Es klang beinahe etwas wie Bedauern aus ihrer Stimme. -- -- --

In San Franzisko hatte sie ihre erste Probe mit Orchester, als Agathe.

Nach ihrer Arie klopfte Kapelle ab.

„Hören Sie mal ... wollen Sie das ... ich meine, für mich ... wollen

Sie das nochmal singen ... +mir+ vorsingen ...?“

Die knorrige, heisere Stimme klang fast scheu und bittend.

Sie nickte. Das Herz klopfte ihr bis zum Halse. Nie hatte ihr jemand so

zugehört. Nie ... Alwin Maurer vielleicht ... aber was verstand der?

Sie sang schöner, weihevoller noch als das erste Mal, in flutendem,

gleitendem Wohllaut. Als sie geendet hatte, klopfte er ein zweites Mal

ab und legte den Taktstock hin.

„So, Herrschaften, das andere übernimmt dann wohl für heute Kollege

Schädlowski.“

„Aber ja, gewiß ... selbstverständlich ... bitt’ schön.“

Herr Kapellmeister Schädlowski -- ein hocheleganter Österreicher,

mit schrägem Scheitel und engen Offiziersärmeln, schwang sich über

die Rampe ins Orchester hinunter. Er war außerordentlich gewandt,

dirigierte mit kokettem Heben des kleinen Fingers und betrachtete die

Soubrette jedes Theaters als sein ihm nicht zu bestreitendes Eigentum.

Er brachte künstlerisch nie ernstzunehmende Vorstellungen heraus --

alles war nur halb studiert und das meiste geschludert. Doch hatte er

Schwung und verstand es, einen Walzer zu bringen. Seine Lieblingsoper

war der Gounod’sche Faust.

Karla stand mitten auf der Riesenbühne und schlang die Hände

ineinander. Es fiel ihr ein, wie Alwin gesagt hatte: „Mach’ Schluß,

Junge ... was Besseres kommt nicht nach ...“

Ob der Mann da unten, mit den verkniffenen Zügen und dem struppigen,

grauen Haar um den Riesenschädel, es auch so gemeint hatte? ...

Sie lächelte verträumt, hätte dem Gefürchteten gern ein gutes Wort

hinuntergerufen, denn gar zu eilig, gar zu ungeschickt balgte er

sich mit seinem Mantel herum, der ihm nicht auf den Schultern halten

wollte ... Seine großen Füße in den klobigen Stiefeln blieben an den

Pultbeinen hängen.

Er schimpfte was vor sich hin, stolperte die erste Stufe hinunter.

In dem kurzen Gang, der das Orchester mit dem Stimmzimmer verband,

stieß er auf Altmann.

Kapelle blieb stehen und rückte an seinem Hut.

„Sie ... ist das Ihre Frau, die da oben die Agathe singt, ja? ... Na,

dann packen Sie sie ein und fahren Sie dahin zurück, wo Sie hergekommen

sind. Was soll die Frau hier? Die Ochsen verstehen ja doch nichts ...

Passen Sie auf ... das Klima dort unten ... passen Sie auf, sage ich

Ihnen!“

Wieder rückte er an seinem Hut und stolperte weiter.

Abends saß er, verkniffener denn je, an seinem Dirigentenpult.

Die „Agathe“ bot den Amerikanern keine Gelegenheit zu lärmenden

Huldigungen, aber die große Arie verlangten sie zweimal. Es war noch

nie vorgekommen, daß Kapelle sich zu einer Wiederholung verstanden

hatte. Diesmal gab er selbst das Zeichen dazu. Aber er dirigierte kaum

noch. Nur seine linke Hand gab dem Orchester leisen Halt.

So wundervoll war Karla noch nie begleitet, nie so liebevoll gestützt

worden. Ein heißes Dankgefühl quoll in ihrem Herzen für den Mann auf,

der ihr so viel Freude gab an ihrem Singen, der ihrer Stimme Flügel

lieh.

Als der Beifall auf sie herabtoste und sie aus dem ersten Rausch

erwachte, zeigte sie wieder und immer wieder hinunter ins Orchester.

Das Publikum legte es als eine in Amerika ungewohnte Bescheidenheit aus

und verstärkte seinen Beifall.

Karla gefiel ungemein. Sie war so ganz anders als all die Divas,

die sich im Laufe der letzten Jahrzehnte vorgestellt hatten. Ihre

herbe Frische, ihre Einfachheit, der warme, natürliche Fluß ihrer

schönen Stimme übten einen nicht wiederzugebenden Zauber auf diese

Virtuosenmätzchen gewöhnten Arbeitsmenschen aus. Es geschah das

Unerhörte, nie Dagewesene, daß das Publikum nach Schluß der Vorstellung

auf seinen Sitzen blieb und abermals die Agathenarie verlangte.

Diese deutscheste Musik, die je auf einer Opernbühne gesungen wurde,

hatte in diesem Publikum, das zumeist aus Deutschen oder deutschen

Abkömmlingen bestand, ein machtvolles Erinnern an die erste, halb

vergessene Heimat geweckt.

Vor dem herabgelassenen Vorhang, in weißem Gewand, sang Karla die süße,

schlichte Weise, und das Publikum hörte stehend zu, wie es in der alten

Heimat der Volkshymne zu lauschen pflegte.

Altmann lehnte an einer Logenwand, nahe am Ausgang. Auch er war

ergriffen.

Eine ihm neue, tiefe Sehnsucht erfüllte ihn, Karla in seine Arme zu

schließen, sie vor den Blicken der Menge zu verbergen, die Herrenrecht

hatte über sie von dem Augenblick an, da sie sich ihr gegenüberstellte.

Etwas unsagbar Rührendes ging von ihr aus.

Wenn er jetzt könnte -- wie diese so neue erregte Stimmung es von

ihm verlangte und wie der verkniffene, häßliche Kapellmeister es ihm

zugerufen -- wenn er sie aufpacken und mit ihr zurückreisen könnte

in die Heimat ...! Ein ganz kurzer, stummer Applaus riß ihn zur

Wirklichkeit zurück. Karla stand regungslos vor dem roten Samtvorhang.

Irgendeine Hand zog sie zurück in das Dunkel der halb abgeräumten

Bühne. Die Nordeni, gelblich blaß unter dem aufdringlichen Glanz ihres

prahlerischen Schmuckes, schlug mit dem Fächer gegen seinen Arm:

„Nett ... unsere Kleine, nicht wahr? Gar nicht zu glauben, wie

sentimental die Yankees manchmal sind. Na ... allerdings im Süden

verlangen sie andere Kost. Grüßen Sie die Kleine ... geben Sie ihr

einen Kuß von mir ...“

Karla stand noch immer auf der Bühne, als Kapelle in Mantel und Hut

heraufkam. Sie ging auf ihn zu, hob die gefalteten Hände, ihre Augen

strahlten wie große Sterne aus ihrem bewegten, blassen Gesicht.

„Lieber ... lieber ...“

Sie wollte ihm danken, aber vor seinem unwirschen Gesichtsausdruck

versagten ihr die Worte.

„Ja ... schon gut ... ich weiß ... wir werden uns einarbeiten ... Aber

lassen Sie das, dieses ... Herunterzeigen auf mich. Kann ich nicht

ausstehn. Widerlich. An den Dirigenten darf man nicht erinnern ... Das

Werk ... nicht wahr ... immer nur das Werk! Wenn man Sie beklatscht ...

dann müssen Sie ja leider auf der Bühne danken ... das ist nicht anders

... schlimm genug. In Bayreuth ...“

Er brach unvermittelt ab. Seine Augen blickten starr. Er rückte an

seinem Hut und stolperte mit Füßen, die einander zu überschlagen

schienen, hastig an ihr vorbei.

[Illustration]

In Los Angeles kam Altmann dazu, wie John Russel in Hemdärmeln im

Maschinenraum die Schrauben der Versenkungsmaschinerien nachprüfte und

ölte.

Ohne Altmann zu beachten, fuhr er in seiner Beschäftigung fort,

ergriff dann eine Axt und zimmerte aus einem kurzen Holzstamme eine

Stufe zurecht, die er mit großer Sachkenntnis dem letzten allzu hohen

Treppenabsatz angliederte.

„~Well~, Mister Altmann ... Sie wünschen?“ ...

Doch ließ er sich nicht stören, und obwohl ihm der Schweiß in den

Kragen lief und sein feines Batisthemd von Öl- und Rußflecken strotzte,

zwängte er ruhig mit der umgekehrten Axt das Brett zwischen die

Seitenteile der Treppe.

„Ich wollte nur melden, daß meine Frau heute unpäßlich ist und nicht

singen kann.“

John Russel schlug gleichmütig einen Nagel ein.

„Soll ich einen Doktor schicken?“

„Nein ... sie braucht nur Ruhe ... Einen, zwei Tage Ruhe.“

John Russel verzog den Mund.

„Ich brauche auch Ruhe ... habe noch nichts im Magen. Sitze seit sechs

Uhr früh in dem Kasten ...“

„Wo sind denn Ihre Leute?“

„Meine Leute? Ich hab’ keine. Meine Leute sind meine zehn Finger,

die streiken wenigstens nicht. Vor zwei Jahren habe ich hier einem

verdammten Nigger meine Faust in den Magen gejagt, weil er angesoffen

auf die Bühne kam zur letzten Vorstellung. Heute wollen sich die Kerls

rächen! Verlangen den doppelten Lohn. Da kennen sie John Russel und

seine zehn Finger aber schlecht!“

Altmann sah auf seinen Rock, auf seine gepflegten, arbeitsentwöhnten

Finger.

„Wenn ich Ihnen helfen kann“, brabbelte er lau.

„~Well~ ... lassen Sie mal die Dekorationen vom Schnürboden herunter.

Wir wollen sie nachher feucht abreiben ...“

„Ja ...“

Noch einen Augenblick zögerte Altmann. Dann warf er entschlossen seinen

Rock ab.

„Ja, aber nun, Herr Russel ... wie ist es denn mit meiner Frau?“

„Kann sie wirklich nicht singen?“

„Nein.“

„~Well.~ Dann wird die Wegler sie vertreten. Sie hat die Partie

studiert.“

„Die Wegler? Das ist doch nicht Ihr Ernst?“

„Doch ... doch ...“

Die Wegler war eine bessere Choristin, eine hübsche, braunhaarige junge

Frau, die von weitem sogar eine gewisse Ähnlichkeit mit Karla hatte.

„Aber ... das geht doch nicht ...“

John Russel zuckte die Achseln und rührte eine graue Farbe an.

„Alles geht ... Das sehen Sie doch an mir.“

„Wer wird denn die Anzeige machen? Am besten, ich fahre zu den

Zeitungen ...“

John Russel holte aus der Westentasche ein Stück Kaugummi und schob es

unter die Kinnlade.

„~Well~, Mister Altmann, wenn die Zeitungen ein Wort darüber bringen,

ziehe ich Ihnen die gesamte Einnahme des bereits ausverkauften Hauses

von der Gage ab.“

Kein Muskel in seinem Gesicht bewegte sich; langsam und sehr aufmerksam

führte er den Pinsel mit der grauen Farbe über das helle Holz der Stufe.

„Sie können doch nicht die Stimme meiner Frau diskredieren wollen?“

„~God bless me~, Herr Altmann ... Das glauben Sie doch selbst nicht!

Die Wegler ist sehr brav, und die Leute hier verstehen nichts. Wenn

ich ein Känguruh abrichte und es ihnen vorsetze ... glauben sie, das

Känguruh ist die Karla König. Alles Suggestion, mein Lieber ... Das

einzige, was keine Suggestion ist -- sind die Dollars!“

Altmann kam erst spät am Nachmittag ins Hotel, mit notdürftig

gewaschenen Händen, verstaubt, verschwitzt, einen Riß in der Bügelfalte

seines Beinkleides.

Karla lag mit wütendem Kopfschmerz auf dem Bett.

„Wo warst du denn so lange?“

Altmann gab ihr in kurzen Worten seine Unterredung mit Russel wieder.

Karla sprang auf die Beine.

„Das geht nicht, Ernst ... ich werde singen.“

„Du wirst nicht singen ... Soll der Kerl nur seinen Blödsinn

durchsetzen. Du wirst nicht singen. Ich erlaube es nicht. Unter keinen

Umständen.“

Karla ging aufgeregt im Zimmer hin und her.

„Aber mir ist doch schon viel besser ... viel, viel besser ...“

Sie konnte und wollte es nicht glauben, daß sie so leicht zu ersetzen

war, hatte anfänglich ihr körperliches Unbehagen aufgebauscht --

Altmann sollte sehen, eine wie große „Nummer“ sie jetzt war, und was

Russel angeben würde, wenn es hieß, daß sie nicht auftreten könnte ...

Aber mittlerweile waren die Kopfschmerzen wirklich ärger -- aus dem

halben Spiel war Ernst geworden.

Er wußte sich keinen Rat. Lief auf den breiten Hotelgang hinaus,

klopfte bei der Nordeni an.

Sie lag in einer rosa Wolke auf dem Ruhebett und polierte ihre Nägel,

während Mariette mit geschickten Fingern eine der wundervollen

Theaterperrücken der Nordeni auf einem Stock auffrischte.

„Wie nett, lieber Altmann ... daß Sie mich besuchen! Wollen Sie eine

Tasse Tee mit mir trinken?“

Altmann dankte kurz. Er nahm die Hände der Nordeni in die seinen. Er

sprach erregt und dringlich.

„Liebste, Beste -- meine Frau ist sehr elend heute ... wollen Sie nicht

an ihrer Stelle singen ...?“

Er hätte diese Zumutung in New York oder Chicago gewiß nicht an sie

gerichtet. Aber in Los Angeles ...!

„Denken Sie, Russel will die Wegler singen lassen ... das geht doch

nicht ... das müssen Sie als Künstlerin zugeben ... das geht nicht!“

Madame Nordeni lächelte liebenswürdig.

„Aber wieso denn, lieber Freund? ... Die Wegler ist sehr nett ... ich

meine, natürlich nicht für Chicago oder New York ... aber für hier? Sie

übernahm einmal von heute auf morgen die Gräfin im Figaro ... reizend

... reizend, sage ich Ihnen! Seien Sie nur ganz ruhig .. sie wird das

schon ganz nett machen! Ich freue mich nur auf das Gesicht von Kapelle,

wenn statt Ihrer Frau die Wegler da oben steht!“

„Verzeihen Sie, meine Frau ist krank ...“

Altmann fühlte, wie der Ärger ihn übermannte. Aber sie sah ihm nach,

mit kokettem Augenaufschlag.

Eigentlich gefiel er ihr. Sie hatte etwas übrig für „tragische Masken“.

Und es war nett, daß er sich so für seine Frau einsetzte. Die König

war doch gut dran. Brauchte nur zu singen, überließ alles andere ihrem

Mann! Führte eigentlich immer so „ein Stückchen zu Hause“ mit sich

herum, hatte immer eine Veste, an der sie sich ausweinen und auslachen

konnte.

Die Nordeni verschränkte die Arme unter dem Kopf und starrte durch das

Fenster in den grauen Himmel.

Manchmal versuchte sie an ihre Kindheit zurückzudenken, an ihre Jugend

... aber es war alles so lange her ... und ihr Leben war so wild bewegt

gewesen. Männer hatten es gelenkt nach dem Ermessen ihrer flüchtigen

Laune. Schlug es gut für sie aus, waren sie nicht mehr da, um sich

daran zu erfreuen, -- nicht gut, so kehrten sie ihr den Rücken, noch

ehe sie verantwortlich gemacht werden konnten.

Bezahlte Dienerinnen waren ihre Vertrauten. Die Vertrauten ihrer

absterbenden Jugend, ihrer kurzen Abenteuer. Wenn die Tür sich hinter

ihnen schloß, verrieten sie sie an die besser Zahlende oder nahmen

ihr den Mann weg, der ihr gehörte. Auch das hatte sie erlebt. Und

hatte immer nur neue Länder zwischen ihre Leidensstationen zu setzen

gewußt, hatte sich immer nur durch ihren prahlerischen Schmuck und das

hochnasige Lächeln, durch ein paar spitze, helle Töne und eine dreiste

Routine auf ihrer Höhe zu halten verstanden. Wie lange noch ...? Und

was dann ...?

„Mariette,“ rief sie, wie ein Kind, das sich plötzlich im Dunkel

fürchtet, „Mariette.“ ...

Aber sie war allein in dem großen, kahlen, weiß angestrichenen

Hotelzimmer. Sie überhörte das Klopfen an der Tür und schrie auf,

als sie plötzlich einen Neger vor sich sah. Der Neger zeigte lachend

seine gelbe Zahntastatur und stellte ein hübsches Lackbrett mit dem

Nachmittagstee auf den kleinen Bambustisch neben dem Ruhebett.

-- -- -- Altmann fand Mariette um Karla beschäftigt. Zierlich, unhörbar

huschte sie durchs Zimmer, rang das Wasser aus den Tüchern, senkte

kleine Eisstücke in die bereitete Limonade. Altmann suchte sein bißchen

Schul- und Bühnenfranzösisch zusammen, um ihr zu danken. Sie wurde

rot und lächelte. Karla lag im Bett mit geschlossenen Augen und roten

Wangen.

Altmann streichelte Karlas Hand. Er merkte es kaum, daß Mariette

klingelte, Tee bestellte und ein Tischchen deckte. Aber als sie ihn mit

einem stillen Zeichen rief, da sah er, daß Eier und ein kaltes Huhn

mit angerichtet waren, und so merkte er es auch erst, daß er seit dem

ersten Frühstück nichts zu sich genommen hatte.

„Das wußte ich doch“, sagte Mariette.

Sie bediente ihn mit feiner, lautloser Grazie. Er war ja doch der

einzige „Herr“ von der ganzen Gesellschaft, und er hatte so viel

„~charme~“, wenn er lächelte. Sie war es gewöhnt, den Männern dienstbar

zu sein, die sich ihres Gefallens erfreuten. Es war nichts Besonderes

dabei für sie. Aber er wurde fast verlegen, und wenn ihre Händchen

wie kleine weiße Vögel über die Gegenstände huschten, dann blickte er

geflissentlich zum Fenster hinaus, als wollte er das bunte Treiben der

Straße heraufziehen in den stillen Dämmer des Zimmers und es zwischen

sich und die so aufdringlich emsigen kleinen Hände schieben ...

Um sechs kam der Theaterdiener. Ob denn Frau König wirklich nicht

singen würde? Karla war gerade eingeschlafen; Altmann kämpfte mit sich,

ob er sie wecken sollte. Aber es war ihm etwas Peinliches daran. Wenn

er nichts anderes tun konnte in dieser Zeit, so mußte er wenigstens auf

ihre Gesundheit bedacht sein.

„Sagen Sie, meine Frau ist nicht imstande.“

Mochte die Wegler singen ... es würden sich schon Mittel und Wege

finden lassen, das Publikum zu verständigen, wenn sie die falsche Karla

König auspfiffen.

Aber sie pfiffen sie gar nicht aus. Nur sehr lau war der Abend. Nach

den Aktschlüssen gab es immerhin zwei, drei Hervorrufe, die der

Gesamtleistung galten. Als aber Karla König am übernächsten Tage

auftrat, da empfing sie ohrenbetäubendes Johlen und Pfeifen. Schlüssel,

Papierknäuel flogen um ihren Kopf ... Sie stand da -- zitternd, bleich,

mit großen erschreckten Augen. Das Orchester brach ab. Kapelle schrie

zu ihr hinauf:

„Nicht abgehen ... nicht abgehen!“ ...

John Russel hielt die Vorhangschnur.

„Vorhang herunter“, rief Altmann, der bis in die Lippen weiß war. „So

lassen Sie doch den Vorhang herunter ...“

„Jawohl, damit mir die Kerls die Bühne in Klump schlagen?!“ ...

Die Mitglieder waren zusammengelaufen und scharten sich bleich und

erregt um John Russel.

„Weg von da ... Bühne frei!“ schrie er.

Das Tosen draußen schien noch zuzunehmen, harte Gegenstände fielen

polternd und klirrend auf das Rampenblech. Altmann stürzte vor, fand,

geblendet von dem Licht, nicht gleich Karlas Hand, packte sie bei

den Schultern, riß sie zurück. In diesem selben Augenblick fühlte er

einen kurzen, heftigen Stoß am Arm; Karla schrie auf und schlug zur

Seite. In ihrem weiten, weißen Ärmel war ein kleines, kreisrundes Loch

eingesengt.

Der Vorhang fiel krachend herunter.

Kapelle war mit einem Satz auf seinen Dirigentenstuhl gesprungen. Seine

krächzende, häßliche Stimme schleuderte einige nicht wiederzugebende

englische Schimpfworte zu den oberen Rängen hinauf.

Es wurde totenstill im Haus. Die Luft schien wie erstarrt. Altmann trug

seine Frau in die Kulissen. Seine linke Hand blutete, und das Blut

rötete in großen Flecken Karlas weißes Kleid.

„Es ist mir nichts geschehen ... gar nichts“, beruhigte er.

Die Wegler stand hinter einer Kulisse in der letzten Gasse. Wie im

Fieber schlugen ihre Zähne aneinander. Der Skandal hatte eigentlich ihr

gegolten. Und die Kugel? Gewiß hatten die draußen den Altmann für John

Russel gehalten.

Vor der Rampe hielt jetzt John Russel eine Ansprache. Er sprach ruhig,

ironisch, warf ein paar verwegenen Jungens, die ihn von oben mit ihren

schwarzen Gesichtern angrinsten, eine Herausforderung zu. Er wohne da

und da ... Straße ... Hotel ... Zimmernummer. Sie sollten mit einem

Unparteiischen zu ihm kommen, wenn es sie gelüstete. Er würde schon

Rede und Antwort stehen! Er fürchtete sich nicht ... da!

Und mit einem Ruck schob er den Ärmel seines Rockes hoch, riß den

Hemdärmel auf und zeigte seinen tätowierten Arm. Nur Muskeln und Narben

sah man. Narben von Biß-, Stich- und Schnittwunden.

„Kommt immer ran ... wenn ihr euch traut! Aber euch an einer Frau

vergreifen ... eine Frau in Angst jagen ... der Dirigent hier hat recht

... eine ... seid ihr ... ~beg your pardon, ladies~!“

Beifallssturm unterbrach ihn. Aber er winkte ab, gelangweilt und

gleichgültig.

„Sollen wir spielen ... ja oder nein? Ich sage gleich, es wird langsam

gehn ... denn die schwarzen Fellows haben mich im Stich gelassen und

wir müssen alles selbst machen ... also ...?“

„Spielen ... spielen ...!!“

Wieder brüllte das Haus.

„~Well~ ... einen Augenblick!“

John Russel drehte sich langsam um, sehr langsam, ging sehr langsam,

den Rücken dem Publikum zugewendet, bis zum Vorhang. Es war die Probe

aufs Exempel. Wenn sich jetzt noch jemand mit dem Revolver vergnügen

wollte -- dann gab er ihm die Zeit dazu, ohne seine Leute auszusetzen.

Nein. Es blieb alles still -- -- -- Da wendete er sich mit einem kalten

Lächeln noch einmal um:

„~I will hope we are friends now~“, sagte er mit seiner schärfsten und

eisigsten Stimme, schlug den roten Samt zurück und verschwand.

Auf der Bühne, zwischen den verängstigten, geschminkten Frauen,

inmitten der Sänger in der Tracht ihrer Partien, drängten sich

schlankgewachsene Neger.

„Die Arbeiter haben sich wieder gemeldet“, rief Altmann.

„So ... ~well~ ... dann kann’s losgehn ... das heißt, wenn Ihre Frau

noch singen kann, Mister Altmann.“

Karla trat vor. Sie war sehr blaß, trotz des nachträglich noch

aufgelegten Rots; die Chordamen hatten ihr die Flecke aus dem Kleid

gewaschen, und das leichte Gewebe klebte stellenweise naß an ihren

Gliedern.

„Ich kann“, sagte sie fest.

Und zur Verwunderung aller Umstehenden zog sie die verbundene Hand

ihres Mannes an die Lippen.

„~Well~, Karla König ... Sie werden einen sehr großen Erfolg haben

heute abend ... und den wollen wir feiern. Nach der Vorstellung im

Hotel, meine Herrschaften ... auch der Chor ... Sie sind meine Gäste!“

In dieser Nacht erfuhr Karla König, was das hieß, wenn einer Künstlerin

die Pferde ausgespannt wurden. Es war sehr unbequem. Sie kam sehr

langsam vorwärts und hatte große Angst. Denn sie war allein, da ihr

Mann sich noch auf der Bühne zu schaffen gemacht hatte.

John Russel hatte ein Abendessen bestellt, als erwarte er den

Präsidenten der Republik. Es gab nur Heidsieck Monopol -- auch für den

Chor. Die Nordeni thronte an der einen Schmalseite des Tisches zwischen

dem Tenor und Schädlowski. Sie langweilte sich, weil diese Art Feste

nur etwas für sie war, wenn sie selbst deren Mittelpunkt bildete. Durch

die weitgeöffneten Türen zum Nebensaal, in dem an kleinen Tischen mit

buntverhängten Lampen gespeist wurde, sah sie Mariette zwischen zwei

bräunlich angehauchten Herren. Mariette hatte ein einfaches helles

Seidenfähnchen an, das sie sich aus einem abgelegten Abendkleid der

Nordeni zurechtgeschneidert, und sah naiv und pikant aus. Sie schlürfte

die Austern mit einer Virtuosität, die sehr vielsagend war. Die Nordeni

beneidete sie und wurde melancholisch.

Karla saß zwischen John Russel und Kapelle, ihrem Manne gegenüber.

Noch zitterten ihr die Knie von all den Aufregungen, aber sie war über

alle Maßen glücklich und drückte alle paar Minuten ihren hübschen Fuß

auf Altmanns Stiefel. Seine jetzt kunstgerecht verbundene Hand, die

übrigens nur einen Streifschuß abbekommen hatte, stempelte ihn in ihren

Augen zu einem Helden ... Gott, hatte sie ihn lieb!

Warum nur Schmerzchen noch so ein kleines Dummchen war! Wenn sie ihr

das alles hätte schreiben können ... „Dein Papa ...“ „Dein Papa ...“

Gar nichts wußte Schmerzchen von ihrem Papa ... gar nicht, wie stolz

sie sein durfte auf so einen Papa ...!

John Russel ließ den Sektkühler, der ihm zunächst stand, leeren und goß

den Inhalt dreier Flaschen Heidsieck hinein.

„Passen Sie auf ... jetzt steigt die Primadonnentaufe!“

Es waren die einzigen Worte, die Kapelle während des ganzen Abends an

Karla richtete. Er hatte auch mit keinem anderen gesprochen. Hatte kaum

die Speisen berührt und sich statt des Sektes eine seiner beliebten

Mischungen nach der anderen geben lassen.

Er saß ganz in sich und sein Glas versunken, kaute an den Strohhalmen

und warf sie über die Schulter zu Boden.

John Russel erhob sich, hielt den gefüllten Sektkühler mit gestreckten

Armen vor sich und sagte:

„Auf das Wohl der neuen Primadonna Karla König!“

Er tat einen Schluck, wollte den Kühler Karla reichen -- besann sich --

gab ihn Altmann. Auch Altmann erhob sich:

„Kannst du halten?“ fragte er lächelnd, nachdem er getrunken.

„Ob ich kann!“

Karla fühlte Riesenkräfte in sich ... Während sie trank, brachte John

Russel ein Hoch auf sie aus, in das der ganze Saal laut einstimmte.

Noch während das Lachen und Rufen um sie herum lärmte, Altmann und

Russel einander die Hände schüttelten, gab Karla den Kühler an Kapelle

weiter.

„Wollen Sie ...“

Ihre Augen sahen ihn bittend an. Er nickte.

„Ich will trinken ... aber darauf, daß Sie keine ‚Primadonna‘ werden.

Auf Ihr Singen trinke ich ...“

Er nahm einen langen Schluck, reichte den Kühler seiner Nachbarin und

sank wieder in sich zusammen.

[Illustration]

In Lima erkrankte der Inspizient. Altmann sprang für ihn ein. Die

Mitglieder sahen darin nur eine selbstverständliche Kollegialität,

und in den ersten Tagen regnete es Scherze aller Art, wobei ihm jeder

sein Amt nach Tunlichkeit erleichterte. Als aber die Krankheit des

Inspizienten sich verschlimmerte, mußte Altmann auf dem freiwillig

übernommenen Posten bleiben.

Karla, die erst gelacht und ihm aus Jux vor allen augenfällig einen

Dollar in die Hand gedrückt hatte, mit der Bitte, „sie ja zur Zeit

’rauszuschicken“, ärgerte sich jetzt.

Je länger „die Maskerade“, wie sie das nannte, währte, desto mehr

gewöhnten sich die Mitglieder daran, in Altmann wirklich nur den

Inspizienten zu sehen. Wofür sie anfänglich übertrieben gedankt hatten,

das verlangten sie jetzt mit aller Rücksichtslosigkeit.

Er merkte das nicht gleich. In ihm überwog die Freude an Tätigkeit,

die er so lange entbehrt hatte. Seine Ordnungsliebe und Gründlichkeit

fanden plötzlich ein weites Arbeitsfeld, und da er die eingerissenen

Unarten als Inspizient nicht ahnden durfte, verlangte er von Russel die

Machtstellung eines „zweiten Regisseurs“.

„Die Macht können Sie sich nur selbst geben, Mister Altmann. Aber wenn

Ihnen mit dem Titel gedient ist -- bitte sehr.“

Altmann führte Klingelzeichen ein, denen unbedingt Folge zu leisten

war, und Strafzettel.

Es gab eine Revolution. Karla konnte sich nirgends sehen lassen. Die

einen kamen mit Bitten, die anderen mit Beschwerden; die Nordeni

drohte, alles im Stich zu lassen. Der Tenor sagte gar nichts, aber

kehrte sich auch an nichts.

In einigen südamerikanischen Städten hatte sich die Sitte eingebürgert,

daß die Stammgäste des Theaters in den Zwischenakten auf die Bühne

kamen. Einige von ihnen brachten ihre farbigen Diener mit und ließen

Eis, Konfekt und allerlei ~drinks~ servieren. Altmann konnte es bei

John Russel nicht durchsetzen, daß er „diesem Unfug“ ein Ende machte.

Mit finster zusammengezogenen Brauen sah er, wie selbst Karla lachend

die Aufmerksamkeiten dieser Herren annahm.

Eines Abends fand er sie, wie sie in der einen Hand eine riesige

Konfektschachtel, in der anderen ein Glas Sekt hielt. Er trat näher

-- in seinem alten Arbeitsjackett und der glühenden Hitze wegen ohne

Kragen. Er mochte nicht ganz nahe herangehen, aber er hörte, wie Karla

sich in französischer Sprache unterhielt. Neben ihr stand Mariette,

gleichsam, um an ihrem Kostüm etwas zu stecken, in Wirklichkeit

aber, um Karla auszuhelfen, wenn sie mit ihren jungen Kenntnissen

nicht weiter wußte. Es dauerte nicht lange, so hielt auch Mariette

ein Sektglas in der Hand, und die Herren teilten ihre Aufmerksamkeit

zwischen ihr und Karla.

Altmann schoß das Blut zu Kopf. Wie benahm sich Karla? ...

Er stelzte über die Bühne, klatschte in die Hände, warf den Arbeitern

die englischen Brocken zu, die er kannte. Es wurde lärmend, die

Kulissen wurden heruntergelassen, die Versatzstücke geschoben. Die

Herren blickten auf die Uhr ... Sie dachten nicht daran, sich ihr Recht

verkürzen zu lassen. Einer von ihnen rief den Arbeitern etwas zu,

worauf sie sofort ihre Tätigkeit einstellten.

„Karla,“ rief Altmann, „Karla ... augenblicklich kommst du her!“ ..

Sie sah sich nach ihm um, das Glas wäre ihr vor Schreck fast aus der

Hand gefallen.

„Aber Ernst ... was ist denn?“ ...

„Ich verbiete dir ... hörst du! Ich verbiete dir ...“

So sprach er doch sonst nicht zu ihr ... was fiel ihm nur ein? ...

„Sind diese Laffen die Herren hier -- oder habe ich zu befehlen ...

ich verbiete dir, daß du mit ihnen hier herumstehst! Geh’ in deine

Garderobe ... sofort ... augenblicklich!“

„Ja, aber ...“

Er schob sie leicht nach vorn. Die Schachtel entglitt ihren Händen, der

Deckel ging auf, und mit den Pralinees rollte etwas Rundes, Glänzendes

über den Boden. Altmann bückte sich und hob es auf. Es war ein schwerer

goldener Armreif, mit einer Schließe aus Rubinen.

„Was soll das ... wie kommt das in die Schachtel?“ ...

Karla klatschte in die Hände.

„Du ... das ist ja ein Geschenk! Das ist ...“

„Heimlich? In einer Konfektschachtel versteckt, nicht wahr? ... Wer gab

dir die Schachtel?“

Er folgte ihrem Blick, der verängstigt und ratlos auf dem Gesicht eines

eleganten Herrn mit schwarzem Spitzbart hängen blieb.

„Ach so ... der! ... Augenblicklich gehst du in die Garderobe. Sofort.“

Sie kannte diese Stimme: kalt, leidenschaftslos, mit einem Unterton

tiefen Gekränktseins. Wie ein gescholtenes Kind wendete sie sich ab und

verließ die Bühne. Altmann ging mit dem Armband auf den bezeichneten

Herrn zu.

„Hier, mein Herr ... solche Huldigungen sind einer Dame vom Varieté

gegenüber vielleicht am Platz ... nicht hier. Meine Frau dankt und

schickt Ihnen das zurück.“

Der Herr blinzelte Altmann, der unbekümmert darum, ob er verstanden

wurde oder nicht, Deutsch gesprochen, vertattert an. Mariette, die

Deutsch verstehen konnte, übersetzte. Sie hatte feuerrote kleine Ohren,

und fuhr sich mit ihrem spitzen Zünglein über die Lippen, als schlecke

sie eine besondere, letzte Süßigkeit auf.

Altmann hatte eine knappe Verbeugung gemacht und sich entfernt. Der

Armreif baumelte über drei Fingern des spitzbärtigen Herrn, während

Mariette ihren Dolmetscherdienst versah. Als sie fertig war, sahen die

Herren einander an -- und prusteten vor sich hin.

„~Pour votre peine~“, sagte der mit dem Spitzbart, und legte den Reif

um Mariettes schlanken, weißen Arm. In diesem Augenblick stob aber auch

schon die Gruppe auseinander, weil von oben ein Prospekt mit rasender

Geschwindigkeit herabgelassen wurde.

Mariette blieb allein. Sie sah um sich, spähte nach Altmann aus.

Nie hatte er ihr so gut gefallen wie eben jetzt. Weiß der Himmel ...

schön hatte er nicht ausgesehen in dem alten Röckchen und ohne Kragen

... aber wie er das Armband zurückgegeben hatte ... da lag etwas über

ihm ... etwas Nobles, Männliches ... Keiner von der Gesellschaft hätte

das getan! Es war eben doch der einzige „Herr“ ... Sie nahm den Reifen

ab und verwahrte ihn in ihrer Tasche. Altmann brauchte ihn nicht an

ihrem Arm zu sehen -- --

[Illustration]

Schmerzchen war zwei Jahre alt geworden. Sie lief in den Zimmern umher

und warf die Spielsachen, die sie bekommen hatte, vor sich her.

Tante Adele kam und gab Schmerzchen einen Klaps. Und als Schmerzchen

nicht verstand -- einen zweiten. Der brannte mächtig, und Schmerzchens

Hand wurde ganz rot. Aber Schmerzchen weinte nicht. Schmerzchen hatte

Charakter.

Sie hatte die Altmannschen geraden Brauen, was man von Fritz und Vicki

nicht behaupten konnte. Adele fettete Schmerzchens Brauen jeden Abend

mit Lanolin ein, damit sie recht dicht und glänzend würden. Schmerzchen

aber rieb das Lanolin in ihrem Bettchen wieder ab und lutschte dann an

den Fingern. Lanolin schmeckte sehr gut.

Wenn Schmerzchen ihre Weltanschauung durchaus nicht mit der ihrer Tante

vereinbaren wollte, dann hieß es: „Was wird Mama sagen, wenn du so

unartig bist? Gleich wird Mama kommen und hauen.“

Aber Mama kam nicht. Kam auch nicht, als Schmerzchen es einige Male

geradezu darauf anlegte, die Mama mit einer Rute herzuzaubern. Tante

Adele konnte es wohl nicht abwarten, bis Mama kam, denn sie selbst

griff zur Rute. Schmerzchen protestierte so energisch gegen diesen

Übergriff, daß ~Dr.~ Maurer aus seinem Zimmer trat. Die Rute

sehen, sie zum Fenster hinauswerfen und Schmerzchen auf seinen Arm

nehmen, war das Werk eines Augenblicks.

Es gab an diesem Tage großes Geschrei zwischen Tante Adel und Onkel

Al, aber die Rute zierte nun nicht mehr den Spiegel in Schmerzchens

kleinem, neben der großen Schlafstube gelegenem Zimmer.

Heute hieß es nun, Mama schicke ihrem Mädelchen viele, viele Küsse.

„Und was noch?“ fragte Schmerzchen, die Realpolitik trieb.

Adele versuchte ihr klar zu machen, daß Mama sehr, sehr weit wäre und

daher nichts schicken könnte.

„Mama ist tot“, sagte Schmerzchen entschieden und gleichmütig.

Da steckte das Dienstmädchen dahinter! Alwin Maurer lief selbst in die

Küche und machte „Krach“.

Vicki meinte, es wäre geradezu fürchterlich, wie Papa sich mit dem

Kinde „hätte“ ...

Vicki besuchte jetzt das Lyzeum und schwankte noch, ob sie Ärztin

oder Schauspielerin werden sollte. Sie hatte ihre „ernsten“ und ihre

„Theatertage“, war aber vorläufig noch schnippisch und unausstehlich an

beiden.

Fritz machte ernstere Sorgen. Er war nicht von dem Gedanken abzubringen,

als Offizier, mit glänzenden Epauletten, einherzustolzieren.

Adele und Luise, denen alles Glänzende ins Auge stach, bestärkten ihn

in seinem Wunsche. Wenn Alwin Maurer von beschränkten Verhältnissen

sprach, dann hieß es immer: „Kommt Zeit, kommt Rat!“ bis Adele es eines

Tages gerade heraussagte:

„Unter uns, lieber Alwin ... Karla kann ruhig etwas für uns tun. Das

ist nicht mehr als billig.“

„Nein ... nein ... das will ich nicht. Auf keinen Fall will ich das ...“

Nichts war Alwin Maurer peinlicher, als wenn sich „seine Weiber“

an Karla wendeten. Er wollte es kaum noch wissen, wie oft Altmann

Geldanweisungen an die Deutsche Bank geschickt hatte -- ganz abgesehen

von dem reichlich bemessenen Kostgeld für Schmerzchen.

Einmal fragte er:

„Ja, weiß denn Karla überhaupt, was Altmann schickt?“

Die Primadonna · 第 17 / 51 题