Altmann sammelte das Letzte von Karlas Noten zusammen. -- -- --

Bildhübsch sah Karla am nächsten Morgen aus, als sie ihren Kopf mit dem

langen, braunen Schleier zum Abteilfenster vorbeugte. Ihre Lider waren

zwar geschwollen, und ihre Finger spielten aufgeregt mit der Kante

ihres Taschentuches. Es traf sich, daß es ein Sonntag war, und die

ganze „Culmstraße“ war vollzählig auf der Bahn.

„Küßt mir Schmerzchen.“ Sie brachte es kaum noch über die heißen, roten

Lippen. Gleich darauf flatterte ihr Tüchlein.

„Der Papa kommt noch ... der liebe Papa!“ ...

Er kam -- elastisch, elegant, in seinem auf Taille gearbeiteten

Überzieher. Er hielt ein paar Teerosen in der Hand und vollführte mit

ihnen zierliche Figuren in der Luft. Dann warf er sie Karla ins Fenster

-- graziös und sicher, und begrüßte die Familie mit einem mehrfachen

kurzen, höflichen Neigen des Zylinders.

„Du, Kleine ... im Dezember findet in New York ein großes Schachturnier

statt. Wenn du gerade da bist, grüße Tschigorin von mir. Nicht

vergessen! Schreibe ihm. Er wird schon kommen. Sage, ich erwarte ihn

bei mir im April. Tschi--go--rin ... Herrgott, Kleine, den kennt doch

jedes Kind! ... Nicht weinen ... ta ta ta ... Unsinn -- Paa -- Paa!“

Der Papa war ganz allein da. Er sah niemanden und kümmerte sich um

niemanden. Hinter ihm flatterten Tücher auf, flogen Hüte in die Luft.

Er lachte, er schickte Kußhände.

Altmann stand hinter Karla. Er sah älter aus als sonst. Im übrigen war

sein Gesicht unbeweglich wie immer. Vielleicht noch etwas starrer. Er

haßte Rührszenen auf offener Straße. Und es ging ihm um mehr als nur um

einen Reiseabschied.

[Illustration]

Karla packte. Es war gar nicht leicht, die langen Schleppkleider in

den schmalen Koffern kunstgerecht zusammenzulegen. Die Nordeni reiste

nie anders als mit einer Zofe. Nordeni ... zum Lachen! Das „i“ hatte

sie sich angehängt wie einen Similistein. John Russel hätte es gern

gesehen, wenn sie selbst sich King statt König genannt hätte. Aber sie

dachte nicht daran.

Hochrot im Gesicht, mit offener, weißer Morgenjacke lief sie zur Tür

des Nebenraumes: „Schreibst du noch lange?“

„Ich bin gleich fertig. Soll ich etwas Besonderes bestellen?“

„Weiß nichts. Grüße nur.“

Adele zog in eine neue Wohnung. Hauptsächlich Schmerzchens wegen.

Natürlich. Und es war nur billig, daß Ernst einen Umzugsbeitrag

schickte. Vor drei Monaten war Vicki an verspätetem Scharlach erkrankt.

Karla kabelte jeden Tag in die Culmstraße, wie es Schmerzchen ginge.

Und immer dieselbe Mahnung: „Nicht sparen. Kind isolieren.“ Vickis

Krankheit kostete sie sehr viel Geld -- und dann die Erholung an der

See! Aber davon hatte dann auch Schmerzchen was gehabt, hatte mit

bloßen Füßchen im warmen Dünensand herumgepaddelt. „Das Körperchen wird

schon ganz braun“, schrieb Adele.

„Die Ruhe und die gute Luft tun Adele auch gut“, sagte Altmann.

Karla fragte nicht, was an Geld draufging. Nur, als sie von der Zofe

der Nordeni sprach, hatte Altmann gemeint: „Vernünftig sein, Karla ...

wir brauchen ohnehin eine Unmenge.“

Sie nickte. Ja ... das mochte wohl stimmen. Bei John Russel war sie

mächtig im Vorschuß, und es war ihr beinahe unheimlich, wie leicht er

ihr jede verlangte Summe gewährte.

Freilich verlangte er Toiletten. Hatte nur kalt aufgelacht, als sie

ihre mitgebrachten Schätze gezeigt hatte, damit er das Kleid für

ein Konzert wähle, in dem sie mitwirken sollte. Ganz wütend war sie

über die Geringschätzung gewesen. Altmann übernahm es, mit Russel

zu sprechen. Karla war ja schließlich nicht als „Salondame“ für

französische Ehebruchskomödien engagiert, sondern als dramatische

Sängerin. Auf die Stimme kam es an, und wenn sie in großen Linien der

Mode folgte, so durfte niemand mehr von ihr verlangen!

„Verlange ich auch nicht, Herr ... Herr ...“

Es wurde John Russel noch immer schwer, sich Altmanns Namen zu merken.

„Siehst Du“, sagte Altmann sehr selbstsicher und zufrieden von dem

Ergebnis seiner Unterredung.

Karla freute sich auf das Konzert, das in dem Hause eines Milliardärs

stattfinden sollte und zu dem die Spitzen der Gesellschaft ihr

Erscheinen zugesagt hatten. Sie konnte kaum essen und schlafen vor

Aufregung. Aber als sie John Russel fragte, für welche Stunde sie sich

bereithalten sollte, sah er sie kalt an und warf ihr die Antwort hin:

„Sie singen ja gar nicht, sondern die Nordeni.“

„Siehst du ... siehst du“, rief sie zu Hause und trommelte auf den

Tisch.

Die Tränen saßen locker bei ihr und überfluteten ihre Wangen.

Altmann suchte sie zu beruhigen.

„Lächerlich, Karla ... Sei froh, daß du einen Tag Ruhe hast. Wir gehen

ins Deutsche Theater und verbringen einen netten, gemütlichen Abend.“

„Ich hätte aber hundert Dollar für das Konzert bekommen“, schluchzte

Karla.

Die Nordeni renommierte haarsträubend. Der Hausherr hätte ihr die Hand

geküßt, die Damen hätten sich um ihr Taschentuch gerissen, das sie auf

dem Flügel hatte liegen lassen ... Karla konnte das alles schwarz auf

weiß in einem der amerikanischen Klatschblätter lesen. Und dazu noch,

daß die „Künstlerin außer einem fürstlichen Honorar ein Armband, mit

Rubinen und Brillanten besetzt, als Geschenk erhalten hatte“. Folgte

die Beschreibung der Toilette.

Am nächsten Morgen ging Karla, ohne ihrem Manne etwas zu sagen, in die

Office von John Russel.

John Russel saß in Hemdsärmeln vor seiner Schreibmaschine, die er

bei Karlas Eintreten durch einen Druck auf einen Knopf in einer

Versenkung verschwinden ließ, worauf sich die Tischplatte selbsttätig

zusammenschloß.

„~Well~ ... Karla König ... ~what is the matter~?“

Karla wußte eigentlich nicht recht, wie sie ihre Bitte um Vorschuß

einkleiden sollte. Er hatte schon mehrfach gegeben; aber es waren doch

immer kleinere Summen gewesen. Sie druckste ein bißchen herum.

„Sie brauchen Geld -- wie? ... Genieren Sie sich doch nicht. Wieviel?

... Tausend Dollar? Lächerlich ... ich gebe Ihnen gern zwei. Da können

Sie was anfangen.“

„O nein“, wehrte Karla erschreckt ab. „Mein Mann ..“

„Ihr Mann geht mich gar nichts an. Ich habe nicht Ihren Mann engagiert.

Ihr Mann macht eine Glucke aus Ihnen! Hätte ich das gewußt --“

Karla blickte ihn furchtsam an.

„Aber ich bin doch ganz unerfahren. Mein Mann sorgt für mich.“

„Ja, und Sie verdienen für ihn. Das heißt, Sie verdienen nicht. Weil

er Sie am Rock festhält, wenn Sie mal losgehen wollen. Vielleicht

bitten Sie ihn auch um Erlaubnis, wenn Sie sich ein Paar Handschuhe

kaufen wollen? ... Sie laufen herum, angezogen wie eine Gouvernante.

Wissen Sie nicht, daß Ihr Beruf Ihnen Pflichten auferlegt? Glauben Sie,

die Amerikaner zahlen ihr Geld, um eine kleine ~governess~ zu sehen?“

„Und meine Stimme?“

Er zuckte die Achseln.

„Stimme ... Stimme! Die ist doch erst etwas wert, wenn ich was aus ihr

mache. Haben Sie das noch nicht verstanden? Nein? Dann können Sie mir

leid tun!“

„Mein Mann ...“

„Kommen Sie mir nicht immer mit Ihrem Mann. So ein Mann, der nichts

ist als ‚Mann‘ -- macht mich nervös. Sagen Sie ihm lieber, er solle

sich einen anständigen Frack machen lassen; er sieht auch aus wie ein

Schulmeister in seinem Hochzeitsanzug, mit den altmodischen Schößen.

Darin passen Sie gut zusammen! Oder, sagen Sie mal ... er ist doch

Schauspieler! Ich kenne den Direktor vom Deutschen Theater hier. Wenn

ich dem ein paar Worte sage ... bring’ ich ihn dort unter. Da kann er

seine ältesten Lumpen auftragen, wenn er will. Überlegen Sie sich’s.

Und da sind zweitausend Dollar. Und hier ... die Adresse von einem

Modesalon. Zehn Prozent Rabatt, wenn Sie von John Russel kommen. Die

wissen dort schon, was ich liebe. Da ist auch noch die Karte von meinem

Schneider ... warten Sie ... hier! Da kann Ihr Mann hingehen.“

Karla wechselte immerfort die Farbe. Es war alles so schrecklich

demütigend und häßlich.

„Wir haben ein Kind, wir müssen sparen!“

Russel lachte kurz vor sich hin. Sie war eine Gans, diese König.

Schade, daß er sich mit ihr beschwert hatte ...

„Sparen heißt verdienen, aber nicht: nichts ausgeben! Wenn Sie nichts

ausgeben, kommen Sie auch nicht zum Verdienen. Das ist meine Meinung.

Im übrigen machen Sie, was Sie wollen. Aber wenn nichts aus Ihnen

wird, dann bedanken Sie sich bei Ihrem Manne. Nur schade um die Stimme!

...“

Karla zupfte an ihren Handschuhen, drehte ihren Schirm wie einen Quirl

in der Hand und steckte den Scheck schließlich in ihr Täschchen.

Sie unterschrieb mit großen, dicken Buchstaben „Karla König“, ohne

„Altmann“.

„Ist nicht nötig“, hatte John Russel gesagt.

Abscheulich war dieser Russel -- gemein! Sie hätte ihn am liebsten ins

Gesicht geschlagen.

Und sie war dann immer doppelt zärtlich zu ihrem Manne. Aber diesmal

... ihr schien es, als hätte Russel nicht so unrecht. Sie waren eben

beide aus kleinen Verhältnissen -- Altmann und sie -- und hatten den

weiten Blick nicht.

Sie löste den Scheck ein und bestellte ihre Kleider. Sie zitterte vor

dem Augenblick, da sie Altmann diesen Vorschuß beichten mußte.

Ganz kalt sah er sie an und sagte mit eingezogenen Mundwinkeln: „Es ist

ja dein Geld. Du kannst natürlich damit tun, was du willst.“

Sie wagte es nicht mehr, von einem neuen Frack zu sprechen.

Bevor sie New York verließen, durfte sie auch in einer ihrer neuen

Toiletten bei Astrong singen. Entweder die Nordeni hatte haarsträubend

gelogen, oder die Milliardäre waren verschieden wie Tag und Nacht.

Die Künstler waren von der Gesellschaft durch eine rote Samtschnur

mit goldenen Quasten abgegrenzt. Die Damen wandelten um die Schnur

herum und musterten die Künstler halb dreist, halb gelangweilt durch

ihre edelsteinbesetzten Lorgnetten und tauschten mit ihren befrackten

Begleitern Bemerkungen aus. Karla fühlte, wie die Füße ihr brannten

in den kleinen Goldschuhen, auf die die Blicke der märchenhaft reich

gekleideten Frauen fielen. Die Geigerin flüsterte ihr zu: „Man trägt in

diesem Jahr keine Goldschuhe mehr.“

„So“ ...

Karla setzte sich auf einen kleinen seidenen Hocker und zog die Füße

ein. Ihre weißbehandschuhten Hände (man trug in diesem Jahre auch keine

weißen, sondern nur schwarze, lange Handschuhe) nestelten aufgeregt an

den Notenblättern. Wenn die Leute sie noch lange so anstarrten, dann

... dann riß sie die Handschuhe ab und warf sie ihnen ins Gesicht oder

streckte ihnen die Zunge aus! Aber die Gäste verliefen sich allmählich,

und nach einigen Minuten begann das Konzert. Die Künstler wurden von

einem befrackten Herrn einzeln hinter der Schnur hervorgeholt und nach

ihrer Nummer wieder hinter die Schnur zurückgebracht.

Karla zitterte vor Wut. Als sie aber auf das Podium trat, das mit

hellblauem Samt ausgeschlagen war, wurde sie ganz blaß, da sie die

Pracht erblickte, die sich vor ihr ausbreitete. In der ersten Reihe saß

eine blonde Frau in schwarzem Schleiertüll, dessen feines Rankenmuster

mit echten kleinen Brillanten eingefaßt war; erbsengroße Diamantknöpfe

schlossen die Spangen der schwarzseidenen Schuhe und eine lange Kette

flach gefaßter Brillanten fiel in doppelter Reihe von dem schlanken

Halse herab bis zu den Knieen. Neben ihr saß eine üppige Brünette,

deren lichtblaues, langschleppendes Unterkleid von einem Netz aus

Goldfäden überdeckt war, das mit langen Gehängen aus echten Perlen um

die Schleppe, die kurzen Ärmel und die Brust verziert war. Hinter den

Sesseln dieser zwei Damen standen unbeweglich je zwei Diener, deren

Amt es offenbar war, darauf zu achten, daß sich nicht etwa einer der

kostbaren Edelsteine von dem Kleide löste und in dem Gefältel fremder

Schleppen verlor.

Die in die Wände eingelassenen und mit Gold abgesetzten, geschliffenen

Spiegel gaben das Funkeln der Edelsteine, das Gleißen der wundervollen,

gold- und silberschimmernden Stoffe hundertfach wieder. Das Licht

aus zahlreichen goldenen Blumensträußen, die an der Decke angebracht

waren, sprühte über die tief ausgeschnittenen elfenbeinstumpfen und

rosig schimmernden Nacken, die scheinbar kunstlosen, in weiten

Wellen gesteckten glänzenden roten, braunen und blonden Haare. Da,

wo die Reihen der hellblauen Sessel mit geschnörkelten Goldlehnen

endeten, erhoben sich in einförmigem Schwarz und Weiß die Gestalten

der Männer. Bartlos wie Schauspieler waren sie alle. Hatten scheinbar

gutmütige, ein bischen schwammige Züge. Nur das fast allen gemeinsame,

vorgeschobene Kinn und der verschleierte schwere Blick gab ihren

Gesichtern bei näherem Zusehen einen Zug neronischer Gefühllosigkeit.

Ihre Hände konnten trotz aller Pflege nicht immer ihre Herkunft

verbergen. Sie protzten weder mit Ringen, noch mit Orden. Die Größe

ihres Reichtums zeigten ihre Frauen zur Genüge auf ihren Schultern

an; ihre Stellung aber war durch ihre Anwesenheit in einem solchen

Hause klargestellt. Zwischendurch gab es auch junge Leute, deren

Gesichtszüge der Reichtum des Vaters veredelt hatte. Ihre Stirnen waren

breit und nichtssagend, ihre Augen hatten die Schwermut des freudlosen

Genießens, aber unter ihren Frackärmeln zeichneten sich die Muskeln

von Berufsathleten ab. Sie besuchten diese Salons, in denen sie sich

langweilten, um eine französische Prinzessin zu fischen oder einer

Tingeltangelöse auszuweichen, die sie überall hin verfolgte, um ihnen

zum mindesten ein Eheversprechen abzulisten, das sie zu Geld machen

konnte.

All diesen Männern war der Frack die Abenduniform. Wo sie sie spazieren

führten, innerhalb ihres Kreises, war ihnen gleichgültig, ebenso wie

ihnen gleichgültig war, was sie über sich ergehen lassen mußten. Die

Patti, Jean de Reczke hatten den Vätern einige Emotionen bereitet, als

sie anfangen durften, an „Kunst“ zu denken -- die jungen Leute hatten

die Bewunderungen der Väter übernommen und noch nichts Neues entdeckt.

Das war dort übrigens Frauensache. Aber auch die Frauen übernahmen

gern geprägte Werte und ließen es sich erst sagen, für wen sie sich zu

erwärmen hatten.

Der Geigerin ging ein recht guter Ruf voraus. Sie war eine mollige

Blondine, und der Salon ihres Mannes, der in Paris ein berühmter

Klavierspieler war, vereinigte die beste Gesellschaft. Einige junge

Damen aus den ~upper~ Vierhundert hatten Geigenunterricht bei ihr

in Paris genommen ... sehr nett .... Man hatte ihr lebhaft mit den

Fingerspitzen zugeklatscht.

Aber -- Karla König? ... Ein unbeschriebenes Blatt.

Man hörte nicht viel hin, unterhielt sich leise -- durchaus höflich,

legte wohl auch mit mahnendem Lächeln den beringten Finger an den Mund

-- es war gerade die Mode aufgekommen, die Ringe über den Handschuhen

zu tragen -- und es sah auch wirklich sehr hübsch aus, wenn die Frauen

so dasaßen, die steifen Hände wie glitzernde Blumen im Schoß. Die

Tochter eines Multimillionärs hatte es sogar gewagt, sich einen kleinen

funkelnden Rubin in den milchweißen Augenzahn einsetzen zu lassen. Sie

lächelte sehr viel, weil sie heute zum erstenmal die Wirkung dieser

Neuheit ausprobierte. Und eigentlich war der Zahn von Miß Evelin

Steafford heute der „Clou!“, gegen den auch die beste Nummer des

Konzerts schwer aufkommen konnte. Denn die Wirkung des Rubins mußte

bei allen Wendungen von Miß Evelins hübschem Kopf und jeder Art ihres

reizenden Lächelns genau beobachtet werden.

Karla sang. Die Noten zitterten in ihren Händen. Sie fühlte, daß sie

ins Leere sang. Dann sah sie, wie ein paar Damen wieder ihre Schuhe

lorgnettierten. Sie wurde immer unsicherer.

„Was machen Sie denn?“ flüsterte ihr der Begleiter zu.

Sie hatte einen Takt ausgelassen. Wie durch ein Wunder kamen sie nicht

auseinander. Als sie zu Ende war, rührte sich keine Hand. Sie griff

nach dem Klavier. Tiefe Schatten legten sich unter ihre Augen. Die

blonde Dame mit dem goldenen Netz schlug kaum merklich auf die Lehne

ihres Sessels und unterdrückte ein Gähnen. Das war nun schon das vierte

Hauskonzert in dieser Woche ... es war Zeit, daß man auf etwas anderes

kam. Sie würde sich eine Bühne bauen lassen -- in der Art wie sie die

Patti hatte. Natürlich in ganz anderer Ausführung .... Musik war ja

ganz nett, aber man mußte auch was fürs Auge haben ...

Na -- was war denn das plötzlich?

Die Dame in Blau und die Dame in Schwarz beugten sich zueinander ...

und alle schimmernden Frauenköpfe neigten sich nach rechts und links,

wie sturmbewegte Blumen. Eine große Stille lag über dem glitzernden,

funkensprühenden, lichtumfluteten Saal .... Was war denn geschehen? ...

Die da oben sang ja plötzlich nicht mehr? Ein paar Herren reckten ihre

Hälse ... nicht viele. Die meisten waren froh, daß es aus war.

Karla wankte am Arm des Begleiters die paar Stufen des Podiums herunter.

Der Herr, der die Künstler hinter der Schnur hervorholte wie Schafe,

die zur Schlachtbank geführt werden, sprang auf die Erhöhung und

meldete, Miß König wäre plötzlich von einem Unwohlsein befallen worden

... Dann schubste er den Sänger hinauf, den er schon in Bereitschaft

gehalten.

Karla mußte in der Umzäunung bleiben, bis das Konzert zu Ende war.

Irgend jemand von den Künstlern besorgte ihr ein Glas Wasser. Aber

sie hatte die Zähne fest aneinandergepreßt, und die Geigerin nahm

schließlich ihr Taschentuch und kühlte ihr den Nacken. Da öffnete Karla

die Augen.

„Ich will nach Hause ... nach Hause“, murmelte sie auf Englisch.

Die Geigerin fuhr ihr gutmütig über die Wange:

„Jetzt müssen Sie noch ein bißchen warten -- bis das Konzert aus ist.

Unsere Wagen sind noch nicht da. Aber ich hoffe, daß Sie noch vor der

Abfütterung fortkommen.“

„Wie denn ...“

„Tja ... ~darling~ ... wir bekommen noch ein großes ~supper~ ...

natürlich extra serviert. Und auf dem Teller findet jeder sein Honorar

unter Briefumschlag ... manchmal sogar noch ein kleines Geschenk ...

nichts sehr Wertvolles ... es ist ja nur ein Andenken ... etwa das

verschlungene Monogramm des Hausherrn in Gold oder so ...“

„Aber ich will kein Honorar, kein Monogramm ...“

Der Sänger kam zurück, dicke Schweißperlen auf der Stirn; irgendein

Fräulein, das als Baby angezogen war und eine Riesenpuppe im Arm

trug, hüpfte an der Hand des Herrn hinaus in den Konzertsaal.

Ihre Spezialität waren naive Kinderliedchen, die eine schamlose,

doppelsinnige Pointe hatten. Die Damen wollten immer nicht verstehen,

warum sich die Herren bei den harmlosen Vorträgen der kleinen Person

so gut unterhielten. Jedenfalls verdiente sie sehr viel Geld mit ihren

„~babysongs~“. Der Sänger -- er gehörte seit einigen Jahren zu John

Russels Gesellschaft -- warf seine Noten ärgerlich auf den Tisch.

„Wenn die kleine Kröte noch einmal auf demselben Programm mit mir

figuriert, dann sage ich ab. Aber daß Sie, kleine Frau, sich derartig

würden ins Bockshorn jagen lassen von der Gesellschaft, das hätte ich

nicht geglaubt.“

Karla biß in ihr Taschentuch hinein.

„Sie müssen sich doch nur immer vergegenwärtigen, vor wem Sie

stehen. Die Dame in Blau und Gold ist die Frau des Hauses; ihr

Schwiegervater hat noch ein Schlächtergeschäft betrieben in New York,

und die Dame in Schwarz, mit den Brillanten, ist die Tochter eines

Weizenexporteurs ~en gros~ und Enkelin eines Auswanderers ...

Zwischendeckpassagiers -- tjawoll! Wenn die Herrschaften unter sich

bleiben wollen, dann müssen sie wirklich die rote Schnur ziehen!“

Ungeduldig, mit brennenden, trockenen Augen und zerbissenen Lippen

stand Karla König auf. Sie war wie im Fieber. Um keinen Preis durfte

jemand aus der Gesellschaft sie noch sehen. Noch einmal ertrug sie die

spöttischen oder kalten Blicke dieser Menschen nicht.

„Nun ... wie war’s?“

Altmann verstummte, als er ihr blasses, gleichsam zerknittertes Gesicht

erblickte. Das kostbare Kleid schleifte über den Boden, der Umhang

glitt von den wie eingeschrumpften Schultern.

„Was ist denn geschehen, Karla? ... So rede doch!“

„Blamiert habe ich mich -- weiter ist nichts geschehen.“

„Du siehst, Karla, ich wollte dich selbst begleiten.“

Aber sie zuckte die Achseln:

„Ach, du ...!“

Es gab ihm einen Stich. So wenig bedeutete er ihr? So völlig

gleichmütig ging sie über ihn hinweg?

„Ja ... warum hast du dich nicht zusammengenommen?“

Seine Stimme klang härter, als er wollte.

Aber dann sah er ihren Umhang auf dem Boden liegen, die Schleppe war am

Ende eingerissen, als wäre sie beim hastigen Aussteigen am Wagentritt

hängen geblieben.

„Die guten Sachen! ... So paß doch auf! ...“

Karla warf sich in den nächsten Sessel.

„Die guten Sachen? ... Meinetwegen sollen sie in Fetzen gehn. Es sind

ja doch nur Lumpen. Jawohl! Lumpen! Ach, du glaubst vielleicht, weil

das Kleid fünfhundert Mark kostet, bin ich gut angezogen? Gott bewahre!

... Ich hatte ja Goldschuhe an und weiße, lange Handschuhe! Denke doch

-- mein Verbrechen! Ausgelacht haben sie mich! Erst ausgestellt, wie in

einem Panoptikum, und dann ausgelacht!“

Sie schlug die Hände vors Gesicht und blieb regungslos sitzen. Sie

wartete. Jetzt mußte ihr Mann kommen, mußte den Arm um sie legen, sie

trösten und sagen, daß sie heimfahren wollten. Lange saß sie ganz

still, begriff nicht, daß es so lange währte, bis das geschah, worauf

sie wartete.

Altmanns Schritte schlugen an ihr Ohr, langsam, gewichtig. Er räusperte

sich, blieb stehen.

„Ja ... na und dann?“

„Dann? ... Dann bin ich stecken geblieben und habe getan, als ob ich

ohnmächtig wurde ... +das war dann+!“

Sie riß ihr kleines Taschentuch aus dem Ausschnitt, ballte es zusammen

und warf es zornig auf den Tisch.

„Stecken geblieben ...? Wenn ich dich begleitet hätte, wäre das nicht

geschehen, sage ich ...“

„So? Warum wäre das nicht geschehen?“

„Weil du dich nicht so verlassen gefühlt hättest, weil ...“

„So, glaubst du wirklich? ... Und ich sage dir, es wäre noch schlimmer

geworden. Sie hätten dich mit mir zusammengesperrt und hätten über

deinen Frack gelacht! Ja ... das hätten sie ... denn du siehst wie ein

Schulmeister aus, meint Russel, in deinem Hochzeitsfrack!“

„So? Meint er das? ... Nun, da ich nicht mit war, konnte mein Frack

nicht an deinem Durchfall schuld sein.“

Karla fühlte, daß sich etwas Häßliches zwischen ihnen erhob. Ein

unsichtbares schwarzes Ungetüm, das mit Tatzen nach ihnen schlug, sie

aufeinanderhetzte. Sie brach aus, ohne Zusammenhang, leidenschaftlich:

„Ich bleibe hier nicht -- um keinen Preis bleibe ich! Geh zu Russel ...

er soll den Vertrag lösen. Es kann ihm ja auch nichts an mir liegen ...

er wird froh sein ...“

„So? ... Und die Vorschüsse ...?“

Altmann stand mit hinter dem Rücken verschränkten Armen vor ihr. Sein

Gesicht drückte leise Genugtuung und Überlegenheit aus.

„Also du willst mir nicht helfen ... willst nicht ...“

Ihre Augen sprühten, ihre Lippen bebten.

„+Du+ hast mich nach Amerika geschleppt ... +Du!+ ... Ich wollte nicht

... Ich wollte bei meinem Kinde bleiben. Aber das war dir ganz egal,

was mit dem Kinde geschah! Du hattest ja deine Schwestern ... Deine

Schwestern sind dazu da, sich um das Kind zu kümmern ... Ich muß

Geld ...“

Sie brach plötzlich ab, denn Altmann hatte sich über sie gebeugt, sehr

bleich im Gesicht, und hatte mit heftigem Druck ihre Hand ergriffen.

„Sprich nur zu Ende ... bitte ... lege dir keinen Zwang auf. Wer da

alles aus dir herausredet, das weiß ich nicht. Aber zu so etwas kommt

es wohl, wenn der Mann seine Frau über sich hinauswachsen läßt. Das

heißt -- du bist noch nicht hinausgewachsen ... lange nicht. Denn das

‚viele Geld‘, das du verdienst -- ist weniger wert als meine kleinen

Gagen in den letzten Jahren. Von denen sparte ich mir noch etwas --

ja, das tat ich -- sonst hätte ich dich ja gar nicht heiraten können.

Was besitzen wir, seitdem du verdienst? -- -- Schulden. So ist es.

Glaubst du, Russel läßt dich gehen, solange du ihm noch einen Dollar

abzusingen hast? Eher läßt er dich zehnmal durchfallen, als daß er dich

gehen läßt! Ein Durchfall ist unter Umständen auch eine Sensation,

wenn man ihn geschickt ausnutzt. Denn was du in der Kehle hast, weiß

er so gut wie ich! Aber du bist unbeherrscht -- und darauf rechnet er.

Ich bin ihm unbequem, und er möchte mich los sein! Darum sucht er mich

klein zu machen in deinen Augen! Tu ihm nur den Gefallen und falle

ihm drauf rein -- bitte. Mir brauchst du ein einziges Wort zusagen --

mit dem nächsten Schiff bin ich wieder in Europa. Dann balge du dich

mit ihm herum! Versuche es, von ihm loszukommen. Er wird dich schon

zu halten verstehn. Ich weiß jetzt Bescheid über ihn! Du bist nicht

die einzige. Wenn du nicht den Stoff in dir hast, eine allererste zu

werden, wertvoll genug bist du, daß er dich bis aufs Letzte auspumpt!

Geh morgen zu ihm hin und verlange dreitausend Dollar Vorschuß. Er

wird sie dir geben. Auch fünftausend. Je mehr, desto besser! Desto

sicherer bist du ihm. Oder willst du durchbrennen -- willst du

steckbrieflich verfolgt werden? ... Mein liebes Kind ... zieh dir einen

Leinwandrock an, braune Stiefel und grüne Handschuhe -- und diese selbe

Gesellschaft, die dich heute ausgelacht hat, brüllt dir zu -- wenn du

einen Namen hast! Den Namen aber geben dir nicht deine Kleider, sondern

den gibt dir deine Selbständigkeit Russel gegenüber. Zeige ihm, daß du

ihn nicht brauchst, dann wird er Angst haben, dich zu verlieren. So.

Und nun wirtschafte weiter nach eigenem Ermessen. Meine Sachen sind

rasch gepackt ...“

„Ernst!“

Sie hielt ihn am Arm zurück. Sie küßte den alten graukarierten Stoff,

sie streichelte ihm das Gesicht mit ihrer tränenfeuchten Hand. Sie

murmelte:

„Nicht böse sein ... ich bin so dumm ... so schrecklich nervös bin ich

... Pass’ auf, wenn ich ruhiger werde ... es ist wahr, du mußt immer

mit mir gehen ... immer ... dann kann ich dir gleich alles sagen ...

Du bist immer so gut zu mir gewesen ... Du wirst mir raten ... Gewiß

wäre das heute nicht passiert, wenn du dagewesen wärst ... gewiß nicht

... Und nie nehme ich mehr einen Vorschuß ... nie! ... Überhaupt will

ich das Geld gar nicht mehr sehn ... Du gibst mir ein Taschengeld wie

früher ... ich brauche ja nichts ... nicht wahr? Ein paar Handschuhe

vielleicht ... Schleier trage ich ja nicht ... und mal was Süßes ...

oder eine Kleinigkeit für Schmerzchen ... so wonnige Babysachen haben

sie hier ...“

Altmann drückte ihren hübschen, dunklen Kopf an sich. Wie ein

ungebärdiges Kind war sie. Wild und zügellos, und im Handumdrehen

wieder gut und lenksam. Er wollte ja auch wirklich nur ihr Bestes -- in

ihrem gemeinsamen Interesse! Sie dachte an ein Röckchen für das Kind,

er dachte an des Kindes Zukunft.

Es war zwei Uhr nachts, als Karla wie gerädert ihr Bett aufsuchte. Ihr

Mann hatte ihr versprochen, über den gestrigen Abend mit Russel zu

sprechen.

„Lieber, guter Ernst“, flüsterte sie und schlief, seine Hand gegen

die Brust gedrückt, ein -- sorglos wie ein Kind, dem man seine Unart

verziehen hat.

* * * * *

John Russel machte nicht viele Worte.

„Ich weiß ... ich weiß ... Sie hat keine Routine für Amerika ... macht

nichts! Die will ich ihr schon geben. Wenn sie in drei Jahren wieder

bei Astrongs singt, wird das anders gehen. Schade, so frisch wird die

Stimme dann nicht mehr sein. ~Well~, es gibt Leute, die das Obst erst

dann essen, wenn es überreif ist.“

„Na, erlauben Sie ... in drei Jahren wird meine Frau nicht ...“

John Russel kniff seine glänzenden Raubvogelaugen zusammen:

„Wissen Sie, was eine Tournee heißt von San Franzisko nach Montevideo?“

Es erging Altmann wie vor wenigen Wochen Karla: der Boden des hellen

Zimmers schien unter ihm zu wanken. Aber er verstand es, sich zu

beherrschen. Schließlich hatte er diesem Manne Gewalt über Karla

gegeben. Daran, eine Tournee einzuteilen, hatte er nicht gedacht.

„Es wird eine ganz interessante Reise für Sie werden, Mister ... Herr

... Altmann. Übrigens hier sind die fünfzig Dollars von gestern abend

... wie ... ich soll sie auf Ihr Konto buchen? ... Es eilt mir nicht

... Sie wünschen es ausdrücklich? ... ~Well~ ...“

[Illustration]

Die Zofe der Nordeni war Pariserin. Ihre Vergangenheit war einfach.

Als kleine „Grisette“ hatte sie tagsüber die großen Hutschachteln

von Reboux ausgetragen und am Abend die lärmenden Vergnügungen der

Künstlerkolonie von Montmartre geteilt. Ihre Sprache hatte sich an den

feingespitzten Dialogen der Kunstjünger geformt. Sie schrieb Kärtchen,

die stilistisch einer Gräfin Beausac zur Ehre gereicht hätten, wenn

auch in der Rechtschreibung einer Wäscherin.

Munter lächelnd packte sie mit ihren zugespitzten feinen Händen

die kostbaren Roben ihrer Gebieterin ein und aus, hütete den mit

Similisteinen untermischten Schmuck, badete, salbte, strählte die

überreifen Reize der Nordeni und wußte bestimmt, daß sie selbst einst

noch weit kostbarere Kleider, noch weit strahlenderen Schmuck ihr eigen

nennen würde.

Diese Gewißheit aber behielt sie für sich. War bescheiden, aufmerksam

und lieh ihrer Herrin außer dem Geschick ihrer Hände auch die

belustigenden Wendungen ihres Geistes und einen sicheren, nie

versagenden Geschmack.

Eines Tages fragte Karla, ob Mariette ihr während der langen Fahrten im

Pullmann-Car französischen Unterricht geben wollte?

Madame Nordeni gestattete es gnädigst. Sie war überhaupt so

liebenswürdig, wie es ihr Bewußtsein, der „Star“ der Gesellschaft zu

sein, nur immer zuließ. Ihre anfängliche Bängnis, Karla könnte ihr als

ernste Konkurrentin an die Seite gesetzt werden, verlor sich nach dem

Konzert bei Astrongs völlig. So beschloß sie, in Karla nicht mehr zu

sehen als eine junge „Aushilfe“, die dann zu singen hatte, wenn sie

selbst müde war, nicht disponiert oder aber John Russel ärgern wollte.

Zu Altmann war sie freundlich.

Altmann, an die unverwickelte Psychologie seiner deutschen

Provinzkolleginnen gewöhnt, war der überlegenen Art der Nordeni nicht

gewachsen.

Bald zeigte er sich beflissen höflich, ja zuvorkommend, bald schroff

und abweisend. Sie schien das erstere nicht zu bemerken, das zweite

mit sanftem Lächeln zu übergehen. Sie sagte gern: „Was macht unsere

Kleine?“ und erteilte Karla öfters gute Ratschläge -- durch ihren Mann.

Die Primadonna · 第 15 / 51 题