Er mußte sie doch wohl sehr liebhaben, daß er das alles konnte. -- -- --

So -- nun endlich war Karla angekleidet. Sah prächtig aus. Sie würde

noch einmal eine schöne Frau werden ... eine wunderschöne Frau. Und mit

ihrer Stimme ....

Altmann wurde wieder besserer Laune. Er wollte auch eine Droschke

nehmen. Karla sollte nicht abgehetzt bei seinen Leuten eintreffen.

Seine Leute hatten ihm die Heirat mit einer Theaterdame ohnehin

verübelt.

Sie hatten ihn für „verständiger“ gehalten. Seine Leute hatten von

jeher an ihm herumkritisiert. Er war immer im Verteidigungszustand

ihnen gegenüber gewesen. Hatte es nur nicht so sehr gemerkt, weil er

nicht in derselben Stadt mit ihnen wohnte.

Und überdies hatte er auch eine so unbegrenzte Hochachtung vor den

Schwestern, daß er sich willig ihrem Urteil unterwarf.

Karla sollte sich nur recht einfach und ruhig geben; nicht zuviel vom

Theater erzählen.

„Ja, wovon denn? Ich kenne doch nichts anderes ....“

Es wurde ihr plötzlich ungemütlich.

„Hätten wir nicht doch lieber erst zu Papa gehen sollen?“ meinte sie.

Altmann zog die Mundwinkel herab. Das bedeutete immer eisige Ablehnung.

„Ich denke, es wird Zeit, Karla. Adele hat sicher ein warmes Abendbrot

bereitet -- wir dürfen sie nicht warten lassen.“

Bei dieser Gelegenheit erfuhr Karla, wie ihre verheiratete Schwägerin

hieß. Sie hatte nie danach gefragt, und ihr Mann hatte den Namen nie

genannt.

Im letzten Augenblick riß Altmann noch ein Federbüschel von ihrem Hut:

„So, Kind .... das ist nicht so auffällig.“

„Aber ....“

Sie hätte fast losgeheult. Ihren einzigen schönen Hut so zu

verunstalten. Pfennig auf Pfennig hatte sie vom Wirtschaftsgeld

abgeknapst, um ihn zu kaufen. Zwanzig Mark hatte er gekostet ....

gerade wegen der Federn! ... Wütend war sie! Und feuerrot vor Ärger.

Er tat, als merke er es nicht.

„Hast du deinen Umhang? Nimm noch ein Tuch mit. Die Abende sind kühl.

Du könntest dich erkälten.“

Immer war er besorgt. Sie lächelte wieder.

Und im Treppenhaus suchte sie es so einzurichten, daß sie seine Gestalt

in dem schmalen Pfeilerspiegel sehen konnte. Wirklich vornehm sah er

aus in dem zweireihigen schwarzen Rock.

Seine frisch rasierten Wangen schimmerten bläulich. Die über der

Nasenwurzel fast zusammengewachsenen Brauen gaben seinem regelmäßigen

Gesicht einen strengen Ausdruck, der gemildert wurde durch die

geschwungene Linie der schmalen Lippen. Freilich -- wenn die Lippen

sich senkten .... dann sah sein Gesicht aus wie eine tragische

Maske. Aber wenn die Lippen lächelten -- wie eben jetzt -- und die

elfenbeinfarbenen, gesunden Zähne sehen ließen, dann ... ja dann war

Karla immer aufs neue bereit, sich in ihren Mann zu verlieben.

In der einen Hand hielt er ein Paar hellbrauner Handschuhe, in

der anderen einen Stock mit silberner Krücke, die sie kurz zuvor

mit Zahnpulver, vermischt mit ein paar Tropfen Kölner Wasser --

blankgerieben hatte.

Er sah ungemein elegant aus.

Und Karla stützte sich auf seinen Arm mit einem Ausdruck fast

herausfordernder Besitzerfreude, und sie machte sich so schwer, drückte

sich so nahe an ihn heran, daß er ihr zuflüsterte:

„Aufpassen, Karla, du zerdrückst meine Manschetten.“

Denn er wußte nicht, was jetzt eben in ihrer Seele vorgegangen war;

wohl aber verlor er nie das Gefühl für die Wirklichkeit und das leise

Bangen vor jeder leichtsinnigen Ausgabe.

Als sie auf die Straße herunterkamen, fuhr gerade der Omnibus vorüber.

„Halt!“ rief er.

Karla machte große Augen, denn sie hatte sich auf die Wagenfahrt

gespitzt. Aber sie wagte keine Bemerkung. Sie hatte nur nicht mehr

dieselbe Freude an ihrem Mann, als sie ihn eingequetscht sah zwischen

einer Frau mit einem Gemüsekorb und einem Kindermädchen mit einem

Schokolade essenden kleinen Jungen.

Es war erstaunlich, wie schmal sich Altmann machen konnte ....

Nun, es war jedenfalls gut, daß er so sparsam war ....

Aber ihre lebhaften braunen Augen starrten sehnsüchtig durch das

Fenster hinaus auf die durch das Abendlicht vergoldete Straße.

Sie kannte nicht viel von Berlin, weil sie in Braunschweig aufgewachsen

und nur ein halbes Jahr beim Papa geblieben war, bevor sie ihr erstes

Engagement angetreten hatte. Aber so schön wie heute war ihr Berlin nie

erschienen. Die prachtvollen Läden, die elegant angezogenen Frauen,

die Cafés, aus denen jetzt schon das elektrische Licht in Garben

herausstrahlte -- das alles verwirrte und berauschte sie.

Und gerade jetzt mußte sie in dem abscheulichen Kasten sitzen .... Wenn

sie wenigstens hätte laufen können -- wie früher ....

Endlich, an der Endstation, hielt der Wagen.

„Nun sind es nur noch ein paar Schritte bis zur Culmstraße“, sagte

Altmann und nahm beinahe zärtlich Karlas Arm.

„Geh nur langsam -- wir haben Zeit ...“

Sie kannte den Ton nicht an ihm und blickte von der Seite zu ihm auf.

Eine ihr fremde Erregung lag in seinem Gesicht.

„Hast du Bammel, sag’?“

Er zuckte zusammen.

„Wieso? Was? Bammel ...?“ Was war das wieder für ein Ausdruck!

„Ich bitte dich, Karla, nimm dich zusammen. Adele und Luise sind diese

Sprache nicht gewöhnt. Sie werden einen ganz falschen Begriff von dir

bekommen. Tu mir die Liebe und laß sie vergessen, daß wir zum Theater

gehören ...“

Karla biß sich mit ihren scharfen Zähnen auf die Unterlippe.

Sind sie denn Gräfinnen, deine Schwestern? wollte sie fragen. Im

letzten Augenblick hatte sie sich noch zurückhalten können. Aber

innerlich lachte sie.

Altmann läutete.

Unter der Klingel im dritten Stock rechts leuchtete ein weißes Schild.

Auf dem stand zu lesen:

~Dr.~ Alwin Maurer.

[Illustration]

Es war die in Berlin übliche Fünfzimmerwohnung. Die Wohnung, von der

es nach der Geburt des zweiten Kindes heißt: Sie ist zu klein und muß

gegen eine andere umgetauscht werden.

Aber das blieb ein frommer Wunsch. Denn erstens vertrug das Einkommen

~Dr.~ Maurers kaum einen Umzug und noch weniger Neuanschaffungen.

Als junger ~stud. phil.~ war er bei Adelens Mutter Kostgänger gewesen

... Mittag zu 75 Pfennig. Nach einem weihnachtlichen Karpfen in

polnischer Sauce blieb er endgültig hängen an der so vorzüglich

kochenden Adele, an ihrer trotz ihrer weißen Haare noch immer schönen,

strengen Mutter, an den guten, gediegenen Möbeln, an dem dünnen, aber

reinen Kaffee, der, stets dampfend, in einer großen, bauchigen Kanne

von einem rotwangigen, drallen Dienstmädchen hereingebracht wurde

und mit seinem Duft eine Wolke von Behagen in alle Ecken des Zimmers

verspritzte.

Alwin Maurer war sich bald bewußt, daß er alles und alle in dem Hause

liebte, und da ihm jede Vergleichsmöglichkeit fehlte, so konnte ihn

nichts von dem Gedanken abbringen, daß er in Adele Altmann die beste

Lebensgefährtin, in Frau Altmann die idealste Schwiegermutter, in Luise

Altmann die netteste Schwägerin finden würde. Blieb noch Ernst Altmann.

Aber der zählte nicht recht. Denn erstens lebte er nicht in Berlin, und

zweitens war er Schauspieler.

Die Altmannschen Damen sprachen nur wenig von ihm, und dann mit

gedämpfter Stimme und vornehmer Zurückhaltung.

Die Altmannsche Vornehmheit hatte für den jungen Philologen ebenfalls

etwas sehr Bestechendes. Sein Vater war Pastor in irgendeinem

schlesischen Bergnest. Viel zu essen gab es nicht in dem mädelreichen

Pastorenhaus -- aber die Bauern zogen höflich den Hut, wenn sie

die Pastorkinder sahen. Man war immerhin was Besonderes. Auch mit

knurrendem Magen.

Vielleicht hätte Alwin Maurer im Hinblick auf seine vier Schwestern

versuchen müssen, sich eine reiche Braut zu ergattern. Die reichen

Bäcker kauften damals gern einen Doktor für ihre Töchter -- aber ihm

lag das Suchen und Sichdurchbeißen nicht. Der warme Kaffeebrodem im

Altmannschen Hause umnebelte ihn, zauberte ihm lichtvolle Bilder einer

glücklichen Zukunft vor.

Arme, hausmütterlich veranlagte Mädchen haben hinwiederum oft eine

verblüffende Technik des Männerfanges, um die sie die raffinierteste

Kokette beneiden könnte. Ihr Appell an die Ehrenhaftigkeit des Mannes

nach einem heimlich geraubten Kuß ist von einer Tragik, die auch den

Widerspenstigsten bezwingt.

Aber Alwin Maurer war gar nicht widerspenstig. Er hatte kaum seinen

Doktor gemacht, als er in die Wohnung, die Möbel, den guten Tisch und

den heißen Kaffee einheiratete.

Doch der Philologenhunger war kaum gesättigt, als Frau Altmann starb.

Mit ihr schwand die Witwenpension, die dem Hause so wohl zustatten

gekommen war. Die magere Lehrerbestallung war nur ein notdürftiger

Ersatz. Aber Luise Altmann half mit. Von früh bis spät lief sie in den

Straßen auf und ab, gab in dem einen Hause Klavier-, in dem anderen

deutschen, in dem dritten Geographie-Unterricht -- gründlich und

billig. Sie rechnete nicht zu Hause und legte all ihr Verdientes in

Adelens Hände. Kaum, daß sie etwas übrigbehielt, um sich eine Bluse

oder ein Paar Stiefel zu kaufen.

Nach der Geburt von Adelens zweitem Kind wurde Luisens kleines

Hofzimmer -- Gemeingut. Der Kinderwagen wurde hineingeschoben, das

Dienstmädchen baute dort ihr Bügelbrett auf, die Hausschneiderin häufte

Berge alter Kleider auf Luisens Bett und rasselte an der ebenfalls in

dem Zimmerchen aufgestellten Maschine. Ob Luise mittags oder abends

heimkam, es roch muffig in ihrem Zimmer -- nach kleinen Kindern,

feuchter Wäsche und alten Stoffen.

Eines Tages erklärte Luise, daß sie eine Stellung als Erzieherin

angenommen hätte:

„Ihr müßt Platz haben, Kinder.“

Vielleicht hatte sie gehofft, man würde ihr abreden, sie nicht

fortlassen. Aber man bewunderte sie nur.

~Dr.~ Maurer war es zufrieden, daß die Schwägerin das Haus verließ.

Ihre Aufopferungsfähigkeit demütigte ihn. Auch war es ihm oft peinlich

gewesen, daß die Schwestern sich in vielen Fragen besprochen und ihn

dann vor die vollzogene Tatsache gestellt hatten.

Je weiter die Hungertage der Studentenzeit von ihm fortrückten, desto

mehr verstärkte sich sein Bewußtsein als Mann und Familienvorstand.

Die „prächtige Luise“ war ein willkommener Gast. Aber mehr als Gast

sollte sie im Hause nicht sein.

Adele kam leichter, als sie gefürchtet, über die veränderte Lage

hinweg. Denn als die Jüngere hatte sie manches Mal Ratschläge anhören

müssen, die ihr nicht immer zusagten. Auch sie sehnte sich nach

„Entfaltung ihrer Selbständigkeit“. Die Zuwendungen der Schwester waren

noch lange Jahre willkommen -- denn ~Dr.~ Maurer war ein Epikuräer.

Das, was ihm einst als ein Gipfel menschlichen Behagens vorgeschwebt

hatte, genügte seinen erwachten Sinnen längst nicht mehr. Und die

größer werdenden Bedürfnisse weckten seinen Ehrgeiz.

Adele, die aufgewachsen war in den Begriffen kleiner Bürgerlichkeit,

fand es selbstverständlich, daß ihr Mann seine zwei freien Abende in

der Woche hatte. Das Geld für einen kleinen Verlust beim Skat und für

etliche Glas Bier mußte einfach da sein. Da verzichtete die Familie

eher auf einen Sonntagsausflug oder Adele auf ein Paar Handschuhe.

Denn vor allem kam der Mann.

Der „vor allem“ mußte anständig angezogen sein und mußte mit ein paar

Silberstücken in der Hosentasche klimpern können. Das gehörte sich so.

Auch Luise war derselben Meinung. Es wurde auch bald selbstverständlich

für ~Dr.~ Maurer. Nur reichten die Silberstücke fast nie so lange, wie

sie sollten. ~Dr.~ Maurer rauchte gern eine anständige Zigarre und

trank lieber Echtes als Lager. Ein paarmal war es vorgekommen, daß er

sich in eine nette Weinstube hatte mitziehen lassen ... Und da machte

er die Entdeckung, daß die Gespräche beim Wein -- wenigstens während

der ersten zwei Flaschen -- viel gehaltvoller und geistiger waren. Daß

auch die sinnfälligen Freuden dieses Lebens in der weindunsterfüllten

Luft weit freundlichere Beurteilung fanden als an dem filzbestreuten

Biertisch. Der Wein regte die Phantasie an, führte in das gelobte Land

unbegrenzter Möglichkeiten.

Alwin Maurer war kein Trinker, aber er war weinfest und gehörte

zu denen, deren Seele hohe Flüge macht, während ihr Körper wie

angeschmiedet vor den sich erneuernden Flaschen verharrt.

Einige Male war es ihm gelungen, die erhöhte Stimmung bis nach Hause

zu retten. Da war es ihm gewesen, als zöge ihn eine unsichtbare Gewalt

zu seinem Schreibtisch. Er nahm die Feder zur Hand und schrieb einen

Aufsatz über individuelle Erziehung. Er erschien bald darauf in einem

Fachblatt und erweckte eine lebhafte Polemik, die sich spaltenfüllend

in der Zeitschrift austummelte. Aber das Honorar bezahlte ihm kaum die

Flasche Niersteiner, die er getrunken.

Als er einige Wochen später einen Aufsatz über die

„Lähmungserscheinungen humanistischer Überbildung“ schrieb, bot er ihn

einer vielgelesenen Tageszeitung an. Die Schriftleitung verlangte,

daß sie bei diesem hervorragenden Artikel ausdrücklich auf seine

Lehrtätigkeit hinweisen dürfte.

„Ja ... gewiß ... selbstverständlich.“

~Dr.~ Alwin Maurer schwebte in den siebenten Himmel ein. Mit einem

Schlage war er berühmt. In seiner Phantasie sprengte das Geld seine

Taschen, und alle Lehranstalten luden ihn auf ihr Katheder.

Der Tag nach dem Erscheinen des Aufsatzes brachte ihm zwanzig Mark

und eine peinliche Auseinandersetzung beim Direktor. Er sollte

„revozieren“, oder er ging der Stellung verlustig und würde irgendwohin

strafversetzt. Denn das Ministerium hatte soeben Material über ihn

eingefordert.

Wie zerschlagen kam er nach Hause. Adele hatte bereits den Besuch

zweier Lehrerfrauen gehabt. Sie war in Tränen aufgelöst und hatte das

Dienstmädchen zu Luise geschickt, um sie zu holen. Denn Luise mußte

helfen, mußte raten. Luise war so klug! Und Alwin ... nein, wie hatte

Alwin sich so vergessen können! ... Luise kam. Alwin Maurer wurde

richtig ins Verhör genommen. Der Aufsatz wurde laut gelesen -- jeder

Satz doppelt und dreifach ausgelegt. Es war fürchterlich, was er da

alles geäußert hatte! Umstürzlerische Ideen waren das! Er erschütterte

die Grundfesten deutscher Jugenderziehung ... er war ein Revolutionär,

ein Sozialdemokrat! ...

Das war damals noch ein Schimpfwort, und Adele hob beschwörend die Hand:

„Nicht zu weit gehen, Luise!“

Aber Luise schob sie aus dem Zimmer. Schließlich brauchte die Frau

nicht dabei zu sein, wenn sie ihren Mann abkanzelte, wenn er so

dastand, richtig wie ein dummer Junge, der was ausgefressen hatte! Und

als der Schwager ihr endlich sein Aneinandergeraten mit dem Direktor

berichtete und daß das Ministerium „Material“ über ihn verlangt hatte,

da schrie Luise Altmann verzweifelt, unter Tränen:

„Revoziere! ... Revoziere!“ ...

Adele wurde gerufen. Sie weinte mit und schrie mit: „Revoziere!

Revoziere!“

Die Kinder wurden hereingeschleppt, die „unschuldigen Würmer“. Die

heulten auch mit, ohne zu wissen, warum. Es war ein Höllenlärm.

~Dr.~ Alwin Maurer, der nichts hatte wissen wollen von irgendwelcher

Zurücknahme seiner Worte, fühlte die zerrenden Finger seines kleinen

Mädchens, seines Jungen ... Um seine Ohren gellte das Schreien der

Kinder, das Jammern der Frauen.

„Revoziere! Revoziere!“ ...

Adelens nasse Wangen lagen an den seinen. Luise drückte krampfhaft

seine Hand, zeigte pathetisch auf das schwarzgerahmte Bild der Mutter:

„Wenn sie das erlebt hätte -- sie, die so viel von dir gehalten!“

Zeigte die alten, gediegenen Möbel, die einst der Inbegriff allen

Behagens für ihn gewesen: „Wovon lebt Ihr denn, wenn du deine Stellung

verlierst, wenn du versetzt wirst? ... Dann kannst du alles für ein

paar Groschen verschleudern ....“

Die Angst kroch langsam aus Alwin Maurers verborgensten Herzenswinkeln

heraus:

„Aber,“ ... stammelte er, „aber“ .... Nichts anderes.

Er ließ sich zu seinem Schreibtisch schleifen. Die Frauen standen ihm

zur Seite: rechts Luise, links Adele. Sie beugten ihre Köpfe über seine

Mappe; die eine reichte ihm Briefpapier, die andere tauchte seine Feder

in die Tinte.

„Revoziere!“

Ihm war, als hätten sie ihm sein Gehirn aus der Schale gelöst und

stocherten mit ihren Fingern darin herum .... Er hatte keinen Gedanken

mehr, kein Gefühl .... Nicht für das Tragische seiner Lage, nicht für

das Lächerliche.

Er schrieb, strich aus -- fing wieder an.

„Ich kann nicht so ....“

Sie nahmen ihm den Atem, die beiden Frauen.

„Wir sehen nicht hin ... schreib nur.“

Aber ihre Körper lehnten an den Ecken seines Tisches, und der Dunst

ihrer Tränen umhüllte ihn.

So revozierte er feige, erbärmlich. „Aus den Zuschriften, die er

erhalten, hätte er ersehen, daß seine Worte mißverstanden worden wären.“

Behauptung für Behauptung nahm er zurück, Wort für Wort. Der Schweiß

sickerte in dicken Tropfen unter dem leicht gekrausten blonden Haar

hervor, rann die Schläfen entlang.

Jetzt noch die Unterschrift.

„Aber das geht doch nicht ... ich kann das doch nicht.“ ...

Luise Altmann legte ihre feste, hagere Hand auf seinen linken Arm.

Adele schluchzte noch einmal drängend auf.

Und dann schrieb er: ~Dr.~ Alwin Maurer. Luise faltete das Papier,

schrieb die Adresse des Blattes auf den Umschlag.

„Ich bringe den Brief selbst in die Redaktion. Morgen früh muß der

Brief in der Zeitung stehen.“

Adele war damals ihrer Schwester um den Hals gefallen. Und sie beide

waren aus dem Zimmer gerannt, als könnte Alwin Maurer ihnen noch im

letzten Augenblick den Brief aus den Händen reißen.

Aber er dachte nicht daran.

Wie erschlagen lag er im Sessel. Und nur seine Augen wanderten voll

Ekel von einem gediegenen Möbelstück zum andern. Altem Plüsch und

morschem Holz hatte er seine Überzeugung geopfert -- der Speisekammer

seiner Frau und dem Autoritätenglauben seiner Schwägerin. Er riß die

Schreibtischlade auf und zerfetzte die Seiten des nächsten Artikels,

den er bereits begonnen hatte. Zerfetzte den Traum, den ein paar Glas

Wein ihm eingegeben und den zu verwirklichen er vielleicht das Talent

gehabt hätte. Und er weinte.

Weinte bitterlich, wie ein kleiner Junge weint, dem die Hand eines

Großen sein Schaukelpferd zertrümmert.

Die Zeitung brachte den Widerruf, mit einigen spöttischen Worten

verbrämt. Der Schuldirektor klopfte ihm auf die Schulter:

„War das einzig Vernünftige, lieber Doktor!“

Die Klasse aber mußte wegen groben Unfugs während seines Unterrichts

zwei Stunden nachsitzen.

Adele kochte ihm eine Woche lang seine Lieblingsgerichte, und Luise

Altmann brachte ihm eine Kiste mit fünfundzwanzig Zigarren, das Stück

zu fünfzehn Pfennig.

Das Leben in der Culmstraße ging weiter, sättigend und behaglich. Luise

„verbesserte“ sich. Sie kam als Erzieherin in ein reiches Haus, hatte

gutes Gehalt und unterstützte nach wie vor den Haushalt der Schwester.

Jedes Jahr um Palmarum kam Ernst Altmann.

Die Schwestern fühlten sich verpflichtet, dem „Zigeuner“ gegenüber

ihre makellose Bürgerlichkeit stark zu betonen. Aber Adele war nicht

unempfänglich für die Theaterbilletts, die sie durch ihn bekam. Auch

war er immer bereit, die Kinder auszuführen, in den Zirkus oder eine

Klassikervorstellung am Nachmittag.

Mit ~Dr.~ Maurer hatte er wenig Berührungspunkte, oder wenigstens

nicht viel mehr, als ein gemeinsamer Bierabend ergibt.

Dem Pastorensohn aus den schlesischen Bergen war die Kulissenwelt

fremd, kaum reizvoll. Immerhin brachte Altmanns alljährliches

Erscheinen in Berlin eine kurze, willkommene Abwechslung in die starre

Regelmäßigkeit der Lebensführung.

Einmal nahm Altmann seinen Schwager zu einem Rennen mit nach

Karlshorst. Keiner von beiden setzte, aber ~Dr.~ Alwin Maurer kam

wie berauscht nach Hause. Er hatte Frauen gesehen, wie er sie nur für

möglich gehalten im Schimmer des Rampenlichts. Vor seinen weltfremden,

erstaunten Augen hatte sich ein Stück gesellschaftlichen Lebens

abgerollt, wie er es nur in dem einen oder andern Roman geschildert

gefunden und als unwahrscheinlich abgelehnt hatte.

Das Lehrerlein in dem engen schwarzen Rock, mit dem Zylinder auf dem

krausen Blondkopf, mochte wohl eine recht komische Figur abgegeben

haben in dem schillernden Bild des grünen Rasens. Eine Dame, von

deren sich ziemlich deutlich äußerndem Beruf Alwin Maurer nur dunkle

theoretische Kenntnis besaß, warf ihm im Vorbeigehen lachend ihr

Veilchensträußchen ins Gesicht. Gar zu herausfordernd naiv sah er aus.

Altmann war froh, als er den sehr widerstrebenden Schwager glücklich

wieder nach Hause bugsiert hatte. Am anderen Tage mußte er aber

Adelens bitterste Vorwürfe über sich ergehen lassen. Auch Luise

schrieb ihm einen empörten Brief. Was war ihm denn eingefallen? Alwin

in solche Umgebung zu bringen! Wollte er durchaus den Frieden des

Hauses zerstören, indem er Alwin Einblick in eine äußerlich vielleicht

verlockende, gewiß aber verderbte Welt gewährte, indem er ihn

mitschleifte dorthin, wo „sich das nackte Laster und alle verbotenen

Leidenschaften die Hand reichten“?

Der Satz war aus Luisens Brief.

Altmann wurde vorsichtiger. In seiner ernsten Verehrung für die

Schwestern fand er kaum ein Lächeln für diese übertriebene Angst. Nein,

gewiß, von ihm brauchten sie für Alwin nichts zu fürchten, obwohl er

nicht glaubte, daß der gute Alwin ...

So? Das glaubte er nicht ...? Na, dann sollte er nur hören!

Bei geschlossenen Türen suchte Adele den Zeitungsartikel heraus. Nun

... was sagte er jetzt? ...

Altmann fand den Artikel ausgezeichnet. Er selbst hatte das

humanistische Gebüffel nicht ertragen und war darum durchgebrannt. Sehr

vernünftig von Alwin, er wollte ihm die Hand schütteln! So viel Mut

hatte er ihm gar nicht zugetraut ...

Erst nach einer ganzen Weile begriff er, daß der Schwager gar nicht

das Recht gehabt hatte, so zu schreiben. Daß es ein Verrat gewesen war

an Frau und Kind, nur entschuldbar durch Alwins Feuertemperament. Aber

wie hatte er sich bezwungen ... mit welchem Opfer hatte er die Ruhe des

Hauses erkauft ... Und Adele legte dem Bruder den Widerruf vor.

Irgend etwas behagte Altmann nicht daran. Aber er mußte es dem Schwager

doch danken, daß er Adele vor Kummer und Sorgen bewahrt hatte. Ja

... vielleicht war das eine größere Tat, als wenn er darauflos

seine Überzeugung herausgeschrien hätte ... Die Schwestern wollten

jedenfalls, daß er das so ansah ...

Und mit den Jahren kam es auch so weit, daß er nicht zu sagen gewußt

hätte, ob Alwin Maurer ein Held oder ein Waschlappen gewesen war. Gewiß

ein Held -- weil er Adelens Mann war. Und noch mehr wurde er in dieser

Annahme bestärkt, als der Zufall das Gespräch einmal auf den Mut der

Überzeugung brachte. Da sagte ~Dr.~ Alwin Maurer, und seine Stimme

war dabei ein wenig belegt:

„Es kann sein, daß der größte Mut darin besteht, sich zu einer

entgegengesetzten Überzeugung zu bekennen.“

Adele und Luise drückten ihm darauf die Hand. Aber er stand vom Tisch

auf und kam den Abend über nicht mehr aus seinem Zimmer heraus.

„Man darf gar nicht daran rühren“, sagte Adele.

Es gefiel ihr eigentlich, daß es in dem glatten, nichtssagenden Leben

ihres Mannes eine wunde Stelle gab.

In wortloser Übereinstimmung hatten die Schwestern aus jenem Vorfall

das „große Erlebnis“ gestaltet, ohne das vielleicht kein Mann auskam!

Aber nun hatte er es. Nun sollte er daran leiden und sich aufrichten ...

So dachten die Schwestern noch heute, nachdem zehn Jahre vergangen

waren.

~Dr.~ Alwin Maurer hatte jetzt eine Art kleiner Tonsur in seinem

blonden Lockenkopf, und sein Gesicht war blaß und verschwommen. Adele

und Luise sahen einander auch heute noch zum Verwechseln ähnlich. Nur

wer genauer hinsah, bemerkte weiße Silberfäden in Luisens dunkelblondem

Scheitel und kleine Fältchen um Adelens Augen. Sie hatten beide die

schmalen Altmannschen Lippen, die geraden dunklen Brauen und zogen in

harter Linie die Mundwinkel herab, wenn sie auch nur innerlich etwas

ablehnten.

Ihres Bruders Heirat lehnten sie beide ab. Aber sie waren wohlerzogen

und höflich. So warteten sie in der Wohnstube, in schwarze Seide

gekleidet, auf das Läuten an der Korridortür.

~Dr.~ Alwin Maurer, im Bratenrock, der an den Nähten spannte, ging

auf und ab, mit auf dem Rücken verschlungenen Händen.

Der Duft des Kalbsbratens umwehte verheißungsvoll seine empfindsamen

Nüstern. Er blickte öfters auf den Regulator. Wenn sie nur zur Zeit

kamen, und das Essen nicht verdarb!

Schließlich war das bißchen „Fraß“ doch das einzige, was das Leben

lebenswert machte ...

Die Klingel schrillte durch die Wohnung ... ~Dr.~ Maurer stürzte

im letzten Augenblick in eine Ecke des Zimmers und warf den hellen

Rohrstock, mit dem er am heutigen Vormittag seinen Stammhalter

verdroschen, unter das braunrote Plüschsofa.

[Illustration]

Karla machte kaum den Mund auf. Sie war gesellschaftlich noch

ungewandt, und die frostige Freundlichkeit der fremden Verwandten ließ

sie zu Eis erstarren.

Luise Altmann fand, daß sie sich bei Tisch nicht recht benehmen konnte,

denn sie schnitt die Kartoffeln mit dem Messer durch und trank, bevor

sie den Bissen im Munde heruntergeschluckt hatte!

Auf das verwandtschaftliche „Du“ wurde bei der Zitronenspeise eine

Flasche deutschen Sekts geleert. Altmann hatte eine elegante Art, die

Serviette um den Flaschenhals zu schlagen und die Gläser nur bis zur

Hälfte vollzuschenken.

Karla bewunderte ihn sehr in dieser Tätigkeit, und verträumt versetzte

sie sich an ihre Hochzeitstafel zurück in der „Krone“. Schön war das

damals gewesen -- und lustig! Wie die Kollegen sich gefreut hatten! So

viel Liebes hatten sie alle gesagt, und so hübsche Trinksprüche waren

gestiegen. Nach dem Kaffee hatte man auch noch ein bißchen gesungen,

vorgetragen und sogar getanzt ...

Der Kalbsbraten und die Zitronenspeise waren gewiß gut geraten, aber es

wollte ihr nichts so recht durch die Kehle rutschen.

Der Altmannsche Typus in seiner dreifachen Spielart bedrängte sie. Die

Vornehmheit und Schönheit ihres Mannes verloren ihren Wert, da sie sie

in den beiden Schwestern wiederfand. Diese Gleichheit reizte sie. Sie

bekam einen roten Kopf.

„Wie fühlst du dich, Karla, hm?“

Es war klar, daß Altmann den Ausdruck innigsten Entzückens für

selbstverständlich hielt. Darum wartete er die Antwort gar nicht erst

ab, sondern sprach weiter mit seinen Leuten -- über die Kredenz, an die

der Vater noch selbst eine Leiste angeklebt und die sich so prachtvoll

erhalten, über Luisens Stellung im Hause der englischen Familie, über

den voraussichtlichen Beruf von seinem Neffen Fritz.

„Dem Jungen mußte ich heute auf Spanisch Mores lehren,“ sagte ~Dr.~

Maurer, „glaubst du es, daß der vierzehnjährige Bengel alte Schulbücher

verkloppt hat, um sich Zigaretten zu kaufen?“

Karla lachte plötzlich los.

Altmann sah sie befremdet und zurechtweisend an.

„Was ist denn so Belustigendes daran?“

~Dr.~ Maurer war in seiner Pädagogenwürde leicht verletzt, aber er war

nicht unempfänglich für das wundervolle Lachen und die blitzenden Zähne

seiner jungen Schwägerin.

„Findest du das etwa in der Ordnung?“

Er lächelte unwillkürlich, beugte sich über den Tisch und bemerkte

dabei, daß sie wunderhübsche, junge, braune Augen hatte, unter kaum

angedeuteten, hilflos und drollig geschwungenen Brauen.

„Nimm dich zusammen“, flüsterte Altmann streng.

Sie kämpfte noch immer mit dem Lachen, das sie schüttelte, wie ein

boshafter Protest gegen all die steife Würde an diesem Tisch.

„Ihr müßt es mir nicht übelnehmen, aber wie der ... der ...“

„Alwin“, soufflierte ~Dr.~ Maurer.

„Ja also, wie der Alwin erzählte, daß sein Junge Bücher verkloppt hat

für Zigaretten, da mußte ich an meinen Verehrer denken ... weißt du,

Ernst, den kleinen Korbach. Der brachte mir wochenlang gefüllte Malz-

und Honigbonbons an den Bühneneingang. Ich wußte immer nicht, wo der

Junge das viele Geld dafür hernahm. Wußte auch nicht, wie er heißt.

Bis er eines Abends -- ich hatte gerade Schnupfen und Husten, und der

Regisseur ließ das Publikum um Nachsicht bitten -- mit Chininpulver in

Oblaten anrückte, am nächsten Tage eine Flasche Emser Krähnchen bei

meiner Wirtin ablud und am dritten Tage Rizinuspillen brachte ...“

Sie schüttelte sich wieder vor Lachen, und ~Dr.~ Alwin Maurer, der

strenge Pädagoge, stimmte ein.

„Apothekersohn? Was?“

Karla nickte.

„Ja ... dreizehn Jahre war das Kerlchen! Saß abends, wenn ich sang, auf

dem Olymp und klaute, was er konnte, um mir seine Liebe zu zeigen ...“

„Empörend!“ sagte Luise Altmann.

„Schrecklich! ... Ja, das Theater ...“, meinte Adele.

~Dr.~ Maurer fuhr sich mit der sehr vollen, kurzfingerigen Hand (ein

Erbteil seines Vaters) durch das Haar.

„Na ... da wird wohl der Junge auch seine Tracht Prügel bekommen haben

...“

„Das hoffe ich“, warf Adele rasch ein. „Du hast doch den Vater

aufgeklärt?“

Karla nickte vergnügt.

„Gewiß. Ich habe den Jungen bei der Hand genommen, bin mit ihm zu

seinem Vater ’rüber, und wie der von Hauen und so gesprochen, da hab’

ich gebeten, er möchte das lassen, und hab’ ihm dafür was vorgesungen.

Er war sehr musikalisch, der Korbach ... nicht wahr, Ernst, du hast

doch auch von ihm gehört? ... Fast eine Stunde haben wir zusammen

musiziert. Zum Schluß haben wir das Duett aus ‚Carmen‘ gesungen ... der

Kleine hat uns begleitet ... famos war das! Von Hieben war natürlich

keine Rede mehr. Und zu Weihnachten, da schickte mir Herr Korbach eine

Reiseapotheke. Riesig praktisch. Ernst benutzt sie auch sehr gern.“

Karla war losgelassen.

Die Schwestern wechselten einen Blick.

‚Unmöglich‘, sagte der. Karla war unmöglich. Jedenfalls in ihren

bürgerlichen Kreisen. Adele dachte an ihre Bekannten: die Frau Lehrer

Wagner, die Frau Oberlehrer Lange, die Frau Rechnungsrat Florian ...

Nein, mit dem besten Willen konnte sie Karla nicht bei den Damen

einführen.

„Machst du Handarbeiten?“ fragte sie, mit einem letzten Versuch, irgend

eine ernste Eigenschaft an der Schwägerin zu entdecken.

„Karla hat wenig Zeit gehabt bisher“, meinte Altmann und dann mit einer

jäh erwachten Hoffnung zu seiner Frau gewendet:

„Oder solltest du doch vielleicht ...?“

Es war verzeihlich. Er war ja erst einige Monate verheiratet.

Aber nein. Karla gestand schamlos, daß sie gar keine Handarbeiten

machen könne; auch mit dem Nähen hapere es.

„Wenn ich erst Geld verdiene, dann halte ich mir eine Flickschneiderin.“

Adele zog die Mundwinkel ein. Eine verheiratete Frau, die von

„Verdienen“ sprach, verletzte alle ihre Begriffe. Wenn nur um Gottes

willen der arme Ernst in dieser unseligen Ehe nicht jedes „Gefühl für

Anstand und Schicklichkeit verlor!“

Altmann faßte seine Frau unter das Kinn.

„Sie ist noch eine kleine Wilde“, sagte er versöhnlich.

Karla wurde ärgerlich. Was hatten sie hier alle an ihr

herumzukritisieren?!

„Warum bin ich eine Wilde?“

~Dr.~ Maurer hob die Tafel auf.

„Na, Kinder, nur immer ruhig. Ärger nach Tisch gibt rote Flecke im

Gesicht.“

Es wurde Kaffee in die Wohnstube gebracht, Bier und Zigarren für die

Herren.

„Ach ja, richtig -- du rauchst ja nicht“, sagte Alwin Maurer zum

Schwager und qualmte seine „Imitierte“ genüßlich an.

„Willst du nicht ein bißchen singen, Karla?“ fragte Luise Altmann.

Karla sah zu ihrem Mann herüber. „Bitte nicht“, schienen ihre Augen zu

sagen. Sie war, weiß Gott, nicht in der Stimmung! Die steif an die Wand

gelehnten braunroten Plüschmöbel, die starren, schwarzen Seidenkleider

und die geraden Brauen schienen ihr eine unüberwindliche Feindseligkeit

auszuströmen.

„Ja, natürlich, sing’ doch ein bißchen was“, munterte Alwin Maurer auf.

Ein paar nette, warme Töne mußte sie -- ihrem Lachen nach zu urteilen

-- im Leibe haben. Er sang selbst gerne, war eine Zeit lang Mitglied

eines Männergesangvereins gewesen und begleitete Luise Altmann oft

in die Konzerte, zu denen ihre Herrschaft ihr zeitweilig ihre Plätze

überließ.

„Alwin versteht sehr viel“, flüsterte Adele, laut genug, daß Karla es

hörte.

„Ich kann heut’ nicht singen ... nein ... wirklich nicht ....“

Man nahm es als übliche Ziererei und beachtete es nicht. Alwin Maurer

räumte das Stehalbum und die zwei Vasen mit künstlichen Blumen von dem

schwarzen Pianino.

„Soll ich die Kerzen anzünden? ... Nein ... das Gas brennt wohl hell

genug ....“

Er blies Karla den Rauch seiner Zigarre ins Gesicht, ohne es zu merken.

„Ich will doch nicht singen“, murmelte sie.

Wie konnte ihr Mann sie zwingen! Nie hätte sie das von ihm gedacht --

nie!

„Komm, komm ....“

Und er schlug leicht gegen das Klavier. Anders hätte er auch einen

Hund nicht herangelockt. Alwin Maurer blätterte in den angegrauten

Notenheften. Da fehlte die erste -- da die letzte Seite.

„Tja .. ich sehe, unser Bestand ist erneuerungsbedürftig. Aber -- da

... Schubert ... Frauenliebe und Leben -- hm? Wie wär’s?“

Karla war keine Liedersängerin. Die kleine, geschlossene Form lag ihren

breit ausladenden Mitteln nicht.

„Nein ... keine Lieder ... die mag ich nicht.“

„Schubert magst du nicht?“

Luise Altmann hob die Augen zur Decke. Nette Sängerin war das! Armer

Ernst ... Was hatte er sich da aufgeladen!

„Habt Ihr nicht etwas von Wagner ... dann ...“

Um Gottes Willen -- Wagner! War ja ganz schön im Opernhause. Aber im

Zimmer -- da zerriß er einem ja die Ohren.

Doch Alwin Maurer wühlte weiter in den Noten. Ja ... doch ... ein

Lohengrin-Auszug ... der mußte da sein. Den hatte er vor einigen Jahren

gekauft, um eine kleine Lohengrin-Parodie für ein Vereinsfest zu

verfassen. Wo war er denn nur ....?

„Da ....“

Eigentlich machte es ihm uneingestandenen Spaß, daß seine Damen sich

ärgerten.

„Los, Kinder, los ...“

Altmanns Finger schlugen hart und trocken auf die Tasten.

Karla stand leicht zurückgebeugt mit unter der Brust verschlungenen

Händen, wie es ihre Art war beim Singen, am Klavier.

Das Gaslicht fiel grell und schonungslos auf ihr zusammengestecktes

Kleid und den unverhältnismäßig breiten Hüftenumfang.

Die Schwestern stießen sich an, und Adele flüsterte:

„Du, ich glaube gar ...“

„Mir scheint auch ...“

Sie waren beide ein bißchen blaß geworden. Das hatte noch gefehlt --

ach, du lieber Himmel!

Ein ganz leises Mitgefühl für Karla regte sich in ihnen. Aber ein noch

größeres für den Bruder. Nicht einmal eine Wohnung, ein Heim hatten

solche Leute. Sie tuschelten leise: Ob schon für das Kind vorgesorgt

war? ... Ob es Wäsche vorfand -- einen Wagen? ... Adele rechnete nach,

was ihr von der Ausstattung ihrer Kleinen übrig geblieben war. ... Acht

Windeln, fünf Hemdchen, neun Sabberlätzchen mochten sich noch erhalten

haben! ... Dazu der Kinderwagen; nur neue Vorhänge waren nötig -- die

schnitt man einfach aus den ausgemusterten Gardinen der guten Stube

heraus ....

„Wenn sie Pflege braucht, so bitte ich um Urlaub ... Man kann das Wurm

doch nicht verkommen lassen ...“

Mit dem Wurm meinte Luise Altmann das Kind, für das die Schwestern

jetzt schon eine gewisse Zärtlichkeit empfanden, weil es ihnen den

Bruder näher brachte.

In ihrem Getuschel entging es ihnen völlig, daß Karlas Stimme nach dem

sechsten Takte umkippte.

„Macht nichts, macht nichts“, beruhigte ~Dr.~ Alwin Maurer gutmütig.

„Vielleicht hat dich mein Rauch gestört.“

Er legte die Zigarre aufs Fensterbrett.

„Nur keine Gêne ... fang’ ruhig wieder an!“

Altmann war rasend. Sogar das Tuscheln der Schwestern entging ihm vor

Arger über Karla.

„So paß doch auf!“

Wie ein ungezogenes, durch zu viel Freiheit verzogenes Kind war sie,

das nach den ersten Schulferien kaum noch die Buchstaben erkennen will.

Er schlug den Takt mit dem Fuß, Alwin Maurer mit der Hand ...

Karlas Augen füllten sich mit Tränen ohnmächtiger Wut.

„Nein ... so kann ich nicht ... so sing’ ich nicht.“

„Quäl’ sie doch nicht“, rief Luise Altmann herüber.

Altmann warf den Auszug in kalter Wut auf das Notengestell zurück.

„Gut, lassen wir’s bleiben!“

Diese Bockigkeit verzieh er Karla nicht so bald! ...

Alwin Maurer schenkte die Biergläser voll.

„Mensch, ärgere dich nicht! Erzählen wir uns lieber was. Waren ja lange

genug nicht beisammen ... Na, Prost! Karla, gebt euch einen Kuß ...“

„Willst du die Wohnung sehen, Karla?“ fragte Adele.

Die Schwestern erhoben sich, Karla folgte ihnen, froh, aus dem Bereich

von Altmanns dunklen Blicken zu kommen. Innerlich frohlockte sie,

daß sie nicht hatte singen brauchen und war gern bereit die Küche zu

bewundern, in der vom Abendbrot noch alles kunterbunt und ungesäubert

durcheinander stand, und die selbstgehäkelten Kanten.

Im Schlafzimmer nahmen die Schwestern sie ins Gebet.

„Ja -- merkt man es denn wirklich schon so sehr?“ fragte Karla.

Sie war unbändig stolz. Und gleich darauf wurde sie redselig.

Schrecklich war das Verheiratetsein, ohne ein Kind zu haben! Man kam

sich eigentlich gar nicht recht verheiratet vor! Ein bißchen was mußte

man doch voraushaben vor denen, die sich zusammentaten, weil sie gerade

auf ein paar Jahre an derselben Bühne engagiert waren! Wenn’s nach ihr

ging, würde sie ein Dutzend Kinder haben wollen. Aber das ginge wohl

nicht, wegen ihrer Stimme. Schreckliche Angst hatte sie, die Stimme zu

verlieren! Dann lieber gar kein Kind! Wenn das passierte -- dann ...

ja, gewiß, dann würde sie ihr Kind nicht mehr ansehen können -- na, und

liebhaben schon gar nicht! Aber sonst -- auffressen würde sie es vor

Liebe! Keinen Augenblick würde sie es allein lassen. Sie würde es sich

schon so einrichten, daß sie es in ihre Garderobe mitnehmen könnte!

Mitten auf den Schminktisch würde sie es legen, und da sollte es ruhig

strampeln. Die Ankleidefrau würde schon aufpassen, so lange sie draußen

war! ...

„Nun, ich hoffe, Ernst wird so vernünftig sein, daß er diesen Unfug

untersagt“, meinte Adele.

Und Luise Altmann fügte hinzu:

„Wir werden mit Ernst sprechen.“

Karlas kurzes Frohgefühl erlosch. Hätte sie doch nichts gesagt! ...

Das hatte sie nun davon! Aber schließlich war sie die Mutter. Sie hatte

doch allein das Bestimmungsrecht. Ihr Mann ... ja gewiß. Aber was

verstand der von kleinen Kindern, von Mutterangst! ...

Mißmutig und mit halbem Ohr hörte sie auf die Aufzählung der

Wäschestücke, die zu einer vollständigen Kleinkinderausstattung

gehörten.

„Ja ... na, das sagt man uns schon im Geschäft.“

„Nein, Karla. Das mußt du selbst nähen“, erklärte Adele. „Ich habe eine

Nähmaschine und will dir gern dabei helfen.“

„Die erforderlichen Spitzen und Stickerei bekommst du von mir“, setzte

Luise hinzu.

Karla dankte nicht. Ihre runden, jungen, hübschen Augen blickten ganz

starr.

Lieber Gott -- warum waren sie nach Berlin gegangen? ...

Luise sagte:

„Du kannst dir ein Beispiel an Adele nehmen. Sie ist eine vorzügliche

Mutter und wird dir von gutem Rat sein ...“

„Wo sind denn deine Kinder?“ fragte Karla mit grollendem Unterton.

„Die schlafen, liebe Karla. Wenn ihr das nächste Mal am Tage kommt,

werdet ihr sie sehen.“

In ~Dr.~ Maurers Haushalt war alles aufs Genaueste ausgerechnet. Der

stete Heißhunger der Kinder ließ sich nicht mit teurem Kalbsbraten

stillen.

Luise Altmann nickte.

„Kinder gehören abends ins Bett und nicht unter Erwachsene!“

Die Damen kehrten zurück zu den Herren.

„Wir gehen“, sagte Altmann und stand auf.

Er hatte immer noch sein kaltes, beleidigtes Gesicht.

„Nimm meinen Arm“, sagte er auf der Straße.

Aber seine Stimme klang messerscharf. Szenen machte er nicht. Aber es

konnte gut sein, daß er acht Tage mit demselben beleidigten Gesicht an

ihrer Seite ging.

Karla schluckte ihre Tränen herunter. Ein grauenhafter Abend war das

gewesen! Nur gut, daß sie nicht gesungen, daß sie ihre liebe, schöne,

jubelnde Stimme diesen Menschen nicht hergegeben hatte!

Morgen ging sie zum Papa! Auf den freute sie sich. Auf ihren

zierlichen, eleganten, feinen Papa ...

Altmann mußte ihr die Nadeln aufmachen. Er tat es, als ob er ein

gleichgültiges Paket aufschnüre.

„Luft“ war Karla heute für ihn ... Luft! Und nicht heute bloß. Es

sollte ihr nicht so bald einfallen, sich derartig widerspenstig zu

benehmen. -- -- --

„Na ... was sagst du?“ fragte Adele im ehelichen Schlafzimmer ihren

Mann.

Er zuckte die Achseln:

„Verrückt! Hätte deinen Bruder für keinen solchen Phantasten gehalten.

Wenn man ihn hört, so gibt es nächst der Lucca kein solches Genie wie

seine Frau! So weit ich urteilen konnte ... ganze hübsche Töne ... aber

-- es war doch kläglich. Weder Breite noch Schwung, und kaum klettert

sie in die Höhe, kippt sie um, kiekst. Wenn sich der gute Ernst nur

nicht verrechnet!“

Adele bürstete ihr recht spärlich werdendes blondes Haar.

„Wenn man für Ernst irgend etwas finden könnte ... irgendeine sichere

Stellung. Denn jetzt, wo noch Familie kommt ...“

„Au weh! Das ist unter Umständen bitter!“

Er dehnte sich behaglich in seinem Bett. Immerhin -- unmittelbare

Not hatte er nicht kennengelernt, in der sicheren Umfriedung seiner

bürgerlichen Genügsamkeit.

„Wer nimmt denn einen Schauspieler? Wo bringt man den unter?“

Adele schlug mit der Bürste heftig auf ihren kleinen Frisiertisch.

„Wenn ich nur wüßte, was er an der gefressen hat ... wenn ich das nur

wüßte ...“

~Dr.~ Maurer erstickte mit der kaum entfalteten Abendzeitung die

Kerzenflamme und drehte sich auf die andere Seite.

„Da fragst du viel ...“, sagte er gähnend.

Aber die Frage ließ ihn doch nicht gleich einschlafen. Sie erweckte ein

wunderschönes, junges Lachen in seinem Ohr und zauberte ihm das Blitzen

prachtvoller Zähne zwischen frischen, roten Lippen vor die Augen.

[Illustration]

Papa hatte einen allerliebsten Teetisch vorbereitet. Über dem weißen

Tischtuch lag dämpfend ein bläulicher, silbergestickter Gazeschal.

Die ganz feinen Meißener Tassen hatte er aus dem Glasschrank geholt

und das schwere Silberkörbchen für das Gebäck von Kranzler: kleine,

zuckerbestreute Küchelchen, die auf der Zunge schmolzen.

In einer Kristallflasche schillerte topasfarbiger Wein, der in den

Fassetten der geschliffenen Gläser auffunkelte. Die Nachmittagssonne

spielte auf den Goldfransen der buntseidenen Kranzschleifen,

die zwischen goldgerahmten Photographien hingen. Es waren viele

Berühmtheiten darunter: große Sänger, Sängerinnen, Schauspieler,

Tänzer und Tänzerinnen. Den Ehrenplatz nahm das Bild des berühmten

Schachspielers Anderssen ein, mit einer Widmung in verblaßter Tinte aus

dem Jahre 1860.

Vor dem breiten Fenster, umflossen von Sonne, erhoben sich

zierlich geschnitzte Figuren auf einem Schachtisch, und auf einem

Stehbücherbrett häuften sich gebundene und ungebundene Jahrgänge

der Deutschen Schachzeitung sowie einschlägige Werke, wie „Theorie

und Praxis der Endspiele“ von J. Berger, Cordels „Führer durch die

Schachtheorie“, das „Lehrbuch“ von Lange und andere.

Es roch gut bei Papa -- nach sehr feinen Zigaretten und irgendeiner

Essenz, die Karla noch nicht kannte.

Papa kam ihnen entgegen in einem knappen, grauen Gehrock, zu dem er

eine weißseidene Lavallièrekrawatte trug. Er hatte eine gepflegte

kleine Hand, deren linken Zeigefinger ein länglicher, von Rauten

umgebener Emaillering zierte. Seine Füße staken in tiefausgeschnittenen

Lackschuhen, die den hechtgrauen Florstrumpf sehen ließen.

Unter silberweißem gelockten Haar sprühten kluge, runde, braune

Augen hervor. Er war ungemein zierlich und behende, und nur ein

rasch unterdrücktes Verziehen der Lippen deutete auf zeitweilige

Schmerzempfindung.

„Das freut mich, daß ihr endlich da seid ... das freut mich.

Willkommen, lieber Schwiegersohn; machen Sie sich’s bequem ... Sie

müssen vorlieb nehmen. Ein alter Garçon, da haperts überall.“

Karla war befangen. Die Wohnung war ihr fremd und die Art ihrer

Einrichtung. All die von der Mutter kostbar gehüteten und im

Glasschrank verwahrten Nippsachen standen offen herum. Die Bezüge waren

von den Stühlen entfernt, so daß die ehedem so streng verwahrte Pracht

leichtfertig ihren verblaßten Glanz zeigte.

Karla wagte es kaum, sich auf den gelbseidenen Sessel zu setzen.

Aber Papa tätschelte ihren Arm.

„Na ... Kleine ... erkennst du nichts mehr? Das ist doch Adolar ...“

Nun lachte Karla. Richtig, Adolar ... der Sessel, mit dem sie ihre

Liebesszenen gespielt, den sie hatte umfangen, vor dem sie hatte knien

müssen.

„Adolar ... du Guter!“

Sie hatte ihn nur unter grauem Bezug gesehen und fühlte die Ohrfeige

noch heute, die die Mutter ihr verabreicht, als sie in Backfischübermut

den Bezug einmal abgenommen, um zu probieren, „wie es sich auf Seide

sitzt“.

Mutters Geist hatte jetzt zu herrschen aufgehört. Das sah sie an dem

Gebrauch des kostbaren Teeservices, an der Nutzbarmachung aller einst

so geschonten Gegenstände. Aber wie gut auch der Papa da hineinpaßte!

...

Er schenkte den Tee ein, die Sahne, mit anmutig wippenden Bewegungen,

reichte das Silberkörbchen herum in schwebendem Gleiten seines

gerundeten Armes.

Karla streifte ihren Mann mit einem zagen Seitenblick. Wie ein Denkmal

saß er da in seiner steifen Unbeweglichkeit, mit seinem schönen,

starren Gesicht.

„Besten Dank, Papa ... bitte bemühen Sie sich nicht ...“

Sie hatten nicht gleich im ersten Augenblick das „Du“ gefunden. Und nun

blieb’s beim „Sie“, das ein paar Meter Entfernung zwischen sie legte.

Papa knabberte mit seinen sehr weißen Porzellanzähnen an dem Gebäck und

schlürfte den Tee mit leisem Vibrieren seiner feinen Nasenflügel.

„Tja ... meine lieben Kinder ... Ihr wollt also das große Ereignis hier

in Berlin abwarten? Charmant, charmant. Ich hätte mich ja noch gern ein

Weilchen geduldet mit Großvaterfreuden, denn ... eine noch unsichere

Karriere gleich mit Elternsorgen zu beginnen, das ist ... na ja ...

Aber natürlich, lieber Schwiegersohn, will ich Ihrer Beurteilung der

Sachlage nicht vorgreifen. Meine gute Frau hätte ja am liebsten ein

Dutzend solch kleiner Schreihälse und Freßmäuler gehabt ... tja ... Da

muß man eben den tauben Mann spielen. Im Interesse des Hauses und ...

tja ...“

Papas tenorale Stimme durchdrang den hellen Raum wie eine

Kindertrompete. Gleichzeitig klopfte er Karla liebevoll auf die Wange.

„Armes Kind! War es so pressant? ... Tja ... das Temperament ... das

verflixte Temperament! ... Das ist ein Erbteil ihrer Mutter. Ein Vulkan

war meine gute Frau -- ein Vulkan! Hat uns kurz gehalten, deine gute

Mutter, wie?“

Er führte Karlas Fingerspitzen an seine Lippen und knabberte ein neues

Küchelchen an.

„Mein lieber Schwiegersohn, als meine gute Frau starb, da blieben wir

zurück -- Karla und ich -- wie zwei Vögel, die Jahre lang im Dunkel

gehalten -- plötzlich freigegeben worden sind. Wir wagten uns die

ersten Tage kaum an den verschlossenen Schrank der Kredenz ... nicht

wahr, mein Kind? Erst ganz allmählich und nachdem Karla mich verlassen

hatte, erwachte ich aus der Erstarrung, ergriff sozusagen Besitz von

dem, was mir gehörte. Der Umzug in diese helle freundliche Wohnung

machte ein übriges. Tja ... und nun finde ich auch, daß das Leben recht

erfreuliche Seiten hat, wenn man ein bißchen an sich selbst denken

darf.“

Altmann wollte einwerfen: Sie hatten aber noch ein Kind, und dieses

Kind darbte. Aber er fühlte, daß er dem alten Herrn damit nicht kommen

durfte. Vielleicht hätte er in der Jugend alles verpraßt, wenn die Frau

ihm sein bißchen Gut nicht mit erbarmungsloser Strenge zusammengehalten

hätte. Im Alter war er eben selbstsüchtig und genüßlich geworden.

Karla führte die schöne Tasse mit heimlichem Herzklopfen zum Mund. Wenn

die Mutter sähe, wie so das feine Geschirr ...

Indem stieß sie mit Altmanns Hand zusammen, der ihr den Korb mit Gebäck

reichte, und in der Angst, ihr Schwarzseidenes könnte einen Fleck

abbekommen, lockerten sich ihre Finger, und die Tasse fiel zu Boden.

„O Gott! ...“

Papa winkte mit der Hand.

„Macht nichts, macht ja nichts. Bist eben immer noch das kleine

Trampeltier. Aber Scherben bedeuten Glück -- also nur kein Drama ...

bitte, ja kein Drama!“

Er streckte die Hand aus und läutete mit einer silbernen Klingel. (Die

Klingel hatte früher in Karlas Kindheit das Christuskind eingeläutet.)

Gleich darauf, so rasch, als hätte sie hinter der Tür gestanden, um zu

lauschen, kam die Wirtschafterin herein.

„Bitte, Pauline, ein kleines Malheur ....“

Pauline kehrte gleich darauf mit Tuch und Schaufel zurück und beugte

sich über die Tasse. Dabei rauschte ihr gestärkter Unterrock, und die

goldene Uhrkette glitzerte auf ihrem Kleid aus gediegenem braunen

Wollstoff. Ein für ihre Gestalt fast allzu zierliches Tändelschürzchen

deutete ihren dienenden Stand nur flüchtig an.

„Gott, ist mir das unangenehm“, klagte Karla.

„Aber das macht doch nichts, gnädige Frau, das Dutzend ist ohnedies

nicht mehr vollständig. Da fehlt ein Henkel, dort ein Eckchen ... Aber

der Herr Papa will doch eben nur die guten Sachen benutzen.“

Der Papa klopfte ungeduldig auf die Tischplatte.

„Sind Sie bald fertig, Pauline?“

„Gleich, Herr König, gleich ... ich will der jungen Frau nur noch das

Kleid ein bißchen abwaschen, das hat auch einen Spritzer abgekriegt.“

Karla hielt unter den energischen Fingern von Pauline und den

mißbilligenden Blicken von ihrem Papa und ihrem Mann still. Es würgte

sie etwas am Halse.

Wo war der Papa? Ganz, ganz weit weg war er. Und sie glaubte plötzlich

nicht, daß es ein Ischiasanfall gewesen war, der ihn von ihrer Hochzeit

ferngehalten hatte. Dem Haar, dem Kleid der Wirtschafterin entströmte

der kräftige Duft einer gesunden, gepflegten Frau. Ein hübscher Ring

schmückte einen Finger ihrer rechten Hand.

„Na also, Pauline ....“

„Bin schon fertig.“

Ein Lächeln lag um den energischen, aber hübschen Mund. Die kleinen,

grauen Augen blitzten lustig auf.

„Bin schon fertig.“

Sie eilte sich gar nicht. Und ihr Rock wippte über dem krachenden

Unterrock herausfordernd hin und her.

Es blieb eine Weile still im hellen Zimmer.

„Tja ... eigentlich eine Perle ...“, sagte endlich der Papa und gab

seiner weißen Krawatte einen kleinen Stüber. -- „Wenn man so verwöhnt

war wie ich ... Karla tat ja auch ihr möglichstes ... aber so ein

junges Ding, nicht wahr? ... Tja ... da habe ich richtig das große

Los gezogen. Sie kam als Pflegerin zu mir, als mich ein scheußlicher

Gichtanfall befiel ... tja ... na, und dann blieb sie, Gott sei Dank.“

Er schenkte die Gläser voll.

„Also, alles Gute, meine lieben Kinder ... alles Gute!“

Die Primadonna · 第 11 / 51 题