Alle Rechte, auch das der Übersetzung, vorbehalten.
Copyright 1921 by August Scherl G. m. b. H., Berlin.
Druck von August Scherl G. m. b. H., Berlin SW 68.
Als Karla König die Gestalt ihres Mannes durch die staubgraue
Glasscheibe des Künstlereinganges erblickte, wurde ihr lebhaftes,
junges Gesicht dunkelrot.
„Du, denk dir ... wir kriegen ein Kind!“
Fast hätte sie es laut herausgeschrien. Aber weil nun die Kollegen und
Kolleginnen vom Schauspiel an ihrem Manne vorbeidrängten, preßte sie
die Hand in dem weißen Zwirnhandschuh gegen die vollen, roten Lippen.
Ihr Mann war zweiter Held und Liebhaber. Keine große Nummer, aber ein
vorzüglicher Sprecher und eine vornehme Erscheinung. Sie schwärmte für
Vornehmheit. Die Kollegen hielten große Stücke auf ihn, weil er bei
vorkommenden Streitigkeiten mit der Direktion stets ihre Interessen
vertrat und durch seine überlegene Ruhe manchen Konflikt gütlich
beilegte.
Genau wußte man sein Alter nicht, aber man gab ihm mehr Jahre, als er
hatte.
Eines Tages kam er Arm in Arm mit Karla König zur Opernprobe und
stellte sie als seine „Braut“ vor.
Der Direktor gratulierte lau.
Eine halbe Stunde später ließ er sie in sein Bureau kommen.
„Hast du den Verstand verloren, Mädel?“ -- So empfing er sie.
„Aber ...“
Sie blickte ihn ganz verschüchtert an und versuchte vergeblich, den
Kragen ihres Kleides zu schließen, den sie beim Singen während der
Probe gelockert hatte.
Sie war für ihn das kleine Mädchen, das er rücksichtslos anschnauzte,
wenn es sich was zuschulden kommen ließ. Aber sie war auch seine
„Entdeckung“, auf die er stolz war.
Streng hielt er sie. In eisernen Klammern. Hungergage. Aber erste
Partien. Einmal, während der Lohengrinprobe, wurde sie ohnmächtig.
Seitdem schickte er ihr aus einem guten Speisehaus an Tagen, da sie
Wagner sang, reichliches Essen.
Ihr Brustkasten war noch zu schmal. Aber „Singen entwickelt“. In ein
paar Jahren war sie eine allererste Kraft. Ein Geschenk, das er der
Musikwelt machte. Er hielt sie mit Vorliebe am Arm, tastete mit seinen
behenden und erfahrenen Fingern die Zunahme einer ersprießlichen
Rundung ab.
„Sag’ mal, Mädel, bist du ganz von Gott verlassen? Mit dem Altmann, dem
Ernst Altmann, verlobst du dich ...? Hat’s gebrannt? Was hast du an ihm
gefressen?“
Sie stand sehr verwirrt und sogar ein bißchen erblaßt zwischen den
roten, grauschimmernden Samtsesseln. Was sollte sie antworten? Sie
wußte selbst kaum, wie alles gekommen war. Altmann hatte sich vor einem
halben Jahr erboten, ihr Sprechunterricht zu geben, sie Vortrag zu
lehren.
„Man versteht Sie nicht, Kleine ... Schade um Ihre Stimme. Zahlen
brauchen Sie nicht. Als Kollege ...“
Also war sie in seine zwei möblierten Stuben gekommen, verschüchtert
auch da. Aber lerneifrig und von verblüffender Auffassungsfähigkeit.
Wie verwandelt war sie in den abgeleierten Partien. Die schalen, alten
Worte gewannen neues, heißes Leben.
Altmann drückte beim Direktor eine kleine Erhöhung ihrer Gage durch,
und vor der Stunde setzte er seiner Schülerin ein Glas Milch vor und
dickbelegte Stullen. Wenn sie recht satt war, sang sie hinreißend. Mit
der Leidenschaft eines erfahrenen Weibes.
Er mußte dämpfen. Wie ein junges, wildes Tier war sie, das er an die
Kette legen mußte, damit es ihn nicht umwarf und zu Schaden brachte.
Abends zur Vorstellung ließ er es los und hetzte es auf das Publikum.
Wenn sie mit leuchtenden Augen, froh wie ein müdgespieltes Kind, den
Nachhall des brausenden Erfolges noch im Ohr, aus ihrer Garderobe trat,
stand Altmann wartend vor ihr.
„Wie war’s?“ fragte sie scheu und stolz.
„Schlecht. Hundeschlecht. Knöpf’ die Jacke zu -- du erkältest dich
noch.“
Er duzte sie nach Theaterart. Hauptsächlich, weil er ihr Lehrer war.
In seiner Stimme lagen Sorge und Groll. „Die Esel draußen“ verdarben
ihm das Mädel noch, wenn das so weiterging mit dem blödsinnigen
Herausrufen und den überschwenglichen Besprechungen unverwöhnter
Provinzliteraten. Dann wurde sie größenwahnsinnig und verkam. Also --
dämpfen.
Und während er ihr haarscharf auseinandersetzte, wie unklar und
überhastet sie die Arie des zweiten Aktes gebracht, wie ausdruckslos
sie in der Sterbeszene des Finale gewesen, wie matt ihr „Für dich,
Geliebter!“ geklungen, während er ihren Gang, ihre Armbewegungen
unbarmherzig bekrittelte, folgten auf der anderen Seite der Straße
Gymnasiasten, Ladenfräulein, junge Polytechniker und Musikschülerinnen
ihrem angebeteten Liebling, Karla König, bis zur nächsten Straßenecke.
Dort riefen sie: „Hoch Karla König! Hoch!“ und stoben auseinander.
Durch die Nachtluft sausten ein paar Sträußchen, halb versengt von den
heißen Fingern, die sie den Abend über krampfhaft gehalten.
Sie wagte es nicht, sich nach den Blumen zu bücken; und er stieß sie
mit dem Fuß achtlos zur Seite. Das Herz klopfte ihr zum Zerspringen,
sie hielt mit Mühe die Tränen zurück.
„Was ist denn? Bist du beleidigt, weil ich dir die Wahrheit sage? Wenn
du willst -- gehe ich morgen in den nächsten Laden und kaufe dir den
schönsten Blumenkorb. Aber dann auch -- Adjö! Na -- so sprich doch ...“
Sie hatte Hunger. Ganz gemeinen Hunger. Wie immer nach der Vorstellung.
Er wußte, was sie bei ihrer Wirtin erwartete: zwei dünne Scheibchen mit
harter Wurst oder Käse belegt.
„Komm zu mir ’rauf -- wir essen zusammen.“
Es war nicht das erstemal. Ins Wirtshaus ging er nicht mit ihr. Sie
sollte nicht die üble Luft und den Zigarrenrauch einatmen.
Er selbst hatte überdies starke häusliche Instinkte. Seine Wirtin war
gut abgerichtet und der Tisch gut bestellt bei ihm. Er brauchte nur ein
Gedeck mehr aufzulegen, es langte für mehr als für zwei.
Und sie ließ sich nicht bitten. Ging mit, biß ein, mit blitzenden
Zähnen, während er ihr zusah, nachdenklich und fast ein wenig gerührt.
Allmählich suchte sie, es ihm gemütlich zu machen: stellte das Wasser
auf in der Küche, bereitete ihm Grog oder Tee, strich ihm die Butter
aufs Brot.
Sie hatte etwas Hausmütterliches, an dem er sich erfreute. Und sie war
anschmiegend, wenn sie satt war, wie eine schnurrende Katze.
Eines Abends hatte es in Strömen gegossen; sie fragte sehr besorgt, ob
er sich nicht nasse Füße geholt hätte. Ehe er sich’s versah, brachte
sie ihm die Hausschuhe aus der Schlafstube.
Er wurde ärgerlich.
„Was machst du denn?! Ich mag so etwas nicht leiden.“
Aber im tiefsten Innern empfand er es angenehm. Wie ein freundliches
Erinnern. So war es in seinem Elternhause üblich gewesen. Mutter stand
hinter der Gardine und spähte auf die Gasse hinaus. Wenn der Vater an
der Ecke sichtbar wurde, stellte sie je nach der Jahreszeit die Filz-
oder die leichten Schuhe aus Segeltuch bereit.
Er fragte nach Karlas Eltern. Zum erstenmal.
Der Vater war Tänzer gewesen. Zar Alexander der Zweite hatte ihm eine
goldene Uhr geschenkt, mit Brillanten. Die Mutter hatte die Brillanten
ausbrechen lassen und verkauft. Die Mutter war eine große, stattliche
Frau gewesen, sehr energisch. Sie selbst hatte Karla den ersten
Gesangunterricht gegeben. Die Ohrfeigen waren dabei in aller Liebe
rechts und links um ihre Wangen geflogen. Die Mutter wollte sie zur
Operette bringen. Aber der Vater hielt nur von großer Kunst etwas.
Ein Dresdener Hofopernsänger, mit dem er, wenn auch in verschiedener
Art, jahrelang in Braunschweig gewirkt hatte, versprach ihm, sich der
Kleinen anzunehmen und sie für die Oper auszubilden. Der erste Brief an
Karlas Eltern lautete: „Was wollt Ihr eigentlich? Das Mädel hat nichts
bei mir zu lernen. Die Stimme sitzt so natürlich und gut, daß unsere
großen Sängerinnen bei ihr in die Schule gehen könnten! Ihr Temperament
ist unbändig. Sowie wir hier eine Vakanz haben -- bringe ich sie
unter.“ Um die Zeit erkrankte die Mutter und starb. Karla mußte die
erste Zeit beim Vater bleiben, der sich nicht zurechtfand im Leben ohne
seine energische Gefährtin.
Aber er wollte nicht, daß sie ihre Zeit bei ihm verlor, und gab ihr
Unterricht in seiner Art. Wenn sie auch nicht mehr auf die Hofoper
rechnen durfte -- ihr Handwerk mußte sie auch für eine kleine
Anfangsbühne beherrschen. Er stellte Stühle im Zimmer auf, vor denen
sie sich verneigen, niedersinken lassen mußte. Der eine war ihr
Liebhaber, dem sie sehnsuchtsvoll die Arme entgegenbreitete, der
andere ihr Feind, auf den sie sich mit einem Dolch stürzte. Sie mußte
in Ohnmacht fallen oder der Länge nach wie tot hinschlagen. Einen
besonderen Spaß machte es ihr, sich zu vergiften.
„Damit habe ich auch meine größten Erfolge gehabt.“
Altmann liebte es aus erzieherischen Gründen nicht, daß sie je von
ihren „Erfolgen“ sprach. Aber diesmal -- weil es gar so kindlich klang,
ließ er es durchgehen.
Ihre Wangen glühten. Sie hörte zu essen auf, und sie dachte daran,
wie sie dieses Engagement bekommen. Auf einer „Schmiere“ hatte der
Direktor sie gesehen, im „Troubadour“. Ihretwegen hatte er bis zum
Ende der Vorstellung ausgehalten, hatte ihr dann gleich einen Kontrakt
vorgelegt, auf fünf Jahre. Nun war sie schon vier Jahre in der
norddeutschen Hafenstadt; die glanzvollen Besprechungen hatten manchen
Agenten auf sie aufmerksam gemacht, ihr manches Angebot eingetragen.
Aber der Direktor ließ sie nicht gehen. Zum Kontraktbruch fehlte ihr
der Mut. Und schließlich war sie auch ganz zufrieden. Die Galerie
brüllte sie unzählige Male heraus, junge Mädchen warfen ihr Blumen zu.
Wenn sie auftrat, waren alle guten Logen besetzt, und zu Weihnachten
schickten ihr die ersten Familien Geschenke: Wäsche, Wurst, wollene
Strümpfe; manchmal auch einen goldenen Armreif oder eine kleine
Brosche. Eingeladen hatte sie freilich noch niemand. Es war hier nicht
Sitte, mit den Theaterleuten zu verkehren. Sie hätte ja auch nicht viel
Zeit gehabt. So war Altmann eigentlich der einzige, der sich persönlich
ihrer annahm, der sich um sie sorgte.
Aber das konnte sie dem Direktor nicht alles so in Kürze erzählen. Sie
fand nur einen Satz:
„Er war doch immer gut zu mir, der Altmann ...“
Im Grunde -- und das brachte den erfahrenen alten Direktor in Harnisch
-- bildete sie sich sogar was darauf ein, daß er sie für würdig
erachtete, seine Frau zu werden.
„Ich werde auch gewiß einen großen Weg machen, dafür wird er schon
sorgen, der Altmann ...“
„Na ja ... dann ist’s ja gut.“
Der alte Herr kehrte ihr den Rücken. Schade ... schade um seine Mühe,
das Interesse ... das teure Essen aus dem Gasthaus....
Nun kam ein anderer und pflückte die Früchte!
„Sie können gehen, Fräulein König.... Aber vergessen Sie nicht, daß Sie
noch ein Jahr hier sind und bei mir singen. Und wenn ihr glaubt, daß
ich euch vorher freigebe -- dann habt ihr euch geirrt. Das heißt ...
Altmann -- auf den pfeif’ ich. Von der Sorte kriege ich dreizehn aufs
Dutzend. Wirst dich noch wundern, Kleine, wie du schleppen wirst an ihm
... jawohl schleppen!“
Er brüllte sie wütend an und verließ als erster das Zimmer.
Sie sagte Altmann nichts von der Unterredung. Ihre Mutter hatte
früher oft geäußert: „Männer brauchen nicht alles zu wissen.“ Und
seit Altmann mit ihr verlobt war, reihte er eben in die Kategorie
jener ein, die „nicht alles zu wissen brauchen“. Wäre es auch nur, um
Weitläufigkeiten, Auseinandersetzungen zu entgehen.
Straffe Folgerungen, knappe, zwingende Begründungen lagen ihr nicht.
Sie ärgerte sich über den „Alten“ und lachte ihn hinterher aus. Er war
wohl eifersüchtig. Jetzt gab es jemand, der ihm auf die nichtsnutzigen
Finger klopfen konnte, wenn sie sich gar zu lange mit ihrem Arm zu
schaffen machten.
Diese Vorstellung machte ihr sogar Vergnügen.
„Was wollte der Alte von dir?“ fragte Altmann.
Sie machte ganz harmlose Augen.
„Ach nichts, er hat mal wieder Repertoireänderungen vornehmen wollen
...“
„So .. Na, das viermal wöchentlich Singen werden wir mal ein bißchen
einschränken! Da hab’ ich jetzt auch noch ein Wort mitzureden!“ ...
Sie blickte dankbar und bewundernd zu ihm auf. So „himmlisch geborgen“
fühlte sie sich.
Sie heirateten sehr bald. Karla König lieh sich zur Trauung ein
weißseidenes Kostüm von zeitloser Form aus dem Garderobenfundus des
Theaters. Die Kolleginnen legten zusammen und stifteten Brautkranz und
Schleier.
Altmann hatte in der „Krone“ ein Zimmer bestellt und ein Mittagessen
von acht Gedecken. Karla fand das fürstlich. Überhaupt machte ihr die
Hochzeit, mit allem, was damit an Besprechungen und Veränderungen
zusammenhing, großen Eindruck. Sie kam sich ungeheuer wichtig vor. Als
sie das erstemal die Elsa im „Lohengrin“ sang, war sie nicht so erregt
wie in der Stunde, da sie das weißseidene Kleid und den Myrtenkranz
anprobierte. Ganz feucht waren ihr die Hände, ihre Knie zitterten, und
eine leichte Übelkeit bleichte ihr die Lippen.
Zu einer Kollegin, die sie anzog, sagte sie:
„Ich hab’ doch nie Angst, wenn ich singe, ich kenne das nicht ... aber
ob ich das Ja herausbringe in der Kirche -- darüber schlafe ich nun
schon die dritte Nacht nicht. Die Kehle schnürt’s mir zu, wenn ich
daran denke.“
Sie brachte es heraus. Sogar lauter, als es sonst üblich sein mochte.
Und dann warf sie den Kopf zurück und blickte mit glänzenden Augen auf
den Geistlichen. So -- das war getan. Nun fürchtete sie sich nicht
mehr. Vor nichts. Vor gar nichts auf der Welt. Und nun spürte sie auch
ihren gesunden Hunger und freute sich auf das gute Essen, das sie in
der „Krone“ erwartete.
Es war eine lustige Hochzeitstafel. Der Direktor, den man
anstandshalber eingeladen hatte, war durch eine Reise verhindert, zu
kommen. So war es auch allen lieber. Altmann knauserte nicht mit dem
Wein, hielt aber selbst Maß und erfreute Karla durch ein paar nette
Worte auf ihren Vater, der eine Depesche geschickt hatte; ebenso wie
die zwei Schwestern Altmanns. Die eine war unverheiratet, Erzieherin
in einem großen Hause, die andere Frau eines Lehrers. Sie hatten beide
nicht abkommen können. Altmann war es ganz recht. Sie hätten sich ja
doch recht fremd gefühlt in dem Kreise.
Der alte Tänzer aber war durch einen Anfall von Ischias an seinen
Lehnstuhl gefesselt. Er schickte eine hübsche Amethystkette als
Hochzeitsgeschenk und bat um den Besuch des jungen Paares, sobald es
sich machen ließe.
Altmann war sparsam. Es gab in diesem Jahre an anderes zu denken als
an Reisen. Es hieß Geld zurücklegen für eine anständige Garderobe.
Karla war mit einem Korbe zu ihm gezogen, der mehr Klavierauszüge als
Wäschestücke und Kleider enthielt.
Ein „Schwarzseidenes“ mußte sie gleich haben. Das gehörte zur Würde und
Stellung einer jungen Frau. So wußte es Altmann von zu Hause, von der
Heirat seiner ältesten Schwester her.
Karla küßte ihm die Hand wie ein beschenkter Backfisch.
Altmann hatte seine möblierten Zimmer behalten und noch ein drittes --
mehr eine Kammer -- dazugenommen. Die Wirtin gab ihnen Frühstück und
Essen. Karla schlüpfte des Morgens, zehn Minuten vor ihrem Mann, in die
Wohnstube und deckte den Tisch.
Altmann hatte sie darum gebeten. Sie sollte kleine Hausfrauenpflichten
erfüllen, sollte nicht verlottern in der Trägheit allzu ausgedehnter
Bettruhe.
Karla stellte die Tassen auf: weiße mit Goldrand, die Zuckerdose aus
Glas, das Sahnenkännchen. Dabei summte sie ein paar Takte aus einer
Oper. Plötzlich lief sie zum Klavier, warf die Auszüge durcheinander,
klappte den einen auf, griff ein paar Akkorde, legte los mit voller
Stimme. Sie hudelte ein bißchen vor lauter Freude über ihre frische,
volltönende Stimme, die ihr davonlief wie ein sprudelnder Quell ....
Altmann kam heraus. Er trug eine Hausjacke aus großkariertem Flanell,
ein ausrangiertes Bühnenrequisit. Ohne Kragen, ohne Manschetten. Sein
Hals war merkwürdig lang und hager. Das beeinträchtigte die Vornehmheit
seiner Erscheinung ein wenig. Auch litt er in den ersten Morgenstunden
an einer leisen nervösen Reizbarkeit.
„Du sollst doch nicht so drauflosbrüllen, Karla. Was hat das für einen
Zweck! Überdies hast du vergessen, die Butter auf den Tisch zu stellen
... und ich sehe auch nur einen Löffel -- --“
Karla brach mitten drin ab, lief heraus, lief herein, schwuppte den
Kaffee aus der übervollen Kanne auf das Tischtuch, tupfte es mit
dem Taschentuch ab, schenkte ein -- „wieder viel zu voll“, bemerkte
Altmann --, strich die Brötchen ... und merkte es nicht, daß ihr Mann
einsilbig, unzufrieden auf dem Sofa saß, mit betonter Sorgfalt seinen
Kaffee umrührte und mit spitzen Fingern das Brötchen hielt.
Nichts sah sie. Griff immer wieder in den gefüllten Nickelbrotkorb,
schenkte sich immer wieder aus der bauchigen Kanne die Tasse voll --
warf Zucker hinein, ein Stück, zwei Stück und -- nach einem heimlichen
kurzen Seitenblick auf Altmann -- das dritte.
Wundervoll war es, verheiratet zu sein! Sich satt essen, satt trinken
zu können! Es verdroß sie nur, daß die Frühstücksstunde so kurz war.
„An die Arbeit“, sagte Altmann.
Er spielte erträglich, wenn auch sehr hart, Klavier. Aber sie traute
sich nicht zu sagen, er möchte leiser begleiten. Es war ja auch
gleichgültig, wie es klang. Er unterbrach ja doch bei jedem zweiten
Takt.
Manchmal machte er ihr nach, wie sie dies oder jenes aussprach. Er
übertrieb entsetzlich. So sprach sie doch im Leben nicht! Es sah so
häßlich aus und klang so abscheulich. Erst lachte sie.
Da klappte er den Auszug zusammen.
„Na, dann wollen wir warten, bis du ein bißchen ernster bist. Zur
Unterhaltung setze ich mich doch nicht hierher.“
Karla dachte an den Unterricht beim Vater. Der war lustiger gewesen. Da
hatte sie sich ausleben können. Sie dachte auch an den Unterricht bei
dem alten Sänger. Der hatte nur immer gestrahlt und gerufen: „Mädel,
Mädel, wo hast du das her?!“ Blieb die Mutter. Die Ohrfeigen -- na
ja! ... Aber wenn Altmann die Noten zuklappte und sich erhob, eisig,
unnahbar wie ein beleidigter Gott -- das war schlimmer!
Das Verheiratetsein hatte auch Schattenseiten! ...
Karla ging gern am Arme ihres Mannes durch die Hauptstraße, die zum
Theater führte. Die beiden Zeitungen hatten eine Notiz gebracht
über die Vermählung von „Fräulein Karla König, der Zierde unseres
Stadttheaters, dem Liebling des Publikums“, mit dem „verdienstvollen
Herrn Ernst Altmann“.
So war die Stadt gleichsam mit zur Hochzeit gebeten worden, und die
Leute quittierten auf der Straße durch ein stummes Lächeln, ein Grüßen
mit den Augen. Viele blickten sich nach ihnen um, und Karla raschelte
stolz mit ihrem Schwarzseidenen.
Im Theater benahm sie sich mit einer gewissen Zurückhaltung. Denn
Altmann hatte ihr eingeschärft, nicht hinter den Kulissen zu dalbern
während der Proben, wie sie es sonst wohl getan.
„Du mußt Haltung lernen“, sagte er ihr. „In dem Nest hier bist du die
längste Zeit gewesen.“
Er unterhielt eine eifrige Korrespondenz; mehrfach kamen auch Briefe
mit dem Poststempel aus New York.
Aber er sprach nicht über die Briefe, sondern verschloß sie sorgfältig
im Schreibtisch, dessen Schlüssel er stets abzog.
Wenn sie an ihren Vater, den Papa, schreiben wollte, mußte sie ihren
Mann erst um einen Bogen Briefpapier und einen Umschlag bitten.
Übrigens schrieb sie höchst ungern, und selbst die kleinen Dankbriefe
für die Geschenke waren ihr immer eine Qual gewesen, und bald überließ
sie auch den Schriftwechsel mit ihrem Vater dankbar ihrem Mann.
Das einzige, was ihr an Altmann mißfiel, war seine Einsilbigkeit. Sie
wollte ja gerne zugeben, daß er „viel im Kopf“ hatte, wie er sagte,
daß seine Korrespondenz, die Pläne für die nächste Zukunft ihn sehr
beschäftigten, aber immerhin hätte er doch wenigstens während der
Mahlzeiten oder abends nach dem Theater ein bißchen gemütlich plaudern
können.
Karla war von Natur mitteilsam und gesprächig. Sie hatte, wenn sie
aus dem Theater kam, immer tausenderlei zu erzählen. Er hörte zu mit
nachsichtigem Lächeln. Manchmal gähnte er. Oder aber er stand plötzlich
auf und setzte sich an den Schreibtisch.
„Einen Augenblick, Karla -- ich habe etwas Wichtiges vor!“
Karla kauerte sich in die Sofaecke und griff zum Stadtanzeiger. Sie las
zumeist nur das Feuilleton und die Lokalberichte. Einmal fielen ihre
Augen auf einen Schauspielbericht: „... unser verdienstvoller Altmann
war etwas eintönig“.
Sie erschrak und legte unwillkürlich die Hand auf das Blatt. Dann
schlich sie aus dem Zimmer und warf die Zeitung in das erlöschende
Herdfeuer der Küche. Nach einer kleinen Weile fragte Altmann nach der
Zeitung. Karla gab sich den Anschein, als suche sie beflissen in allen
Ecken. Sie guckte sogar unter das Sofa. Das Blatt blieb unauffindbar.
Altmann nahm Hut und Mantel, um auf ein halbes Stündchen ins Café zu
gehen.
Karla spähte ängstlich nach seinem Gesichtsausdruck, als er heimkam.
Aber sie konnte keine Veränderung entdecken. Hatte er nicht gelesen?
... Bei seiner Empfindlichkeit -- er war imstande und ging zum
Redakteur, stellte ihn, vergriff sich an ihm.
Sie wartete sogar auf eine kleine Sensation, und es war fast eine
Enttäuschung für sie, daß nichts eingetroffen war von dem, was sie
gefürchtet hatte.
Die Angriffe gegen Altmann wiederholten sich. Sie ließ die Zeitungen
ruhig liegen. Eine brennende Neugier erfüllte sie, wie ihr Mann sich
dazu äußern würde.
Er äußerte sich gar nicht. Durchflog die Spalten nach wie vor mit
gleichgültigstem Gesicht.
Eines Tages hielt sie es nicht aus. Auf dem Heimwege vom Theater
brachte sie das Gespräch auf den betreffenden Kritiker.
„Ich finde, er schreibt so dumm“, sagte sie.
„Dann lies ihn doch nicht“, antwortete er ruhig. Und nach ein paar
Schritten: „Weißt du, daß dein Ärmel ausgerissen ist? Hübsch sieht
das aus, Karla.... Du wirst so gut sein und dir deine Sachen mal ein
bißchen ansehn. Eine Hausschneiderin kann ich dir noch nicht halten.“
Karla saß den ganzen Nachmittag und flickte. Abends war Schauspiel. Sie
hatte das Stück schon mehrfach gesehen und bat, zu Hause bleiben zu
dürfen.
Aber dann wurde es ihr zu einsam in den drei stillen Stuben, und sie
ging hinüber zur Wirtin.
Sie half ihr beim Kartoffelschälen und erzählte ihr Theaterschnurren.
Sie lachten beide sehr viel, und Karla fühlte sich sehr behaglich.
Schließlich fragte sie, ob sie ihr nicht etwas vorsingen solle. Die
Wirtin war begeistert. Sie band eine saubere Schürze vor und ließ sich
von Karla in einen der braunen Ripssessel nötigen.
Karla wählte nicht lange. Sie fing mit der Agathenarie aus dem
„Freischütz“ an, griff dann zu Mozart. Aber der „lag ihr nicht“, da
hudelte sie. So landete sie bei Wagner. Ihr war es, als hätte sie nie
so schön gesungen, als hätte sich ihre Stimme nie so voll und rein
ausgebreitet. Gar nicht, als ob sie es war, die sang. Als sänge etwas
Fremdes, Wundersames, Großes aus ihr heraus. Der Wirtin liefen helle
Tränen die Wangen herunter; sie schneuzte sich heftig. Auch Karla fing
an zu weinen. Sie war so glücklich. Es war so herrlich, singen zu
dürfen ... die ganze Seele hinzugeben.
„Was hätten Sie für eine Heirat machen können ... mit der Stimme!“
Karla ließ den Klavierdeckel hart zufallen.
„Hab’ ich’s denn nicht gut getroffen? Ich wünsch’ mir gar nichts
Besseres.“
Die Wirtin stand auf.
„Na ja ... aber immerhin ... Ich will nichts gegen Ihren Mann sagen.
Ein feiner, solider Herr. Aber so richtig froh wird man nicht mit ihm.
Und wie er Sie immer plagt beim Studieren ...“
„Ja ... er meint es gut mit mir. Sie können mir’s glauben.“
Karla war verschnupft. Sie hatte nur den einzigen Gott. Den wollte sie
sich nicht verkleinern lassen.
Als Altmann nach Hause kam, umarmte sie ihn leidenschaftlich. Fast
schien es, als wollte sie ein Unrecht gutmachen.
„Na, was denn, was denn ...?“
Er klopfte ihr gönnerhaft, aber doch innerlich beglückt, die Wangen.
Sein kühles Blut erwärmte sich an ihrer heißen Erregung.
„Hast du etwa gesungen?“
„Ja ... ein bißchen.“
Er kannte den Ursprung ihrer Leidenschaftlichkeit.
Auch als Gatte fühlte er sich verpflichtet, zu dämpfen.
Gerade als ihr Gatte. Ihre Stimme mußte geschont werden, ihre Frische.
Er bezwang auch viel in sich selbst ... Er meinte es wirklich gut mit
ihr.
Eines Tages brachte Karla eine halbverhungerte Katze nach Hause. Sie
gab ihr warme Milch und ließ sie nicht von ihrem Schoß. Sie übte auch
nicht an diesem Tage, sondern streichelte immer nur das struppige graue
Fellchen. Abends machte sie ihr ein Körbchen zurecht, füllte es mit
weichen Lappen, legte ein Taschentuch darüber.
„Niedlich ... wie ein Kindchen“, sagte sie und lächelte versonnen.
Altmann gab es einen Ruck. Das Wort Kind traf sein Ohr wie ein greller
Pfiff.
Das „Kind“ hatte er nicht mit einbegriffen in den sorgsam
ausgearbeiteten Plan der nächsten Jahre. Er fand mit dem besten Willen
kein Eckchen und keine Zeit, wo es einzuschachteln wäre. Er stand knapp
vor dem Abschluß mit Bremen für Karla. Das war ein großer Fortschritt.
Gegen Ende der nächsten Spielzeit waren mehrere Gastspiele von ihm
vorgesehen: in Lübeck, Danzig. Mit Hamburg stand er in eifrigen
Unterhandlungen. Er hoffte sehr, daß das Hamburger Gastspiel zu einem
Engagement führen werde.
Wie Ameisenkribbeln spürte er es im Rücken. Eine ihm sonst fremde
Nervosität bemächtigte sich seiner.
„Wie fühlst du dich, Karla? Ist dir gut?“
Sie blickte erstaunt. Warum sollte ihr nicht gut sein? Dann lachte sie
wieder mit drolliger Heimlichkeit, nahm das Kätzchen von seinem Lager,
wickelte es in das Tuch und schaukelte es in den Armen.
„Schlaf, mein Kindchen, schlaf ...“
Und sie wippte es so hoch in die Luft, daß sein Köpfchen bis zu
Altmanns Lippen hinaufreichte.
„Gute Nacht, Paachen ... gute Nacht.“
„Laß doch den Unsinn.“
Es war nicht ein überlegener Verweis wie sonst -- er war wirklich
ärgerlich. Karla küßte die Katze und legte sie zurück in ihr Bett. Sie
flüsterte:
„Laß nur, Miezerle, Papa ist böse ... ich muß Papa wieder gut machen.“
Es war nichts als Gedalbere. Aber echte Zärtlichkeit lag in ihrer
Stimme. So hatte sie früher zu ihren Puppen gesprochen, so mochte sie
später zu ihren Kindern sprechen.
Altmann gab dem Körbchen einen Schubs, daß es durchs ganze Zimmer flog.
„Hör’ doch endlich auf!“
Karla sah ihn erschrocken an. Was war denn das mit ihm? Verstand er
denn gar keinen Spaß? Oder ....
Sie wurde plötzlich blutrot ... Mochte er Kinder nicht leiden?
Ihr wurde merkwürdig kalt im Rücken, und so leer schien ihr das Zimmer,
als ob er gar nicht mit darin stünde, ihr Mann.
Sie nahm das Kätzchen in den Arm und ging in die Kammer. Dort saß sie
lange, und die sanfte Wärme des kleinen, schnurrenden Tieres beruhigte
sie. Einzelne Tropfen fielen aus ihren Augen auf das weiche Fellchen.
Sie berührte mit ihren Lippen den kleinen runden Kopf, die spitz
aufragenden Ohrchen. Sie summte vor sich hin ... kleine naive Liedchen
aus ihrer Schulzeit ....
Sie dachte daran, wie sie als Kind Wärme und Zärtlichkeit bei den
Hunden und Katzen der Nachbarn gesucht, da sie sie zu Hause nicht fand.
Warum hatte sie keine Brüder, keine Schwestern, wie die anderen Kinder?
....
„Das hätt’ mir noch gefehlt!“ gab die Mutter zur Antwort.
Später fragte sie den Papa.
„Liebes Kind .... multipliziere nicht nur die Spiele und Freuden,
multipliziere auch die Zahl der Knuffe, Entbehrungen und Krankheiten
mit der Zahl der Geschwister!“
Vielleicht dachte auch ihr Mann so ...?
Am nächsten Tage schenkte sie das Kätzchen einer Kollegin. Altmann
brachte ihr einen hübschen seidenen Unterrock aus der Stadt mit.
Sie hätte nicht gewagt, an solch einen Luxus auch nur zu denken. Ganz
blaß wurde sie.
Wie war der Mann gut -- nein, wie war er gut! ....
Die Katze war vergessen.
Abends rief Altmann sie an seinen Schreibtisch und zeigte ihr die
Briefe der Theaterleiter, die Eventualverträge. Da ging ein Zittern
durch ihren Körper.
„In all den Städten soll ich singen? Ist das wahr? ... Wirklich wahr?
...“
Sie fiel ihm um den Hals, sie küßte seine Stirn, seine Augen, seine
Hände. Sie lachte und sprang trällernd im Zimmer umher.
Wie ein Hündchen folgte sie ihm in den nächsten Wochen. Ein Mann, der
das alles zustande gebracht! Ein Mann, der sie zur großen, berühmten
Sängerin machte! ... Ein Mann, der ihr ein heißes, begnadetes Leben
schenkte! Ein Mann, der ihr die Tore öffnete, zu allem, was es Großes,
Wundervolles, Beglückendes in der Welt gab! ... Und dieser Mann war
+ihr+ Mann! ...
Sie fing an, ihn zu lieben, mit scheuer, inniger Zärtlichkeit. Sie
lächelte sanft, wenn er sie während der Stunden verhöhnte, sie
zitterte, wenn er seine dunklen, geraden Brauen hob, und die tiefen
Mundwinkel seiner blassen, feinen Lippen sich senkten. Und ihr
Herz schlug glückschwer und erwartungsvoll, wenn er langsam die
eingelaufenen Briefe mit der langen Schere aufschnitt.
Es waren zumeist gute Nachrichten.
Bald nach Weihnachten holte sie sich eine Erkältung auf der
zugigen Bühne. Es war nicht das erstemal, und sie pflegte nie viel
Aufhebens davon zu machen, beurlaubte sich auf eine Woche, lag mit
Prießnitzumschlägen zu Bett, schluckte Aspirin und trank Kannen heißer
Limonade.
Altmann genügte nicht einmal der Theaterarzt, den er sofort zu sich
bat. Karla erschrak, als sie einen wildfremden Herrn an ihr Bett treten
sah, einen Herrn Geheimrat, dem sie Zunge, Hals und Brust zeigen
sollte. War sie denn so krank?
Altmann schaffte Inhalationsapparate an, allerhand Pinsel und Arzeneien
standen auf ihrem Nachttisch. Er wechselte ihr selbst die Kompressen
und pinselte ihr den Hals aus, unbarmherzig gewissenhaft.
Als sie das erstemal zur Probe kam, schenkten ihr die Kolleginnen
Blumen.
Da fing sie an zu weinen. Sie küßte die Blumen und sprach den ganzen
Tag nur davon, wie lieb und gut die Kolleginnen wären.
Altmann wurde bitter. Zum ersten Male.
„Zu Blumen hat es nicht gelangt.“
Karla fand ihr Zimmer wieder trostlos und leer, und abends graute ihr
vor dem Bett, in dem sie solange krank gelegen.
Ausbrüche plötzlicher Leidenschaftlichkeit wechselten ab mit Tagen
stumpfen Hindämmerns. Wenn ihr auf der Straße Kinder in den Weg liefen,
bückte sie sich zu ihnen herab und küßte sie. Wenn eins fiel, hob sie
es auf den Arm, schaukelte, tröstete es. Zweimal kam sie dadurch zu
spät zur Probe.
Wenn Altmann mit ihr studierte, war sie oft unwillig, bestenfalls
zerstreut. Er zitterte oft vor verhaltenem Ärger. Sie tat, als merkte
sie es nicht, oder -- vielleicht sah sie es auch wirklich nicht.
Sie knixte, wenn er ihr etwas sagte: „Jawohl, Herr Lehrer!“ Oder aber
sie weigerte sich zu üben; sie hätte Kopfschmerzen, es kratzte sie
etwas im Halse; sie hätte schlecht geschlafen und wäre matt.
Abends im Theater sang sie schöner denn je. Und kein einziges Mal warf
sie ihm einen Blick zu. Als ob sie nicht wüßte, daß er immer da unten
auf dem Eckplatz in der zehnten Parkettreihe rechts saß.
Sie fragte auch nicht: „Nun, wie war’s?“, wenn er sie aus der Garderobe
abholte. Hatte sie Blumen bekommen, so hielt sie sie sorglich und
auffällig im Arm, und wenn vor dem Bühneneingang die üblichen jungen
Enthusiasten warteten, dann schlich sie sich nicht mehr scheu an
ihnen vorbei, sondern hob den hübschen dunklen Kopf und sah ihnen mit
strahlendem Lächeln in die bewegten, heißen Gesichter.
Eines Tages legte Altmann einen Gastspielvertrag zur Unterschrift vor
sie hin. Drei Abende. Als Pamina, Elisabeth und Elsa. Und für jeden
Abend zweihundert Mark. So viel, wie sie hier im ganzen Monat verdiente.
Altmann wußte: Jetzt kam der große Jubel; jetzt sprang sie mit dem
Vertrag im Zimmer umher, stürzte ans Klavier und zerrte ihn auf den
Hocker. Jetzt ließ sie nicht ab von ihm, bis er nicht wenigstens eine
der drei Partien mit ihr durchgenommen. Jetzt gleich lagen ihre Arme
um seinen Hals, und ihre frischen, vollen Lippen drückten sich in sein
Gesicht ...
Es verging eine Minute, die zweite .. Nichts von alledem geschah. Sie
sah ihn gar nicht an, zählte nur an ihren Fingern irgend etwas ab.
„Was rechnest du aus, Karla?“
„Ob ich noch auftreten kann, falls ... es sind noch drei Monate bis
dahin.“
Mit einem Satz war er bei ihr, riß ihre Hände an sich. Drückte sie so
fest, daß sie glaubte, er wolle ihr wehe tun.
„Glaubst du denn, Karla ... Hast du irgendwelchen Anhalt dafür, daß
...“
Sie zuckte die Achseln.
„Ich weiß gar nichts ... aber es könnte doch sein, nicht wahr? Wir sind
verheiratet ... es wäre immerhin natürlich.“
Sie hörte seinen schweren Atem. Sie sah, wie er sich mit dem Tuch über
die Stirn fuhr ...
Sie hätte sich mit den Nägeln in sein Gesicht einkrallen mögen, in sein
schönes, vornehmes Gesicht.
Aber er faßte sich.
„Warum behältst du denn alles für dich? ... Wir wollen zum Arzt gehen.
Man muß doch wissen. Ich muß doch disponieren können! Den ganzen Tag
sitze ich am Schreibtisch, opfere meine Zeit, verbrauche Papier,
Marken ... zerbreche mir den Kopf, wie ich alles am besten anordne und
verteile -- und nun wirfst du alles über den Haufen durch ein Wort!
Wann -- glaubst du denn ...?“
Seine Stimme klang hart und doch unsicher.
Sie saß bequem zurückgelehnt und blinzelte vor sich hin.
Sie hörte seine Angst durch den harten Klang, und diese Angst weckte
ihre Lust, ihn zu quälen, ihn abhängig zu fühlen von ihr, von dem
Schicksal, daß sie selbst ihm schuf.
Aber -- eigentlich wußte sie gar nichts Bestimmtes. Manches, was sie
als Symptom auslegte, war wohl nur Einbildung, weil sie so tief in sich
hineinhorchte. Weil sie es so heiß ersehnte. Weil der liebe Gott sie
zur Mutter erschaffen hatte -- viel mehr als zur Sängerin. Weil selbst
ihr Singen nichts war als ein Schrei nach Verdoppelung ihres Wesens.
Altmann drängte:
„So sprich doch, Karla ... so sag’ doch ...“
Aber sie wehrte ungeduldig ab. Er sollte sie doch zufriedenlassen. Sie
hatte das nur so hin gesagt. Zum Arzt gehen? Der würde sie auslachen.
Altmann atmete auf. Er war jetzt wieder ganz ruhig. Junge Frauen
spielten wohl oft mit dem Gedanken der Mutterschaft. Es lag so nahe.
Sie wußten ja auch nicht, wie abhängig sie waren vom Willen und der
Beherrschung des Mannes.
Und er streichelte, wieder entlastet und nachsichtig, Karlas Wangen.
„Wie wär’s, wenn wir ein bißchen übten?“
* * * * *
Und es kam doch der Tag, da ihr unbewußtes Sehnen Erfüllung wurde. Noch
wagte sie nicht, an ihr Glück zu glauben. Hielt ihren Zustand geheim.
Im Theater schloß sie sich an die anderen verheirateten Kolleginnen an;
fragte sie aus, auf allerlei Umwegen.
Nachts wachte Karla oft auf und starrte in das Dunkel ihres Zimmers.
Lange. Mit klopfendem Herzen. Sie dachte an ihr Kind.
Das Kind, das ihr jetzt noch allein gehörte. Sie stellte sich vor, wie
es in ihren Armen liegen, mit winzig kleinen Händen auf ihre Brust
patschen würde. Oder sie sah es im Bade strampeln; ihr Arm stützte das
rosige Körperchen, und ihre Lippen suchten die verspielten kleinen Füße.
Sie warf sich im Bett auf die andere Seite und lachte ganz heimlich vor
sich hin.
Plötzlich stockte ihr Herzschlag: das Kind war krank. Sie saß an seiner
Wiege und hielt die zuckenden Fingerchen zwischen ihren Händen ...
Der kleine Körper wand sich in Krämpfen, bäumte sich auf -- fiel dann
zurück in die Kissen -- tot! ...
„Heiliger Gott ....!“
Der Schrei zerriß die Stille des nächtigen Zimmers. Altmann richtete
sich in seinem Bett auf.
„Was ist ... hast du geträumt, Karla?“
Er griff nach ihrer Hand -- sie war feucht und kalt.
„Ja ... aber ich weiß nicht mehr, was ... Macht nichts. Laß mich nur
schlafen! ...“
Sie hielt ihre Hand gegen das Herz gepreßt und vergrub den Kopf unter
der Decke. Um keinen Preis der Welt hätte sie gesagt, warum sie so
hatte aufschreien müssen.
Altmann durfte nichts erfahren, bis sie selbst gewiß war ... ganz
gewiß! Und wieder setzte ihr Herzschlag aus, da sie sich vorstellte,
daß sie sich geirrt haben könnte, daß sie nur ein Spiel war ihrer
sehnenden Phantasie.
Eines Vormittags, während ihr Mann auf der Probe war und sie die Unruhe
nicht mehr ertragen konnte, ging sie zu einer Frau, deren Schild
schon öfters ihre Aufmerksamkeit erregt hatte: „Frau Leben. Staatlich
geprüfte Hebamme.“ Sie hatte oft gelacht über den Namen, in Verbindung
mit dem Beruf. Dadurch hatte er sich ihr eingeprägt. Und nun stand sie
vor der großen, breitschulterigen Frau, zitternd wie auf verbotenem Weg.
Die Frau war mißtrauisch gegen die Damen vom Theater, seitdem sie
etliche Male versteckte Bitten hatte überhören müssen. Aber Karla König
hatte sie einmal singen gehört, und sie hatte die wundervolle Stimme
nicht vergessen können.
„Ja ... was soll’s?“
„Ich möchte wissen ... wissen möcht’ ich ...“
Karla stockte.
Es konnte das leise Zittern ebenso als Angst wie als Wunsch gedeutet
werden. Aber als Karla König sie plötzlich am Kopf packte und mit ihr
durch das Zimmer galoppierte, da verstand sie.
„Also doch ein Kind ... hurra! ... Beste, liebste Frau Leben! ... Ich
bin ja so glücklich!! ... Soll ich Ihnen was vorsingen zum Dank? ...“
Sie sang wirklich, was ihr gerade einfiel, mit voller Stimme. Unsinn
sang sie. Und der Text war immer nur: „Ein Kind! Mein Kind! ...“ Aber
so wundervoll waren die Töne, die sich aus ihrer Brust lösten, daß die
Frau, als sie Karla beim Weggehen fragte: „Was bin ich schuldig?“,
antwortete:
„Nichts mehr. Ich bin bezahlt.“
Karla stülpte ihr Hütchen auf das dunkle Haar, fuhr in die weißen
Zwirnhandschuhe und jagte durch die Straße bis zum Theater.