Wenn sie aufhörte, fragte er: „Willst du nicht weitersingen?“

Sie hörte die Bitte heraus und lächelte. So ein guter Kerl war der

Alwin -- so ein dummer, guter Kerl!

Ihm zu Liebe sang sie sogar Schubert. Aber dann meinte sie jedesmal:

„Mir ist, als ob ich ein ausgewachsenes Kleid anhätte, wenn ich Lieder

singe.“

~Dr.~ Maurer lächelte ein bißchen traurig. Er hatte jede Kritik

verloren.

„Du singst auch Lieder schön!“

Manchmal träumte er sich an Altmanns Stelle.

Wenn Karla seine Frau wäre! Wenn er jetzt mit ihr so in die weite Welt

hinausfahren dürfte ...! Er stand auf und legte seine Hände auf ihre

Schultern.

„Ihr habt’s gut, ihr zwei!“ ...

Seine weiche, mollige Hand war heiß, und Karla spürte ihr Brennen durch

das Kleid. Sie machte sich frei -- ein bißchen verlegen und gutmütig.

„Komm auch mit, Alwin ...“

Sie dachte sich gar nichts dabei. Aber ihm floß das schwere Blut

langsam aus den Wangen.

„Ja, das wäre was ... mitkommen ... und all den Krempel schießen

lassen!“

„Was redest du für dummes Zeug, Karla“, unterbrach Altmann streng.

Er kannte jetzt seinen Schwager. Der war rasch umnebelt! Hatte ihn, wer

wollte. Der Augenblick war alles bei ihm.

~Dr.~ Maurer mochte wohl dasselbe denken. Und er spürte wieder

den Brodem der Kaffeegemütlichkeit, die ihn eingefangen, den herben

Glanz seines kurzen geistigen Aufstieges, den Rausch, den er vom grünen

Rasen mitgebracht -- alles versunken im trüben Alltag; nichts Helles,

Befreiendes war in seinem Leben mehr. Eine abgearbeitete Frau, zwei

Kinder, die ihm noch wenig Freude machten, eine enge Häuslichkeit und

Stöße von Heften, die er mit Strömen roter Tinte durchzog -- ein Jahr

ums andere.

Es kam vor, was sonst nie geschehen war, daß er, selbst wenn er den

Abend zu Hause verbracht hatte, das Schlafzimmer erst aufsuchte, wenn

Adele fest schlief. Er saß in der Wohnstube und las und rauchte.

Wenn aber Karla gesungen hatte, dann ging er leise in sein Zimmer,

blendete die Lampe ab, damit sie Fritz nicht wecke, der seinen

schweren Jugendschlaf schlief -- und setzte sich an den Schreibtisch.

Er tauchte auch die Feder ein und schrieb. Schrieb eine Seite, die

zweite. Dann strich er alles wieder durch oder zerriß es ... ganz leise

-- in heimlicher, verbissener Wut, die keinen Ausweg wußte. -- --

Am Vorabend der Reise hatte Adele eine von Altmann gestiftete Ananas

zur Bowle aufgesetzt. Die Kinder hatten aufbleiben dürfen, und Karla

lief in einem alten Fähnchen herum, denn die neuen Kleider lagen schon

in den offenen Koffern, und das Reisekleid aus dunklem Braun, mit

hübschen, hellen Lederklappen sollte erst morgen eingeweiht werden.

Schmerzchen schlummerte tief und ahnungslos in ihrem Wagen, die Flasche

im Arm. Adele dachte an ihre Nachtruhe und hatte Karla strengstens

untersagt, das Kind noch einmal herauszunehmen.

„Nein, nein“, versprach Karla und ballte ihr nasses Taschentuch

zusammen.

„Ich tu’ ja nichts ... nur ansehen muß ich es ... ansehen ...“

Luise legte streng mahnend den Arm um sie.

„Man soll Kinder nicht ansehen, wenn sie schlafen ... davon wachen sie

auf. Komm -- sing’ uns was zu guter Letzt.“

„Ich bin gerade in der Stimmung!“

~Dr.~ Maurer blickte auf die Schwestern, die Kinder und schwieg.

Aber Karla sah ihn an in diesem Augenblick -- und er tat ihr leid.

Adele brachte die Bowle, das Dienstmädchen folgte mit einem Berg

kleiner Kuchen, die Luise mitgebracht hatte.

„Ich bin wie zerschlagen“, sagte Adele und fiel aufs Sofa.

„Du Gute ... Liebe.“

Altmann hätte sich in diesem Augenblick für die Schwester vierteilen

lassen. Luise Altmann schenkte die Gläser voll.

„Könnt ihr nicht warten, bis die Großen genommen haben“, herrschte sie

die Kinder an, die ihre Hände verdächtig dem Kuchenteller näherten.

Man stieß an. Alwin Maurer sagte was von froher Reise, glücklicher

Wiederkehr -- von viel Lorbeeren ...

„Und viel Geld“, flickte Adele ein.

Das war doch wirklich der einzig gültige Grund, um übers Wasser zu

gehen. So recht gefallen wollte den Schwestern die Sache überhaupt

nicht. Was konnte inzwischen mit dem Kinde passieren? Und dann

überhaupt -- gab es nicht in Deutschland große Bühnen genug? Wenn

schon durchaus Theater gespielt werden mußte! Und als was begleitete

eigentlich Ernst seine Frau? Er hatte undeutlich gemurmelt: „Ich werde

dem Direktor zur Hand gehen.“

„Also stellvertretender Direktor?“ hatte Luise gefragt.

„Nicht ganz. Mehr gelegentlich ... wenn er meiner gerade bedarf.“

Das Ehrgefühl der Schwestern litt. Und sie fragten nicht mehr. Jetzt

stießen sie mit den Gläsern an und dachten sich ihr Teil. Sie hatten

etwas gegen Karla. Es kam sie bitter an, daß Karla einem gewissen Glanz

entgegenging, während ihr Bruder taten- und ruhmlos im Schatten blieb.

„Na, vertragt euch nur immer“, sagte Luise.

„Und spart“, ergänzte Adele.

Draußen läutete es. Und da es bald halb zehn war, so blickten alle

befremdet auf. Das Mädchen meldete, eine Frau wäre draußen und frage

nach der jungen Frau Altmann.

Karla schlug in die Hände. Pauline -- das war Pauline! Sie zog sie ins

Speisezimmer, wo jetzt nur eine kleine Lampe brannte. Pauline brachte

was Selbstgebackenes für die erste Reise. Karla umarmte sie.

„Ach, Pauline, wenn ich Schmerzchen bei Ihnen lassen könnte, wenn ....“

Pauline schüttelte kummervoll den Kopf.

„Tja ... nun ist aber doch der Herr Papa so ...“

„Ja ... das ist er -- --“

Aber der Papa hatte Pauline ein kleines Uhrchen zum Anstecken für

Karla mitgegeben. Ein entzückendes kleines Uhrchen, mit einem Bajazzo

in roter Emaille darauf, der auf einer Perlenstange balancierte. Und

auf der Innenseite hatte er eingravieren lassen: „Zur Ausreise meiner

Kleinen ins Leben mit der Bitte, das Gleichgewicht zu behalten.“

So klein waren die Buchstaben, daß Karla sie kaum entziffern konnte.

„Der Herr Papa hat Augen wie ein Adler; hat gleich bemerkt, daß ein

Komma fehlt.“

Pauline sagte das mit einem gewissen Stolz.

Nun führte Karla sie an Schmerzchens Wagen. Es gab wieder ein paar

Tränen, heiße Bitten und feierliche Versprechungen.

„Kommst du nicht, Karla?“ rief Luise.

„Ja ... ja ... gleich!“

Sie hätte Pauline zu gerne ein Glas Bowle angeboten, aber nun waren

doch die Schwägerinnen so komisch ...

„Ich schreibe Ihnen, Pauline. Meine erste Karte aus Amerika, die

kriegen Sie ...“

„Laß sehen“, sagte Adele, als Karla mit dem hoch in der Hand blinkendem

Uhrchen wieder eintrat. „Sehr hübsch. Dein Papa scheint viel Geld zu

verdienen.“

„Ich hoffe doch“, entgegnete Karla spitz.

Die Kinder wollten nun auch die Uhr sehen. Sie schrien und lachten.

Altmann mußte sehr laut sprechen, um sich verständlich zu machen.

„Wie? Was ...? Ich verstehe nicht ... Kinder seid doch ruhig ....“

Alwin Maurer stand auf. Sollte das der letzte Abend sein? Würde er an

diesen Höllenlärm denken müssen, wenn er sich Karlas Bild zurückrief?

„Wollen wir nicht doch noch etwas Musik machen?“

Es klang fast bittend.

„Ja .. das ist recht ... ich will Luise inzwischen Karlas Sachen

zeigen, die heute noch gekommen sind ....“

„Ich geh’ mit ....“

Vicki schoß als erste durch die Tür. Die Schwestern folgten. Fritz

lümmelte sich am Ofen herum.

„Na -- und du ... in die Klappe, was?“ ...

„Nöö ... ich bleibe noch.“

Fritz blieb immer, solange es noch etwas auf den Schüsseln gab.

Karla sang -- jubelnd und tief ergreifend. So war ihr Abschiednehmen.

Sie stand auf der Schwelle eines neuen Lebens, und die Bängnis, der

sie sich in manchen Stunden nicht erwehren konnte, gab ihrer Stimme

manchmal eine wehe, zarte Süßigkeit.

Als sie endete, kreuzte sie die Hände unter dem Kinn und atmete tief

auf.

„Danke, Karla ... von ganzem Herzen danke ich dir ....“

Alwin Maurer schüttelte immer wieder ihre Hand -- so krampfhaft, daß

sie bald aufgeschrien hätte. Aber das Lächeln blieb wie eingefroren um

ihre Lippen. Wie furchtbar mußte das für den guten Alwin sein, daß er

ihre Stimme so lange nicht mehr hören würde ... so sehr lange nicht

...! Sie hätte weinen mögen um ihn ... fast so sehr wie um Schmerzchen.

~Dr.~ Maurer schluckte ein paarmal hintereinander. Die Schüler

kannten das an ihm, wenn ihn etwas stark erregte. Schluckte, ließ

Karlas Hand los und trat zurück. Dabei stolperte er über Fritzens

vorgestreckte, unförmige Füße.

„Zum Donnerwetter, Bengel ... paß doch auf ...“

Er brach ab.

Fritz blickte mit glänzenden, starren Augen auf Karla. Als wollte er

sie verschlingen, und doch ehrfürchtig, wie auf ein Wunder.

„Na, was ist los, Junge ... was ist los?“

„Wie die singt ...“

Es klang lächerlich häßlich, wie das so hervorgestoßen wurde in der

knabenhaft plumpen Art und mit der zum ersten Male mutierenden Stimme.

Aber Karla lachte nicht. Und ~Dr.~ Maurer sagte -- weicher, als er

sonst zu Fritz sprach:

„Mach’ Schluß, Junge. Was Besseres kommt nicht nach.“

Die Primadonna · 第 14 / 51 题