Da wurde er wieder lebhaft, wie um den letzten Eindruck zu vertuschen.
„Nein, nein .... warum denn ... Interessieren Sie sich für Schach,
lieber Schwiegersohn?“
„Interessieren, ist zu viel gesagt. Ich spiele -- als blühender
Dilettant.“
„So ... so ...“
„Papa ist ein großer Schachspieler“, fügte Karla ein.
Der Papa zupfte sie am Ohr.
„Großer? Ta ta ... Redensart. Aber vielleicht habe ich meinen Beruf
verfehlt -- hätte Diplomat werden müssen statt Tänzer. Oder gar
Feldherr ... Ich habe da eben jetzt eine Variante der spanischen
Partie ausprobiert, ein Gambit im Nachzug ... sehr schade, daß unsere
großen Meister sich mit diesem Gambitzug nicht befreunden wollen --
sehr schade. Ich habe darüber eine eifrige Diskussion mit Herrn von
Bardeleben gehabt beim Kongreß in Breslau. Übrigens habe ich jetzt
eine Korrespondenz mit Leipzig -- ein Gang -- wir sind gerade beim
siebenten Zug .... Und wenn alles klappt, dann rutsche ich nächsten
Winter nach Wien rüber und messe mich mal mit dem guten Weiß. Steinitz
und Tschigorin wollen auch dort sein. Die Baronin Kolisch hat Preise
gestiftet. Erster Preis fünftausend Mark! Das zieht auch!“
Er warf die weiße Locke zurück, die ihm immer wieder kokett in die
Stirn fiel, und seine Finger streckten sich unwillkürlich nach den
Schachfiguren.
Karla hatte gehofft, ihm vorsingen zu können.
„Gibst du noch Unterricht, Papa?“, fragte sie, seltsam verschüchtert
durch seine Art.
„Unterricht? ... Ja ... natürlich. Man muß doch leben. Ich habe gerade
ein paar recht talentvolle Kerlchen in Arbeit. Aber eigentlich ist die
große Zeit des Balletts vorüber. Es wird nichts mehr geschrieben. Und
das Verständnis für Technik kommt ebenso abhanden wie für Grazie. Wenn
einer nichts kann, nennt er sich Charaktertänzer. Kann er noch weniger,
wird er Pantomimist. Traurig, traurig ... Na, und wie geht’s mit dem
Gesang? Die Kleine hatte eine hübsche Stimme ... Und ich las, sie singt
jetzt Wagner ... bravo, bravo ... Sehen Sie, lieber Schwiegersohn, hier
erteile ich Unterricht.“
Es war ein ziemlich großer, kahler Raum, in dem nur ein alter Flügel
stand, und an der Wand Stühle und Sessel von verschiedener Form.
„Na, Karla ... kennst du deine Partner wieder? ...“
Sie nickte. Ganz weh wurde ihr zumute. So lustig war der Unterricht
gewesen, so ganz aufgehen hatte sie dürfen in allen Leidenschaften! Und
dann nach der Stunde waren sie beide in die Küche gelaufen und hatten
dort gleich ihr Abendbrot verzehrt, damit sie nicht so viel Mühe hatte.
Und den ganzen Abend über hatte Papa mit sich allein Schach gespielt,
während sie im Nebenzimmer übte, oder sie waren zusammen ins Theater
gegangen und dann ins Café, wo an Schachbrettern bartlose, nervöse
Jünglinge, vornehme Aristokraten und bebrillte, klug aussehende Männer
saßen.
Das Eintreten von Papa wurde lebhaft begrüßt von den Kiebitzen. Er
mußte von dem Stück erzählen, und sein Urteil galt etwas. Er ließ sich
aber nie selbst zu einer Partie nieder.
„Es ist spät, ich muß meine Kleine nach Hause bringen!“
Karla hatte wohl oft gemerkt, daß es ihm schwer wurde, abzulehnen.
Aber wenn sie ihn bat, er möchte sich von ihr nicht abhalten lassen,
dann klopfte er ihr die Wange.
„Ich denk’ nicht dran ... wer weiß, wie lange ich dich noch bei mir
habe.“
Nicht zum mindesten aus Rücksicht auf Papa hatte sie das erste kleine
Engagement angenommen. Bei der Abfahrt merkte sie es ihm so recht
an, wie froh er war, allein zu bleiben. Aber doch schrieb er immer
kurze, liebevolle Kärtchen, schickte auch ab und zu ein paar Taler und
wiederholte immer wieder:
„Mein Gefühl sagt mir, du wirst noch einmal eine große, berühmte
Künstlerin. Halte dich, mein liebes Kind ...“
Sie hatte ihn eigentlich nicht wiedersehen wollen, bevor sie nicht
„eine große Künstlerin“ geworden. Aber nun der Zufall es so gefügt,
da war sie voll Erwartung gewesen und hatte gemeint, daß der innige
Zusammenhang zwischen ihnen geblieben war wie einst.
Und nun war es anders, ganz anders. Dem Schach galt offenbar sein
größtes Interesse. Darüber hatte schon die Mutter geschimpft, es aber
geduldet, weil es von allen „Leidenschaften“ die wenigst kostspielige
war. Die veränderte Lebensweise ... die röckerauschende Pauline mit der
goldenen Uhrkette ... Und nun fragte er nicht einmal nach ihrer Stimme,
forderte sie nicht auf, ihm vorzusingen!
Sie würgte wieder etwas herunter. Und als sie den Kopf hob, fiel
ihr Blick in den verstellbaren Schaftspiegel, der den Schülern zur
Überprüfung ihrer Stellungen diente. Da erschrak sie.
Ja ... so, wie sie jetzt aussah ...!
Sie hätte Papa lieber gar nicht besuchen sollen in diesem Zustand.
„Gehen wir“, sagte sie leise und zupfte Altmann am Ärmel.
Der Papa hielt sie nicht mehr zurück.
„Ihr laßt’s mich gleich wissen, wenn alles vorbei ist“, sagte er und
küßte Karla in die Luft.
Es waren noch vier Monate bis dahin.
Aber Karla sagte eilig:
„Ja gewiß, Papa ... sofort ...“
Sie lief so schnell die Treppe hinunter, daß Altmann sie an ihrem
Umhang festhielt.
„Was machst du, Karla ... renn doch nicht so ...“
Die Tränen rollten ihr unaufhörlich über die Wangen.
„Was ist denn? Was hast du denn?“
„Nichts, Ernst ... lieber, guter Ernst?“
Altmann lächelte vor sich hin, mit tief herabgezogenen Mundwinkeln.
Auf Papa war fürs erste nicht zu rechnen. Da blieben wirklich nur seine
Leute -- -- --
[Illustration]
Die Sonne brütete.
In dem Berliner Zimmer der Culmstraße rasselte die Nähmaschine unter
Adelens energischem Tritt. Karla schlang mit heißen, welken Fingern
winzige Ösen. Der Faden verprudelte sich alle Augenblicke, dann gab es
Knoten.
„Pfui, wie schludrig“, sagte Adele und trennte alles wieder auf.
Karla starrte auf Adelens geschickte Finger, ohne zu sehen. Ganz
elend war ihr; wie gefoltert kam sie sich vor. Das ging nun so
tagaus, tagein: linken Ärmel nähen, rechten Ärmel nähen, Seitenteile
aneinanderfügen, säumen, Ösen schlingen, Spitzen annähen -- winzig
schmale, die sich zwischen den Fingern zusammenzwirbelten.
Ihr wurden die Lider schwer dabei. Sie zerstach sich die Finger,
und ihr Rücken schmerzte, als hätte man ihn mit dem spanischen Rohr
bearbeitet, das drohend in einer Ecke stand.
Gegen Abend kam Altmann, um sie abzuholen. Er trug jetzt immer seine
guten Sachen, denn er war täglich in der Stadt, verhandelte mit
Agenten, besuchte das Café, um die Blätter zu lesen.
Die Schwestern hatten erklärt, er müßte unter allen Umständen an
derselben Bühne engagiert werden wie Karla.
„Willst du von dem leben, was sie verdient -- oder willst du, daß sie
sich allein irgendwo herumtreibt? Das ist doch unmöglich!“
Es war so manches „unmöglich“ in den Augen der Schwestern. Aber sie
hatten den bürgerlichen Anstand für sich, den sie jedesmal ins Treffen
führten und vor dem er sich beugte.
So suchte er denn ein Doppelengagement. Das erschwerte die Lage
außerordentlich. Seine persönlichen Gagenansprüche durften natürlich
bei weitem nicht an die Gage heranreichen, die er für Karla durchsetzen
mußte. Es gab immer ein schreiendes Mißverhältnis, und schließlich
wurden beide Gagen noch gedrückt.
Er beherrschte sich, um den Geschwistern seine Verstimmung zu
verbergen. Und so trat er meist mit einem Scherzwort ein, einer
freundlichen Frage, einem staunenden Ausruf.
„Potz Donner ... das wird ja eine Ausstattung wie für einen Prinzen!
...“
Karla ließ alles stehen und liegen und hing sich an seinen Hals.
„Was hast du gehört? Wie wird es? Sind Aussichten?“
Aber sie sah es seinen Augen an, die finster blieben, während seine
Lippen sich lächelnd verzerrten, daß sich noch nichts erfüllt hatte.
Die wundervollen Gastspielverträge hatten gelöst werden müssen, und es
war noch gar nicht abzusehen, wann sich wieder ähnliche Gelegenheiten
bieten würden.
Sie murmelte mit zitternden Lippen:
„Wenn doch das Kind nicht wäre ... das schreckliche Kind!“
Aber Adele, die es mit ihren scharfen Ohren aufgefangen, schrie sie an:
„Versündige dich nicht! Schäm’ dich, so zu sprechen! Pfui! ... Das arme
Kind kann einem ja leid tun, daß es eine solche Mutter bekommt!“
„Sie meint es ja gar nicht so schlimm“, verteidigte Altmann lau. „Na,
mach’ dich fertig, Karla ... wir gehen jetzt nach Hause.“
Altmann war hin- und hergezerrt von widerstreitenden Gefühlen. Die
Schwestern hatten recht, aber Karla hatte auch recht. Das Kind war
unter diesen Umständen wirklich eine „Katastrophe“.
Er wohnte jetzt mit Karla in einem möblierten Zimmer in der
Goebenstraße. Sie lebten aus den Körben und Koffern, die in der
leerstehenden Mädchenkammer ihrer Wirtin standen. Den Frühstückskaffee
brachte sie ihnen gleich in Tassen, aus denen er überschwappte bei
ihrem watschelnden Gang. Dazu je eine dünnbestrichene Schrippe. Sie
reichte das Tablett zur halboffenen Tür herein, durch die Karla ihren
noch bloßen Arm hindurchstreckte.
Karla setzte sich an eine Tischecke und verzehrte ihr Frühstück mit
gesunder Lust. Denn viel anders hatte sie all die fünf Jahre am
Theater vor ihrer Heirat nicht gefrühstückt. Aber Altmann litt. Ihn
ekelte vor dem Essen im unaufgeräumten Zimmer, zwischen herumliegenden
Kleidungsstücken, vor dem übervollen Waschtischeimer.
Aber auch da bezwang er sich. Karla konnte schließlich nichts
dafür. Das Schicksal hatte es so entschieden, und er selbst war
nicht leichtsinnig genug, um augenblicklichem Behagen die letzten
Spargroschen zu opfern.
Während sich Karla heißes Wasser aus der Küche holte, um Taschentücher
und Strümpfe in der Waschschüssel zu waschen, schrieb er seine Briefe.
Er griff nach wie vor seine Lieblingsidee auf, Karla in Amerika
anfangen zu lassen, um dann mit dem erworbenen Gelde die Karriere in
Deutschland zu beginnen. Verschiedene Operngesellschaften rüsteten sich
zu einer großen Gastspielrundreise über das Wasser. Wenn Karla jetzt
hätte auftreten können -- sie wären aus allen Sorgen heraus! Aber vor
Mitte September war selbst im besten Falle nicht darauf zu rechnen ....
Ja ... das Kind! Das schreckliche Kind!
Sie aßen in einem kleinen Gasthaus Mittag, für fünfundsiebzig Pfennige,
mit Kaffee oder Käse als Nachtisch. Karla wählte den Käse und leerte
den halben Brotkorb, Altmann nahm Kaffee, um den Nachgeschmack der sehr
mäßigen Gerichte herunterzuspülen.
Nur Sonntags speisten sie in der Culmstraße gegen einen Beitrag von
zwei Mark. Altmann rechnete es trotzdem Adele hoch an, daß sie die
vermehrte Arbeit so willig auf sich nahm. Und er war ihr unendlich
dankbar, daß sie Karla jeden Nachmittag bei sich behielt, wobei doch
wieder eine Tasse Kaffee und ein gestrichenes Brötchen für sie abfiel.
Altmann mußte alles mitberechnen, um über die bösen Tage
hinwegzukommen. Luise Altmann, die durch den langjährigen Aufenthalt
bei der englischen Familie ein leidliches Englisch sprach, erbot sich,
Karla englischen Unterricht zu geben. Zweimal wöchentlich betrat sie
auf eine Stunde das Berliner Zimmer der Culmstraße.
Vicki und Fritz Maurer brachten ihre englischen Hefte zur Durchsicht.
Dann kam Karla dran. Sie war, wie es sich herausstellte, nicht unbegabt
für Sprachen, aber wenn sie Fehler machte, lachte Vicki sie aus. Vicki
lachte überhaupt sehr viel, putzte sich gern und hatte Freundinnen, bei
denen sie, wie sie sagte, halbe Tage zubrachte. Zu Hause gab es immer
Streit zwischen ihr und Fritz. Er beschwerte sich, daß sie ihm seine
Bleistifte und Federn nähme, Seiten aus seinen Heften herausrisse.
Manchmal kriegten sie einander bei den Haaren. Fritz bearbeitete dann
ihren Rücken, sie zerkratzte ihm das Gesicht. Dann griff Adele zum
Rohrstock und haute links und rechts um sich, wohin es gerade traf.
Es war nicht erzieherisch, aber wirksam.
„Ekelhaftes Frauenzimmer“, murrte Fritz und zeigte Vicki noch einmal,
aber diesmal aus der Entfernung, die Faust.
„Widerlicher Bengel“, schimpfte Vicki und heulte los.
Es war oft sehr lärmend in der Wohnung, und Karla dröhnte der Kopf.
Auf dem Heimwege, während Altmann mit ihr einiges zum Abendessen
einkaufte, fragte er:
„Hast du geübt, Karla?“
Denn Adele hatte in der großmütigsten Weise erklärt, das Klavier stünde
Karla jederzeit zum Üben zur Verfügung.
Aber Karla hatte von dem Anerbieten bisher noch keinen Gebrauch
gemacht: das Lärmen der Kinder, das Rasseln der Nähmaschine übertönten
die Skalen. Und hatte sie zehn Minuten Übungen gesungen, so kam gewiß
Adele herein:
„Ach, sing’ doch was Nettes, Karla.“
Oder sie brachte ein Lätzchen, das sie eben fertiggenäht hatte, oder
ein Nachtröckchen, das Karla bewundern sollte. Dann hieß es wohl auch:
„Bist du bald fertig, Karla, die Kinder müssen auch üben.“
Oder: „Alwin ist eben gekommen!“, was soviel sagen wollte wie: Alwin
will Ruhe haben! Denn ~Dr.~ Maurer war immer müde, wenn er aus der
Schule kam, und „vertrug keinen Lärm“!
Wenn er auch hereinguckte und murmelte: „Laß dich nicht stören, Karla
...“, so sah sie doch den Stoß Hefte unter seinem Arm und klappte
hastig den Klavierdeckel zu.
Nein -- zum Üben kam sie wirklich nicht. Aber da sie wußte, daß ihr
Mann keine Entschuldigungen gelten ließ, die seine Leute belasteten, so
schob sie es auf ihren Zustand. Sie war so matt, fühlte sich so elend.
„Na ja ... mein liebes Kind, du hast einfach keine Energie. Auf die Art
wirst du nie etwas erreichen. Auf die Art gewiß nicht! ...“
Es gab immer unangenehme Auseinandersetzungen, Verstimmungen. Karla
schwieg und dachte sich ihr Teil. Sonntags, am Familientisch, an
dem auch Luise Altmann regelmäßig teilnahm, wurde viel über Karlas
Energielosigkeit gesprochen. Nur -- der Kinder wegen -- sehr schonend
in der Form.
Während des schwarzen Kaffees legte man sich keine Zügel mehr an. Die
Kinder waren ja auch nicht mehr da. Altmann blickte unzufrieden und
nervös drein.
„Ihr fehlt eben der Ernst.“
Und darüber waren sich alle einig, Karla hatte keinen Ernst.
Eines Sonntags mußte Vicki eine Mozartsche Sonate vorspielen, mit der
sie gerade „fertig“ geworden war bei ihrer Lehrerin.
„Nett, sehr nett“, sagte Luise Altmann.
~Dr.~ Maurer zupfte Vicki an ihrem dicken blonden Zopf.
„Brav, Vicki ...“
Und dann gab er ihr einen Groschen.
Nun sollte auch Karla singen.
Karlas Augen wurden noch runder, als sie es für gewöhnlich waren, und
ihre kaum angedeuteten Brauen rutschten bis zur Mitte der Stirn hinauf.
Ja, waren denn die alle ganz verrückt geworden? Jetzt verlangten sie
von ihr, sie sollte vorsingen, wie Vicki vorspielte ... Von +ihr+
verlangten sie das, der die Jugend einer ganzen Stadt zugejubelt, von
+ihr+, die mit Blumen überschüttet worden war, wenn sie nach einer
großen Partie sich wieder und immer wieder hatte vor dem Vorhang zeigen
müssen?
„Ich denke ja nicht daran, jetzt zu singen.“
Vicki lachte los:
„Du hast wohl alles vergessen, Tante, wie?“
„Du impertinenter Fratz, was fällt dir ein? ...“
Karla hatte wohl selbst nicht geahnt, daß ihr die Hand so locker saß.
Vicki brüllte los, empört, aufs tiefste entrüstet.
„Wie darfst du, Tante ... was unterstehst du dich? ...“
Karla stand hochaufgerichtet mitten im Zimmer.
„Eine Rotznase bist du, daß du’s nur weißt!“
Und hochrot im Gesicht, mit funkelnden Augen und bebendem Unterkiefer
schrie sie:
„Bin ich die Tante oder nicht? Hat sie Respekt zu haben vor mir
oder nicht? Den Popo hat man ihr versohlt, als ich schon Tausende
begeisterte! Schmutzig hat sie sich noch gemacht, als ich mir schon
mein Geld verdiente! Und das erlaubt sich ...“
„Oh, Gott nein, wie ordinär ... so ordinär ...“
Vicki schlug die Hände über dem Kopf zusammen und lief aus dem Zimmer.
„Nun ist’s aber genug“, donnerte Altmann und riß Karla an der Hand.
Aber sie war wie aus den Fugen.
„Ihr macht mich ja verrückt, alle ... Verrückt macht ihr mich!!. Ich
bin doch kein kleines Kind ... Aber so behandelt ihr mich ja vor
den Bälgern hier! Es fehlt nur noch, daß ihr mir Vicki als Vorbild
hinstellt! ... Ja, ja ... ich weiß, was ich rede. Gestern sagte Luise:
Vickis englisches Heft ist viel sauberer als deines! Bin ich ein
Schulmädel? Ich habe den Kopf voll. Meine Stimme ist viel wichtiger als
all die dummen Jäckchen und Lätzchen und englischen Vokabeln. Und wenn
ich sie verliere, dann seid nur ihr schuld ... jawohl, nur ihr! ...“
Ihre letzten Worte waren kaum noch zu verstehen. Ein krampfhaftes
Schluchzen erschütterte ihren Körper. Irgend jemand drückte sie in
einen Sessel. Luise Altmann stand vor ihr, mit einer Wasserschüssel, in
der Eisstücke schwammen. Adele mühte sich, ihr die Taille aufzuhaken.
„Ernst,“ schluchzte Karla, ... „Ernst ...“, und streckte den Arm aus.
Aber ~Dr.~ Maurer hatte den Schwager in sein Arbeitszimmer gezogen, auf
dessen Ledersofa Fritz nachts schlief.
„Laß nur ... meine Damen werden schon fertig mit ihr ... Ein kleiner
hysterischer Anfall. Kommt vor in dem Zustand. Dazu die Hitze.
Vicki ist ja auch wirklich frech gewesen und wird daher Karla um
Entschuldigung bitten ... Immer ruhig Blut! Vaterfreuden wollen auch
erkauft werden.“
„Ich habe mich wahrhaftig nie so gehen lassen“, sagte Adele zu ihrem
Mann, als sie allein geblieben waren. „Und furchtbar ordinär war sie
... da hat Vicki nicht so unrecht. Das sind doch keine Redensarten! ...“
„Paß du mal lieber auf das Mädel auf, statt auf Karla herumzuhacken!“
~Dr.~ Maurer schlug mit dem Handrücken unwirsch auf die entfaltete
Zeitung.
Vicki hatte gebockt und war nicht zu bewegen gewesen, sich vor Karla zu
entschuldigen.
Karla war es, die ihr als erste die Hand gereicht hatte:
„Na, wollen wir uns wieder vertragen, Vicki?“
Und dann hatte sie gesungen. Eigentlich zum erstenmal.
Als wollte sie ihren Mann aussöhnen und alle, die den häßlichen
Auftritt mit erlebt hatten.
Und ~Dr.~ Maurer hatte plötzlich das Schlagen seines Herzens gefühlt.
Die Zigarre war ihm ausgegangen, war seinen Fingern entglitten und
irgendwohin gefallen. Die quellende, jubelnde Stimme schlug machtvoll
an längst verschlossene Tore. Wie ein schwerer Wein weckte sie sein
träges, schläfriges Blut und brachte es zum Rauschen.
„Sing noch etwas, Karla ...“
„Gern ...“
Aber es fand sich nichts Rechtes vor, und Altmann wollte auch nicht,
daß sich Karla anstrenge. Auch seine Augen leuchteten. Karlas Stimme
hatte bis jetzt noch nichts von ihrer Schönheit eingebüßt, sie war
klangvoller, heißer, jubelnder denn je ....
Er riß plötzlich ihre beiden Hände an seine Lippen, ohne der Schwestern
zu achten, die seine Art peinlich berührte. Aber was wußten sie, was
alles in ihm vorging, während Karla sang, und daß der Klang dieser
Stimme ihm wieder die Welt erschloß, die sich hinter schwarzen
Nebelwänden verborgen gehalten.
Was wußte auch Adele von dem, was in ihres Mannes Seele vorgegangen war
während Karlas Gesang .....
Viel wichtiger war es ihr, daß ihre Schwester Luise erstaunt die
grauen Augen aufriß und dann langsam, fast ungläubig meinte:
„Aber sie hat ja wirklich eine sehr schöne Stimme.“
Immerhin -- fein war Karla nicht. Und von Alwin war es zum mindesten
sehr merkwürdig, daß er sich zu Karlas Anwalt aufwarf.
Am nächsten Tage erklärte er, daß es „mäuschenstill“ zu sein hätte,
wenn Karla übte. Oder er würde mit einem Donnerwetter dreinfahren! Er
hatte sie sogar gebeten, nicht eher mit dem Üben anzufangen, als bis er
nach Hause käme.
Als sich Karla ans Klavier setzte und den Mund öffnete, wurde sie
plötzlich weiß wie ihr schmaler Kragen.
Noch einmal setzte sie an. Aber nur ein heiserer, tonloser Laut entrang
sich ihren Lippen.
Da stand sie auf, schloß behutsam den Deckel und wartete eine Weile.
Wartete, bis das Zittern ihrer Knie nachließ und sie gehen konnte.
Wie ein nasses Linnen legte sich die heiße Zimmerluft an ihre bleichen
Wangen. ~Dr.~ Maurer öffnete leise die Tür:
„Was ist dir, Karla, warum so still?“
Aber sie gab ihm keine Antwort, machte nur eine hilflose Bewegung mit
der Hand und wankte ins Berliner Zimmer hinein, wo Adele zwischen einem
Berg von Kinderwäsche über ihrem Wirtschaftsbuch saß.
[Illustration]
Endlos dehnten sich die Wochen hin. Immer mehr Zeit brauchte Karla,
um die kurze Strecke zurückzulegen, die ihre Wohnung von der ihrer
Verwandten trennte. Manchmal sagte sie sich, es wäre das beste, sie
bliebe den ganzen Tag im Bett liegen. Aber sie wußte, daß ihr Mann dann
auch nicht ausgehen würde, und sie konnte nicht mehr sein nervöses,
finsteres Gesicht sehen, ohne Herzklopfen zu bekommen.
Eines Tages bekam er das Anerbieten, für einen plötzlich erkrankten
Fachkollegen im Liegnitzer Sommertheater einzuspringen. Auf drei, vier
Wochen höchstens. Er wollte Karla mitnehmen. Aber die Schwestern gaben
das nicht zu. Er konnte Karla doch jetzt keine Reise zumuten! Sie mußte
sich schonen, pflegen -- um des Kindes willen vor allem.
Der jähe Freudenfunke, der in Karlas Augen aufgeblitzt war, erlosch.
Aber sie widersprach nicht. Sie ließ wortlos über sich verfügen; wäre
nach China gefahren, wenn man sie dorthin geschickt hätte, und würde
sich nicht aus ihrem Zimmer gerührt haben, wenn man es für nötig
gefunden hätte, sie dort einzuschließen.
Nur als sie Altmanns Kopf in dem Fensterrahmen des abfahrenden Zuges
erblickte, da überkam sie etwas wie Verzweiflung. Sie mußte sich auf
eine Bank setzen und schluchzte eine ganze Weile still vor sich hin.
Es war abgemacht worden, daß sie nur das erste Morgenfrühstück zu Hause
einnehmen sollte, alle anderen Mahlzeiten aber bei Adele. Adele hatte
einen durchaus angemessenen Preis bestimmt. Sie wollte sich um Gottes
willen nicht bereichern an dem Bruder.
„Seine Leute“ benahmen sich eben „großartig“. Das mußte Karla immer
wieder ihrem Manne zugeben. Er verlangte geradezu, daß sie es betonte
und es sich immer wieder ins Gedächtnis rief.
Es war nicht seine Schuld, wenn Karla schon beim ersten Aufwachen
die Verpflichtung, den Tag in der Culmstraße zu verbringen, als eine
drückende Last empfand.
Die Schwestern konnten es sich nicht erklären, warum Karla so schlecht
aussah. Sie litt doch wahrhaftig keine Not! Die Stimme? ... Die kam
schon wieder ... und wenn nicht -- du lieber Gott -- da war sie eben
keine Sängerin mehr, brauchte sich nicht an allen möglichen Theatern
herumzutreiben. Dann hatte sie ihr Kind ... und vielleicht kam das
zweite ... Ernst würde sich dann auch um etwas anderes umsehen. Die
große Versicherungsgesellschaft, bei der sie versichert waren, hatte
im vorigen Monat einen verkrachten Theaterdirektor angestellt, mit
vierhundert Mark monatlich ... Hochfeine Stellung. Wenn Ernst die
Fühler ein wenig ausstreckte, wenn ...
„Aber mir wurden doch für nur zwei Gastspielabende vierhundert Mark
geboten!“
Sie schrie es förmlich heraus, als könnte sie damit den großen Stein
wegschieben, den die Schwestern ihr auf die Brust rollten.
Adele zuckte die Achseln.
„Ist ja Unsinn ... Zufall .... Aber nur keine Aufregung, Karla ... das
schadet dir.“
~Dr.~ Alwin Maurer verbrachte jetzt fast jeden Abend außer dem Hause.
Er fühlte sich nicht mehr behaglich in seiner Wohnung. Karlas Lage
weckte Erinnerungen in ihm aus seinem eigenen Leben.
Er schlief unruhig. Einmal träumte er, Adele und Luise stünden mitten
unter einem Schwarm seltener, buntschillernder Vögel. Sie griffen in
die Luft, fingen einen Vogel und beschnitten ihm mit einer großen
Schere beide Flügel. Dann griffen sie nach einem zweiten, einem dritten
und so fort.
Seitdem sah er sie immer wie in seinem Traum. Ihm hatten sie die Flügel
beschnitten, jetzt beschnitten sie sie Karla .... Er konnte nicht
helfen. Da ging er lieber fort.
Eines Nachmittags gab Karla vor, daß sie sich elend fühle und zu Bett
wolle. Adele gab ihr ein paar Stullen mit und allerlei gute Ratschläge.
Wenn „ihr etwas wäre“, solle sie gleich zu ihr herüberschicken.
„Hörst du, mach’ ja keine Dummheiten.“
Es war so gut gemeint. Karla hätte sich selbst prügeln mögen, als es
ihr zum Bewußtsein kam, daß sie die Wohnung verließ wie ein Gefängnis.
Sie sah sich sogar auf der Straße um, ob ihr niemand folgte; denn Adele
hatte ihr Vicki mitgeben wollen. Aber nein -- sie stand allein auf der
Bülowstraße.
Hatte sie diesen Entschluß schon in der Culmstraße gefaßt oder war es
plötzlich über sie gekommen wie eine Eingebung -- sie hätte es nicht
zu sagen vermocht. Sie stieg in die erste Elektrische ein, die gerade
stehenblieb, und ließ sich mitnehmen.
Sie sah nicht die belebten Straßen vor sich, sondern ein stilles,
helles Zimmer mit seidenen Stühlen, einem Schachtisch vor dem Fenster,
einem Glasschrank, mit feinen Meißener Tassen und vielen Schleifen an
den Wänden.
Trotz der noch kaum abgekühlten Luft fror sie, und es war ihr, als
könnte ihr nur dort -- in dieser hellen Stube mit den schönen Sachen
und den vielen Erinnerungen warm werden.
Ja, sogar Papas kalte, tenorale Stimme schreckte sie nicht ab. Sie
würde den Umhang nicht ablegen, und Papa würde ihr Tee bringen und ganz
feine Brotschnittchen. Er würde ihre Hand tätscheln und fragen: „Na,
Kleine, wie geht’s?“
Und diese wenigen Worte würden ihr viel, viel mehr bedeuten als alles,
was die Schwägerinnen ihr sagten. Denn sie würden sie erinnern an
tausend gleiche Fragen aus der Zeit ihrer Kindheit.
Diese Kindheit aber -- so wenig freudvoll sie gewesen war -- jetzt
sah sie sie in einem verklärten Lichte. Sie atmete den Morgenkaffee
ein, den die Mutter vor sie hingesetzt hatte, und den Duft der Äpfel
in der Ofenröhre. Mutter war hitzig und hatte eine lockere Hand, aber
Mutters Hand war auch weich, wenn sie Karlas Haar bürstete oder ihr
über die Wangen fuhr, wenn sie mit einer guten Zensur nach Hause kam.
Mutters Hand war auch geschickt und willig, all die hundert Risse und
Löcher zu stopfen in Schürzen, Röckchen und Strümpfen. Mutters Hand
war sparsam im Alltag, war aber auch freigebig zu Weihnachten und an
Karlas Geburtstag. Da zählte sie nicht die Äpfel und Pfefferkuchen und
geizte nicht mit netten, nützlichen Sachen. Das Schönste freilich war
immer von Papa: ein glitzerndes Kettchen etwa, ein silberner Armreif,
ein blinkendes Kreuz oder seidenes Tüchelchen. Der Papa tänzelte dann
immer so drollig gespannt um den Gabentisch und winkte ab: „Ta ta ta“,
wenn sie ihm an den Hals flog.
Es war eigentlich nicht recht, daß sie sich so viel mehr über Papas
Kinkerlitzchen freute als über Mutters gediegene Sachen. Aber daran war
nun mal wieder nichts zu ändern, und Mutter konnte nichts tun, als mit
einem Donnerwetter dazwischenfahren, wenn sie den Papa gar zu stürmisch
umhalste und ihn nicht loslassen wollte.
Karla saß in der Elektrischen und merkte es gar nicht, daß ihr die
Augen schwer wurden von dicken Tränen. Sie hatte eine solche Sehnsucht
nach den paar Zimmern, die „ihr Zuhause“ umschlossen, nach dem Papa,
auf dessen Schoß sie einst gesessen, nach dem „Ta ta ta“, mit dem er
ihr vielleicht das Wort abschneiden würde, wenn sie ihm ihre Sehnsucht
gestand ...
Der Wagen hielt am Lützow-Platz. Sie mußte aussteigen. Sie durchquerte
den Platz und bog in die Schillstraße ein. Es war noch hell, aber doch
senkten sich schon bläuliche Schatten zwischen die weißen Häuser.
Die Straße machte ihr auch heute einen neuen, lustigen, friedlichen
Eindruck. Einzelne Damen blieben mit den Blicken länger an ihr haften,
als es allgemein üblich war, und lächelten dann halb gerührt, halb
ermutigend.
Ja ... sie war wohl schon sehr stark ... Das Gehen wurde ihr auch
schwer, und das zweite Leben in ihr wurde oft ungebärdig. Manchmal
mußte sie stehen bleiben, weil sie meinte, es schnüre ihr etwas den
Atem ab. So war es eben jetzt ... Doch sie mußte lächeln in all ihrer
Not. Und sie murmelte vor sich hin:
„So ein Nichtsnutz ... so einer ...“
Gewiß, es wurde ein Junge. Schon jetzt dachte sie an den künftigen
Beschützer. Sie war zu dumm der Welt gegenüber, und Altmann war zu
starr. Aber der Sohn -- der würde alles verstehen, alles zwingen -- und
wer seiner Mutter nahekam, na -- der sollte sich nur vorsehen! ...
Sehr langsam stieg sie die Treppe hinauf. Der Papa wohnte zwar nur
im zweiten Stock, aber die Stufen waren merkwürdig hoch. Sie hätte
unten pfeifen sollen, den alten Pfiff, mit dem Papa sie rief ... Sie
hatte einen Gegenpfiff darauf erfunden -- aber Mutter schimpfte, wenn
sie pfiff. So geschah es nur, wenn sie außer Hörweite waren. Und nach
ihrem Tode hatte keiner mehr an den Pfiff gedacht. Aber jetzt ... Karla
spitzte die Lippen ... Nein, es ging nicht. Der Mund war ihr ganz
trocken. Der Papa mußte ihr vor allem etwas zu trinken geben. Herrgott
im Himmel: „Nichtsnutz, abscheulicher!“ Sie hielt sich an der Rampe
fest.
War das eine Art? Bald wäre sie zusammengebrochen, und jetzt tat ihr
das Kreuz weh ... So ein Bengel!
Die Hand zitterte ihr, als sie an der Klingel zog. Gleichzeitig aber
schlug sie mit der anderen den Umhang fester zusammen. Papa brauchte
nicht gleich zu sehen, wie weit es schon mit ihr stand. Er hatte nie
gemocht, was unschön aussah und mit Krankheit zusammenhing. So sehr
er die Mutter geliebt, aber als sie krank war, da hatte er kaum ihr
Zimmer betreten, immer nur Grüße geschickt und Blumen. Aber die Mutter,
energisch bis zu ihrem Tode, hatte gezankt. Er sollte nicht Geld
ausgeben für solches Zeug. Und wenn er vorsichtig durch die Türspalte
sah, hatte sie selbst ihn immer weggeschickt.
„Es gibt was Schöneres zu sehn als eine Frau, die der Teufel lotweise
holt ... geh nur, geh ...“
So war er auch zu ihrem Sterben zu spät gekommen und hatte sie nur
gesehen, als sie, mit ihrem schönen braunen Seidenkleid angetan, ein
Kruzifix zwischen den bleichen Fingern, in ihren weißen, sauberen
Kissen lag.
Da freilich hatte er geweint, daß es einen Stein erweichen konnte.
Karla hatte ihm viermal das Taschentuch wechseln müssen in dieser
ersten Stunde ... Der arme Papa hatte die Mutter sehr geliebt. -- --
Karla klingelte noch einmal. Diesmal anhaltend.
„Wer ...? Ach Gott, die junge Frau ...“
Es war Pauline. Sie hatte eine große Wirtschaftsschürze und um den Kopf
ein buntes Tuch gebunden.
„Grad’ bin ich mit dem Reinmachen fertig, gnäd’ge Frau ... also bitte
nur herein. Dem Herrn Papa wird’s leid sein.“
Karla stand im dunklen Korridor. Pauline konnte nicht sehen, daß sie
blaß wurde.
„Papa ist nicht zu Hause ...?“
„Zum Schachkongreß ist er gefahren, nach Leipzig. Aber das macht ja
nichts. Kommen Sie nur immer ’rein. So zerstreut ist der Herr Papa.
Keinen Schüler hat er benachrichtigt. Was da alles los war heute!
Zerrissen hätten sie mich fast. Und ich kann doch nichts dafür, nicht
wahr? ... Das kommt alles so plötzlich beim Papa. Hat noch wunderschön
gefrühstückt, Zeitung gelesen und dann auf einmal: ‚Pauline, Handkoffer
... packen, ein bißchen schnell, ... um 10 geht mein Zug ...‘ Na, ich
kenne ihn ja jetzt schon, den Papa. Dagegenreden hat gar keinen Zweck.
Hab’ ihm den Koffer gepackt ... auf drei bis vier Tage rechnet er ja
... na und dann: Gott befohlen! Auf der Treppe hat er noch einmal
kehrt gemacht. Ist gar kein gutes Zeichen ... aber er war ja nicht zu
halten. Die letzte Schachzeitung mußte er noch mitnehmen. Alles hat er
durcheinandergeworfen, und wie ich schließlich die Tür zumache hinter
ihm und aufräumen will, wo liegt die Schachzeitung? ... Unter seinem
Kopfkissen! ... Also ich -- Hut aufgesetzt, Regenmantel um und los, mit
der Elektrischen! Habe ihm das Blatt noch durchs Coupéfenster gereicht!
Das war eine Freude! Ich kann Ihnen sagen ...! Aber nu legen Sie ’n
bißchen ab, gnäd’ge Frau. Ich mach’ Ihnen auch was zurecht: Himbeersaft
mit Selter oder kalte Milch mit ’nem Schuß Kognak ...“
„Danke, danke ...“
Karla war selbst zum Ablehnen zu schwach. Ganz käsig war sie im
Gesicht. Sie saß zusammengesunken auf einem der hübschen Sessel in
Papas Wohnstube, und ihr war, als hätte sie eine lange, lange Reise
gemacht. Sie konnte doch jetzt nicht gleich zurückfahren ... sicher
brach sie dann irgendwo zusammen.
Das Zimmer roch nach Seife, Luft und Bohnerwachs. Der Schachtisch war
mit einer Zeitung zugedeckt. Ein Fußkissen lag noch auf dem Sofa. In
den Ecken sammelten sich graue Schatten.
„Wie das nachstaubt, gnäd’ge Frau ... nicht zu glauben. Mit dem Herrn
Papa seinem Schlafzimmer bin ich zuerst fertiggeworden. Hier habe ich
morgen auch noch zu tun. Aber es eilt nicht. Wo ist denn der Herr
Gemahl ... wenn ich fragen darf? ...“
„Mein Mann hat ein Engagement bekommen, da war ich denn allein, und ...“
Pauline kniff die Augen zusammen und band sich das Kopftuch ab, so daß
ihre breiten Flechten wieder zum Vorschein kamen.
„Naja, freilich ... So ein junges Frauchen. Wenn ich gewußt hätte, daß
ich darf ... aber nicht wahr. Man weiß nicht ... aufdringlich will man
nicht sein ...“
„Nein ... gewiß.“
Karla bemerkte im Haar der Wirtschafterin einen dunklen Schildpattkamm,
der einst der Mutter gehört hatte. Sie wurde sehr rot und stand auf.
„Nein ... nein, das müssen Sie nicht tun ... so weggehen ... das würde
der Herr Papa nicht erlauben! Der Herr Papa hat sehr oft von Ihnen
gesprochen, hat immer gesagt: ‚Ach, wenn doch nur alles vorüber wäre,
Pauline! Meine arme Tochter!‘ ..“
Karla fiel wieder zurück in den Sessel.
„So ... hat er das?“
Aber ihre Stimme klang ganz matt. Gewiß hätte sie es der Mutter nicht
antun dürfen, daß sie hierblieb und sich mit Pauline in ein Gespräch
einließ. Es kam ihr so vor, als wenn Pauline unter der Schürze auch ein
Kleid trüge, das einst der Mutter gehört hatte.
Pauline hat auch so ziemlich dieselbe Gestalt.
Pauline fing Karlas starren Blick auf. Ein bißchen Farbe huschte über
ihre Wangen, verschwand ebenso rasch. Sie machte eine überflüssige
Drehung um sich selbst und lief dann hinaus. Karla legte beide Arme
auf den Tisch und ließ den Kopf auf die Hände sinken. Sie war müde und
sterbenstraurig. Nicht einmal richtiger Zorn wollte in ihr aufschäumen.
Als hätte jede Kraft sie verlassen!
Pauline brachte Zwiebäcke herein und kühle Milch in einer hübschen
Glaskanne.
„Sie müssen sich erfrischen. Stärken. In dem Zustand ... Wann soll es
denn sein, gnäd’ge Frau?“
„In fünf Wochen, denk’ ich ...“
Karla stürzte ein Glas Milch herunter. Pauline schenkte ein zweites ein.
„Aber auch was dazu beißen ... Mutterchen ...“
Karla lächelte. Drollig, wie die Frau sie nannte! „Mutterchen!“ Als ob
... Karla verzog schmerzhaft das Gesicht.
„Na, was denn? ... Wo zwickt’s denn?“
Karla verstand plötzlich den Papa. Wenn sie auch mit ihm so sprach ...
Als ob es das wichtigste wäre, zu wissen, „wo es zwickte“! Als gäbe es
auf der Welt nur diese eine Frage zu lösen! ... So hatte die Mutter nie
zu fragen verstanden und sie selbst erst recht nicht. Aber gut tat es,
so gefragt zu werden ...
Pauline tätschelte Karlas Hand, und Karla zog sie nicht zurück.
„Wissen Sie was, gnäd’ge Frau, ich werde Ihnen jetzt ein bißchen
Abendbrot zurechtmachen ... Immer tüchtig essen!“
„Danke ... ich habe meine Stullen mit ...“
Pauline löste schon die Verschnürung. Sie klappte die dicken
Brotscheiben auseinander.
„Ist man mager. Butter wie abgekratzt, und Wurst -- so dünn, zum
Durchgucken.“
Sie schüttelte ärgerlich den Kopf.
„Das hätte der Herr Papa doch sagen sollen ... Ich weiß viel, wie die
junge Frau lebt.“
„Nein, lassen Sie nur ... ich bin ganz zufrieden.“
„Sie wohl! Aber dann kommt das Kindchen, spindeldürr, und geht Ihnen
drauf beim ersten Zahn! Das wär’ so was!“
Wieder lief sie hinaus. Karla lächelte. Sie hatte doch wohl was von der
Mutter, diese Pauline. Nur weicher war sie. Zärtlicher. Um den Papa
brauchte sie sich nicht zu sorgen. Der war gut aufgehoben!
Die Schatten wallten aus den Ecken, krochen die Wände hinauf,
verhüllten die Bilder, sogen die Sessel in sich ein, den Glasschrank.
Nur das Zeitungsblatt leuchtete noch auf dem Schachtisch am Fenster.
Aus der Küche her zog ein kräftiger Duft von gerösteten Zwiebeln
herein, von warmer guter Butter ...
„So, junge Frau, nun decke ich den Tisch ...“
Die kleine Gaskrone flammte auf; blitzend hob sich das Gedeck vom
weißen Tischtuch ab.
„Immer zulangen! Und jetzt schenke ich Ihnen noch ’n Gläschen Rotwein
ein. Der Herr Papa darf ihn ohnehin nicht trinken. Wozu haben wir ihn
denn dann?“
„Und Sie ... Pauline? ...“
Es machte Karla einige Mühe, ihren Namen zu nennen. Aber nun war es
geschehen, und nun schien die letzte Scheu überwunden.
„Ja, wenn ich darf, gnäd’ge Frau ... Wenn der Herr Papa alleine ist,
dann esse ich auch immer mit am Tisch. Schon um ihn zu beaufsichtigen.
So vernascht ist der Herr Papa! Gar nicht zu sagen! Bringt sich
heimlich Gänseleberpastete aus der Stadt mit. Darf er doch nicht essen,
nicht wahr? Da gibt’s immer mächtigen Krach, wenn ich ihm die Terrine
nach dem ersten Löffel wegnehme!“
Karla lachte jetzt. Ja, vernascht war der gute Papa immer gewesen.
Hatte früher immer allerlei Konfekt in den Rocktaschen mit sich
herumgetragen.
Aber mitten im Lachen wurde sie plötzlich blaß, und ihre runden jungen
Augen weiteten sich.
„Na ... na ... was is denn nun schon wieder?“
Karla faßte sich an die feuchten Schläfen.
„Ist schon vorüber. Mir war nur auf einmal so merkwürdig ... so ...“
Sie streckte plötzlich beide Arme aus und ergriff Paulinens Hand:
„Sagen Sie ... Liebe ... wie ist das, wenn man ... nicht wahr, es kann
doch noch nicht sein ...“
Pauline kniff die Augen zusammen und schüttelte den Kopf. Die junge
Frau da würde doch nicht ... Sie stellte ein paar Fragen. Sachlich.
Kurz. Sie wußte Bescheid -- hatte genug junge Frauen in der Lage
gepflegt. „Geprüft“ ... nein, staatlich geprüft war sie nicht. Nur ein
verständiges Frauenzimmer, das so viel wußte, wie jede Frau wissen
sollte. Und dann ... na ja ... Sie war auch mal Mutter gewesen. Hätte
es besser treffen können; aber nun hatte sie den Mann doch liebgehabt
... Waren jetzt beide längst nicht mehr auf der Welt -- nicht der Mann,
nicht der Junge. Und sie hatte nicht nötig, das auch nur zu erwähnen.
Aber als Schande hatte sie es nie angesehn. Nur als Unglück. Und von
seinem Unglück mußte man immer mal reden. Auch der Herr Papa wußte es.
Freilich, wenn der Junge lebte und sie vielleicht besuchte oder gar an
ihren Rockschößen hinge, würde es ihm nicht lieb sein; denn der Herr
Papa wollte Ruhe haben in seinem Haus und mochte Kindergequak nicht
leiden.
Karla unterbrach. Das waren wenig tröstliche Aussichten für ihr Kind.
Sie fuhr sich über die Augen.
„Ta ta“, machte Pauline. „Wenn’s ein Mädchen ist und sechzehn Jahre
wird, da sollen Sie den Großpapa sehen! ...“
Nun mußte Karla wieder lachen. Auch über Paulinens „Ta ta“. Das hatte
sie doch richtig von Papa angenommen. Wie lange sie denn schon beim
Papa wäre?
„Na, an die vier Jährchen werden es sein. Du lieber Himmel, sah das
aus beim Herrn Papa! Als wenn er mit allen Gegenständen in der Wohnung
Ball gespielt hätte: Im Schlafzimmer fand ich zwei Pfannen und ein
Reibeisen, in der Küche die schönen Hemdknöpfe und das Tintenfaß
aus Onyx, in der Wohnstube lagen Kissen, Kleider und Küchentücher
durcheinander. Bis man da Ordnung machte! Am besten war schon, man zog
aus. Erst wollte der Herr Papa nichts davon wissen, hat zwei Wochen
kein Wort mit mir gesprochen! Na, aber dann -- wie alles hier nett
auf dem Platze stand“ ... Da hätte Karla ihn hören sollen! „Jedem,
der kam, sagte er, daß es schon längst seine Absicht gewesen wäre,
umzuziehen, aber er hätte nur das Richtige nicht gefunden bis jetzt!
Dann aber hätte er seiner Pauline anbefohlen, unverzüglich zu packen!
Und nun hätte er sich nach seinem Geschmack auch alles gestellt und
eingerichtet, und seine Pauline wäre ein ganz brauchbares Frauenzimmer!“
„Ach ja“ -- -- --
Pauline hatte schon längst zu essen aufgehört und stichelte an einem
Nachthemd von Papa, dessen Kragenbund sie erneuerte. Sie hatte ein
lachendes und ein nasses Auge, da sie vom Papa sprach, und ein liebes,
drolliges Lächeln um den Mund.
„Papa war immer sehr unpraktisch“, sagte Karla. „Ich glaube, ich bin so
wie er. Nur äußerlich bin ich Mutter nachgeraten.“
Pauline nickte.
„Das ist so mit Künstlern. Habe ich schon oft gehört. Darum müssen sie
jemanden haben, der ihnen das Haus zusammenhält.“
Karla blieb eine Weile wie in Gedanken versunken. Dann fragte sie
zaghaft: „Wie hält es denn der Papa mit dem Gelde?“
Pauline schüttelte ärgerlich das Nachthemd aus.
„Da fragen Sie zu viel, junge Frau. Ins Portemonnaie bin ich ihm
nicht gekrochen. Wenn ich ihn nicht anhalten würde, daß er mir
Wirtschaftsgeld gibt ... ich glaube, ich sähe im Leben keins!“