Es kam vor, daß Altmann sagte: „Du, Kind, die Nordeni behauptet ...“

Karla hielt sich die Ohren zu.

„Ach du, mit deiner Nordeni ...“

Sie meinte nichts damit. Aber ihm war etwas unangenehm dabei.

Nach der sechsten Stunde drückte Altmann der kleinen Pariserin einen

Dollar in die Hand. Er war dabei ein bißchen verlegen, denn -- ein

Honorar war es nicht, und der Lehrerin seiner Frau ein Trinkgeld geben

...

Noch verlegener wurde er, als sie es nicht annahm. Sie schüttelte

lächelnd den Kopf mit dem hochtoupierten, rötlichen Haar und sagte

etwas von „~grand plaisir~“. Aber weil er in seinem Ungeschick nicht

nachgeben wollte, fuhr sie mit ihrem hübschen Zeigefinger streichelnd

über seine Hand und lächelte ihn bittend an.

Ihm stieg das Blut in die Schläfen. Immer noch hielt er den Dollar vor

sich hin, und obwohl gerade der Kellner durchkam und es ein leichtes

gewesen wäre, ihm den Dollar zuzuwerfen, so konnte er sich doch nicht

dazu entschließen, drehte das Geldstück hin und her und versenkte es

schließlich doch in die Westentasche.

Die Gesellschaft reiste lange, lange Tage zusammen. Aber trotzdem sie

scheinbar ganz aufeinander angewiesen war, kam es zu keinem rechten

Zusammenschluß. Die Nordeni legte gern große Entfernungen zwischen sich

und die anderen, weil es die einzige Möglichkeit für sie war, ihre

erste Stellung zu betonen. Der erste Tenor war ein fetter Amerikaner,

dem eine Partien-Presse einige Rollen eingepaukt hatte, die er in

deutscher Sprache singen mußte. Er kannte keine Indisposition, keine

Angst und keine Stimmung. Wenn er den Mund auftat, rollten die Töne aus

seiner Kehle, seelenlos und vollendet. Er hatte keinen Ehrgeiz und war

nie müde. John Russel schätzte ihn sehr. Seine einzige Leidenschaft war

-- essen. Er verfraß sein ganzes, nicht unbedeutendes Gehalt. Es hieß,

daß er seinen Magen einem medizinischen Institut in Boston vermacht

hatte. Er bildete sich viel mehr auf seinen Magen als auf seine Stimme

ein. John Russel dachte daran, ihn für eine Varietébühne zu verwenden,

wenn er einmal die Stimme verlor ... John Russel war immer weitblickend.

Der genialste der Gesellschaft war zweifellos der erste Kapellmeister,

ein Mann, der irgendeiner dunklen Geschichte wegen ausgewandert war.

John Russel hatte ihn zufällig in einer Hafenkneipe entdeckt. Er besaß

die grenzenlose Überhebung derer, die nichts zu verlieren haben, und

behandelte die „Stars“ der Operngesellschaft nicht anders als ehedem

seine Kneipenmusiker. Das Orchester vergötterte, der Chor fürchtete,

die Solisten haßten ihn. Er war unverwundbar und unbestechlich, auch

dann, wenn er sich den Bestechungsversuch selbst gefallen ließ.

Was und wen er in Europa zurückgelassen, erfuhr nie jemand, und sein

Besitztum bestand auch nach zweijähriger Tätigkeit bei John Russel nur

in einem gefüllten Handkoffer. So gänzlich er in seinem Beruf auch

aufging -- körperlich schien er immer auf dem Sprunge zu sein. Nicht

einmal einen schriftlichen Vertrag hatte er machen wollen. Handschlag

-- und „so lange es ihm paßte!“ Das gab ihm seine Machtstellung auch

John Russel gegenüber. Auf äußerliche Distanz hielt er nichts. Während

der Reisen setzte er sich am liebsten unter die Choristinnen und riß

boshafte, derbe Witze. An spielfreien Abenden saß er bis tief in die

Nacht vor stets erneuten Strohhalmen, durch die er die stärksten und

gewagtesten eiskalten Mischungen einsog. Seinen wirklichen Namen kannte

niemand, und den angenommenen hatte sich kaum jemand gemerkt.

Nicht mal John Russel. Er war einfach der Kapellmeister, und als

die Nordeni ihn einmal halb anulkend „Kapelle“ nannte, blieb ihm

der Spitzname. Der ihm unterstellte zweite Dirigent war der „Herr

Kapellmeister“ -- er war: „Kapelle“. Für das Orchester, die Solisten

und den Chor. Ein neu engagierter Sänger sagte, als er das erstemal von

ihm sprach: „Herr Kapellmeister Kapelle ...“ Auch auf dem Theaterzettel

blieb seine Anonymität gewahrt: „Am Pult: der erste Dirigent“. John

Russel hatte was übrig für eine gewisse Romantik. Sie ließ sich meist

mehr oder minder umsetzen ...

Kapelle haßte übrigens die Nordeni, weil sie ihm immer ihre

hochnäsigsten Blicke herunterwarf, wenn sie zu spät einsetzte. Immerhin

mußte er sie ihrer auf solchen Reisen schätzenswerten Routine wegen

schonen. Er begnügte sich damit, ein paar Taktstöcke beim Schlagen

gegen das Pult zu zerbrechen. Im Zwischenakt aber stürzte er in die

Garderobe: „Ich erwürge dich ...“ Er schimpfte unflätig, während sie

noch Puder auflegte oder Lippenrot.

Um ihn zu versöhnen, schickte sie ihm am nächsten Morgen ein paar

Flaschen Wein. Er kam dann torkelnd, mit verglasten Augen, zur Probe,

und sie höhnte lachend: „Einen feinen Kapellmeister haben wir!“ Saß er

aber erst auf seinem Hocker und hob er den Taktstock -- dann verging

ihr das Lachen. Nicht die leiseste Schwankung! Wie aus Eisen war sein

Arm! Er machte keinen Unterschied zwischen Vorstellung und Probe. Er

gab sich immer ganz. Restlos.

„Wenn er das Saufen lassen wollte, würde ich ihn zum ersten Dirigenten

der Welt machen“, sagte John Russel.

Aber diese Worte machten auf Kapelle wenig Eindruck. Vielleicht sogar

einen entgegengesetzten, als sie sollten.

Kapelle fand Besseres auf dem Grunde seines Glases, als ihm ein

Weltruhm geben konnte -- er fand Vergessen. Denn selbst um den Preis

eines Weltruhmes hätte er europäischen Boden nicht mehr betreten. Aber

das brauchte er den Leuten nicht auf die Nase zu binden ... Das ging

sie nichts an ... gar nichts ging sie das an ...!

Karla zitterte vor dem Augenblick, da sie auf der ersten Probe seinem

Taktstock gegenüberstehen würde. Mariette hatte ihr pantomimisch die

erschreckendsten Dinge mitgeteilt.

Monsieur Kapelle war ~un homme terrible~! Er hatte gewiß einen Mord auf

dem Gewissen ... hatte sicher ~une pauvre femme~ erwürgt! Und hatte

fliehen müssen vor dem Gesetz ... „~Oh le méchant homme ...!~“

Das war immer der Schluß. Karla hatte ihren Mann gebeten, er möchte

sich mit ihm ein bißchen anbiedern. Aber Altmann hatte gesagt:

„Da müßte ich stundenlang mit ihm trinken, liebes Kind ... Du weißt,

das vertrage ich nicht. Im Übrigen halte ich ihn für sachlich.

Sachliche Menschen brauchst Du nicht zu fürchten ...“

Niemals war es Karla so aufgefallen wie jetzt, daß Altmann nüchtern war

... so schrecklich nüchtern.

„Hast du dir denn niemals einen Spitz angetrunken, Ernst?“

Alle Schelmerei lag in ihrem Blick, alle Teufelchen einer jungen

Frauenseele, die in ihrem Manne einen Gespielen wecken will.

„Nein, Karla -- nie!“

„Ja, aber ... warum denn? ... Es ist doch so nett einmal ...“

„Es ist vieles nett, was man nachher abzubüßen hat. Und nichts ist

gefährlicher, als wenn man die Herrschaft über sich verliert ...“

„Und du hast nie die Herrschaft über dich verloren, Ernst ... nie?“

Die Primadonna · 第 16 / 51 题