Adele zuckte die Achseln. -- --

-- -- Wunderhübsch war die neue Wohnung in der Motzstraße -- hell,

geräumig ... und doch fühlte sich ~Dr.~ Maurer fast noch

unbehaglicher hier, als das letzte Jahr in der Culmstraße. Auch das

Essen, das jetzt immer so reichlich auf den Tisch kam, schmeckte ihm

weniger.

Ihm war nur wohl, wenn er sich in seinem Arbeitszimmer einschloß, in

das er nicht die geringste Neuanschaffung zugelassen hatte.

Manchmal, mitten im Verbessern seiner Hefte, hielt er ein, legte die

Feder nieder und lehnte sich in den Sessel zurück.

War er nicht doch ein fleißiger Arbeiter gewesen all die Jahre -- hatte

er es nicht mit seinem Wissen und der Mühe seiner Tage vermocht, die

Familie zu erhalten, die Kinder aufzuziehen? War es denn gar so gering,

was er den Seinen bot, daß es ihnen nicht mehr genügte, daß sie über

sein ehrliches Verdienen hinweg nach Almosen schnappten?

Am Vorabend von Schmerzchens zweitem Geburtstag brachte Adele ihm einen

Brief von Altmann ins Zimmer.

Immer und immer wieder hatte er ihn lesen müssen, und war doch am Ende

so klug wie zu Beginn ... hatte es doch nicht zu ergründen vermocht,

wieviel von Karlas eigenem Willen in diesen Worten lag, die so

brüderlich waren und ihn doch schmerzten wie eine Demütigung. Gleich

heute sollte er dem Schwager antworten. So verlangte es Adele. Mit

Worten, die ihn wie scharfe Messer schnitten.

„Das wenigstens kannst du doch für Fritz tun ...“

„Das wenigstens“ ... Was denn mehr? Was konnte um des Himmels

willen ein armer Schulmeister mehr tun, als Ströme roter Tinte über

Schülerhefte ausgießen und die Seinen schuldenfrei zwischen den

Sandbänken des Lebens hindurchlotsen?

Er saß vor seiner Briefmappe. Der Brief des Schwagers lag vor ihm:

„An Bord, 34 Grad südl. Breite.

Meine Lieben!

Euren oder vielmehr Adelens Brief erhielten wir noch in Montevideo,

zwei Stunden vor unserer Abfahrt. Karla, die in der letzten Zeit

fast über Gebühr angestrengt war, liegt ein bißchen angegriffen auf

Deck. Nicht überall war das Klima ihr günstig, aber ihre urgesunde

Natur überwindet schließlich doch alle Strapazen, um so mehr, als

sie sich ihrer wohlverdienten Erfolge freuen darf. In Städten, die

eine größere deutsche Kolonie haben, wird sie buchstäblich auf Händen

getragen, und ich habe alle Mühe, ihr die ihr so dringend notwendige

Ruhe zu erkämpfen. Leider ist sie unvernünftig und verschwendet ihre

Stimme. Sie schöpft eben noch aus dem Vollen, und die Huldigungen

machen ihrer Kindlichkeit Spaß. Wenn sie zu einem Hauskonzert gebeten

wird, so singt sie nicht die zwei ausgemachten Arien, sondern

womöglich ihr ganzes Repertoire. Die Leute sind natürlich begeistert,

und es regnet mehr Einladungen als Geld. Immerhin verdient sie weit

mehr, als wir bei unserer Ausreise annehmen durften, und so ist

es uns möglich, Euch einen Beweis unserer Freundschaft zu geben.

So laßt denn Fritz Offizier werden, wenn er durchaus daran hängt.

Macht Euch keine Sorge um spätere Zulage und anderes. Was wir tun

können, wird geschehen. Es wäre nur gut, wenn Fritz in Unkenntnis

darüber gelassen würde, von wem ihm die Möglichkeit kommt, seinen

Lieblingswunsch zu erfüllen. Es ist nicht gerade nötig, daß er allzu

sehr auf Karla baut. Das würde nur seinen Leichtsinn wecken. Sollte

es aber durchsickern, dann hat er sich immer nur an mich und nicht

an Karla zu halten. Karla ist zu gutmütig und hat keine Ahnung vom

Wert des Geldes. Hätte ich ihre Einnahmen nicht verwaltet, so wäre

das meiste völlig sinnlos und unzweckmäßig verläppert worden, während

sie jetzt selbst froh ist, daß sie Euch dienlich sein kann. Ja, sie

sagte sogar: ‚Wenn du gleich zusagst, dann haben sie alle eine Freude

an Schmerzchens Geburtstag‘. Ich lege dem Brief fünfzig Dollar bei.

Isolde wird wohl einiges benötigen, und was übrig bleibt, kannst du

für dich verwenden. Euer letztes Bild hat mich sehr erfreut. Nur

finde ich, daß Luise sehr schmal geworden ist. Da sie schrieb, daß

sie sich jetzt auch um die Wirtschaft bei Stown’n kümmert, so führe

ich ihr Aussehen auf die ungewohnte körperliche Anstrengung zurück.

Sie soll sich nur nicht zuviel zumuten! ... Der Brief ist in mehreren

Abständen geschrieben. Karla hat mich sehr in Anspruch genommen, da

sie merkwürdigerweise die Seefahrt diesmal nicht gut verträgt. Ich

muß schließen -- in einer Stunde wird die Post an Land gebracht.

Karla läßt grüßen. Euch alles Liebe und Gute wünschend, verbleibe ich

Euer treuer Bruder, Schwager und Onkel

Die Primadonna · 第 18 / 51 题