
lachte mit, in aller Herzensseligkeit. Was scherte sie das Poltern
am Ende des Ganges, das Läuten der Feuerwehr ... das Schreien und
Türzuschlagen, was scherte sie der Brandgeruch, der sich leise bis ins
Hinterzimmer schlängelte -- mochte doch alles verbrennen dort drüben
-- die großartigen Speisezimmermöbel und die Vorhänge und ... das
ganze Zeug, an dem sie mit keiner Faser ihres Herzens hing! Sie hatte
ihr Schmerzchen im Arm ... und Schmerzchen lachte ihr zu und warf die
Ärmchen um sie ... und wenn die ganze Wohnung in Flammen aufging, dann
packte sie ihr Kind in die Decke ein und lief mit ihm hinunter auf die
Straße -- -- und zum Papa in das helle, stille Zimmer, legte es unter
die Bilder und Kränze und Schleifen und hütete seinen Schlaf eine
lange, wunderschöne Christnacht durch ...
So gut aber sollte es ihr nicht werden. Luise kam herein, abgehetzt,
noch zitternd an allen Gliedern.
„Wie das Eßzimmer aussieht ... Ernst muß morgen gleich zur
Feuerversicherung! ... Du hast das Kind zu Bett gebracht, Karla? Gut
... aber nun das Licht gelöscht ... raus, raus ...“
Und da Schmerzchen zum ersten Male ihr Recht an die Mama geltend machen
wollte, fuhr Luise sie an:
„Nicht unartig sein, Isoldchen ... gleich kommt der Weihnachtsmann und
holt sich alle deine Spielsachen. Na ... also ... Jetzt geh aber, Karla
... Du bist gerade so unvernünftig wie das Kind ...“
Am nächsten Morgen stand in einem viel gelesenen Blatte ein längerer
Aufsatz über den Brand im Hause der gefeierten Opernsängerin Karla
König, der nicht ohne Lebensgefahr gewesen wäre für die Primadonna und
ihre zahlreichen Gäste, die sich übrigens lebhaft an der Löscharbeit
beteiligt hätten und denen es, unterstützt von der herbeigeeilten
Feuerwehr, gelungen wäre, die Kostbarkeiten und wertvollen
Einrichtungsgegenstände den Flammen zu entreißen.
Am Nachmittag aber kam der Papa, sehr aufgekratzt. Karla öffnete ihm
selbst.
„Na, Kleine ... ist glücklich alles verbrannt?“
„Wie meinst du ...?“
Er griff mit komischer Verzweiflung an seinen silberweißen Kopf, als
er von Karlas Musikzimmer aus durch die offenen Türen die Wohnung
überblickte.
„Aber es steht ja noch alles da, Kleine ... um Gottes willen!“
Er fiel auf einen Stuhl nieder und tupfte sich mit dem weißseidenen
Tüchlein die Stirn ab.
„Da hatte ich alter Esel gehofft ... na ... Die Feuerwehr hätte ruhig
ein bißchen später kommen können.“
„Es wäre schade gewesen um den Bechstein“, sagte Karla, mit einem
Versuch zu lächeln ...
„Ja, um den allenfalls. -- -- Also ich sehe, es ist wieder alles beim
alten ... da kann ich gehen. Immerhin: Brand am Weihnachtsabend bei
Karla König ... machte sich ganz nett ... Das lesen mehr Leute, als
wenn was über deine Sieglinde drinsteht ... Wo ist übrigens Altmann?
Bei der Feuerversicherung ... ja ... natürlich. Pauline sagt, ich müßte
auch ... Sie nimmt sich ein bißchen viel heraus, die gute Pauline ..
Bin mein Lebtag ohne alle Versicherungen ausgekommen ... Was hätte ich
auch zu versichern? ... Ein bißchen Geschmack vielleicht ... der ist
nicht zu substanzieren. Also pa, Kleine ... halt’ die Fenster auf ...
es riecht noch eklig säuerlich in den Zimmern. Paß’ auf, daß der Geruch
nicht bleibt. Es gibt so Wohnungen ... Menschen auch ... und es ist
ansteckend -- paß’ auf ...!“
Es war merkwürdig: Karlas sehr ernste künstlerische Erfolge hatten
ihren Namen in Berlin weniger bekannt gemacht als die paar Löcher, die
ein flammender Tannenzweig in den Teppich gebrannt hatte. Ihr Name
wurde auch jenen geläufig, die das Opernhaus nur alle drei Jahre wie zu
einem Weihfestspiel betraten. Damen der großen Wohltätigkeit wurden auf
sie aufmerksam, baten sie um ihre Mitwirkung bei ihren Veranstaltungen.
Eines Tages brachte das Mädchen ihr eine Karte herein, bei deren
Anblick Karla alles Blut zu Kopf schoß. Sie wollte sich erst
verleugnen lassen, aber dann lief sie selbst auf die kurze, in einen
Gang auslaufende Diele hinaus. Es war lächerlich und unpassend. Aber
das fiel ihr erst viel später ein -- als sie schon mit Gaudlitz in
ihrem kleinen, kahlen Empfangszimmer saß und die seidenen Fransen der
ockergelben Tischdecke unruhig zusammenflocht.
Gaudlitz war gekommen, um sich ihrer Mitwirkung in einem großen Fest in
der Philharmonie zu versichern.
„Ich gehöre nun einmal zum Komitee -- und da konnte ich mir die Freude
nicht versagen, selbst zu Ihnen zu kommen und Sie sehr inständig zu
bitten ...“
Er brach ab, sah sie lachend an und wußte, daß er gar nicht viel zu
bitten brauchte.
Sie hatte keine Spur von Koketterie. Ganz offen leuchtete ihr die
Freude aus den Augen, ihm „ja“ sagen zu dürfen. Und nur, als er ihre
Hand dankend an die Lippen zog, da flammten ihre Wangen auf.
„Ach, lassen Sie das, Graf Gaudlitz, Sie haben gar nicht zu danken --
ich komme ja so gerne. Was wollen Sie, daß ich singe?“
„Am liebsten -- alles, was Sie können ... am liebsten hörte ich Sie
ganz allein ... den ganzen Abend. Ich werde gar nicht müde, Ihnen
zuzuhören. Ich habe schon meiner Schwester nach Wien von Ihnen
geschrieben. Meine Schwester ist dort an einen Fürsten Reichenberg
verheiratet. Er hat was zu sagen in der Wiener Hofopernintendanz.
Geben Sie acht -- es dauert nicht lange, und Sie bekommen einen
Gastspielantrag dorthin. Man will die Primadonna dort nämlich ein
bißchen kaltstellen und wird ihre erste Absage dazu benutzen, Sie
kommen zu lassen ... Also -- bereit sein, ist alles.“
„Wie ein Geschenk ist das wieder ... wie ein Geschenk“, murmelte sie
ganz ergriffen.
„Ein anderes darf ich Ihnen ja leider nicht machen ...“
Ihre Augen irrten, wie Beistand suchend, im Zimmer umher. Aber nichts
war ihr darin vertraut, nichts lieb -- nichts stützte oder hielt sie
gefangen. Wie in der Luft schwebte sie.
„Mein Mann gibt gerade Unterricht -- sonst ...“
Es war ihr letzter Rettungsanker.
Aber er stand auf. Gar nichts lag ihm daran, den Mann kennenzulernen.
Er konnte sich schon denken ... das Zimmer genügte: kahl, nüchtern,
bürgerlich sauber und solide. In diese spießbürgerliche Atmosphäre
wollte er sich nicht einspinnen lassen. Wollte auch sie nicht darin
sehen, deren Stimme ihm die reinsten und edelsten Freuden gegeben hatte.
„Empfehlen Sie mich bitte, gnädige Frau ... meine Zeit ist leider
beschränkt ...“
Sie verstand und hielt ihn nicht zurück.
Er verneigte sich kurz und tief. Sie blieb auf dem Fleck stehen, mit
herabhängenden Armen, neigte nur den Kopf zum Abschied und stand noch
so da, als die Eingangstür hinter ihm ins Schloß fiel.
Altmann aber war während des Unterrichts zufällig ans Fenster getreten
und warf gerade einen Blick hinaus, als Gaudlitz aus der Tür trat und
auf seinen Kraftwagen zuschritt. Seine Brauen zogen sich zusammen, wie
unter der Einwirkung eines plötzlichen kurzen Schmerzes. Der Schüler
säuselte gerade Romeos Liebeswerben ... Hundertmal hatte Altmann ihn
vorhin gerade an dieser Stelle unterbrochen -- jetzt sagte er gar
nichts, nickte nur, mit abwesendem Ausdruck in den Augen.
„Ja ... weiter ... weiter ...“
Als Luise wenige Minuten später mit Schmerzchen vom Spaziergang
heimkehrte und das Mädchen fragte, ob „was los gewesen wäre“, hörte sie
vom Besuch des Grafen Gaudlitz. Auch ihre Brauen zogen sich zusammen,
ähnlich wie die ihres Bruders.
Das Mittagessen verlief noch stiller als sonst, und Schmerzchen konnte
es nicht verstehen, warum die Mama manchmal so vor sich hinlächelte.
Denn Karla sagte kein Sterbenswörtchen -- weder vom Fest in der
Philharmonie noch von Wien. Einmal, ein einziges Mal wollte sie etwas
für sich allein haben, etwas, worauf sie sich ganz allein freuen, an
das sie ganz allein denken durfte.
[Illustration]
Adele hatte darauf bestanden, daß die Geschwister jeden zweiten Sonntag
in der Motzstraße speisten. Den nächsten Sonntag waren sie selbst in
der Landgrafenstraße.
„Man darf den Familienzusammenhang nicht verlieren.“
Vickis Seelenzustand jagte Adele die größten Besorgnisse ein. Vicki
hatte ihre frischen Farben verloren, Vicki war still geworden und hatte
oft rotgesäumte Augenlider.
Bodo Völkel hatte noch immer keinen Besuch in der Motzstraße gemacht.
Adele machte Karla eigentlich dafür verantwortlich. Karla hätte den
jungen Mann „ermutigen“ sollen. Es war heutzutage gar nicht leicht, ein
mitgiftloses Mädchen zu verheiraten!
Adele hatte Erkundigungen eingezogen. Völkel hatte einen reichen, sehr
klapprigen Onkel, einen Geizkragen, der sein Geld zusammenhielt. Aber
mitnehmen konnte er es doch nicht! Wenn er starb, war Bodo Völkel sein
einziger Erbe!
„Ekelhaft“, fuhr es Karla heraus.
„Was meinst du? Was findest du ekelhaft?“
„Auf den Tod eines Menschen zu spekulieren.“
„Du willst wohl sagen: damit rechnen?“ warf Luise scharf ein. „Das muß
man wohl, wenn man vernünftig ist.“
„Ja ... was wollt ihr eigentlich von mir?“
„Du hättest den jungen Leuten Gelegenheit geben können, sich zu
treffen, ganz unverbindlich für ihn natürlich, aber doch ... Du siehst
doch, er wagt es nicht, sich an die Eltern zu wenden! Da muß man eben
ein bißchen nachhelfen.“
Karla wollte sagen: Das brauche ich nicht, das besorgt Vicki schon
allein -- aber es kam ihr vor wie häßliche Angeberei. Es war ihr zudem
aufgefallen, daß der junge Architekt sich plötzlich zurückgezogen
hatte. Ein kurzer Neujahrsbesuch war alles gewesen, was der Sendung
seines Azaleentopfes gefolgt war. Vielleicht hatte er sich auch
erkundigt, vielleicht hatte er in Erfahrung gebracht, daß die große
Primadonna gar keine reiche Frau war, wie Vickis Wunsch es ihm
dargestellt hatte? ...
Adele aber schürte den Schmerz im Herzen ihrer Tochter, wußte längst
von den heimlichen Verabredungen, die sie noch vor kurzem gehabt hatte,
und den tiefen Enttäuschungen, wenn er einmal nicht gekommen war.
„Nur nicht tun, als ob ich wirklich etwas wüßte, Kind ... Erst, wenn
du seiner ganz sicher bist ... Es darf nicht aussehen, als ob du ihn
einfangen wolltest ... ja nicht! Die jungen Leute haben heutzutage
einen so entsetzlichen Freiheitsdrang! Die Verliebtesten wollen zart
und unmerkbar geführt werden ... aber es muß auch der Augenblick
kommen, da sie sich überzeugen, daß wir ihnen über alles gut sind. Das
wirkt dann und schläfert alle Bedenken ein.“
Frau ~Dr.~ Adele Maurer wäre aufs tiefste entrüstet gewesen, wenn
man sie schamloser Kuppelei bezichtigt hätte. Es war in ihren Augen nur
mütterliche Politik, die aus ihr sprach, Vorsorge, Angst um die Zukunft
der Tochter. Auch wie ein unbewußtes letztes Sehnen nach einer neuen
würdevollen Mutterschaft, die im Gebären der Tochter ein Wiederaufleben
längst vergangener Mutterfreuden feiert ...
Bodo Völkel hatte sich wirklich erkundigt, hatte wirklich die
Zwecklosigkeit seiner Werbung eingesehen. Sein flüchtiges Gefallen
an Vicki wäre schmerzlos verebbt, hätte sie nicht mit einer
Leidenschaftlichkeit, die er dem blonden jungen Ding kaum zugetraut
hätte, immer wieder den abreißenden Faden geknüpft.
Er brauchte nicht gleich anzuhalten, er brauchte die Tante nicht zu
besuchen -- er sollte ihr nur gut bleiben, sollte seine kleine, dumme
Vicki nicht fortschicken. Und er schickte sie nicht fort -- schon
weil er niemand hatte, der ihre Stelle einnehmen konnte. Er ließ sich
lieben, launisch, rücksichtslos, immer erfüllter von der Bedeutung
seiner angebeteten Männlichkeit. Er brachte es, ohne es eigentlich
zu wollen und mit den abgebrauchtesten Mitteln, dahin, daß Vicki wie
Wachs in seiner Hand wurde, sich willenlos fügte, beglückt von einem
freundlichen Wort, einer flüchtigen Liebkosung. Sie war -- das freilich
hatte sie der Mutter nicht gesagt -- mehrfach auf seinem Zimmer
gewesen, hatte wie eine kleine Hausfrau bei ihm Ordnung gemacht, Staub
gewischt, seine Schlipse gewendet, seine Wäsche geflickt. Alles mit
einem verschämt lachenden: „Aber, Bodo, das ist doch mein Amt ...“
Es kam vor, daß er ausgegangen war, gerade wenn sie ihm ihren Besuch
für eine bestimmte Stunde in Aussicht gestellt hatte, und er war oft
grob, wenn er zu Hause blieb und ihrem Treiben zusah. Aber dann fehlte
sie ihm wieder, wenn sie aus irgendeinem rein äußerlichen Grunde hatte
fernbleiben müssen, und er küßte sie fast leidenschaftlich bei der
nächsten Zusammenkunft. Sie war so frisch und jung wie eine Knospe, er
war von Ehrgeiz zerwühlt, vor Wut auf seinen Onkel erbittert, der ihn
alle Dürftigkeiten des Lebens auskosten ließ, von Gier nach Prunk und
Aufwand zerfressen.
Eines Nachmittags -- Vicki war seit Tagen blaß und stumm umhergegangen
-- fand Adele einen Brief, mit „Bodo“ unterzeichnet. Sie wurde sehr
bleich, als sie ihn gelesen hatte. Es war von Beziehungen die Rede, die
aufhören mußten, ehe etwas geschah, was er nicht gutmachen könnte. Sie
sollte tapfer und klug sein -- sie würde gewiß einen Mann finden, der
sie glücklich machte. Er könnte es nur aufs tiefste beklagen, daß die
äußeren Umstände usw. ...
Die Knie zitterten Adele Maurer. Dennoch fand sie die Kraft, ihrer
Vicki, die eben ins Zimmer trat, zwei schallende Ohrfeigen zu geben.
„Du ehrvergessenes Ding! Schande über dich ... pfui ...“
Vicki weinte nicht einmal. Sie warf sich auf ihr Bett und vergrub ihren
Kopf in den Kissen. Aber die Mutter ließ nicht locker. Wie mit eisernen
Zangen entriß sie der Tochter ihr tiefstes Geheimnis. Sie schreckte vor
keiner noch so brutalen Frage zurück. Sie fühlte als Mutter nur die
„heilige Pflicht“, alles zu wissen -- alles -- bis aufs letzte. Und
als sie es erfahren hatte, da wendete sie sich ab und atmete leise und
erleichtert auf. Sie hatte eine Waffe in der Hand. Der Mann entging ihr
nicht. Sie selbst hatte einst ihre Arme um den Studiosus Alwin Maurer
geworfen, ihre Tochter war nur weiter gegangen. Das war gewiß empörend,
aber wen ging das was an, wenn Vicki erst Frau Völkel war? Und sie
mußte es werden, mußte ...
Sie wollte erst zu ihrem Manne. Dann besann sie sich. Nein -- an dem
hatte sie keine Stütze in der Frage, an dem nicht. Das mußte in der
Landgrafenstraße durchgefochten werden. Karla war ja mit schuld an der
ganzen Sache! Hatte Blumen von dem Manne angenommen, hatte es gelitten,
daß Vicki mit ihm im Tiergarten herumspazierte vor ihrer Nase ...
Es war bereits sieben Uhr, als sie an der Klingel in der
Landgrafenstraße zog.
Karla saß im Schlafzimmer vor ihrem Ankleidespiegel und summte leise
ein paar Töne vor sich hin. Sie war so froh, in so seeliger Stimmung.
Heute war das große Fest in der Philharmonie -- Gaudlitz hatte drei
wundervolle Teerosen geschickt, „zum Anstecken“, in einem schlanken,
schillernden Tiffanyglas. Ihr süßer Duft erfüllte das ganze Zimmer wie
mit einem Vorahnen allerhand schönen Erlebens.
Karla hatte eben ihr neues Konzertkleid bekommen -- weiß mit gold. Sie
hatte kaum die Rechnung angesehen.
Für den heutigen Abend war ihr nichts zu schön, zu kostbar. Und ein jäh
aufsteigendes Erschrecken über ihren Leichtsinn beschwichtigte sie mit
einem: Für Wien brauche ich es ja doch ...
„Bildschön sehen gnädige Frau darin aus“, hatte ihr die große
Schneiderin gesagt.
Daran mußte sie jetzt denken, und wie ein hüpfendes helles Licht, so
spukte ein immer wieder auftauchendes Lächeln über ihr noch immer
junges, hübsches Gesicht, vertiefte die schelmischen Grübchen in Kinn
und Wangen, die ihm so leicht etwas Kindliches gaben ...