Mit einer sanften, fast demütigen Gebärde ergriff sie seine Hand, legte
sie an ihre feuchte -- nicht allzu feuchte Wange.
Wie gut war es von ihm, daß er zu ihr kam ... daß sie gerade an dem
Wendepunkt ihres Lebens nicht allein war ... So ein armes kleines
Mädelchen war sie ... und haßte diese braunen Affen, die ihr nichts zu
bieten hatten als Gold und Steine ... Denn ihre Liebe ... Was wußten
die von Liebe ...!?
Ihre Wange lag jetzt an seinem Rock, die feine Puderschicht auf ihrem
blassen Gesichtchen entwickelte in der frischen, kühlen Nacht einen
süßen, sinnverwirrenden Duft ...
Altmann streichelte ihre Wange, und wieder fühlte er den Druck
glühender Metallplatten an seinen Schläfen.
Er verlor den Boden der Wirklichkeit ... Was wollte denn das kleine
Mädchen, das seine Arme um ihn warf? ... Unten saßen Männer, die ihr
ein Vermögen boten; sie aber lief davon und wartete hier auf ihn ...
weinte um ihn! ... Wenn er ihr nur in ihrer Sprache sagen könnte, wie
dumm das von ihr war, wie strafbar ... ja -- strafbar ...
„Mariette ... Mariette!“ ...
Das Blut lief ihm aus dem Gesicht, sein Herz schlug hörbar ...
„~Je vous aime!~“ ...
Sie war verrückt ... Er legte ihr die Hand auf den Mund. Wenn Karla das
hörte ...
„Gehen Sie in Ihr Zimmer, Mariette ... Sie sind ... ~folle~ ...
~folle~ ...!“
Mariette lächelte still und sicher. Ein Mann, der Antwort gab, war halb
bezwungen. Sie strich ihm mit den Fingern über die geraden Brauen:
Er hob sie mit beiden Armen in die Luft, er schüttelte sie, wütend.
„Kleine, infame Kröte!“ ...
Er wollte sie in ihr Zimmer werfen wie einen Gegenstand. Da lagen
aber auch schon ihre beiden Arme um seinen Hals, und ihre schlanken
Bachstelzenbeinchen in den weißseidenen Strümpfen strampelten in der
Luft. Sie lachte ... ganz lautlos lachte sie ... Bog den Kopf zurück,
mit dem roten Schöpfchen; fein und weiß, vom Mondlicht umflossen,
leuchtete ihr Pariser Grisettengesichtchen. Die Nadeln fielen aus
ihrem Haar, und immer mit gleichem unhörbarem Lachen schlang sie es
um seinen Nacken. Betäubend stieg eine Duftwolke auf, leicht wie
Schmetterlingsflügel streiften warme, weiche Lippen sein Gesicht ...
Eine Nachtigall schluchzte auf; im Dunkel des Zimmers schwebten
Leuchtkäfer wie blinkende Sterne ...
Die Stimme der Nordeni erklang leise, gedämpft:
„Mariette, Mariette ...“
Ein Rolladen ratterte herab. Die Nordeni läutete dem schwarzen
Hotelmädchen, daß sie ihr beim Auskleiden helfen solle. Aber sie zuckte
zusammen, als die schwarzen Finger ihre Schultern streiften. Im Spiegel
sah sie die Augen des Mädchens: starr, glänzend, begehrlich auf den
Schmuck gerichtet. Ein Frösteln lief ihr über die Arme .. Nur das Kleid
ließ sie sich aufhaken, dann befahl sie dem Mädchen zu gehen und legte
ihre Hand über das Geschmeide, als bange ihr, die starren, begehrlichen
Blicke könnten die Steine aus ihrer goldenen Fassung reißen -- Die
echten und die falschen -- -- --
Gegen vier Uhr früh erwachte Karla. Sie war ausgeschlafen und munter,
gähnte und streckte sich wohlig unter der weißen Decke und dachte an
den heutigen Abend. Sie freute sich. Und weil die Freude sie nicht
mehr einschlafen ließ, drehte sie das Licht an, schlüpfte in ihre
Morgenschuhe und ging aufs Nebenzimmer zu. An der Tür stutzte sie.
Warum hatte ihr Mann sie zugemacht? Es war doch sonst nicht seine
Gewohnheit. Leise drückte sie die Klinke nieder. Flüsterte leise:
„Ernst ...?“
Sie blieb wie erstarrt auf der Schwelle stehen: der Rolladen war
hochgezogen -- das Zimmer leer, das Bett unberührt. Kühl wehte der
Morgenwind von den Bergen herein.
Sie riß die Decke vom Bett, wickelte sich ein und lief auf den Balkon.
Die Rolläden vor den Zimmern waren alle herabgelassen. Das Zimmer neben
dem ihres Mannes bewohnte die Koloratursängerin. Anschließend war ein
Schrank- und Kofferzimmer, ohne Rolladen, dann kam die breite Balkontür
der Nordeni -- sie beanspruchte für sich stets den schönsten Raum --
und nebenan als letztes das Zimmerchen von Mariette.
Auch hier war der Rolladen herabgelassen.
Karlas Zähne schlugen aneinander. Immer kälter fegte der Wind über die
Dächer, immer dichter jagte er die grauen Wolken aneinander. Einzelne
Tropfen schlugen schwer, in langen Abständen an die Rampe der Veranda,
auf deren Eckpfeilern Geranienbüschel ihre roten Blüten über die bunten
Steingutschalen neigten.
Plötzlich bückte sich Karla, und ihre bläulich angehauchten Lippen
wurden weiß. Sie hielt die kleine, goldene Schlipsnadel ihres Mannes
in der Hand -- einen Anker, mit einer kleinen Perle -- die sie ihm zu
seinem Geburtstage geschenkt hatte.
Hier, vor der Tür dieser Person! Karla hob die geballten Hände, als
wollte sie die Scheibe einschlagen. Dann fielen ihre Hände herab, fast
gegen ihren Willen. Krampfhaft hielt sie die Nadel in der Hand, ohne zu
merken, daß ihre Spitze sich so tief einbohrte, daß ein Blutströpfchen
an ihr hängen blieb. Sie legte die Nadel auf Altmanns Nachttisch und
sank auf sein Bett; ohne recht zu wissen, was sie tat, nahm sie ihren
Schuh in die Hand. Aber als sie ihn hielt, da wußte sie, daß, wenn ihr
Mann über die Schwelle trat, sie ihm den Schuh ins Gesicht schleuderte,
mitten ins Gesicht ... Und dann würde er wissen, daß es aus war
zwischen ihnen -- für immer aus ..
Regungslos wie eine Puppe saß sie da ... Sie fühlte keine Kälte, keine
Erschöpfung, hatte keinen Gedanken im Hirn und keine Überlegung.
Schneller folgten die Tropfen aufeinander, lauter schlugen sie auf, bis
es ein Prasseln wurde ...
Ein Rolladen wurde hochgezogen.
Karla schnellte auf. Ihr Herz schlug nicht mehr. Sie hörte Schritte ...
sie glaubte, sie zu hören, denn der Regen überlärmte alles ...
Karla lief in ihr Zimmer zurück, riegelte die Tür ab und warf sich
schluchzend auf ihr Bett.
Als Altmann seine Stube betrat, sah er nur eine weiße Decke auf der
Erde und auf dem Nachttisch die von ihm bereits vermißte Nadel ...
-- -- -- -- Um zehn Uhr erst ging Karla hinunter zum Frühstück. Sie
war zum Ausgehen angekleidet und hatte gerötete Augenlider. Da es spät
war, war sie die einzige im Frühstücksraum. Als sie ihr Ei aufgeklopft
hatte, kam Altmann, mit hochgeklapptem Mantelkragen.
„Rasch, Karla, ich bin mit dem Wagen draußen ... wenn du die Probe noch
mitmachen willst ...“
„Gewiß ... ja.“
Sie sah ihn nicht an. In ihrem Leben hatte sie sich nicht so geschämt.
Der Klang seiner Stimme, die ungewohnt rasche Art seines Sprechens
-- alles war gemacht, unnatürlich. Sie war bereit gewesen, alles zu
verzeihen -- jetzt stieg der Zorn wieder wie eine heiße, lodernde
Flamme in ihr auf, aber es mischte sich ihm etwas bei, was ihr neu war
an ihr selbst: Überlegenheit -- beinahe Verachtung.
„Ich bin fertig, wir können fahren.“
Auch ihre Stimme klang anders als sonst. Gemacht höflich, kühl ...
Sie erkannte ihn nicht und sich nicht. Und sie wußte, das würde nun
so fortgehen ... lange, lange Zeit ... daß sie miteinander sprechen
würden, mit falschen, fremden Stimmen ...
In diesem Augenblick kam Mariette herein. Offenbar hatte sie geglaubt,
Karla wäre nicht mehr im Hotel, denn sie blieb erst betroffen stehen
und wollte dann mit einem kurzen: „~Bonjour, Madame!~“ wieder
zurücklaufen.
„Ach bitte, einen Augenblick.“
Karlas Augen funkelten; ihr hübsches, rundes Gesicht war wieder rosig
überhaucht, wie vor einem großen Vergnügen.
Arglos trat Mariette näher, liebenswürdig lächelten ihre blutroten
Lippen.
Karlas Hände aber fielen blitzschnell auf die rechte und die
linke Wange der kleinen Pariserin, die, wie erstarrt über die ihr
widerfahrene Züchtigung, Karla mit ihren Augen nur so durchbohrte. Ihre
Lippen zuckten, ihr Unterkiefer bebte.
Altmann riß Karla mit sich fort:
„Was fällt dir ein? ... Wie benimmst du dich? ... Man muß sich ja
schämen .. in +meiner+ Gegenwart ..“
Karla befreite ihre Hand. Sie hatte ihr Mütchen gekühlt und war gleich
wieder mal bereit gewesen, alles zu verzeihen, sich im Wagen mit ihrem
Mann zu versöhnen. Seine Worte löschten alle ihre guten Vorsätze aus.
„In deiner Gegenwart nur? Schade ... ich wollte eigentlich vor dem
versammelten Personal ...“
Sie stieg in den Wagen. Altmann schlug heftig die Tür hinter ihr zu.
Sie sah, wie er mit aufgespanntem Regenschirm und hochgekrempelten
Beinkleidern neben dem langsam fahrenden Wagen herging, und wie das
Wasser bei jedem seiner Schritte patschend aufspritzte. -- --
Der Abend brachte Karla ihren bisher größten Erfolg. Sie war noch nie
so gut bei Stimme gewesen, hatte noch nie ein so alles überragendes,
leidenschaftliches Spiel gezeigt. Es war für Karla ein ungeahnter
Triumph, daß ihre Senta den fliegenden Holländer selbst in den Schatten
stellte. Man hörte, man sah nur Karla König. Keinem Stierkämpfer
waren je begeistertere Huldigungen dargebracht worden! Blumen, Fächer,
Taschentücher, ja sogar Ringe, Armbänder und Halsketten flogen auf die
Bühne. Die Frauen jubelten Karla fast noch mehr zu als die Männer. Sie
waren bereit, sich vor ihr niederzuwerfen, mit ihren kostbaren Kleidern
und mit ihren Leibern einen Teppich zu bilden, auf dem sie bis in ihr
Hotel schreiten könnte. Karla König hatte ihnen ihr Frauenschicksal
gesungen ...
Die Polizei mußte einschreiten, um Karla zu schützen, denn hundert
gierige, fanatische Hände streckten sich nach ihr aus, um eine Spitze
ihres Kleides, eine Strähne ihres Haares an sich zu reißen.
Zitternd und blaß kam Karla, von John Russel und Kapelle geleitet, im
Hotel an.
Eine Zeitlang hielt Russel einen Platz für die Nordeni frei, aber
Schädlowski sagte etwas von einer Einladung und „großen Geschichte“,
die im Nebensaal gefeiert werden sollte.
„Vielleicht verlobt sie sich“, meinte Kapelle laut und gallig. „Ich
wünsche es ihr und mir!“
Er war jedesmal schlechter Laune am Vorabend ihres Auftretens.
Kapelle neigte sich zu Karla, er hätte etwas gehört von großartigen
Beziehungen, die die Nordeni hier hätte ... vielleicht ... bei Gott und
in Brasilien war kein Ding unmöglich ... vielleicht blühte ihm noch die
Aussicht, ihr einmal in ehrlicher Freude die Hand schütteln zu können
...
„Sie sind boshaft, Kapelle! Ich stoße heute nicht mit Ihnen an.“
„Schön. Und wenn Sie verständig sind, dann trinken Sie überhaupt nicht
soviel Schaumwein. Selterwasser mit Zucker und einem Gläschen Kognak
tut’s auch. Russel ist ein Esel -- er glaubt, wunder wie nobel er ist,
wenn er Ihnen Magen und Stimme ruiniert! Was geht’s ihn auch an? Sind
Sie erst fertig, findet er eine andere!“
Nie war er so gesprächig gewesen. Es war, als wollte er verhindern,
daß Karla sich noch weiter im Erfolge des heutigen Abends sonnte.
„Wo ist denn Ihr Mann?“
Karla wurde rot. Sie hatte gar nicht gedacht an ihn den ganzen Abend
und seine Abwesenheit nicht bemerkt. So ausschließlich war sie mit
sich beschäftigt gewesen. Jetzt kam ihr das Erinnern zurück. Einige
Augenblicke später kam Altmann an, mit einem kleinen zusammengebundenen
Tuch. Er warf es vor Karla auf den Tisch.
„Da ... das haben die Arbeiter noch zusammengefegt.“
Im Bündel lagen Schmuckstücke, kostbare Spitzentücher, Fächer.
Karla sah, wie die Blicke der Kolleginnen lüstern, neugierig und
neidisch an den glitzernden Gegenständen hingen. Und sie waren ihr
plötzlich verleidet.
Sie warf jeder Kollegin etwas über den Tisch zu, ohne auszusuchen: eine
Nadel, einen Ring, ein Armband. Es waren Kostbarkeiten darunter, wie
sie keine von ihnen allen besaß.
„Was machen Sie, Karla ... aber das geht doch nicht .. das können wir
nicht annehmen! ...“
Karla lachte laut.
„Warum nicht? Habt ihr alle, ja? ...“
Sie schüttelte das Tuch aus.
Was sollte ihr das? Sie hatte mehr hergeben müssen als ein paar
blitzende Steine und ein bißchen Gold! ... Das konnte sie immer wieder
mal haben ... Aber das andere ... das felsenfeste Vertrauen ... das ...
Altmann rüttelte an ihrer Stuhllehne.
„Was machst du? Du verdienst Prügel ...“
Sie lachte. Ebenso hätte sie Gärten und Häuser verschenkt! Mochte er
hinter ihrem Stuhl nur sehen, wie gleichgültig ihr das Zeug alles war
... „Wurscht“ war es ihr! ... Ganz wurscht! ... Ihr, die einem goldenen
Reif mit Rubinschloß nachgeweint hatte! ...
John Russel führte seine Tasse mit Schildkrötensuppe an die Lippen
und lächelte. Die war aus gutem Stoff, die König ... anders als die
Nordeni. Die ließ er nicht sobald los! Aus der ließ sich wirklich mal
was machen! Nicht bloß bei den Wilden!
Kapelle legte seine Hand auf Karlas Arm.
„Ihre Suppe wird kalt.“
„Ja ...“
Sie wurde plötzlich ganz still.
Um das, was sie verschenkt hatte, war ihr nicht leid. Aber sie fühlte,
daß sie zu weit gegangen war. Denn Altmann setzte sich, grau vor
Ärger, weit weg von ihr, an das äußerste Ende der Tafel. Als das Eis
herumgereicht wurde, erklangen aus dem Nebensaal laute Hochrufe.
„Was ist denn dort los?“ fragte Russel den Hotelleiter, der nach altem
Herkommen immer um diese Zeit seine zweite Runde um die Tische machte.
„Don Pedro de Santos feiert seine Verlobung mit dem französischen
Fräulein ...“
„Mit Mariette?“ schrie der ganze Tisch auf.
In dem Lärmen und Lachen, das jetzt einsetzte, blickte Karla zu ihrem
Manne hinüber. Er hatte noch immer dieselbe graue Farbe, aber er nahm
sehr ruhig von dem Ananaseis, das ihm angeboten wurde, und nur der
Löffel fiel schneller herab, als er gedacht hatte, denn der feine
Teller zersprang klirrend mitten durch ...
Und gleich darauf kam die Nordeni. Ihr eiergelbes Brokatkleid rauschte
über das Parkett, ihre Juwelen funkelten, bereichert um einen
Brillantschmetterling, den ihr Don Pedro als „Trostpreis“ verehrt hatte.
Sie war sehr blaß unter der stärker als sonst aufgetragenen Schminke
und schien sehr erschöpft.
Russel machte ihr Platz neben sich -- aus alter Gewohnheit, und
schenkte ihr ein Glas Sekt ein. Der ganze Tisch bestürmte sie mit
Fragen.
„Ja ... ja ... es kam sehr plötzlich ... obwohl ... ja, ich muß sagen
... ich habe mir gleich so etwas gedacht. Die de Santos sind sehr
impulsive Menschen ... sehr impulsiv und leidenschaftlich. Ich habe
Mariette zugeredet! Das kann ich wohl behaupten, sehr zugeredet! Der
Mann ist vielfacher Millionär ... Die Kleine macht ihr Glück! Sie ist
ehrlich ... ganz ehrlich, und läßt ihn fühlen, daß er ihre Liebe erst
erringen muß ... Merkwürdig, wie so ein kleines Ding den Instinkt
mitbekommt für das, was wirkt ... Für mich ist es ein großer Verlust
... ich liebte sie ... wie eine Tochter ... das kann ich wohl sagen ...
Sie wird mir sehr fehlen! Sehr! ... In vierzehn Tagen soll die Hochzeit
sein.“
Sie atmete schwer auf, erhob sich und reichte Karla über den Tisch die
Hand.
„Ich habe Sie noch gar nicht beglückwünscht, liebe Kollegin .. man
spricht nur von Ihnen ... Sie haben sich selbst übertroffen ... es
wird morgen schwer sein für mich ... sehr schwer! ... Wo ist Ihr
lieber Mann? Ich wollte ihn fragen, ob er nicht ein bißchen zu uns
herüberkommen will ...“
Karla blickte mit den anderen zum Platz hin, an dem Altmann gesessen.
Er war leer.
Die Nordeni lächelte mühsam.
„Macht nichts. Ein andermal ... wir bleiben ja noch zusammen... auf
Wiedersehen, Kinder! ...“
Langsam, majestätisch schritt sie wieder hinaus.
Am Tisch war es still geworden. In den Augen der Frauen lag Trauer und
Sehnen.
-- -- -- Altmann hatte sein beleidigtes Gesicht. Das Gesicht, an
dem Karlas beste Laune zerschellte. Das Gesicht, das sie an die
trostlosesten Tage von Kiel und Berlin erinnerte.
Und die Erinnerung an sie spannte einen eisernen Reifen um ihr Herz.
Die Zeit, da sie ihm in bedingungslosem Verzeihen an den Hals geflogen
wäre, war verpaßt. Er aber besaß nicht Geschmeidigkeit genug, eine
Aussprache herbeizuführen.
Ihre erste Andeutung schnitt er mit den Worten ab:
„Du bist albern, liebes Kind, und recht geschmacklos. Es gibt Dinge,
die eine Frau, die Herz und Geschmack hat, nie mehr berührt.“
In seinem Innern war er aufs tiefste empört über Mariettes Verlobung.
Seine Eigenliebe hatte die böseste Schlappe davongetragen. Er hatte
sich von ihr nasführen lassen, war ins Garn gegangen wie ein dummer
Gimpel.
Karla mußte doch fühlen, zum Donnerwetter, daß sie nie mehr daran
rühren durfte, daß sie ihm nicht zu verzeihen, sondern ihn zu schonen
hatte. +Das+ wenigstens hatte er doch um sie verdient! Weil eine
Aussprache von Tag zu Tag unmöglicher wurde zwischen ihnen, wurde die
Kälte immer größer.
Karla hatte gerade jetzt und gerade hier so große Erfolge, wurde
so dringend überall eingeladen, daß ihr zum Glück nicht viel Zeit
blieb, sich das Gesicht ihres Mannes immer genau anzusehen. Nur die
anderen empfanden den immer verschlossen und gleichsam beleidigt
dreinblickenden Mann, dem sie als dem Gatten der gefeierten Primadonna
die Hand drücken, den sie an ihrem Tisch sehen mußten, als eine nicht
sehr willkommene Beigabe.
Die göttliche Frau mußte steinunglücklich an der Seite dieses Menschen
sein! Einzelne Damen suchten sie zu einer vertraulichen Aussprache zu
bewegen. Aber Karla hätte sich eher der letzten deutschen Choristin
offenbart als den übereleganten, leichtfertigen, vergnügungssüchtigen
Kreolinnen. Überall, wo sie hinkam, erzählte sie von Schmerzchen.
Aber da sie so wenig von ihrem Kinde wußte, sprach sie nur von ihrer
Sehnsucht und von ihrem Zukunftstraum, das Kind zu sich zu nehmen und
nie mehr von sich zu lassen.
Die Damen hatten sich bald ihre fertige Meinung über Karla gebildet.
Sie war eine große Künstlerin. Aber dumm -- dumm! ... Es war unmöglich,
mit ihr über etwas Vernünftiges zu sprechen. Die Nordeni war
entschieden unterhaltsamer.
Und diese selben Frauen, die ihr an dem ersten Opernabend ihren Schmuck
zugeworfen, ihre Herzen ihr unter die Füße gelegt hatten, weil ihre
herrliche Stimme die leidenschaftlichsten Gefühle in ihnen erregt
hatte, wußten mit dem +Menschen+ in ihr nichts anzufangen.
Sie stellten Karla ans Klavier und ließen sie singen. Dafür bezahlten
sie sie fürstlich. Und abends trugen sie ihre Begeisterung für die
Künstlerin zur Schau, bezahlten sie mit dem Zerreißen ihrer Handschuhe
und dem Wehen ihrer Taschentücher.
Mit der Nordeni plauderten sie. Und wenn sie sang, plauderten sie auch.
Die Braut des Don Pedro de Santos aber erwarteten sie in ihrer Mitte
mit der bewegten Neugierde, die einer geborenen Pariserin und der
Vertrauten einer Primadonna gebührte.
Die Hochzeit war ein Ereignis für die Stadt.
De Santos lud alle ersten Mitglieder der Russelschen Gesellschaft
zur Trauung ein, die nach Art der eleganten Trauungen jener Zeit um
Mitternacht stattfinden sollte.
Der größte Teil der Gesellschaft wohnte an dem Hochzeitsabend der
Opernvorstellung bei. Die Damen, in tief ausgeschnittenen Kleidern,
mit all ihren Juwelen behangen. In einer der Mittellogen prangte
die Nordeni, blaß, effektvoll, glitzernder als alle Millionärinnen
ringsherum. Gegen zehn erschien de Santos in ihrer Loge, im Frack und
weißer Binde wie alle Herren. Aber mit einer weißen Orangenblüte im
Knopfloch.
War die Aufmerksamkeit an jenem Abend -- trotz Karlas wundervoller, von
jeder Schablone abweichenden Leistung als Leonore im Troubadour -- sehr
geteilt, so wendete sich das Publikum beim Erscheinen de Santos’ fast
wie auf Verabredung der Loge der Nordeni zu.
Karla sang ins Leere, wie sie vor bald drei Jahren bei Astrongs ins
Leere gesungen hatte.
Ihre Gottheit war entthront, eine andere, wenigstens für die Dauer
von ein paar Stunden, an ihre Stelle erhoben. Diese Gottheit war --
Mariette. Ihr weißer Brautschleier wallte unsichtbar über dem stets
nach neuen Aufregungen dürstendem Publikum.
Als de Santos die Loge verließ, war es mit der Ruhe im Hause zu
Ende. Karlas große Sterbeszene ging unter im Klappern der Sitze, im
Zuschlagen der Türen, im Zischen der billigeren Plätze, die ihr teures
Geld nicht umsonst geopfert haben wollten. Eine kleine Balgerei am
Ausgang, wobei einigen Herren die Zylinder eingeschlagen wurden und
eine Dame laute Schreie ausstieß, steigerte die Flucht des Publikums zu
einer panikartigen.
Kapelle klopfte ab, drückte auf den elektrischen Knopf am Pult, und
mitten in einem unaufgelösten Akkord hörte das Orchester zu spielen
auf, fiel der Vorhang herab.
Bleich, mit zornfunkelnden Augen, in ihrem schwarzen Samtkostüm, stand
Karla vor John Russel.
„Was ist das? ... Wollen Sie mir nicht sagen, was das ist?“
„~Well~ ... das ist Brasilien, weiter nichts, und die Hochzeit von
Mademoiselle Mariette ...“
„Diese Person ... diese abscheuliche Person ... auch das noch ... auch
das!“
Sie lief in ihre Garderobe, fiel vor ihrem Schminktisch auf den Stuhl
und ließ ihre kalten, zornigen Tränen über die geschminkten Wangen
laufen.
Altmann kam herein. Seine Blicke schweiften unsicher über Karla.
„Das nützt nichts ... schmink dich ab, und machen wir, daß wir nach
Hause kommen ...“
Sie schlug mit beiden geballten Händen auf den Tisch.
„Wegen einer solchen Person ... einer solchen Person ... Mir das! Mir
... Erst den Mann und dann ... Und gerade mir! Warum gerade mir ...?“
„Ich bitte dich, Karla ... ich bitte dich ...“
Ihm war gar nicht wohl zu Mute bei der ganzen Sache.
„Sei vernünftig, Karla ... ich werde dir helfen.“
Aber sie kannte sich nicht mehr, stieß ihn zurück. „Laß mich ... rühr’
mich nicht an ... komm mir nicht nahe ...“
Sie stürzte zur Tür.
„So schmink dich doch wenigstens ab ... so kannst du doch nicht
herauslaufen.“
„Ja ... ja ... aber komm mir nicht nah’ ...“
Ihre Zähne schlugen aneinander wie im Fieber, ihre Hände bebten. Sie
fuhr sich mit dem Tuch zwei-, dreimal übers Gesicht.
„So ... so ... so. Nun ist’s gut. Gut genug.“
Sie schlang ihren schwarzen Spitzenschal um den Kopf und zerrte ein
Ende über ihr gerötetes, verweintes Gesicht.
„Du willst mit dem Kostüm auf die Straße?“
„Ja, mit dem Kostüm! Ich habe nicht Lust, jetzt den Hochzeitsgästen zu
begegnen ...“
Sie riß Altmann ihren Umhang aus der Hand und warf ihn über den
schwarzen Samt. Sie lief an ihm vorbei aus der Tür. Er folgte ihr,
rasch, entschieden -- besorgt, daß sie Unheil anrichten könnte in
ihrer Aufregung. Vor dem Ausgang standen mehrere Wagen. Nur nach Hause
in ihr Zimmer ...! Sie sprang aus dem Wagen, noch bevor er vor dem
Hotel recht gehalten hatte. Ihre Füße traten weich. Ein purpurroter,
breiter Teppichstreifen führte aus der offenen Halle durch den taghell
erleuchteten Vorgarten bis zur Bordschwelle.
Sie lief neben dem Teppich her, nur um nicht etwa die Stelle zu
berühren, über die der Fuß „dieser Person“ schreiten würde. Eine Reihe
eleganter Wagen hielt in einiger Entfernung von dem Gitter; in der
blendend erleuchteten Halle standen mehrere Herren im Frack. Sie eilte
an ihnen vorbei, um, so rasch sie ihre Füße trugen, ihr Zimmer zu
gewinnen. Aber als sie schon auf der zweiten Treppenstufe stand, mußte
sie wieder zurücktreten. Denn ihr entgegen kamen vier junge Mädchen in
weißen Spitzenkleidern mit blauen Schärpen, und hinter ihnen schritt
de Santos, sehr ernst, sehr feierlich, und an seinem Arm Mariette,
in schwerem, weißem Atlas, ein Orangenblütenkrönchen, das Symbol der
Unschuld, auf dem hochfrisierten Haar, dessen brennendes Rot von den
weichen, duftigen Falten eines kostbaren Brautschleiers umflossen war.
Vier kleine Knaben, in weißseidenen Matrosenanzügen, trugen die mit
Orangenblüten besäte breite und endlos lange Schleppe. Die Nordeni
mit ihrem funkelnden Geschmeide, ein fast unwahrscheinlich blitzendes
Diadem im schwarzen Haar, die Schultern kaum bedeckt von einem neuen,
kurzen Hermelinkragen, beschloß den Zug.
Die Herren in der Halle nahmen beim Nahen der Braut die Zylinder ab,
und Karla sah, daß auch ihr Mann seinen Hut zog. Wie gleichgültig
und kalt er es tat, wie ausschließlich nur, um einer äußeren Form zu
genügen, deren Nichterfüllung aufgefallen wäre -- das sah sie nicht.
Sie lief in ihr Zimmer und riegelte sich von beiden Seiten ein.
Außer Kapelle und Altmann war heute niemand in dem weißen Speisesaal.
Sie saßen an dem langen, sonst so belebten Tisch einander gegenüber und
aßen, ohne zu reden.
Erst beim Obst knurrte Kapelle:
„Daß die kleine Kanaille hier bleibt, ist immerhin auch was.“
„Ja“, sagte Altmann trocken.
Er haßte sie jetzt nicht so sehr, weil sie ihn zur Untreue gegen
Karla, sondern zur Untreue gegen sich selbst verleitet hatte. Die
Unfehlbarkeit, auf die er zeitlebens so stolz gewesen, war hinfällig.
Um seinen Mund zuckte es bitter.
Kapelle tat einen kräftigen Zug aus seinem Strohhalm.
„Geschehnisse, welcher Art sie immer sein mögen, sind hier mit einem
besonderen Maße zu messen. Wie man europäischen Ballast nicht mit
herübernehmen darf, so von hier aus nichts nach Hause. Überhaupt
... das mit dem einen einzigen Leben, das wir haben, ist ja Unsinn.
Hundert Leben hätten wir, wenn wir nur wollten! Aber wir kleben fest
-- äußerlich oder innerlich, gleich Schnecken, die überall ihr Gehäuse
mit sich schleppen. Wir haben uns nicht zum Vergessen erzogen, zum
willkürlichen bewußten Vergessen, obwohl es das größte Gnadengeschenk
des Himmels ist!“
„Lieber Freund ... wenn wir als Kinder etwas vergaßen, dann setzte es
Prügel: Du hast nichts zu vergessen!“
„Das beweist, daß die Kinder für die Eltern und die Lehrer erzogen
werden, aber nicht für das Leben. Sie haben ein Kind, Altmann, denken
Sie manchmal dran!“
„Ein Mädchen ... ich bitte Sie --“
„Eben. Gerade. Frauen haben ein mordendes Gedächtnis. Ihr Gedächtnis
ist ihre Moral. Und nur im Vergessen liegt Güte ... Ein gütiger Mensch
hat viele Leben! Denn immer wieder muß er von vorn anfangen ... das
erhält ihn jung. Optimisten sind immer vergeßlich. Frauen sind selten
optimistisch ... weil sie aus ihrem Erinnern schöpfen.“
Kapelle sprach hastig, wie aufgepeitscht von einer Welle eigenen
Erinnerns.
„Ich möchte noch an die Luft -- vor vier regnet es ja doch nicht ...
halten Sie mit, Kapelle?“
Schweigend gingen die Männer durch die Nacht.
Endlich sagte Kapelle: „Ich weiß hier in der Nähe eine kleine Kneipe
... die ist die ganze Nacht offen ...“
Sie nahmen Platz an einem der wenigen Bambustischchen, die auf der
offenen Veranda unter bunten Papierlampions verteilt waren.
Kaum hundert Schritte vor der Rampe lag die breite Straße, die die
innere Stadt mit dem Villenviertel verband.
Es mochte gegen halb zwei sein, als das Aufschlagen von Pferdehufen
sich vernehmen ließ. Zwei große Acetylenlaternen starrten wie kalte,
weiße Augen aus der Finsternis heraus -- wurden größer, immer größer,
bis der Wagen selbst, vor dem sie hingen, erkennbar wurde in ihrem
Licht.
„Das sind die Gäule von de Santos ... die haben alle denselben
Hufschlag. Schädlowski sollte vom Stallmeister de Santos’ -- Gefühl für
Rhythmus lernen ...“
„Wer mag denn schon so festmüde sein?“
Kapelle stocherte mit seinem Löffelstiel in der Räucherschale herum und
zuckte die Achseln.
„Die Nordeni vielleicht ... Die sah mir ganz danach aus ... Die hat’s
satt, sage ich Ihnen ... bis zum Halse ...“
Er schlug mit dem Löffel auf den Tisch.
„Lassen Sie’s nicht so weit kommen mit Ihrer Frau ... Ruck, ein ander
Bild, ein neues Leben ... taugt hier nichts ... wär’ schade ... schade
...“
Kapelle hatte recht gehabt. Es war die Nordeni.
Ganz heimlich hatte sie sich fortgeschlichen, als die ersten Paare sich
zur Polonaise anstellten, die den Ball eröffnen sollte.
De Santos fing sie noch ab, als sie sich gerade den Hermelinkragen
umgeben ließ. Er befahl dem Diener, daß sein Wagen vorfahre und
ein Diener sie bis zum Hotel brächte. Er küßte ihr die Hände und
dankte ihr. Er brachte sie die Marmorstufen hinunter bis zum Wagen.
Barhäuptig, sehr respektvoll, aber doch froh, daß sie nun nicht immer
als dritte da sein würde, zwischen ihm und Mariette.
„Ich werde alles tun, um sie glücklich zu machen.“
Die Nordeni nickte müde. Wie naiv diese Männer doch waren ... Die
+Besten waren naiv+ ... die anderen ...
Elegant und sicher trugen sie die schönen, schwarzen Pferde ihrem Hotel
zu. Sie fror in ihrem prächtigen Hermelinkragen. In diesem Wagen würde
Mariette fortan fahren ... Oder nicht? ... Mariette hatte schon von
einem Auto gesprochen. Sie wollte die erste sein, die es hier einführte
...
Ein feuchter, kalter Schweiß trat der Nordeni auf die Schläfen, als sie
daran dachte, daß sie in drei Tagen würde packen müssen ... allein ...
und dann wieder auspacken ... und abermals packen ... ihre Kleider,
ihre Wäsche, ihre Schuhe, ihre Haare, ihr Geschmeide ... Reisen ...
Singen ... Singen ... und die Grobheiten von Kapelle ...! Immer
schwerer wurde es ihr, das hochnäsige Lächeln festzuhalten ... immer
schwerer, die Höhe zu erklimmen ... So viel Staub lag in ihrer Kehle,
so viel Müdigkeit in ihren Gliedern ...
Der Wagen hielt. Der Diener sprang vom Bock, öffnete den Schlag,
die Finger an der Hutkokarde. Sie nickte herablassend -- ihr Diadem
funkelte auf in dem behende angedrehten Licht der Hotelhalle. Aalgleich
wand sich ein Neger an ihr vorbei, drehte überall das Licht an. Auch in
ihrem Zimmer.
Es war nur flüchtig geordnet -- von fremden, lieblosen, ungeschickten
Händen. Jetzt war sie wenigstens allein ... Um keinen Preis rief sie
das schwarze Mädchen ... Und wenn sie die ganze Nacht angekleidet
bleiben sollte! ... Eine der Kolleginnen würde ihr schon helfen, wenn
sie von der Hochzeitsfeier zurückkämen ...
Die Tür zum kleinen Zimmer nebenan stand noch auf. Wenn sie Licht darin
machte, dann konnte sie sich allenfalls einbilden, Mariette wäre noch
da, bürste ihr rotes Haar und ordne es unter dem hübschen Netz, mit den
blauen Schleifen, das sie über Nacht immer trug ...
Langsam ging sie auf das Zimmer zu. Ihre Schleppe rauschte hinter ihr
drein, ihre Steine funkelten auf, wie Strahlen einer scheidenden Sonne.
Aber kaum hatte sie den Fuß über die Schwelle gesetzt, als das Licht in
ihrer eigenen großen Stube erlosch. Etwas Weiches, Glattes, gleich zwei
nackten Frauenarmen, umklammerte ihren Hals -- gleichzeitig fühlte sie
einen Schlag gegen die Stirn und schrie auf -- kurz und hoch und klar.
Stieß in ihrem Todesschrei noch zum letztenmal den Ton aus, auf dem ihr
ganzes Leben aufgebaut gewesen war -- das hohe ~C~ ...
-- -- -- Die Vorstellung am nächsten Abend fiel aus.
Den ganzen Tag standen Schutzleute vor dem Hotel, um die andrängende
Menge zurückzuhalten. Schließlich mußte die Straße abgesperrt werden,
da es allen Anschein nahm, als ob sich eine Korsofahrt vor dem Hause
entwickeln sollte ...
Eine Kommission hatte den ganzen Morgen über den Tatbestand des Mordes
aufgenommen. Von der schwarzen Dienerschaft waren ein Neger und seine
Liebste, die Stubenmädchen war, verschwunden. Sie hatten reiche Beute
gemacht und mußten Helfershelfer gefunden haben außerhalb des Hotels
... Als alles vorüber war, ließ Russel die Nordeni feierlich aufbahren.
Die Stirn mit der klaffenden Wunde war mit einem Spitzenschleier
umwunden.
Bis in die Lippen bleich, mit verstörten großen Augen schlich sich
Karla zu ihr herein. Sie faltete die Hände, als wollte sie beten, aber
ihre Lippen vermochten keine Silbe zu formen.
„Primadonnentod“, murmelte jemand neben ihr.
Es war Kapelle.
Sie schrak zusammen, als hätte sie jemand am Genick gepackt, und
da Altmann, der gerade einen riesengroßen Kranz zu Füßen der Toten
niedergelegt hatte, sich aufrichtete -- warf Karla aufschluchzend ihre
beiden Arme um seinen Hals ...
„Mein Mann ... mein lieber Mann! ...“
[Illustration]
Karla König konnte sich lange nicht von ihrer Erschütterung erholen.
Sie litt an Weinkrämpfen, war krankhaft ängstlich geworden, und nicht
selten mußte ein im Theater anwesender Arzt, mit Beruhigungsmitteln
aller Art ausgerüstet, die Zwischenakte in ihrer Garderobe verbringen.
Nachts konnte sie oft stundenlang nicht schlafen, sah immer Mariette
vor sich, wie sie in einem langschleppenden schwarzen Kleide vor der
Bahre der Nordeni niedergekniet war und sich die Tränen mit einem
kostbaren Spitzentüchlein getrocknet hatte.
De Santos hatte hinter ihr gestanden, wieder sehr bewegt und sehr
feierlich. Ein Diener brachte einen Kranz, groß wie ein Wagenrad.
Mariette und die Nordeni mit ihrem tragischen Ende schienen Karla
unlöslich mit ihrem Manne verknüpft. An dieser Vorstellung litt sie
mit tausend Schmerzen. Ihre Erfolge freuten sie nicht mehr. Wenn
Altmann im Theater zurückgehalten war und sie längere Zeit allein
blieb, dann ging sie auf die Suche nach Kapelle.
Das erstemal hatte sie an seiner Zimmertür angeklopft.
„Sie? Was ist? Was wollen Sie?“
Es war kein sehr freundlicher Empfang gewesen.
„Darf ich ein bißchen bei Ihnen bleiben?“
Er stieß die Balkontür auf, klappte die Notenblätter zusammen, die auf
seinem Tisch ausgestreut lagen.
„Was schreiben Sie, Kapelle?“
„Schreiben? Ich? ... Ich schreibe überhaupt nichts. Stimmen ziehe ich
ein. Wann zum Deubel ist denn endlich Ihr Vertrag mit Russel zu Ende?“
„Weiß nicht. Ich bin im Vorschuß ... gehen läßt er mich nicht so bald
...“
„Läßt er nicht ... ja ... glaub’s gern ... Wär ja auch eine Eselei von
seinem Standpunkt ... Aber Ihr Mann ... ich meine: +Haben+ Sie denn
nichts? ... Gar nichts? ...“
„Geld meinen Sie? Nein, Kapelle ... Geld haben wir nicht ... so viel
nicht. Auf der Reise geht doch eine Menge drauf ... Russel sagte
letzthin ... so eine erste Rundreise wäre nie lohnend. Erst die zweite
brächte auch wirklich was ein.“
„Ja, das sagt er immer“, schnitt Kapelle trocken ab.
„Aber ich möchte nicht, Kapelle ... Noch einmal da herunter ... noch
einmal dieselben Hotels, dasselbe Publikum ... Unterdes wächst mein
Kind heran. Weiß nicht mal, wie ich aussehe ...“
„Und Ihre Stimme geht flöten ... ja ... oder Sie verschlampen ...
Gestern ... glauben Sie, es war schön, wie Sie gesungen haben? Für die
Idioten hier noch zehnmal zu gut -- aber für uns zwei ... war es schön?“
Karla schoß das Wasser in die Augen.
„Ich weiß nicht ... ich hör’ mich nicht mehr ... ich hab’ keine Freude
an mir.“
Sie hatte keine Freude an sich mehr. Das war es. Es konnte ihr auf
die Dauer nicht gleichgültig sein, vor wem sie sang und was. Immer
dieselben fünf, sechs Partien. Das machte sie krank.
„Glaubst du, es macht mir Vergnügen, den Inspizienten zu spielen?“,
meinte dann Altmann, „immer dasselbe zu sagen und zu tun? ... Das Leben
ist eben keine Freuden-, sondern eine Pflichtenkette.“
Seit Karla ihm an der Bahre der Nordeni so triebhaft um den Hals
gefallen war, hatte er seine Autorität ihr gegenüber langsam
wieder zurückzuerobern versucht. Es fiel ihm nicht schwer. Karla
war weicher, fügsamer denn je in dieser ersten schweren Zeit ihrer
Niedergeschlagenheit. Sie klammerte sich an ihn mit aller Kraft ihrer
verängstigten Seele, ordnete sich ihm unter, mit aller Dankbarkeit
für das Schicksal, das ihr in ihm einen Beschützer und Beschirmer
gegeben. Er aber erstarkte an ihrer Schwäche und fand, daß die einzige
Möglichkeit für ihn, über die demütigende Erinnerung an sein Verfehlen
hinwegzukommen, in einem fortab noch lebhafteren Betonen ehrbar
bürgerlicher Grundsätze lag.
Einmal brach sie in Tränen aus.
„Sag’ Ernst ... kannst du ihn denn nicht bewegen, mich frei zu lassen?
Ist es denn gar nicht möglich?“
Altmann zerbiß sich die Lippe, wußte nicht recht, was er ihr antworten
sollte. Schließlich gestand er ihr, daß er den Vorschuß wohl allenfalls
zurückzahlen könnte von dem, was er bei Seite gelegt hätte, aber Russel
spräche bereits von einer Verlängerung des Vertrages auf ein Jahr ...!
Karla sollte das Doppelte der Gage haben und nicht über das nördliche
Amerika hinauskommen. Russel ließ sogar durchblicken, daß er allenfalls
auch den Vorschuß streichen wollte. Hielt nur mit einem bestimmten
Versprechen zurück, um nicht einen letzten guten Schachzug frühzeitig
aus der Hand zu geben. Er, Altmann, war sehr geneigt, mit Russel einig
zu werden, denn ob Karla nun das Kind wiedersah, wenn es drei oder vier
Jahre alt war, das konnte doch wirklich in einer so ernsten Frage
nicht mitspielen. Aber es war wirklich nicht gleichgültig, ob sie
zwanzigtausend mehr oder weniger heimbrächten.
„Das ist +mir+ aber völlig gleichgültig“, meinte Karla mit zuckenden
Lippen.
Altmann wurde ungeduldig.
„Ja, liebes Kind, du sorgst dich ja auch nicht um das Weitere, überläßt
alles hübsch mir.“
„Wir werden nicht verhungern ... Schließlich nimmt mich jetzt jede
Bühne ...“
Es war ihr erster ernster Widerstand.
Er traf ihn doppelt fühlbar nach den langen Wochen bedingungsloser
Unterwürfigkeit. Kalter Zorn erfüllte ihn, versteinerte seine Züge. Das
Geld, das er Monat auf Monat zurückgelegt hatte, das gab er keinesfalls
heraus -- nur um eine Laune, eine kindische Sehnsucht zu befriedigen!
„Glaubst du, ich möchte nicht auch mein Kind sehen? Meine Geschwister?
Ich beherrsche mich eben.“
Sie schüttelte den Kopf, müde, erschöpft von all den Gegenreden, die
sie wortlos innerlich gehalten hatte.
„Nicht bloß des Kindes wegen ... aber auch meine Stimme ... Ich müßte
wieder ein paar Stunden nehmen, neue Partien studieren ... Ich verkomme
ja hier ... fühlst du denn das nicht -- ich verkomme ...“
„Unsinn, Karla. Das redest du dir nur ein. Du verkommst gar nicht, wenn
du ein Jahr länger bleibst.“
Sie sprang vom Sessel auf.
„Ein Jahr ... und wieder ein Jahr ... und noch ein Jahr ... wie er es
mit der Nordeni gemacht hat ... ich weiß schon!“
Altmann fing nicht mehr davon an.
Russel hatte gesagt: „Ihre Frau will jetzt nicht? ~Well~, warten wir
bis New York. Ich lasse sie dreimal in der Metropolitan singen ... Das
wird sie mit Amerika wieder aussöhnen ...“
Es begab sich eines Abends, in einer der letzten Gastspielstädte, daß
Kapelle dreimal laut hörbar mit dem Taktstock aufschlagen mußte, um
Karla von irgendwoher, wo ihre Gedanken gerade weilten, zurückzuholen.
„Schweinerei, verdammte!“
Sie hörte es von der Bühne herab und wurde blaß unter der Schminke.
Im Zwischenakt versuchte sie überall, seiner habhaft zu werden;
schickte Ankleidefrau, Theaterarbeiter und einen Statisten, ihn zu
suchen. Er ließ sich jedoch nicht finden.
Nun war er gewiß wütend auf sie. Sie hatte ihren besten Freund
verloren. Sie fühlte sich schwer unglücklich. Auch während der
folgenden Wochen war es ihr nicht möglich, mehr als einen flüchtigen
Gruß mit ihm zu wechseln. Er sah es nie, daß sie auf ihn zueilen
wollte, rückte nur kaum merklich an seinem Hut und ging, ohne sie
weiter anzusehen, vorüber. Seine Mahlzeiten nahm er nicht mehr
gemeinsam mit der Gesellschaft, wohnte auch nicht mehr in demselben
Hotel.
-- -- Die letzten Stunden vor der Ankunft in New York verbrachte
der größte Teil der Gesellschaft, mit Russel an der Spitze, im
Speisewagen. Es wurde nach alter Gewohnheit viel Sekt getrunken,
Russel sprach einige Worte, dankte den Mitgliedern für „ihre Arbeit“
und gedachte eines seiner treuesten, erfolgreichsten Mitglieder,
der „unvergeßlichen“ Nordeni. Alle standen auf und blieben einige
Augenblicke stumm.
Nachdem alle wieder ihre Plätze eingenommen hatten, erhob sich der
Bariton mit einigen Dankesworten im Namen der Mitglieder. Aufs neue
klangen die Gläser zusammen als bekräftigender, heiterer Abschluß.
Aber zum Staunen aller sprach Russel noch einmal: Er hätte immer mit
viel Vergnügen die Kunstfahrten seiner Mitglieder geleitet und hätte
manch neuen Stern dabei entdeckt, den er weiter auf seiner glänzenden
Bahn verfolgte. Diesmal hätte er außer Freuden, Mühen und unvermuteter
Trauer noch etwas gefunden: Beistand. Dieser Beistand wäre ihm von
Mister Altmann gekommen, den er schätzen gelernt hätte. Und darum
hoffte er, sein ~dear friend~ Altmann würde ihn auch weiter auf eine
Reihe von Jahren entlasten wollen. Keinem übergebe er lieber einen Teil
der Leitung als ihm, der sich in allen schwierigen Lagen so trefflich
bewährt hatte.
Er schüttelte Altmann die Hand, andauernd und fast übertrieben herzlich.
Karlas Augen starrten die beiden groß an. Vor einem Jahr, vor zwei,
wäre sie stolz gewesen über diese Worte, hätte gejubelt und wäre ihrem
Manne an den Hals geflogen .... Aber jetzt ... heute ... heute, wo
alles vorbei sein mußte? ...
Sie glaubte nicht an Russels Bewunderung für ihren Mann. Es lag Russel
auch gar nichts an ihrem Manne. Was der geleistet hatte, konnte jeder
bessere Inspizient, Regisseur oder Inspektor leisten. Darum brauchte
Russel ihm nicht einen Teil der „Leitung“ zu übergeben, ihn zu seinem
Stellvertreter zu machen ... Das galt nicht ihrem Mann ... das galt
+ihr+. Um +sie+ zu halten, war das alles! ... Um sie zu knebeln, ihr
die Hände zu fesseln ...
Altmann suchte sie mit den Blicken, aber sie war verschwunden. Sie war
in ihr Abteil geflüchtet.
Sie schrak zusammen, als die Tür des Abteils zurückgeschoben wurde. Sie
wollte ihren Mann jetzt nicht sehen ... jetzt nicht ...
„’Tag“, sagte Kapelle und rückte an seinem Hut.
Sie sprang auf, streckte ihm beide Hände entgegen.
„Endlich! ... Sind Sie mir nicht mehr böse?“
„Böse? Wieso? Hab’ nie daran gedacht ... Setzen Sie sich nur. Wir haben
nicht viel Zeit.“
Er schob die Tür wieder energisch hinter sich zu und ließ sich am
Fensterplatz, Karla gegenüber, nieder.
Sie wollte was sagen von schlechtem Singen, von verspäteten Einsätzen
-- er schnitt ihr mit einer kurzen, hastigen Bewegung das Wort ab.
„Jetzt handelt es sich um etwas anderes. Ich wollte es mir bis New
York aufsparen ... Aber jetzt ist jedenfalls Gefahr im Verzuge ... Also
kurz und gut: ich hab’ was für Sie.“
„Für mich? ... Was haben Sie für mich?“
„Eine Depesche, weiter nichts. Halt ... nicht aus der Hand reißen
-- zuhören! Es ist nichts Böses. Also: Berlin, wohlverstanden --
Berlin kabelt, ob Karla König für drei Jahre mit steigender Gage von
fünfzehn-, achtzehn- und zwanzigtausend Mark und freiem Gastspielmonat
einverstanden .... Unterschrift geht Sie nichts an. So.“
Karlas Kopf war gegen das Kissen zurückgefallen. Sie murmelte erst
etwas kaum Verständliches -- ihre Hand schlug in der Luft hin und her.
„Kapelle ... lieber Kapelle ...“
Er faltete das Telegramm zusammen und steckte es in die Seitentasche
seines stets verknitterten Anzuges.
„Na ja ... na ja ... Das Ei des Kolumbus ... War ganz einfach. Ich hab’
noch ein paar Beziehungen ... das ist alles. Hab’ sie nie gebraucht für
mich ... Aber diesmal .... Also geht Sie alles nichts an. Ich frage
nur: Ja oder nein?“
Karla suchte ihr Taschentuch; sie preßte es gegen die Augen, schneuzte
sich, lachte, brachte ein paar ganz sinnlose, unzusammenhängende Worte
vor und stockte plötzlich.
„Na, was ist denn nun wieder?“
„Nicht böse sein, Kapelle ... liebster, bester Kapelle ... nicht böse
sein ... Aber wenn Russel ... wenn der Mensch mich nicht losläßt, und
wenn mein Mann ...“
„Ach was, Russel ... Ihr Mann ... Vielleicht der Herr Präsident der
Vereinigten Staaten und der Schutzmann von der nächsten Ecke! ... Kommt
man über den Kopf, so kommt man über den Schwanz ... Ich hab’ was auf
der Bank ... brauche ja nichts, nicht wahr? Und den Russel ... dem hab’
ich immer fest Daumenschrauben angelegt ... Hat immer alles gezahlt und
wird weiter zahlen! ... Also wenn’s das ist ... Das Geld für Sie, um
von ihm loszukommen, liegt bereit.“ ...
Er kramte in der Seitentasche, holte ein schmales Büchlein heraus,
kritzelte seinen Namen unter eine Seite, riß sie heraus und steckte sie
Karla in die Hand.
„Ein Scheck. In blanco.“
Er stampfte ungeduldig mit dem Fuß auf, weil Karla ihn mit ihren
großen, braunen Augen ganz verständnislos ansah.
„Herrgott, wissen Sie denn nicht, was ein Scheck in blanco ist? Also
Sie brauchen hier bloß auszufüllen ... die Höhe des Betrages ...
dreitausend Dollar ... oder viertausend ... oder fünftausend ... wie
viel es gerade macht. Zehne sind’s doch nicht?“, schrie er sie an,
weil sie noch immer so regungslos dastand. „Na also, bis zehn langt es
... verstanden? ... Damit gehen Sie zur Bank und holen sich das Geld
und legen es Russel in seiner Office auf den Schreibtisch. Quittung
nicht vergessen! Sie sind imstande! ... Obwohl Russel ... Handschlag
genügt bei ihm. Ein +kleiner+ Schuft ist er nicht. Damit käme er hier
nicht weiter. Haben Sie nun verstanden, ja? Zeit war’s. Und morgen in
Ihrem Boardinghouse hinterlassen Sie mir ein Wort, bevor Sie ausgehen.
Ja oder nein. Damit ich nach Berlin kabeln kann. Verlieren Sie den
Scheck nicht ... sonst holt sich irgendein Nigger das Geld ab ...
Wär’ schade ... Wiedersehen, Karla König ... Ich sehe Sie noch, bei
Ihrer Abreise. Und in Berlin gleich zum Halsarzt! Und Stunden nehmen!
Von vorne anfangen ... verstanden? Und das Geld ... wenn Sie mal sehr
viel verdienen ... dann schicken Sie mir’s zurück. Brauchen kann man’s
immer.“ ...
Er drückte ihr die Hand, kurz und hart, rückte an seinem Hut, schob die
Tür auf und wieder hinter sich zu.
Er sah sich nicht mehr um, sah nicht, wie Karla in die Knie sank,
mitten auf den staubigen, schmalen Boden ihres Pullman Cars, wie sie
die Hände über dem Blatt Papier aneinanderfaltete und mit lauter,
zitternder Stimme zu den Gepäcknetzen hinaufschrie:
„Solch einen Menschen hast du geschaffen, lieber Gott ... solch einen
Menschen ...!“
[Illustration]
Im Boardinghouse fanden sie Post vor.
In dem großen Brief an Altmann war ein kleines Briefchen von Vicki
beigelegt. Sie schrieb über Schmerzchen hauptsächlich. Schmerzchen
sei „süß“ und frage jeden Tag nach der Mama. Die Nachschrift war
bedeutend länger und handelte von einem jungen Manne, den sie auf dem
Architektenball kennen gelernt hätte. Er hieße Bodo Völkel und arbeite
bei einem großen Baumeister. Er tanze „wundervoll“ und sei sehr klug.
Sie habe sich „himmlisch“ mit ihm auf dem Ball unterhalten und ihn
einige Male heimlich getroffen. Karla dürfe es nur beileibe nicht der
Mama sagen. Denn von ihrer heimlichen Verlobung sollte noch keiner
etwas wissen. Bodo sei übrigens auch ganz entzückt von Schmerzchen, das
sie immer mit auf ihren Spaziergang nehme. Sie gingen nämlich meist im
Tiergarten spazieren, weil dort die beste Luft für Schmerzchen sei.
Und wenn Karla erst in Berlin wäre, dann würde Bodo ihr sofort seinen
Besuch machen ... „denn Du kannst Dir denken, Mama würde große Augen
machen, wenn er so plötzlich käme ...“
Karla lächelte und steckte den Brief in die Tasche. Kindereien! Sie
hatte jetzt Wichtigeres vor.
Altmann las noch immer. Es waren acht engbeschriebene Seiten. Sein
Gesicht war ernst, ja sorgenvoll. Karla beobachtete das Zucken seiner
Brauen, die nervöse Bewegung, mit der er sich um das bartlose Kinn
fuhr.
„Was schreibt Adele?“
Altmann überhörte scheinbar die Frage, faltete den Brief zusammen und
steckte ihn ein. Dann ging er im Zimmer auf und ab. Ein grübelnder
Ausdruck lag auf seinen Zügen.
Karla setzte sich auf das Sofa und umschlang die Knie mit den Armen.
„Ich hätte wichtig mit dir zu sprechen, Ernst ...“
„Ja ... was ist ... was soll’s?“
Ein leiser Ärger stieg in ihr hoch. Was sie ihm zu sagen hatte, war
doch mindestens so wichtig wie alles, was man ihm von dort schreiben
konnte! Oder ...
Sie solle ihn jetzt nicht mit Fragen quälen. Er müsse Ruhe haben,
überlegen können. Das Anerbieten, das ihm Russel gemacht habe, sei so
verlockend, daß ...
Karla unterbrach. Es handelte sich nicht um Russel ... Was immer er
anbieten mochte -- sie blieb nicht.
Und weil sie das kalte, ironische Staunen in ihres Mannes Augen reizte,
bullerte sie heraus, was sie langsam, bedeutsam hatte vorbringen
wollen. Berlin bot ihr einen dreijährigen Vertrag, und Kapelle streckte
ihr das Geld vor, um den Vorschuß an Russel zurückzuzahlen.
Altmann verfärbte sich. Alles in ihm empörte sich dagegen, daß ein
Fremder, ein Dritter sich in Karlas Schicksal mengte, das er allein
bisher geleitet hatte. Wie kam er dazu?
„Kapelle hat Beziehungen in Berlin ... welche, hat er mir nicht gesagt.
Aber er hat diese Beziehungen angerufen, weil er sich für meine Stimme
interessiert ... als Musiker interessiert ... Du bist kein Musiker ..
Du weißt nicht, was das für mich heißt, noch ein Jahr unter diesen
Verhältnissen zu singen ... keine Ahnung hast du! ...“
Karla fing an zu schluchzen. „Ich will so nicht weiter leben ... will
nicht künstlerisch verkommen ... Durch Kapelle bietet sich mir das
große Los ...“
Altmann atmete schwer. Er zernagte seine Unterlippe. Er stand
plötzlich vor Entscheidungen und Verhältnissen, denen er sich kaum noch
gewachsen fühlte. Über seinen Kopf hinweg hatte ein Dritter über sein
und Karlas Leben verfügt. Wo blieb er? ... Würde es ihm möglich sein,
in Berlin auch für sich eine Stellung zu finden? Hier -- hatte er sie,
wähnte, sie sich erkämpft zu haben durch Fleiß und peinliche Erfüllung
freiwillig übernommener Pflichten. Er war stolz darauf. Soviel hatte er
in Europa nie verdient, wie Russel ihm hier anbot. Zehntausend Dollar
jährlich und -- kleine Beteiligung! Dazu Direktortitel! So etwas schlug
man doch nicht in den Wind ... Freilich ... Berlin! Seine Leute ...
Luise ... Luise vor allen. Wohin mit ihr? Die Stowns kehrten im Herbst
nach England zurück, hatten Luise freundschaftlich nahegelegt, sich
nach einer anderen Stellung umzusehen! Darüber schrieb Adele eben einen
acht Seiten langen Brief. Luise war zermürbt. Sollte sie wirklich in
ihrem Alter noch bei fremden Menschen ihr Brot suchen? Wäre es nicht
das Beste, Richtigste, sie würde Schmerzchen erziehen und Karlas
Haushalt führen? Denn es war doch anzunehmen, daß sie beide nach Ablauf
ihres Vertrages nach Deutschland zurückkehrten. Luisens Platz war in
ihrem Hause. Karla konnte Gott danken, daß das Schicksal es so gefügt
hatte.
Er war aufs tiefste bewegt gewesen von diesem Anruf seiner brüderlichen
Pflicht. Flüchtig hatte er bereits daran gedacht, eine Wohnung für Luise
und das Kind zu mieten, ihnen eine kleine Wirtschaft einzurichten ...
Nun kam Karla mit dem Berliner Antrag ... Glückselig wäre er gewesen --
noch gestern! Aber heute? ...
„Und wie kommt Kapelle dazu, den Vorschuß zu bezahlen“, stieß er heftig
hervor. „Wie soll ich das auffassen ...?“
„So einfach -- wie er es angeboten hat. Statt dem Russel sind wir ihm
das Geld schuldig -- weiter nichts.“
Altmann preßte die Lippen aneinander. Es wurde ihm schwer, immer unter
einer Schuldenlast einherzugehen -- noch schwerer aber war es ihm,
mühsam Erspartes auf einen Ruck herzugeben! Es stand ja noch die
Einrichtung bevor ... Wenn Karla an der Oper war, konnten sie nicht in
möblierten Zimmern hausen! Außerdem Luise ... das Kind ... ein Mädchen
...
Ihm wurden die Schläfen feucht.
„Wo hast du den Scheck?“ fragte er kurz.
Sie lief ins Nebenzimmer, holte ihr Täschchen, gab ihm das gefaltete
Blatt. Er versuchte, die Unterschrift zu entziffern -- es gelang ihm
nicht.
„Den Scheck nehme ich an mich. Du verlierst ihn noch.“
Sie sah, wie seine schlanken, jetzt ein wenig hageren Hände langsam
und bedächtig den falschen Kniff glätteten und den Scheck pedantisch
falteten. Sie mußte an die kurze, breite Hand denken, die ihn ihr so
achtlos zugesteckt hatte.
„Ich soll ihm schreiben: ja oder nein“, sagte sie leise und blickte von
unten herauf zu ihrem Manne herüber.
Er wich ihrem Blick aus, kam aber langsam auf sie zu, legte den Arm um
sie.
„Denk an diese Stunde, Karla ... vergiß sie nicht. Ich bringe dir ein
Opfer ... ein großes Opfer. Ich schlage eine Stellung aus ... wie sie
mir vielleicht nicht zum zweitenmal geboten wird ... Ich tue es um
deinetwillen, ordne meine Laufbahn der deinigen unter ... mehr kann ein
Mann für seine Frau nicht tun; und es mag sein, daß mich andere Männer
darum weniger schätzen werden. Aber ich will jetzt nicht daran denken.
Will nur an dich denken! Glaube mir ... so gut wie ein anderer, und sei
es auch Kapelle, so gut meine ich es mindestens mit dir!“
Seine Stimme hatte den gedämpften, überzeugenden Klang, den Karla
einst so geliebt hatte an ihm. Es war die Stimme aus der Zeit, da sie
widerspruchslos zu ihm aufgeblickt hatte wie ein scheues, kleines
Mädchen, da sie von ihm allein Glück und alles Heil der Welt erwartet
hatte.
Sie zog seine Hand über ihre Schulter und lehnte ihre Wange an.
„Lieber Ernst ... lieber, lieber Ernst ...“
„Schreibe also deinem Freunde Kapelle -- ja.“
„Lieber ... Guter ...“
Er fuhr ihr streichelnd über das braune Haar und drückte gleich darauf
beschwichtigend seine Hand auf ihren Kopf.
„Ja ...“, wiederholte er. „Aber ich knüpfe eine Bedingung daran --“
„Eine Bedingung ... Welche?“
Ihre Augen blickten ihn schreckhaft an. Würde er verlangen, daß
Schmerzchen, ihr süßes Schmerzchen bei Adele blieb? ... So hart konnte
er nicht sein ... das war doch unmöglich!
„Sage .. welche? ...“, drängte sie, während alles Blut ihr zum Herzen
lief.
Er sagte es ihr in wenigen Worten: Luise sollte ihrem Haushalt
vorstehen, sollte Schmerzchens Erziehung leiten ...
Da sprang Karla König mit beiden Füßen auf das Sofa, wie ein Gummiball,
packte den Kopf ihres Mannes zwischen beide Hände und rief jubelnd,
lachend, kreischend fast, wie ein Kind:
„Aber ja ... ja ... ja ... tausendmal ja!“
* * * * *
Im September verließ ein Schiff des Norddeutschen Lloyd, mit Karla
König und Altmann an Bord, den Hafen von New York.
Einzelne Mitglieder waren zum Abschiednehmen erschienen, Russel und
Kapelle.
„~Well~, Karla König, Sie haben einen klugen Mann. Aber seien Sie noch
klüger! Wir sehen uns wieder. Und hier ... ein kleines Andenken ...“
Er händigte ihr eine Schmuckschachtel ein. Sie trug den Namen des
ersten New Yorker Juweliers und enthielt ein Anhängsel aus großen,
lupenreinen Brillanten. Es war seine fünftausend Dollar wert.
Kapelle drückte ihr nur die Hand.
„Machen Sie’s gut, Karla König!“
Sie betrat, die Augen von Tränen verdunkelt, die Schiffsbrücke, als
Altmann auf Kapelle zuging, ihn beiseite zog und ihm seinen Scheck
zurückgab.
„Danke, Kapelle ... es war nicht nötig. Ich konnte es schaffen und habe
noch was übrig fürs erste dort drüben.“
Kapelle nickte.
„Na ja ... dann ist’s gut. Wenn’s nur mehr ist, als was Sie
mitbrachten!“
Karla stand lange, lange an der Reling -- und das letzte, was sie aus
Amerika mitnahm, waren die Umrisse einer ungewöhnlich großen Gestalt
mit einem winkenden Panama und eines großen Schädels auf gedrungenen
Schultern, mit struppigem, im Winde flatterndem Haar.
[Illustration]
Auch nach vielen, vielen Jahren vergaß Karla König nicht, wie der Zug
in die Halle des Lehrter Bahnhofs in Berlin einfuhr, und noch immer
bebte ihr das Herz, wenn sie an den Augenblick zurückdachte, da sie
Schmerzchen als weißen Punkt zwischen Adele und Alwin Maurer zuerst
erblickte.
Sie wußte auch damals nicht, wie sie aus dem Abteil gesprungen war,
wie sie das kleine Mädchen in dem weißen Jäckchen und dem weißen
Seidenhütchen in die Luft gehoben und es an sich gedrückt hatte.
Schmerzchen fing an vor Schreck zu weinen. Aber Karla weinte selbst,
schaukelte das Kind in ihren Armen hin und her, unbekümmert um die
Reisenden, die Träger, die Taschen, Handkoffer und Schirmspitzen, die
sie anstießen, quetschten und sich in ihren Rücken einbohrten.
Altmann begrüßte die Geschwister mit verhaltener Bewegung, ging dann
auf Karla zu:
„Willst du mir gar nichts lassen ...?“
Und er nahm ihr das jetzt schluchzende Kind aus den Armen.
„Wie wild sie noch immer ist“, flüsterte Adele ihrem Manne zu. Aber
dann umarmte sie Karla, nicht ohne Wärme, und schob ihren Mann vor.
„Willkommen, Karla ... willkommen!“
Karla tupfte noch die Augen ab. Schüttelte Alwin Maurer lachend und
weinend die Hand.
Eine große, stille Freude leuchtete aus Alwin Maurers Augen. „Jetzt
glaube ich’s, daß du da bist, Karla ...“
Endlich saßen sie im Wagen. Wieder riß Karla das Kind an sich.
Aber Schmerzchen strebte auf Altmanns Schoß hinüber. Die Mama war
schrecklich wild. Die Mama hatte ihr das neue Hütchen zerdrückt und das
Haar zerrauft. Schmerzchen fühlte sich als großes Fräulein, ging und
setzte sich selbständig, kroch auch mal dem oder jenem auf den Schoß --
aber nur, wenn’s ihr paßte. Mama glaubte wohl, sie wäre ein Ball und
könnte in die Luft geworfen werden? Das war sehr unangenehm ...
Papa war viel ruhiger. Papa hatte sie auf beide Backen geküßt, wie alle
Onkels es taten! Und er hatte sie auf seinem Arm sitzen lassen, wie auf
einem Stuhl! Das war ganz etwas anderes ... Und als sie „runtergehen“
gesagt hatte, da hatte er sie gleich auf die Erde gestellt und hatte
mit ihr spazierengehen wollen! Mama aber hatte sie gleich wieder am Arm
gepackt und hatte zu laufen angefangen. „Karla ... Karla! ... So paß
doch auf!“, hatte der Papa gerufen.
Also Karla hieß die Mama ... Aber sie war gar nicht, wie Mamas sind ...
gar nicht ein bißchen ...
Schmerzchen kroch also zu Papa auf den Schoß und beguckte sich die Mama
mit großen, ein wenig feindlichen Augen.
Mama hatte ein schrecklich braunes Gesicht und sehr große Augen und
weiße Zähne. Mama hatte einen großen Pelzkragen um, obwohl es doch
heiß war. Und schöne glitzernde Ringe hatte Mama an den Händen. Und
eine sehr starke, laute Stimme hatte sie und sprach so viel ... und
die Hände waren immer in Bewegung ... als wollten sie immer nach ihr
greifen.
Schmerzchen schmiegte sich an den Papa. Papa streichelte ganz sanft ihr
Haar und ließ sie ruhig an seiner Uhrkette spielen.
Karla streifte Schmerzchens Röckchen hoch und drückte ihre Lippen auf
die weiße kleine Wade.
„Hast du Mama lieb, Schmerzchen ... sag, hast du Mama lieb?“
„Mama auch lieb“, antwortete Schmerzchen, ohne sich stören zu lassen.
Schmerzchen sah ihre Freiheit zunächst wesentlich unterbunden und war
von der neuen Ordnung der Dinge noch nicht sehr erbaut. Jedenfalls
wollte sie sich hauptsächlich an den Papa halten.
„Wie ernsthaft Schmerzchen ist“, meinte Karla, und im plötzlich
gedämpften Ton ihrer Stimme lag etwas wie Bangigkeit.
Vor der Haustür in der Motzstraße standen Vicki und Fritz als Kadett.
Fritz benahm sich als vollendeter Kavalier, half ihr aussteigen,
küßte ihr die Hand, begrüßte Altmann mit einem respektvoll dankbaren
Händedruck. Vicki flog Karla um den Hals. Karla zupfte sie am Ohr.
Vicki legte die Finger an die Lippen.
Oben wartete Luise. Sie war noch hagerer geworden, und ihr Gesicht,
mit den grauen Augen unter den dichten, geraden Brauen, hob sich noch
strenger als früher von dem schmalen, weißen Umlegekragen ab, der die
klösterliche Einfachheit ihres schwarzen Kleides spärlich aufhellte.
Sie drückte Karlas Wangen mit der mageren Hand näher an ihre schmalen
Lippen. „Alles Glück in der Heimat!“