„Was, Gehalt? Den ersten Monat hat er mir’s gezahlt. Den zweiten
hab’ ich ihn erinnert, den dritten auch noch. Den vierten hab’ ich’s
gelassen.“
Karla sah sie groß an.
„Na ja ...! Rausschmeißen wird er mich nicht, und solange ich da bin,
habe ich, was ich brauche.“
Karla dachte, daß es nun doch so war, wie sie es das erstemal vermutet
hatte. Die hatte sich ins warme Nest gesetzt und wartete auf Papas Tod.
Dann trat sie die Erbschaft an, wie das so üblich war. Was an Geld
da war, hatte sie von Hand zu Hand bekommen und die Einrichtung als
Andenken! So pflegten sich solche Weiber schadlos zu halten ...
Sie hatte nicht mehr viel über Papa gesprochen mit ihrem Manne seit
jenem ersten Besuch. Sie wußte ganz genau, wie er dachte -- ganz
genau. Und „seinen Leuten“ gegenüber hatte er den Papa auch nicht
erwähnt. Kein einziges Mal! Das hatte schon seinen Grund. Und wenn
er erfuhr, daß sie sich mit der Person an einen Tisch gesetzt und in
Papas Abwesenheit mit ihr gegessen hatte, dann ... ja, die Redensarten
kannte sie: ihr fehlten Würde, Takt, Anstand. Und wenn sie früher in
solchen Fällen die „Gemütlichkeit“ als Entschuldigung angeführt hatte,
dann hieß es: Ungebildete Leute sind immer „gemütlich“, wenn sie was
zu kauen und zu schlucken haben! Mit der „Gemütlichkeit“, da rutschte
man, ehe man sich’s versah, viele Stufen der gesellschaftlichen Leiter
herunter, und noch tiefer -- bis es recht sumpfig und glitschrig wurde!
„Sie wollen schon gehn, junge Frau?“
„Ja ... ich muß. Es wird spät.“
Karlas Ton war gezwungen. Pauline tat, als merkte sie es nicht.
„Ich bringe Sie bis nach Hause.“
„Nein ...“
„Nanu ... warum denn nicht?“
„Nein ... ich will nicht.“
Karla wollte nicht, daß die Wirtschafterin von Papa sah, wie sie
hauste. Das war nicht gerade nötig. Da gab es mitleidige Worte für sie
oder unfreundliche über Papa. Wenn sie den Papa jetzt auch in einem
anderen Lichte erblickte als früher -- es tat ihr doch weh. Alles
brauchte diese Pauline ihr nicht zu entreißen, was sie an Gefühlen in
sich barg.
Pauline warf die Lippen auf, nach Art einfacher verletzter Menschen.
Stumm suchte sie Karlas Sachen zusammen, den Hut, den Umhang, die
Handschuhe.
„Haben Sie denn jemand Verwandtes in der Nähe? ... Wenn was passieren
sollte? ...“ fragte sie endlich schroff.
„Wieso passieren? ...“
Karla wurde sehr blaß, und im selben Augenblick krampfte sich ihre Hand
um die Stuhllehne. Sie versuchte zu lächeln, aber ihre Oberlippe wurde
wie von einem Krampf heraufgezogen, klebte plötzlich dünn und dürr an
den Zähnen:
„... Aber mir ist doch ganz ... gut ... ganz ... gut ...“
Ein Frostschauer durchrüttelte ihre Gestalt; ihre Augen weiteten sich.
Das Surren der Gasflammen verstärkte sich in ihrem Gehör zu einem
betäubenden, herzbeklemmenden Getöse.
„Gut ... sehr gut ...“
Sie formte die Worte, ohne recht zu wissen, was sie sprach. Nur das
Entsetzen starrte, keine Deutung zulassend, aus ihren runden, weit
aufgerissenen Augen.
„Warten Sie ... ich hole nur mein Tuch. Unten stehen Wagen ... ich
fahre mit ...“
Karla nickte. Sprechen konnte sie nicht -- vor Grauen. Wenn das Kind
jetzt kam -- schon jetzt -- dann ... Lieber guter Gott ... nur leben
sollte es ... nur leben! ... Wenn alles umsonst gewesen war, wenn ...
Sie wollte in die Knie sinken, die Hände bittend emporheben. Ihr Körper
gehorchte ihr nicht. Weder die Arme, noch die Knie. Ihre Hände lagen
noch immer auf der Stuhllehne, ihr Körper krümmte sich. Von der Wand
blickten zierliche Ballerinen auf sie herab, mit eingefrorenem Lächeln
und gerundeten Armen, schöne Schauspielerköpfe mit dem Ausdruck kühner
Welteroberer, ein Bild der Mutter als „Schöne Helena“, massiv und
üppig, ganz unkenntlich und fremd unter der blonden Perücke. Aber es
war das einzige Bild von ihr, das sich erhalten hatte.
„Mutter,“ stöhnte Karla, „... Mutter ...“
Als wäre sie noch ein kleines Mädchen, das sich eine Beule geschlagen
und nun nach ihr schrie. Als hätte sie nicht einen Mann, der sie
liebte und sich um sie sorgte, als hätte sie nicht eine Schwägerin,
deren Tagesinhalt die Vorbereitungen waren zum Empfang ihres Kindes,
eine andere, die sich um sie mühte wie eine ältere Schwester ... Sie
wiederholte immer nur: „Mutter! Mutter!“, als läge in diesem einen Wort
alle Hoffnung, aller Frieden, alle Sehnsucht und alle Erfüllung ihres
gemarterten Weibtums.
„Bin schon da ... bin schon da ... Na, was denn, Kindchen ... bis zum
Wagen kommen wir doch noch, wie?“
Pauline Rader, die wußte, was Kindesnot und Angst waren, umfaßte Karla
und führte sie in den Korridor. Die Küchenlampe brannte auf dem Tisch.
Schlüssel klirrten ...
Karla brach zusammen.
„Ich -- kann -- nicht ...“
Nur einen kurzen Augenblick war Pauline Rader unschlüssig. Dann
blitzten ihre hübschen, lustigen Augen auf. Als gälte es, jemandem ein
Schnippchen zu schlagen. So eines, an dem der liebe Herrgott selber
seine Freude hätte und sich darob den weißen Bart vor Lachen hielt.
Und weiter überlegte sie nicht lange. Hatte kräftige Pflegerinnenarme
und wußte Bescheid. Ganz rasch lief sie hinaus auf den Treppenflur,
klingelte an der Wohnungstür drüben und flüsterte dem öffnenden Mädchen
etwas zu. Das Mädchen nickte lachend. Es traf sich gut, die Herrschaft
war nicht zu Hause, da flitzte sie gleich um die Ecke. Die Hebamme war
brav. Ihre „Gnädige“ war sehr zufrieden gewesen, hatte sie „mächtig
beschenkt“. Und dann lachte sie wieder.
Denn es war doch eine lustige Sache, daß wieder so was Kleines,
Zappelndes zur Welt kommen sollte! Und es war Frauenart, zu lachen,
wenn man davon hörte ...
Karla wußte nicht mehr recht, was mit ihr geschah. Das schwere Werk des
Mutterwerdens hatte begonnen.
Nur daß das Bett so wundersam weich und breit war, spürte sie noch,
und daß es gut roch in dem Zimmer: nach Sauberkeit und vielen feinen
Düften, die aus roten Kristallflaschen vom Waschtisch herüberwehten.
Eine lange, bange Nacht wurde es, und Pauline Rader fuhr sich mehr als
einmal mit dem Tuch über das Gesicht, wenn sie an die Verantwortung
dachte, die auf ihr lastete. Von Karla war nichts herauszubringen.
Nicht, wo ihr Mann war, nicht, wo die Verwandten wohnten.
„Ich will nicht ...“
Es war das einzige, was sie immer wieder hervorstieß. Mit all ihren
Kräften, mit all ihrem Wollen half sie der Natur, die hart und
unerbittlich das Schwerste von ihr verlangte. Und in allen ihren
Schmerzen fühlte sie es deutlich, fühlte es beseligend, daß das
+ihr+ Werk war, +ihr+ Schaffen ganz allein.
Eine tiefe, innige Angelegenheit zwischen sich und dem Kinde, dem sie
das Leben abrang. Nur manchmal schrie sie auf, und es war wie ein
Erbarmen heischender Naturlaut: „Mutter -- Mutter!“ Der gleichbleibende
Schrei, der Generationen in Ewigkeit verbindet ...
Und jedesmal, wenn dieser Schrei erklang, beugte sich Pauline Rader
über das erhitzte, schmerzverzogene Gesicht, legte ihre kühle Hand auf
die glühende Stirn und murmelte:
„Ja, Kindchen ... ja ... gleich ist alles gut ... gleich ...“
Als aber die Morgensonne sich durch die Rolläden hereinzwängte mit
spielerischen, neugierigen Strahlen, da rief die weise Frau, halb
lachend, halb entrüstet:
„Was haben Sie mir denn erzählt? ... Ein ganz ausgewachsenes Kindchen
ist es ... Hat sich vielleicht sogar noch ein paar Tage länger geputzt
als nötig, das eitle Ding ... Geben Sie nachher mal gleich die Wage
her, daß wir sehen, was die Prinzessin wiegt.“
Pauline Rader tropften ein paar Tränen in das Wasser, das sie gerade im
Waschzuber hereingebracht hatte.
„Worin wickeln wir es nun ein?“ fragte sie immer wieder und wußte
nicht, wohin mit sich. Sie hatte offenbar ganz den Kopf verloren. Denn
sie stürzte plötzlich zu Papas Schrank und schnitt aus einem seiner
feinsten seidenen Hemden rasch die ersten Hüllen für den roten, kleinen
Körper heraus.
Als dann Karla das Kind an ihre Brust legen durfte und in andächtigem
Schauer fühlte, wie ihr Leben sich abermals in dieses neue, jetzt so
heißgeliebte kleine Wesen ergoß, sagte Pauline Rader:
„Nun müssen wir den Herrn Gemahl benachrichtigen und die Verwandten.“
Aber Karla wandte ihr die dunklen Augen zu, die ganz tief in blauen
Höhlen lagen:
„Noch nicht, bitte ... noch nicht gleich.“
Diese eine geheiligte Stunde mit ihrem Kinde wollte sie für sich haben
-- ganz für sich.
Und Pauline Rader verstand und lehnte sich zurück in den bequemen,
altväterlichen Sessel mit einem leisen, behaglichen Lächeln um den
vollen, hübschen Mund.
Was der Herr Papa wohl sagen würde zu der freundlichen Überraschung?!
So recht geheuer war ihr bei der Vorstellung eigentlich nicht.
Aber weil sie todmüde war, schlief sie ein, ohne daß auch nur das
Lächeln von ihren Lippen geschwunden wäre. Und da war es Karla, als ob
es auf der großen, weiten Welt niemanden mehr gäbe als ihr Kind und
sie selbst. Versunken war alles um sie herum, alles, was vor diesem
Augenblick ihr Leben verschönt, beglückt und bedrängt hatte.
Und nie hatte selbst das lauteste Beifallstosen einer begeisterten
Menge ein so überschwängliches Glücksgefühl in ihr ausgelöst wie die
kaum vernehmbaren Atemzüge des kleinen Wesens, dem sie das Leben
gegeben.
[Illustration]
Es gab viel Wirrwarr und Aufregungen in den nächsten Tagen, die sich
noch steigerten, als der Papa ankam.
Pauline wußte nicht, mit welchem Zuge er kommen würde, und konnte ihn
nicht abholen. Ihn schriftlich vorzubereiten, hatte sie nicht den Mut
gefunden. Sie war auch keine geübte Briefschreiberin. So kam es, daß
er plötzlich einem Kinderwagen gegenüberstand und in der höchsten Lage
eines Tenors loszeterte: „Pauline! Pauline! ....“
Er schnupperte mit der Nase herum. Pfui Teufel, wonach roch denn das?
Dunkle, längst vergessene Bilder aus seinem ersten Ehejahr standen ganz
plötzlich vor ihm. Abscheulich war das alles gewesen. So unbequem, so
häßlich ...
Pauline nahm ihm den Mantel ab, schnurrte alles Vorgefallene herunter,
fast in einem Satz. Er griff sich an den Kopf, stampfte mit dem Fuß auf.
„Sie haben den Verstand verloren! Sie sind verrückt ... Sie können am
Ersten gehn ... Was bilden Sie sich denn eigentlich ein? Gehört die
Wohnung Ihnen, ja? Wie kommen Sie dazu ...?!“
Die Tür ging auf. Eine Dame trat ein.
„Was ist denn das für ein Lärm hier ... ach so ... wohl Karlas Vater?
... Mein Name ist Frau Doktor Maurer. Ich bin die Schwester von ihrem
Schwiegersohn.“
„Sehr angenehm ... sehr ...“
Aber das Weitere blieb ihm im Halse stecken. Sehr gemütlich sah sie
nicht aus, die gute Frau. Daß sein Mädel gerade in so eine Familie
hineingeraten mußte! ...
Adele glaubte, nicht viel Umstände machen zu müssen mit einem
ehemaligen Ballettänzer. Nette Familie übrigens, aus der Karla stammte!
...
„Ich bedaure sehr, daß Karla gerade hier niederkommen mußte. Sie hat
das natürlich nur ihrer eigenen Unvorsichtigkeit zuzuschreiben und
ihrer Heimlichkeit. Aber nun ist sie müde, und ich hoffe, Herr ... Herr
...“
„König ... Adalbert König.“
„Also ich hoffe, Herr König, daß Sie sich jetzt in das Unvermeidliche
fügen und daß Karla in Ruhe hier ihre Genesung abwarten kann.“
„Ja ... ja gewiß ... versteht sich ...“
Der Papa verneigte sich ein paarmal kurz hintereinander, aber seine
kleine weiße Hand rückte immer auf der Brust hin und her, als suche er
das Jabot, an dem er mit spitzen Fingern zwirbeln und zerren könnte.
Pauline stützte ihn leise unter dem Ellbogen.
„Wollen Sie ’rein, Herr König? Gerade ist die junge Frau aufgewacht.“
Der Papa überlegte blitzschnell, daß es sich wohl so gehöre,
hineinzugehen. „Sie gestatten, Frau Doktor ...“
Nun mußte er in seiner eigenen Wohnung noch um Erlaubnis bitten, sein
Schlafzimmer zu betreten.
„Na, Kleine, was machst du für Geschichten ... was sind das für Sachen
...“
Karla legte den Finger gegen die Lippen:
„Still, Papa ... ich glaube, sie schläft ein.“
„Aha ... sie ... ein kleines Mädchen! ... Na, das geht ja noch.“
Der Papa hatte entschieden eine Vorliebe für das schöne Geschlecht --
auch wenn es noch in den Windeln lag.
„Hast dir’s ja recht bequem bei mir gemacht ...“
Es sollte ein Scherz sein. Aber seine helle, krähende Stimme drückte
doch nur Ärger aus.
„Ta ta ta ... nur kein Drama. Was geschehen ist, ist geschehen.
Zurückschicken können wir das kleine Fräulein nicht ... Bis auf
weiteres ... natürlich ... tja ... Also ... Na, geht’s gut, Kleine?
Alles in Ordnung? Wann kommt dein Mann?“
Altmann blieb noch eine Woche in Liegnitz. Erst hatte er telegraphiert,
man sollte sein Kommen gleich erwarten, aber Adele hatte gemeint:
„Meine Schwägerin Adele -- du kennst sie ja schon, Papa ...“
„Ach so, die Dame draußen? Ja ... eine energische Dame. Die hat also
gesagt, dein Mann brauchte nicht zu kommen, wie? Na ja ... sehr
vernünftig. Kinderkriegen und ... tja ... also das ist ja wirklich
Weiberangelegenheit. Ein Mann stört da nur ... ja, ja ... er stört
positiv ...“
Er sah sich im Zimmer um.
Na, das sah schön aus!
Auf den Stuhllehnen hingen Windeln, auf dem Tisch vor dem Ruhebett
stand ein großes Teebrett mit allerlei Kännchen und Schälchen darauf.
Es roch nach Fencheltee und Lysol; in der Luft schwammen kleine
Watteflöckchen.
„Ich bin so glücklich, Papa! Es ist so wundervoll ...“
„So ... tja ...“
Mit spitzen Fingern entfernte er ein Wattebäuschchen von seinem
Rockärmel.
Kurios war das mit den Weibern! Nie waren sie so glücklich wie in so
einem Kleinkinderzimmer, zwischen Fenchel, Gummipropfen und nassen
Windeln.
Aber nun wußte er wahrhaftig nicht mehr, was er noch sagen sollte.
Ihm spukte auch noch das letzte Spiel vom Leipziger Turnier im Kopfe
herum: eine italienische Partie, die mit einem Remis geendet hatte.
Herr von Scheve hatte entschieden keinen guten Tag gehabt, daß er seine
Bauern in so üble Lage gebracht. Er wollte die Partie mal nachspielen.
Aufgeschrieben hatte er sie ja ...
Adele kam herein, mit einem Teller Suppe. Der Papa machte sich noch
schmäler, als er war, und glitt an ihr vorbei durch die Tür.
Auf dem Schachtisch lag ein Haufen Jäckchen, Windeln und Hemdchen, die
Adele aus der Culmstraße mitgebracht hatte. Der Papa wurde ordentlich
blaß.
„Pauline! ... Pauline! ...“
„Ja, Herr König.“
Wie breit und unverschämt diese Pauline vor ihm stand! Er kannte sich
nicht mehr vor Zorn. Er krähte:
„Packen! Ich zieh’ ins Hotel!!“
„Das wird wohl auch das beste sein, Herr König. Das wollte ich Ihnen
schon vorschlagen. Nur vergessen Sie nicht, daß von morgen elf Uhr ab
die Schüler wiederkommen.“
„Weiß schon ... brauchen Sie mir nicht zu sagen!“
Er kreuzte wütend die Hände hinter dem Rücken und sah mit finsteren
Augen zu, wie Pauline die Wäsche vom Schachtisch räumte. Nun wurde er
wieder krebsrot im Gesicht.
„Die Schüler können sich zum Kuckuck scheren! Der verdammte
Klavierspieler weckt mir noch die Gesellschaft auf, und dann fängt das
Kindergeplärre an -- ich danke!“
„Schön. Ich werde ihnen sagen, sie sollen nächste Woche kommen.“
Sie unterdrückte kaum noch das Lächeln und ging den Koffer holen ...
Am Abend kamen schöne dunkle Rosen mit einem kleinen Briefchen: „Mein
liebes Kind! Laß es Dir recht gut gehn. Ich muß leider wieder verreisen
-- aber Pauline hat ja meine Instruktionen. Empfehlung an Deine Frau
Schwägerin. Dein Dich zärtlich liebender Papa.“
Karla lächelte und seufzte auf. Jetzt kannte sie den Papa ... so
gut kannte sie ihn! ... Aber es war kaum Raum in ihrem Herzen für
Traurigkeit. Sie wünschte, die stillen Tage in dem weichen Bett, mit
den gütig dreinschauenden Frauen, mit dem weichen Geflüster, dem
sanften, traumhaften Dahindämmern könnten sich noch lange, lange
hinziehen. So stark war die Liebe in ihr zu dem kleinen Wesen an
ihrer Seite, daß diese Liebe auf jeden Menschen überströmte, der sich
in diesen Tagen ihrem Lager näherte. Sie liebte Pauline, die ihr so
warmherzig und mütterlich beigestanden, sie liebte Adele, die mit
so geübten Händen ihr kleines Mädchen aufhob, herumtrug und anzog,
sie liebte Luise, die ihr Obst brachte und deren strenge Augen milde
wurden, wenn sie das Kind betrachteten, sie liebte Alwin Maurer, der
eines Tages, ein bißchen verlegen, in der Tür erschien und nicht recht
wußte, ob Adele ihm den Eintritt gestatten würde. Aber von weitem
schwenkte er ein paar Blumen und warf sie Karla aufs Bett.
„Fang!“
Wie gut sie alle waren!
Karla war noch so schwach, daß sie manchmal vor Rührung eine Träne
zerdrückte. Und aus solch einer Stimmung heraus schrieb sie Altmann
ihren ersten Brief, mit Bleistift und kaum recht leserlich. Aber er
schloß mit den Worten „... nein -- nie ... nie vergesse ich, wie
lieb Adele, Luise und auch Alwin zu mir sind. Du hast mir manchmal
vorgeworfen, daß ich kein Verständnis hätte für Familie. Jetzt habe ich
es. Und es ist wundervoll, Familie zu haben. So viele Menschen um sich
zu besitzen, die das Wesen, das man am tiefsten liebt, mit liebenden
Augen betrachten. Meine Freuden sind ihre Freuden, meine Angst die
ihre. Warum konnte Deine Mutter das nicht auch miterleben? Und die
meine? Sie beide wären Freundinnen geworden in diesem Augenblick,
auch wenn sie sich vorher nicht verstanden hätten. Es ist gut, mein
geliebter Ernst, daß Du in diesen Tagen nicht hier warst -- ich glaube,
Du wärest eifersüchtig geworden auf unser liebes kleines Mädel. Denn
Du hättest wohl kaum begreifen können, daß eine Mutter so närrisch
verliebt und so ausschließlich vertieft ist in ihr Kind wie ich. Weißt
Du noch, liebster Ernst, wie ich mit dem Kätzchen spielte und Du so
böse wurdest? Damals schon war ich Mutter, ohne es zu wissen -- und
weil ich es wohl nicht abwarten konnte, daß ich mein Kind im Arme
hielt, nahm ich das kleine Tierchen an mich. Warum warst Du so böse
und hast sein Körbchen so weit weggestoßen? Ich werde traurig, wenn
ich daran denke. Unser Kindchen wirst Du doch lieben? Das mußt Du mir
versprechen. Wie danke ich Dir, daß Du es mir gegeben! Wie liebe ich
Dich! Nie werde ich aufhören, Dich zu lieben! Deine Karla.“
Altmann erhielt den Brief nach der Vorstellung. Er war müde und ohne
Spannkraft. Denn er hatte in diesen sechs Wochen zehn neue Rollen
lernen müssen und war das überhetzte Sommertempo kleiner Provinzbühnen
nicht mehr gewöhnt.
Nachdem er sein bescheidenes Abendbrot bestellt hatte, öffnete er den
Brief. Er fand sich aus der Bedrücktheit seines persönlichen Lebens
nicht gleich in die tönenden Schwingungen von Karlas Seelenleben
hinein. Sie waren ihm auch neu an ihr. Und so berührte ihn der in einer
ekstatischen Stimmung geschriebene Brief eher frostig und abkühlend.
Als wäre es nicht Karla, die ihm schrieb, sondern ein romanhaftes
fremdes Wesen. Das kam wohl von der Trennung. Jedenfalls waren solche
Exaltationen gefährlich und ließen sich nicht mit dem Weg vereinen, den
er ihr vorzeichnete.
Ohne Einschränkung freute ihn nur die Anerkennung „seiner Leute“.
Die Erinnerung an die Episode mit der Katze weckte eine peinliche
Empfindung in ihm. Jedenfalls war Karla ein bißchen überspannt, und es
war gut, sie daran zu erinnern, daß es für sie außer und vielleicht
sogar vor dem Kinde -- noch einen Beruf gab. Als er sich aber Tinte und
Feder reichen ließ und in diesem Sinne schreiben wollte ... da fielen
ihm die richtigen Worte nicht ein. Es klang wohl auch brieflich alles
so hart und lieblos ... Ihm lag jetzt ja doch nur eine Frage am Herzen:
War ihr die Stimme wiedergekommen? Ehe er das nicht wußte -- wußte er
auch nicht, wie er ihr schreiben sollte ... Durfte er sie in ihrem
Muttertraum weiter wiegen, oder ...
Es war wirklich alles sehr schwer, und er war zum ersten Male befangen.
Ganz rasch schrieb er darum nur:
„Ich sehne mich nach meiner lieben, tapferen kleinen Frau und freue
mich, unser Kind zu sehen. Schone und pflege Dich. Werde gesund und
kräftig. In acht Tagen bin ich wieder bei Dir. Ich zähle die Stunden.
Dein Ernst.“
Diese wenigen Zeilen waren ihm unendlich schwer geworden, denn er
fühlte, daß sie Karla alles schuldig blieben ...
Er sah sie im Hause seiner Schwester wieder.
Sie kam ihm entgegen in einem hellblauen Schlafrock, den er noch
nicht an ihr kannte. Sie hatte ihr reiches dunkles Haar in zwei Zöpfe
geflochten, die flach um ihren runden, hübschen Kopf lagen. Sie war
noch ein wenig blaß und spitz und hatte ein ihm fremdes, wehes Lächeln
um den Mund.
Schluchzend warf sie sich ihm an die Brust.
„Ernst! Lieber guter Ernst!! ...“
Sie küßte ihn, drückte seine Hände, sah ihm immer wieder in das
ebenfalls abgemagerte Gesicht.
„Nun bist du da. Nun ist alles gut ... nun bleiben wir zusammen!“
Er war so bewegt, daß er ihr kaum antworten konnte, daß er kaum nach
dem Kinde zu fragen wagte. Aber da kam auch schon Adele und brachte es
an -- in einem Steckkissen mit rosa Schleifen. Das Spitzenhäubchen,
zu groß für den kahlen kleinen Kopf, war bis über die winzige Nase
gerutscht.
Karla drehte sich um.
„+Du+ bringst es ... du? Ich wollte ...“
Aber Adele merkte gar nicht, wie enttäuscht, ja wie verletzt Karla
war. Das Kind war eine Familienangelegenheit. Adele zweifelte keinen
Augenblick an ihrem guten Recht, es als erste dem Bruder zu bringen.
Sie begrüßte ihn nur durch Kopfnicken. Sie waren ja auch beide nicht
wichtig. Aber das Kind -- -- --
Altmann nahm das Paket behutsam auf. Er kam sich höchst ungeschickt und
lächerlich vor dabei; aber er sagte:
„Gut sieht es aus ... wirklich sehr gut.“
Dann gab er es schleunigst in die ihm zunächst ausgestreckten Arme.
Zufällig waren es die von Karla.
Das Kind fing an zu quäken. Karla wendete sich ab, setzte sich und
legte es an.
„Wie ... Du stillst selbst ...?!“
Karlas Augen leuchteten.
„Na und ob!“
„Sie ist sehr brav“, sagte Adele, als spräche sie von einer
leistungsfähigen Amme.
Altmann murmelte:
„Ja, das geht aber doch nicht ... das ist unmöglich.“
Adelens Antwort wurde durch das Eintreten von Luise abgeschnitten.
Gleich darauf kamen die Kinder und ~Dr.~ Maurer.
„Na, bist du fertig, Karla ... wir können Abendbrot essen ... Nein,
Karla, kein Geschaukel, bitte. Vicki, roll’ den Wagen ’ran. So.
Reingelegt und nun ’raus ... Nein, Karla, ich verbitte mir ganz
entschieden, daß du dem Kinde schlechte Gewohnheiten gibst. Sonst lehne
ich jede Verantwortung ab! Hörst du? Jede!“
Karla gab dem Wagen einen kleinen Stoß.
„Bitte. Ihr wißt das ja alle besser.“
Manchmal wünschte sie, sie wäre eine Wilde, die ihr Kind im Busch zur
Welt gebracht hätte. Da würde nur sie zu bestimmen haben und dürfte mit
dem Kinde tun, was sie wollte, dürfte es in ihr Tuch packen und auf dem
Buckel tragen, bis es groß war und selber lief ... Gut hatten es diese
Mütter ... und gut die Kinder!
Man setzte sich zu Tisch. Adele hatte für einen Heringssalat gesorgt,
den Altmann gerne aß. Karla bekam eine dicke Mehlsuppe.
Altmann entfaltete sein Mundtuch.
„Wie bin ich euch dankbar, daß ihr euch Karlas so angenommen habt. Dir
vor allem Adele ...“
„Na ... aber ... das ist doch selbstverständlich.“
Altmann schüttelte ihr über den Tisch hinweg die Hand.
„Weißt du, was du für eine Prachtfrau hast, Alwin?“
Es klang scherzend und doch bewegt.
Alwin schenkte sich ein Glas Bier ein. Aber über sein Glas hinweg flog
sein Blick unbewußt dahin, wo Karla saß. Und beide sahen einander an.
Dann zerdrückte Karla ein Mehlklümpchen auf dem Grunde ihres Tellers,
und ~Dr.~ Maurer sagte:
„Ja ... wir wissen schon, was wir an ihr haben.“
Es war sehr, sehr viel, und es war unendlich wenig!
~Dr.~ Maurer war dafür, daß man eine Flasche Wein trank. Seit er die
Weinkneipen mied, hielt er immer auf einen Vorrat von ein paar Flaschen.
Adele war gern bereit. Das Lob des Bruders, wenn sie ihn auch nicht
immer für voll nahm, hatte sie doch liebenswürdig gestimmt, und dann
hatte Luise eine Apfeltorte mitgebracht. Das heißt, vier Stücke waren
schon herausgeschnitten und zum Mittag von der englischen Familie
verspeist worden. Den großen Rest aber hatte die Dame der netten Miß
Luise aufgedrängt, als sie hörte, daß der Schauspieler-Bruder aus der
Provinz zurückgekommen sei.
Es kam öfters vor, daß Luise dies oder jenes von der reichen Tafel für
„ihre Leute“ mitbekam, meist sehr gute und oft sogar teure Sachen.
~Dr.~ Maurer schmeckten solche Abfälle bitter. Aber seine ursprünglich
laue Ablehnung war von den Schwestern kategorisch als völlig
ungerechtfertigt niedergeschrien worden. Warum sollte man nicht
annehmen, was so freundlich geboten war? Hatten sie es denn so
reichlich in der Culmstraße? Die Kinder wollten auch mal was Gutes
essen! Die Kinder wollten sehr! Und wenn sie im voraus wußten, daß bei
Stowns ein Diner stattfand, so verlangten sie, wie einen schuldigen
Tribut, daß Tante Luise ihnen allerlei mitbrachte. Adele aber sparte an
diesen Tagen die Nachspeise und baute von den mitgebrachten Überresten
ein leckeres Dessert auf.
So trank man eine Zeltinger -- besseren Jahrgang -- aß dazu die
Stownsche Apfeltorte, ließ das Kind leben, erörterte die Frage, wann
die Taufe stattzufinden hätte und welchen Namen man ihm geben könnte.
„Das weiß ich nicht. Das müßt ihr ausmachen“, sagte Altmann.
~Dr.~ Maurer lachte vor sich hin.
„Lieber Ernst -- bei uns hat man mindestens ein halbes Jahr nach
Namen gesucht! Und was kam schließlich heraus? Vicki und Fritz.
Hochoriginell, was?“
Karla verspeiste ihr zweites Stück Torte und schwieg. Mochten sie ihr
Kind doch nennen, wie sie wollten. Für sie hieß und würde es immer nur
einen Namen haben: „Schmerzchen“. So hatte sie es im Übermaß ihres
allerersten Mutterglücks genannt, in der ersten Ekstase, der selbst
heftigstes Leiden zu tiefster Lust wird.
„Ja, Karla -- wie fändest du Elsa?“ fragte Altmann. „In Erinnerung an
deinen größten Erfolg bisher?“
„Hm ... hm ...“
Karla nickte. Sie war einverstanden. Elsa Altmann. Klang hübsch.
Freilich die zwei a’s ...
„Oder Isolde?“ schlug Luise vor, die Wagner nicht so ganz ablehnte.
Denn es war Mode geworden, die Kinder nach den Wagnerschen Opernfiguren
zu nennen.
„Ich schlage vor: Senta“, meinte ~Dr.~ Maurer.
Aber er wurde der a’s wegen überstimmt, und es blieb bei Isolde.
Abermals klangen die Gläser aneinander. Karla, die den Mund voll Kuchen
hatte, verschluckte sich. Mehr vor verhaltenem Lachen als vom Trinken.
Sie lief aus dem Zimmer, in Adelens Schlafstube, wo der Wagen stand,
riß das schlafende Kind in die Arme, drückte es an ihre Brust und
schrie, während sie sich vor Lachen bog:
„Weißt du, wie sie dich genannt haben, mein Schmerzchen? Isolde! Du
merk’ dir’s, Schmerzchen, geliebtes -- Isolde sollst du heißen!“
Das Kind brüllte wie am Spieß, während sie es unter Lachen küßte, immer
wieder hochwarf und wieder auffing.
„Aber schrei doch nicht, Schmerzchen ... sei doch still ... du ...“
Das ganze Eßzimmer kam angelaufen. Adele riß Karla das strampelnde und
schreiende Kind aus den Händen.
„Aber Karla! ... Was machst du denn? ... Ruhig, Isoldchen ... ruhig ...
Tssss ...“
Karla hielt sich die Ohren zu. Isoldchen! ... Ihr Lachen wurde
krampfhaft.
„Na na ... Kindchen ...“, sagte Altmann und drückte ihr Gesicht an
sich. „Du bist ja noch sehr erregt ...“
Luise schüttelte vorwurfsvoll den Kopf:
„Geht lieber ins Eßzimmer ... wir werden Isoldchen schon beruhigen.“
„Ja, Karla, komm ... sei vernünftig. Adele versteht das besser als du.“
~Dr.~ Maurer leerte sein Glas.
„Isold-chen!“
Und er machte eine Bewegung mit dem dritten und dem Zeigefinger und
spreizte die Hand in der Luft, als schnitte er etwas durch.
Fritz und Vicki hatten sich über die Kuchenreste hergemacht und aus den
Gläsern genascht.
„Marsch ins Bett!“ donnerte er sie an.
Es war ihm heute mal wieder sehr eng in der einst so geliebten und
begehrten Wohnung.
Karla ging ins Vorzimmer und schlüpfte in ihren alten langen
Regenmantel, der den Schlafrock völlig deckte, setzte den Hut auf und
kam zu den Herren zurück.
„Wenn Schmerzchen wieder schläft, wollen wir den Wagen heruntertragen
und nach Hause gehen“, sagte sie mit blanker Stimme.
„Wenn wer schläft ... was? ...“
Altmann sah sich erstaunt um.
~Dr.~ Maurer lachte gallig.
„Du hörst doch: Schmerzchen! Fräulein Isolde Altmann. Nun mach’ was!“
Altmann lächelte nachsichtig. Mochte Karla ihr Kind nennen, wie sie
wollte. Über kleine Mutternarreteien mußte man hinwegsehen.
Die Damen kamen wieder herein.
„Wie denn, Karla, schon angezogen?“
„Sowie Schmerzchen fest schläft, wollen wir nach Hause. Nicht wahr,
Ernst?“
Altmann nickte, ein wenig verlegen wegen Karlas Ton.
„Sag’ doch nicht immer Schmerzchen“, rügte Adele.
Altmann hatte sich so gefreut auf das Wiedersehen. Aber so ganz
gemütlich war es nicht. Und er konnte es auch nicht übersehen, daß
Adele sehr abgearbeitet aussah und der Schwager nervöser war als sonst.
Er hatte seinen Leuten eben doch zuviel aufgebürdet! ...
[Illustration]
In einem mittelgroßen, kühlen Zimmer, dessen Wände bedeckt waren mit
gerahmten und ungerahmten Künstlerbildern, und dessen ganze Einrichtung
aus einem Pianino mit vergilbten Tasten und einigen Rohrstühlen
bestand, saß Karla.
Sie hatte ihr schwarzseidenes Kleid an, das wieder enger gemacht
worden war, eine moderne hohe Frisur und kleine Stirnlöckchen, die
ihr Gesicht, das sich in diesen letzten Wochen noch ein wenig mehr
zugespitzt hatte, wieder runder erscheinen ließen.
Schmerzchen hatte entwöhnt werden müssen. Das hatte ihr viel
körperliches Unbehagen und Kummer verursacht. Sie war noch nicht ganz
darüber hinweg, daß Schmerzchen wie ein Gegenstand in der Culmstraße
eingestellt wurde, während sie von der Gesangstunde zur Schneiderin
und von der Schneiderin zu Luise Altmann lief, die ihr englischen
Unterricht im Stownschen Hause gab.
Eine große Gesangmeisterin hatte aus Interesse an Karlas ungewöhnlicher
Stimme für ein Honorar von ‚nur‘ zehn Mark für die Unterrichtsstunde
Karlas „letzten Schliff“ übernommen.
„Es lohnt sich, liebes Kind.“
Und Altmann opferte, ohne auch nur ein Wort zu verlieren, seine letzten
Spargroschen für die teuren Stunden und ein paar nette Fähnchen, die
Karla nun endlich mal haben mußte.
Und jetzt war es so weit, daß Karla in dem Klavierzimmer des ersten
Agenten, des Kommissionsrats Fuchs, einem amerikanischen Impresario
vorsingen sollte, der gute Stimmen billig für eine Tournee nach Amerika
zu exportieren pflegte.
Von seinem alten guten „~Dear friend~“ erwartete der Impresario „gute
Ware“, stützte sich dabei auch auf sein eigenes Geschick, einen Namen
„zu machen“ und zu „managen“.
Er war eigentlich ein guter Deutscher, der es aber für notwendig hielt,
im Interesse des Geschäftes den Amerikaner noch zu übertrumpfen. Er
hieß Johann Rössel. Schrieb sich aber „John Russel“. Fuchs kannte ihn
noch, als er Pferdejunge bei einem Jockei in Hoppegarten war. Er hatte
damals ein Rennen geritten und einen kleinen Preis gewonnen, war in die
unterste Schicht einer gewissen Lebewelt geraten, hatte sich in eine
amerikanische Chansonette vergafft und war ihr als ihr „Sekretär“ nach
Chicago gefolgt.
Die Chansonette schrieb zu wenig Briefe, um seine Dienste lange in
Anspruch zu nehmen. Bald trieb er sich stellungs- und herrenlos herum,
lief erfolglos jedem hübschen Gesicht nach und machte die merkwürdige
Entdeckung, daß die kleinsten Hände das meiste Geld raffen. Nach
verschiedenen Abenteuern, die seine Verachtung für das weibliche
Geschlecht noch steigerten, kam er mit ein paar verwegenen Burschen
nach Klondyke, steckte sich einen Clam ab und buddelte Gold. In diesen
fünf Jahren seiner Goldgräberexistenz frischte er seine Erinnerung an
seine erste Liebe dadurch auf, daß er zur Erheiterung seiner Kameraden
und der anderen Goldgräber der umliegenden Clams eine Chansonetten- und
Tänzerinnengesellschaft nach Klondyke kommen ließ.
Der ungehobelte Tisch der Kantine war das erste Podium. Es kam auch
vor, daß das eine oder andere Dämchen als ehrsame Gattin eines
Goldgräbers zurückblieb, wenn John Russel die ganze Gesellschaft
abschob und sich eine neue Truppe von da oder dort verschrieb.
Sein Ruf war in jener Zeit nicht besser und nicht schlechter als der
der meisten goldgrabenden Abenteurer. Daß er auf Diebe Jagd machte wie
auf Hasen und die Burschen nicht zählte, denen seine Revolverkugel das
Lebenslicht ausgeblasen, das nahm ihm weiter keiner übel. Selbsthilfe
war dort alles.
Als er fand, daß die Zahl seiner Goldsäcke einem Vermögen von etwa
zwei Millionen gleichkam, stapelte er sie auf einem langen Tisch auf,
stellte sich hinter ihn mit einem geladenen Revolver in jeder Hand und
ließ eine Aufnahme machen. Nun war er mit Klondyke fertig.
Als gemachter Mann kam er nach Philadelphia und gründete dort ein
Theater. Es machte ihm Spaß, alles, was Namen hatte in Amerika und
Europa, in sein Haus herüberzulotsen. Aber weil er gewalttätig war
und selbst einen Irrtum niemals einsah, fraß ihm das Unternehmen
anderthalb Millionen auf. Ein zweiter Versuch, den er in Klondyke
unternahm, schlug fehl. Die Verhältnisse hatten sich auch mittlerweile
geändert. Meist waren jetzt große Gesellschaften die Ausbeuter, und der
Einzelunternehmer kam schwer auf seine Rechnung.
Gelangweilt trank er seinen Whisky in den prächtigen Varietéhallen,
die an Stelle der einstigen einfachen Kantine die holde Weiblichkeit
bargen. Und eines schönen Tages tauchte er wieder in Europa auf. In
Wien hörte er die Lucca.
Ihre großen, hervorstehenden Augen, in denen etwas nachdenklich
Animalisches lag, taten es ihm an. Er mußte an die Pferde denken, denen
einst seine besten Gefühle gegolten hatten. Er brachte die Lucca nach
Amerika.
Wenn er wenig an ihr verdiente, so lag es eben an dem letzten Rest
deutscher Sentimentalität. Sie war, obwohl schon alternd, die erste und
letzte Frau, die ihn hatte beglücken können durch das Gewähren eines
Handkusses.
Jedenfalls hatte er an ihr gelernt, daß es ein gutes Geschäft war,
deutsche Künstler nach Amerika zu bringen. Für ihn blieb auch die Kunst
Ware, wie einst die Klondyker Tänzerinnen. Aber um sie mit Gewinn
loszuwerden, bedurfte es der Aufmachung. Er engagierte mit Vorliebe
unbekannte Leute. Und wenn ihm etwas Spaß machte, so war es „einen
zu machen“. Noch größeren vielleicht, den von ihm „Gemachten“ fallen
zu lassen, ihn -- wie er sagte -- „in der Versenkung verschwinden zu
lassen“.
Vielleicht war es uneingestandene Angst, daß sein Geschöpf über ihn
hinauswuchs -- ihn meisterte. Vielleicht aber auch nur ein teuflisches
Vergnügen, das er sich manchmal leistete. Wie es ihm als Goldgräber
Vergnügen gemacht hatte, einen armen Lumpen, der nachts ein paar
Körnchen Gold aus seinem Clam stehlen kam, gerade in dem Augenblick
niederzustrecken, wenn er sich schon in Sicherheit gewähnt hatte.
John Russel stand auch dem Leben mit einem geladenen Revolver in
jeder Hand gegenüber. Aber es waren immerhin ein paar Jahrzehnte
seit jenen harten Anfängen und wilden Abenteuern verstrichen. Die
Revolver streckte er heute nicht mehr sichtbar entgegen. Er hatte
polierte Nägel, trug Anzüge vom ersten New-Yorker Schneider und
seidene Unterwäsche. Das Raubtierartige seiner scharfblickenden,
beinahe schwarzen Augen war gemildert durch den silbrigen Glanz seines
kurzgeschnittenen Haares.
Die Frauen blickten sich auf der Straße nach ihm um. Er war eine
ungewöhnliche Erscheinung, und der gute Fuchs renommierte mit ihm. Mit
seiner Erscheinung, seinem Geld und seiner „Anständigkeit“.
Diese Anständigkeit bestand hauptsächlich darin, daß er niemals die
Gagen schuldig blieb und einem Sänger, den er vor Ablauf des Vertrages
rausschmiß, ohne zu zögern das Geld für die ganze Zeit nachwarf. Für
anderes und mehr hatte Fuchs auch gar kein Interesse. Jedenfalls konnte
Altmann sich gratulieren, wenn Karla das Engagement bekam.
„Ich begleite meine Frau selbst“, sagte Altmann und setzte sich ans
Klavier.
John Russel warf kaum einen Blick auf Karla. Er hatte einige Briefe in
der Hand, die er öffnete und aufmerksam las.
„Fangen Sie nur immer an ....“
Er hatte einen stark amerikanischen Dialekt, den er geflissentlich
betonte. Er hielt einen Briefbogen schräg vor seinen Mund und fragte
nicht viel leiser, aber vertraulich, zu Fuchs gewendet:
„Wer ist der da? Ihr Korrepetitor, ihr Geliebter? ...“
„Ihr Mann.“
„Aha! Auch Sänger?“
„Nein -- Schauspieler.“
„~Well.~“
Karla sang. Der Unterricht hatte ihre Stimme veredelt, aber ihr viel
Unbefangenheit genommen. Fuchs hatte sich auf einen Stuhl gesetzt und
den schwarzgeränderten Klemmer auf die Nase gedrückt. Er verstand was;
in seinen kalten Augen flimmerte es auf. Die Kieler Zeitungen hatten
doch nicht übertrieben! Es „war was los“ mit der König. Er schlug mit
dem Handrücken gegen John Russels Arm.
„Sie ....“
John Russel lehnte am Fenster und ließ seine Augen nicht von dem Brief.
„~Yes ... yes ...~“
„Aus der machen wir was, Sie.“
John Russel faltete den Brief zusammen, steckte den ganzen Packen in
die Innentasche seines mit schwerer Seide gefütterten Rockes. Jetzt
warf er einen Blick auf Karla -- kurz und abschätzend.
„Armes Luder, wie?“
Er entsann sich aller deutschen Ausdrücke, wenn er wollte.
Fuchs lachte lautlos.
„Verheiratet ... ~dear friend~.“
Ein hoher Ton, den Karla plötzlich hinausschmetterte, aus Zorn über das
rücksichtslose Geflüster, ließ John Russel nochmals aufblicken. Über
sein gebräuntes, rissiges Gesicht huschte ein Lächeln.
„Bravo ...“
Ihn interessierten nur die hohen Töne. Die brauchte er für die
Amerikaner. Sie schnappten danach wie Hunde nach einem Fleischbissen.
Ihre Musikliebe nährte sich von den höchsten und den tiefsten Tönen
der Sänger. Was dazwischen lag, nahmen sie nur mit in den Kauf. Er
hatte einmal eine Mulattin „gemanagt“, häßlich wie die Nacht, dumm und
unmusikalisch. Sie sang nur zwei Lieder. Aber ihre Stimme erkletterte
die höchsten Geigentöne. Das Publikum raste, und nach drei Jahren hatte
sie sich eine Million erpiepst. Ein Glück; denn in Veracruz holte
sie sich eine Halskrankheit, und die Stimme sank zum normalen Umfang
zurück. Sie war erledigt.
Altmann spielte mit kalten, feuchten Fingern. Er wußte, was Karla
konnte, und wußte, daß sie jetzt aus einer ihrer sprunghaften
Stimmungen heraus „Schindluder trieb“. Wie ein wildes Füllen, so jagte
ihr die Stimme davon. Er hörte zurückgedrängtes krampfhaftes Schluchzen
und Lachen aus ihrer Stimme heraus. Er schlug auf die Tasten, hielt
zurück, soviel er konnte -- sie krampfte ihre Finger in seine
Schulter, trieb ihn an ... Er gab nach. Es war keine Musik mehr, es
war ein Anhäufen von Tönen, die markerschütternd aus der Tiefe einer
zornlodernden, verzweifelten Seele kamen. Mit einem wilden Aufschrei,
mitten im Takt brach sie ab.
Kommissionsrat Fuchs blinzelte unruhig mit den Augen. War sie verrückt
geworden, die König?! Er empfahl sie einem John Russel und sie
schluderte und heulte wie eine Furie. Was war denn das mit ihr?
Karla stand hochatmend, mit roten, heißen Wangen am Klavier. Ihre Hand
bebte noch immer auf Altmanns Schulter. Altmann war grau im Gesicht und
wagte es nicht, sich umzudrehen. Er hätte sie schlagen können -- mit
beiden Fäusten auf sie losgehen mögen. War sie wahnsinnig geworden?
Sie wußte doch, was für sie beide davon abhing! Wußte, daß er bald am
Ende von all seinem Ersparten war! Und was dann? Die Herbstengagements
in Deutschland waren abgeschlossen. Hier krochen sie nicht sobald
unter! Und dann -- +unterkriechen+! Immer wieder unterkriechen! Von
sich wollte er nicht sprechen. Aber Karla war auch schon 24 Jahre alt.
Solange hatte sie der Kieler Schlaukopf gehalten .... Was wurde nun
aus ihnen beiden -- aus dem Kind? Bei Adele sah es knapp genug aus.
Die Kinder wurden größer und kosteten von Tag zu Tag mehr. Adele hatte
schon ein paar Andeutungen gemacht, die brave, treue Seele ... Der
Schweiß perlte in großen Tropfen von Altmanns Schläfen.
„Bravo, bravo ...“, sagte John Russel wieder.
Er hatte wieder dasselbe flüchtige kalte Lächeln.
„Sie sind wie ein Präriepferd ... ~well~, das liebe ich. Sie gefallen
mir.“
Karla schämte sich plötzlich und senkte den Kopf. Sie hätte am liebsten
gerufen: Aber ich singe doch viel besser! und hätte alles wiederholt.
Aber John Russel wendete sich langsam ab.
„Ich will ihr 100 Dollar die Woche geben und freie Reise. Können gleich
abmachen, lieber Freund.“
„Reise für zwei Personen“, murmelte Fuchs und zeigte mit dem Kopfe auf
Altmann.
„Wie ... der auch mit? Sie will immer ihren Mann mit sich schleppen?
... ~God bless me!~“
Der Kommissionsrat zuckte die Achseln.
„Hören Sie mal, lieber Altmann ... ist das unbedingt notwendig --
müssen Sie durchaus mit? Herr Russel möchte nämlich ...“
Jetzt erhob sich auch Altmann. Er hatte seine Haltung wiedergefunden
und fuhr sich mit dem seidenen Taschentuch über das glattrasierte
Gesicht. Er fürchtete, man würde das Zittern seiner Hand bemerken.
„Ich lasse meine Frau unter keinen Umständen allein fahren ... unter
keinen Umständen.“
Er gab seiner Stimme alle Festigkeit, steckte das Tuch in die Tasche
und schlug sie mit der flachen Hand glatt. So kämpfte er in einer Rolle
auf der Bühne die Erregung nieder. Es half auch im Leben.
Karla zog ihren Arm durch den seinen, stellte sich dicht neben ihn, wie
um seine Worte zu bekräftigen. Das war sie ihm schuldig. Sie nickte
sogar. Aber ihre Augen blitzten. Sie hatte die Gage überrechnet. Es
machte mehr als sechzehnhundert Mark im Monat. Sie hätte John Russel
am liebsten umarmt. Ihrem alten Direktor wollte sie das gleich mal
schreiben -- aber gleich! Und Adele ... tja, meine Liebe -- so verdiene
ich -- Karla König ... jawohl!
Doch sie hielt sich bescheiden zurück, ängstlich nur, daß alles an
der Forderung ihres Mannes scheitern könnte. Aber schließlich -- puah
-- bei soviel Geld .... Man konnte ja gottlob selbst alles bezahlen!
Lächerlich!
Altmann fuhr fort: „Sie haben vielleicht einen Posten für mich
.... Meine Ansprüche sind gering. Es ist nur, daß ich dort eine
Beschäftigung habe“ ...
John Russel zuckte die Achseln:
„Lieber Herr -- Beschäftigung! Das ist teurer als Geld. Suchen Sie
sich welche. Wenn mein Kassierer durchgeht, können Sie an seine Stelle
kommen“ ...
Er lächelte wieder, diesmal geringschätzig. Er hatte nie im Leben um
„Beschäftigung“ gebeten. Genommen hatte er sich, was sich gerade fand.
Er war nicht dazu da, die Männer seiner Sängerinnen zu beschäftigen.
„Die Reisen will ich Ihnen meinetwegen bezahlen“, warf er ihm über die
Schulter zu.
Vielleicht war die Kleine abends besser bei Stimme, wenn sie am Tage
ihren Mann abgeküßt hatte. Es gab so närrische Weiber. Die Sängerinnen
schleppten alle gern einen Mann mit sich herum -- Gatten, Geliebten
oder Sekretär. Im Grunde kam es ja doch immer auf dasselbe heraus.
„Danke“, sagte Altmann.
Seine Stimme war leicht belegt, und die Mundwinkel hingen tief herab.
Es war doch verflucht bitter, dieses „Mitgenommenwerden“!
Dann saß man im Arbeitszimmer des Kommissionsrates. Es war mit aller
Behaglichkeit und kitschigen Pracht der achtziger Jahre ausgestattet.
Karla wurde ganz beklommen zumute, und sie setzte sich andächtig auf
den mit imitiertem roten Leder ausgeschlagenen Sessel. Fuchs nahm
ein Formular, das oben die Firma trug: John Russels internationale
Gastspielgesellschaft.
„Sie verpflichten sich also für drei Jahre bei Herrn Russel als
dramatische Sängerin. Verpflichten sich, überall da zu singen, wo Herr
John Russel Sie allein oder mit seiner Gesellschaft hinschickt.“
Karla nickte strahlend.
„Ja, natürlich“ ...
Altmann trat vor.
„Nein ... nicht überall. Deutschland ist ausgenommen.“
Fuchs drehte sich ärgerlich über die Störung auf dem Stuhl herum.
„Aber von Deutschland spricht ja kein Mensch“ ...
„Ja, eben darum. Ich möchte eben, daß Deutschland schwarz auf weiß
ausgenommen wird.“
Fuchs blickte John Russel an. Der rauchte schläfrig und völlig
interesselos eine Zigarette.
„Meinetwegen“, fiel es in unterdrücktem Gähnen von seinen Lippenwinkeln
herab.
„Schön -- Deutschland ausgenommen.“
Der Kommissionsrat kritzelte etwas in das Formular hinein. Dann las er
verschiedene Paragraphen vor, trug die Höhe der Gage ein ...
Karlas Herz schlug, wie wenn eine Faust gegen eine Tür donnere.
Abermals trat Altmann vor.
„Die Gage von hundert Dollar die Woche versteht sich natürlich nur für
den Fall, daß meine Frau als Mitglied der Gesellschaft auftritt. Wenn
Herr Russel meine Frau als Einzelkraft dem oder jenem Theater -- in
welchem Lande immer -- abtritt, dann ist die Gage jedesmal vorher zu
bestimmen.“
Fuchs warf den Federhalter wütend auf den Tisch.
„Sie reden hier nicht mit kleinen Kindern, lieber Altmann! Was sind das
für Geschichten!“
Altmann beherrschte sich.
„Sehr wichtige Geschichten, Herr Kommissionsrat. Denn wenn Herrn John
Russel die Lust anwandelte, meine Frau für zweitausend Mark pro Abend
in New York oder London singen zu lassen, mit einer Garantie von
achtmal im Monat, so würde Herr John Russel über vierzehntausend Mark
in diesem Monat an meiner Frau verdienen. Das ist zuviel.“
John Russel wachte auf. Er warf den Zigarettenstummel in den
nächsten Aschbecher und schlug sich mit den dickrippigen, rötlichen
Lederhandschuhen auf das Knie.
„Oh ich sehe, Herr ... Herr ... ~beg your pardon~ -- Herr Altmann --
Sie haben Ihre Beschäftigung bereits gefunden.“
Er stand auf, näherte sich lässig dem Tisch und blickte über Fuchsens
Schulter in den Vertrag. Um seinen rissigen, schmalen Mund lag ein
ironischer Zug.
„Es fragt sich doch noch sehr, Herr ... Herr Altmann, ob ein
Präriepferd hohe Schule gehen kann. Nehmen Sie mir den Vergleich
nicht übel. Aber mir fällt kein besserer ein. ~Well~ -- nehmen wir an.
Nehmen wir an, Ihre Frau wird eine Patti -- wer macht sie dazu? Ich.
Solche Stimmen wie Ihre Frau haben nicht sehr viele, nein ... aber
immerhin einige. Wenn Sie lange Umstände machen, dann -- ~shakehands~
und Gott befohlen. ~Business~ müssen bei mir schnell erledigt werden,
sonst verlier’ ich die Lust. Also: Wenn Ihre Frau als Einzelkraft
auftritt, bekommt sie als Gage die Hälfte von dem, was der Direktor des
betreffenden Theaters zahlt. Wollen Sie, oder wollen Sie nicht? Ja oder
nein? ... Ja?! ~Well~“ ...
Es hätte gar nicht des verzweifelten Zupfens von Karla bedurft, die
bald rot, bald blaß wurde. Altmann hatte seine letzte Spannkraft
aufgeboten und wäre auch auf weniger eingegangen.
„Einverstanden“, sagte er mit trockenen Lippen.
„Na ... endlich! Herrschaften, ich habe auch noch andere Leute draußen“
...
Der Kommissionsrat nuschelte die letzten Paragraphen in seinen weißen
Schnurrbart hinein, während John Russel gelangweilt die Bilder an der
Wand betrachtete, und schob dann den Bogen Karla zu.
Ihre Unterschrift war ihre erste Tat in dieser ganzen Verhandlung. So
gezittert hatte ihre Hand nicht in der Sakristei, wie jetzt, da sie die
Feder ansetzte. Fragend blickte sie auf Altmann.
„Unterschreiben Sie: Karla König, verehelichte Altmann“, sagte Fuchs.
„So. -- Nun Sie als Ehemann. Und zum Schluß, ~dear friend~ ...“
Er legte den Federhalter liebevoll zwischen John Russels Finger.
Die Buchstaben waren nicht zu entziffern. Der Name sah aus wie ein
Firmenzeichen.
Karla schnellte von ihrem Stuhl.
„Sind wir jetzt fertig?“
John Russel nickte.
„Fertig. Das heißt ...“
Er hielt Karlas feste Hand, die sie ihm entgegengestreckt hatte, einen
Augenblick zwischen den Fingern und fegte mit seinem Blick gleichsam
über sie hinweg.
„Hände pflegen, Karla König! Das ist sehr wichtig. Und dann ~a bit
of~ Aufmachung! Nicht so als Großmutter herumlaufen, in schwarzem
Seidenkleid! Das lieben wir Amerikaner nicht. Einfache Frisur und
schicke Toilette. Keine Stirnlöckchen. Die trägt keine Dame bei uns.
Hübsches Schuhwerk, feine Handschuhe -- nicht zu eng!“
Er übersah es, daß Karla blutrot vor ihm stand und Altmann mit lebhaft
gefärbten Schläfen angelegentlich den Vertrag faltete. John Russel
griff in die Brusttasche und holte eine Handvoll Scheine heraus.
„Hier sind zweitausend Mark, Herr Altmann, für ein paar Anschaffungen.
Wenn Sie mehr brauchen -- bitte. Ich werde Ihnen den Vorschuß ganz
langsam abziehen lassen.“
„Danke.“
Zum zweiten Male dankte Ernst Altmann. Er hatte zwei kleine, runde
Flecken auf seinem sonst so farblosen Gesicht, und selbst das Weiß der
Augen war gerötet. Er drückte ein paar Hände, eine weiche, schlappe und
eine harte, rissige -- mit Nägeln, die so hart wie Knochen waren. Er
stand unten auf der Straße und sah, wie Karla immer vor ihm herlief und
wild die Notenmappe schwenkte.
„Wir wollen einen Wagen nehmen ... Drooschke! .. Halt! -- Halt!“
Sie schrie aus Leibeskräften, und ein Straßenjunge parodierte:
„Drooschke! ... Droooschke!“
Sie lachte und stieg ein. Es war Altmann, als zöge sie ihn gewaltsam
nach.
„So komm doch ... Herrgott, bist du langweilig ...“
Das Pferd trottete los. Sie drückte Altmanns Hände. Sie zwickte ihn in
den Arm.
„Wach’ doch auf, du! ... Wach’ auf, oder ich küsse dich hier mitten auf
der Straße ab!“
„Karla“ ...
Die starke, aus tausenderlei widerstreitenden Gefühlen gemischte
Empfindung fand keine Auslösung bei ihm. Mit einem Federstrich hatte er
sein ganzes Leben umgestürzt. Karla war nicht seine Frau. Er war ihr
Mann.
Wie sie den Wagen herangerufen ... es war lächerlich, das nur zu
bemerken. Aber es war doch anders, als es bisher gewesen .... Und so
vieles würde anders sein ... so vieles, was demütigte und verwundete.
Und kam es nicht von ihr -- so kam es von den anderen ...
„Halt’ dich, Karla“ ...
„Ach was!“
Wie ein wildes Schulmädel hupfte sie auf den hohen Wagenkissen.
„Adele wird Augen machen. Adelens Gesicht, du! Vierhundert Mark als
Versicherungsbeamter. Wie kommt dir das vor, sag’, Ernst? ... Wie kommt
dir das vor? ... Und Schmerzchen, mein süßes, geliebtes Schmerzchen!
Der nehme ich eine Nurse, wie Stowns eine haben. Nu gerade! Eine echte
Nurse, mit englischem Häubchen. Und in Amerika soll sie eine Negerin
als Wärterin kriegen ... eine richtige, dicke Negerin, du! Das finde
ich rasend vornehm!“
Altmann schreckte plötzlich auf.
„Isolde -- du denkst doch nicht etwa daran -- --?“
Er brach ab. Sie hatte nichts gehört. Sie trieb den Kutscher zur Eile
an:
„Los, los, Alterchen ... Sie kriegen auch ein fürstliches Trinkgeld ...
fürstlich!“
Lachend plumpste sie wieder in den Wagen zurück.
„Du, Ernst, unter uns: gesungen habe ich wie ein Schwein. Ich dachte,
Fuchs schmeißt mich raus! Mir lag auf einmal gar nichts mehr an der
ganzen Sache ... gar nichts .... Komisch, was?“
Altmann antwortete nicht. Nur seine Hand legte sich schwer auf die
ihre.
[Illustration]
Die Abreise war auf den ersten November festgesetzt.
Karla lief mit rotgeweinten Augen umher. Probierte bei den
Schneiderinnen und schluchzte zwischen zwei Angaben auf, las Luisen
aus einem englischen Buch vor und barg den Kopf plötzlich, von wildem
Weinen durchrüttelt, in den Händen.
Schmerzchen sollte in Berlin bleiben. Das war nicht auszudenken!
Das war unmenschlich! Wer durfte sie von ihrem süßen kleinen Kinde
trennen?! Sie verdiente so ungeheuer viel Geld -- wer konnte ihr da
verbieten, das Kind mitzunehmen?! ...
„Es ist gar nicht so viel Geld“, sagte Altmann.
Adele aber rief:
„Und wenn es Millionen wären -- kannst du dein Kind den Fährlichkeiten
solch einer Reise aussetzen, ja? Ihr werdet ja immerfort unterwegs
sein, in der Eisenbahn gerüttelt, auf dem Schiff geschaukelt. Und dann
der ständige Klimawechsel! Bedenke, daß die kleinen Kinder schon hier
bei jedem Witterungsumschlag dem Brechdurchfall ausgesetzt sind! Dann
kommt das Zahnen ... Wenn du Isoldchen verlieren willst, durchaus in
den Tod jagen willst -- bitte. Aber was ich dann von dir als Mutter zu
halten habe, brauche ich dir nicht erst zu sagen!“
„Lächerlich“, sagte sie nur mit Achselzucken.
Luise machte nicht so viele Worte.
Über so etwas „debattierte“ man doch überhaupt nicht! Karla fuhr zu
Papa. Sie hatte ihm nur brieflich von dem fabelhaften Engagement nach
Amerika Mitteilung gemacht.
Ein Fräulein in entsetzlich rosigen Tripots und einem kaum bis zu den
Knien reichenden Faltenröckchen öffnete.
„Herr König gibt gerade Unterricht.“ ...
Karla fuchtelte nervös mit ihrem Täschchen herum.
„Sagen Sie Papa, ich müßte ihn sprechen. Unbedingt. Wenn auch nur fünf
Minuten.“
Das Fräulein hüpfte zur Saaltür, während Karla in die Wohnstube ging.
Auf dem Mitteltisch stand noch unabgeräumt das Morgenfrühstück. Meißner
Tasse, Silberkörbchen, so wie Papa es jetzt liebte. Die Schachzeitung
lag aufgeschlagen neben der Tasse; am Rande hatte er mit dem Bleistift
Notizen gemacht.
Auf der anderen Seite des Tisches stand Paulinens Arbeitskörbchen,
angefüllt mit Florstrümpfen in allen Farben.
„Ja -- Kleine ... was gibt’s? Du mußt entschuldigen ... ich habe zu
tun.“ ...
Der Papa war in kurzen, hellgrauen Kniehosen und Escarpins. Ein
blütenweißes, weiches Hemd bauschte sich unter den hellblauseidenen
Trägern. Statt eines Kragens umgab ein weißseidenes, weiches Tuch
seinen Hals. Die weiße Locke klebte ihm feucht an der Stirn, und
seine Finger zwirbelten an einem weißen Batisttuch, von dem ein
durchdringender Fliederduft ausging.
„Gratuliere übrigens zu dem Engagement. Scharmant, scharmant! Was
kriegst du eigentlich?“
Er warf dabei einen scharfen Blick auf den Tisch, versenkte zwei Finger
in die Zuckerdose, tauchte das ergriffene Stückchen in die Sahnenkanne
und zerdrückte es mit leise schnalzendem Geräusch am Gaumen.
Karla nannte die Summe und wollte weitersprechen. Aber er schnitt ihr
das Wort ab, mit einer kurzen, eleganten Bewegung seiner kleinen Hand.
„Wenig, liebes Kind -- sehr wenig. Hoffentlich kommst du aus. Fährt
Altmann mit, ja? ... Gut, gut. Dein Mann scheint ein sparsamer Herr
zu sein. Einer muß sparen können in der Ehe. Ich hab’s nie gekonnt
.... Dafür ... tja ... na ... das sind alte Geschichten. Pauline
ist übrigens auch sparsam -- aber mit Maß. Habe die Kündigung
zurückgenommen ... tja. War immerhin nett gemeint, daß sie dich
behielt. Wie geht’s dem kleinen Fräulein, wenn man fragen darf? Gut,
ja? Wann fahrt ihr?“
Er tauchte ein zweites Stück Zucker in das Kännchen, mit zierlich
gespreizten Fingern.
Karla sah ihm mit großen Augen zu. Was hatte sie eigentlich erwartet
von dem zierlichen, genäschigen alten Herrn? ... Rat? ... Unterstützung
ihres Wunsches? Mitleid? Sie wußte jetzt ganz genau, daß er ihr nicht
geben konnte, wonach sie verlangte. Nur um es gesagt zu haben, murmelte
sie:
„Du warst doch drüben in Amerika. Da wollte ich dich fragen, ob ich
nicht Schmerzchen mitnehmen könnte? ...“
„Wen mitnehmen?“
Der Papa blinzelte verständnislos mit den Augen.
„Wen -- -- --?“
„Nun, mein Kind -- Schmerzchen!“
Der Papa pirouettierte auf seinem Absatz, hüpfte dann wie ein Ball in
die Luft und machte einen Entrechat.
„Schmerzchen! Entzückend! Also -- Schmerzchen soll mit nach Amerika?
Sage mal, wie bist du auf den Namen gekommen?“
„Aus meinen Schmerzen heraus ... so.“
Karla warf ihr Täschchen auf den Tisch und fing wieder an zu weinen.
„Ta ta ta ... Nur kein Drama, bitte, Karla ... Du weißt, ich kann
Tränen nicht leiden ... ich ...“
Er tupfte ihr ziemlich ratlos mit dem Tuch über die Wangen.
„Ich habe ja nichts gegen den Namen. Originell! Ich liebe, was
originell ist. Schmerzchen -- scharmant. Ich schicke Schmerzchen
heute noch Schokolade. Zu jung -- wie? Tja ... schwer, den Geschmack
so kleiner Damen zu treffen .... Aber nach Amerika? Wahnsinn! Kunst
und Kind -- haben nur den ersten Buchstaben gemeinsam. Tja ... liebes
Kind ... Künstlerin ... das ist ... das muß ein Wesen sein so zwischen
Weib und Göttin. Nichts Irdisches ... sonst wird nichts draus. Haus
... Küche ... Windeln ... sehr ehrenwert, gewiß ... aber puah! Schon
der Gatte zuviel ... viel zuviel .... Aber nicht unüberwindlich. Den
elendesten Geliebten akzeptiert man eher als den trefflichsten Gatten!
Das ist so! Eine Künstlerin ist Allgemeingut! Ein jeder muß glauben
können, daß er sie für sich gewinnen kann. Das schafft Konkurrenz
um sie herum, das gibt ihr Erfolg. So war es immer, und so wird es
bleiben! Und wer’s nicht glaubt, der spürt’s am eigenen Leibe! Für
den Anfang ist Altmann ganz gut. Netter, anständiger Kerl. Sieht gut
aus. Ein bißchen Holzfigur -- macht nichts. Zieh’ nur los mit ihm ...
aber nachher -- Vorsicht! ... Und Schmerzchen ... die hat ja ein paar
Tanten ... vortrefflich. Die sollen sich nur um sie kümmern. Dazu sind
Tanten da. Sei froh, daß du meine Einzige bist. Du kommst nicht in
Verlegenheit, Tante zu werden! ...“
Er tätschelte ihre Wange und lachte mit seiner harten tenoralen Stimme
vor sich hin.
„Jetzt muß ich aber zu meinen Schülern. Also ... pa, Kleine .... Wann
fahrt ihr? Laßt mich’s wissen -- ich komme dann zur Bahn .... Du, ich
höre Pauline, die kommt vom Markt.“
Er tänzelte zur Tür.
„Was bringen Sie mir Schönes, Pauline, he?“
Karla sah durch die offene Tür, wie der Papa neugierig in der
Markttasche herumstöberte; aber Pauline schubste ihn beiseite, als sie
Karla erblickte.
„Die junge Frau ... das ist aber schön! Was macht denn unser
Schmerzchen? ...“
Der Papa verschwand hinter der Saaltür, und gleich darauf ertönte eine
Gavotte am Klavier und die scharfen, nasalen Kommandorufe des Papas,
der mit einem langen dünnen Stock die Fußstellungen korrigierte,
während er sich mit dem Oberkörper graziös hin und her wiegte. -- -- --
Schmerzchen blieb in Berlin. Selbst Pauline hatte zugeraten. Und sie
hatte den Ausschlag gegeben. Altmann nahm einen Hundertmarkschein und
drückte ihn Adele „fürs erste“ in die Hand.
„Wenn du auch sonst etwas brauchst ... ich bitte dich, halte nicht
zurück damit. Ich werde dir ohnehin nie vergelten können, was du tust.“
Er kaufte ihr eine Winterjacke, da die ihre alt und recht schäbig
geworden war. Luise bekam eine dunkelrote seidene Bluse. Auch für die
Kinder fiel etwas ab: ein Tanzstundenkleid für Vicki und für Fritz
ein Einsegnungsanzug. Wieder kamen zweihundert Mark zusammen. Karlas
Ausstattung, die Anschaffung von Schiffskoffern, etlichen neuen Westen
und Krawatten für ihn selbst -- seine Anzüge fand er noch tadellos --
das alles zusammen, mit einigen Ausgängen und einer Brosche für Pauline
aus leichtem Gold, fraß doch ziemlich zwölfhundert Mark auf.
„Ach was,“ sagte Karla, „der Amerikaner hat eine offene Hand. Dem ziehe
ich einen neuen Vorschuß wie nichts aus den Händen.“
Sie war, wenn nicht gerade die Verzweiflung über die bevorstehende
Trennung von Schmerzchen sie packte, lustig und guter Dinge. Vicki
begleitete sie oft zu den Schneiderinnen, und ihre Augen weiteten sich
vor Staunen und Neid, wenn es auch nur recht bescheidene Stoffe und
Zutaten waren. Aber die leuchtenden Farben, das Gleißen der billigen
Seide und das Schillern der glitzernden Überwürfe raubten ihr fast den
Verstand, weckten alle ihre schlummernden Begierden.
Karla hatte nicht viel eigenen Geschmack. Aber ihrer molligen Jugend
und ihrer jetzt wieder frischen Gesichtsfarbe stand alles gut.
Auf dem Heimwege trat sie mit Vicki in eine Konditorei ein und ließ
Vicki „aussuchen“.
„Tante, du bist himmlisch! ...“
Die Zeiten hatten sich geändert. Und Karla durchlebte die neuen mit
frohem Genießen, ohne viel nachzugrübeln. Wenn Vicki vor Entzücken
zerfloß beim Anblick eines Bandes oder eines Gürtels, dann kaufte Karla
es ihr.
„Sei nur recht gut zu Schmerzchen, Vicki, wenn ich nicht da bin.“
Und Vicki lachte nicht mehr über den Namen, sondern nannte ihn auch.
Meist ging Altmann mit Karla aus. Schon, damit sie nicht zuviel
„verläpperte“. Aber im Grunde war sie keine Verschwenderin. Jetzt, da
ihr bescheidener Luxushunger gestillt war, blieb ihr nur eine kleine
Genäschigkeit: Mohrenköpfe und Windbeutel verschwanden in großen Mengen
in ihrem Magen, und es kam nicht selten vor, daß sie sich ein viertel
Pfund Konfekt oder Schokolade kaufte und heimlich aus der Tüte naschte.
Das hatte sie wohl von ihrem Vater.
Ihre frohe Stimmung hielt selten lange in der Culmstraße an. Immerhin
machte sie Adele gern diese oder jene Freude. Mehr um sich der
Dankesschuld zu entledigen, als um Dankbarkeit zu beweisen. Wie
ein Schulmädchen aber freute sie sich, Luisens strenger Aufsicht
zu entfliehen. Mit dem alternden Mädchen verband sie noch weniger
Gemeinsames als mit Adele. Vielleicht war es das Antikünstlerische
dieser zwei kleinbürgerlichen Frauennaturen, wodurch sie ihr unbewußt
immer fremd blieben.
Pauline war die einzige.
Aber Adele hatte erklärt, Pauline wäre ja sehr nett, doch immerhin ein
Dienstbote. Wenn „der Papa“ es gestattete, daß sie mit am Tische saß
... so konnte das doch nicht maßgebend für eine Frau ~Dr.~ Maurer
sein!
Abends sang Karla, und Altmann begleitete sie. Adele hatte noch
allerlei in der Wirtschaft zu tun, ~Dr.~ Maurer aber saß in einem
Sessel und ließ Karlas Stimme über sich hinfluten. Manchmal brannte sie
ihn wie Feuer, dann wieder erfrischte sie ihn wie eine kühle Brise.