nun wirklich und in der That etwas, lässt er sich vernehmen, aber dieses
sey denn doch nur die pure Idee; und jenes uns so erfreuliche
Objectiviren seiner Idealität in verschiedenen Formen mag wohl auch nur
das blosse leidige Handeln, keinesweges aber, wie wir hofften, zugleich
auch die ursprünglichen Weltvorstellungen bedeuten? Ich bitte, ist denn
die Idee nicht wirklich, und kann sie denn nicht wirklich werden, und
ist sie denn nicht in der ersten Hälfte des Buches, in der stattlichen
Ableitung unseres Herrn Verfassers in der That wirklich geworden? Ja,
wer vor Demuth zu einer solchen Annahme kommen könnte! Das ist Alles
wohl gut, sagt der Mann, aber das ist doch nicht das rechte Wirkliche,
nicht das wirklich Wirkliche; dafür lasse ich lediglich und allein die
materielle Sinnenwelt gelten. Ist ihm denn aber im Laufe seines
philosophischen Lebens niemals die Behauptung zu Ohren gekommen, dass
eine Sinnenwelt überhaupt nur im Sinne, der Sinn aber nur in der Idee,
als Sphäre des selbstständigen Lebens der Idee, wirklich da sey? Will er
nun dieses nicht zugeben, wie er es denn allerdings nicht will; wie
bringt er denn zuvörderst seinen Begriff von der Wirklichkeit zu Stande?
Offenbar nur durch den Gegensatz mit der Idee; ein Seyn der Materie,
durchaus unabhängig von der Idee, und da doch ohne Zweifel ausser der
Idee und der Materie es nicht noch ein drittes wird geben sollen,
unabhängig von irgend etwas Anderem, also ein wahres Ansich und
innerliches Absolutes, das zweite an der Zahl, wenn es nemlich sein
Ernst ist, dass es zugleich auch eine absolute Idee gebe. Und so ist
denn bei diesem philosophischen Heros, wo es Ernst wird, nichts mehr zu
finden, als der alte und wohlbekannte Scherz eines materialistischen
Dualismus. Nicht Wissenschaftslehre, nicht Kant, sondern du, heiliger
Leibnitz, bitte für ihn! Ferner, wie gedächte sich denn wohl der Mann
bei dieser Denkart gegen diejenigen, welche auf der Einheit des
Absoluten, und auf der Idee, als der einzig möglichen Realität
beständen, zu schützen? Er wird niemals eine andere Weise finden, als
diejenige, deren er sich wirklich bedient, dass er, als ein zweiter
Friedrich Nicolai, sich auf das Zeugniss seiner Sinne, und auf den
gesunden Menschenverstand berufe, und hoch betheure, die materiellen
Gegenstände müssten aber doch seyn, denn er sehe sie ja, und höre sie,
und keiner soll ihn jemals eines anderen bereden. Und so fällt denn an
dieser Stelle dem Manne die Maske der Speculation, die er auch sonst
locker genug trägt, völlig ab, und es tritt hervor die natürliche Haut
des rohesten, stockgläubigsten Empirismus, wie denn sich über das
Ansichseyn der Materie auch nicht einmal ein Verdacht regt.
Da man unserm Publicum alles ausdrücklich sagen muss, und fast niemals
darauf rechnen kann, dass es selber folgern oder annehmen werde, dass
jemand wirklich wolle und zugebe, was aus seinen Sätzen folgt: so merke
ich hier noch ausdrücklich an, dass alle Naturphilosophie auf diese
Stockgläubigkeit, dieses Entsetzen und Erschrecken vor der Materie, und
diese Scheu, selber lebendig, und nicht als ein blosses Naturproduct da
zu seyn, sich gründe, und dass diese denen, die ihnen widersprechen,
niemals eine andere Antwort werden geben können, als dass es ihnen am
Gefühle fehlen müsse. Nun ist, da wir ebensowohl leben, denn sie, ohne
Zweifel zu erwarten, dass wir ebensowohl hören und sehen mögen, denn
sie; nur dass wir diesen Erscheinungen der Sinne nicht unmittelbar und
ohne Weiteres Glauben beimessen, sondern sie mit dem Begriffe
durchdringen, und in ihrer Bedeutung, als dem wahrhaft Realen an ihnen,
sie verstehen. Woran es uns daher, ihnen gegenüber, in der That fehlt,
das ist ihr blinder Aberglaube, und wenn sie unter ihrem Gefühle diesen
verstehen, so haben sie ganz recht mit ihrem Verdachte, dass irgend
etwas, das sie besitzen, uns abgehen möge. Möge ihnen doch nie ein Licht
darüber aufgehen, welche Thoren sie geworden sind, da sie sich für Weise
hielten.
Um zurückzukehren zu unserem Philosophen: ein so über alle Maassen
ungeschickter und stümperhafter Sophist, wie wir es ihm nachgewiesen
haben, ist also der Mann, dem es gelungen ist, die Philosophen dieses
Zeitalters irre zu machen.
Inzwischen dürfte es eine Ungerechtigkeit sowohl gegen mich selber, als
gegen den genannten Mann involviren, wenn ich hiermit dieses Capitel
beschlösse. Gegen mich selber, indem ich nicht will, dass gewisse
Gegner, über die er sich beklagt, und die er besonders in den Gegenden
seines jetzigen Aufenthalts gefunden, glauben sollen, dass ich mich
ihnen beigesellt habe; gegen ihn, indem, da es eine Zeit gegeben, da ich
weniger geringschätzig über ihn geurtheilt, und da bekannt ist, dass wir
beide ehemals in persönlichen Beziehungen gestanden, jemand glauben
möchte, dass er noch auf andere Weise, denn als Philosoph, mir
verwerflich geworden. Was zuerst meine früheren, weniger
geringschätzigen Urtheile betrifft, so gebe ich dabei zu bedenken, dass
damals, als ich diese fällte, der Mann schon um seiner Jugend willen der
philosophischen Reife und Klarheit durchaus unfähig war, und ich daher
diese an ihm loben weder wollte noch konnte; dass ich aber hoffte, er
werde fleissig seyn, und nicht zweifelte, dass durch Fleiss ihm etwas
gelingen könnte, und dass es allein diese Hoffnungen waren, welche ich
aussprach. Wie ich über die im wirklichen Besitze des Mannes
befindlichen philosophischen Kenntnisse von jeher geurtheilt, kann
gleich im ersten Jahrgange des von mir mit herausgegebenen Journals eine
meiner Noten zu einer Abhandlung desselben, in welcher die ersten Spuren
des Irrthums, der sich nun gar stattlich zu einer Naturphilosophie
herausgebildet, zum Vorschein kamen, noch bis heute klärlich beurkunden.
Jene meine guten Hoffnungen von ihm hat er nun keinesweges erfüllt,
sondern durch unverständige Schmeichler früh sich verderben lassen, und
seit dieser Zeit keines anderen Dinges sich beflissen, denn des
Hochmuths und des Eigendünkels, und durchaus den Rang ablaufen wollen
demjenigen, welchen auch nur zu verstehen er gleichwohl fortdauernd
unfähig geblieben.
Um von denen seiner Gegner, denen ich nicht gleichen mag, mich
auszuscheiden: -- Dass, wenn des Mannes System consequent verfolgt wird,
kein Gott übrig bleibe, denn die Natur, und keine Moralität, ausser die
der Naturerscheinungen, sehe ich klar ein; aber man muss dasjenige, was
die Menschen bloss sagen, ebensowenig ihnen zum Nachtheil anrechnen, als
diese Erörterung gemeint gewesen ist, es ihnen zum Vortheile gelten zu
lassen. Die Worte sind überhaupt nichts, und nur das Leben will etwas
bedeuten. Was nun die innere Religion des Mannes anbetrifft, so
bescheide ich mich hierüber von Rechtswegen alles Urtheils, und halte
dafür, dass dieses auch dem übrigen Publicum ebenso sehr gezieme. Was
die Moralität anbetrifft, dürfte es nicht unschicklich seyn, folgenden
Umstandes bei dieser Gelegenheit zu erwähnen.
Es scheint geglaubt worden zu seyn, und ich finde noch vor kurzer Zeit
in einem öffentlichen Blatte diese Insinuation wiederholt, dass der
Genannte zu denen gehöre, welche bei meinem Abgange von Jena ein
gewisses mir gegebenes Wort nicht erfüllt hätten. Ich halte es für
angemessen, bei der gegenwärtigen Gelegenheit dieser Meinung förmlich zu
widersprechen. Ich stand mit ihm keinesweges auf dem Fusse, dass ich
über zu fassende bedeutende Entschliessungen mich vor der That mit ihm
berathen hätte; was ihm mitgetheilt worden, ist ihm erst nach der That
mitgetheilt worden; wie ich denn auch einem anderen meiner Freunde und
Collegen, auf welchen, als Mitherausgeber des philosophischen Journals,
gleichfalls einiger Verdacht gefallen, erst nach der That mich eröffnet.
Derjenige Mann, der durch seinen ungesuchten Eintritt meinen unbedingten
Entschluss, auf einen gewissen Fall meine Lehrstelle an der Universität
Jena niederzulegen, den ich ohne ihn einfach und natürlich würde
ausgeführt haben, in einen Versuch, zu capituliren, verwandelte, der
einen gewissen ersten Brief, welcher ohne seine Dazwischenkunft nicht
wäre geschrieben worden, mit mir verabredete und billigte; und als der
Erfolg ausfiel, wie er ausfiel, mir einen zweiten, dessen ich bei meinem
schon vorher gefassten festen Entschlusse nicht bedurfte, sondern der
nur ihn decken sollte, abquälte und abpresste, und so auf eine ganz
richtige, anständige und gebührliche Entschliessung von mir, die ich
noch jetzt, nach Verlauf von acht Jahren, durchaus billige, und in
derselben Lage heute wiederholen würde, den Anschein von Schwäche und
Zweideutigkeit brachte, war ein anderer, und es war nur Einer, nicht
mehrere; daher man auch meine übrigen Jenaischen Freunde und Collegen
mit jenem Argwohn verschonen wolle. Inzwischen zürne ich auch diesem
Einen so wenig, dass ich vielmehr gleich nach der That nur mich selber
verurtheilt habe, indem der Stärke, die mit der nur einen Augenblick
aufflammenden Schwäche gemeinsame Sache macht, ohne vorherzusehen, dass
der augenblickliche Muth nicht fortdauern werde, ganz recht geschieht,
wenn sie verlassen wird; und ich habe mit mir selbst mich ausgesöhnt
lediglich durch die erworbene Sicherheit, dass mir dieses nicht zum
zweiten Male begegnen wird.[38]
Dies sey denn hiermit gesagt und abgethan; indem wir hoffen, dass die
verworrene Leidenschaftlichkeit jener Tage nunmehr sich gesetzt habe,
und man begreife, dass keinem Menschen in der Welt, ausser etwa den
Weimarischen Finanzen, welche uns andere nichts angehen, daran liegen
könne, ob dieser oder jener Mann Professor zu Jena sey, oder nicht, und
ob Jena eine blühende, oder eine verlassene, oder auch gar keine
Universität habe.
[Fußnote 38: Zur Aufhellung der oben im Texte befindlichen Stelle ist
Fichte's Lebensbeschreibung (I. S. 366. II. S. 300.) zu vergleichen. H.
E. G. Paulus, der hier gemeint war, hat indess gegen jede solche
Beziehung zu Fichte in den »Skizzen aus meiner Bildungs- und
Lebensgeschichte« (Heidelberg, 1839. S. 168-170) protestirt, woraus eine
Reihe von Verhandlungen zwischen ihm und dem Unterzeichneten sich
ergeben hat, deren Erwähnung hier nicht umgangen werden kann, indem auch
sie vorübergehend lebhafte Aufmerksamkeit erregten. Da jedenfalls beide
Männer auch in dieser Beziehung mit einander vor die Nachwelt treten, so
bleibt nichts übrig, um den Leser zu einem selbstständigen Urtheile in
dieser Angelegenheit zu veranlassen, als ihn ausser dem schon
Angeführten auf die weiteren Actenstücke zu verweisen. Man vergleiche:
»Paulus und Fichte; über einen berichtigenden Zusatz zu J. G. Fichte's
Lebensbeschreibung, als Anfrage oder Gegenberichtigung von J. H. Fichte«
im ^Freihafen^ 1840. Zweites Heft S. 176-229; »Beleuchtung des
Verhältnisses, welches zwischen Professor Fichte dem Vater und Dr.
Paulus bei dem Atheismusstreit des Ersteren stattfand« in ^Paulus neuem
Sophronizon^, I. Mittheilung 1841 S. 80-134; endlich: »Offenes Schreiben
an Herrn Dr. Paulus in Bezug auf dessen Beleuchtung etc. von J. H.
Fichte« in dessen ^Zeitschrift für Philosophie^, Bd. VII. S. 151-155.
(Anmerkung des Herausgebers.)]
Uebrigens ist auch das, was der Mann durch seine Speculation sucht und
anstrebt, keinesweges etwas Schlechtes und Gemeines, sondern es ist das
Höchste, dessen der Mensch theilhaftig werden kann; die Erkenntniss der
Einheit alles Seyns mit dem göttlichen Seyn. Seine Absicht ist daher
aller Ehren werth. Ebendasselbe will ja auch ich, und leiste es; er aber
redet nur daran herum, und vermag es nicht zur Wirklichkeit zu bringen,
tritt in den Weg denen, die es können, und macht irre andere, die ohne
ihn vielleicht hören und verstehen würden; und dieses ist es, was ihm
meinen Tadel zuzieht. Er hasset und fliehet die Besonnenheit, in welcher
allein das Heilmittel vom Irrthume liegt, mit gutem Bedachte, indem er
sie nur für leere Klarheit hält, und macht so die Unbesonnenheit zur
ausdrücklichen Grundmaxime alles Realismus, erwartend von einer blinden
Natur die Heilung. Dies ist nun absolute Unphilosophie und
Antiphilosophie, und so lange er auf dieser Maxime beharrt, ist Alles,
was er vorbringt, ohne Ausnahme nothwendig falsch, irrig und thöricht,
und es vermag kein Funke von Speculation in seine Seele zu kommen. Und
so werfe ich ihn denn, indem ich den Menschen an ihm in allem seinem
möglichen Werthe lasse, als Philosophen ganz und unbedingt weg; und als
Künstler erkenne ich ihn für einen der grössten Stümper unter allen, die
jemals mit Worten gespielt haben.
Was hier insbesondere ihm nachgewiesen worden, leidet, als gegründet
lediglich auf die blosse allgemeine Logik, durchaus keinen Widerspruch,
Ausrede oder Ausflucht, und es kann dagegen nichts vorgebracht werden,
ausser etwa, man habe in den Einheitspunct eben nicht recht hineinkommen
können, man meine ja doch das Rechte, und habe recht in der Sache, wenn
auch die Form mangelhaft geblieben sey, welches Alles, als selber
absolute Antiphilosophie, schon ehe es vorgebracht worden, abgewiesen
ist. Sollten seine Mitstreiter, im Schmerze, ihren Vorfechter also
abgefertigt zu sehen, etwas vorbringen wollen, so werde ich antworten,
oder auch nicht, wie es mir gefallen wird, indem ich hierüber zu nichts
verbunden seyn will. Mit dem genannten Manne selber rede ich, da wir
durchaus von contradictorisch entgegengesetzten Maximen ausgehen,
niemals, wie ich denn auch hier nicht mit ihm, sondern mit seinem
Publicum geredet habe.
Recensionen.
A.
Giessen, bei Heyer: Skeptische Betrachtungen über die Freiheit
des Willens mit Hinsicht auf die neuesten Theorien über
dieselbe, von Leonhard Creuzer. 1793. XVI. Vorrede (von Herrn
Prof. Schmid). 252. 8.
(Jenaer Allgem. Literatur-Zeitung, 1793. No. 303.)
Wie es von jeher ergangen ist, ergeht es noch immer. Das dogmatische
Verkennen der Grenzen der Vernunft erregte die Angriffe der Skeptiker
auf dieses Vermögen selbst, und nöthigte dasselbe, sich einer Kritik zu
unterwerfen.
Sowie diese Grenzen von neuem überschritten werden, regt sich von neuem
der Widerspruch der Skeptiker, und nöthigt, -- zum Glück nicht, eine
neue Kritik zu unternehmen, aber -- an die Resultate der ehemals
unternommenen wieder zu erinnern. Herrn Creuzers freilich nur
uneigentlich sogenannter Skepticismus -- denn er nimmt mit der
Kantischen Schule das Daseyn eines Sittengesetzes im Menschen als
Thatsache des Bewusstseyns an -- hat die Theorien über Freiheit zum
Gegenstande; das Resultat seiner Untersuchungen ist, dass keine der
bisherigen den Streit zwischen dem Interesse der praktischen Vernunft
und dem der theoretischen befriedigend löse; und ihr lobenswürdiger
Zweck, zu Erfindung einer neuen und genugthuendern die Veranlassung zu
geben. Ohne von der ganzen Schrift, welche theils über einen unrichtigen
Grundriss aufgeführt worden (eine Behauptung, die sich nur durch
Vorlegung des einzig richtigen darthun liesse, welches die Grenzen einer
Recension überschreitet), daher nicht mit der strengsten Ordnung
geschrieben ist, jetzt sich wiederholt, jetzt Dinge in ihren Plan
aufnimmt, die nicht hineingehören, z. B. die Widerlegung des
Spinozistischen Pantheismus, des Egoismus u. dergl. m.; theils gegen die
vor-Kantischen Freiheitstheorien nichts gesagt, was nicht schon ehemals
gesagt worden, -- ohne von ihr einen Auszug zu geben, möchte Rec. die
Untersuchung nur auf denjenigen Punct lenken, der wenigstens für die
Darstellung der Wissenschaft wahren Gewinn verspricht. -- Es ist von
mehreren Freunden der kritischen Philosophie erinnert, und von Reinhold
einleuchtend gezeigt worden, dass man zwischen ^derjenigen^ Aeusserung
der absoluten Selbstthätigkeit, durch welche die Vernunft praktisch ist
und sich selbst ein Gesetz giebt, und ^derjenigen^, durch welche der
Mensch sich (in dieser Function seinen ^Willen^) bestimmt, diesem
Gesetze zu gehorchen oder nicht, sorgfältig zu unterscheiden habe. Dass
Hr. Creuzer diese Unterscheidung bald zu beobachten scheint, bald wieder
vernachlässigt und mithin in ihrer ganzen Bestimmtheit sie sicher nicht
gedacht hat, wollen wir nicht rügen. Aber er nimmt die durch Reinhold,
Heydenreich, und zuletzt durch Kant selbst gegebene, im Wesentlichen
einstimmige Definition der Freiheit des Willens, dass dieselbe ein
Vermögen sey, durch absolute Selbstthätigkeit sich zum Gehorsam oder
Ungehorsam gegen das Sittengesetz, mithin zu contradictorisch
entgegengesetzten Handlungen zu bestimmen, als gegen das Gesetz des
logischen Grundes streitend, in Anspruch. Reinhold -- (denn da es Rec.
weniger um die Bestimmung des Verdienstes des Schriftstellers, als um
die Bestimmung des bis jetzt fortdauernden Werthes seiner Schrift zu
thun ist; so trägt er kein Bedenken, sich auf ein Buch zu beziehen, von
welchem ihm, da er den deutschen Mercur nicht bei der Hand hat,
unbekannt ist, ob Hr. Creuzer bei Abfassung des seinigen den Inhalt
desselben habe benutzen können, oder nicht) -- Reinhold also hat diesen
möglichen Einwurf (S. 282 ff. 2. Bd. der Briefe über die Kantische
Philosophie) zwar schon im voraus gründlich widerlegt, aber nach Rec.
Ueberzeugung, die er mit voller Hochachtung gegen den grossen
Selbstdenker gesteht, den Grund des Misverständnisses weder gezeigt,
noch gehoben. »Das logische Gesetz des zureichenden Grundes,« sagt
Reinhold, »fordert keinesweges für alles, was ^da ist^, eine von diesem
Daseyn verschiedene Ursache« -- -- »sondern nur, dass nichts ohne Grund
^gedacht^ werde. Die Vernunft hat aber einen sehr reellen Grund, die
Freiheit als eine absolute Ursache zu denken« -- und tiefer unten --
»als ein ^Grundvermögen^, das sich als ein solches von keinem Anderen
ableiten, und daher auch aus keinem Anderen begreifen und erklären
lässt.« Rec. ist mit dieser Erklärung vollkommen einverstanden; nur
scheint ihm der Fehler darin zu liegen, dass man durch anderweitige
Merkmale verleitet wird, dieses Vermögen nicht als ein Grundvermögen zu
denken. -- Es ist nemlich zu unterscheiden zwischen dem ^Bestimmen^, als
freier Handlung des intelligiblen Ich, und dem ^Bestimmtseyn^, als
erscheinendem Zustande des empirischen Ich.
Die oben zuerst genannte Aeusserung der absoluten Selbstthätigkeit des
menschlichen Geistes erscheint in einer Thatsache: in dem Bestimmtseyn
des ^oberen Begehrungsvermögens,^ welches freilich mit dem Willen nicht
verwechselt, aber ebensowenig in einer Theorie desselben übergangen
werden muss; die Selbstthätigkeit giebt diesem Vermögen seine
^bestimmte,^ und ^nur auf Eine Art bestimmbare Form,^ welche als
Sittengesetz erscheint. Die von jener zu unterscheidende Aeusserung der
absoluten Selbstthätigkeit im ^Bestimmen^ des ^Willens^ erscheint nicht,
und kann nicht erscheinen, weil der Wille ursprünglich ^formlos^ ist;
sie wird bloss als Postulat des durch jene Form des ursprünglichen
Begehrungsvermögens dem Bewusstseyn gegebenen Sittengesetzes angenommen,
und ist demnach nicht Gegenstand des Wissens, sondern des Glaubens. Die
^Neigung^ (^propensio^ überhaupt) als ^Bestimmtseyn^ des (oberen oder
niederen) ^Begehrungsvermögens^ erscheint; aber nicht das Erheben
derselben zum wirklichen ^Wollen.^ Der Wille in der Erscheinung ist nie
^bestimmend,^ sondern ^immer bestimmt,^ die Bestimmung ist schon
geschehen; wäre sie nicht geschehen, so erschiene er nicht als ^Wille,^
sondern als ^Neigung.^ Die scheinbare Empfindung des Selbstbestimmens
ist keine Empfindung, sondern eine unvermerkte Folgerung aus der
Nichtempfindung der bestimmenden Kraft. Insofern der Wille sich
»selbstbestimmend« ist, ist er gar kein Sinnen-, sondern ein
übersinnliches Vermögen. Aber das ^Bestimmtseyn^ des Willens erscheint,
und nun entsteht die Frage: ist jenes für die Möglichkeit der Zurechnung
als Vernunftpostulat anzunehmendes Selbstbestimmen zu einer gewissen
Befriedigung oder Nichtbefriedigung, ^Ursache^ der ^Erscheinung^ des
Bestimmtseyns zu derselben Befriedigung oder Nichtbefriedigung?
Beantwortet man diese Frage mit Ja, wie sie Reinhold (S. 284 der
angeführten Briefe) wirklich beantwortet (»aus ihren ^Wirkungen,^ durch
welche sie unter den ^Thatsachen^ des Bewusstseyns vorkommt, ist mir die
Freiheit (des Willens) völlig begreiflich u. s. w.«); so zieht man ein
Intelligibles in die Reihe der ^Naturursachen^ herab, und verleitet
dadurch, es auch in die Reihe der Naturwirkungen zu versetzen; ein
Intelligibles anzunehmen, das kein Intelligibles sey. Wenn man sagt:
»wer sich zur Frage berechtigt glaubt, aus welchem ^Grunde^ die
^Freiheit^ sich zu ^A^ und nicht vielmehr zu Nicht-A bestimmt habe,
beweist durch einen Cirkel die Nichtigkeit der Freiheit aus ihrer schon
vorausgesetzten Nichtigkeit, und wenn er sich recht versteht, aus der
Nichtigkeit eines Willens überhaupt:« -- so ist dies freilich sehr wahr
erinnert; aber durch die Annahme, dass die Freiheit wenigstens Ursache
in der Sinnenwelt seyn könne, hat man ihn unvermerkt in diesen Cirkel
hineingezogen. Nur durch die Rückkehr zu dem, was Rec. der wahre Geist
der kritischen Philosophie scheint, ist die Quelle dieses
Misverständnisses zu verstopfen. Nemlich -- auf das ^Bestimmen^ der
absoluten Selbstthätigkeit durch sich selbst (zum Wollen) kann der Satz
des zureichenden Grundes gar nicht angewendet werden; denn das ist Eine,
und eine einfache, und eine völlig isolirte Handlung; das Bestimmen
selbst ist zugleich das Bestimmtwerden, und das Bestimmende das
Bestimmtwerdende. Für das ^Bestimmtseyn^ als Erscheinung muss nach dem
Gesetze der Naturcausalität ein wirklicher Realgrund in einer
vorhergegangenen Erscheinung angenommen werden. Dass aber das
Bestimmtseyn durch die Causalität der Natur, und das Bestimmen durch
Freiheit ^übereinstimme,^ welches zum Behuf einer ^moralischen
Weltordnung^ gleichfalls anzunehmen ist; davon lässt sich der Grund
weder in der Natur, welche keine Causalität auf die Freiheit, noch in
der Freiheit, welche keine Causalität in der Natur hat, sondern nur in
einem höheren Gesetze, welches beide unter sich fasse und vereinige,
annehmen: -- gleichsam in einer vorherbestimmten Harmonie der
Bestimmungen durch Freiheit mit denen durchs Naturgesetz. (Vergl. Kant,
über eine neue Entdeckung, nach der alle neue Kritik der reinen Vernunft
durch eine ältere entbehrlich gemacht werden soll, S. 122 ff.) Nicht
darin, wie ein von dem Gesetze der Naturcausalität unabhängiges »Ding an
sich« sich selbst bestimmen könne, noch darin, dass eine Erscheinung in
der Sinnenwelt nothwendig ihren Grund in einer vorhergegangenen
Erscheinung haben müsse, sondern darin, wie beide gegenseitig von
einander völlig unabhängige Gegenstände zusammenstimmen können, liegt
das Unbegreifliche: das aber lässt sich begreifen, warum wirs nicht
begreifen können, weil wir nemlich keine Einsicht in das Gesetz haben,
das beides verbindet. -- Dass übrigens dies Kants wahre Meinung sey, und
dass die in mehrern Stellen seiner Schriften vorkommende Aeusserung,
dass die Freiheit eine Causalität in der Sinnenwelt haben müsse, nur ein
vorläufig, und bis zur näheren Bestimmung aufgestellter Satz sey,
scheint Rec. daraus zu erhellen, dass er zwischen einem empirischen und
einem intelligiblen Charakter des Menschen unterscheidet; dass er
behauptet, Niemand könne den wahren Grad seiner eigenen Moralität (als
welcher sich auf seinen unerkennbaren intelligiblen Charakter gründet)
wissen; dass er die Zweckmässigkeit als Princip der, beide
Gesetzgebungen verknüpfenden, reflectirenden Urtheilskraft aufstellt
(als welche Zweckmässigkeit sich nur durch eine höhere, dritte
Gesetzgebung möglich denken lässt). Vorzüglich aber scheint eben dieses
in seiner Schrift vom radicalen Bösen (jetzt dem ersten Stücke der
^Religion innerhalb der Grenzen der blossen Vernunft^) aus seinem
Beweise für die Annehmbarkeit eines absolut freien Willens ^aus der
Nothwendigkeit der Zurechnung,^ und aus seiner Berufung auf ^einen
unerforschlichen höheren Beistand^ (der nicht etwa unseren
intelligiblen, bloss durch absolute Selbstthätigkeit zu bestimmenden
Charakter statt unserer bestimme, sondern unsern erscheinenden
empirischen mit jenen übereinstimmend mache, welches nur kraft jener
höheren Gesetzgebung geschehen kann) hervorzugehen. Jene Beweisart und
diese Berufung sind so innig mit dem Geiste der kritischen Philosophie
verwebt, dass man wirklich sehr wenig mit ihm bekannt seyn muss, um in
dieser Philosophie dieselben so abenteuerlich, so wider den gesunden
Menschenverstand streitend, und so lächerlich zu finden, als Herr
Creuzer sie findet. Es würde ein Leichtes seyn, ihm zu zeigen, dass er
selbst zufolge der Prämissen, die er mit der Kantischen Schule annimmt,
auch diese Sätze nothwendig annehmen müsse.
Von Untersuchung dieser Theorie geht Herr Creuzer zur Prüfung des allen
Lesern der A. L. Z. sattsam bekannten Schmidschen intelligiblen
Fatalismus über. So sehr diese Theorie, von der speculativen Seite
angesehen, ihn befriediget, so klar und einleuchtend thut er dar, dass
sie alle Moralität völlig aufhebe. Rec. ist über den zweiten Punct
völlig mit ihm einverstanden, und das, was Hr. Prof. Schmid selbst in
der Vorrede zu diesem Buche zu seiner Vertheidigung hierüber sagt, hat
ihm wenigstens noch ärger, als die Anklage geschienen. Zurechnung,
Schuld und Verdienst fällt bei dieser Theorie, nach Hrn. Schmids eigenem
Geständnisse, weg; nun wäre es an ihm, zu zeigen, wie man sich dabei
noch ein für ^jede^ Handlung, die nach dem Gesetze beurtheilt wird,
^gültiges Gesetz^ denken könne. Die Moralität, welche übrig bleiben
soll, ist eben diejenige, welche in den ehemaligen Glückseligkeits- und
Vollkommenheitstheorien übrig blieb: gut seyn ist ein Glück, und böse
seyn ein Unglück. Ueber den ersteren Punct hören wir Hrn. Schmid selbst.
»Man kann den undenkbaren Gedanken, den Nichtgedanken (einer
Nothwendigkeit, die nicht Nothwendigkeit ist, eines unbeschränkten
Vermögens, das nicht alles vermag, eines Unvermögens, das doch das
völligste Vermögen ist, eines nothwendigen Grundes, der nicht nothwendig
begründet, eines Individualdinges, das sich wie ein abgezogenes
Allgemeinding verhält, also bestimmt und auch unbestimmt ist, endlich
einer Unabhängigkeit, die aus einer doppelten Abhängigkeit hervorgeht«
[passt denn diese Charakteristik auch auf die Reinholdsche Definition
der Freiheit des Willens, oder etwa nur auf diejenige, welche praktische
Vernunft und Willen verwechselt?]), »der doch für einen Hauptgedanken
gelten soll, von einer Stelle der Theorie an einen anderen Platz
hinbringen; man kann ihn aus der Sinnenwelt in die Welt der Noumenen
verpflanzen; man kann gewissen anstössigen, und wegen ihrer Bestimmtheit
ein wenig unbequemen Formeln aus dem Wege gehen, und bequemere (ich
meine lenksamere, unbestimmtere) dafür gebrauchen; man kann endlich neue
Vermögen der Willkür erdichten, sie aus ihrer Naturverbindung
herausreissen, und so als isolirte Unbestimmtheiten aufstellen« (ganz
eigentlich das, wenn man die Ausdrücke nicht ganz genau nimmt, hat Rec.
hier gethan, und fragt: ob man das Daseyn eines allgemeingültigen
Sittengesetzes anerkennen und consequent seyn, und dennoch das auch
nicht thun könne?) -- -- »aber der Widerspruch selbst bleibt, was er
war; der Verstand kann nicht denken wider die Gesetze der Möglichkeit
alles Denkens.« Und jetzt entscheide das Publicum, ob hier noch ein
Widerspruch, oder ob blosse Unbegreiflichkeit vorhanden sey? --
Uebrigens glaubt Rec., dass die Philosophie sich von Hrn. Creuzer,
sobald in seine ausgebreitete und mannigfaltige Belesenheit mehr
Ordnung, und in seine Geistesthätigkeit mehr Reife gekommen seyn werde,
viel Gutes zu versprechen habe. --
B.
Gotha, bei Ettinger: Ueber die sittliche Güte aus
uninteressirtem Wohlwollen, von Friedrich Heinrich Gebhard.
1792. 290 S. 8. mit Dedic. und Vorber.
(Jenaer Allgem. Literatur-Zeitung 1793. N. 304.)
Rec. nahm dieses Buch nicht ohne grosse Erwartung zur Hand, da es ihm
die Auflösung einer Schwierigkeit zu versprechen schien, die er noch
nirgends befriedigend gelöst fand, und von deren Auflösung, wenigstens
seiner Ueberzeugung nach, darum nicht minder die Allgemeingültigkeit des
Kantschen Moralprincips abhängt; und er war höchst unzufrieden mit sich
selbst, dass er bei den Ausdrücken des Verfassers sich so selten etwas
Bestimmtes denken konnte, bis ihm endlich durch die Stelle S. 84.: »Das
moralische Gefühl besteht in einer Billigung oder ^Misbilligung^ einer
^Wirkung^ der ^praktischen Vernunft;^ denn sonst wäre ja nichts da, was
gebilligt oder misbilligt werden könnte. Also ist es kein sittliches
Gefühl, was uns zur uninteressirten Thätigkeit treibt, sondern jenes
wird erst von dieser (der prakt. Vernunft) und von dem Bewusstseyn
derselben erzeugt;« -- auf einmal völlig einleuchtend wurde, wie weit
der Verf. selbst vom bestimmten Denken über seinen Gegenstand noch
entfernt seyn müsse. Ein Aufsatz im Braunschweiger Journal (Juni 1791),
der das von Smith als Moralprincip aufgestellte reine oder
uninteressirte Wohlwollen gegen das Kantische Princip in Schutz nahm,
war die Veranlassung der ersten drei Abschnitte dieser Schrift. Der
erste Abschnitt vertheidigt Kant gegen die Beschuldigung des
Journalisten, dass er nicht definirt habe, ^was^ sittlich gut sey, durch
die Vorlegung der Kantischen Definition: es sey dasjenige, was man
zufolge des mit Nothwendigkeit gebietenden praktischen Vernunftgesetzes
^solle;^ und entwickelt überhaupt das Kantische Moralprincip. Hat etwa
der Journalist eine Realdefinition begehrt (denn sollten ihm wohl jene
Nominaldefinitionen unbekannt geblieben seyn? --); so hätte ihm Hr.
Gebhard befriedigender geantwortet, wenn er ihm gezeigt hätte, ^dass^
und ^warum^ das ^Materiale^ eines bloss ^formalen^ Imperativs sich nicht
vorlegen lasse, und dass er mithin in seiner Forderung schon
voraussetze, was er durch sie erweisen wolle. Neues hat Rec. unter einem
unerschöpflichen Wortreichthume in diesem Abschnitte nichts gefunden,
als das, dass der Verf. die allgemeingeltenden Vorschriften des
Sittengesetzes nicht für bloss negativ (für Einschränkungen der den
Willen bestimmenden Anmaassung des sinnlichen Triebes), sondern für
positiv hält; dass es z. B. nach ihm Pflicht ist, nicht -- nie eine
Unwahrheit zu sagen, sondern die Wahrheit immer, und in jedem Falle
gerade herauszusagen. Der zweite Abschnitt untersucht, ob das reine
Wohlwollen Princip der Moral seyn könne. Dass eine solche Untersuchung
nicht aus bestrittenen Kantischen Prämissen, sondern aus solchen, die
sein Gegner mit ihm gemeinschaftlich annimmt, geführt werden müsse,
scheint der Verf., nach einer Stelle zu urtheilen, gefühlt zu haben; ob
er diesem Gefühle gefolgt sey, wird sich zeigen. »Ein reines Wohlwollen
sey ein uninteressirtes. Interesse sey rein oder pathologisch. Das
letztere entstehe aus dem sinnlichen Triebe, und könne hier nicht
gemeint seyn. Das erstere sey das durch die Gesetzgebung der praktischen
Vernunft erzeugte, und könne ebensowenig gemeint seyn; denn sonst wäre
ja dieses System mit dem Kantischen nicht im Widerspruche.« -- Dawider
kann nun der Gegner die gegründete Einwendung machen: er nehme
allerdings mit Kant eine uneigennützige (nicht auf Befriedigung des
sinnlichen Triebes ausgehende) Neigung an; sein Wohlwollen gründe
sich ebensowenig auf ein Interesse, als das Kantische obere
Begehrungsvermögen; aber es bringe, ebenso wie dieses, eines hervor: nur
leite er dieses zugestandene Gefühl keinesweges von einer absoluten
Selbstthätigkeit des menschlichen Geistes ab, sondern halte es für einen
Grundtrieb des Gemüths, der sich von keinem höheren Vermögen ableiten,
noch daraus erklären lasse. Um zu zeigen, dass ein solches
uninteressirtes Wohlwollen, wie er dem Gegner andichtet, überhaupt nicht
möglich sey, verwechselt der Verf. kurz darauf ^Interesse,^ geistiges
Wohlgefallen an der blossen Vorstellung von dem Daseyn eines
Gegenstandes, mit ^Vergnügen,^ Lust an dem durch Empfindung als wirklich
gegebenen Gegenstande: »wenn der Gegenstand unseres wohlwollenden
Triebes realisirt würde, so würden wir nicht ermangeln, ein wirkliches
Vergnügen zu empfinden, mithin sey unser Wohlwollen doch (pathologisch)
interessirt.« Empfindet denn, kann ihn hier der Gegner fragen, der durch
das praktische Vernunftgesetz Bestimmte kein Vergnügen, wenn er den
Gegenstand seiner Willensbestimmung als realisirt empfindet? »Aber,«
lässt er bald darauf den Gegner richtig antworten, »die Vorstellung
dieses Vergnügens soll nur nicht der bestimmende Grund des Willens
seyn.« Aber was denn? die Vernunft? so ist der Gegner ein Kantianer. Der
Trieb selbst? Das kann Hr. Gebhard nicht einsehen. Von einem Dritten,
das den Willen bestimmen könnte, einer absoluten Selbstthätigkeit, ist
im ganzen Buche nicht die Rede.
Nach diesen Vorübungen setzt endlich Hr. Gebhard den wahren Streitpunct
sehr richtig so fest: Soll man der Vernunft oder dem reinen Wohlwollen
das Primat zuerkennen? Hier entspinnt sich zuerst eine ermüdende
langweilige Erörterung, dass die Vernunft, »wenn man sie auch etwa für
die bloss theoretische Vernunft anerkennen wolle« (?), doch über die
Anwendbarkeit des Princips des Wohlwollens auf bestimmt gegebene Fälle
Richterin seyn müsse. Rec. sollte meinen, das wäre überhaupt nicht die
Vernunft (das Vermögen ^ursprünglicher^ Gesetze), sondern die
Urtheilskraft, die im Systeme seines Gegners hierunter das durch jenes
wohlwollende Gefühl aufgestellte Gesetz (welches der Verstand in eine
logische Formel zu bringen hätte) subsumiren würde; und dann -- muss
denn nicht dieselbe Urtheilskraft auf dieselbe Art auch unter das
praktische Vernunftgesetz subsumiren? Und nun endlich kömmt der Verf. zu
dem, was er den Beweis nennt, dass der Vernunft, und zwar der
praktischen Vernunft, das Primat über das reine Wohlwollen zukomme.
»Warum kann man denn den Werth oder Unwerth des uninteressirten
Wohlwollens nicht ebensogut, wie tausend andere Fragen, unentschieden
lassen?« (Ist sein Gegner consequent, so läugnet er ihm die Befugniss zu
einer solchen Frage geradezu ab: ist ihm der Werth dieses Wohlwollens
absolut derjenige, nach welchem jeder andere Werth beurtheilt, welcher
selbst aber nach keinem andern beurtheilt wird.) -- »Entschieden ^muss^
werden, weil es hier auf Handeln und auf fehlerlose Richtigkeit des
Handelns ankömmt. Nothwendigkeit des Handelns, verbunden mit dieser
Regelmässigkeit desselben, ist aber hier noch nicht Sache des
Wohlwollens; denn hierüber ist eben erst die Frage; sondern der
Vernunft, und zwar nicht der theoretischen, sondern der praktischen.«
Versteht Rec. diese Worte, so sagen sie so viel: das Wohlwollen kann
nicht absolut erstes Gesetz des Handelns seyn; ich will hier einmal nach
einem höheren Grunde fragen; mithin giebt es einen solchen höheren
Grund: diesen höheren Grund will ich Vernunft, und zwar nicht
theoretische, sondern praktische Vernunft nennen; mithin -- u. s. f.
»Und so ist denn,« fährt Hr. Gebhard in Schwabacher Schrift fort, »die
Subordination des uninteressirten Wohlwollens unter die praktische
Vernunft klar erwiesen?« -- Ja wohl, wenn schon vorher angenommen war,
dass die Vernunft auch praktisch seyn könne, und auch wirklich sey.
Und was heisst denn Vernunft überhaupt; und wie ist denn insbesondere
die praktische von der theoretischen unterschieden? Rec. hat im ganzen
Buche vergebens nach einer Spur gesucht, woraus hervorginge, dass der
Verf. auch nur eine leise Ahnung habe, was Vernunft überhaupt, und was
praktische Vernunft in der kritischen Philosophie bedeute; vielmehr hat
er dieses Wort bald für Verstand, bald für Urtheilskraft, bald für
Willen, und endlich gar für sittliches Gefühl, kurz fast für alles
gebraucht gefunden, was dem Verf. unter die Feder kam. -- »Das Princip
des uninteressirten Wohlwollens sey unbestimmt. Uninteressirt sey ein
unbestimmter Begriff.« ^Uninteressirt,^ wie es oben erklärt worden, ist
ein negativer Begriff, aber kein unbestimmter; er erhält seine
Bestimmung in der Erfahrung von dem ihm entgegengesetzten ^interessirt^
(durch sinnlichen Trieb zur Neigung bestimmt).
»Wohlwollen beziehe sich auf Glückseligkeit, und werde durch die
Unbestimmbarkeit dieses Begriffs auch unbestimmbar.« Theoretisch wohl,
aber nicht als Princip der Willensbestimmung, wenn diesem nicht die
hervorzubringende, sondern bloss die rein zu berichtigende
Glückseligkeit als Zweck aufgestellt wird. Ein Wille, der Glückseligkeit
ausser sich wirklich machte, wäre in diesem Systeme legal; einer, dessen
Triebfeder nur lediglich die Vorstellung dieses Zweckes gewesen wäre,
wäre moralisch. Hr. Gebhard macht die Bestreitung dieses Systems sich
noch ferner bequem, indem er die Unterscheidung der eigenen von der
fremden Glückseligkeit in das Princip aufnimmt, und es nun, wie
natürlich, bei der Anwendung in Widerstreit mit sich selbst gerathen
lässt. Aber ein consequenter Vertheidiger desselben wird den Grund
dieser Unterscheidung bloss in der interessirten sinnlichen Neigung
aufsuchen, und für das uninteressirte Wohlwollen Glückseligkeit
überhaupt, ohne Rücksicht auf das Subject derselben, zum Objecte
aufstellen. »Dies Princip sey ferner unverständlich. Ein Princip müsse
vernünftig gedacht, besonnen seyn.« Das heisst entweder: es muss für die
Wissenschaft sich in einer bestimmten Formel aufstellen lassen (und
warum liesse sich denn das Bestrittene nicht in der Formel aufstellen:
die Hervorbringung der, deinem besten Wissen nach, möglichst grössten
Summe der Glückseligkeit in der empfindenden Welt sey höchster Endzweck
deiner freien Handlungen?), oder: es muss in dieser bestimmten Formel
dem Bewusstseyn beim Bestimmen des Willens vorschweben; und der Verf.
besteht besonders auf dem letzteren. Aber warum könnte es denn in jener
Formel das nicht, wenn es müsste? oder warum müsste es denn? Wird denn
nicht auch das praktische Vernunftgesetz dem Bewusstseyn bloss durch ein
Gefühl gegeben; und ist denn keine Handlung rein moralisch, die sich
bloss auf dieses Gefühl, und nicht auf eine klare, deutliche und
vollständige Kenntniss des kategorischen Imperativs gründet? »Der
Uebergang eines Gefühls in Handlungen lasse sich nicht begreifen.« Wie
mag sich der Verf. doch den Uebergang des auf die praktische Vernunft
sich gründenden sittlichen Gefühls in Handlungen begreiflich machen?
Hoffentlich haben sowohl Hr. Gebhard, als die Leser an diesen Beweisen
der völligen Unfähigkeit dieses Kantianers zur Lösung der aufgeworfenen
Streitfrage genug; und überheben Rec. des langweiligen Geschäfts, den
Auszug aus einer solchen Schrift fortzusetzen.
Dass der Trieb des Wohlwollens, wenn er bei seiner Anwendung auf
bestimmte Fälle von der Vorstellung der Glückseligkeit geleitet werden
soll, welche erst durch Sinnenempfindung gegeben werden müsste, und in
welchem Falle die Formel: was du ^willst^, dass man dir erzeige u. s.
f., soviel heissen würde, als: was du durch den sinnlichen Trieb
begehrest, was dir angenehm seyn würde, das sollst du u. s. f., nicht
Princip der Moral seyn könne, lässt sich schon aus dem Bewusstseyn
darthun, vermöge dessen wir manches für moralisch nothwendig anerkennen
müssen, das uns doch als die Quelle des höchsten und allgemeinsten
Elendes erscheint. Aber diese Beziehung auf Glückseligkeit, durch das
handelnde Subject selbst, ist etwas dem Systeme zufälliges. Die
Hauptfrage ist die: ob jenes Gefühl des schlechthin Rechten (nicht eines
Glückseligkeit beabsichtigenden Wohlwollens), dessen Daseyn im
Bewusstseyn der Gegner in seiner ganzen Ausdehnung zugestehen kann, von
etwas Höherem, und zwar von einer praktischen Vernunft, abzuleiten sey,
oder nicht? Gegen den, der dieses läugnet, kann man sich weder auf eine
Thatsache berufen; -- denn was wirklich Thatsache ist, das gesteht er
zu, und dass die Vernunft praktisch sey, und durch dieses ihr Vermögen
jenes Gefühl bewirke, ist nicht Thatsache: -- noch auf das Gefühl einer
moralischen Nothwendigkeit (jenes ^Sollen^), das damit vereinigt ist;
denn dies entsteht auch im Kantischen Systeme aus der Bestimmung des
oberen Begehrungsvermögens, als oberen, zur Neigung: -- noch auf einen
in diesem Systeme stattfindenden Mangel eines Unterscheidungsgrundes
zwischen dem sittlichen und widersittlichen Triebe; denn der
Vertheidiger desselben kann nur den Grundsatz aufstellen: was sich als
allgemein, stets, immer und auf jeden Fall, gültige Maxime für das
Subject ohne Widerspruch denken lässt, ist Wirkung des sittlichen
Triebes, und was sich, in dieser Allgemeinheit (für das Subject)
gedacht, widerspricht, das widerspricht dem Sittlichen; -- denn wenn
jenes Gefühl ursprünglich und einfach seyn soll, so kann es sich nicht
selbst widersprechen (vom nichtsittlichen, dem animalischen Instincte,
ist es freilich nicht zu unterscheiden, aber es soll auch in diesem
System nicht davon unterschieden werden; seine Befriedigung ist hier
selbst Pflicht): -- noch endlich darauf, dass in demselben jeder Grund,
eine Freiheit des Willens anzunehmen, wegfalle; denn wenn eine solche
Freiheit keine Thatsache des Bewusstseyns, sondern ein blosses Postulat
des als Wirkung der praktischen Vernunft angenommenen Sittengesetzes
ist; so behilft ein System, das ihrer nicht bedarf, sich gern ohne
dieselbe; das sittliche Gefühl wirkt unwiderstehlich, wo kein Hinderniss
seiner Wirkung vorhanden ist. Die eigentliche Moralität wäre freilich
vernichtet, und wir wären wieder an die Kette der Naturnothwendigkeit
angefesselt, aber die Thatsachen unseres Bewusstseyns wären
doch befriedigend und mit höchster Consequenz erklärt, alle
Unbegreiflichkeiten des Kantischen Systems gehoben, und jene Moralität
eine erweisbare Täuschung. Um jene Triebfeder des schlechthin Rechten
mit der übrigen Natur in Zusammenhang zu bringen, und den öfteren
Widerstreit derselben mit dem ebenso natürlichen Glückseligkeitstriebe
aufzuheben, würden wir auf die Hypothese getrieben: dass jene Triebfeder
eine Veranstaltung der Natur sey, um die uns unbekannte Glückseligkeit
auch ohne unser Wissen durch uns hervorzubringen, und dass das
Rechtthun, wenn auch nicht in unserem gegenwärtigen, oder überhaupt in
dem unsrigen, dennoch in irgend einem Verstande letztes Mittel zum
höchsten Endzwecke der Natur, der Glückseligkeit, sey. Der wesentliche
Unterschied eines solchen Systems vom Kantischen wäre der, dass in jenem
das sittliche Gefühl zwar auch Wirkung der Vernunft (als Vermögen
ursprünglicher Gesetze) wäre, aber der ^theoretischen^; dass mithin
dieses Gesetz durch den Mechanismus unseres Geistes ^bedingt^, und auf
alle Fälle, worauf es anwendbar wäre, mit ^Nothwendigkeit^ angewendet
würde (die Erscheinung der Unabhängigkeit von ihm, welche allein es von
den übrigen Gesetzen der theoretischen Vernunft unterscheiden, und das
bei Anwendung jener Gesetze vorhandene Gefühl des Müssens in ein Gefühl
des Sollens verwandeln würde, entstände daher, dass die Hindernisse der
Anwendung desselben auf Fälle, worauf es anwendbar schiene, nicht
ebenso, wie bei jenen, zu unserem deutlichen Bewusstseyn gelangten): in
diesem aber dasselbe Wirkung einer Vernunft wäre, welche in dieser
Function unter keiner andern Bedingung stände, als unter der
Bedingung ihres eigenen Wesens (der absoluten Einheit und mithin
Gleichförmigkeit), einer praktischen Vernunft.
Dieses letztere nun lässt sich weder für eine Thatsache ausgeben, noch
irgend einer Thatsache zufolge postuliren, sondern es muss bewiesen
werden. Es muss bewiesen werden, ^dass^ die Vernunft praktisch sey. Ein
solcher Beweis, der zugleich gar leicht Fundament ^alles^
philosophischen Wissens (der Materie nach) seyn könnte, müsste ungefähr
so geführt werden: der Mensch wird dem Bewusstseyn als Einheit (als Ich)
gegeben; diese Thatsache ist nur unter Voraussetzung eines schlechthin
Unbedingten in ihm zu erklären; mithin muss ein schlechthin Unbedingtes
im Menschen angenommen werden. Ein solches schlechthin Unbedingtes aber
ist eine praktische Vernunft: -- und nun erst dürfte mit Sicherheit
jenes, allerdings in einer Thatsache gegebene sittliche Gefühl als
Wirkung dieser erwiesenen praktischen Vernunft angenommen werden.
Der vierte Abschnitt: »ob das höchste Princip der reinen praktischen
Vernunft sich mit dem der Glückseligkeit verbinden lasse,« -- ist
gerichtet gegen Hrn. Rapps Abhandlung ^über die Untauglichkeit des
Princips der allgemeinen und eigenen Glückseligkeit zum Grundgesetze der
Sittlichkeit^, Jena, bei Mauke, 1791. Hr. Rapp habe anfangs das
Kantische Moralprincip in seiner völligen Reinheit aufgestellt, aber am
Ende seiner Schrift sich zu einem Synkretismus der reinen Vernunft- und
der Glückseligkeitstheorie hingeneigt. Gleich den ersten Satz, den der
Verf. Hrn. Rapps Satze: der sittliche gute Wille sey zwar das höchste
Gut, aber deshalb doch nicht der ganze letzte Zweck des Menschen --
entgegengestellt: der sittliche Wille sey nicht nur das Absolutgute,
sondern auch das höchste, und zwar das ganze höchste Gut -- könnte man
ihm gelten lassen, wenn er unter dem sittlichen Willen nur wirklich den
sittlichen ^Willen^ verstände. Da er aber auch hier, wie immer, die
praktische Vernunft mit dem eigentlichen Willen verwechselt, so ist
klar, dass ihn niemand verstehen kann, weil er selbst sich nicht
verstanden hat.
Der bescheidene Verf. bittet in der Vorrede nicht um Nachsicht, sondern
um eine wohlthätig aufklärende Zurechtweisung, und nach allem scheint es
ihm mit dieser Bitte ein Ernst zu seyn. Rec. kann ihm hier bloss den
Rath geben, noch eine geraume Zeit über Kants und anderer grosser
Selbstdenker Schriften nachzudenken, und wenn er dann ja die Resultate
seines Nachdenkens mittheilen, und gelesen seyn will, sich einer
grösseren Präcision, und besonders der Einfachheit, in seinem Ausdrucke
zu befleissigen. Es ist unangenehm, da, wo man bestimmte Erklärungen
erwartet, auf Kräuseleien zu stossen, wie folgende: »Es giebt Charaktere
(^sic^) und Handlungen, deren Erhabenheit und Grösse wie ein ewig
flammender Strahl von den Zeiten des grauen Alterthums bis zur jüngsten
Menschenwelt herableuchtet.« Bruchstücke aus dergleichen Chrien in
zierlicher Schreibart schiebt der Verf. ein, wo es sich nur irgend thun
lässt.
C.
Zum ewigen Frieden. Ein philosophischer Entwurf von Immanuel
Kant. Königsberg, bei Nicolovius. 1795. 104 S. 8.
(Philos. Journal Bd. IV. S. 81-92. 1796.)
Der Name des grossen Verfassers, das Interesse für die gegenwärtigen und
nächstkünftigen politischen Ereignisse, die Parteilichkeit für oder
wider gewisse Beurtheilungen derselben, die Begierde zu wissen, wie
dieser grosse Mann sie ansehen möge, und wer weiss, welche Gründe noch
-- haben ohne Zweifel diese Schrift schon längst in die Hände aller, die
die Lectüre lieben, gebracht, und unsere Anzeige käme für die meisten
Leser dieses Journals wohl zu spät, wenn sie dieselben erst mit ihrer
Existenz bekannt machen wollte. Aber gerade diese Beziehung derselben
auf das Interesse des Tages, die Leichtigkeit und Annehmlichkeit des
Vortrags, und die anspruchslose Weise, mit welcher die in ihr
vorgetragenen erhabenen, allumfassenden Ideen hingelegt werden, dürfte
mehrere verleiten, derselben nicht die Wichtigkeit beizumessen, die sie
unseres Erachtens hat, und die Hauptidee derselben für nicht viel mehr
anzusehen, als für einen frommen Wunsch, einen unmaassgeblichen
Vorschlag, einen schönen Traum, der allenfalls dazu dienen möge,
menschenfreundliche Gemüther einige Augenblicke angenehm zu unterhalten.
Es sey uns erlaubt, auf die entgegengesetzte Meinung aufmerksam zu
machen, dass diese Hauptidee doch wohl noch etwas mehr seyn möge; dass
sich vielleicht von ihr ebenso streng, als von anderen ursprünglichen
Anlagen erweisen lasse, dass sie im Wesen der Vernunft liege, dass die
Vernunft schlechthin ihre Realisation fordere, und dass sie sonach auch
unter die zwar aufzuhaltenden, aber nicht zu vernichtenden Zwecke der
Natur gehöre. Auch sey es uns erlaubt, anzumerken, dass diese Schrift,
wenn auch nicht durchgängig die Gründe, doch zum wenigsten die Resultate
der Kantischen Rechtsphilosophie vollständig enthält, und sonach auch in
wissenschaftlicher Rücksicht äusserst wichtig ist.
^Erster Abschnitt.^ Präliminarartikel zum ewigen Frieden unter Staaten.
1) »Es solle kein Friedensschluss für einen solchen gelten, der mit dem
geheimen Vorbehalt des Stoffes zu einem künftigen Kriege gemacht
worden;« in welchem der schon bekannte oder unbekannte Grund eines
künftigen Krieges nicht zugleich mit aufgehoben werde. Ausserdem wäre
kein Friede, sondern nur ein Waffenstillstand geschlossen, sagt Kant. Es
liegt im Begriff des ^Friedens.^ Durch ihn versetzen sich, glaubt Rec.,
die Contrahirenden, so gewiss sie contrahiren, überhaupt in ein
rechtliches Verhältniss gegeneinander, und vertragen sich nicht nur über
das bis jetzt streitige, sondern über alle Rechte, die zur Zeit des
Friedensschlusses ein jeder sich zuschreibt. Wogegen nicht ausdrücklich
Einspruch geschieht (wodurch aber der Friede aufgehoben würde), das
gestehen die Parteien einander stillschweigend zu.
2) »Es solle kein für sich bestehender Staat (klein oder gross, das
gelte hier gleichviel) von einem anderen Staate durch Erbung, Tausch,
Kauf oder Schenkung erworben werden können;« -- weil es, so wie die
Verdingung der Truppen eines Staates an den anderen, überhaupt gegen den
Staatsvertrag laufe; wie ^an sich^ klar ist: -- in Beziehung auf den
beabzweckten ewigen Frieden; weil dies eine nothwendige Quelle vieler
Kriege gewesen sey, und fortdauernd seyn werde.
3) »Stehende Heere sollen mit der Zeit ganz aufhören« -- weil sie
beständig mit Krieg drohen, und die Errichtung, Vermehrung, Erhaltung
derselben oft selbst eine Ursache des Krieges werde.
4) »Es sollen keine Staatsschulden in Beziehung auf äussere Staatshändel
gemacht werden;« -- als ^Erleichterungsmittel der Kriege^ zu verbieten,
wie die stehenden Heere, -- auch um des möglichen und zu seiner Zeit
unvermeidlichen Staatsbanquerots willen.
5) »Kein Staat solle sich in die Verfassung und Regierung eines anderen
Staates gewaltthätig einmischen;« -- nicht etwa unter dem Vorwande des
Skandals. Es sey allemal ^scandalum acceptum,^ und die fremde
Einmischung selbst ein grosses Skandal.
6) »Es solle sich kein Staat im Kriege mit einem anderen
Feindseligkeiten erlauben, welche das wechselseitige Zutrauen im
künftigen Frieden unmöglich machen müssen: als da sind, ^Anstellung der
Meuchelmörder, Giftmischer, Brechung der Capitulation, Anstiftung des
Verrathes^ in dem bekriegten Staate« u. s. w. -- weil dadurch der Friede
unmöglich, und ein ^bellum internecinum^ herbeigeführt würde.
Beiläufig wird aufmerksam gemacht auf den Begriff einer ^lex
permissiva.^ Sie ist nur möglich dadurch, dass das Gesetz auf gewisse
Fälle nicht gehe, -- woraus man, wie Rec. glaubt, hätte ersehen mögen,
dass das Sittengesetz, dieser ^kategorische^ Imperativ, ^nicht^ die
Quelle des Naturrechts seyn könne, da er ohne Ausnahme und unbedingt
gebietet: das letztere aber nur ^Rechte^ giebt, deren man sich bedienen
kann, oder auch nicht. Es ist hier nicht der Ort, sich weiter darüber
auszulassen.
^Zweiter Abschnitt,^ welcher die Definitivartikel zum ewigen Frieden
unter Staaten enthält. -- Alles ist aufgebaut auf die Sätze, die Kant
schon ehemals aufgestellt, die nicht geringen Anstoss erregt haben, und
deren Prämissen auch hier nicht weiter als durch Winke angedeutet sind:
»^Alle Menschen, die aufeinander wechselseitig einfliessen können,
müssen zu irgend einer bürgerlichen Verfassung gehören.^« »Jeder hat das
Recht, den anderen, den er dazu aufgefordert hat, feindlich zu
behandeln; auch ohne dass derselbe ihn vorher beleidigt.« Es sey dem
Rec. -- der, bei seinen Untersuchungen über das Naturrecht, aus
Principien, die von den bis jetzt bekannten Kantischen unabhängig sind,
auf diese und auf die tiefer unten folgenden Kantischen Resultate
gekommen, und den Beweis derselben gefunden, auch sie öffentlich
vorgetragen hat, ehe dieses Buch in seine Hände gekommen, -- erlaubt,
einige Worte hinzuzusetzen, um vorläufig die Befremdung, die bei der
herrschenden Denkart diese Sätze erregen müssen, ein wenig zu mildern.
Nur inwiefern Menschen in Beziehung aufeinander gedacht werden, kann von
Rechten die Rede seyn, und ausser einer solchen Beziehung, die sich aber
dem Mechanism des menschlichen Geistes zufolge von selbst und unvermerkt
findet, weil die Menschen gar nicht isolirt seyn können, und kein Mensch
möglich ist, wenn nicht mehrere bei einander sind, ist ein Recht nichts.
Wie können freie Wesen, als solche, bei einander bestehen? ist die
oberste Rechtsfrage; und die Antwort darauf: wenn jeder seine Freiheit
so beschränkt, dass neben ihr die der anderen auch bestehen kann. Die
Gültigkeit dieses Gesetzes ist sonach bedingt durch den Begriff einer
Gemeinschaft freier Wesen; sie fällt weg, wo diese nicht möglich ist,
sie fällt weg gegen jeden, der in eine solche Gemeinschaft nicht passt,
und es passt keiner hinein, der sich diesem Gesetze nicht unterwirft.
Ein solcher hat mithin gar keine Rechte, er ist rechtlos. -- So lange
Menschen nebeneinander leben, ohne anders, als vermittelst der
gegenseitigen Erkenntniss aufeinander einzufliessen, ist es von beiden
problematisch, ob sie jenem Gesetze sich im Herzen unterwerfen, oder
nicht. Da jeder von dem anderen ebensowohl das letztere annehmen kann,
als das erstere, so kann er vor demselben nie sicher seyn; auch schon
darum nicht, weil der andere ebensowenig weiss, ob er sich dem Gesetze
unterwerfe, und demzufolge Rechte habe, oder rechtlos sey. Es muss jedem
Angelegenheit seyn, dem anderen seine Anerkenntniss des Rechtsgesetzes
zu erklären, sich von seiner Seite die seinige von ihm zusichern, und,
da keiner dem anderen vertrauen kann, sie sich von ihm ^garantiren^ zu
lassen; welches lediglich durch die Vereinigung mit einem gemeinen Wesen
möglich ist, in welchem jeder durch Zwang verhindert wird, das Recht zu
verletzen. Wer diesen Vorschlag nicht annimmt, erklärt dadurch, dass er
dem Rechtsgesetze sich nicht unterwerfe, und wird völlig rechtlos.
»Alle rechtliche Verfassung ist sonach (nach Kant), in Absicht der
Personen, die darin stehen: 1) die nach dem ^Staatsbürgerrechte^ der
Menschen in einem Volke (^jus civitatis^); 2) nach dem ^Völkerrechte^
der Staaten im Verhältniss gegeneinander (^jus gentium^); 3) die nach
dem ^Weltbürgerrechte^, sofern Menschen und Staaten, in äusserem
aufeinander einfliessendem Verhältnisse stehend, als Bürger eines
allgemeinen Menschenstaates anzusehen sind (^jus cosmopoliticum^).«
Es giebt sonach, wie jeder daraus leicht folgern kann, nach Kants Lehre
gar kein eigentliches Naturrecht, kein rechtliches Verhältniss der
Menschen, ausser unter einem positiven Gesetze und einer Obrigkeit; und
der Stand im Staate ist der einzige wahre Naturstand des Menschen: --
alles Behauptungen, die sich unwidersprechlich darthun lassen, wenn man
den Rechtsbegriff richtig deducirt.
^Erster Definitivartikel. »Die bürgerliche Verfassung in jedem Staate
soll republikanisch seyn.^« -- Diese Verfassung sey die einzig
rechtliche an sich, dem Staatsbürgerrechte nach, und führe den ewigen
Frieden herbei, der durch das Völkerrecht gefordert werde: indem nicht
zu erwarten sey, dass die Bürger über sich selbst die Drangsale des
Krieges beschliessen werden, die ein Monarch, ohne für sich das
geringste dabei zu verlieren, so leicht über sie beschliesst. Die
^Republik^ sey von der ^Demokratie^ wohl zu unterscheiden. Die letztere
sey diejenige Verfassung, in welcher das Volk in eigener Person die
executive Gewalt ausübt, mithin immer Richter in seiner eigenen Sache
ist, welches eine offenbar unrechtmässige Regierungsform sey: der
Republikanism diejenige, in welcher die legislative und executive Macht
getrennt (ob nun die letztere an Eine Person, oder an mehrere
übertragen), mithin das Repräsentationssystem eingeführt sey.
Dem Rec. hat diese vorgeschlagene Trennung der legislativen von der
executiven Macht immer nicht bestimmt genug, wenigstens manchen
Misdeutungen ausgesetzt, geschienen. Er glaubt, dass diejenige Macht,
die der executiven entgegenzusetzen ist, einer näheren Bestimmung fähig
sey. Er hat, wenn es ihm erlaubt ist, seine Darstellung der Kantischen
hinzuzufügen, die Sache so gefunden -- das höchste Rechtsgesetz ist
durch die reine Vernunft gegeben: jeder beschränke seine Freiheit so,
dass neben ihm alle übrigen auch frei seyn können. ^Wie weit^ eines
jeden Freiheit gehen solle, d. h. über das Eigenthum im allerweitesten
Sinne des Wortes, müssen die Contrahirenden sich vergleichen. Das Gesetz
ist nur ^formal, dass^ jeder seine Freiheit beschränken soll, aber nicht
^material, wie weit^ sie jeder beschränken solle. Hierüber müssen sie
sich vereinigen. Aber dass überhaupt jeder darüber etwas declarire,
fordert das Gesetz. Die höchste Formel für alle möglichen Strafgesetze
ist durch reine Vernunft gleichfalls gegeben: jeder muss von seiner
Freiheit gerade so viel wagen, als er die des anderen zu beeinträchtigen
versucht ist. Die Menge der Menschen, die sich im Staate vereinigen, der
Bezirk, den sie einnehmen, und die Nahrungszweige, die sie bearbeiten,
giebt also immer das positive Gesetz für den Staat, den sie errichten;
und jeder kann ihnen ihr bestimmtes positives Gesetz aufstellen, dem man
nur jene Data giebt. Alle, so wie sie in diesen bestimmten Staat treten
wollen, sind verbunden, dieses bestimmte Gesetz anzuerkennen, und es
bedarf da keiner Sammlung der Stimmen. Jeder hat nur zu sagen: ich will
in diesen Staat treten; und er sagt damit alles. Die Gemeine darf das
Zwangsrecht nicht unmittelbar durch sich selbst ausüben, denn sie würde
dadurch Richter in ihrer eigenen Sache, welches nie erlaubt ist. Sie
muss sonach die Ausübung desselben, es sey einem Einzelnen oder einem
ganzen Corps, übertragen, und wird durch diese Absonderung erst ^Volk^
(^plebs^). Dieses gewalthabende Corps kann zu nichts verbunden werden,
als nur schlechtweg was Rechtens ist in Ausübung zu bringen. Dafür ist
es ^verantwortlich^, und die allgemeinen und besonderen Anwendungen der
Regel des Rechts auf bestimmte Fälle bleiben ihm sonach billigerweise
überlassen. Es ist inappellabel; alle Privatpersonen sind ihm ohne
Einschränkung unterworfen, und jede Widersetzlichkeit gegen dasselbe ist
Rebellion. Wie es das Recht verwalte, darüber ist nur das Volk Richter,
und es muss das Urtheil hierüber sich schlechthin vorbehalten. Aber so
lange jenes Corps im Besitze seiner Gewalt ist, giebt es kein Volk,
sondern nur einen Haufen von Unterthanen; und kein einzelner kann sagen:
das Volk soll sich als Volk erklären, ohne sich der Rebellion schuldig
zu machen, und die executive Gewalt wird das nie sagen; das Volk könnte
nur sich selbst constituiren, aber es kann sich nicht constituiren, wenn
es nicht ist. Es müsste sonach der executiven Gewalt ein anderer
Magistrat, ein ^Ephorat^, an die Seite gesetzt werden, der -- sie nicht
^richtete^, -- aber, wo er Freiheit und Recht in Gefahr glaubte, immer
auf seine eigene Verantwortung, ^das Volk zum Gericht über sie beriefe^.
^Zweiter Definitivartikel.^ »Das Völkerrecht solle auf einem
^Föderalism^ freier Staaten gegründet seyn.« -- Es giebt kein
Völkerrecht zum Kriege. Recht ist Friede. Der Krieg ist überhaupt kein
rechtlicher Zustand, wäre dieser zu erhalten, so wäre kein Krieg. -- Wir
begnügen uns auch nur mit Winken dies anzuzeigen, wie Kant. Es hat wohl
nie eine ungereimtere Zusammensetzung gegeben, als die eines
^Kriegsrechts^.
Es könne für Staaten, um in Beziehung aufeinander aus dem gesetzlosen
Zustande des Krieges herauszugehen, kein anderes Mittel geben, als
dasselbe, welches es für einzelne giebt: dass sie sich, so wie diese zu
einem Bürgerstaate, sie zu einem Völkerstaate vereinigen, in welchem
ihre Streitigkeiten untereinander nach positiven Gesetzen entschieden
werden. -- Dies ist allerdings die Entscheidung der reinen Vernunft, und
der von Kant vorgeschlagene Völkerbund zur Erhaltung des Friedens ist
lediglich ein Mittelzustand, durch welchen die Menschheit zu jenem
grossen Ziele wohl dürfte hindurchgehen müssen; so wie ohne Zweifel die
Staaten auch erst durch Schutzbündnisse einzelner Personen unter sich
entstanden sind.
^Dritter Definitivartikel.^ »Das ^Weltbürgerrecht^ solle auf Bedingungen
der allgemeinen ^Hospitalität^ eingeschränkt seyn;« -- d. h. auf das
Recht jedes Menschen, um seiner blossen Ankunft willen auf dem Boden
eines anderen Staates, nicht feindselig behandelt zu werden; wozu nach
den Grundsätzen des blossen Staatsrechts der Staat allerdings das
vollkommenste Recht hätte.
^Zusatz. Von der Garantie des ewigen Friedens.^ -- Wenn sich nun gleich
zeigen lässt (wie es sich zeigen lässt), dass die Idee des ewigen
Friedens, als Aufgabe, in der reinen Vernunft liege: wer steht uns denn
dafür, dass sie mehr als ein blosser Begriff werden, dass sie in der
Sinnenwelt werde realisirt werden? Die Natur selbst, antwortet Kant,
durch die nach ihrem Mechanism geordnete Verbindung der Dinge. Nach den
drei Arten des rechtlichen Verhältnisses hatte die Natur dreierlei
Zwecke sich vorzusetzen.
^Zuvörderst^, nach dem Postulate des Staatsbürgerrechts, den: die
Einzelnen zur Vereinigung in Staaten zu treiben. Würde auch nicht die
innere Mishelligkeit, so würde doch der Krieg von aussen, der
gleichfalls in dem Plane der Natur lag, die Menschen genöthiget haben,
ihre Macht zu vereinigen. Dass die Form dieser Vereinigung der allein
recht- und vernunftmässigen sich immer mehr nähere, dafür ist durch das
allgemeindrückende der Ungerechtigkeit und Gewaltthätigkeit gesorgt, so
dass die Menschen endlich durch ihren eigenen Vortheil werden gezwungen
werden, zu thun, was Rechtens ist.
^Dann^, nach dem Postulate eines Völkerrechts, den: die Völker
voneinander abzusondern, welches durch die Verschiedenheit der Sprachen
und Religionen befördert wurde, wodurch zwar anfangs der Krieg erzeugt,
endlich aber doch durch das entstandene Gleichgewicht ein beständiger
Friede hervorgebracht werden muss; wozu ^drittens^ der Handelsgeist, der
auf den Eigennutz eine Sicherheit gründet, die das Weltbürgerrecht
schwerlich hervorgebracht haben würde, beiträgt.
Es sey dem Rec. erlaubt, zur Erläuterung hinzuzusetzen, wie er selbst
die Sache ansieht. -- Die allgemeine Unsicherheit, welche jede
rechtswidrige Constitution mit sich führt, ist allerdings so drückend,
dass man glauben sollte, die Menschen müssten schon längst durch ihren
eigenen Vortheil, welcher allein die Triebfeder zur Errichtung einer
rechtmässigen Staatsverfassung seyn kann, bewogen worden seyn, eine
solche zu errichten. Dies ist bisher nicht geschehen; die Vortheile der
Unordnung müssen sonach noch immer die der Ordnung im allgemeinen
überwiegen; ein beträchtlicher Theil der Menschen muss bei der
allgemeinen Unordnung noch immer mehr gewinnen als verlieren, und
denjenigen, die nur verlieren, muss doch noch die Hoffnung übrig seyn,
auch zu gewinnen. So ist es. Unsere Staaten sind für Staaten insgesammt
noch jung, die verschiedenen Stände und Familien haben sich im
Verhältniss aufeinander noch wenig befestigt, und es bleibt allen die
Hoffnung, durch Beraubung der anderen sich zu bereichern; die Güter in
unseren Staaten sind noch bei weitem nicht alle benutzt und vertheilt,
und es giebt noch so vieles zu begehren und zu occupiren, und endlich,
wenn auch zu Hause alles aufgezehrt seyn sollte, eröffnet die
Unterdrückung fremder Völker und Welttheile im Handel eine stets
fliessende, ergiebige Hülfsquelle. So lange es so bleibt, ist die
Ungerechtigkeit bei weitem nicht drückend genug, als dass man auf die
allgemeine Abschaffung derselben sollte rechnen können. Aber sobald der
Mehrheit die sichere Erhaltung dessen, was sie hat, lieber wird, als der
unsichere Erwerb dessen, was andere besitzen, tritt die recht- und
vernunftmässige Constitution ein. Auf jenen Punct nun muss es endlich in
unseren Staaten kommen. Durch das fortgesetzte Drängen der Stände und
der Familien untereinander müssen sie endlich in ein Gleichgewicht des
Besitzes kommen, bei welchem jeder sich erträglich befindet. Durch die
steigende Bevölkerung und Cultur aller Nahrungszweige müssen endlich die
Reichthümer der Staaten entdeckt und vertheilt werden; durch die Cultur
fremder Völker und Welttheile müssen doch diese endlich auch auf den
Punct gelangen, wo sie sich nicht mehr im Handel bevortheilen, und in
die Sklaverei wegführen lassen, so dass der letzte Preis der Raubsucht
gleichfalls verschwinde. Zwei neue Phänomene in der Weltgeschichte
bürgen für die Erreichung dieses Zweckes: der auf der anderen Hemisphäre
errichtete blühende nordamericanische Freistaat, von welchem aus sich
nothwendig Aufklärung und Freiheit über die bis jetzt unterdrückten
Welttheile verbreiten muss; und die grosse europäische Staatenrepublik,
welche dem Einbruche barbarischer Völker in die Werkstätte der Cultur
einen Damm setzt, den es in der alten Welt nicht gab, dadurch den
Staaten ihre Fortdauer, und eben dadurch den Einzelnen das nur mit der
Zeit zu erringende Gleichgewicht in denselben garantirt. So lässt sich
sicher erwarten, dass doch endlich ein Volk das theoretisch so leicht zu
lösende Problem der einzig rechtmässigen Staatsverfassung in der
Realität aufstellen, und durch den Anblick ihres Glückes andere Völker
zur Nachahmung reizen werde. Auf diese Weise ist der Gang der Natur zur
Hervorbringung einer guten Staatsverfassung angelegt: sobald aber diese
realisirt ist, erfolgt unter den nach diesen Grundsätzen eingerichteten
Staaten das Verhältniss des Völkerrechts, der ewige Friede von selbst,
weil sie bei dem Kriege nur verlieren können; dahingegen vor Erreichung
des ersten Zweckes an die Erreichung des zweiten nicht zu denken ist,
indem ein Staat, der in seinem Innern ungerecht ist, nothwendig auf
Beraubung der Nachbarn ausgehen muss, um seinen ausgesogenen alten
Bürgern einige Erholung zu geben, und neue Hülfsquellen zu eröffnen.
Der Anhang ^über die Mishelligkeit zwischen der Moral und der Politik,
in Beziehung auf den ewigen Frieden^, enthält eine Menge treffend
gesagter Wahrheiten, deren reifliche Beherzigung jeder, dem Wahrheit und
Geradheit am Herzen liegt, wünschen muss.
Poesien
und
metrische Uebersetzungen.
(Meist ungedruckt.)
A.
Das Thal der Liebenden.
Eine Novelle.[39]
In der anmuthigsten Gegend der Veltelin, ohnweit der Grenze von Italien,
liegt ein kleines Thal, das Thal der Liebenden genannt. Haine von
Lorbeeren und Pomeranzen und Citronen, die ohne Pflege wachsen, erfüllen
es, und duften Sommer und Winter die angenehmsten Gerüche: in der Mitte
desselben ist ein kleines Myrtenwäldchen, und im Myrtenwäldchen ein
grosser Grabhügel, von immer blühenden Rosen umgeben. Vom hohen waldigen
Gebirge bedeckt, von Felsen eingezäunt, erblickt es selten das Auge
eines Sterblichen, verirrt dahin sich selten der Fuss des Wanderers. Nur
wenige sind hineingekommen. Ein geistiges Wehen, wie Küsse eines Engels,
fühlten sie an ihren Wangen; eine sanfte Wehmuth erfüllte ihre Seele;
unvermerkt enttröpfelten ihren Augen Thränen, und das war ihnen so süss!
Die Bilder ihrer verstorbenen Freunde oder Geliebten gingen vor ihrer
Seele vorüber, und Ahnungen von Wiedersehen, Vorgefühle des ewigen
Lebens erfüllten sie, wenn sie auf dem Grabeshügel im Myrtenwäldchen
fünf Flämmchen blinken sahen, Symbole wiedervereinigter Treue nach dem
Tode. Einst drang ein Landvogt auf der Jagd einem verwundeten Rehe nach,
das hieher seine Zuflucht genommen hatte, in das Thal ein. Bangigkeit
und Angst überfiel ihn, kalter Schweiss rollte über seine Stirn herab,
er musste den geweihten Boden verlassen.
[Fußnote 39: Geschrieben zu Zürich im Jahre 1786 oder 1787. -- Man
vergleiche die Vorrede S. XVI.]
In diese Gegenden hatte sich vor Jahrhunderten, erzählen die Hirten, ein
junger Ritter verirrt. Im hohen Walde verloren, ermattet und hungrig,
erblickte er durch die Nacht hin von ferne ein Feuer. Es waren Hirten,
die bei ihrem Vieh wachten. Sie theilten willig mit ihm ihre geringe
Kost, und er wärmte sich an ihrem Feuer. -- »Wie es dort wieder im
Gebüsch heult!« sagte der eine, der jetzt eben zu ihnen hinzukam; »wie
der Geist des armen Einsiedlers wieder winselt und ächzt! weiss Gott,
die Haut schauert mir allemal, wenn ich da vorbeigehe.« -- »Mir auch,
sagte der andere, ich mache lieber einen Umweg von einer Stunde. Und es
war doch ein so guter frommer Mann, der Einsiedler: betete so fleissig,
grüsste jedes Kind so freundlich, und wies zurechte und half. Weisst du
noch, wie er mir den kranken Fuss heilte, den ich mir beim Herabstürzen
von jenem Felsen zerquetscht hatte?« -- »Und wie er mir meine verirrten
Lämmer wiederbrachte? Ach! wie wird es erst unser einem einmal gehen?
Komm, wir wollen ein Vaterunser für seine arme Seele beten.«
Wehmuth und Mitleiden erfüllten den Ritter. -- »Kommt, führet mich an
den Ort.« Sie führten ihn hin. Es war eine trübe Nacht; der Wind sausete
durch den Busch dem Ritter entgegen; es winselte und ächzte dumpf im
Gebüsch. -- »Wer du auch seyest, unglückliche Seele, die im Fegefeuer
leidet; können Gaben oder Seelenmessen, oder das Gebet irgend eines
Sterblichen deine Qualen lindern, so entdecke dich mir: meine Seele
liebt und bedauert dich,« sagte der Ritter, und plötzlich stieg unter
dem Hügel eine Gestalt hervor. Ein langer Bart wallte ihm herab bis auf
den Gürtel; sein Auge war eingefallen und erloschen, seine Wange
abgewelkt, nagender Kummer war über sein Gesicht verbreitet; aber durch
die dicke Wolke des Grams, die auf ihm lag, blickte ein einziger
schwacher Zug von Ruhe und entfernter Hoffnung hindurch. Sein Anblick
erfüllte die Seele mit Mitleid, aber nicht mit Grauen.
»Jüngling,« so redete der Geist, »schaudere nicht vor mir zurück! Noch
sind es nicht zehn Jahre, so war ich ein Ritter, jung und feurig, und
mannhaft wie du -- solltest du nie den Namen Rinaldo gehört haben? --
und ach! wie glücklich! Nicht umsonst vielleicht führte dich das
Schicksal zu meiner Gruft, die noch nie ein Sterblicher so in der Nähe
betrat. Höre die Geschichte meiner Leiden, und beklage mich.«
»In meinen ersten Jünglingsjahren, jeder Tropfen Bluts in mir Feuer, und
jede Nerve Kraft, kam ich an den Hof nach Paris. In jedem Turnier war
der Preis für mich. Ich gefiel; die Ritter verleumdeten mich, und die
Damen sprachen nur unter sich allein von mir. Einer der schönsten Tage
meines Lebens war der Vermählungstag der Königstochter. Aus allen
Ländern der Franken hatte die Krone der Ritter sich versammelt zum
feierlichen Turnier. Wir kämpften drei Tage, und ich war Sieger. Die
neidischen Blicke der Ritter und das laute Zujauchzen des Volkes von den
Schranken her, beides war mir gleich festlich. Im Taumel der Freude sah
ich rund um mich her, um alle Blicke des Beifalls einzusaugen, und sahe
in der ersten Reihe in den Schranken ein Fräulein; ihr trübes
schwimmendes Auge zur Erde gesenkt, ihr Haupt nach einer Seite geneigt,
wie eine Lilie vor der Sonnenhitze sich herabbeugt; Ernst und tiefes
Nachdenken in ihren sanften schwärmerischen Zügen. Kein fröhliches
Händeklatschen, kein Lächeln, kein verlorener Seitenblick auf mich; --
sie allein unter den Tausenden, die sie umgaben, kalt und ernsthaft! --
Ich ward tief herabgeschleudert. -- Warum verachtet sie dich? eben sie,
die vollkommenste unter den Mädchen?«
»Ein Tanz beschloss den Tag. Alle drängten sich zu dem Sieger, stolz an
seiner Seite die Reihen durchzuwallen, seine Blicke aufzufangen, und er
suchte die in einem Winkel verborgene Verächterin. Sie flog mir
entgegen, -- und auf einmal, wie aufgehalten, schien sich ihr unwilliger
Fuss zu sträuben. Schüchtern und verscheucht tanzte sie; riss sich los,
entfernte sich, tanzte mit andern, und feuriger. Sie verachtet dich,
tönte es im Innersten meiner Seele, aber warum? -- Ich hätte mich selbst
verachten mögen. -- Jetzt empörte sich beleidigter Stolz, sie zu meiden;
jetzt sprach Liebe und Neugier, sie zu suchen. Ich schwur mir
tausendmal, sie nie wieder zu sehen, und ging den ersten Morgen an einen
Ort, wo ich sie zu finden hoffte. Sie war heiter bei meiner Ankunft;
ihre Stirn umwölkte sich, sobald sie mich sah. So war sie immer.«
»Ich beschloss, Paris zu verlassen, und sie nie wieder zu sehen. Ich
beurlaubte mich vom Hofe. Schon war ich die Stufen herabgestiegen, als
die Zofe mir ein Blatt folgenden Inhalts in die Hand drückte: »»Dank
euch, edler Ritter, dass ihr Paris verlasset, und durch eure Entfernung
einer Unglücklichen die Ruhe wiedergebt, die eure Gegenwart ihr raubte:
ein Geständniss, das während derselben keine irdische Macht mir würde
entrissen haben. Würdiget Eures Andenkens, Eurer Thränen, Eures Gebets
die unglückliche Maria.««
»Wonnegefühl engte meine Brust, ich musste ihr Luft machen. Ich eilte
auf den Flügeln der Liebe zu ihr. Ich fand sie nicht; -- Unmuth ergriff
mich. Die Falsche, sie lockt mich an, und stösst mich wieder zurück! --
Ich konnte nach meinem Abschiede vom Hofe nicht mehr öffentlich
erscheinen; stellte mich krank, um einen Vorwand für mein längeres
Bleiben zu haben; und wards vor Liebe und Schmerz. Verlangen nach ihr
gab mir das Leben wieder. Ich ging, und überraschte sie in einer
einsamen Laube. Sie sass über einer Stickerei, in Trübsinn versunken.
Noch ehe sie mich erblickte, lag ich zu ihren Füssen. -- »»Verlasst
mich, grossmüthiger Ritter, rief sie: verlasst die Gegend, in der ich
lebe. O das unselige Geständniss! warum musste es sich doch aus diesem
Herzen heraufdrängen, das bei Euch nur einer flüchtigen Neigung zu
begegnen fürchtete!«« Ich besänftigte sie. Bebend hörte sie meine
Schwüre, auf ewig der ihrige zu seyn; bebend empfing sie meine heissen
Küsse. Ein trauriges Vorgefühl schien ihre Seele zu durchschauern.«
»Ihr Herz war offener; es kämpfte noch, aber es unterlag allmählig dem
Gefühle der Liebe. Ich sah sie öfters in dieser Laube. Ein feindlicher
Dämon gab mir ein, es gehöre unter die Trophäen eines Ritters, die
Unschuld zu morden. Es war die Moral, die bei festlichen Gelagen oft an
der Tafel meines Vaters ertönt hatte. -- In süsse Schwärmereien
versunken, überraschte uns einst die schönste Sommernacht in unserer
lieben Laube. Ich bestürmte ihre Tugend, und ich merkte mit jeder Minute
ihren Widerstand schwächer werden. Schon glaubte ich gesiegt zu haben,
als sie in Thränen zerfliessend meine Füsse umschlang. -- »Mann mit der
stärkeren Seele, schluchzte sie, schone die schwächere weibliche. Siehe,
ich bin in deiner Gewalt; du kannst der Schwachen, die jetzt ihr Leben
für dich verbluten würde, das rauben, was ihr mehr ist als das Leben;
aber schone der Armen, sey grossmüthig und thu' es nicht.« -- Kalter
Schauer überfiel mich; die Tugend fing an, in mein Herz zurückzukehren;
aber -- »besiegst du sie jetzo nicht, so entfernt sie dich nun auf immer
von sich« -- flüsterte der feindliche Dämon, und -- er siegte.«
»Ich verliess sie in Thränen gebadet. In meiner Wohnung traf ich Boten
von meinem Vater: er erwarte seinen Tod; ich solle eilen, ihn noch
lebendig zu finden. -- Ich verliess Paris sogleich, ohne sie sehen, ohne
ihr ein Lebewohl sagen zu können. Mein Herz zog mich gewaltig zurück:
aber der Zug ward schwächer, als neue, unerwartete Eindrücke mich
bestürmten. Mein Vater starb in meinen Armen. Das Bild eines sterbenden
geliebten Vaters, neue Sorgen, andere Gegenstände, alles vereinigte
sich, das Andenken an Marien in meiner Seele zurückzudrängen. Eine
dumpfe, theilnahmlose Trauer hielt lange meine Seele umfangen. Da sah
ich Laura, das Meisterwerk des Schöpfers, und mit dem ersten Blicke
waren unsere Seelen Eins. Heilige Bande verknüpften uns; wir tranken die
Seligkeit der Liebe in vollen Zügen.«
»Innige Liebe liebt keine Zuschauer: wir verliessen das Geräusch der
Stadt, um in der einsamsten Gegend am Fusse der Alpen unseren Himmel
aufzuschlagen. Wir durchirrten Arm in Arm die paradiesischen Fluren. Sie
ging einst allein aus, um eine Gegend hinter einem angenehmen Hügel, der
immer das Ziel unserer Wanderungen gewesen war, zu sehen. Ich war durch
einen Zufall zu Hause geblieben. Ihre Zurückkunft verzog sich. Ich
lauschte an der Laube, die ich ihr unterdessen an ihrem Lieblingsplatze
bereitet hatte, um sie bei ihrer Rückkunft angenehm zu überraschen. Bei
jedem Rauschen eines Blattes, jedem leisen Fusstritte glaubte ich sie zu
hören. Es kam ein Bote von ihr. Zitternd eröffnete ich das Blatt, das er
mir gab, und las folgende Worte: »»Wie könnte ich Rinaldo'n besitzen,
indess Maria verlassen weint? Rührt dich ihr Elend nicht, so lass die
Bitten der Laura -- ach deiner Laura! -- dich rühren, an ihr tief
verwundetes, noch immer nur für dich schlagendes Herz zurückzukehren.
Vergiss Lauren und störe die Ruhe nicht, der ich entgegeneile. Gehe
ostwärts von deiner Wohnung, nach dem Hügel zu, den wir heute früh von
der Morgensonne so schön vergoldet sahen, wo ein früher geliebtes Weib
und eine süsse Tochter, ganz das Ebenbild Rinaldo's, auf deine
Umarmungen warten.««
»Der Schlag war fürchterlich. Nach geraumer Zeit erst erhielt ich meine
Besonnenheit wieder. Die Scham hielt mich ab, Marien aufzusuchen: Laura
war mir durch ihre Grossmuth doppelt theuer geworden. Ich wandte Alles
an, sie wieder zu finden; kein Kloster, keine Einsiedelei, keine einsame
Gegend wurde undurchsucht gelassen: ich durchstreifte selbst als Pilger
die halbe Erde: ich hoffte sie durch meine Bitten zu erweichen; aber
vergebens, ich fand sie nicht. Ich kam endlich in dieses Thal, lebte als
Eremit in demselben, errichtete meiner Laura, die ich für längst todt
hielt, ein Grab, betete und weinte auf ihrem Hügel, und starb auf ihm.«
»Wenn der Geist die irdischen Fesseln verlassen, und von aller
Zumischung der Sinnlichkeit frei ist, sieht er alles in einem anderen
Lichte. Taumel dieser Sinnlichkeit berauschte mich, im Leben Marien zu
vergessen; jetzt fühlte ich ihre Schmerzen, die Schmerzen Laurens und
die Schmerzen der Armen, die unter Thränen geboren, dem Elende geweiht,
nie den Vaternamen gestammelt hat; die vielleicht bestimmt ist, eine
Beute des Elendes oder des Lasters zu werden. Ich leide alle Qualen, die
ich diesen verursacht habe, im Fegefeuer, das die Reue eben gebiert und
das stete Gedächtniss der unabänderlichen Vergangenheit, -- bis Laura
und Maria glücklich sind, bis ich mein Kind an dem Arme eines Mannes
sehe, der nur sie liebt. Ach! wird meine Qual wohl je aufhören? -- Aber
ich fühle das Wehen der Morgenluft. Nicht umsonst vielleicht führte dich
das Schicksal an meine Gruft. Lerne die Unschuld verehren, und rührt
dich das Elend der Seele des armen Rinaldo, so bete für mich, und
wallfahrte zum heiligen Grabe.« -- Hiermit verschwand der Geist.
Schauder ergriff Don Alfonso; so hiess der junge Ritter. Er kniete
nieder, und legte auf Rinaldo's Grabe das heilige Gelübde ab, nicht zu
ruhen, bis er etwas zur Befreiung der armen Seele beigetragen, und die
Unschuld immer zu verehren. Die Hirten versichern, dass er dieses
Gelübde nie gebrochen.
Durch seinen natürlichen Hang zur Andacht sowohl, als durch die
Empfindungen, die an der Gruft Rinaldo's sich seiner bemächtigt hatten,
begeistert, trat er die Reise nach dem heiligen Grabe an. Er besuchte
alle die Oerter, wo der Weltheiland gelitten. Als er einst, sich selbst
und die Welt um sich vergessend, auf dem heiligen Grabe in warmer
Andacht kniete, und für die Seele des armen Rinaldo betete, überfiel ein
Haufen sarazenischer Räuber Jerusalem, und führte ihn gefangen weg. Man
brachte ihn unter die Sklaven des Emir von Medina.
Je mehr seine Gestalt die Herzen der Heiden für ihn eingenommen hatte,
desto heftiger wurden sie durch seine standhafte Weigerung, die Lehre
ihres Propheten anzunehmen, erbittert. Er wurde mit den niedrigsten der
Sklaven gebraucht, in den Gärten des Emir zu graben. Die Härte der
ungewohnten Arbeit, die Strenge, mit der er behandelt wurde, und das
brennende Klima verzehrten seine Kräfte. Er fiel an einem Abende, zur
Zeit, da die Gärten geschlossen und die Arbeiter herausgelassen wurden,
ohnmächtig nieder, und erwartete das Ende seiner Leiden. Niemand
bemerkte den Vorfall.
Eine süsse klagende Stimme, die in einem Zimmer des Serail, das an die
Gärten stiess, in französischer Sprache ein Lied an die Jungfrau Maria
sang, und durch öfteres Weinen und Schluchzen sich unterbrach, brachte
ihn wieder zum Bewusstseyn. -- »O holde Mutter! seufzte die Stimme, wo
bist du, um die Blume welken zu sehen, die du so zärtlich pflegtest?
theure Cölestina! die du jedes Gefühl der Tugend in mir wecktest, wo
bist du, um den letzten Trost in meine Seele zu giessen, und dies
brechende Auge zu schliessen?« Sie schloss mit einem rührenden Gebete an
die heilige Jungfrau, worin sie mit schwärmerischer Andacht ihren
Entschluss entdeckte, sich den Dolch in das Herz zu stossen, ehe sie
sich der Wollust des Emir aufopfere, die ihr diese Nacht drohe; und sie
bat, ihr für diese That entweder Gnade bei Gott zu erflehen, oder ihr
Hülfe zu senden.
»Sie hat sie dir gesendet;« rief der Ritter, dem fremdes Elend die
Kräfte wiedergab, die sein eigenes ihm genommen hatte, -- »hier ist mein
Arm, und wenn tausende in Waffen gegen mich ständen, so rettete er
dich!« -- »Eiserne Riegel und Gitter verwahren mich, edler Fremdling,
ein Heer von Wächtern lauert auf mich. Dein Arm ist zu schwach, mich zu
retten. Habe Dank für dein Mitleiden, habe Dank, dass ich nicht
unbedauert sterben werde; und bist du ein Franke und ein Christ, wie
deine Sprache zu zeigen scheint, so bete für die Seele der armen Marie.«
Er ergriff zwei Baumleitern, und band sie zusammen, um das Zimmer
Mariens zu ersteigen.
Indessen war von dem Aufseher der Sklaven seine Abwesenheit bemerkt
worden. Der erste Verdacht fiel auf den Garten. Man ging hinein, und
traf ihn mitten in seiner Unternehmung. Die Absicht derselben war nicht
zweideutig. Es wurde sogleich dem Emir gemeldet. Sein Zorn war grimmig;
er bestimmte den nächsten Morgen zu seiner Hinrichtung.
In jeder anderen Lage wäre vielleicht der Tod dem Alfonso willkommen
gewesen, er hätte ihn nur als seinen Retter aus einer Sklaverei
betrachtet, die ihm ebenso erniedrigend als hart schien; und hätte ihn
gern gegen ein thatenloses Leben umgetauscht: aber jetzt kränkte das
Schicksal der armen Marie, die er nicht retten konnte, ihn mehr, als
sein eigenes, und auch jener Wunsch, vor seinem Ende noch etwas zur
Befreiung der Seele Rinaldo's beizutragen, wurde lauter, je mehr er sich
demselben zu nähern glaubte. Er ging, mehr unerschrocken als freudig,
seinem Tode entgegen.
Die Werkzeuge seiner Hinrichtung waren bereitet. Im Hofe des Serail war
ein Scheiterhaufen errichtet. Der Pöbel strömte dem Schauspiele zu, und
der Emir erschien mit seiner neuesten Favorite, Alzire, auf einem
Balkon, um die Hinrichtung mit anzusehen.
Er kam eben von dem ersten Genusse ihrer höchsten Gunst, und sein Feuer
war dadurch gegen sie nicht erkaltet. Er war ihr ergebener, als er es
seit langer Zeit einem Weibe gewesen war, und hatte ihr versprochen, ihr
die erste Bitte, die sie an ihn thun würde, sie betreffe, was sie wolle,
uneingeschränkt zu gewähren. War es ein geheimes Wohlwollen, das das
Herz der Alzire bei Alfonso's Anblick plötzlich zu ihm neigte; oder
konnte sie die That, dem Emir diejenige rauben zu wollen, von der allein
sie ihren Sturz befürchten durfte, nicht sehr strafbar finden; oder war
es eine unmittelbare Wirkung der Vorsehung, die Alfonso'n erhalten
wollte: Alzire bat um sein Leben. Unwillig, aber ehrliebend genug, um
sein Wort nicht zu brechen, und zu schwach, um Alzirens Bitte
widerstehen zu können, gab der Emir sogleich Befehl, den Alfonso über
die Grenze zu bringen.
Der Ritter, untröstlicher, diejenige ihrem Schicksal zu überlassen, die
er so gern mit Verlust seines Lebens gerettet hätte, als erfreut über
die unvermuthete Rettung seines Lebens, durchirrte die rauhen Wüsten
Arabiens. Wurzeln, die er sparsam fand, waren seine einzige Nahrung, und
der heisse Sand brannte seine Füsse, und trocknete seine Kräfte aus. In
der vierten Nacht, indess der Sturm ihn umheulte, und die Wolken den
Schimmer des letzten Sterns vor seinem Auge verdeckten, arbeitete er
sich mühsam durch verwachsene Büsche hindurch; und eben waren seine
letzten Kräfte im Schwinden, als er aus einer Felsenkluft ein mattes
Licht schimmern sah. Hoffnung belebte die Kraft, die ihm noch übrig war:
er erreichte die Grotte.
Ein Weib, weiss gekleidet, von schlankem Wuchse, trat ihm entgegen. Die
ehemalige Schönheit der Jugend schien auf ihrem Gesichte einer
erhabenern Schönheit Platz gemacht zu haben. Die geistigste Andacht
flammte in ihrem grossen, zum Himmel emporgewöhnten Auge, und
verbreitete sich über ihr ganzes Gesicht. Nichts liess in ihr die
Sterbliche errathen, als die sanfte Wehmuth, von der alle diese Züge
gemildert waren, und welche die Spur ehemaliger Leiden verwischt zu
haben schien. Sehr verzeihbar war also der Irrthum des Ritters. --
»Heilige Jungfrau, redete er sie an, und sank auf seine Kniee;
wunderthätige Helferin! -- wer bin ich, dass du mich würdigest, den
Himmel zu verlassen, um mich zu retten?« -- »O steh auf! rief ihm jene
zu, und entweihe nicht den Namen der Heiligen. Ich bin eine Sterbliche,
wie du; glücklich, wenn die Mutter Gottes sich meiner bedienen will, dir
zu helfen! Aber welches Schicksal treibt dich in diese unzugängliche
Wüste, wo ich seit vielen Jahren keinen Wanderer erblickte? Kann ich und
womit kann ich dir dienen?«
Die Entkräftung des Ritters erlaubte ihm nicht, auf die erste dieser
Fragen zu antworten; aber sie nöthigte ihn, es auf die andere zu
thun.[40] Er bat sie um einen Trunk Wasser und um etwas Speise.
Sie ging und schöpfte ihm aus der Quelle, die hart an ihrer Grotte aus
dem Felsen rieselte, und brachte milde Früchte, die sie selbst gezogen
hatte. -- »Erquickt euch, Fremdling; sagte sie zu ihm, mit dem wenigen,
was ich euch geben kann; und nehmet dann dieses Lager ein. Ich werde
schon auch einen Platz finden. Wer wollte sich durch eine falsche
Anständigkeit abhalten lassen, die Pflichten der Menschlichkeit zu
erfüllen, wenn es nicht gegen unser eigenes Geschlecht ist?«
Der Ritter war durch alles, was er sah und hörte, wie betäubt. Erst
nachdem er von seiner Entkräftung sich ein wenig erholt, und einer
ruhigen Besinnung mächtig war, fing die Neugierde und Verwunderung an,
an die Stelle dieser Betäubung zu treten; aber seine Unbekannte, die
allein sie hätte befriedigen können, war verschwunden. Wunderbare
Ahnungen strömten durch seine Seele; noch konnte er sich nicht
überreden, ein sterbliches Weib gesehen zu haben: aber bald wurden alle
seine Zweifel durch einen festen Schlaf gefesselt.
Das Erste, was seine Sinne traf, als er wieder erwachte, war die Melodie
des Liedes, das die arme Maria gesungen hatte. Es war ihm, als ob ein
Traum ihn wieder in die Gärten des Emir versetzte; er brauchte Zeit, um
sich zu überzeugen, er wache; er horchte und horchte genauer; der Gesang
kam vom Eingange der Grotte her. Die Unbekannte sass an der Morgensonne,
und sang mit der rührendsten Stimme jenes Lied. Seine ganze Seele
lauschte auf ihren Gesang: wie wär' es ihm möglich gewesen, sich selbst
durch Muthmaassungen und Untersuchungen zu unterbrechen! -- Das Lied
schloss und die Stimme schwieg. Eben war er im Begriff, sich seinem
Erstaunen und seiner Begierde, sich diese Begebenheiten alle zu
erklären, von neuem zu überlassen, als ein anderer Vorfall seine
Betrachtungen unterbrach.
[Fußnote 40: »Voltairisch!« (Randglosse des Verfassers.)]
»Bist du es wirklich, meine Tochter?« sagte die Unbekannte zu einem
jungen Frauenzimmer, das sich sprachlos und schluchzend in ihre Arme
warf, und ihr weinendes Gesicht an ihrem Busen verbarg; -- »schenkt die
heilige Jungfrau die als todt Beweinte mir wieder? -- Ja, du bist es,
ich fühls an dem starken Schlagen deines Herzens gegen das meinige, an
deinem freudigen Zittern in meinen Armen. Wer, als meine holde Maria,
könnte mich so lieben? Aber, sieh mich an; lass mich dies so lang
entbehrte Antlitz wieder sehen; lass michs auch in deinen Augen, in
allen den wohlbekannten Zügen deines Gesichts lesen, dass du es bist,
die mich so liebt. -- So sollte ich denn auch diese Freude noch auf der
Erde haben, dich wieder zu sehen; sollte noch nicht von allem Irdischen
mein Herz losreissen! Ich hatte auch diesen Wunsch daraus vertilgt, dich
wieder zu haben; das ward mir schwer. -- Heiliger Gott, und du,
gnadenvolle Mutter desselben, diese Belohnung meiner Leiden wagte ich
nicht zu hoffen. Ich dankte dir für den Seelenfrieden und die
Heiterkeit, die du mir gabst, meinen letzten und härtesten Verlust zu
ertragen. Aber jetzt hilf mir die Freude tragen, dass sie mein Herz
nicht von dir abziehe; und -- sieh auf mich herab, -- wenn du mir die
Holde wieder nehmen willst, oder wenn ich sie nicht mehr rein und nur
dir treu wiedergefunden hätte: hier bin ich, -- ich ergebe mich in
deinen Willen! -- Und jetzt, liebe Tochter, erzähle mir: wo warst du
seit jenem traurigen Tage, der dich von mir trennte, und was trennte
dich von mir?«
»Du warst, seitdem meine gute erste Mutter gestorben war, gütige
Cölestina!« -- hörte der Ritter jene Stimme sagen, die er schon in den
Gärten zu Medina gehört hatte, -- »nicht mehr immer so ganz heiter, als
du es vorher warest. Ich bemerkte zuweilen, dass, wenn du mich an dein
Herz drücktest, du plötzlich dich abwandtest, und dann kam es mir vor,
als ob du eine Thräne unterdrücktest. Du gingest dann hinaus auf meiner
Mutter Grab, und betetest, und bliebst oft lange; und wenn du
zurückkamst, war so ein Glanz und so eine Heiterkeit in deinem Gesichte,
und du warst so sanft und so feierlich froh, und mir war so wehmüthig
wohl an deiner Seite, dass mich dünkte, du seyest auf dem Grabe verklärt
worden, und seyest nicht mehr meine Mutter Cölestina, sondern ein
heiliger Engel. -- Doch vernimm das Schicksal, das mich von dir getrennt
hat. Einst an einem Morgen -- du ruhtest noch -- war ich ausgegangen,
Blumen zu suchen, und meiner Mutter Grab damit zu schmücken. Ich hatte
mich wohl zu weit entfernt, denn plötzlich erschienen die Räuber der
Wüste, die mich mit Gewalt fortschleppten, und als ich schrie, damit du
mir helfen solltest, mir den Mund verstopften. Sie hörten nicht auf mein
Weinen noch Bitten, sondern brachten mich durch lange Wüsteneien in eine
Stadt. Die Stadt hiess Medina, wie ich nachher erfuhr. Hier bedeckten
sie mein Angesicht mit einem Schleier, bis sie mich zu einem reichen
Manne brachten, der den Räubern Geld gab, und mich seinen Weibern
übergab.«
»Heilige Mutter Gottes! was waren dies für Weiber! Schön waren sie;
einige dünkten mich noch schöner, als du, meine Mutter; aber doch sah
ich sie nicht gern, und es war mir nie recht wohl, wenn sie mir ins
Gesicht sahen. Man sah es nicht, ob sie mich liebten, oder ob sie sich
untereinander liebten. Sie liebten mich wohl auch nicht? -- Wenn ich
redete, so lachten sie. Ich musste ihre Sprache lernen; und ich lernte
sie so gerne und so fleissig, damit ich mit ihnen reden könnte, und
damit sie meine Freundinnen würden. -- Kaum lernte ich sie verstehen, so
hörte ich, dass sie nichts vom Weltheilande und von seiner Mutter
wussten; und als ich ihnen davon sagen wollte, und ihnen erzählen, wie
gütig und huldreich sie wären, verlachten sie mich abermals, und redeten
dagegen viel von einem grossen Propheten, der wohl ein falscher Prophet
seyn muss, weil du mir nichts von ihm gesagt hast. -- Endlich kam einst
jener reiche Mann wieder, der den Männern, die mich geraubt hatten, Geld
gegeben hatte, und verlangte, ich sollte ihn lieben; und das konnte ich
doch nicht: denn er sah so wild und grausam, und wusste ebensowenig vom
Weltheilande, als seine Weiber, und that allerhand Dinge mit mir, die
wohl schändlich seyn müssen, weil er sie that, und weil er so verstört
dazu aussah. Ich stiess ihn zurück: die Mutter Gottes gab mir eine
Kraft, die ich nie gefühlt hatte, dass ich Schwache dem starken Manne
Widerstand leisten konnte. Ich weinte bitterlich; da ward der Mann sehr
zornig, und sagte mir mit wildem Gesichte: er würde diese Nacht
wiederkommen, und da würde mich nichts vor ihm retten.«
»Mir war sehr eng ums Herz. Ich betete inbrünstig zur Mutter Gottes,
mich zu erleuchten, was ich thun sollte; und wie ich feuriger betete,
wurde ich immer muthiger. Es war, als ob eine geheime Stimme mir ins
Herz flüsterte, es sey schändlich und sehr schändlich, was dieser Mann
mit mir thun wolle, und ich müsse eher sterben, ehe ich es ertrüge. Ich
wusste, dass eine meiner Gespielinnen ein Werkzeug hatte, -- sie nannte
es einen Dolch -- wovon sie mir einst sagte, man könne jemand damit
tödten. Damit kann man ja wohl auch sich selbst tödten, dachte ich. --
Sage mir, liebste Mutter, that ich unrecht, dass ich es ihr heimlich
wegnahm? Sie konnte es ja dann immer wieder haben, glaubte ich.« --
»Erzähle weiter,« sagte Cölestina. -- »Der Entschluss mich zu tödten,
ehe ich mich der Gewaltthätigkeit des Mannes überliesse, wurde nun immer
fester in mir; und nachdem ich ihn der heiligen Jungfrau vorgetragen
hatte, wurde mir innerlich wohl dabei, und ich glaubte gewiss, dass sie
mir für diese That Gnade bei Gott erflehen werde; als plötzlich jemand
unter dem Fenster rief: er wolle mich retten, und einige Leitern
zusammenband, wie ich hörte. Gleich darauf aber vernahm ich, dass er
ergriffen und unter tausend Verwünschungen weggeführt wurde. War es ein
Sterblicher, -- er musste es ja wohl seyn, weil er sich ergreifen und
fortführen liess, und mich nicht retten konnte, -- wie wird es dem Armen
ergangen seyn, der um meinetwillen sich in diese Gefahr stürzte! Wie er
ergriffen wurde, verschwand meine Ruhe. Sein Schicksal hat seitdem mir
mehr Kummer gemacht, als das meinige.«
»Er ist gerettet« -- rufte der Ritter, der jetzt erst es wagte, Theil an
der Unterredung zu nehmen, weil er sich unter alten Bekannten zu seyn
dünkte; -- »und hatte seit jener Nacht den ersten angenehmen Augenblick,
da er auch dich gerettet sah.«
Maria warf einen schüchternen, aber dankbaren Blick auf den Ritter, um
sich -- schien es -- von der Wahrheit dessen zu überzeugen, was er
sagte: und Alfonso erblickte ein Gesicht, auf welchem alle Reize der
aufblühenden Jugend sich vereinigten, den reinsten Abdruck ihres
unschuldigen Herzens darzustellen.
Cölestina reichte ihm die Hand: »Seyd mir nochmals willkommen, edler
Fremdling! -- aber erzähle weiter, du meine Tochter.«
»Wunderbare Hülfe ward mir gesandt: erzählte sie; ich blieb diese Nacht
über unbeunruhigt.« -- »Ja, sagte der Ritter, denn der Emir hat sie bei
einer anderen neu angekommenen Schönen des Serail zugebracht, die ihn
mit dem ersten Blicke gefesselt hatte, und die ihm weniger
Schwierigkeiten entgegenstellte.« -- »Ich fühlte mich sogar nach einigen
Stunden so ruhig, dass ein sanfter Schlaf auf mich herabsank. Ich wurde
am Morgen durch ein Getümmel im Hofe des Serail aufgeweckt.« -- »Es war
das Volk, das sich versammelte, mich verbrennen zu sehen;« sagte der
Ritter. -- »Euch verbrennen wollte man? und der Todesgefahr, die Ihr
ausgestanden, sollte ich meine Rettung verdanken? Doch, Gott Lob, dass
Ihr gerettet seyd! -- das Getümmel nahm ab; es entstand eine lange,
fürchterliche, erwartende Stille« -- »Alzire, so hiess die neue Favorite
des Emir, sagte der Ritter, bat um mein Leben. Der Emir begnadigte mich,
und liess mich sogleich über die Grenze bringen; daher entstand
wahrscheinlich diese Stille.« -- »Jetzt erhob sich ein Gemurmel, fuhr
Maria fort; nun ward es lauter; nun brausete es, wie das tobende Meer.
-- Wie? dem Hunde von Franken das Leben schenken? Er soll nicht
verbrannt werden? Wir sind vergebens hieher geladen worden? Leidet es
nicht! schienen einige Stimmen, die das Getümmel überschrien, zu sagen.
Der Aufruhr verbreitete sich über die ganze Stadt: alles lief zu den
Waffen. Die Wachen verliessen die Thüren des Serail, und stürzten sich
bewaffnet gegen das Volk. -- War es ein unsichtbares Wesen, das mir den
Entschluss eingab, mich jetzt durch die Flucht zu retten? ich fand alle
Zugänge unbesetzt; ich drängte mich durch das Volk, das nichts sahe, als
die Gegenstände seiner Rache. Ich kam -- ob ich mich noch dunkel des
ehemaligen Weges erinnerte, oder ob unsichtbar Engel mich leiteten, --
ich kam durch die lange Wüste wieder zu deiner Grotte, theuerste Mutter;
bin wieder dein, um mich nimmer von dir zu trennen.«
»Gott sey gelobt, dass ich dich wieder habe, meine Tochter, sagte
Cölestina, und dass ich dich so wieder habe, wie ich dich verlor. Und er
sey gelobet, dass er auch Euch erhielt, edler Fremdling! und Euch hieher
brachte, dass ich Euch für den Antheil danken kann, den Ihr an dieser
Unschuldigen nahmt.«
»Schon lange scheint eine Frage auf Eurer Lippe zu schweben, und es ist
billig, dass ich Eure Neugier befriedige, insoweit ich darf. Ich bin ein
Weib, welches einst in der Welt sehr glücklich war. Aber vielleicht
hatte ich mein Herz zu sehr in diesem Erdenglück verloren: Gott entzog
es mir, um mir zu zeigen, dass nur Er es sey, in welchem man
befriedigende und dauerhafte Glückseligkeit finde. -- Ich trennte mich
von der Welt und von dem, der in ihr mein Abgott war. In der Stunde der
Begeisterung, da ich dieses Opfer, das Tugend und Ehre und mein eigenes
wahres Wohl heischte, begann, schien es mir so leicht, und nachdem es
geschehen war, wollte mein Herz brechen. Ich suchte Trost und Ruhe an
den heiligen Oertern, wo uns allen die Seligkeit erworben wurde. Da traf
ich die Gesellin meiner Leiden, mit diesem ihrem Kinde. Ich hatte sie
durch mein Elend glücklich machen wollen. Auf die Art, wie ich es mir
gedacht hatte, sollte es nicht seyn. Wir sollten beide durch längeres
Leiden zu einer reineren Glückseligkeit eingehen.«
»Wir waren beide für die Welt, und sie für uns, auf immer verloren. In
der heiligen Stadt und in ihrer Nähe waren wir kaum den sarazenischen
Räubern entgangen. Wir beschlossen, uns in diese Wüsten, durch welche
Gott einst sein auserwähltes Volk führte, zu begeben, und kamen in die
Nähe des Gebirges, das Ihr hier vor Euch erblickt. Es ist das Gebirge
Sinai.« --
»Gott hatte uns den Platz unserer Ruhe schon bereitet. Wir fanden hier
diese Grotte, und dort das Gärtchen; zwar damals verwildert, aber durch
eine geringe Arbeit war es wieder in Stand gesetzt. Vielleicht dass
ohnlängst hier ein frommer Einsiedler sein Gott geweihtes Leben
beschlossen hatte.«
»Hier haben wir geweint und gelitten. -- So lange noch eine geliebte
Freundin gleiche Leiden mit mir litt, wurden die meinigen mir leichter.
Ich stärkte meine Kräfte, um ihren Kummer tragen zu helfen, und vergass
des meinigen, um Trost in ihre Seele zu giessen, und fand ihn dadurch
selbst. Aber sie schlummerte bald in eine bessere Ruhe hinüber, und
liess mich allein. Ich segnete ihr Geschick; aber -- du hattest es wohl
gesehen, meine Tochter, -- das meinige ward mir schwerer. Nur die
Zärtlichkeit gegen dich, und deine kindliche Liebe zu mir, holdes Kind,
hielten mich aufrecht. Aber du konntest meine Leiden nicht mit mir
fühlen.«
»Noch hing mein Herz an etwas Irdischem; es hing an dir. Du musstest mir
genommen werden. Musste durch so rauhe Wege Gott mich zu meinem Heile
führen? -- Nichts war mir nun übrig, als Er. Nur in sein Herz konnte ich
meine Empfindungen ausgiessen; nur von ihm Gegenliebe erwarten. O, hätte
ich es doch eher gewusst, welchen süssen Frieden dies über mein Herz
ausgiesset, wie völlig dies eine Seele befriedigt! -- welch eine Menge
von Leiden hätte ich mir ersparen können!«
»Aber verzeiht, guter Fremdling! dass ich so flüchtig über die näheren
Umstände meiner Geschichte hinwegeilen musste. Es ist nicht Mistrauen.
Wer so lange, als ich, sich nur mit Gott unterhalten hat, kennt dieses
nicht; und in ein Antlitz, wie das Eurige, setzt es niemand. -- Ich habe
Ruhe gefunden: aber noch lebt vielleicht Einer, der mir einst nur zu
theuer war. Kann ich ihm den Seelenfrieden nicht geben, wenn er ihn noch
nicht errungen hat, so will ich ihm doch denselben auch nicht nehmen,
wenn er ihn etwa errungen hätte. Ihr kehrt in die Welt zurück, und seyd,
wenn mich nicht Alles täuscht, von eben dem Stande und aus eben den
Ländern, in denen er lebte. Ihr könntet ihn antreffen; ihn vielleicht
antreffen, ohne ihn zu kennen. Gutherzigkeit oder ein von ohngefähr
entfahrendes Wort könnte alle die Kämpfe in seiner Seele erneuern, die
er vielleicht längst ausgekämpft hat.«
»Ich muss freilich wieder von Euch weg, und in die Welt zurück: sagte
der Ritter; aber Verehrung gegen Euch wird mich allenthalben begleiten,
und Euer Wille wird immer mein Gesetz seyn.« Er sagte das Erstere so,
als ob ihn dieser Entschluss etwas koste.
Die Lage, in der er Marien in den Gärten von Medina zuerst gefunden,
hatte so etwas Romantisches; Mitleiden und Theilnehmung an ihrem
Schicksale hatten sich sogleich seines ganzen Herzens bemächtigt. Seine
Phantasie hatte nicht gezögert, sie, die er nur gehört, nie gesehen
hatte, in einen Körper zu kleiden; sie hatte ihn freigebig mit allen
Reizen, die ihrer Silberstimme angemessen wären, ausgeschmückt. Er sah
sie jetzt; und sie war weit über das Bild erhaben, das er sich von ihr
gemacht hatte. Die blühende Wange, das sanfte Auge, das weiche, wallende
Haar konnte er seinem Bilde geben; aber nicht jenen lebendigen Ausdruck
der Unschuld, der Treue, der kindlichen Zärtlichkeit, weil es ihm dazu
am Urbilde fehlte. Er sah sie jetzt, und sah sie in aller Freude des
Wiedersehens an den Busen derjenigen, die ihr das Theuerste auf der Welt
war, hingegossen; sah, wie sie in stummen Gefühlen an ihren Augen hing,
gleichsam um alle die geliebten Züge wieder zu spähen, und die alte
Vertraulichkeit mit ihnen zu erneuern. War es ein Wunder, dass seine
Seele von eben den Gefühlen ergriffen wurde, deren reizendsten Abdruck
er vor sich sah, und dass er sie mit der zu theilen wünschte, die ihm
zuerst das schönste Bild derselben darstellte?
Maria hatte den Unbekannten, der sich für sie in Lebensgefahr stürzte,
bedauert, und, wie sie gewissenhaft war, sich den Vorwurf gemacht, die
Ursache seines Todes zu seyn. Diese Empfindung allein hatte die Freude
über ihre Errettung getrübt. Hier fand sie ihn unvermuthet wieder, an
dem Orte, der ihr der liebste auf der Erde war. Nun erst getraute sie
sich, sich ganz dem Gefühle, dass sie ihrer Pflegemutter wiedergegeben
sey, zu überlassen; und es ist möglich, dass die Freude über seine
Gegenwart unvermerkt einigen Antheil an dem stärkeren Ausdrucke ihrer
Zärtlichkeit gegen ihre Pflegemutter hatte; und dass sie, ohne es zu
wissen, einen Theil dessen, was sie bloss für Cölestinen zu empfinden
glaubte, für Alfonso empfand.
»Aber, kann ich, darf ich zurückkehren -- fuhr der Ritter fort -- ohne
Trost für die Seele des armen Rinaldo gefunden zu haben? Ich hoffte doch
gewiss am heiligen Grabe --«
»Rinaldo? fiel Cölestina ihm in die Rede. Wer ist dieser Rinaldo? was
wisst Ihr von ihm?«
Alfonso erzählte, was er von seinem geängsteten Geiste selbst an seiner
Gruft gehört hatte; erzählte die Bedingungen, unter welchen seine Qualen
enden sollten; Cölestina hörte seine Erzählung mit stummer Betrübniss,
und Maria mit Thränen an.
»O möchten sie enden, die Qualen der unglücklichen Seele! und vielleicht
sind sie schon grösstentheils geendet, sagte Cölestina. Maria hat ihre
Leiden längst beschlossen; sie war die Freundin, die mir hier starb; sie
ruht unter jenem Hügel. Das ist ihre und Rinaldo's Tochter. -- Ich habe
aufgehört zu leiden. Ich habe die Wege der Vorsehung erkannt; sie waren
nichts als Güte. -- Ich bin Laura: Maria wollte mich nicht anders als
Cölestina nennen; drum habt Ihr mich hier so nennen hören.«
»Und die letzte Bedingung seiner Erlösung -- sagte Alfonso -- möchte
doch auch sie erfüllt werden! -- Ja, edle würdige Frau, ich darf es Euch
sagen; -- ich habe nie geliebt; aber seitdem ich die Stimme dieses
holden Geschöpfes gehört, seitdem ich sie hier an Eurem Herzen gesehen
habe, -- entweder ich weiss nicht, was Liebe ist, oder ich liebe sie
über Alles. Lasst mich -- o, Ihr seyd ja auch ihre Mutter, lasst mich
sie an meinem Arme an die Gruft ihres Vaters führen; der Anblick wird
den Geist erlösen.«
Maria verbarg ihr Gesicht an Laurens Busen. Ihr Herz schlug stärker.
»Fremdling, sagte Laura -- nehmt nicht etwa eine flüchtige Rührung, ein
mattes Wohlbehagen, einige sich unwillkürlich Euch aufdringende Wünsche
sogleich für Liebe. -- Ihr habt nie geliebt, sagt Ihr; -- Euer Herz ist
unerfahren und leicht zu bewegen. Ihr habt dieses Kind im Leiden
gesehen, und habt gewünscht, habt Euch bemüht, sie zu retten. Ihr seyd
durch den Antheil, den Ihr an ihr nahmt, in Gefahr gekommen. Das kettet
edle Seelen an den Gegenstand ihrer Grossmuth: aber diese Anhänglichkeit
ist noch nicht Liebe. Ihr habt sie hier in allen Rührungen der
zärtlichen Tochter gesehen; das hat sich Euch mitgetheilt. Uebereilet
Euch nicht, edler Fremdling.«
»Grossmüthige Frau, versetzte der Ritter, was ich fühle, fühl' ich so
wahr und so stark, dass ich für die ewige Dauer desselben gut bin. Es
ist wie mit Flammenschrift in mein Herz geschrieben, dass diese Mein
seyn muss, dass sie Mir bestimmt ist, und dass ohne sie es kein Glück
mehr auf der Erde für mich giebt.«
»Ich glaube Euch, edler Mann, sagte Laura: Ihr scheint wahr und gut; ich
glaube, dass Ihr mich nicht täuschen wollt: aber weder ich, noch selbst
Ihr könnt wissen, ob Ihr nicht vielleicht Euch selbst täuschet. Erwartet
es, bis Eure Empfindungen sich Euch selbst aufklären und entwickeln; und
kommt Ihr dann, und sagt noch eben das, so ist sie Euer.«
»Verzeiht, edle Frau, versetzte der Ritter: wie könnte ich in dem, was
ich so innig und so warm fühle, mich täuschen? Täusche ich mich
vielleicht auch, wenn ich mein Daseyn empfinde? -- Aber, ich soll
warten, soll Euch verlassen, in Länder gehen, die weite Meere von Euch
trennen? Wie werde ich das ertragen?«
»Ihr sollt nicht allein gehen, sagte Laura. Dunkle Ahnung einer höheren
Glückseligkeit, ein geheimes Verlangen, auf dem Grabe Rinaldo's zu seyn,
durchströmt meine Seele. Ihr werdet mich und diese dahin begleiten, und
dann -- wenn Ihr dann noch so denkt, ist diese Euer.«
Sie hatten keine langen Zubereitungen zur Abreise zu machen. Es waren
noch einige Juwelen von denen, die Maria bei ihrer Abreise aus Paris mit
sich genommen hatte, vorhanden. -- »Hätte ich glauben können, dass ihr
noch einst einen Werth für mich haben würdet?« sagte Laura, als sie sie
zu sich nahm.
Sie zogen unbeschädigt durch Arabien und Palästina, und setzten sich zu
Damaskus auf ein Schiff. Ein günstiger Wind leitete sie; sie landeten
bald an der europäischen Küste.
In einer angenehmen Sommernacht kamen sie zu Rinaldo's Grabe. Ein
sanfter Wind säuselte: Rosenduft erfüllte die Lüfte. Ruhe und Heiterkeit
im Gesichte, glänzend und verklärt entstieg der Geist seiner Gruft.
»Sey mir gesegnet, Alfonso! sagte er; du hast dein heiliges Gelübde
gehalten. Du bist seiner werth, meine Tochter. In heiligeren Gefilden
sehen wir uns wieder. -- Deine unglückliche Mutter hat ihre Leiden
beschlossen; ihr Leib ruht weit von dem meinigen, aber ihr Geist ist bei
mir: und du, meine Laura, wirst sie bald beschliessen.«
Der Geist verschwand. Laura sank in süsser Wehmuth auf das Grab, und
schlummerte in ein besseres Leben hinüber.
Sanfte Trauer erfüllte Mariens und Alfonso's Seele. Die Klagen über den
Verlust der Glückseligen wurden ihnen süss.
Sie lebten in diesen Gegenden das Leben der Zärtlichkeit und der Liebe.
Jeder Unglückliche segnete ihr Haus; es war Zuflucht jedes Hülfslosen.
Am fünfzigsten Gedächtnisstage ihrer Vermählung, nachdem sie schon die
Kinder ihrer Enkel zu ihren Füssen hatten spielen sehen, sassen sie in
stummer Zärtlichkeit auf der Gruft, und das Andenken der Begebenheiten
ihres Lebens ging vor ihrer Seele vorüber. Ein sanfter Schauer überfiel
sie, sie umarmten sich, und ihre Seelen gingen vereint in das Vaterland
der Liebe.
Die Hirten fanden sie erstarrt auf dem Grabe liegen, und begruben sie
nebeneinander, da, wo sie lagen. Rosenstöcke und Vergissmeinnicht und
Tausendschön entsprossten dem Boden um das Grab herum und blühten.
Ahnungen von Wiedersehen der Freunde erfüllten die Seelen der Hirten.
Ihren Augen enttröpfelten Thränen. Sie gingen, und als sie hinter sich
sahen, sahen sie fünf Flämmchen auf dem Grabe blinken. Hinter ihnen
schloss sich das Thal. Sie hatten den Weg dahin nicht wieder gefunden.
Sie nannten es das Thal der Liebenden.
B.
Kleinere Gedichte.
Idylle.
(Musenalmanach von A. W. Schlegel und L. Tieck, Tübingen 1802, S.
170.)
Was regst du, mein Wein, in dem Fass dich?
»Es brachten die Lüfte mir Kunde
Von der Inbrunst meines Erzeugers,
Das regte das Inn're mir auf!«
»Ich möchte die Bande zersprengen,
Die von ihm ferne mich halten,
Und zerfliessen und in den Düften
Zusammenströmen mit ihm!«
So bringen heimliche Stimmen
Der Geister Psychen die Kunde
Von der unendlichen Liebe
Im Unendlichen, ihrem Erzeuger;
Und es dehnet sich ihr das Herz aus
In unbeschreiblicher Wehmuth,
In unaussprechlicher Sehnsucht,
Bis die irdische Hülle zerreisst.
Sonette.
1.
Wenn dir das inn're Götterwort wird spruchlos,
Verblasset auch die äussere Verspürung,
Was dich umgiebt, verlieret die Verzierung,
Was von dir ausgeht, wird nur schnöd' und ruchlos.
Die Blüthe deines Lebens steht geruchlos,
Was andre leitet, das wird dir Verführung;
Denn du bist ausserhalb des Alls Berührung,
Darum wird dir der äuss're Laut auch spruchlos.
Das innen Todte glänze noch so scheinsam,
Doch treibt dich fort zu ungemess'ner Wehmuth,
Die unaufhaltsam schon dich griff, die Brandung. --
Drum bleib' ich in mir selber still und einsam
Und pflege fort mit kindergleicher Demuth
Das Unterpfand der einst'gen frohen Landung.
2.
Was meinem Auge diese Kraft gegeben,
Dass alle Misgestalt ihm ist zerronnen,
Dass ihm die Nächte werden heitre Sonnen,
Unordnung Ordnung, und Verwesung Leben?
Was durch der Zeit, des Raums verworr'nes Weben
Mich sicher leitet hin zum ew'gen Bronnen
Des Schönen, Wahren, Guten und der Wonnen,
Und drin vernichtend eintaucht all' mein Streben? --
Das ist's. Seit in Urania's Aug', die tiefe
Sich selber klare, blaue, stille, reine
Lichtflamm', ich selber still hineingesehen;
Seitdem ruht dieses Aug' mir in der Tiefe
Und ^ist^ in meinem Seyn, -- das ewig Eine,
^Lebt^ mir im Leben, ^sieht^ in meinem Sehen.
3.
Nichts ist denn Gott, und Gott ist nichts denn Leben;
Du weissest, ich mit dir weiss im Verein;
Doch wie vermöchte Wissen dazuseyn,
Wenn es nicht Wissen wär' von Gottes Leben!
»Wie gern' ach! wollt' ich diesem hin mich geben,
Allein wo find' ich's? Fliesst es irgend ein
In's Wissen, so verwandelt's sich in Schein,
Mit ihm vermischt, mit seiner Hüll' umgeben.«
Gar klar die Hülle sich vor dir erhebet,
Dein Ich ist sie; es sterbe, was vernichtbar,
Und fortan lebt nur Gott in deinem Streben.
Durchschaue, was dies Streben überlebet,
So wird die Hülle dir als Hülle sichtbar,
Und unverschleiert siehst du göttlich' Leben!
Vorbereitung zur gemeinschaftlichen Andacht.
Die Gemeine.
Müde von des Lebens Leiden,
Müder von des Lebens Freuden,
Flüchten wir in eure Stille,
Ob uns hier Erquickung quille.
Frohseyn ist uns nie gelungen,
Wie wir eifrig auch gerungen,
Und wir sind des Treibens müde,
Suchen Ruhe, wünschen Friede.
Die Pfleger.
Kommt Belad'ne zur Erquickung,
Kommt Erschöpfte zur Entzückung!
Neue Stärke soll die Matten
Ueberschwänglich überschatten;
Nur dass draussen ihr versenken
Wollet euer Thun und Denken,
Abthun euer altes Streben,
Sterben ab dem eig'nen Leben.
Die Gemeine.
Und was habt ihr uns zu geben,
Zum Ersatz für unser Leben?
Die Pfleger.
Solch' ein Leben, das gegründet
In sich selber, nimmer schwindet,
Nimmer wandelt, selbst sich gnüget.
Dieses hier euch offen lieget.
Aber nur von euch geschieden
Geht ihr ein in seinen Frieden!