Ernst Altmann.“

Ja ... und nun sollte Alwin Maurer danken. Er sah immer Karlas Gesicht,

blaß und verzerrt, und er hatte ihre Stimme im Ohr ... diese Stimme,

die er so liebte, die sie von Land zu Land schleifte und die sie in

Geld umsetzen mußte, fern von ihrem Kinde. Sie alle aber rafften ihr

Geld an sich, und dieses Geld, das zu ihnen strömte, war das einzige,

was ihm blieb von ihrer Stimme! ...

Was er geliebt und angebetet hatte, was so schmerzend fern von ihm

lebte und klang, das kehrte zu ihm zurück, in Geld verwandelt, das

Adele ihren Zwecken nutzbar machte ..

Er sprang auf, öffnete die Tür zum Eßzimmer. Schmerzchen saß mit

rotgeklapsten Händchen vor ihrer Negerpuppe, die sich so herrlich

herumwerfen ließ. Warum haute Tante Adel eigentlich, wenns der Puppe

selbst recht war?

„Komm, Schmerzchen ... du sollst deiner Mama schreiben.“

Alwin Maurer hob Schmerzchen auf den Arm, ging mit ihr in sein Zimmer

und setzte sich, mit ihr auf dem Schoß, an den Schreibtisch.

Schmerzchen war einverstanden mit der veränderten Tätigkeit; aber wie

Onkel Al ihre kleine Hand um den Federhalter drückte ...! Nein ... so

war das gar nicht nett. Das tat ja fast noch mehr weh, als Tante Adel’s

Klapse!

Immerhin -- sie mochte den Onkel gut leiden und wollte ihm den Gefallen

tun. Ohne Tintenklexe ging es nicht. Aber die waren das hübscheste an

der ganzen Sache.

Also: „Ich habe Dich sehr lieb, mein gutes Mamachen, und schicke Dir

tausend Küsse. Dein Schmerzchen.“

~Dr.~ Alwin Maurer las Schmerzchen ihr Geschriebenes ordnungsgemäß

vor. Sie fuhr sich mit der kleinen, gemarterten Hand über das

hellbraune Haar, das die eigensinnige kleine Stirn so hübsch einfaßte.

„Nicht Mama küssen! Papa küssen!“ ...

Alwin Maurer blickte auf.

„Warum denn, Papa?“

Schmerzchen wußte noch nicht genau, warum. Ganz langsam und verworren

reiften in ihrem kleinen Hirn folgende Erkenntnisse: Wenn Mama käme,

würde sie „hauen“, wie Tante Adel sagte. Alle Mamas und Tanten hauten

... auch von Vicki gab es Klapse. „Fitz“ und Onkel Al hauten nicht.

Auch der „Gooßpapa“ nicht. Papa somit auch nicht. Papa verdiente viel

mehr Küsse als Mama ... viel mehr ...

„Papa schreiben“, verlangte sie nun mit aller Entschiedenheit ihrer

zwei Jahre.

Alwin Maurer ließ Schmerzchen von seinen Knien herabgleiten.

„Später ... jetzt hat Onkel keine Zeit ... Onkel muß arbeiten ...“

Schmerzchen nickte ernsthaft. „Abeiten“ -- das Wort kannte sie. Wenn

es fiel, mußte sie immer ganz still sein, ganz leise mit ihren Puppen

spielen. Und eigentlich hatten sie alle den ganzen Tag zu „arbeiten“

-- der Onkel und der „Fitz“ und die Vicki ... Nur vormittags ... Aber

da hatte Tante Adel Kopfwehweh ... und da durfte sie auch keinen Lärm

machen ...

Als Schmerzchen von ihrem Nachmittagsschlaf erwachte, rosig und

weltfreundlicher gestimmt als vor einigen Stunden, wartete Pauline

bereits an ihrem Bett, um sie zum Großpapa zu bringen.

Vor dem Hause der Schillstraße traf Pauline den Briefträger. Er

händigte ihr einen dicken Brief ein mit vielen ausländischen Marken.

„Von deiner Mama ... was sagst du, Schmerzchen ... von deiner lieben

Mama! ...“

Es roch schon auf dem Flur so wunderschön. Schmerzchen knixte sehr

flüchtig und auf unsicheren Beinchen nach links geneigt -- wie der

Großpapa es sie gelehrt hatte.

„Ei ... du kleines Fräulein ... wie niedlich wir sind ... wie charmant

... aber der Knix ... Nein ... der war nicht schön ... noch einmal ...

Keine Grimasse ... ta ta ta ... hübsch graziös, kleines Fräulein ...

soo ...“

Vor dem Mitteltisch stand ein großer Puppenwagen, am Stuhl hing eine

rote Pferdeleine mit kleinen Glöckchen, ein gehäkeltes wollenes

Unterkleidchen, mit rosa Schleifchen, lag neben der Tasse ... und

mitten auf dem Tische erhob sich ein Napfkuchen, ganz weiß von Zucker,

und zwei große Kerzen flammten auf dem Tellerrand ... und jetzt kam

das Schönste: Pauline, mit einer großen Kanne, aus der ein duftender

Dampf aufstieg ... so stark, als ob sich über das ganze helle Zimmer

Schokolade ergossen hätte ... so daß Schmerzchen immer wieder ihre

Zunge herausstreckte und mit großen Augen die Kanne, den Kuchen, die

Tasse und Pauline selbst verschlang. Den Großpapa hatte sie ganz

vergessen ...

Er saß ja auch weitab an seinem Schachtisch beim Fenster, faltete mit

seinen kleinen, weißen Händen die feinen überseeischen Briefbogen

auseinander, rückte an seiner weißseidenen, baumelnden Krawatte,

räusperte sich und vertiefte sich in Karlas teils wie nach einer

Vorlage geschriebenen, teils krakeligen Schriftzüge. Kein Datum. Nicht

ein einziges Mal die Stadt, der Breitengrad oder der Name des Schiffes.

Sie hatte Wichtigeres aufzuzeichnen.

Mein lieber Papa!

Ich weiß nicht, ob überhaupt und wann ich mit dem Briefe fertig werde.

Vielleicht schicke ich ihn noch heute, vielleicht zu Schmerzchens

Geburtstag, vielleicht gar nicht.

Es ist sehr schlimm, daß ich so viel allein bin. Ernst sieht es nicht

gern, wenn ich mit den anderen „intim“ werde. Es geht auch nicht gut,

seitdem er sich so eine komische Stellung bei uns ausgeklügelt hat. Er

kommt mir vor wie der „schwarze Mann“, vor dem ich mich als Kind so

gefürchtet habe. Oder aber wie unser altes Dienstmädchen. Erinnerst

Du Dich? Die ging nie ohne Staubtuch herum und rückte immer alles an

seinen Platz, kaum daß man es benützt hatte.

Aber Ernst sagt, er müßte auf Ordnung dringen -- es wäre alles

furchtbar verwahrlost gewesen. Ich glaube, die Kollegen mögen ihn

nicht, und sie lassen es mich oft ausbaden, wenn sie von Ernst einen

Verweis erhalten haben. Natürlich hat Ernst im Grunde recht, aber die

Leute sind doch nun mal das gewohnt, was sie „ihre“ Ordnung nennen. Die

Herren sind hier sehr galant, sehr großartig. Einer hat mir einmal ein

wunderschönes Armband mit Rubinen in einer Konfektschachtel geschenkt.

Leider durfte ich es nicht behalten. Es war ja sehr richtig von Ernst,

daß er es dem Herrn zurückgab, aber ich habe es doch lange nicht

verschmerzen können. Denn so sehr viel Schmuck habe ich doch nicht, und

mir falsche Steine anhängen wie die Nordeni -- das mag ich nicht ...

Denke Dir, mein lieber Papa, was geschehen ist ... mir zittern noch

alle Glieder, obwohl wir schon wieder gemütlich im Zuge sitzen und

weiterrattern, wie Du es an meiner Schrift sehen kannst. In unserer

Lokomotive brach Feuer aus, und wir blieben auf freiem Felde stehn.

John Russel reiste ausnahmsweise mit uns -- Gott sei Dank! Plötzlich,

während wir uns draußen ein wenig ergehen, hören wir ein schreckliches

Geschrei und sind, ehe wir es uns versehen, von einem Haufen Indianer

umringt. Die einen stürmen den Zug, die anderen stürzen sich auf uns,

werfen uns Tücher über die Köpfe, fesseln uns. Ich höre Schreien,

Schüsse ... ich dachte nur an Schmerzchen in diesen entsetzlichen

Minuten. Dann wurde ich, glaube ich, ohnmächtig. Als ich aufwachte,

war ich wieder in meinem Abteil. Aber nicht Ernst, sondern Kapelle,

unser erster Kapellmeister, stand vor mir. Er ließ mich an etwas sehr

Scharfem riechen und schimpfte entsetzlich. Ich fragte, wo mein Mann

sei. „Ach lassen Sie nur, der ist gut aufgehoben“, sagte er. Ich schrie

auf, weil ich glaubte, die Indianer hätten ihn erschossen. Aber Kapelle

beruhigte mich und sagte, ich solle jetzt nur schlafen. Kaum war er

draußen, so sprang ich auf die Bank, um meine Tasche herunter zu holen,

und mich herzurichten, denn ich sah wie eine Wilde aus -- die Haare

aufgelöst und verwirrt -- und die Bluse, na ... Ich suche und gucke

überall herum -- keine Tasche! Schön. Also gehe ich heraus so, wie

ich bin, um meinen Mann zu suchen. Wo finde ich ihn? Im Nebenabteil.

Er liegt auf der Bank, mit verbundenem Kopf. Mariette kühlt ihm die

Stirn mit Kompressen. (Du weißt doch, die Zofe der Nordeni, bei der

ich französischen Unterricht habe.) Ernst, rufe ich. Ernst! Er streckt

mir die Hand entgegen ... er kann sich nicht rühren. Er behauptet, die

Indianer hätten ihn mehrfach in die Luft geschleudert und auf die Erde

fallen lassen. Mariette hat Tränen in den Augen. Das fand ich nun ganz

überflüssig; schließlich braucht +sie+ um meinen Mann nicht zu weinen!

Das kann ich allein besorgen, wenn ich will ... Ich bedanke mich also

bei ihr und schubse sie mit aller Liebenswürdigkeit aus dem Abteil.

Kaum bin ich allein mit Ernst, als der Zug sich wieder in Bewegung

setzt und John Russel zu uns hereinkommt. Ob mir nichts von meinem

Gepäck fehle? Ja, sage ich, die Tasche.

„~Well~ -- das war ein Raubüberfall. Die Kerls wollten Ihnen Ihre

Brillanten stehlen ...“ Da mußte ich lachen und meinte: „~Well~,

da werden sie aber nichts anderes finden als ein paar Zahnbürsten,

Kämme und Seife ...“ „Macht nichts,“ sagte John Russel ... „es war

doch ein Brillantendiebstahl! ...“

In unserem Zug fuhren ein paar Reporter, die sich unsere nächste

Vorstellung ansehen sollten, um darüber zu berichten. Na, die hatten

nun zu tun, das alles zu schildern .... Mein lieber Papa! Ich sitze nun

schon eine halbe Stunde in meinem Hotelzimmer und komme vor Lachen um.

Weißt Du, was mir gestohlen worden ist? Ein Diadem von der Königin von

Griechenland im Werte von sechzigtausend Dollar, ein Brillanthalsband

im Werte von vierhunderttausend Dollar vom Kaiser von Rußland, vierzehn

Ringe im Gesamtwert von zwanzigtausend Dollar, eine Gürtelschnalle

aus Smaragden und Perlen -- ein Geschenk der Astrongs, zwei Uhren,

mit Edelsteinen besetzt, eine Kette aus Platina mit Brillanten und --

die Tugendrose vom Papst! ... Das Theater ist umlagert von Menschen,

die noch Billette zu erhalten hoffen! Es heißt, daß man in der Stadt

eine Sammlung plant, um mir „einen Teil des tragischen Verlustes“ zu

ersetzen! Steht alles schwarz auf weiß in der Zeitung. Ernst geht auf

einen Stock gestützt. Er ist augenblicklich nicht in rosigster Laune

und spricht nicht viel mehr als das Nötigste mit mir. Ich glaube, er

ärgert sich über den Humbug ... Weißt Du, was mir scheint? Mariette

fängt an, mit Ernst zu kokettieren. Ich neckte ihn ein bißchen mit ihr,

da verbat er es sich. Man kann eigentlich nie recht Spaß machen mit

ihm. Meinen französischen Unterricht habe ich auch aufgegeben. Ich kann

genug .... Also denke, der ganze Indianerüberfall war von John Russel

„inszeniert“. Choristen von uns hatten sich verkleidet. Der Fundus von

„Afrikanerin“ und „Aida“ hat herhalten müssen! So genau hat ja niemand

hingesehen und die Gelegenheit haben sich einige zunutze gemacht, um

Ernst -- nein, es ist zu schändlich! Ich glaube, er ahnt die ganze

Sache und mag darum nicht mit mir über die Geschichte sprechen. Er

ist auch lange nicht mehr so streng seitdem gegen die anderen. Aber

ich glaube, es muß ihn doch furchtbar demütigen -- Tue nur nie, als

ob Du etwas davon wüßtest --, um Gottes willen nicht! Ich dachte, die

Nordeni hätte Schreikrämpfe gehabt aus Angst vor den Indianern --

Gott bewahre ... die war ja mit im Komplott! (hat das selbst einmal

durchgemacht im Beginn ihrer amerikanischen Karriere.) Sie hatte nur

Angst, daß die Leute meinen armen Mann noch totschlagen, oder daß er

in dem Sack, den man ihm über den Kopf geworfen hat, erstickt! ... Sie

ist furchtbar ängstlich, die Nordeni. Gestern fragte mich mein armer

Ernst, ob wir seinem Neffen, dem Fritz Maurer, nicht helfen wollten,

die Offizierskarriere einzuschlagen. Ich sagte selbstverständlich ja.

Ich finde es so rührend, daß Ernst sich seiner Leute in allem annimmt.

Wäre mir aber auch sonst gar nicht möglich, ihm etwas abzuschlagen.

Denn es ist mir oft geradezu peinlich, daß ich eine so ganz andere

Stellung einnehme als er. Nur wegen meines bißchen Stimme ... Und dann

muß ich mir auch immer wieder vorhalten, wie glücklich ich sein darf,

daß mein geliebtes Schmerzchen so gut gepflegt und betreut wird ... So

viel Liebe kann ihr ja freilich niemand geben wie ich ... obwohl ich

doch ein bißchen auf den guten Alwin rechne und viel auf Deine Pauline.

Ach mein lieber Papa, wie sehne ich mich danach, Dein ta ta ta wieder

mal zu hören! Hier unter den braunen Affen wird einem alles so unsagbar

teuer aus der Heimat! Kapelle fragte mich mal: „Sagen Sie, was wollen

Sie eigentlich hier unter uns? Machen Sie, daß Sie bald fortkommen.

Denn wer sich hierher verschlagen läßt, ist ja doch nur Verbrecher oder

Abenteurer ...“ Armer Kapelle! Er ist mir entschieden der liebste von

allen -- trotz seiner Drinks und seines Slangs! Der Bariton ist auch

ganz nett. Aber eigentlich singe ich nicht gern mit ihm. Wenn ich mich

auf der Bühne in seine Arme stürzen muß, dann hält er mich gewiß ein

paar Sekunden länger an sich gedrückt, als nötig ist. Mir wird dann

immer übel, und ich möchte ihm am liebsten eine Ohrfeige geben. Aber da

ich ihm nichts beweisen kann, muß ich tun, als merkte ich nichts. Schon

meines Mannes wegen ... Ach, mein lieber Papa, wie gut, wie himmlisch

wird das sein, wenn ich erst an Schmerzchens weißem Bettchen sitzen

und ihren süßen Kinderatem auf meinem Gesicht spüren werde ... Eben

heißt es, die Post würde in einer Stunde an Land gebracht. So will ich

schließen. Wenn ich Glück habe, kommt der Brief gerade zu Schmerzchens

Geburtstag an. Pauline, die Gute, schrieb, sie würde das Kind über den

Nachmittag zu Dir holen ... Wie beneide ich Dich! Könnte ich für diesen

Tag all meine Liebe und Sehnsucht in Deine Augen legen, mit denen Du

Schmerzchen ansiehst, in Deine Hände, die sie berühren, in Deine Arme,

die sie umfangen ... so, jetzt heule nicht ... Lebt wohl, Papa, Pauline

... mein liebes kleines Mädelchen ... lebt wohl! Karla.

-- -- „Gute Nachrichten, Herr König?“

„Ach ja, Pauline, danke. Altmann ist verkeilt worden.“

Dem Papa hatte diese Stelle in Karlas Brief eine unerklärliche,

aber sehr aufrichtige Freude bereitet. Dann aber eingedenk der

letzten Worte, ging er schwungvoll und graziös auf Schmerzchen zu,

die augenblicklich einen etwas negerhaften Eindruck machte, küßte

sie vorsichtig auf das hellbraune Härchen und fragte mit aller

Zärtlichkeit, die er in seine tenorale Krähstimme zu legen vermochte:

„Nun, mein kleines Fräulein, wie schmeckt denn die Schokolade?“

[Illustration]

Karla war nervös. So richtig nervös. Der Regen, den die Wolken über

die Straßen ausschütteten, bis das Wasser fußhoch zwischen den Häusern

stand, dröhnte über dem Dach des Hotels ... Es wurde zeitig dunkel,

und die Luft war erfüllt mit unheimlichen Lauten. Manchmal knackte das

Holz der Veranda, die um das Hotel lief und auf die alle Zimmertüren

mündeten.

John Russel hatte der Gesellschaft acht spielfreie Tage geschenkt.

Inzwischen zimmerten farbige Arbeiter eine Scheune mit einer Bühne. Die

Scheune war schon -- als die ersten Latten genagelt wurden, zehnmal

zu nie dagewesenen Preisen ausverkauft, und seitdem pilgerten, sowohl

die Ansiedler der deutschen Kolonie wie Portugiesen aus der Umgegend

zur Baustelle. Sie kamen in wundervollen Wagen, mit Pferden bespannt,

über die leuchtende blaue, rote und gelbe Netze geworfen waren. Sie

kamen hoch zu Roß, den Tropenhelm im Nacken. Sie kamen zu Fuß. Da waren

Damen in extravaganter europäischer Kleidung -- der verkannten Mode des

vergangenen Jahres --; andere in Toiletten von Worth und Doucet; blonde

Kolonistenfrauen in fußfreiem Rock und weißer Bluse, einen Schleier um

den Kopf gebunden, den roten oder weißen Sonnenschirm in der Hand; da

standen mit weitgeöffnetem Mund ganze Indianerfamilien -- die Eltern

mit seltsam vornehmem Anstand und doch bescheiden, als wollten sie

ihren leuchtenden braunen Körper unter all dem Blendwerk von duftigen

Spitzen, Seidengefälle und Schleiergeweben vertuschen ...

Ein geschäftskluger Deutscher hatte ein Zelt aufgeschlagen; darin

brauten seine Frau und seine Tochter schwarzen Kaffee; ein paar

Neger in weißen Leinwandanzügen schlängelten sich geschickt zwischen

den leichten Bambusstühlen und Tischchen herum, die wie ausgestreut

schienen zwischen den Palmen, und brachten den Gästen Limonade, Absinth

und Whisky.

Wenn die zwei Regenstunden vorüber waren, dann belebte sich die Straße,

die zum „Theater“ führte, wie zu einem Korso. John Russel sah es gern,

wenn die Herren seiner Gesellschaft das „Theatercafé“ besuchten. Von

den Damen durften sich nur die Choristinnen dort sehen lassen.

„Wenn man eine Künstlerin täglich umsonst auf der Straße sehen kann,

wird keiner so närrisch sein, für dasselbe Vergnügen am Abend fünfzig

oder hundert Dollar zu bezahlen.“

Mariette brauchte sich an das Verbot nicht zu kehren -- sie war ja

keine Künstlerin. Ihr reizendes Figürchen wurde sehr bemerkt, und

mancher Kunstschwärmer versuchte es, sich ihr zu nähern. Ihre auffällig

zur Schau getragene Sprödigkeit mehrte ihre Erfolge. Viele hielten sie

für Altmanns Frau, weil man sie oft an seiner Seite sah, wenn er mit

den Arbeitern sprach und das Ausladen der Dekorationen beaufsichtigte.

Altmann merkte es kaum, wie eifrig sie sich an seine Fersen heftete.

Er gab ihrer nimmermüden Bereitwilligkeit allerlei kleine Aufträge.

Bald galt es, Vorhänge zuzuschneiden, bald Damenkostümen durch kleine

Abänderungen eine gefälligere Form zu geben.

„Sie haben so viel Geschmack“, sagte er mit einem schwachen Versuch,

ihr etwas Angenehmes zu sagen.

Bei einbrechender Dunkelheit gingen sie heim. Die Nacht kam wie ein

heimlicher Dieb; sie war da, ehe man sichs versah.

„~J’ai peur~“, murmelte sie und hing sich in seinen Arm ein.

„Aber wovor denn? ...“

Er lachte nachsichtig, aber beim nächsten Laternenpfahl machte er

seinen Arm frei. Es war nicht gerade nötig, daß ...

Er mochte den Gedanken nicht einmal zu Ende denken. Aber die feuchte

Wärme durchdrang seine Kleider, und die Schwüle erschlaffte ihn.

„Sind Sie bös gegen mir?“

Sie sprach ein drolliges Kauderwelsch und legte eine süße Kindlichkeit

in den Ton ihrer Stimme. Ihr Augenaufschlag, ihre halbgeöffneten Lippen

mit den perlenden weißen Mausezähnchen ...

Altmann machte so große Schritte, daß sie kaum nachkam mit ihrem

Getrippel.

„Unsinn ... wie kommen Sie darauf ...“

Aber er fühlte, die Frage war schon zuviel. Er hätte sie am Schopf,

an ihrem so wunderhübsch leuchtenden roten Schopf packen mögen und

sie beuteln. Kleine Kröte ... er durchschaute sie. Ganz genau. Aber

... o nein ... mein Fräulein ... o nein! Schließlich war er doch

etwas anderes als der Herr Schädlowski oder der Bariton oder einer der

bräunlichen Herren, mit denen sie Austern schlürfte. Er hatte eine Frau

zum Donnerwetter! Eine liebe, prächtige Frau, die ... die ...

Auch in seinen Gedanken kam er nicht weiter. Lieb hatte er Karla wie

niemanden sonst auf der Welt. Aber diesen prickelnden Reiz, den hatte

sie nie für ihn gehabt. Gott sei Dank nicht. Den hatten eben nur solch

kleine Dirnchen wie diese Mariette ... und die schüttelte man einfach

ab, ohne viel Getue ... ganz rücksichtslos!

Er lief beinahe. In Schweiß gebadet kam er ins Hotel. Über das

Holzgitter des Vorgartens sah er einen schmalen Lichtstreifen unter

Karlas Balkonfenster. Dieser Lichtstreifen rührte ihn mehr als eine

Klage. Sie saß in dieser wundervollen Nacht allein im abgeschlossenen

Zimmer, wagte es nicht einmal, die Hitze des Tages herauszulassen.

Er ging um das Hotel herum. Mariette war verschwunden; er atmete

erleichtert auf, nahm eilig die wenigen Stufen, die zu den Zimmern

führten.

Karlas Tür war abgeschlossen.

Auf sein Pochen und Rufen drehte sie den Schlüssel um. Sie hatte ihr

Morgenkleid aus Rohseide an, und ihre Augen brannten in dem runden,

bleichen Gesicht.

Er wollte sie in seine Arme ziehen, sie trat zurück, als merkte sie es

nicht, ging zum Tisch und schloß ihre Schreibmappe ab.

„Hast du nach Hause geschrieben?“ fragte er und suchte seiner Stimme

Festigkeit zu geben.

„Nach Hause? ... Meinst du, Papa? Meinst du die Motzstraße? Ich weiß

nicht, wo ich zu Hause bin ...“

Sie wendete sich ab und trat zum Fenster, als wollte sie hinaussehen.

Aber das konnte sie nicht, denn der Rolladen war herabgelassen.

Er stellte sich hinter sie und streichelte ihre Arme.

„Wir wollen morgen nach dem Regen eine Ausfahrt machen, Karla ...“

Sie sah in der dunklen Scheibe das Gesicht ihres Mannes. Sah es zum

erstenmal unsicher und gleichsam schuldbewußt. Da war es ihr, als

stünde sie plötzlich ganz allein in dem fremden Land, ganz allein im

Leben ... so allein wie die Nordeni ... Und sie schlug die Hand vors

Gesicht und drückte die heiße Stirn gegen das kühle Glas.

Am nächsten Tage aber nach dem Regen fuhren sie aus. Die Nacht hatte

stumm und feindlich zwischen ihnen gelegen, und sie hatte nicht

geglaubt, daß Altmann noch an die Ausfahrt dachte. Aber dann kam er

und sagte, sie möchte sich nett anziehen. John Russel hätte gegen die

Korsofahrt nichts einzuwenden, nur möchte sie einen recht dichten, aber

kleidsamen Schleier vornehmen.

Karla lachte jetzt.

„Wir sollen also Reklame fahren für Russel?“

„Aber nein. Nur, wenn wir schon fahren, dann ...“

Karla hörte nicht mehr zu. Sie riß die Schränke auf, warf ihre Kleider

durcheinander. Was sie anziehen sollte, müßte er ihr sagen! Das weiße,

mit den schwarzen Spitzen, oder das blaue, mit der schönen Stickerei?

Herrgott, er sollte doch kein so dummes Gesicht machen! Er wüßte ganz

genau, was hübsch sei und ihr zu Gesicht stünde. Und helfen durfte er

ihr auch. Vor den Niggermädeln im Hotel hatte sie geradezu Angst.

Ihre Röcke lagen auf dem Boden, ihre Schuhe flogen in die Ecken.

Von Kopf zu Fuß mußte alles frisch, blütenweiß und so elegant wie

nur irgend möglich sein. Tja ... Warum hatte sie eigentlich Trübsal

geblasen all die Tage? Zu dumm war sie gewesen! Und hatte sich Gedanken

gemacht ... so unsinnige Gedanken ... einfach lächerlich! Wo er doch

ein so lieber, tüchtiger, fleißiger Mann war, ohne den selbst Russel

gewiß nicht mehr auskommen würde ... Konnte er die dumme Gans, die

Mariette, verhindern, hinzugehen, wohin sie gerade wollte?! Und wenn

sie sich an seine Rockschöße hing ... was konnte er dafür? Eigentlich

war es sogar nett, mit einem Mann verheiratet zu sein, der anderen

Frauen gefiel ...

„Laß dich mal ansehen, du ...“

Sie faßte nach seinem Gesicht, küßte ihn ... drückte sich an ihn.

„Du, Karla, der Wagen kommt gleich.“

Ach was, der Wagen! Wenn er gar nicht käme, wäre es noch besser. Dann

wären sie eben allein in ihren Zimmern geblieben, hätten abgeschlossen,

die Rolläden heruntergelassen ... hätten ... Alle Wonnen ihrer

beseligenden jungen Mutterschaft erwachten plötzlich in ihr. Eine

flammende Röte schoß über ihren Nacken, ihre Brust, ihre Arme. Wie mit

Blut übergossen stand sie mitten im Zimmer und nestelte an den langen

Senkeln ihres Mieders.

„Was ist denn Karla ... was hast du denn ...?“

Sie schüttelte den Kopf, wendete sich ab, lachte vor sich hin. „Nein

... nichts ...“

„Doch, Karla, ich will wissen ... Du mußt es mir sagen ...“

Auch er lachte, umspannte ihre Taille mit den Händen, zog sie an sich.

Der gesunde, frische Duft ihres jungen Körpers wehte ihn an ... In dem

Bettnetz eingefangene Moskitos summten aufreizend und einschläfernd

zugleich.

„Was denn, Karla ...?“

Er hauchte es ihr ins Ohr.

Sie drückte ihren runden, hübschen Kopf an sein Gesicht.

„Ich dachte mir ... du wirst mich auslachen ... an so ein winzig

kleines Kindchen dachte ich ... Wenn man das wieder so haben könnte ...

wenn ich das wieder spüren könnte ... in meinen Armen halten dürfte ...

Wenn sie so satt getrunken sind und die kleinen Bläschen heraussabbern

... und man die kleinen Fingerchen wie Schmetterlinge auf der Brust

fühlt ... so etwas Wonniges gibt es ja ... nein, auf der ganzen Welt

gibt es so etwas nicht ...“

Er fühlte eine heiße Träne in seinen Kragen sickern. Angst und ein

leichter Ärger streckten und steiften seine Glieder. Was war denn das

wieder mit Karla? ... Dachte sie denn gar nicht an ihren Beruf, ihre

Laufbahn?

Gottlob behielt er seine fünf Sinne zusammen. „Närrchen!“ sagte er und

küßte Karla flüchtig auf das Haar.

Sie führte rasch ein Taschentuch an die Augen, die Nasenspitze und

lächelte versonnen.

„Hier ist die Luft so ... wie soll ich sagen ... so warm und brütend

... und man kann nicht den Fuß wohin setzen, ohne auf etwas Lebendes

zu stoßen ... Ich glaube Ernst, die Natur hat mich gewiß zu was ganz

anderem bestimmt als zu einer Primadonna.“

Altmann versuchte zu lachen.

„Etwa zu einer kleinen Bruthenne ... wie?“

„Vielleicht ...“

Peitschenknallen schlug hart in die Stille des Zimmers, durchschnitt

die drohend aufsteigende Mißstimmung.

„Jetzt wollen wir aber vergnügt sein, Karla, wie? ...“

„Ja! ...“, klang es gedrückt zurück.

Als sie die luftige Steinhalle durchschritten, nickte ihnen die Nordeni

zu. Sie saß mit Mariette in den Korbstühlen, und zwei schwarzhaarige

Herren, offenbar Portugiesen, bewirteten sie mit Eis und Gebäck.

So offensichtlich hatte die Nordeni ihre Zofe noch nicht zu ihrer

Gesellschaft gezogen. Vermutlich schleppte sie die hübsche kleine

Pariserin als Angelhaken mit.

Als Altmann und Karla vorüberkamen, löffelte Mariette sehr

angelegentlich ihr Eis. Karla blickte über sie hinweg, hing sich nur

wieder sehr augenfällig in den Arm ihres Mannes.

Die Fahrt machte Karla ein ungeheures Vergnügen. Das „Theater“

war fertig und sollte morgen nur noch mit Blumen und Teppichen

ausgeschmückt werden. John Russel begrüßte Karla am Wagen und brachte

ihr dann selbst ein Glas Sekt aus dem Café, denn es war nicht

schicklich für Damen, die im Wagen kamen, auszusteigen und sich unter

die Fußgänger zu mischen. Das gefiel Karla. Sie fand das nach langer

Zeit wieder sehr „vornehm“ und hatte eigentlich das erstemal so etwas

wie „Primadonnengefühle“. Sogar das ziemlich schamlose Anstarren von

den Herren machte ihr Spaß. Du lieber Gott, sie +war+ eben +wer+ ...

Sollte sie das nicht freuen?

Als der Wagen umkehrte, entdeckten Karlas trunkene Augen unter den

Fußgängern einen großen struppigen Schädel.

„Kapelle!“ rief sie. „Kapelle! ...“ und winkte mit dem Tuch.

Kapelle grüßte mit dem verbeulten, angestaubten braunen Hut, den er in

der Hand trug, ohne die glimmende Zigarre aus dem Mundwinkel zu nehmen.

Aber Karla hieß den Kutscher anhalten und winkte mit beiden Händen.

„Kapelle, Kapelle! ...“

Er kam zögernd, widerwillig näher. Altmann bot ihm seinen Platz an.

„Nö ... nö! ...“

Er wollte gleich wieder fort, aber Karla hielt ihn am Ärmel fest.

„Bitte, Kapelle, mir zuliebe! ...“

Er warf die Zigarre in weitem Bogen zur Seite und drückte sich in den

Rücksitz. Brummig und unzufrieden sah er vor sich hin.

„Hat man Sie richtig nicht verschont mit der Promenadenschau?“

brummelte er und zupfte giftig an seinem Bart. „Schlagen Sie doch

wenigstens den Schleier zurück. Wenn die Neugierde nicht mehr zu

bezähmen ist, reißt Ihnen der eine oder andere den Schleier einfach vom

Hut runter.“

Und gleichzeitig schlug er mit seinem Stock auf einen Mestizen, der

sich auf ein Hinterrad geschwungen hatte und nun mit vorgestrecktem Arm

und schlanken, braunen Fingern den Knoten von Karlas Schleier zu lösen

versuchte.

Karla stieß einen Schrei aus; der Mestize sprang vom Rad und tauchte in

der lachenden, laut durcheinanderschreienden Menge unter.

„Du brauchst doch keine Angst zu haben, Karla ... ich bin ja da! ...“

Altmann legte den Arm um sie, und sie drückte sich an ihn wie ein

verängstigtes Kind.

Kapelle stieß die Luft durch die Nase, und seine fünf Finger hakten

sich in seinen grauen Bart ein.

„Kein leichtes Brot -- der Mann einer Primadonna sein ... wie, Altmann?

Schlimmer noch, als Geldsäcke hüten wie John Russel ... Ein Revolver in

jeder Hand -- das langt oft nicht mal ...“

Karla beugte sich vor. Ihr Gesicht war ganz weiß geworden.

„Lieber Kapelle ... ich glaube ...“

Sie hielt ihm die Hand hin, voll unausgesprochenen Mitgefühls ...

Er sah ihre Hand nicht oder wollte sie nicht sehen.

„Glauben Sie nur ja nichts ... Alles falsch, alles Einbildung! ...

Der Kutscher soll mal ein bißchen zufahren ... Von den Bergen weht es

nachts kalt herunter, und wenn Sie morgen heiser sind, dann ist’s mit

Ihrem Primadonnentum aus. Eine Primadonna ist hier eine Gottheit. Eine

Gottheit mit einem Schnupfen -- das gibt’s nicht.“

Es lag gutmütiger Hohn in seiner Stimme. Gleich darauf rief er dem

Kutscher noch etwas zu und gab ihm einen leichten Stoß in den Rücken.

Dann glitt er von seinem Sitz und verschwand in der Dunkelheit hinter

einem Kakteenzaun, vor dem ein paar Indianer rasteten.

Ein Frösteln lief über Karlas Rücken.

„Ist dir kalt, Karla?“

Sie schüttelte den Kopf. Kalt war ihr nicht. Nur unheimlich. Sie

sehnte sich nach dem Hotel, mit seinem weißgetünchten Speisesaal und

den rotverhängten Lämpchen auf den Tischen, nach ihrem Zimmer, mit

dem warmen, goldgelben Licht, nach Schmerzchens Bild in dem roten

Lederreiserahmen, nach den Stimmen der Kollegen, nach deutschen Lauten

und nach den Armen ihres Mannes, in denen sie alles vergessen wollte,

was nicht Mann und Kind war ...

-- -- -- Die Luft hatte sie müde gemacht. Die schwarzen Kellner

reichten erst die übliche Poularde mit Salat herum, als ihre Augen sich

schon zu schließen begannen.

In einer Ecke des Saales saß die Nordeni, in tiefausgeschnittenem

Kleid, geschmückt wie ein Götzenbild, mit Mariette, die wie eine

kokette Unschuld in einem weißen Kleidchen die Huldigungen ihrer zwei

Tischherren entgegennahm.

Die Nordeni trank mehr als sonst. Als müßte sie einen Ärger

herunterspülen oder eine Unruhe. Sie hatte sehr auf Don Pedro de Santos

gerechnet, einen reichen Diamantenhändler, der ihr schon vor sechs

Jahren freundliche Anerbietungen gemacht hatte. Er war ihr damals zu

jung gewesen, zu abhängig von seinem Vater. Indessen war der Vater

gestorben, Don Pedro wohl älter, aber sie selbst nicht jünger geworden.

Sechs Jahre waren gar nichts für eine Karla König, eine Mariette --

für sie eine Ewigkeit. Die Grenzlinie, hinter der sie ihre Jugend

zurückließ. Ein Funken Romantik hatte bei der ersten Ankündigung von

der Wiederkehr der Nordeni Don Pedros Schritte sofort zu ihr gelenkt.

Er war da, er liebte sie, er legte ihr sein Vermögen und all seine

geschliffenen und ungeschliffenen Brillanten zu Füßen. Aber er blieb

mitten im Satz stecken, als er Mariette erblickte.

Don Pedro de Santos hatte Freunde, denen er oft genug gefällig gewesen

war, um ihnen die Aufgabe zuzumuten, sich einer erstorbenen Flamme von

ihm anzunehmen, wenn sie ihm dadurch die Möglichkeit boten, einer neuen

„Entdeckung“ zu huldigen.

Die Nordeni durchschaute diese Kriegslist. Sie litt. Ihr hochmütiges

Lächeln verbarg nur sehr unvollkommen ihre schmerzliche Enttäuschung.

Aber sie hielt sich.

Mariette tat, als merkte sie nichts. Nein ... wirklich gar nichts. Sie

sprang auf und bückte sich nach dem Taschentuch, das die Nordeni öfter

als nötig fallen ließ, sie stand von Tisch auf und brachte ihr das

absichtlich von ihr vergessene goldene Handtäschchen, sie steckte der

Nordeni eine gelockerte blitzende Nadel fester in das verschlungene

Haargebäude ... sie tat das alles liebenswürdig, mit heiterem Lächeln

um die blutroten Lippen, mit stets gleichbleibender Geduld und mit

unnachahmlicher Anmut.

Ein Geschenk, das Don Pedro ihr eines Tages heimlich hatte

zustecken wollen, wies sie entschieden zurück. Sie trug keinen

noch so bescheidenen Ring, keinen Armreif, keine Nadel ... Ihre

schlanken, weißen Arme entstiegen wie unschuldige Lilien dem feinen

Spitzengefältel ihrer halblangen Ärmel. Keine Kette, kein Band

unterbrach die bezaubernde Linie ihres Halses ...

Die Nordeni fühlte die Durchtriebenheit ihrer Koketterie -- und war

machtlos. Um so machtloser, als sie niemals einen Grund zu einer Rüge

finden konnte. Es war einfach unmöglich, sich tadelloser zu benehmen

als Mariette.

Mariette zerlegte ihren Poulardenflügel und blickte zu Altmann

hinüber, mit unschuldig dreisten Blicken, die ihm das Blut

durcheinanderwirbelten.

„Wenn du müde bist, Karla ... ich bringe dich hinauf ...“

„Ach ja ...“

Sie lächelte wie ein verschlafenes Kind.

„Und du ziehst mich aus ...“

„Ja ...“

Sie mußten an dem Tisch der Nordeni vorüber. Karla ging mit flüchtigem

Kopfnicken und halbgeschlossenen Augen weiter.

„Schon? Was ist denn los?“

„Meine Frau ist müde, und da sie morgen singt ...“

„Ja, natürlich ... immer ein bißchen schonen. Aber Sie kommen doch

wieder herunter, lieber Altmann ... Sie kommen doch?“

Es war etwas Dringliches, fast Verzweifeltes in ihrer Bitte -- als

suche sie eine Stütze, Hilfe ...

Mariette sagte gar nichts. Ihre weißen Finger mit den wie Perlmutter

glänzenden Nägeln schoben das Messerbänkchen hin und her.

„Ich werde sehen ... ich kann nichts versprechen.“

„Doch, doch ... übrigens, ich vergaß, bekannt zu machen: Don Pedro de

Santos, unser erster Mäcen hier ... Don Despero -- Herr Altmann, der

Gatte unserer jungen Primadonna Karla König ...“

Sie warf ihren Ruhm hin, ihre Stellung, ihre Jahre. Die Herren

verneigten sich stumm voreinander.

„Also Sie kommen? Wir stellen noch ein paar Flaschen kalt.“

Altmann dachte an Karla ... Wie ihr oft unheimlich war, und wie sie

sich nach Menschen sehnte aus der Heimat ... Vielleicht gab es solche

Augenblicke auch im Leben der Nordeni ... Er war ganz ehrlich. Er sah

Mariette mit keinem Blick an. Er spürte nur etwas wie Mitleid in sich.

„Gut, ich komme“, sagte er.

Karla war schon auf der Treppe, als er sie einholte.

„Wo bleibst du denn ...“

Sie brachte kaum noch die Worte heraus, und streckte ihre Hand ins

Leere.

„Du Schlafliese ...“

Er lachte und trug sie fast bis in ihr Zimmer. Er zog sie aus und

deckte sie mit der leichten weißen Decke zu. Er wollte ihr sagen: die

Nordeni hat mich noch auf einen Augenblick hinuntergebeten. Aber Karla

schlief schon. Er wartete eine Weile an ihrem Bett, sah nach, ob auch

kein Moskito mehr im Netz war, zog die Vorhänge zusammen, löschte das

Licht und ging auf leisen Sohlen hinaus.

Die Nordeni konnte diesmal kein Ende finden. Und sie sprach ...

sprach ohne Aufhören -- Deutsch, Französisch, Englisch ... Don Pedro

antwortete zerstreut, Don Despero rauchte schläfrig eine Zigarre

und sorgte dafür, daß die Gläser immer nachgefüllt wurden. Mariette

flüsterte Altmann kurze, abgerissene Worte zu.

Sie war so unglücklich jetzt ... es stürmte soviel auf sie ein ... sie

hatte keinen, mit dem sie sich beraten konnte ... Wenn Monsieur Altmann

ihr Freund wäre, wenn ... Sie legte ihre beweglichen kleinen Hände auf

seinen Arm, sah ihm in die Augen mit Blicken, die um Vergebung, um

Schonung, um Verständnis und um Liebe bettelten.

Die Nordeni erzählte von ihrer Kindheit.

„Mein Vater war Direktor einer Stadtpfeiferei in einem sächsischen

Nest. Wir wurden mit Prügel und Musik großgezogen, mein Bruder und

ich. Als ich meine ersten zwanzig Mark verdient hatte, ging ich durch.

Wenn ich zurückgekommen wäre, hätte mich mein Vater totgeschlagen. So

blieb ich draußen ... ich war ein hübsches Mädel damals ... Aber leicht

war’s nicht! Ich brachte es bis zum Leipziger Stadttheater ... erste

Partien ... höchste Gage ... konnte zufrieden sein. Da sah ich meinen

Vater in der ersten Orchesterreihe sitzen. Ganz alt war er geworden

und hatte noch immer den weiten, schäbigen Rock, wie ich es nie anders

an ihm gekannt hatte. Wie ich den Akt zu Ende gesungen, das weiß ich

heute nicht mehr! Ich schickte ihm einen Zettel im Zwischenakt: ‚Lieber

Vater, komm auf die Bühne oder zu mir in die Wohnung ... ich wohne da

und da ...‘ Als der Vorhang wieder aufging, saß mein Vater nicht mehr

auf seinem Platz. Ob er überhaupt im Theater geblieben ist, weiß ich

nicht. Ich wartete auf der Bühne ... ich wartete zu Hause ... die ganze

Nacht und den ganzen Tag durch ... und noch eine Nacht und noch einen

Tag ... Er kam nicht. Ich schrieb nach Hause. Der Brief kam zurück

mit dem Postvermerk: ‚Adressat verzogen. Unbekannt wohin.‘ Da freute

mich Leipzig nicht mehr ... und Deutschland nicht ... Ich löste meinen

Vertrag, verkaufte meine Möbel und setzte übers Wasser ... auf eigenes

Risiko ... ja ... so mutig war ich damals! Vor zehn Jahren kam ich zu

John Russel ... Der schleppt mich nun kreuz und quer durch Amerika ...

Wenn ich nochmal nach Europa komme, dann will ich nach Hause fahren

... Vielleicht hat jetzt mein Bruder die Stadtpfeiferei ... oder ein

ganz Fremder ... Auf die Menschen kommt’s mir nicht an ... aber ob das

Häuschen noch steht, mit dem großen Garten rundherum und den vielen

Apfelbäumen ... Die Apfelbäume möcht’ ich wiedersehen ... die! ...“

Ihr Kopf fiel auf die linke Schulter, ihre Augen blickten verschwommen

geradeaus ...

Die Primadonna · 第 19 / 51 题