Jetzt durfte er es erfahren: „Wir kriegen ein Kind ... ein Kind!“

[Illustration]

Nach Palmarum übersiedelte Altmann mit Karla nach Berlin.

Dort konnte man am billigsten leben und am besten untertauchen.

Er pflegte auch sonst immer um die Zeit bei den Theateragenten

vorzusprechen.

Diesmal wollte er den Boden für Karla beackern.

Sie stiegen in einem kleinen Hotel der Friedrichstadt ab. Hofzimmer,

drei Treppen.

Wenn Karla ans Fenster trat, blickte sie auf schmutzige Glasscheiben

und geschwärzte Eisenstangen. Ein einziges trübes elektrisches Birnchen

brannte hoch oben an der Decke. Sie sah kaum das Nötigste beim

Auspacken.

Zum Abendbrot hatten sie sich bei Altmanns Schwager angesagt.

Es war Zeit, daß Karla die Familie kennen lernte. Sie zog das

„Schwarzseidene“ an. Aber es machte ihr Mühe. Altmann mußte

hinuntergehen und Sicherheitsnadeln holen. Mit einem seiner breiten

schwarzen Schlipse ließ sich die nötige Brustweite provisorisch

herstellen.

„Na ... Du gehst ja ordentlich in die Breite!“

Er lächelte. Aber die Nervosität konnte er nie ganz verbergen, wenn

sich Karlas Zustand bemerkbar machte.

Es war doch eine katastrophale (er brauchte das Wort gern) Störung!

Karlas Stimme war merkwürdig zeitig in Mitleidenschaft gezogen worden.

Es gab Schwankungen, leichte Belegtheit. Ja, es war vorgekommen, daß

sie unrein gesungen hatte!

Der Direktor stand, die Hände in den Hosentaschen, in der zweiten

Kulisse und lächelte gallig.

„Hast’s nötig gehabt, Mädel ....“

Auch schauspielerisch hatte Karla immer weniger hergegeben.

Aus Angst, es könnte ihrem Kinde schaden.

Frau Leben, mit der sie Freundschaft geschlossen, war ihr eine strenge

Beraterin geworden.

Karla trug kein Korsett mehr, weil sie es ihr verboten hatte. Sie hatte

sich auch früher von der Bühne zurückgezogen, als es sonst üblich war.

Ihre Gage fehlte merkbar, und die Kammer wurde aufgegeben. Um Wäsche zu

sparen, legte Altmann zu Hause stets Kragen und Manschetten ab. Karla

fühlte plötzlich einen Druck.

Und sie war froh, als es hieß: Berlin.

Da hatte sie doch den Papa und die Schwestern ihres Mannes. Sie kannte

sie nicht, aber sie war besten Willens, sich ihnen anzuschließen. Denn,

ohne daß sie es zugab: die Abende waren ihr recht tot erschienen in den

letzten Wochen.

Klanglos war sie untergetaucht in der grauen Menge und dem stumpfen

Alltag. Sie war nahe daran gewesen, sich zu vernachlässigen, den ganzen

Tag im Schlafrock herumzulaufen.

Und wenn sie übte, dann weinte sie oft. Manchmal wurden ihr die

Schläfen feucht, wenn sie daran dachte, daß sie die Stimme verlieren

könnte.

Lieber sterben, als die Stimme verlieren! Lieber ....

Sie war doch verrückt gewesen, sich ein Kind zu wünschen. Verrückt! ...

Frau Leben hatte ihr dann immer den Kopf zurechtsetzen müssen.

Jetzt kam es vor, daß sie von der Zukunft zu sprechen anfing: Wenn

„das“ erst vorbei wäre, dann müßte sie doch gleich ins Engagement. Ob

sich die Gastspiele verschieben ließen?

„Du machst das schon, Ernst, nicht wahr? ...“

Sie schmiegte sich an ihn, und er versuchte sie zu trösten, ihr die

Angst wegzuscherzen, Luftschlösser aufzubauen ....

Die Primadonna · 第 10 / 51 题